Gerhard Podskalsky

JOHANNES CHRYSOSTOMOS UND BYZANZ

Abschiedsvorlesung am 10. Februar 2005
an der Philosophisch-Theologischen Hochschule
Sankt Georgen, Frankfurt am Main

Es ist wohl kein Zufall, dass bisher nur relativ wenige Parallelen gezogen wurden zwischen Johannes Chrysostomos und einem der Kirchenväter des Abendlandes; von der Art und dem Umfang der jeweiligen Werke her bot sich da noch am ehesten der in etwa zeitgenössische Augustinus an. Zwar wurden die Schriften des "Goldmundes" auch ausführlich im Westen verbreitet, d.h. übersetzt, gelesen und zitiert, aber er ist ein besonders typischer Vertreter der Ostkirche, weniger durch seine theologische Thematik als durch seine Persönlichkeit bzw. seine vielfältigen Beziehungen zu den Menschen seiner Umgebung, über die wir in einmalig beredter Weise unterrichtet werden aus seinen Werken und Biographien.

Das an Materialreichtum aus Primärquellen immer noch herausragende Werk Chr. Baur's "Johannes Chrysostomos und seine Zeit" (München 1929/1930) ist in zwei Bände aufgeteilt, wovon der erste Band die Zeit in Antiochia, der zweite die Fortsetzung in Konstantinopel behandelt; im Folgenden wollen wir uns bewusst diesem letzten Lebensjahrzehnt (398-407), einschließlich des dreijährigen Exils) zuwenden. Was charakterisiert Johannes Chrysostomos als Erzbischof von Konstantinopel, der Hauptstadt des byzantinischen Reiches? Manche Aussagen werden nicht neu sein, sind aber unverzichtbar zu seinem Gesamtbild.

 

    1. Der Fremdling: Johannes Chrysostomos, Mönch, Priester, syrischer Exeget kommt nach Konstantinopel.

Zwei Viten des Chrysostomos aus dem 7. Jahrhundert betonen ausdrücklich, dass er zwar in Antiocheia geboren wurde, aber von griechischen Eltern, und ausschließlich griechische Lehrer gehabt habe. Das betrifft seine Geburtsstadt Antiocheia; aber die bildungsmäßige Herkunft sagt nicht unbedingt etwas über den Anspruch an Heimatgefühl und Lebensstandard, zumal nach seiner unfreiwilligen Übersiedlung in die Hauptstadt. Was Chrysostomos von den Freuden und Privilegien des Hoflebens hielt, kommt sehr klar zum Ausdruck in der an Ekklesiastes/Prediger 1, 2 ("Eitelkeit über Eitelkeit") anschließenden Predigt vor dem in Ungnade gefallenen, in der Kirche Asyl suchenden Konsul, dem Eunuchen Eutropios, auf dessen dringender Empfehlung Johannes Bischof der Hauptstadt (als Nachfolger des Nektarios) geworden war; darin heißt es u.a.: "Wo ist jetzt der strahlende Glanz des Konsulats? Wo sind die glänzenden Lichter, wo der jubelnde Beifall und die Chorgesänge, wo die Festgelage und Lobreden? Wo sind die Kränze und kostbaren Teppiche, wo die lärmenden Zurufe der Stadt, wo die Huldigungen im Zirkus und die Schmeicheleien der Zuschauer? Alles ist entschwunden! ... Die Kirche ... öffnete ihre Arme und nahm dich auf ... Die Kirche ... eilte herbei und will dich befreien!".

