TeilnehmerInnen berichten

2001 Münsteraner Ordensleute fahren nach Berlin
2003 "Leg deine Schuhe ab..."  Jean Lecuit S.J.
2003 Auf den Straßen Nürnbergs  Sr. Petra Bigge
2003 Exerzitien auf der Straße  Christiane Wiesner
2004 Berlin zog mir die Schuhe aus  Sr. Klara Maria Breuer
2004 Exerzitien auf der Strasse Ende Oktober in Fribourg  Christoph Albrecht SJ
2004 Wunderbare Straßenexerzitien - Tschüss Daniel  Urban Heck
2004 Mir begegnet Gott in Nurnberg  Ingrid Hartmann
2005 ['magis]  Exerzitien
2005 Exerzitien auf der Straße in Nürnberg - August 2005  Joseph Mumbere Musanga
2005 Exerzitien auf der Straße - Wahnsinn!!!!!!  Brigitte Reeb
2006 Endlich Leben  Margit
2006 Von Jerusalem nach Berlin  Mabel
2006 Gott ist Mensch geworden, also wirklich menschlich!  Marita
2006 Vom Kopf auf die Füße, 10 Tage zu Gast bei Olga 46  Maria Sinz
2006 Unsere Sinne sind Türen für das Göttliche  Renate
2006 Auf der Straße war ich nie allein  Schwester Placida
2007 EST VITA  Sabine Hagendorfer
2008 Kurzexerzitien auf dem Katholikentag in Osnabrück  Christian Herwartz
2008 So fingen die Exerzitien an  Ingo Vater
2008 Vom Stauneswertem erfüllter Ort  Maria Lucia
2008 Da war ein Fremder  Elisabeth Kampe
2009 Meine drei "Patronen"  Edwin Reyes
2009 "Ich suche Gott!"  Manuela Knopp
2010 Gott ist ein Halunke  Johanna Palm
2010 Pastorin auf Fortbildung  Annette Reimers-Avenarius
2010 Gott begegnen - auf der Straße  Corinna Schwarz
2011 Zieh deine Schuhe an einem Ort aus, der dir unangenehm ist  Christian Herwartz
2011 Eine persönliche Skizze  Markus Roentgen
2011 Berlin zog mir die Schuhe aus  Bruder Christoph
2011 Verweilte in den Wahrnehmungen  Simone Roeder
2012 Begegnungen mit Menschen auf der Straße  Klara Maria Breuer smmp

... und die Berichte in den Büchern "Gastfreundschaft" und "Geschwister erleben" (1. Kapitel)

Exerzitien auf der Straße
Münsteraner Ordensleute fahren nach Berlin

Exerzitien in einer Notunterkunft für Wohnungslose in Kreuzberg - auf dieses moderne Abenteuer ließen sich fünf Männer und zwei Frauen aus Münster ein. Eingeladen hatte die Berliner Kirchengruppe "Ordensleute gegen Ausgrenzung". Schwester Petra Maria Tollkötter berichtet über die religiöse Einkehr in ungewöhnlicher Umgebung.

Berlin-Kreuzberg, Görlitzer Park. "Auf dich haben wir gewartet", begrüßen mich fröhlich zwei angetrunkene Wohnungslose. Sie bieten mir Bier an und einen Platz auf der Parkbank. Wir kommen ins Gespräch, reden über dies und das, nichts Weltbewegendes. Trotzdem ist plötzlich diese Ebene da, ganz leicht, unkompliziert und echt. Diese beiden aus dem Görlitzer Park haben keinen Stress (mehr) damit, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Sie reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, gerade heraus, ehrlich, direkt - und helfen mir, es auch zu tun, bis es nichts mehr zu verlieren gibt.

Zehn Tage übernachteten wir in einer Notunterkunft für Wohnungslose. Jeden Abend trafen sich die Exerzitien-Teilnehmer und tauschten ihre Erfahrungen aus. Ausgangspunkt war die biblische Erzählung vom brennenden Dornbusch: Gott öffnet Mose die Augen für seine lebendige Gegenwart in einem trockenen, fruchtlosen, stacheligen und scheinbar überflüssigen Dornbusch. Er erklärt diesen Ort zum "Heiligen Boden" und bittet Mose seine Schuhe auszuziehen: sich kleiner machen, die "Fußsicherheit" aufgeben, wirklichen Boden spüren. Und hinschauen auf die mich umgebende Realität, wahrnehmen, was sich in mir regt.

Unsere Gastgeber hatten uns sogenannte "Heilige Orte" in Kreuzberg aufgelistet, Plätze, an denen sich die Ausgegrenzten unserer Gesellschaft aufhalten: Strich, Knast, Sozial- und Arbeitsamt, Suppenküche und Drogenumschlagsplatz. Sich diesen Menschen zu nähern und zu spüren, was sich in mir regt und das in Verbindung bringen, mit dem, was ich als Christin "weiß": Gott ist in all diesen Menschen anwesend. Für jeden von uns wurde ein anderer Platz zum "Heiligen Ort". Mich hat in diesen Tagen sehr beschäftigt, wie Jesus so intensiv mit Menschen in Kontakt treten konnte, obwohl er doch so anders war als sie. Für mich bedeutet das: Wo liegt die Ebene des Kontakts mit Wohnungslosen, auf der wir den Graben überwinden, der scheinbar so selbstverständlich zwischen uns liegt? Wo ist die Ebene des Mit-Seins jenseits aller Schranken und Barrieren, die wir Menschen untereinander aufgebaut haben?

Mit diesen Fragen machte ich mich auf den Weg durch Kreuzberg. Einmal lädt mich eine Bettlerin vor der Hedwigskathedrale mit einer kleinen Geste ein, mich zu ihr auf den Boden zu setzen. Wir wechseln ein paar Worte, Glanz kommt in die sonst so ausdruckslosen Augen. Der Kontakt ist da. Dann drückt sie mir elf1 Groschen in die Hand: Ob ich ihr wohl einen Kaffee holen könnte? Sie kennt mich nicht und vertraut mir nach wenigen Minuten einen Teil ihres geringen Vermögens an. Ein Augenblick, der mich berührt. Nicht ich hatte diesen Menschen etwas zu geben, sondern sie beschenkten mich - leise, unscheinbar und unaufdringlich.

Diese und viele andere Begegnungen mit den "Armen", den Ausgegrenzten waren gerade in ihrer Unscheinbarkeit und Einfachheit sehr bewegend, wurden mir zum "brennenden Dornbusch". Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob ich "weiß", dass Gott in jedem Menschen anwesend ist, oder ob ich es mit einem Mal konkret spüre, erfahre und erlebe. Ich kann noch so viel über die Konsistenz von Wein wissen - erst wenn ich ihn schmecke, weiß ich wirklich, was Wein ist. Durch die zehn Tage "Herzensschulung", wie ich die Exerzitien auf der Straße gerne nenne, hat sich meine Perspektive und der Blick auf Wohnungslose und die Menschen allgemein verändert. Außerdem verhalfen sie mir zu einer Solidarität jenseits meiner beruflichen Rolle - einer Solidarität, die wacher geworden ist für Situationen, in denen Menschen ausgegrenzt werden.

Erschienen in der Münsterschen Straßenzeitung "draußen!" 10/2001

 

 

Jean Lecuit SJ
"Leg deine Schuhe ab..."
Fünf Gefährten der Provinz haben Exerzitien auf der Straße gemacht

"Leg deine Schuhe ab;
denn der Ort, wo du stehst,
ist heiliger Boden"
(Ex 3,5)

Eines Tages stellt Moses während seiner Arbeit ein außergewöhnliches Phänomen fest: Ein Busch brennt ohne zu verbrennen. Aus Neugier nähert er sich, und wird dann aufgefordert, seine Schuhe auszuziehen, denn der Ort, auf dem er steht ist "heiliger Boden".

Christian Herwartz, Jesuit aus Berlin, arbeitsloser Arbeiterpriester wohnhaft in Kreuzberg, einem von der Stadt benachteiligten Viertel, und seine Kommunität (sie sind zu dritt) teilen ihr Leben und Wohnen mit einem Dutzend Menschen von der Straße. Eines Tages hat ihn jemand gebeten, in seiner Kommunität Exerzitien machen zu können. Von diesem Abenteuer berichtet er im Jahrbuch der Gesellschaft 2002.

Einige Gefährten aus dem Sozialapostolat unserer Provinz, die Christian seit langem kennen, haben ihn gebeten, sie im Juli 2003 bei ihren Exerzitien in Brüssel so zu begleiten, wie er es in Deutschland macht.

Welches ist der brennende Busch im Leben eines jeden von uns? Der heilige Ignatius lädt uns ein, das gewohnte Umfeld unserer Aktivitäten zu verlassen, um den Ruf zu finden, den Gott an uns richtet. Wo finden wir unseren brennenden Busch im Herzen des Lebens aber außerhalb der Einschränkungen der Aktivitäten? Christian hat uns vorgeschlagen, hinaus auf die Straßen zu gehen. Wie er in dem Artikel schreibt, hat er uns eingeladen, auf die eigene innere Stimme zu hören und uns führen zu lassen. Jeder Mensch ist an bestimmten Orten von der Angst versucht. Und so können sich viele z.B. einer Ansammlung von Drogenabhängigen nur langsam nähern oder sie fühlen sich sogar dazu gedrängt, auf Distanz zu bleiben. Wenn es jemandem möglich ist, Atem zu holen und es ihm gelingt zu bleiben, beginnt er sich die Schuhe aufzubinden und sie zurückzulassen. Es bildet sich ein "compositio loci" für die Meditation und das Gebet, würde Ignatius sagen.

Dieser Ort ist für jeden verschieden und man muss manchmal zwei oder drei Tage in der Stadt herumirren, um zuerst diesen Ort zu finden, der uns überraschend beunruhigt und anzieht, um dann von einer Distanz aus oder nach einer Flucht die Sandalen aufzubinden und zu bleiben, verwundbar zu werden, wie Moses, im Hören auf den, der ist, der die Angst seines Volkes im Elend kennt. Für den einen war es das Petit Château (Asylunterkunft), für einen anderen aufeinanderfolgend die Hausnummern 127 und 127bis (gefängnisartige Asylsammelstelle auf dem Flughafen) während eines langen Marsches, folgend der Haecht-Straße, später auf dem Boulevard de Dixmude (Warten auf Schwarzarbeit) mit Männern und Frauen aus Osteuropa oder Afrika, die wie in dem Gleichnis "Der Arbeiter im Weinberg" auf dem Platz warten, bis ein Wagen anhält, um ihnen Arbeit anzubieten. Für einen dritten wiederum waren es die Begegnung mit Menschen auf der Straße in der Innenstadt. Zwei andere haben eine Bank gefunden, der eine im Park, der andere in der Hellemans-Siedlung in den Marolles, auf der sie warten, sehen und hören sollten.

Am Abend haben wir gemeinsam mit Christian und Jacques Enjalbert, einem französischen Scholastiker, der letztes Jahr die Exerzitien auf der Straße in Berlin-Kreuzberg gemacht hat, zusammen, um Eucharistie zu feiern. Nach dem anschließenden Abendessen teilen wir die Erlebnisse des Tages ausführlich miteinander.

Jeder nimmt also an der Ohnmacht des anderen teil, davon etwas mitzuteilen, wie er sich von der einen oder anderen Seite einer Mauer oder eines Gitters (an den Hausnummern 127 und 127bis, am Petit Château) wiederfindet, die Ohnmacht Jesu am Kreuz spürt, der nicht mehr als da sein kann, anwesend im Leiden und in den intimsten und heiligsten Sehnsüchten aller, die ihn umgeben.

Jeder nimmt teil an der lärmenden Freundschaft der ausgewanderten Polen, mit denen sie zusammen auf einer Bank sitzen neben den Bierdosen aus dem Supermarkt oder am freundschaftlichen Empfang und am gerecht geteilten Spiel zusammen mit diese Menschen auf der Straße, die die Passanten mit Humor anschnauzen, aber auch am Gebet der schwarzen Brasilianerin, die auch ohne Dach über dem Kopf ist, und die ein Verlangen danach hat, die Bibel zu lesen. Die Ängste von denen, die am Petit Château auf Arbeit warten, von denen, die von Polizeistreifen kontrolliert werden, ihre bestürzte Flucht wird zu der von allen: "Ich kenne ihre Ängste"; die Überzeugung von vielen unter ihnen, muslimisch oder christlich, dass Gott unter uns ist und auch überall zu unserem Suchen hinzukommt. Das erfolglose Leben einer Frau aus bescheidenen Verhältnissen, die sich auf einer Bank entspannen will und demjenigen von uns, "der sie nicht kennt" und "den sie nicht kennt", erzählt von ihrem Leid; am nächsten Tag das Leben einer anderen Frau aus demselben Milieu, die zur selben Bank kommt und die die Ehelosigkeit gewählt hat, um für die ihren verfügbar zu sein, und viele Projekte für die Zukunft im Herzen von jedem. "Derjenige der meditiert ist nicht immer herausgefordert". Also, wird gemeinsam auch über die Ratlosigkeit gesprochen, den Ort, den der Beter sucht, noch nicht findet oder auch zum Beispiel die Betrachtung von Männern und Frauen, die ohne zu zögern zwischen der Rue Blaes und der Rue Haute hoch- und runtergehen, von Gesten der Freundschaft oder gegenseitiger Hilfe, von spielenden Kindern.

Christian, aber auch jedes andere Mitglied der Gruppe, reflektiert in diesem Austausch mit sehr großer Vorsicht das, was er an der Erfahrung des anderen wahrnimmt und schlägt ihm für den nächsten Tag vor, einen Schritt zu tun, einen Schrifttext zu meditieren, mit deren Hilfe die Früchte seines Gebets reif werden.

Das Geschenk des Weges der Nachforschungen wird im Laufe der Zeit zur Hingabe an den, der ist; und es werden die Sandalen Stück für Stück aufgeknüpft, damit das Herz sich den Aufforderungen und Fragen öffnet, die jene an uns richten, die uns in ihrem Leben ankommen sehen. "Was tust Du?" - "Ich suche Gott." - "Hier?" oder: "Du hörst Dich an wie ein Priester." - "Ich bin einer." Und manchmal bahnen sich lange Dialoge über Gott und seinen Platz in unserem Leben an. Das meist vergessene innere Leben einer Stadt beginnt also Teil unseres eigenen Fleisches und zu einem stummen Gebet werden: "Ich preise Dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil Du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast. Ja, Vater, so hat es Dir gefallen" (Lk10,21). Zeigt sich hier nicht das Mysterium der Vereinigung (Kommunion) zwischen dem Vater und dem Sohn. Drückt Jesus in diesem Gebet nicht aus, dass er in seiner Menschheit seine Intimität mit dem Vater lebt in der Vereinigung (Kommunion) mit dem Verständnis für die Dinge, die den Menschen am wichtigsten sind, insbesondere denen "ohne Stimme" (dies ist der Wortsinn des griechischen "nepioi", was für gewöhnlich mit "unmündig" übersetzt wird)? Ja, "der Herr ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht" (Gen 28,16).

Was tun nach dem langen Weg von Jerusalem nach Emmaus, wo der "Sinn der Schrift" sich erschließt, nach dem Wiedererkennen in seinen Brüdern (Mt 25,40), wenn nicht den Weg im umgekehrten Sinn wiederholen? Dort hören sie ihre in Jerusalem gebliebenen Freunde zu ihnen sagen: "Es ist wahr." Er ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen. Und sie erzählten ihnen, "wie sie ihn erkannt hatten". Und "sie erzählten noch, als er selbst in ihre Mitte trat" (vgl. Lk 24,33-36). Wir haben diese acht Tage gemeinsam im Poverello (eine Suppenküche) in der Rue Verte beendet, um zu hören, wer dort lebt und um zu erzählen, was wir erlebt haben. Wir haben ausprobiert uns mit gesellschaftlich ausgegrenzten Menschen dort zu treffen, wir mit ihnen und auch mit Jesus, und "wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen" (Mt 18,20).