Was war die wahre Heimat des Heiligen? Die Felsenhöhle in der syrischen Wüste, in der er nach Auskunft des Biographen Palladios vier Jahre in einem Leben der harten Abtötung verbracht hatte, oder die prächtige Kirche der Hauptstadt? Mit den Jahren der Abgeschiedenheit ahmte Johannes bewusst oder unbewusst den Apostel Paulus nach, der vor seinem Auftritt als feuriger Konvertit ebenfalls eine Auszeit in Arabien (Gal 1, 17) verbracht hatte; dass Paulus quasi Modell stand für Chrysostomos als Prediger und Christ, ist mehrfach in den Viten bezeugt. Als Pendant und Alternative im späteren Leben, der Epoche seines öffentlichen Auftretens, bleibt die Kirche, nicht so sehr als Gebäude, sondern als lebendige Gemeinde. Dazu äußert sich Chrysostomos in einer Bußpredigt (in Konstantinopel oder Antiocheia?): "Ob ich saß oder stand, ob ich ging oder ruhte, heimkam oder ausging, immer habe ich mich mit Euch beschäftigt, und selbst im Traum ließ mich der Gedanke an Euch, meine Lieben, nicht los. Denn nicht bloß am hellen Tag, nein, auch in der Nacht habe ich in solchen Vorstellungen geschwelgt. Mir ging es wie Salomo, der da sagt: ,Ich schlafe, aber mein Herz wacht.' (Hohes Lied 5, 2). Die Macht des Schlafes hat mir die Augen geschlossen, aber die Gewalt meiner Liebe hat mir die Augen meiner Seele geöffnet. Und oft glaubte ich im Traum, mit euch zu sprechen."

Klingen diese Worte nicht wie die Orchestrierung eines Leitmotivs, das im Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Philippi anklingt: "Ich sehne mich nach euch allen in der herzlichen Liebe Christi Jesu" (Phil 1, 8)? Damit stimmt wiederum ein Passus in der ersten Homilie über König Azarias (ca. 398) überein, worin Chrysostomos das Heimatgefühl selbst extrem verschieden gelagerter Menschen schildert: "Tatsächlich macht nichts unser Leben so froh wie die Genugtuung, die man in der Kirche verspürt. In der Kirche beobachtet man die Freude des fröhlichen Menschen, in der Kirche heilt man den Mut der entmutigten Menschen, in der Kirche erfährt man die Fremde der Bedrückten, in der Kirche erkennt man die Erleichterung der Erschöpften und ebenso die Ruhe der Ermüdeten; ,kommet zu mir', heißt es nämlich, ,alle die ihr müde seid und unter Lasten euch beugt, ich werde euch Ruhe verschaffen.' (Mt 11, 28) ... Zu einem Fest ruft dich der Herr, wenn er dich zur Kirche ruft."

Das Gegenteil dieses Kirchenbildes als Heimat ist der stets unruhige, ja lebensbedrohende Meeressturm des Hoflebens, vor dem Chrysostomos den gefallenen Mönch Theodor eindringlich warnt: "Theodor, du hast den Schiffbruch derer gesehen, die das Meer durchfahren; so lade ich dich ein, fliehe den Ozean, fliehe die Fluten; nimm eine hohe Position ein, von der man dich nicht vertreiben kann ... Aber wenn jene (d.h. die Schiffbrüchigen) nicht (gerettet werden) wollen, dann kann niemand denen, die einen Rettungsversuch machten, einen Vorwurf machen."

Durch die Verurteilung zum Exil (404-407) musste sich das Gefühl der Heimat- und Schutzlosigkeit bei Chrysostomos natürlich bei zum Äußersten steigern; im siebten Brief an die Diakonisse Olympias (Ende 404) beschreibt er diesen Gemütszustand erneut im Bild des Meeressturms: "Was verwirrt den Geist? Liegt es daran, dass der wilde und dunkle Sturm, der die Kirchen ergriffen hat, die mondlose Nacht verursacht hat, jeden Tag bittere Schiffbrüche verursacht und das Verderben der ganzen Welt vorbereitet?"

Was die Spannung zwischen Heimat und Fremde betrifft, so war Chrysostomos letztlich eingespannt zwischen Furcht und Mut, Hof und Kirche, ähnlich wie der Prophet Elia, wie ihn der Verbannte in einem anderen Brief an seine Vertraute (Olympias) beschrieben hat. Ein weiteres Vorzeigemodell der erworbenen Ausgeglichenheit zwischen Furcht und Vertrauen ist der Dulder Hijob, wie er in der Homilie über die Vorsehung Gottes geschildert wird. Dass Chrysostomos die Heimat nicht nur im Sinne der Lokalkirche verstand, zeigt u.a. seine besondere Verehrung für die Gestalt der Petrus (mit ihren Schwächen und ihrer Größe) sowie auch für dessen Nachfolger in Rom.