Am Ende unseres letzten abendlichen Treffens im Haus Nr. 132 Rue de la Poste, wo wir zwei Zimmer (mit Küche) bezogen haben, eins, wo wir alle (außer zweien) auf dem Boden geschlafen haben und das andere, wo wir gegessen und wo wir uns morgens und abends getroffen haben, empfanden wir, dass wir eine Erfahrung erlebt hatten, die uns an die der ersten Gefährten erinnerte. Einer von uns sagte: "Im Grunde muss das, was wir erlebt haben, nicht sehr verschieden sein von dem, was die ersten Gefährten erleben durften, als sie in leerstehenden Häusern in Venedig hausten."

Nach dem Sommer werden wir nach Mitteln suchen, um dieses Geschenk den anderen Gefährten weiterzugeben, wenn möglich vom nächsten Jahr an, in einer Neuauflage der "Exerzitien auf der Straße".

Jean Lecuit S.J.,
veröffentlicht im Rundbrief der südbelgischen Provinz,
September 2003

 

Sr. Petra Bigge
Auf den Straßen Nürnbergs

Während meiner Exerzitien auf der Straße in Nürnberg ging ich eines Nachmittags vor das Gefängnis in unmittelbarer Nähe unseres Hauses. Mehrere der Teilnehmer/innen hatten bereits davon erzählt. Ich wollte nur schauen, mich von den Mauern ansprechen lassen.

Als ich in die Nähe kam sah ich von weitem die Tür des Besucherraumes offen stehen. Einige Menschen saßen unter den schattigen Bäumen und fanden dort Erfrischung in der Heißen SommerHitze. Ich setzte mich ebenfalls unter diesen Baum. Auf die kleine Mauer und beobachtete das Kommen und Gehen. Es kamen Frauen und Männer heraus, die sich unterhielten: Frustriert, aufgeregt, erschöpft und müde. Mir fiel ein älterer Herr auf. Ganz in weiß war er gekleidet. Er ging auf und ab vor dem großen Tor. Plötzlich wurde er hineingerufen. Nach kurzer Zeit kam er wieder heraus.

Ich beobachtete auch, dass viele Beamte hinaus und hineingingen. Schichtwechsel. Verdienter Feierabend für die einen, Dienstbeginn für die anderen. Beobachtete die Gesichter, wohin sie gingen, mit welchem Fahrzeug sie die Arbeit verließen.

Ich nahm mir dann vor, näher an den Besucherraum heranzugehen. Als ich aufstand kam der Herr ganz in weiß gekleidet auf mich zu und fragte mich, auf wen ich warten würde. Ich antwortete: "Ich suche Gott."

Er sagte: " Ich habe gerade meinen Sohn teuer ausgelöst." Warten sie noch 40 Minuten, dann wird er kommen. Sie können mit zu uns kommen. Kost und Logie sind frei. Sie können in meinem Restaurant mitarbeiten. Ich werde ihnen alles zeigen."

Ich sagte, dass ich morgen und übermorgen Zeit hätte. Er meinte, dass dies zu kurz sei. Ich sollte ein halbes Jahr bleiben und sehen, ob es mir bei ihm gefallen würde.

Erst beim erzählen in der Gemeinschaft der Kombonis wurde mir deutlich, das Gott in dieser Begegnung zu mir gesprochen hat. Auch heute noch klingen die Worte in meinem Ohr nach:

Teuer habe ich meinen Sohn ausgelöst. In 40 Minuten wird er kommen. - Und im Schauen auf die Uhr merkte ich, dass in 40 Min. unser Gottesdienst beginnen sollte.

Er will auch in dieser Adventszeit zu jedem von uns kommen. Auch wir sind ausgelöste. Teuer ausgelöste. Freie Kinder Gottes.

Sr. Petra Bigge - 2003

 

 

Christiane Wiesner
Exerzitien auf der Straße

Wir sitzen um den - auf mich so ratlos wirkenden - Christus in der St. Michaels-Kirche, in Berlin-Kreuzberg. Unsere Mitte füllen wir mit Symbolen der inzwischen fast vergangenen 10 Exerzitien-Tage. Eine Zigarettenkippe, zwei Hände voll Straßendreck, ein - aus allen Farben mischbares - Braun, ein Bierdeckel mit aufgedruckter Krone, der Pfand für zwei Bierflaschen, ein Pflaster- und ein Kieselstein, ein Paar offene (leere?) Hände, zwei nackte, neugierige Füße... Neun TeilnehmerInnen und vier BegleiterInnen, ebenso unterschiedlich wie wir sind diese Versuche, das eigene Ich in der Begegnung mit anderen in Berlin, in Kreuzberg zu begreifen.

Symbolträchtig geworden ist auch die Bank, dort am Oranienplatz, wo diejenigen saßen, die vielleicht jene Kippe oder den Bierdeckel hinterlassen haben. Oder die trotzigen Zeilen an diesem besetzen Haus, unweit des Ostbahnhofs: die Grenze verlaufe nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen Oben und Unten...

 

Ränder, Grenzen und Übergänge

Unterwegs sein. Laufe ich durch die Straßen, als hätte ich etwas verloren? - wie ein streunender Hund? Oder existiert eine Gewissheit, dass meinem Umherirren ein Weg zugrunde liegt, der ein Ziel hat? Die Orte ergeben sich, oft einfach beim Gehen. Ich brauche nicht krampfhaft nach ihnen zu suchen. Aber Entscheidungen bleiben nicht aus, sonst komme ich nicht weiter. Manchmal gibt es eben kein Dazwischen, keinen Mittelweg. Die Ampeln. Stillstand und Bewegung, Aushalten. Oft kein "grün", sondern Stillstand, "rot". Meine Sehnsucht nach- ist meist verbunden mit einer Angst vor Veränderung....

Welches sind Orte, an denen ich mich "öffnen" kann? Offenheit impliziert ein sich-verletzlich-Machen. Sooft kein Gespür für die Grenzen des Gegenübers oder eine Gleichgültigkeit, diese zu wahren, sie nicht ungefragt zu überschreiten.
Dennoch - oder: gerade deshalb - muss und will ich verletzbar bleiben, weil dort, wo etwas hart ist, nichts wachsen kann. "Liebe" steht ganz groß auf einer Hausmauer....

Der "Raum der Stille" in der Charité. Wir definieren Krankheit an unserem Maßstab des Gesunden, nicht umgekehrt. Deshalb vielleicht ist das "Normale" so eng gefasst. Raum zum Abschied nehmen. Durch die steril-weißen Gänge gehe ich nach draußen. Die Menschen vor dem Kranken-haus sind ruhig, manche Teil von Leid gezeichnet.
Die Gedächtniskirche empfinde ich nicht als einen Raum der Besinnung und Stille. In ihrem Inneren ist für mich zu wenig aufgehoben von dieser schmerzlichen Differenz von draußen....

Straußberger Platz. 17. Juni. Stalinallee. Gewaltige Straßen, wenig Grün, sehr viel DDR noch zwischen den Häuserblöcken. Utopie der Gleichheit, die in einer Gleichmacherei und einem Plattmachen der Widersprüche und Differenzen mündete. "Einheit" - diese in der DDR am häufigsten gebrauchte Vokabel.
Alles Andere, Dekadente, Surreale galt als Bedrohung, die die Einheit unterlaufen könnte und wurde deshalb unterbunden. Eine künstlich erzeugte Harmonie, die keine Kontraste und Konflikte aushalten und nicht daraus leben wollte bzw. konnte.
Asiaten statt Türken. Kein gar so ausgeprägter Individualismus spricht aus den Gesichtern. Ost-kreuz, (k)östlich, Ostwind und -rad. "Das Land, in dem ich geboren bin, liegt nicht mehr auf dieser Welt...", singt Hans-Eckhardt Wenzel.
Das Niemandsland an der einstigen Mauer. In Rumänien gelte ich als Westeuropäerin, in Österreich eindeutig als Deutsche und ich selbst definiere mich nach wie vor, inner- und außerhalb Deutschlands als Ostdeutsche....

Mir fällt er noch stark auf, der Unterschied zwischen Ost und West in den Teilen dieser Stadt. Es macht einen Unterschied, ob ich im Prenzlauer Berg umhergehe oder in Kreuzberg. Und dennoch verläuft die "Grenze" heute wohl weniger zwischen Ost und West, als vielmehr zwischen Oben und Unten...

 

Miteinander - mittendrin

Auf den Stufen zur einer U-Bahn-Station dieser junge Bettler. Er bittet um ein bisschen Kleingeld oder einen alten Fahrschein. Ganz selbstverständlich gehe ich an ihm vorbei, gebe dem Fahrschein-Automaten ebenso selbstverständlich das eingeforderte Geld, und stutze. Schwerfällig gehe ich zurück und frage ein bisschen umständlich, weshalb er dort sitzt und wofür er das Geld braucht.
Interesse, wirkliches Interesse, kann ich nicht wollen, es lässt sich nicht provozieren. Es ist da oder nicht. Mit Freundschaft verhält es sich ähnlich, und auf Liebe trifft dies wohl voll und ganz zu. Sie sind Geschenk, kein Vorhaben oder Plan.
Wir kommen ins Gespräch. Er fragt mich, weshalb ich zurück gekommen bin, was ich mache. Ich suche in Begegnungen auf der Straße, außerhalb der Kirchenmauern, "Gott", erwidere ich zögernd und bin überrascht, dass ich auf seine Frage überhaupt etwas erwidern kann. Das sei ja "total abgefahren", meint er immer wieder und sieht mich verwundert-lächelnd an.
Am Morgen war ich sehr unschlüssig, welche Richtung ich an diesem Tag einschlagen sollte. Weder Weg noch Ziel standen für mich fest und ergaben sich auch nicht, wie in den Tagen zuvor, einfach beim Gehen. Am liebsten hätte ich jemanden nach dem Weg gefragt - also nach dem Weg, den ich gehen sollte.

Diesen jungen Mann nun kann ich fragen:
Welche Orte sind für dich so bedeutsam, dass du mich dorthin schicken würdest? Wohin soll ich gehen? Er findet die Frage gar nicht so seltsam, wie ich vermutet habe, sondern denkt lange nach bevor er antwortet. Wenn ich etwas richtig Heftiges vertragen kann, so sollte ich zum Notdienst für Drogenabhängige am Wittenbergplatz gehen. Ein schöner Ort sei für ihn der Treptower Park. Zwei Orte, die für die beiden unterschiedlichen Seiten seines Lebens stehen können. Wir verabschieden uns, aber er begleitet mich eigentlich, ist eine Art "Wegweiser" oder zumindest jemand, der mir etwas - etwas von sich - mit auf den Weg gegeben hat.
Am Wittenbergplatz angekommen, muss ich erneut nach dem Weg fragen, wobei mich verwunderte, mitleidige Blicke treffen. Schließlich finde ich den Notdienst. An der Tür keine Klinke, sondern ein Knauf. Ich hätte klingeln müssen, um hineinzukommen. "Darf ich mich hier mal umsehen? Ich habe da mit einem 'Betroffenen' gesprochen..." Ich bin nicht hineingegangen, ich wollte keine Neugierige mit "Sozialarbeiter-Interesse" sein. Stattdessen setzte ich mich auf die gegenüberliegende Straßenseite und nahm mir Zeit dafür zu beobachten, wie schwer sich "Betroffene" taten zu klingeln und jene Schwelle zu übertreten....

Ich gehe in Richtung Treptower Park. Ohne Tasche gehe ich los und meine Haltung - auf dem schließlich doch recht weiten Weg - erinnert mich an die eines Menschen, der mal eben um die Ecke zum Briefkasten läuft. Ein schönes, befreiendes Gefühl. Gewaltige Pappel-Alleen, ruhige Wiesen inmitten der lauten Stadt. Ein beruhigender Ort und ich erahne, weshalb es für meinen "Begleiter" ein schöner Ort ist....

Die Stahlkonstruktion im Görlitzer Park. Von weitem sieht sie aus wie eine schiefstehende Kirche. Von nahem erkenne ich: bei Parallelität der Seitenstreben würde sie umkippen. Sie steht allein durch das Dagegen-Sein. Das Dagegen also ein Aufeinanderzu?...

Regeln regeln unser Zusammenleben oft, ebenso oft engen sie es ein, wenn wir über ein Regel einhalten nicht hinauskommen. Dann fehlt die produktive Unruhe, die Lebendigkeit, die erst durch Grenzüberschreitungen oder Regelwidrigkeiten möglich wird. Die Grenzen und Regeln unserer Exerzitien-Gruppe bestimmen wir zu einem großen Teil selbst. Sie sind anders geartet als bei Schweigeexerzitien. Die Herausforderung liegt nicht in der Zurück-gezogenheit, sondern mitten im Leben, auf der Straße eben. Unsere Gruppe besteht nicht aus "Machern" und denen, die mitmachen. Unser Zusammenleben - bei Frühstück, Abendessen, Morgenimpuls, Gottesdienst und abendlicher Gesprächsrunde - funktioniert bei all unserer Verschiedenheit außerhalb dieser üblichen Denk- und Verhaltensmuster. Kein Schubladen-Denken mit seiner Endgültigkeit des Urteils und der oft vernichtenden Hierarchie. In der Gruppe leben wir im Grunde genommen dasselbe wie auf der Straße - dem/der Anderen, dem Andersartigen, in Gleichheit zu begegnen, wobei "gleich" im Sinne von "gleichwertig" oder "gleichberechtigt" zu verstehen ist, nicht als Aufheben der Eigenheiten, des Andersseins.

Am Anfang unserer Exerzitien stand die Geschichte von Mose, der die Stimme aus dem brennenden Dornbusch hört. Er ist neugierig, nimmt sich Zeit und bleibt stehen. Er hört zu.
Ich habe Erwartungen und Vorstellungen, wie ich diese "Stimme aus dem Dornbusch" hören müsste und kann es selten akzeptieren, wenn es nicht nach meinen Vorstellungen geht. Mein Symbol der Exerzitien ist deshalb ein Kieselstein, der sich auf den Wegen durch Berlin immer wieder eingschlichen hat. Kein gewaltiger Stein des Anstoßes, der ein Silvester-Gefühl der großen Vorsätze an das Ende dieser Tage setzt, nein. Ein winziger Stein, leicht zu übersehen, der mich dennoch zum Stehenbleiben zwingen konnte, zum Innehalten, Hinhören und -sehen. Ich musste und wollte mir Zeit nehmen für diesen Stein, dessen Reibung ich im Alltag so oft ignoriere, an dem ich mir manchmal die Füße wundtlaufe, bis es irgendwann nicht mehr weitergeht.

Christiane Wiesner
JEV-NET, Dezember 2003

 

 

Sr. Klara Maria Breuer
Berlin zog mir die Schuhe aus

Respektvolles Sehen und Horen zu üben: Das war das Ziel der Straßenexerzitien in Berlin. Seit drei Jahren lädt die Gruppe "Ordensleute gegen Ausgrenzung" zu diesen Tagen in der Hauptstadt ein. Und ich hatte mich gespannt darauf eingelassen, zu erfahren, dass die Metropole mit ihrem pulsierenden und gegensätzlichem Leben zu einem "Heiligen Ort" der Gottesbegegnung werden kann.

Bei sonnigem Wetter führt mich der Weg am ersten Tag auf eine Parkbank im Kreuzbergviertel. Als Ordensfrau bin ich nicht zu erkennen. Ich trage Zivil. Nach einer Zeit setzt sich eine Türkin zu mir. "Ich lebe schon seit 40 Jahren hier", erzählt sie mir. Ihre freundliche, warmherzige Art beschenkt mich und lässt mich die Schuhe meiner Vorbehalte ausziehen.