Insgesamt folgt Chrysostomos dem monastischen Ideal der alten Mönche in Ägypten, welche die ξενιτεια in der Wüste (asketische Heimatlosigkeit, nach Hans von Campenhausen) suchten, bzw. dem der iroschottischen Wandermönche mit ihrer peregrinatio, d.h. (Aus-) Wanderung ohne Wiederkehr. Beide Richtungen waren überzeugt, auf Erden nur Fremdlinge zu sein, was ihnen die Mühen des Alltags und Alterns erleichterte.

 

    2. Der Sozialreformer: Chrysostomos gibt der Orthopraxie den Vorrang vor der Orthodoxie

Wer nach Literatur über die Soziallehre und Sozialtätigkeit der Ostkirche sucht, kommt an dem Namen Chrysostomos nicht vorbei. Es geht bei diesen Stichworten um die Fürsorge für die heilbar oder unheilbar Kranken (konkret: Hospital für die Leprakranken), die Witwen und Waisen, die Armen, die Gefangenen, die Pilger und Fremden, die damals völlig in kirchlicher Hand lag, genauer gesagt: in bestimmten Klöstern und bei den Bischöfen, wenn auch der Staat oder einzelne Mitglieder der reichen Oberschicht in vertraglich nicht in allen Details festgelegter Weise helfend einsprangen (vgl. die Klostertypika)!). In der großen Chrysostomos Vita des Georgios von Alexandreia erhält der Heilige den Beinamen Johannes "ο της ελεημοσυνης", denn er konnte sich Seelsorge (für das ewige Heil) nicht vorstellen ohne die Vorsorge (für das zeitliche Wohlergehen).

Wie radikal Chrysostomos das Gebot der Nächstenliebe versteht, zeigt sich in der 45. Homilie zur Apostelgeschichte; dort ergänzt er - wenn auch auf der Basis der Freiwilligkeit - den altchristlichen Brauch, bei jeder Familienmahlzeit ein zusätzliches Gedeck für einen unbekannten Überraschungsgast aufzustellen (d.h. letztlich für Christus in der Gestalt des namenlosen Fremden), durch die Empfehlung, dem Bedürftigen zusätzlich auch ein Zimmer zur Verfügung zu stellen: "Sage: das ist die Zelle Christi, das Haus ist für ihn reserviert; auch wenn es ein gewöhnliches Haus ist, wird er es nicht verschmähen ... Unser Haus sei eine allgemeine Herberge (πανδοξειον) Christi." (Vgl. die Novelle von Nikolaj Leskov, "Der Gast des Bauern").

Johannes Chrysostomos hat unter allen Kirchenvätern die Frage nach der christlichen Praxis mit dem größten Nachdruck gestellt, was ihn später bei Martin Luther besonders unbeliebt machte. Andererseits ist Chrysostomos auf Schritt und Tritt nichts anderes als Exeget der Bibel; in seinem Gesamtwerk finden sich ca. 1.800 Schriftzitate aus beiden Testamenten. Die berühmte Gerichtsrede (Mt 25, 31-46) ist bei Chrysostomos häufig zitiert, allerdings in Antiocheia noch öfter als in Konstantinopel. Das nimmt nicht wunder, wenn man bedenkt, dass Tausende von Menschen in der Großstadt bettelarm waren und von Hungerlöhnen lebten. Dennoch hat sich Chrysostomos nie dazu verleiten lassen, Zwangsmaßnahmen zur Linderung der Not zu empfehlen. Wohl aber empfiehlt er die Gütergemeinschaft, da die Aneignung von Privateigentum zu Streit führe. Gott wollte am Anfang nicht den Reichen und den Armen. "Wenn unser Besitz also vom gemeinsamen Gott stammt, dann gehört er auch unseren Mitdienern; denn was des Herrn ist, gehört allen.

Als Endziel und endgültigen Ruheplatz sieht Chrysostomos aber - mit Gregor von Nyssa - den "Schoß Abrahams", im Sinne des Gleichnisses vom reichen Prasser und dem armen Lazarus (Lk 16, 19-31), wie es auch aus des westlichen Kunst des Mittelalters bekannt ist (Skulptur im Bamberger Dom).