Die Schuhe ausziehen: Dieses Bild aus der Begegnung des Mose mit Gott am Brennenden Dornbusch zieht sich wie ein roter Faden durch die Tage. In dieser Geschichte offenbart sich Gott in dem dornigen, zunächst wenig einladenden Gewächs. Aus dem Dornbusch hört Mose den Anruf: "Zieh Deine Schuhe aus, denn der Ort, wo Du stehst, ist heiliger Boden." Christian Herwartz, Jesuit und einer der Begleiter der Straßenexerzitien, schloss dieses Bild gleich am ersten Tag auf: "Seine Schuhe ausziehen, das heißt: Sich nicht über andere erheben, die oft dornige Realität mit den nackten Füßen zu berühren, um darin die eigenen Verletzungen und Biestigkeiten, die eigenen und fremden Sehnsüchte und die Wege zu einem erfüllten Leben zu suchen."

Ein einfacher Lebensstil hilft uns dabei, sich in diesen Tagen der Wirklichkeit am Rand stehender Personengruppen anzunähern. Unser Nachtquartier in Kreuzberg liegt im Keller des Gemeindezentrums St. Michael, der im Winter auch für Obdachlose offen steht. Zum persönlichen Gebet können wir die Pfarrkirche sowie die Kapelle der Siessener Franziskanerinnen in unmittelbarer Nachbarschaft nutzen. Die Mahlzeiten nehmen wir im Gemeinderaum ein. Hier treffen wir uns auch zum abendlichen Gottesdienst und Erfahrungsaustausch in Kleingruppen.
Vier Frauen und fünf Männer sind wir, die in dieser heißen Sommerwoche an den Exerzitien teilnehmen. Dazu kommen unsere Begleiter, zwei Jesuiten und zwei Ordensfrauen. Beim ersten gemeinsamen Frühstück sitzen wir mit Gästen zusammen, die den "Staffelstab" sozusagen an uns übergeben. Der buddhistische Mönch Heinz-Jürgen sowie ein Mann und eine Frau berichten über Erfahrungen ihrer Besinnungstage. Sie hatten mehrere Tage wirklich auf der Straße gelebt. Den unschätzbaren Wert der Kommunikation ohne Worte erlebten sie: ein Blick, eine Geste. Das sollte auch ich in den kommenden Tagen erfahren.

Schmerzhafte Etappen

"Manchmal durchlaufen Sie dabei auch schmerzhafte Etappen der Selbsterkenntnis" stand im Einladungstext der Organisatoren für die Exerzitientage. Die spüre ich bei der Begegnung mit der Türkin auf der Parkbank noch nicht. Aber bei dem Besuch der Suppenküche der Franziskaner für Obdachlose im Stadtteil Pankow am zweiten Tag meines Berlin-Aufenthalts.
Helfen will ich dort zunächst. Beim Gemüseputzen und Obst schälen. Aber diese "Schuhe" werden mir ausgezogen. "Wir brauchen Sie nicht. Es sind genug Helfer da", wird mir zu verstehen gegeben. Ich setze mich zu den Menschen, die auf die Essensausgabe warten. Und erfahre dort eine weitere wichtige Lektion dieser Tage: Eingeladen zu werden ist ein Geschenk. Wir können uns - bildlich gesprochen - nur auf den Marktplatz stellen, uns offen und bereit halten. Ob wir eingeladen werden oder nicht, ist nicht unsere Sache. Darauf machte uns Christian schon zu Beginn der Exerzitientage aufmerksam.

In der Suppenküche werde ich schließlich ganz konkret eingeladen. Martha, eine Frau von über 70 Jahren, spricht mich an, bittet mich, sich zu ihr zu setzen. Nach und nach geht mir das Geschenk dieser Begegnung auf. Nach dem Besuch der Suppenküche führt sie mich zu den Stationen ihres Alltags: dem Wohnungsamt, dem Bürgerpark, dem Kaffeetrinken für Senioren in der evangelischen Stadtmission. So öffnet sie mir den Weg, mit ihren Freunden und Freundinnen in Kontakt zu treten. Am dritten und vierten Tag bin ich in der Suppenküche fast schon eine "alte Bekannte". Ich fühle ein wenig von ihren Sorgen mit, weiß allmählich, was es heißt, sich in diese Schlange einzureihen. Ich bin dankbar für die warme Mahlzeit und das belegte Brot. Ich spüre: Dies ist ein "heiliger" Ort.

Einen anderen "Heiligen Ort" finde ich am Grab des evangelischen Pastors Dr. Joachim Ritzkowski. Er hat ein Buch über das Leben mit Obdachlosen geschrieben. Eigentlich wollte ich ihm lebend begegnen. Aber in seiner Kirche erfahre ich von seinem Tod. Auf seine Initiative hin war von der Gemeinde eine Grabstätte für Arme und Obdachlose erworben worden. Er selbst wollte dort beigesetzt sein. Eine Frau führt mich schließlich dorthin. Übersät von Mohn- und Kornblumen lese ich über der Grabstätte ein Schild: "Ich lebe und Ihr sollt auch leben." So sagt mir dieser Fremde durch das Wenige, das ich von ihm erfahre, wie wertvoll mein Leben ist. Und genauso das der Menschen, welche die Suppenküche täglich besuchen. Wie Martha, die mir dort in diesen Tagen zur Weggefährtin wird. "Iss noch was", bietet sie mir an, ihren Nachschlag Blumenkohlsalat mit ihr zu teilen. Ich zögere erst. Aber dann nehme ich die Einladung an. Sie ist ein tief empfundenes Geschenk.

Sr. Klara Maria Breuer SMMP
aus: kontinente 1/2004, wir über uns

 

 

Christoph Albrecht SJ
Exerzitien auf der Strasse
fanden Ende Oktober (2004) in Fribourg statt

Wer erinnert sich noch an meinen Bericht von den Exerzitien dieser Art in Basel? Das war im Oktober 2003. In diesem Jahr begleiteten wir, d.h. Mathilde Roentgen, Maria Sinz, Christian Herwartz SJ und ich, solche Übungen in Fribourg. Dieses Mal nahmen uns die Karmeliter für 10 Tag in ihren vier Gästezimmern auf. Wir waren insgesamt 12 Personen. Es war eng. Wir mussten die Räume als Ess-, Aufenthalts-, Gesprächs- und Schlafzimmer, sowie als Gottesdienstraum nutzen, was von allen Toleranz und Rücksichtnahme forderte.

Täglich gab es gemeinsame Zeiten, von denen nur das Begleitgespräch wirklich verpflichtend war. Gemeinsames Früstück um acht, ein jeweils von einer Teilnehmerin gestaltetes Morgenlob um neun, Gottesdienst um 17 Uhr, danach Abendessen, und um 19 Uhr begannen die Begleitgespräche in den Teilgruppen. Tagsüber organisierte sich jede selbst. Ja, dieses Mal nahmen acht Frauen teil.

Zur Begleitung der Übenden machten wir wieder zwei Kleingruppen, die jeweils von einer Frau und einem Jesuiten begleitet wurden. Auch dieses Jahr wurden die Teilnehmerinnen schrittweise in die Exerzitien eingeführt, indem wir sie zuerst ermutigten, Gott mit der eigenen Sehnsucht nach Heil und Versöhnung zu nennen, dann aber auch beim Verweilen in der Stadt, innerlich die Schuhe auszuziehen:
Schuhe ausziehen - dieses Bild ist einer biblischen Geschichte aus Exodus 3 entnommen: Mose, ein Ziegenhirt in der Wüste Sinai, sieht mitten in seinem Alltag etwas Ungewöhnliches: Ein Dornbusch brennt und verbrennt doch nicht. Er wird neugierig und will sich das Geschehen aus der Nähe ansehen. Er läuft zum Dornbusch. Da hört er eine Stimme, die ihm sagt: Zieh deine Schuhe aus! Du stehst auf heiligem Boden, weil das Leben, die Ursehnsucht, die fundamentale Vitalität, das von dir nicht Gewusste, weil Gott mit dir hier sprechen will. Mose hört nun neu von der Versklavung seines Volkes und damit auch von seiner eigenen verdrängten Not und wie ihm eine wichtige Rolle auf dem Weg der Befreiung zugedacht ist.

Die Schuhe ausziehen ist ein Bild für die Bereitschaft, mit Respekt zuzuhören. Die - bei Stiefeln auch wehrhafte - Distanz der Schuhe wird abgelegt, auch der Dünkel die besseren oder schöneren Schuhe zu haben. Die oft dornige Realität wird mit den nackten Füßen berührt, um darin die eigenen Verletzungen und Biestigkeiten, die eigenen und fremden Sehnsüchte und die Wege zu einem erfüllten Leben zu suchen. Die Schuhe auszuziehen ist der Beginn, mitten in der Welt der Meinungen und Vorurteile neu in ein Nichtwissen zu treten, respektvoller zu werden vor der Wirklichkeit und den Menschen in ihr - auch gegenüber der eigenen Geschichte und Zukunft; kurz: neu zu hören, zu sehen, zu riechen, zu tasten an dem "heilig-gewordenen" Ort der Aufmerksamkeit.

Es war für mich das erste Mal, dass ich in einer Gruppe so heftige Dinge hörte. Nicht wie im Setting der Einzelbegleitung, wo schnell einmal das zur Offenheit nötige Vertrauen da ist, öffnet sich ein Exerzitant hier ja in einer Gruppe, die in ihrer Dynamik noch einmal ganz andere, heilende Kräfte zulässt.

Eine Teilnehmerin erzählte, was sie mit der weinenden Frau (eine Bronze-Plastik in Fribourgs Fussgängerzone) erlebt hatte, wie sie in dieser Stadt, in der Betteln verboten ist und in der ihr auf dem Arbeitsamt erklärt wird: Hier finden alle Arbeit, wir haben die Situation im Griff, bei uns gibt es keine Armut ..., mit ihren eigenen Erfahrungen konfrontiert wird. Warum denn darf diese Frau Tag und Nacht weinen, in einer Stadt, in der die Probleme gelöst sind? Wo habe ich selber noch zu weinen, obwohl ich im Alltag mehr als gut funktioniere? Mit diesen Fragen entdeckte sie an den weiteren Tagen, welches ihre eigenen Wunden sind. Mit der Haltung der ausgezogenen Schuhe näherte sie sich dem Bordell, erblickte die Frauen, die meisten Schwarzafrikanerinnen, die sich vor ihr verstecken wollten, nahm ihre Not war, ihren Schmerz, von anderen Menschen nicht als Person geachtet zu werden, und dann ihre eigene Wunde, wie sie als Kind selbst in ihrer eigensten Identität verletzt wurde. Ein paar Tage später entdeckte sie in der Kirche, Sainte Thérèse in einer Reliefdarstellung eine Schwarze Madonna. Sie war genauso schön, wie die der Gier der Männer ausgelieferten Frauen, sie war ganz eine von ihnen. Im Begleitgespräch der Kleingruppe wurde deutlich, dass diese innere heilende Erfahrung der Solidarität für die Exerzitantin noch deutlicher erlebbar wird, wenn sie sie mit einer Geste zum Ausdruck bringen kann. Am letzten Tag brachte sie an die drei Orte, wo weinen erlaubt war, Rosen. Und diese Tat eröffnete ihr noch einmal eine Überraschung: Wie sollte sie einer Statue eine Rose geben und daneben den Mundharmonikaspieler im Rollstuhl nicht beachten!? Also liess sie sich von ihrer Betroffenheit leiten, sie schenkte auch dem Mann eine Rose. Er blickte auf und lächelte sie an - mit tränenden Augen. Am letzten Tag sagte diese Frau: "Diese zehn Tage ersparen mir ein Jahr Therapie."

Christoph Albrecht SJ

aus: Nuntii, 2004.4
(Mitteilungen der Schweizer Jesuitenprovinz)

 

 

Urban Heck
Wunderbare Straßenexerzitien - Tschüss Daniel

Auf der Suche nach Gott sitze ich bei Alkoholkranken auf einer Parkbank. Ein Mann links außen, in der Mitte eine halb liegende Frau und rechts ich. Seit drei Tagen gehöre ich irgendwie dazu. Die Frau will schlafen und beklagt sich, dass sie nicht schlafen kann. Ich esse in dem Moment einen Apfel und frage sie: „Sollen wir ein Schlaflied singen?“ Aber während ich noch kaue, beginnt sie in einer Art Singsang mit „Schlaf, Kindchen, schlaf“. Als sie abbricht, und als mein Apfel gegessen ist, beginne ich selbst zu singen, und plötzlich setzt sie sich senkrecht auf, schaut mich entgeistert an und fragt: „Woher kennst Du das?“ Ich antwortete: „Ich habe zwei Kinder“. Da erzählt sie – jetzt - hellwach, als hätte das Schlaflied die Schleusen eines Staudamms geöffnet: „Ich habe fünf Kinder, das jüngste ist mit zehneinhalb Wochen gestorben. Nachts um halb zwei haben sie aus der Klinik angerufen: Kommen Sie, wenn Sie ihren Sohn noch einmal sehen wollen. Ich bin mit dem Taxi hingefahren. Da haben sie mir das Kind in den Arm gelegt – und tschüss. Schön, gell?“ Sie schaut mich an, und ich kann nur sagen: „Scheiße“. Sie wiederholt, als wäre es ihr Refrain: „Die haben mir das Kind in den Arm gelegt – und tschüss. Schön, gell?“ Mir bleibt nur, wieder zu antworten: „Scheiße“. Mit Tränen in den Augen spricht sie von ihrem verstorbenen Sohn und von der Fahrt durch die Nacht, als wäre es gerade letzte Woche und nicht vor vielen Jahren gewesen. Ich spüre, wie ich selbst traurig werde, und dass meine eigene Trauer hochkommt, meine schlummernde Trauer um meinen zehnjährigen Neffen Daniel, der vor sieben Jahren unerwartet schnell gestorben ist. Die Frau bricht ihre Erzählung resigniert ab: „Aber das interessiert euch ja nicht“. Der Mann zu ihrer Linken bemüht sich abzulenken: „Reden wir über was anderes.“ Mir reicht es, ich habe genug für heute. Einer Alkoholikerin habe ich zu verdanken, dass ich nun weiß: Ich habe mit Gott noch eine alte Rechnung offen. Ich spüre Trauer und Wut über Daniels Tod.

Abends nach dem Gottesdienst beim Austausch mit der Gruppe erzähle ich und frage mich, wie es weitergeht, wie ich weitergehe. Vorschläge, wo der Weg für mich weitergehen kann: In einer Kinderklinik, im Friedhof an einem Kindergrab oder mit der Geschichte von einem David, der mit zwölf Jahren im Ferienlager tödlich verunglückte und daheim beerdigt wurde. Am nächsten Morgen male ich beim Morgenimpuls mit Straßenmalkreide ein Labyrinth in den Innenhof. Wir hören die Emmausgeschichte, gehen ins Labyrinth und beten dort. Dann gehe ich zur U-Bahnstation und nehme die nächste U-Bahn, die fährt. Im Zug entscheide ich, da auszusteigen, wo Kinder aussteigen. Aber kein einziges Kind ist im ganzen Wagen. Erst Stationen später steigt eine Familie ein, und als die aussteigt, gehe ich in die gleiche Richtung, und lande schließlich in einem Park. Dort spielen drei Jungen Verstecken, und ich male für sie mit meiner restlichen Straßenmalkreide. Sie kommen und fragen: „Was machst Du da?“ Ich lasse sie raten, und sie kommen von selbst darauf, dass ich ein Labyrinth aufs Pflaster male. Etwas später sitze ich auf der Bank daneben und lese über das verstorbene Kind David. Nun kommen die neugierigen Jungen zurück und gehen durch das Labyrinth, gehen rein und raus, spielen damit. Ich lese von diesem David, der daheim in Berlin gut verabschiedet und dann beerdigt wurde. Mir fällt es wie Schuppen von den Augen, dass ich mich von meinem Neffen Daniel nicht richtig verabschiedet habe. Über drei Jahre lang habe ich selbst beerdigt, Trauernden geraten, sich zu verabschieden, aber ich selbst habe mich nicht verabschiedet von Daniel, ich bin in der Mitte meiner Trauer hängen geblieben. Da sehe ich, wie einer der Jungen den übrigen Kreidestummel nimmt und in die Mitte des Labyrinths schreibt „ANFANG“. Ja, genau das ist es: Ich bin in der Mitte meiner Trauer, denn ich habe mich nicht von Daniel verabschiedet. Jetzt muss ich das tun, jetzt muss ich mich irgendwie verabschieden von Daniel. Das muss ich machen. In dem Moment kommt von links eine ältere Frau mit einem Kind, etwa ein Jahr alt. Das Kind läuft tapsend mitten über das Labyrinth, kommt zu meiner Parkbank und schaut mich erwartungsvoll an. Ich sage „Hallo“. Die Frau ruft ungeduldig: „Daniel, komm, wir gehen“. Ich halte inne - unglaublich, in der Mitte meiner Trauer, meines Tun-Müssens kommt ein kleiner Daniel. Und als ob Gott, der für mich sorgt, noch deutlicher mit dem Zaunpfahl winken wollte, ruft die Frau auch noch: „Daniel, sag' tschüss“. Heiß und kalt lief es mir den Rücken herunter. Ich habe das auf mich bezogen. Ich beuge mich zu Daniel, streichele ihm sanft über den Rücken und verabschiede mich so von meinem Daniel: „Tschüss, Daniel“. Dann ging der kleine Daniel. So habe ich meinen Neffen dem Gott anvertraut, der für mich sorgt, und der mich begleitet. Der Ort war ein profaner Platz im Park, und gleichzeitig war das für mich heiliger Boden, so heilig wie der Boden am brennenden Dornbusch. Noch jetzt, Monate danach, wenn ich davon erzähle, wenn ich versuche das Wunder in Worte zu fassen, noch jetzt berührt es mich.

Urban Heck

 

 

Ingrid Hartmann
Mir begegnet Gott in Nürnberg

Seit Freitag, den 06.08.2004 bin ich in Nürnberg, im Comboni-Missionshaus untergebracht und nehme an Exerzitien "auf der Straße" teil. Exerzitien sind Übungen, sich vom Herzen, von Gott her leiten zu lassen. Gott kann an jedem Ort auf uns warten.

Wir, 11 Teilnehmer und 4 Begleiter, sind auf der Suche nach Gott. Tagsüber suchen wir allein Orte und Plätze auf (z.B. Bahnhof, Notschlafstellen für Obdachlose, Gefängnis, Krankenhaus, Kirche), an welchen wir hoffen Gott zu begegnen. Am Abend tauschen wir uns in Gruppen über unsere Erfahrungen aus.

Ich nehme an diesen Exerzitien teil, weil ich seit Jahren viel Schmerz aus meiner Jugendzeit in mir spüre. Viele meiner Freunde/innen sind an übermäßigem Alkohol- und Drogenkonsum gestorben oder haben sich umgebracht, weil sie aus ihren Depressionen keinen Ausweg fanden. Ich habe den Absprung geschafft, mein Leben ging weiter und für meine Trauer blieb keine Zeit.

In der Altstadt werden meine Erinnerungen durch Obdachlose, Punker und Drogensüchtige wieder wach. Ganz tief falle ich in meine Trauer und in meine Ängste. Ich erfuhr damals von Männern viel Gewalt und Demütigung.

Ich weine auf dem Bahnsteig, trauere in Kirchen und tanke wieder Kraft an den Steinen der Burg- und Stadtmauer. Unter vielen Menschen, bleibe ich "auf der Straße" ganz allein. Nach 6 Tagen Traurigkeit und Einsamkeit habe ich große Sehnsucht nach menschlicher Nähe und sozialen Kontakten.

Gegenüber der Lorenzkirche sitzt ein Mann mit Hund und verkauft "Straßenkreuzer" (Nürnberger Sozialmagazin). Ich kaufe ein Heft und wir kommen ins Gespräch. "Was machst du ganz alleine hier?" – "Ich schaue mir meine Vergangenheit noch mal an und trage meine Traurigkeit spazieren." "Weshalb?" Ich erzähle ein bißchen. Der Verkäufer nickt verständnisvoll und erzählt von seiner Vergangenheit. 1 ½ Stunden sitze ich neben ihm auf dem Kopfsteinpflaster und fühle mich angenommen und geborgen.

Zum Abschied reichen wir uns die Hände und schauen uns dabei lange und tief in die Augen. In diesem Moment spüre ich ein Band von meinem zu seinem Herzen. "Ich würde mich freuen, wenn du morgen wieder vorbeikommst. Ich verkaufe immer hier."

Ich freue mich auf unser Treffen und von weitem schon heißen mich seine lachenden Augen willkommen. Wir haben uns viel zu erzählen und trinken gemütlich Kaffee auf dem Pflaster des Lorenzplatzes. "Kommst mich heute abend besuchen? Ich habe eine eigene Wohnung, nichts Tolles. Aber ich bin stolz darauf, nachdem ich mehrere Jahre "auf der Straße" gelebt habe." Mit jedem Pulsieren meines Herzens spüre ich, wie meine Ängste vor Männern von meinem Körper Besitz ergreifen: "Nein, das kann ich nicht!" – "Warum?" Mit tränenerstickter Stimme erzähle ich. Er schaut mich mitfühlend an: "Es ist dein Vertrauen, das kaputt gegangen ist." Ich nicke. Alleine gehe ich eine Stunde weinen und beten in die Klara-Kirche. Als ich wieder zurück bin, fragt er: "Kommst mit auf die Wöhrder Wiesen? Da kann der Hund sich austoben und wir können in den Schatten liegen." Spontan stimme ich zu. Dort angekommen, sitzen wir uns schräg gegenüber und mein Begleiter umfaßt sanft meinen linken Knöchel. Ich erschrecke: "Laß das!" Meine Angst ist wieder da und ich löse sofort seine Hand von meinem Fuß. Seine Berührung empfand ich jedoch als sehr angenehm.

Sie hat mich ganz tief berührt. Er läßt mich, schaut mich traurig und verständnislos an. Ich breche unser Schweigen: "Ich will dir nur eine Freundschaft anbieten, mehr nicht." Beim Abschied spüre ich, wie verletzt er ist.

Auf meinem langen Nachhauseweg – ich laufe alle Wege in Nürnberg barfuß – kommen mir wieder viele Tränen. Plötzlich sehe ich mich wie vor vielen Jahren bei einem älteren Freund sitzen und ich berühre mit meiner Hand seinen Knöchel, genauso, wie es vor einer Stunde dieser Mann bei mir getan hat. Jetzt bricht mein alter Schmerz aus meiner Seelentiefe. Ich erinnere mich. Es war ein Hilfeschrei. Ich war damals am Ende, wußte nicht mehr, wie es weitergehen soll. Jetzt verstand ich die Geste von meinem Begleiter und wußte auch, warum sie mich so tief berührt hat.

Am Tag darauf, war er nicht auf dem Lorenzplatz, so ging ich zu ihm nach Hause. Er freute sich sehr über meinen Besuch und erzählte mir von seinen Depressionen, von seiner Todessehnsucht, weil er keine Chance mehr sieht, sein Leben finanziell in den Griff zu bekommen. Wir sprechen über fehlende Geborgenheit und Liebe und fehlende Sozialkontakte. "Ich hatte gestern nur so große Sehnsucht, die Nähe und Wärme eines Menschen zu spüren, der mich versteht."

Jetzt konnte ich mein tiefes Gefühl für diesen Mann angstfrei zulassen. Ich bin mir selbst in ihm begegnet. Mit Worten kann ich mein Gefühl nicht beschreiben. Ich spüre ein Band von Herz zu Herz, Nähe, Liebe, Vertrauen, etwas in mir ist heil geworden. Ich danke Gott von Herzen, dass ich ihn erkennen durfte.

Meine Gottesbegegnung hat meinem Leben eine neue Richtung gegeben. Es ist für mich ein riesengroßes Geschenk, Schritt für Schritt meine Lebensaufgabe zu erkennen und zu erfüllen. Zwischen dem "Straßenkreuzer-Verkäufer" und mir ist eine Freundschaft gewachsen und wir unterstützen uns gegenseitig auf unserem Lebensweg.

Seit meinen Exerzitien weiß ich, wie unsere Ängste und ungelösten Schmerzen unser Vertrauen, sprich unseren Glauben (Gottvertrauen) verhindern.

Letztendlich haben wir Angst vor uns selbst. Ich war bereit zurück zu schauen, tief in mich zu blicken und genau dort fand ich IHN. Mir fällt dazu der Jakobsbrunnen ein, oder "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst."

Theoretisch war mir dies alles sonnenklar, bevor ich nach Nürnberg ging. Dies jedoch erfahren zu dürfen, zu spüren an Leib und Seele, war ein nicht in Worte zu fassendes Geschenk.

Ingrid Hartmann

 

 

Joseph Mumbere Musanga
Straßenexerzitien in Nürnberg
wahnsinnige Gotteserfahrungen im Restaurant und in der JVA Nürnberg.

Als Ordensmann in der Familie der Comboni-Missionare sind für mich die sogenannten "geistlichen Exerzitien" etwas Bekanntes. Bis zu den letzten Straßenexerzitien in Nürnberg hatte ich nur die Erfahrung der stillen Exerzitien, die immer mit Stille, Ruhe und mit einem persönlichen Hineinhorchen verbunden waren, um in mich selbst, in meiner persönlichen Geschichte und in den gemachten Lebenserfahrungen Gottes Spuren zu entdecken. Diese Exerzitien waren für mich immer eine besondere Zeit, in der ich viel Kraft für meinen Lebensweg geschöpft habe. Ich denke besonders an die 30 Tage Stillexerzitien vor meinen ewigen Gelübden. Diese 30 Tage haben mir geholfen, alle Ängste und Unsicherheiten in mir vor dem ewigen Ja zum missionarischen Ordensleben zu klären. Ich bin deshalb nach Nürnberg voller Zuversicht gefahren, auch wenn die Entscheidung für Nürnberg nicht einfach fiel.

Ich hatte vor zwei Jahren über die Straßenexerzitien von meinen Mitbruder und Freund Juan erfahren. Was ich davon wusste, war nur dass sie wunderschön sind. Mehr wusste ich nicht. Vor zwei Jahre wollte ich sie schon machen, es ging aber nicht. Heuer hatte ich von Juan und Brigitte erfahren, dass die Exerzitien in Nürnberg stattfinden werden. Aber für mich war eine Entscheidung für die Straßenexerzitien nicht einfach zu treffen, da ich die Diplomarbeit zu schreiben hatte, und dazu hatte ich zwei lockende Einladungen von zwei Gruppen von den Pfadfindern, die ich in Rom begleite. Die einen baten mich, sie nach Jugoslawien für einen zehntätigen Dienst in einem Flüchtlingslager zu begleiten. Die anderen nach Köln zum Weltjungendtag. Ich musste eine schwierige Entscheidung zwischen diesen zwei Einladung und den Exerzitien treffen. Nach einer Zeit des Ringens um die richtige Entscheidung habe ich mich mit einer gossen inneren Unruhe für Nürnberg entschieden, auch wenn ich mir die beiden Einladung lockender und lebendiger als die Straßenexerzitien vorstellte. Ich hatte nämlich Angst, später bedauern zu müssen, mich für Nürnberg statt für Jugoslawien oder Köln entschieden zu haben. Am Ende der Straßenexerzitien sagte ich mir: "tja, Joseph, du hast dich richtig entschieden. Das war gerade die Erfahrung, die du brauchtest, bevor du nach Kongo zurückgehst!" Nun was habe ich in Nürnberg erfahren? Viele wahnsinnige Gotteserfahrungen: in den Kirchen und auf den Strassen Nürnberg unter Menschen, die einkaufen gingen, im Restaurant, im Gefängnis, in der Moschee beim Gebet mit Muslimen, von den Erfahrungen meiner Mitexerzitanten in den Austauschrunden am Abend, in den Gebeten und Liedern, in den Eucharistien, usw. Die Straßenexerzitien waren erfüllte Tage. Ich möchte nur einige von diesen Erfahrungen nun zusammenfassen.

Die Straßenexerzitien begannen am Freitag 19. August am Abend. Die ersten zwei Tage (Samstag und Sonntag) waren Einstiegstage in die Stimmung dieser Art von Exerzitien. Bei mir begannen die wahnsinnigen Gotteserfahrungen während dieser Straßenexerzitien in Nürnberg am Montag 22. August. An diesem Tag wurde uns die Begegnung Moses mit Gott am Dornbusch (Exodus 3) als Wegbegleiter mitgeschenkt. Die Stichwörter, die in mir danach nachklangen, waren zwei: zunächst war mir neu bewusst, dass der heilige Boden, vor dem man die Schuhe ausziehen soll, jeder Ort sein kann, und dass man auch auf der Straßen unserer ruhelosen Städten diesen heiligen Boden der Gottesbegegnung finden kann; dann brannte mir das Herz mit der Einladung von Christian, den Menschen, denen wir auf der Straßen begegnen und die uns fragen könnten, wonach wir suchen, einfach zu antworten: "Ich suche Gott!" Die ganzen Straßenexerzitien haben sich dann für mich entwickelt und am Schluss zusammengefasst in: Heiliger Boden – Schuhe ausziehen – Gott an ungewöhnlichen Orten suchen, finden und begegnen.

 

1. Wo kann ich Gott begegnen,
wo ist der heilige Boden in dieser Stadt Nürnberg?

Die Straßenexerzitien haben mir geholfen, umzudenken von dem, was ich früher als heiligen Ort oder Boden verstand. Am Montag 22. August, nachdem uns die Gottesbegegnung Moses am Dornbusch neu präsentiert würde, fällte mir nichts anders ein, als in die verschiedenen Kirchen Nürnbergs zu pilgern, um dort Gott zu suchen. Die Kirchen waren mein einziger vertrauter heiliger Boden. Dort wird Gottes Wort verkündet und Gottes Mahl gefeiert. Dort war ich sicher, Gott finden zu können. So machte ich mich auf dem Weg und besuchte die St. Antonkirche, die Dreikönigkirche, die Jakobuskirche, die Lorenzkirche, die Frauenkirche, usw. In diesen Kirchen konnte ich mit drei Personen sprechen. Bei allen stellte ich mich nur als einen Gottsuchenden vor. Ich verheimlichte meine priesterliche und missionarische Rolle. Ich wollte mich von anderen, die in den Kirchen verweilen, über Gott belehren lassen.

An die erste Person in der Jakobuskirche stellte ich die Frage, wo ich Gott in dieser Kirche finden könnte. Sie antwortete mir - sehr überrascht von meiner Frage - ungefähr so: "… Na ja… Das weiß ich nicht… Gott können Sie in dieser Kirche nicht finden. Ihn kann man nicht sehen, weil Er im Himmel wohnt. Hier in diese Kirche kommen wir nicht, um Gott zu finden, sondern um zu ihm zu beten. Ich zum Beispiel komme immer hier her, zünde eine Kerze an und bete zu Gott, dass Er meine Familie beschütze, dass Er den Kranken beisteht, usw. Hier kommen Leute, die Ihn schon gefunden haben. Um Ihn zu finden, müssen sie irgendwo anders suchen…" Das Gespräch mit dieser Frau machte mich darauf aufmerksam, dass ich wahrscheinlich Gott nur an den sicheren Orten suche, wie in den Kirchen, mit allem, was an liturgische Veranstaltungen dazu gehört, und dass ich Ihn auch in den für mich unsicheren Orten sehr wenig wahrnehme und ihn dort nicht suchen gehe. Das war also eine richtige Antwort auf meine Frage. Gott sollte ich irgendwo anders finden und dann in sein Haus kommen, um Eucharistie, Danksagung zu feiern, nachdem ich Ihm irgendwo anders begegnet bin. Aber wo war für mich dieser Heilige Boden der Gottesbegegnung?