 

    3. Der Rhetor und Prediger: Mit griechischer Bildung dient Chrysostomos allein dem Evangelium, wie die "ungebildeten" Apostel

Die ostkirchliche Theologie ist zum größten Teil geprägt durch ihre narrative (Hagiographie) und rhetorische (Homiletik) Eigenart; die logische Methodenfrage steht dieser Eigenart gegenüber im Hintergrund. Auch die Ausmalung der Kirchen ist dieser Präferenz untergeordnet. Zwar gehörte die Rhetorik in der Antike zur Allgemeinbildung für vielerlei Berufe, aber für Priester und Bischöfe war sie unabdingbar, so auch für Chrysostomos. Deshalb studierte er die Redekunst bei dem berühmten Libanios in Antiocheia und bei Anthemios in Athen. Zielvorgabe waren die Lerninhalte der zweiten Sophistik. Wegen seines wohlklingenden Redeflusses erhielt Johannes im 6. Jahrhundert den Beinamen "Chrysostomos". Als renommierter Prediger konnte er es sich erlauben, das Auditorium wegen seiner Unaufmerksamkeit zu ermahnen, so z.B. in der vierten Genesishomilie (ca. 386): "Ich muß mich unterbrechen. Also, faßt euch wieder, und hört auf mit eurer Sorglosigkeit. Was meine ich damit? Nun, wir legen euch Abschnitte aus der Hl. Schrift vor, und ihr wendet eure Augen von uns ab, um sie auf die Lampen und den Lampenanzünder zu richten. Ist das nicht ein Zeichen einer großen Sorglosigkeit, uns zu verlassen und diesem Menschen die Aufmerksamkeit zu schenken? Auch ich zünde ein Feuer an, das der Hl. Schrift, auch auf unserer Zunge brennt eine kleine Lampe, die der Lehre. Dieses Licht ist größer und besser als jenes. Wenn wir anzünden, reichen wir wie jener einen nassen Docht mit Öl an; wir zünden die frommen Seelen an, die vom Zuhörverlangen erfüllt sind". Chrysostomos vergleicht sich mit dem hl. Paulus, der den "leichten Stil des Isokrates, die Kraft des Demosthenes, die Erhabenheit des Thukydides und die Erhebung Platons" in sich vereinigte und dann doch den einfachen Stil vorzog für sein Glaubenszeugnis.

Nur durch diese Vorzüge erklären sich die ca. 2.000 griechischen Handschriften mit Werken des Chrysostomos, die vielfältigen Übersetzungen in slavischen Sammelkodices. Besonderer Wertschätzung erfreut sich sodann Chrysostomos schon bei Johannes von Damaskos, dann - zusammen mit den "drei Kappadokiern" (insbesondere mit Gregorios von Nazianz, dem "Theologen") - bei den humanistischen Theologen in Byzanz. Zum Höhepunkt wird die Einführung des Festes (30. Januar) der "drei Hierarchen" (Basileios d. Gr., Gregor von Nazianz, Johannes Chrysostomos) durch den Bischof Johannes Mauropus im 11. Jahrhundert. Enkomia auf dieses neue, bis heute gefeierte Fest sind uns bekannt von Mauropus selbst (zwei), Michael Psellos, der auch noch ein eigenes Charakterbild des großen Kanzelredners verfasste, ferner Georgios Pachymeres, Theodoros Metochites, Nikolaos Kabasilas, Philotheos von Selymbria und Patriarch Philotheos Kokkinos.

Natürlich gab es zusätzlich noch viele Erwähnungen und Zitate, die hier nicht alle aufgeführt werden können. Aufgrund dieses Bekanntheitsgrades und der damit verbundenen Hochachtung erklärt es sich, dass noch in nachbyzantinischer Zeit ein großer Prediger, der jung verstorbene Elias Meniates (1649-1714), den ehrenden Beinamen eines "neuen Chrysostomos" bekommen konnte.