An die zweite Person in der Lorenzkirche stellte ich dieselbe Frage, wo ich in der Kirche Gott finden kann, nachdem ich mich als ein einfacher Gottsuchender vorgestellt hatte. Mit derselben Überraschung und Peinlichkeit auf meine Frage antwortete mir der Kirchenwächter, den ich angesprochen hatte, ungefähr so: "…Das ist eine schwere Frage… Sie suchen nach einem Ort in dieser Kirche, wo sie Gott begegnen können…Ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen soll, und wo ich Sie schicken soll… Ich denke, dass sie Gott in sich selbst suchen sollen, in ihrer Lebensgeschichte… Ich weiß es nicht. Wenn Sie wirklich auf der Suche nach Gott sind, schlage ich Ihnen vor, dass sie zum Gespräch am Donnerstagabend mit einem Experten, mit einem Pastor kommen… Er könnte Ihnen besser antworten und helfen…Ich könnte Ihnen nur etwas über die Gemälde erklären, die von dem Glauben in der Kirchengeschichte sprechen…" Auch die Antwort dieses Mannes, der mich darauf aufmerksam gemacht hatte, dass ich Gott in mir selbst, in meiner Lebensgeschichte und in der Geschichte des Glaubens zu suchen habe, zeigte mir einen heiligen Boden, an dem ich zu dieser Zeit gar nicht dachte. Das ich und meine Lebensgeschichte heiliger Boden der Gottesbegegnung sein kann, war für mich eine wahnsinnige Überraschung. Ich dachte, dass heiliger Boden nur mit Orten zu tun hat, wo man eine außergewöhnliche Erfahrung macht. Aber nein, ich selbst, so wie jeder andere Mensch, kann heiliger Boden sein. Das war die erste wahnsinnige Überraschung der Straßenexerzitien.

Die dritte Person in der Frauenkirche, an die ich dieselbe Frage stellte, antwortete mir einfach so: "…Sie suchen Gott, gut… Setzen sie sich auf einer Bank hin und beten Sie…" Bei dieser so einfachen Antwort der Frau in der Frauenkirche sagte ich mir: Das war’s, nicht Gott hin und her suchen gehen, sondern sitzen und hinhorchen, weil Er schon da ist. Ich bin nicht derjenige, der Ihn suchen soll, Er ist immer schon da, der mich sucht und mir begegnen möchte, wenn ich auf Ihn mit neuen Augen und offenem Herz warte. Ich sollte einfach meinen blinden Augen eine neue Sichtweise schenken, und mein Herz für alle und alles offen halten, dann hätte ich überall und in allem, was lebt, einen heiligen Boden gefunden.

An diesem Tag konnte ich erkennen, dass ich in diesen Exerzitien andere heilige Böden entdecken und erfahren werden, die ganz anders und wahnsinnig sind, als alles, was ich für heiligen Boden hielt.

 

2. Schuhe ausziehen auf dem heiligen Boden:
Restaurant "Weißer Löwe" und Gefängnis ...

Am Montag suchte ich nach dem heiligen Boden in den Kirchen, Orte die wir alle, auch ohne daran zu denken, als heilige Orte bezeichnen. Ich suchte Gott in dem sicheren und bekannten heiligen Boden. Dort wurde ich irgendwie auf anderes hingewiesen, besonders in mir selbst und in meiner Lebensgeschichte zu suchen. Ich war gespannt was für Erfahrungen ich in den nächsten Tagen machen werde. Ich fand dann den heiligen Boden an zwei sehr verschiedene Orten, wo niemand erahnen kann, dass dort Gottesbegegnungen stattfinden: mein heiliger Boden, auf dem ich die Schuhe ausziehen konnte, war ein Restaurant und ein Gefängnis. Ist das nicht etwas Wahnsinniges! So waren diese meine zwei besonderen Gottesbegegnungen während der Straßenexerzitien in Nürnberg:

1) Restaurant "Weißer Löwe": Achtung, heiliger Boden. Bitte Schuhe vor dem Eintritt ausziehen ...

Am Dienstag 23. August während des Morgengebetes hörten wir im Evangelium, wie Jesus 72 Jünger in Städte und Ortschaften aussandte. Dieses Evangelium hatte einen konkreten und klaren Auftrag Jesu: "Geh! Ich sende euch wie Schafe mitten unter Wölfe. Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorrattasche und keine Schuhe! Grüßt niemand unterwegs! Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als erstes: Friede diesem Haus! Und wenn dort ein Mann des Friedens wohnt, wird der Friede, den ihr ihm wünscht, auf ihm ruhen; andernfalls wird er zu euch zurückkehren. Bleibt in diesem Haus, esst und trinkt, was man euch anbietet; denn wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Lohn. Zieht nicht von einem Haus in ein anderes! Wenn ihr in eine Stadt kommt und man euch aufnimmt, so esst, was man euch vorsetzt. Heilt die Kranken, die dort sind, und sagt den Leuten: Das Reich Gottes ist euch nahe. Wenn ihr aber in eine Stadt kommt, in der man euch nicht aufnimmt, dann stellt euch auf die Straße und ruft: Selbst den Staub eurer Stadt, der an unseren Füßen klebt, lassen wir euch zurück; doch das sollt ihr wissen: Das Reich Gottes ist nahe."(Lukas 10,3-11). Zunächst während des Morgengebetes sprach mich dieser Auftrag Jesu nicht besonders an. Ich hörte dieses Evangeliums, wie es oft bei mir passiert, mit dem Gedanken, dass dieser Auftrag Jesu nur für seine Zeit galt, in der man vieles ohne Geld tun konnte, und in einer Zeit, in der man aus dem Wert der in Sitten verankerten Gastfreundschaft zum Essen in jedem Haus bekommen konnte. Trotz diesem Gedanken entschloss ich mich am diesem Dienstag, mich auf den Weg ohne Geld zu machen, um wahrzunehmen, was in mir geschieht.

Nach einigen Stunden des Gehens auf verschiedenen Straßen der Altstadt Nürnbergs mit dem Gedanken der Gottes Suche in mich selbst und in meiner Lebensgeschichte, fühlte ich mich sehr müde. Ich ging in die Lorenzkirche, um an dem Ort, wo man eine Kerze für Frère Roger aus Taizé angezündet hatte, im Gebet auszuruhen. Während des Gebetes bekam ich so Hunger, dass ich ihn einfach nicht aushalten konnte. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, da ich kein Geld hatte. Ich wollte einfach nach Hause mit der U-Bahn schnell fahren und dort, was zum Essen suchen.

Als ich am Ausgangstor war, kam mir plötzlich ein Gedanke an den Auftrag Jesu: "Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als erstes: Friede diesem Haus! Und wenn dort ein Mann des Friedens wohnt, wird der Friede, den ihr ihm wünscht, auf ihm ruhen; andernfalls wird er zu euch zurückkehren. Bleibt in diesem Haus, esst und trinkt, was man euch anbietet; denn wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Lohn." Und vor mir stand das "Weißer Löwe" Restaurant, das die Werbung hatte: "Junge fränkische Küche mit einer großen Auswahl frisch gezapfter lokaler Biere." Ohne viel nachzudenken, ging ich in dieses Restaurant. Ich wurde von einer Kellnerin empfangen und erklärte ihr mein Problem, essen zu wollen ohne Geld zu haben. Sie sagte mir, dass ich mit ihrem Chef sprechen sollte. Sie rief den Chef, der mich fragte, was ich wollte. Ich sagte ihm, dass ich unterwegs auf den Strassen Nürnberg mit eine Gruppe von 11 Personen bin, und dass wir die sogenannten "Straßenexerzitien" machen, indem wir Gott auf der Strasse suchen. Ich erklärte ihm meinen Hunger und dass ich ohne Geld da bin und bitte ihn, um etwas zum Essen. Ohne mir irgendeine andere Frage zu stellen, sagte er zu mir: "Ich kann schon etwas für Sie finden. Kommen Sie, nehmen Sie Platz. Ich werde Sie bedienen…" Das war eine wahnsinnige Antwort, die ich nicht erwartete. Der Herr Zuonko Beric bediente mich als einen Ehrengast. Ich aß und trank in seinem Restaurant ohne Geld zu haben. Ist das nicht ein Wunder! Nachdem ich so gut gegessen und getrunken hatte, bedankte ich mich und sagte zum ihm bei der Verabschiedung: "Gott möge ihre Arbeit segnen!"

Als ich wegging, war ich selber erstaunt über die unglaubliche Erfahrung mit dem Auftrag Jesu an seine Jünger: ich durfte konkret erfahren, dass der damalige Auftrag Jesu auch heute erfahrbar sein kann, wenn ich Schuhe der Überheblichkeit, des Stolzes, des Reichtums, der Hemmung ausziehen, und mich als einer erfahren, der in allen Bereichen mitmenschliche Hilfe suchte. Das war etwas Wahnsinniges. Ich suchte Gott in den sicheren und vertrauten Orten. Er begegnete mir in einem Restaurant, das für mich heiliger Boden geworden ist. Das sind Straßenexerzitien.

 

2) JVA Nürnberg: Gotteserfahrung im Knast…

Der Freitag 26. August war für mich ein besonderer Tag, weil ich an diesem Tag vor vier Jahren zum Priester geweiht wurde. Ich wollte diesen Tag ganz ruhig und in der Besinnung verbringen, indem ich vor Gott eine persönliche Auswertung der als Priester gelebten vier Jahre machen wollte. Ich wollte die Formel meiner ewigen Gelübde neu meditieren und neue Gotteskräfte für meinen weiteren Weg als Priester und Comboni-Missionar schöpfen. Das war mein Vormitagsprogramm, denn am Nachmittag sollte ich mit der Comboni Schwester Assunta ein Heim für meist afrikanische Flüchtlinge besuchen. Dieses Programm hatte ich am Donnerstag für Freitag gemacht.

In meiner kleinen Austauschgruppe ist Bram aus Holland gewesen, der unbedingt ins Gefängnis wollte. Am Mittwoch 24. August wollte er irgendeinen Holländer besuchen, der im Gefängnis sein könnte. Er hatte alles Mögliche versucht und getan, um ins Gefängnis zu kommen, aber es ging nicht. Am Donnerstag den 25. hatte er von Juan den Namen von Frank Leibl bekommen, denn man konnte nur mit einem konkreten Namen ins Gefängnis kommen. Er war glücklich, endlich jemanden im Gefängnis von Nürnberg während der Straßenexerzitien besuchen zu können. Leider für Bram, gerade am Donnerstag kann man keinen Besuch gestatten. Und noch schlimmer, er musste am Freitag nach Holland zurückfahren. Es ist ihm also nicht gelungen, ins Gefängnis zu kommen, deshalb hatte er mir am Freitag früh den Namen von Frank so einfach in die Hände gedrückt und gesagt: "Joseph, hier ist der Namen von Frank. Ich konnte ihn nicht besuchen, aber du kannst es vielleicht auch für mich tun…" Gerade an meinem Priestertag sollte ich ins Gefängnis gehen, so lautete der Gedanke, der in mir da war. Trotz dieses Gedanken habe ich Bram ja gesagt, dass ich ins Gefängnis gehen werde. Damit war das ganze Programm durcheinander gebracht, das ich für meinen Priestertag vorbereitet hatte.

Sofort, nach dem von mir geleiteten Morgengebet machte ich mich auf dem Weg Richtung Gefängnis. Da ich gar nicht wusste, dass es verschiedene Eingänge (für Männer, Frauen und Jugendlichen unter 18 Jahren) gibt, bin ich sofort in den ersten Eingang hinein. Ich wurde ganz freundlich von den Beamtinnen empfangen. Als die ganzen Formalitäten (Name und Identitätsdokumente eingeben) fast abgeschlossen waren, fragte mich die Polizistin, ob ich eine Frau besuche. Ich antwortete, dass ich einen Frank besuche. Sie sagte mir, dass ich zu den Männern gehen sollte und erklärte mir sehr freundlich, wie ich dahin kommen kann. Ich ging zum Eingang für Männerbesuche. Ich war nun aufgeregt. Ich kam hinein ohne Problem, alle so stark zugeriegelte Tore des Gefängnisses schienen, als ob sie sich vor mir so einfach auftun. Niemand fragte mich, warum ich Frank besuche, ob ich ihn kenne… Alles ging so glatt, als ob dieser Ort kein Gefängnis wäre.

Ich kam in den Warteraum hinein. Ich setzte mich, und erst dort regte ich mich sehr auf. Ich begann, über die Begegnung mit Frank nachzudenken. Ich fragte mich, wie wird er reagieren, dass jemand ihn besucht, den er nicht kennt, der schwarz ist, der sich gar nicht gemeldet hat. Ich begann Angst zu haben. Mit mir im Warteraum kamen andere Leute, die Verwandte, Freunde oder Bekannte besuchten. Ich konnte nicht mit ihnen ins Gespräch kommen, da ich fast von meinen Gedanken über die Begegnung mit Frank terrorisiert war. Fast alle gingen hinein, auch diejenigen, die nach mir angekommen waren. Dieses Warten machte mich wahnsinnig. Gott sei Dank, kam ein schwarzes hübsches Mädchen. Sofort fragte ich sie, woher aus Afrika sie stammt. Sie sagte mir, dass sie Amerikanerin sei und ihren Bruder besucht. Als wir so das Gespräch anfingen, wurde ich aufgerufen. Frank war da und wartete auf mich.

Ich kam in den Raum hinein und schaute nach jemandem, der allein saß. Ich ging zu ihm und fragte, ob er Frank sei. Er sagte Ja. Ich stellte mich vor, dass ich gekommen bin, um ihn zu besuchen. Er war schockiert, er konnte es nicht fassen. Unsere Begegnung war für ihn und auch für mich ein Schock. Er konnte am Anfang nicht fassen, so einen Besuch von einem unbekannten schwarzen Mann zu kriegen. Er konnte es nicht fassen und hat gemerkt, dass mir auch die Worte fehlten, um ihm zu erklären, wie es zustande gekommen ist, dass ich zu ihm auf Besuch komme. Er hat mich total erstaunt angeschaut und gefragt, wie ich zu seinem Namen gekommen bin, und warum wollte ich dich besuchen. Ich wusste nicht, was ich ihm sagen sollte. Er hat oft nur gesagt "das ist Wahnsinn; es ist nicht zu fassen". Es kam mir nur den Gedanken, ihn zu fragen, an wen er gedacht hat, als die Behörde ihm ankündigte, dass er einen Besuch hat. Ich schien ruhiger zu werden. Ich war auch innerlich ruhiger geworden. Er hat mir geantwortet, dass er gedacht hat, dass es seine Freundin sein könnte, die heute Geburtstag hat, oder dass es seine ehemalige Frau mit seiner Tochter sein könnte. Wir blieben einige Minuten in Stille. Es war so schwierig für mich weiter zu fragen. Ich war vor ihm wortlos.

Nach einigen Minuten Stille kam mir die Idee, ihn zu fragen, was aus seiner Erfahrung am wichtigsten für einen Menschen im Gefängnis sein sollte. Ich merkte, dass er mir langsam Vertrauen schenkte, dass er mir gegenüber ganz sanft geworden war. So antwortete er mir, dass es die Liebe sei. Denn es ist für ihn nur die Liebe seiner neuen Freundin, die ihm Kraft gibt, so dass er die 8 Monate, die er noch im Knast verbringen muss, voller Hoffnung erwartet, dass sie schnell vorübergehen. Er erzählte mir, dass er, wenn er draußen ist, einfach versuchen wird, lieben zu lernen. Ich war wieder wortlos. Was könnte ich noch fragen, nachdem ich im Knast nicht von Hass sondern von Liebe mit einem Gefangenen sprach. Er fragte mich nach Zigaretten. Ich hatte leider voller Aufregung vergessen, die Euro Münze mitzunehmen. Ich konnte ihm keine Zigarette schenken, weil ich nur drei Euros Münzen mit mir hatte und nicht vier, um Zigaretten im Gefängnis zu kaufen. Das hat mir sehr Leid getan. Er hat mich beruhig, die Hand gereicht und gesagt: "es macht nichts!" Die letzte Frage, die ich ihn stellte, war, ob er noch Besuch bekommen kann. Er sagte mir, dass man nur einmal im Monat Besuch kriegen kann. Da ich bei ihm im August war, kann er erst im September einen neuen Besuch bekommen. Nach seiner Antwort, war die Zeit schon um. Ich musste Frank verlassen: ich sollte in die so genannte "Freiheit" zurückkehren und Frank musste in seine Zelle.

Als ich hinaus war, hatte ich ein unbeschreibliches Gefühl. Ich dachte, dass ich Frank einen Brief schreiben soll, über dieses unbeschreibliche Gefühl. Im Zentrum des Briefes waren die Fragen an Frank, die ich ihm nicht stellen konnte, nachdem er mir von Liebe gesprochen hat. Ich schrieb: "Ja, Frank, sag mir, was ist Liebe, wenn man da drinnen im Knast seit zwei Jahre lebt und nur von dicken Mauern umringt ist. Was heißt Liebe, wenn man nur als eine Nummer von den Behörden behandelt wird. Was bedeutet Liebe, wenn man nur ein Mal im Monat einen Besuch kriegen darf. Was heißt Liebe, wenn man kein Mitleid und Vergebung erfahren kann. Dass du an so einem Ort, immer noch von Liebe sprichst und daran glaubst, ist für mich ein wirkliches Wunder."

Ja, das ist das Wunder meiner Straßenexerzitien. An einem Ort der Unwürde, wo "der menschliche Dreck der Gesellschaft" wie in einen Müllheimer gestopft wird, wo sich, meiner Meinung nach, nur Hass im Herzen eines Menschen entwickelt kann, dort habe ich von Liebe gesprochen. Von der Hoffnung besser lieben zu lernen. Sagt mir, ob das nicht das Evangelium Jesu ist. Sagt mir, ob das nicht die Zusammenfassung der theologischen Tugenden: Glaube, Hoffnung und Liebe ist. Ja, sagt mir, ob die Begegnung mit Frank, die JVA Nürnberg nicht zum heiligen Boden für mich geworden ist. Ja, dort musste ich die Schuhe ausziehen, die Schuhe der Vorurteile und das Urteilen über Mitmenschen. Ich schrieb an Frank: "Ich bin nicht als ein Rechtsanwalt zu dir gekommen, der kommt um zu forschen, was du getan hattest, um ins Gefängnis zu kommen. Ich bin nicht als irgendeiner zu dir gekommen, der da wäre, um dich an das zu erinnern, was geschehen war und auf Grund dessen du in Halft sitzt. Ich bin als ein Suchender zu dir gekommen, einer der gerade auf den Strassen Nürnbergs Gott sucht. In den vergangenen Tagen hat jemand auf meine Frage "Wo kann ich Gott finden?" geantwortet, dass ich Ihn in mir selbst suchen sollte. Ich habe Gott in meiner Lebensgeschichte gesucht und seine Spuren gefunden. Es war schön für mich diese Spuren Gottes in meinem Leben auf einer neuen Weise wahrzunehmen. Aber ich dachte mir dabei, dass Gott suchen in mir selbst nicht etwas Neues war. Ich sehnte mich nach einer neuen und anderen Art von Begegnung mit Ihm. Das war mein tägliches Gebet. Ich denke, dass Er mir die Antwort geschenkt hat. Aus der Erfahrung unserer Begegnung weiß ich, dass Er besonders dort zu finden ist, wo ein Mensch als Dreck, als Nummer behandelt wird."

Das war etwas von meinen Straßenexerzitien, aber nicht alles. Ich könnte ein Buch schreiben, wenn ich einzelne Erfahrungen niederschreibe. Ich möchte am Schluss nur Danke sagen. Danke an Alois, Andrea, Birgit, Bram, Brigitte, Jutta, Klarissa, Laura, Maria-Anna, Susanne, Christian, Juan, Renate, Urban und Veronika. Mit ihnen konnte ich diese wahnsinnigen Gotteserfahrungen machen. Und sie wissen, dass ich ihre Hände brauche, damit ich immer als ein wahrer und authentischer Gottesdiener wachse.

Rom, 15. September 2005

 

 

Brigitte Reeb
Exerzitien auf der Straße - Wahnsinn!!!!!!

Nürnberg, August 2005

Tja, ich sitze hier, hab keine Ahnung wo ich anfangen soll. Wie den Emausjüngern brennt mir das Herz, ich kann es kaum aushalten. Deshalb drängt es mich auch zu schreiben, obwohl dies nicht gerade zu meinen Stärken gehört.

Wenn ich recht überlege begannen diese Exerzitien bereits im Jahr 2000, da hörte ich zum ersten Mal von Juan davon. Ich war sehr neugierig und interessiert ,jedoch war mir klar und das sagte ich ihm auch, daß solche Exerzitien für mich nie in Frage kämen!" Man sollte niemals nie sagen. (Als ich Juan im Juni erzählt habe, daß ich mich angemeldet habe, sagte er nur: "Ich wußte immer, daß du sie einmal machen würdest." Anscheinend kennen mich andre besser als ich mich selbst!?)

So ging es weiter! Erst war ich neugierig auf die Erzählungen von Alexander, der war vor 2 Jahren dabei, ebenso hat mich Gabriela sehr neugierig gemacht. Sie hat mich extra zu Hause besucht, um mich zu "werben". Mal sehen, war meine Antwort. So Gott will und Gott wollte! Plötzlich stimmte der Termin, sogar genügend Urlaub stand mir zur Verfügung, so war ich dann bereit mich anzumelden! Natürlich nicht bevor ich mich noch einmal bei Andrea rück versicherte, ob das wirklich etwas für mich ist. Auf meine Anfrage kam prompt ihre Antwort. Die hat mir die Entscheidung leicht gemacht:

Du darfst alles, mußt nichts (na, zum Gruppengespräch sollte man nach Möglichkeit da sein.)

Was mich auch noch beeindruckt hat, daß alles so dastehen darf, wie es ist. Daß nichts bewertet wird, nichts zu unfromm ist, sondern einfach ist.

Also ich kann dir die Exerzitien auf der Straße nur empfehlen. Von dem bißchen, wie ich dich erlebt habe, kann ich mir gut vorstellen, daß die was für dich wären.

Ab diesem Zeitpunkt war für mich alles o.k. Ich hatte zwar Angst vor meiner eigenen Courage, aber ich wußte, ich werde nach Nürnberg gehen mit Angst und absoluter Unsicherheit, aber mit der Bereitschaft mich voll und ganz auf das einzulassen, was Gott mir in diesen Tagen schenken wird. Und dieser Gott hat mir so wahnsinnig viel geschenkt, daß ich es kaum aushalten kann – den anderen auch – für uns gab es in diesen Tagen nur ein Wort und das hieß: Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn und noch einmal Wahnsinn!!

Es gäbe soviel zu erzählen, aber ich glaube dann würde ein kleines Buch daraus, deshalb versuch ich mich nun auf das für mich Wesentlichste zu beschränken.

An einem der ersten Abende als wir uns ausgetauscht hatten, bekam ich von Andrea, der Jüngsten in der Gruppe, den Wunsch nach "Befreiung" mit auf den Weg. Ebenso meinen Gottesnamen: Gott, der du mir Nahe sein willst. Ein Name, der aus meinen Sehnsüchten entstanden ist. Ich habe ihn irgendwann umgeändert auf "Gott der mir Nahe ist und mir Hoffnung schenkt."

Mit "Befreiung" konnte ich wenig anfangen, aber trotzdem hat dieses Wort mich beschäftigt.

Am Dienstag, nach einem Beichtgespräch bei Christian, hat dieser gemeint, ich sollte, wenn möglich, ohne Geld losziehen. Ohne zu wissen wohin ich gehen soll, hab ich meinen Rucksack gepackt. Erst Wasser in Flaschen abgefüllt, dann hab ich mir gedacht, so jetzt nimmst du noch ein trockenes Brot mit, für den Fall, daß du Hunger bekommst. Plötzlich war für mich alles klar, so ganz einfach – Wasser und Brot bedeuten für mich Gefängnis.

Da ich völlig orientierungslos war und bin, hab ich Juan um Hilfe gebeten. Siehe da ich hatte verdammtes Glück, das Gefängnis ist direkt vor der Haustür. Er hat mir alles erklärt, mich in den Arm genommen und gesagt: "Brigitte, geh deinen Weg." Dann bin ich losgezogen ohne zu wissen was ich dort überhaupt tun soll. Es war mir jedoch schnell klar, als ich diese Mauern, diese Begrenzungen sah. Das einzige was ich tun werde, ist um dieses Gefängnis zu laufen, immer an der Mauer entlang, rundherum, um ein klein wenig zu spüren wie es den Menschen dort drinnen geht, die sich auch nur in diesem begrenzten Raum aufhalten dürfen. Tja, dann bin ich losgelaufen, immer im Kreis, vorbei an Überwachungskameras, an Arbeitern .. ewig lang. Auf einem dieser Runden kam ich an einen Ausgang in Richtung Pegnitz vorbei. Die Tore gingen auf und ein Polizeiauto fuhr heraus. Erst wollte ich wegschauen, dann hab ich mich doch hingestellt und voll in dieses Auto gestarrt. Hinten saß ein Mann, der schaute mich an, direkt ins Gesicht und lächelte. Kein anzügliches, kein Grinsen, nein ein ganz freundliches Lächeln. Ich lächelte zurück, dann war mir klar, hier werde ich zum ersten Mal meine Schuhe ausziehen, hier ist heiliger Boden. Mit dieser Gewißheit habe ich weiter meine Runden gedreht und dann zum Schluß - als ich nicht mehr gehen konnte - dort meine Schuhe ausgezogen. Hab mich voll in das Blickfeld der Überwachungskamera gestellt, ein Vater Unser gebetet und daraufhin ganz langsam meine Schuhe und Strümpfe ausgezogen. Anschließend bin ich unter längerer Verfolgung durch die Kamera ganz behutsam, barfuß ins Haus zurückgegangen. Wahnsinn!

Am nächsten Tag zog es mich wieder zum Gefängnis. Ich hab mich hingesetzt und ständig auf ein vergittertes Fenster gestarrt. Dort konnte ich jemanden erkennen. Es kam mir so der Gedanke, da oben ist ein Mensch, nicht ein Gefangener, ein Verbrecher, nein ein Mensch. Da müßte ich wieder meine Schuhe ausziehen, die Schuhe der Ungleichheit. Ja, wir sind alles Menschen, ganz egal was auch immer wir für eine Lebensgeschichte in uns tragen.

Als ich dann abends in der Gesprächsrunde davon erzählte und nebenbei erwähnte, daß ich seit der Ankunft in Nürnberg, keine Nacht vor Schmerzen schlafen kann - an diesem Morgen taten mir sogar meine Handfesseln weh - machte mich Christian vorsichtig darauf aufmerksam, daß an diesen Schmerzen nicht das schlecht Bett, sondern vielleicht all das, was mich gerade so umtreibt Schuld sein könnte. Ich hab’s ihm nicht geglaubt! Doch fiel es mir in dieser Nacht wie Schuppen von den Augen, daß dieser Drang das Gefängnis zu besuchen, vor allem etwas mit mir selber zu tun hat. Mit meinen inneren Gefängnissen, mit meinen Fesseln, ja, mir wurde klar, wie gefangen ich persönlich bin. Meine Sorgen, meine Ängste. Wahnsinn! Ab dieser Nacht waren meine Schmerzen wie weggeblasen, weg, einfach so. Wahnsinn!

Nun hatte ich die Sicherheit in mir, daß ich nicht mehr weit weg gehen muß, denn Mich hab ich ja immer bei mir. So bin ich nur noch einmal zum Gefängnis, um mich dort zu verabschieden.

Mein Platz war dann an der Pegnitz, vor allem beim Wasserrad. Dort hab ich auch etliche Male meine Schuhe ausgezogen. Als Dank für Gottes Schöpfung und vor den lieben Menschen, die mich in diesen Tagen begleiteten. Jedoch frei war ich immer noch nicht, aber auch nicht unglücklich.

Meine "Befreiung" kam dann ganz unerwartet, auf ganz einfache Art und Weise, durch Andrea, die mir am Anfang "Befreiung" gewünscht hatte. Christian hatte uns schon in den ersten Tagen darauf aufmerksam gemacht, daß zwischen uns eine Bindung besteht, ja Ähnlichkeiten. Ich konnte ihn nicht verstehen!

Andrea und ich sind nach dem Frühstück am Freitag noch ein bißchen sitzen geblieben. Sie hat von sich erzählt und auf einmal konnte ich ganz locker und mit absoluter Leichtigkeit und Normalität über das reden, was tief in meinem Herzen verschlossen ist, was mir manchmal in den letzten Jahren die Luft zum atmen geraubt, ja sogar meine Lebensfreude genommen hat. Es war so einfach! Wahnsinn! Die Parallelen zwischen Andrea und mir sind tatsächlich da. Christian hatte wieder mal den Nagel auf den Kopf getroffen! Wahnsinn!

Tja, so richtig bewußt wurde mir das alles erst beim anschließenden Morgengebet. Da hat es mich dann voll erwischt, ich hab nur noch gezittert und geweint, geweint und geweint. Ich konnte niemanden ansehen, nur Christian meine Hand geben. Ich weiß nicht wie lange ich so gesessen bin, aber egal, dieses Bild, das ich dann vorgefunden habe als ich die Augen wieder geöffnet habe, werde ich wohl nie mehr in meinem Leben vergessen. Da saßen Andrea, die den Arm um mich gelegt hatte und einige ganz liebe Menschen von diesen Exerzitien und hielten sich fest an den Händen. Diese Verbundenheit war unglaublich. Wahnsinn!

Nach diesem Tag ging es mir brutal gut und ich wurde immer weiter und weiter von Gott beschenkt und geführt. Kaum zu begreifen und auszuhalten. Mit Antworten auf ungelöste Fragen, ja Gott hat mich mit absoluter Nähe und Liebe umgeben, auch durch die Umarmungen und lieben Worte der Anderen, sowie mit dem Geschenk des Lachens, vor allem mit Laura. Wahnsinn!

Er hat es dann auch noch geschafft, daß ich trotz großer Schwierigkeiten mit mir selbst, wenigstens innerlich vor mir die Schuhe ausgezogen hab. Wahnsinn!

Ich will enden mit den Worten aus Psalm 139, mit denen ich am letzten Tag aufgewacht bin:

Du umschließt mich von allen Seiten und legst deine Hand auf mich.
Zu wunderbar ist für mich dieses Wissen, zu hoch, ich kann es nicht begreifen.

 

 

Margit: Endlich Leben

Dass Berlin einmal so wichtig werden könnte in meinem Leben, hätte ich nie gedacht. Seit 27 Jahren bin ich aus Deutschland weg und habe es nur hin und wieder während meines Urlaubs besucht, und dann immer nur meine Heimat im Frankenland.