 

    4. Der Nachahmer Johannes des Täufers: Johannes Chrysostomos und seine Auseinandersetzung mit Kaiserin Eudoxia

Eine Daueranfrage an die Ostkirche ist ihr Verhältnis zum Staat, besonders hinsichtlich ihrer kritischen Distanz zur jeweiligen Regierung und Gesellschaft, sowie des Widerstandsrechts in Diktaturen. Trifft das Schlagwort von Cäsaropapismus die Wirklichkeit in Vergangenheit oder Gegenwart? Eines scheint mir sicher zu sein: Hätte es in der Geschichte viele Hierarchen wie Johannes Chrysostomos gegeben, dann wäre die Antwort auf die Frage nach der angemessenen, wechselseitigen Beziehung von imperium und sacerdotium eindeutiger ausgefallen. Wegen der gewünschten Kürze des Referats kann hier natürlich nur ein Teilaspekt beantwortet werden. Neben der häufigen Bezeichnung des Chrysostomos als Nachahmer des Apostels Paulus wird er in der Vita des Georgios von Alexandreia auch einmal als "Nachahmer Johannes des Täufers" vorgestellt, wenn auch nur in einem nächtlichen Traum. Anlass dazu war natürlich die ihm nach seinem moralischen Tadel aufgezwungene Auseinandersetzung mit Kaiserin Eudoxia, die Chrysostomos zu dem Vergleich der Kaiserin mit der jüdischen Herrscherin Herodias verleitet haben soll, die zuletzt den Kopf des Propheten gefordert hatte; auch der Vergleich mit der Königin Jezabel von Judäa soll gefallen sein wegen eines unrechtmäßig erworbenen Weinbergs. Andere Vorwürfe wegen des Lebenswandels (Luxus, Prunksucht) wiegen dagegen weniger schwer. Es kam zum öffentlichen Ausschluss aus der Kirche, d.h. zum Eintrittsverbot für die Kaiserin in die Bischofskirche, das auch konkret vollzogen wurde. Darauf die Reaktion der Kaiserin (nach Chrysostomos): "Gestern nanntest Du mich den dreizehnten Apostel, heute bezeichnest Du mich als Judas." Die Folgen sind bekannt: Anklage wegen Majestätsbeleidigung, Absetzung durch die so genannte "Eichensynode", Verbannung und Tod. Chrysostomos kannte keine Kompromisse, so dass er sich auch Feinde unter den Bischofskollegen schuf. Eine durchweg tendenziell die Frau abstufende, gering achtende Sicht (in verschiedenen Predigten) spielt auch eine Rolle. Nur die Mutter Anthusa und die Diakonissin Olympias werden später von dieser Beurteilung ausgenommen.

Die Frage bleibt, warum Johannes Chrysostomos im Kampf mit dem Staat unterlag und von verschiedenen Seiten kritisiert wurde - anders als Ambrosius, der ähnlich autoritätsbewusst dem Kaiserhofe gegenübergetreten war, dabei siegreich blieb und allgemeines Lob erntete. Die Meinungen der Autoren gehen auseinander. Sicher spielte eine Rolle, dass Chrysostomos in Konstantinopel keine eigentliche Hausmacht besaß, rechtlich in seiner Stellung kaum abgesichert war, dass er die sozialen Forderungen an die Reichen sehr hart und direkt formulierte, dass er bei erkanntem Unrecht schonungslos Wiedergutmachung forderte, ohne andere Aspekte in Betracht zu ziehen, besonders gegenüber dem kaiserlichen Hof und seinen Repräsentanten, dass er die selbst gesetzten Ziele möglichst schnell und vollständig erreichen wollte. Trotzdem war er zu Lebzeiten beim Volke aller Schichten beliebt, noch stärker nach seinem Tode, wie es sich bei der feierlichen Überführung seiner Gebeine in die Apostelkirche zeigte (heute ruhen sie in St. Peter/ Rom, bis sie vor kurzem von Papst Johannes Paulus II nach Konstantinopel zurückgegeben wurden). Der Fremdling, der Sozialreformer, der Prophet gehen letztlich auf im wahrhaft ökumenischen Heiligen; und jenseits aller Legenden, die sich um die Auseinandersetzung mit Kaiserin Eudoxia gebildet haben, bleibt der letztlich wehrlose, aber mutige Oberhirte bestehen, der die Sache Christi über alle Rücksichten auf staatliche oder gesellschaftliche Instanzen stellt.