Im Ausland war es, genauer gesagt in Italien, wo ich auch jetzt lebe, als mir bewusst wurde, wie sehr die Grausamkeiten des 2. Weltkrieges uns Deutschen ein Siegel aufgedrückt haben. Ich hatte selber den Krieg nicht mitbekommen, da ich erst neun Jahre nach dessen Ende geboren wurde, aber ich gehörte zu dem "Volk, das soviel Unheil angerichtet hat". Man warf mir das nicht vor – im Gegenteil – man versuchte, in meiner Gegenwart nicht von dem Leid zu sprechen, das die Deutschen anderen Völkern angetan haben, und als ich herausfand, wie man mich "schützen" wollte, traf mich das im Innersten. Da ich in unserem Schwesternorden die einzige Deutsche war und auch heute noch bin, hatte ich nie die Gelegenheit, mich mit "unserer" Geschichte auseinanderzusetzen. Und langsam aber sicher begann ich, mich "neutral" zu verhalten, mich meines Deutschseins eher zu schämen, besonders darüber, dass ich einmal stolz war, Deutsche zu sein.

Ist es Zufall, dass ich die Strassenexerzitien ausgerechnet in Berlin machte? Mit einer italienischen Mitschwester, die mich seit längerem liebevoll dazu anspornte, mein Deutschsein nicht nur zuzulassen sondern es sogar einzubringen? Ausgerechnet zu einer Zeit, in der es keine Gruppentermine gab und wir deshalb das Privileg hatten, die Gemeinschaft in der Naunynstrasse kennen und lieben zu lernen? Die Erfahrung auf den Strassen Berlins hat es mir bestätigt, dass es im Glauben keine Zufälle gibt, oder, wie Paulus es ausdrückt, dass denen die Gott lieben (oder, wie ich es gerne ausdrücke, die sich von Gott lieben lassen!) alles zum Guten gereicht. So sitze ich hier an meinem Computer und lächle als ich das kleine Kinderspielzeug auf meinem Schreibtisch sehe, das Christian, Petra und Sabine – unsere drei Begleiter/innen – mir am Ende der Exerzitien als Symbol meiner Gotteserfahrung mitgegeben haben.

Das Samstagsfrühstück in der Naunynstrasse, mit dem unsere Exerzitien "zufällig" begannen, war es, das mir eine Wahrheit vor Augen hielt, die mich traf. Das "zufällige" Gespräch mit einer Stamm-Besucherin, die mich fragte warum ich die Exerzitien machen wollte, was ich denn suchte, wurde für mich zum brennenden Dornbusch, in dem Gott mir seinen Namen offenbarte. Was ich suchte war Leben; ich wollte leben, sagte ich; ich war hungrig und durstig nach Leben, Leben in Fülle. Und sie schaute mich an und sagte: "Man sieht es an deinem Gesicht, dass du viel ungelebtes Leben in dir hast." Das hat mich getroffen. Und am Abend, als wir mit Hilfe unserer Begleiter/innen unseren persönlichen Namen Gottes zu erkennen suchten, kam es als unerwartetes und unfassbares Geschenk zu mir zurück. Da war kein Zweifel: Gott hatte sich mir offenbart als der, der mich ruft, mein ungelebtes Leben zu leben, als der, der lange darauf gewartet hat und der sich freut, wenn ich der Leidenschaft für das Leben in mir Raum gebe.

Die Strassen Berlins wurden für mich in den folgenden Tagen heiliger Boden. Gedenkstätten des Terrors öffneten mir die Augen für die Kraft des Widerstandes und für das Geschenk der Versöhnung, das zur Quelle neuen Lebens werden kann für jene, die sich mit ihrer Geschichte auseinandersetzen, die sich der Wahrheit anvertrauen und ihre befreiende Kraft erfahren. Dass dies nicht nur für die Geschichte meines Volkes zutrifft sondern auch für meine ganz persönliche, wird mir erst jetzt beim Schreiben bewusst. "Es ist wichtig, dass ihr eure Erfahrung mit anderen teilt", hatte Christian uns immer wieder ans Herz gelegt. Und obwohl ich das mittlerweile schon oft getan habe, sehe ich, dass das Geschenk der Begegnung mit dem Gott des Lebens unerschöpflich ist.

Oft waren es ungeplante und unscheinbare Ereignisse und Entdeckungen, die sich am Abend als Gottesbegegnung erwiesen. Und es dauerte nicht lange, bis ich eine Antwort auf die Frage fand: "Was sind die Schuhe, die ich ausziehen muss, um diesen heiligen Boden zu betreten; was hindert mich daran, Gott wirklich zu begegnen?" Ich merkte, wie sehr ich daran gewöhnt war, alle meine Gedanken und Handlungen ständig zu überprüfen, damit sie auch wirklich "Gott und den Menschen gefallen", dass ich mir gar nicht bewusst war, wie mir dadurch die Religion zu einer Zwangsjacke wurde und das Spontane in mir, das nach Leben rief, so langsam erstickte. Ich war in Gefahr, den Gott des Lebens im Namen der Religion aus meinem Leben zu verbannen. Nach einem nicht leichten Kampf mit meinen Skrupeln fiel mir das wie Schuppen von den Augen. Konnte es wirklich sein, dass Gott im Kinderspielplatz auf mich wartete? Ich konnte es nicht glauben. Ich wagte es nicht zu glauben. Aber es war so. Mein spielerisches, fröhliches Kind erwachte im Anblick des Kinderspielplatzes in der Naunynstrasse, an dem wir jeden Tag vorbei gingen.

Welch ein eigenartiges Zusammenspiel: Das Wandern auf den Strassen Berlins brachte mich zur selben Zeit in Kontakt mit den Gedenkstätten des Widerstandes und den Gedenkstätten meines Kindseins: beides Orte, die ich nie wirklich besucht hatte. Und langsam aber sicher spürte ich, dass gerade da für mich der Schlüssel zum Leben lag: das Kind in mir zuzulassen, es springen und singen zu lassen, und den Glauben an das Gute im Menschen und an die Kraft der Versöhnung zuzulassen, den Glauben an den liebenden, werbenden, lebenspendenden und barmherzigen Gott.

Was bedeutet das in meinem Leben konkret? Ich spüre, dass Gott lächelt, wenn ich diese Frage stelle. Gott scheint sich zu freuen, dass ich das frage, und ich vertraue darauf, dass ich, wie Rilke dem jungen Poeten geweissagt hat, vielleicht ohne es zu merken in die Antwort hineinlebe. Das kleine Kinderspielzeug erinnert mich daran.

20. Mai 2006

Margit

 

 

Von Jerusalem nach Berlin

Als Startpunkt der Strassenexerzitien in Berlin kann Jerusalem als merkwürdig erscheinen. Für mich handelt es sich darum die inneren Möglichkeiten auszubreiten, um zu sehen, was so unterschiedliche Orte und Erfahrungen verbindet. Eine Art Globalisierung des Lebens, ein Phänomen das Diversität zur Einheit führt. Die Globalisierung ist nicht nur ein wirtschaftliches, politisches oder kulturelles Phänomen, ein zu lösendes Problem oder etwas Hinkendes hinter einer kybernetischen Welt der Geschwindigkeit. Die Globalisierung ist eine epochale Veränderung, die uns in Richtung des einzigen Zentrums - außerhalb von Raum und Zeit - stösst, in dem sich alles vereinigt. So macht sie Platz für das Unsterbliche, für das echte Licht.

Wir sind noch in der Osterzeit, dieses Licht dringt in mich ein, es zieht mich erneut an. Berlin und Jerusalem sind die Verankerungen des Lichtregenbogens, er besteht aus dem Versprechen der Liebe und des Lebens. Ich ging zwei Tage im letzten Sommer nach Jerusalem, um dort einfach Zeit vor einer großen Entscheidung zu verbringen. Ich erwartete auf Antworten von Gott an diesem heiligen Ort, Antworten, welche die Richtung zeigen sollten. Aber Jerusalem stürzte alle meine Pläne um. Statt der Via Dolorosa zu folgen, wie ich es mir vorgestellt hatte, war es, als ob ich Strassenexerzitien im Voraus erlebte. Aus einem bestimmten Grund, den ich noch nicht kenne, lies ich mich führen, so dass es schien, als hätte ich das Ziel meines Besuches verpasst. In der Tiefe, in dem Herzen dieser inneren Welt, passierte doch etwas Neues. Es ist Jesus, der zweitausend Jahre früher auf diese gleiche Steine, auf diese gleichen Strassen trat, der mir eine Botschaft übertrug : "Wieder vor vorn, vor dem Kreuz, von dem tiefsten Punkt des Kalvarienberges aus anzufangen und Gott zu vertrauen in dem Getsemani meines Lebens, Gott zu vertrauen, ohne etwas zu verstehen.

Einige Monate später in Berlin angekommen, war es wie eine Wiederholung von Jerusalem. In ganz anderem Kontext und anderen Räumen, aber in dem tiefsten Aufruf, dem Leben zu vertrauen. Berlin wurde die andere Verankerung des Regenbogens. Das hätte mir auch nicht seine Farbe zeigen können, wenn es nicht an einem Ort so unerwartet wie die Hauptstadt Deutschlands gewesen wäre. Nachts angekommen mit einer Schwester-Freundin, wurde ich sofort überrascht von dem türkischen Viertel, wo die Gemeinschaft der Jesuiten lebt. Ein Stadtviertel, das uns nachts mit der Ambiguität einer Nachtbar begrüßt, und zwar gerade unter der Wohnung der Jesuiten und die "Das Tor zur Hölle" heisst. So fingen die Strassenexerzitien mit der Betrachtung der Hölle an, sichtbar an den degradierten Strassen. Dann kam der Eintritt in der Gemeinschaft. Eine unerwartete Vorstellung, Christen, Moslime, Junge, Alte, Priester, Schwestern, Obdachlose, Flüchtlinge, Leute, die einfach klingeln, um Hilfe zu bekommen. So ist die Gemeinschaft, die dich mitten in der Nacht empfängt. In diesem Haus fing ich an das Leben, das Versprechen, die Liebe zu erleben. Eben durch die Einfachheit, die Echtheit der Beziehungen, in der Schönheit eines einfachen Ortes, allen geöffnet, wo die einzige Kapelle das Menschliche ist, und die Stille sich im Inneren aufdrängt.

So wie in Jerusalem wurde die Wirkung in Berlin, durch diese Lebensart der Strassenexerzitien, so erschütternd. Danach erklärte Pater Christian, einer der beiden Jesuiten, der in der Naunynstrasse lebt, wie man Strassenexerzitien erleben kann. Spüren was uns am meisten ärgert, und das nutzen, als Beleuchtung unserer tiefsten Sehnsucht nach Gott. Dies tun, in der inneren Stille der Strasse mit all ihren Empörungen, aufmerksam für alles und alle und die Tiefe des Lebens. Ich fing skeptisch an und entdeckte bald, dass das einzige Geräusch das der planenden Gedanken war, das keinen Platz für das Leben lässt. So war es mir fast sofort klar, welchen Namen ich Gott geben würde. Einen Ausdruck der Zärtlichkeit, der Freiheit, der Empfindsamkeit und des Verständnisses. Dieser Gott, der sich mir seit Jahren offenbarte, seit ich seine Anwesenheit in meinem Leben entdeckte. Er breitete sich wieder in mir aus, wie der Geliebte vergangener Tage, mit diesem besonderen Namen: "Mein". Das Geschenk von Berlin wurde, dass ich wirklich "ich" sein konnte, um mit diesem Namen die erneuerte Liebe wieder zu entdecken, die Steine dieser Stadt zu fühlen, einer Stadt so gefoltert von der Geschichte, deren Steine leben, heilig, wie die von Jerusalem.

Die Begegnungen mit Passanten, Obdachlosen, Alten, Sterbenden, mit Mönchen, Karmeliterinnen, Benedktinerinnen, mit den Orten des Holocaust, so wie mit dem Geist der Stadt, heute Ort der Barmherzigkeit geworden, das ist das Leben. In Berlin fing es an, dass ein Licht zu leuchten begann, gerade aus diesen zertrampelten Steinen mit ihrer Farbe, das ihr Leben verbrannte in einem der absurdesten Ereignisse der Geschichte. Diese Steine fingen an, mir zu erzählen, was in und hinter jedem Leben existiert, von einem Opfer, das nicht vergebens war, ähnlich wie das 2000 Jahre vorher in Jerusalem war. Diese von den Steinen erzählte Geschichte ließ mich jedes Leben von meiner eigenen Warte aus ansehen, als eine Ort der Transformation, als Chaos und Harmonie, wie die Spannung zwischen der Absurdität der Existenz und der Erlösung, die sich erfüllt im Ostermysterium, gerade dann wenn alles verloren scheint.

Berlin gab mir das Geschenk der Gegenwart.

Dabei halfen mir meine geistlichen Begleiter: Pater Christian, Schwester Petra, Schwester Margit, und Sabine. Licht leuchtete auf meine Abwehr, auf das was mich behindert und auf die vollständige Anwesenheit, das heisst, der Ewige. Meine Selbstkontrolle, die Angst vor dem Geschehenlassen sind meine Abwehrkräfte. Nun konnte ich das Wieder-von-vorn-anzufangen und Vertrauen haben. So wurde ich eingeladen, wie Mose vor dem Dornbusch, meine Schuhe auszuziehen. Jeden Abend, nach einem Tag auf den Strassen, halfen mir meine Begleiter, den Dornbusch meines Lebens zu entdecken, sowie meine Abwehrkräfte zu identifizieren. Gott und das Leben sind keine getrennten Sachen, Gott ist das Leben. In dem Erlebnis in Berlin, glaubend an die Anwesenheit, fand ich erneut die Einladung von Jerusalem, wieder vor dem Kreuz anzufangen, in dem Glauben, dass alles sich wandelt, dass Gott im Leben wirkt, dass die Liebe überall eindringt und über alles, sogar über den Tod siegt. Den Opfern des Holocaust, so wie allen Opfern von menschlichen Ungerechtigkeiten werden in dem Raum der Stille am Brandenburger Tor gedacht. Friedenszeichen für Berlin und für die Welt werden die stillen Zeugen wie die Steine von Berlin oder von Jerusalem. Sie sind Zeugen vom Leben, das nicht stirbt, von der Hoffnung, die alles umwandelt, von dem Licht ohne Ende.

Mabel

Übersetzung J.-F. Boo

 

 

Marita
Strassenexerzitien im Juli 2006 in Berlin

Am ersten Tag meiner Exercitien begann erst einmal mit mir selbst. Es war ein unseliger Vormittag des erbarmungslosen inneren Dialogs: Das hast Du nicht recht gemacht und dieses stimmt an Dir nicht – jenes musst Du unbedingt ändern... Von diesen Dämonen getrieben, war ich auch etwas ungehalten mit Gott: "Komm schon, Gott – wofür fahre ich sonst auf Exercitien. Du könntest jetzt endlich einmal mit mir sprechen." Während ich so mit mir selbst und mit Gott schimpfte, räusperte sich auf der Bank neben mir ein Mann mit seiner Dose Bier in der Hand. Ich überlegte, ob das ein erster Wink Gottes wäre, wusste aber nicht recht, wie ich den Mann ansprechen sollte. Ich war auch unsicher, ob dieses Räuspern überhaupt mir galt. "Du musst schon deutlicher mit mir sprechen, Gott, so dass ich es auch hören kann, sonst kannst Du es Dir auch sparen..."

Ich wanderte in die Gegend vom U-Bahnhof Kottbusser Damm, diese krasse, ungeschützte und erbarmungslose Welt schien mir gerade der rechte Ort bei meiner Verfassung. Dort sass ich im spärrlichen Schatten eines kleinen Baumes. Eine kleine und offensichtlich verwirrte Frau rannte an mir vorbei. Sie war für die Hitze viel zu warm gekleidet, hatte zwei verschiedene, schwere Schuhe an und ein paar Tücher auf dem Kopf gelegt. Sie schimpfte laut und unverständlich vor sich hin. Mir kam der Gedanke: Sie ist, wie ich – wütend, impulsiv und schnell. Die Frau rannte dreimal an mir vorbei, dann war sie aus dem Blick. Während ich ihr nachschaute, sehnte ich mich danach, sie noch einmal zu sehen und ahnte gleichzeitig, dass sie nicht wiederkommen würde. Mir fiel die Geschichte von Mose an der Felsspalte ein. Mose will Gott sehen, und Gott stellt ihn in eine Felsspalte, hält die Hand darüber und geht an ihm vorbei – dann kann Mose hinter ihm herschauen. So wie Mose, schaue ich hinter der Frau her. Da begreife ich, dass Gott gerade an mir vorbei gegangen ist. In den kurzen fünf Minuten, die ich diese Frau beobachtete, hat sich mir Gott gezeigt: ganz menschlich - wütend, impulsiv und schnell. Es kam mir so zärtlich vor, dass Gott zu mir in meiner Sprache spricht: kurz, direkt und deutlich. Ist das nicht liebevoll, dass Gott mir erscheint von einer Seite, die ich an mir selbst nicht besonders mag: wütend, ungeduldig und impulsiv. In diesem Augenblick an der Felsspalte habe ich begriffen, was das bedeutet: Gott liebt Dich.

Im Laufe der Exercitien hat Gott mit mir durch sehr verschiedene Menschen gesprochen. Da waren vor allem die Leute, die den ganzen Tag am Oranienplatz sitzen und ihr Bier trinken. Sie waren mir Prediger, Seelsorger und Weggefährten. Auch in Frauen vom Drogenstrich ist mir Gott begegnet, auf eine unnachahmlich liebevolle und direkte Art.

Ein Erlebnis will ich noch ausführlicher erzählen.

Am letzten Tag der Exercitien, dem Samstag, hat uns schon morgens in der Andacht ein Kollege erinnert: "Heute ist Sabbat, seht zu, dass ihr auf eure Art heute Sabbat haltet." Ich habe nicht auf ihn gehört. Ich habe auch nicht darauf geachtet, dass mein Herz mich gerade nirgendwohin ruft und bin einfach losgezogen. Ich habe ignoriert, dass ich kein Geld für einen Fahrschein mehr hatte und bin schwarz gefahren. Auf einer kleinen Stufe am Drogenstrich sass ich und wusste eigentlich nicht, was ich da soll. Dann erschien ein bulliger Boxer vor mir mit einem ebenso bulligen Herrchen, um mich von der Stufe zu vertreiben. Aber ich habe immer noch nicht verstanden, und habe mich einfach zehn Meter weiter gesetzt. So trieb ich noch zwei Stunden ohne Sinn und Verstand durch die Stadt und ignorierte alle Zeichen, die mich einfach nach Hause wiesen. Erst als ich schon müde war, begriff ich plötzlich: Du sollst heute Sabbat halten – darum geht es. Ich muss heute darüber lächeln, wie schwer von Begriff ich damals war. Und ich freue mich aus ganzem Herzen, dass Gott nicht aufgehört hat, mir geduldig Zeichen zu geben – auch wenn er mir zehnmal das gleiche sagen musste: Mach Pause! Gut zu wissen, dass Gott nicht aufgibt.

Am Nachmittag dieses Samstages sass ich dann endlich auf meiner Bank am Oranienplatz und döste. Auf diesem Platz hatte Gott noch ein schönes Geschenk für mich bereitet, zum Abschluss der Exercitien. Ein ziemlich Betrunkener zwei Bänke weiter fing an laut ein Gedicht zu rezitieren:

"Gott spricht: ..."

Bei so einer Einleitung hörte ich natürlich auf. Die ersten Zeilen des Gedichtes habe ich leider vergessen. Dann hiess es:

    "Glaubst Du allen Ernstes, wir sehen Dich nicht?!
    Glaubst Du allen Ernstes, wir verlassen Dich?!
    Glaubst Du allen Ernstes, wir sind nicht für Dich da?!

    ...

    Du bist wunderbar!
    In nomine patris, et filii, et spiritus sancti. Amen.

    Und jetzt denk genau nach, was zu tun ist."

 

 

Maria Sinz
Vom Kopf auf die Füße, 10 Tage zu Gast bei Olga 46

"Warum soll ich zur Erzählrunde kommen? Was man eine Woche in Stuttgart machen kann ist doch wohl in drei Sätzen zu sagen." Meint B. beim letzten Frühstück der Gäste in der Tagesstätte Olga 46. Sein Kaffee wird kalt, während er für seinen Kollegen Knöpfe an die Jacke näht. So blieben wir sechs Besucher bei unserer letzten Austauschrunde zu der wir offen eingeladen hatten unter uns und mit Frau S., die wundervoll zuhören kann.

Nun der Reihe nach in drei Gedanken, wenn auch nicht in drei Sätzen.
Ferien machen:
Wir Gäste kamen aus Wien, Freiburg, Tuttlingen, Aalen und Fribourg/Schweiz vom 27. Oktober bis zum 5.November nach Stuttgart um Ferien zu machen. Zugegeben, spezielle Ferien, nicht nur von der Arbeit, auch von der Familie, vom Konsum und vom "Ich". Ferien, um respektvolles Sehen und Hören in Stuttgarts Straßen zu üben. (Exerzitien heißt Übungen).
Die Wirklichkeit mit anderen Augen sehen, ohne Termine, ohne Funktion, ohne Besichtigungen, ohne Kunde zu sein, und meistens ohne Straßenbahn.
Nach dem Frühstück und anschließender Meditation in der Magdalenenkapelle der benachbarten Leonhardskirche ging jede/r seine/ihre Wege. Um 17.00 trafen wir uns zu Gottesdienst, Abendessen und Erzählrunde. Wir hörten was die anderen den Tag über erlebt haben und was sie bewegt.

Gott suchen:
Beim oben erwähnten Frühstück beklagte sich I. dass von Gott meistens nur im Hinblick auf das Jenseits die Rede sei. Jenseits als "nach dem Tod" verstanden. Nun, wir Leute der Straßenexerzitien suchen Gott im Leben. Diese Ferien dienen dazu, sich neu seinen Glauben klar zu machen. Wir könnten auch zuspitzen: was davon bleibt übrig unter dem Blickwinkel der Straße, jenseits von klassischen Kirchenhallen oder teuren Bildungshäusern und selbst außerhalb der Bibel? Oder: wie zeigt er sich vom Standpunkt der Straße aus? Christen glauben dass Gott bevorzugt unter den Armen wohnt. Dort wollten wir sie suchen. Ob wir ihn gefunden haben? Das müsste jede einzelne Besucherin, jeder einzelne Gast persönlich gefragt werden. Gott ist nicht pauschal zu haben, sie liebt die unscheinbaren Momente. Gemeinsam ist unserer( jüdisch-christlichen) Tradition, dass Gott im "Antlitz des Anderen" aufscheinen kann. In der Begegnung auf Augenhöhe.

Vom Kopf in und auf die Füße:
"Von welchem Verein seid ihr? Die vom XXX wollen uns mit ihrem Essen für sich gewinnen." B. bleibt skeptisch.
Tatsächlich ist es schwer glaubhaft zu versichern, dass Christen sich auf die Beine machen um Gott zu suchen. Üblicherweise haben sie ihn, und das vor allem im Kopf. Die Übung besteht auch darin, unterwegs alle Vorstellungen loszulassen. Dies ist für alle , auch für die (Befreiungs)theologen unter uns jeden Tag eine Herausforderung. Den Boden unter den Füßen spüren: wo stehe ich ,jetzt, körperlich und geistig. Christian Herwatz,SJ, lehrte uns das Bild vom "Heiligen Boden"(Exodus 3,5) in den Straßen zu spüren: vor dem Gefängnis, auf der Parkbank, in der Tagesstätte, am Katharinenplatz, im Sperrbezirk, an der Gedenkstätte innerer Nordbahnhof….. Im abendlichen Erzählen sortieren sich Erlebnisse zu Erfahrungen. (Manche auch erst im Erzählen zu Hause, manche erst nach Wochen.) Christoph Albrecht, SJ, ist ein erfahrener Begleiter: "Wenn wir innerlich Befreiung zulassen können, wird dieser Prozess uns drängen unser Leben in den Dienst der Gerechtigkeit zu stellen, um der Gemeinschaft willen."
So kommt schließlich auch die abendliche Eucharistie vom Kopf auf die Füße zu stehen: aus selbstvergessener Suche im Geheimnis wird Finden in den Armen mitten in Stuttgart.

Bleibt ein herzliches Danke zu sagen, besonders Johanna Renz und Team für die Gastfreundschaft, und Herrn Felker und der ev. Gemeinde St Leonhard für das morgendliche Verweilen dürfen in der Magdalenenkirche, auch das ist Gastfreundschaft.

Maria Sinz, Aalen.

 

 

Renate
Unsere Sinne sind Türen für das Göttliche

Ich war ja recht frei - akut drückte mich nichts - und unbefangen nach Nürnberg in die Exerzitien gefahren. Zuvor hatte ich schon die Entscheidung getroffen, nämlich mit "zwei Koffern" nach Berlin zu gehen. Und nun glaubte ich voll Freude, dem "WIE" und "WO" in Berlin nachspüren zu können.

So war ich völlig fassungslos und überrascht, als mich gleich am 1.Tag mein Weg auf einen uralten Friedhof mit steinernen Sarkophagen führte. Ich, die jeden Friedhof meidet, musste dort hin. Mir war ganz klar, dass es mein Ort war und so suchte ich unter dem Entsetzen, dem Schmerz, der Trauer nach dem Grund. Ich war sehr irritiert, dass ich noch einmal in mein uraltes Trauma steigen musste ..., bis ich begriff. Das Trauma war ja schon Thema meiner ersten Exerzitien gewesen und hatte mit Versöhnung geendet. Die befreiende Wirkung für mich war ein Wunder: Ich heilte von meiner jahrelangen, schweren chronischen Erkrankung des Kopfes und war seitdem überhaupt nicht mehr krank. Dabei übersah ich in meiner Dankbarkeit und Freude, dass mit der Versöhnung nur eine Seite erledigt war. Der Friedhof voller Sarkophage machte mich auf die andere, noch belastende Seite aufmerksam. Ich hatte durch das Trauma Überlebensstrukturen entwickelt, die inzwischen nur noch zerstörerisch waren und als Hindernis zwischen mir und dem Leben standen.

Der Prozess in den Exerzitien lief in einem rasenden Tempo, war heftig, beängstigend, schmerzhaft. Immer wieder glaubte ich, den Boden unter den Füßen zu verlieren, mich "aufzulösen". Um es aushalten zu können, bekam ich die nötige Kraft aus etwas (scheinbar) ganz Zartem: Die Quellen der Kraft waren meine sinnlichen Wahrnehmungen. Hinter dem puren Genuss am Riechen - das wurde mir jetzt klar - steckte das Atmen, das ganz tiefe Einatmen. Und atmen ist Leben. Unter der sinnlichen Freude am Tasten/Berühren lag verborgen das Mich-selbst-Spüren.

Als wichtigstes Element tauchte - wie spielerisch - immer wieder Wasser auf. Wasser als Lebenselixier, als Botschaft, als Quelle, ... Und ich dachte, mein Gott muss ein Wassergott sein!

So konnte ich, geführt und getragen, zwischen diesen beiden Schienen - Friedhof und Blütenduft, Sarkophag und glitzernden Regentropfen - meinen Weg finden. Es gab noch etwas Überraschendes, was entscheidend dazu beitrug, meine "Versteinerung" zu durchbrechen. Ich suchte eines Nachts - trotz anfänglicher innerer Widerstände - die kleine Hauskapelle der Comboni-Gemeinschaft auf. Auf dem Boden sitzend griff ich mir die Trommel und fing ohne Überlegung an zu spielen. Ich hatte zuvor noch nie getrommelt, aber meine Hände, meine Finger fanden ihren eigenen Rhythmus ... und ich hörte ihnen einfach zu. Wie in Trance trommelte ich stundenlang. Dabei hatte ich verschiedene Empfindungen, spürte meinen Körper, durchlebte Erinnerungen, gedacht hab ich nichts.

Eine Vision war Afrika - Ich sah das Land aus großer Höhe unter mir, ähnlich wie eine Landkarte. Es war der nordöstliche Teil (später sah ich im Atlas, dass dort etwa Ägypten liegt) und ich fühlte, dass ich eine schwarze Haut hatte und kurze, ganz krause Haare. Völlig erschöpft, aber ruhig beendete ich meine Session - grade passend, um mir draußen das aufkommende Licht des neuen Tages anzuschauen.

Später bat ich einen der Combonimissionare, der trommeln konnte, etwas vorzuspielen. Ich hielt fast die Luft an, als ich in seinem Spiel viele meiner nächtlichen Sequenzen wieder erkannte: SOS - Ruf an Freunde, wenn man Unterstützung braucht - Aufruf zum Tanz ... . Genau in der Reihenfolge hatte ich diese Elemente in meinem Trommeln ... und noch mehr. Später hatte ich das Gefühl, dass dies Trommeln durch seine Vibrationen Risse in meine Versteinerung verursacht hat - ähnlich wie ein Erdbeben Risse in Mauern bringt und diese dann einstürzen. Kurze Zeit drauf hatte ich nämlich - wieder in dieser Kapelle - einen ganz heftigen Kampf, aus dem ich - ohne meinen Kopf oder die ganze Kapelle zerschlagen zu müssen - als Siegerin hervorging!!! Völlig erschöpft zwar, aber als Siegerin, denn ich hatte begriffen, dass man einen Stein nicht unbedingt zerschlagen muss, sondern ihn "einfach" loslassen, fallen lassen … und weitergehen kann. Eine sooo befreiende Erkenntnis!

Die Erfahrungen meiner Exerzitien waren beeindruckend wie beim ersten Mal. Ich begriff, dass ich für mein "Mit zwei Koffern nach Berlin" etwas Entscheidendes erfahren hatte: Einen Koffer konnte ich nun stehen lassen, mit ihm hätte ich nur eine Altlast nach Berlin mitgenommen. Mich durchflutet noch immer Dankbarkeit und Erleichterung.

Und dann begriff ich, was in dem anderen Koffer ist - meine Schätze, d.h. meine Fähigkeiten! So meine besondere Fähigkeit zu riechen, zu fühlen, zu hören, ... Ich habe die Bedeutung der Sinne viel tiefer erfasst. Es ist nicht "nur" Luxus, sozusagen das Sahnehäuptchen auf dem "Eigentlichen", NEIN. Wir haben unsere Sinnesfreuden, unseren Genuss daran, weil es immer wieder unsere Lebensfreude erneuert. Sie sind unsere Kraftquellen, sie sind ein Regulativ für einen dominierenden, rationalen Kopf.
Unsere Sinne sind Türen für das Göttliche.

 

 

Schwester Placida
Auf der Straße war ich nie allein

Ich möchte von einer Begegnung berichten, die mich sehr berührt hat.
An einem Morgen setzte ich mich in Berlin Kreuzberg auf eine Bank,
um mein Brevier zu beten....
Ein Mann mit einer leeren Flasche fragt mich: "Wie spät...?"
"7.30 Uhr..."
"Lesen sie in der Bibel?"
"Ich bete."
"Können sie mir etwas vorlesen, egal was."
Er setzte sich zu mir auf die Bank, rückte ganz nah heran.

Ich begann:
Psalm 90 "Herr, wende dich uns doch endlich zu!
Hab Mitleid mit deinen Knechten!
Sättige uns am Morgen mit deiner Huld!
Dann wollen wir jubeln und uns freuen all unsere Tage.
Erfreue uns so viele Tage, wie du uns gebeugt hast,
so viele Tage, wie wir Unglück erlitten.
Zeig deinen Knechten deine Taten und ihren Kindern deine erhabene Macht!
Es komme über uns die Güte des Herrn, unseres Gottes.
Lass das Werk unserer Hände gedeihen,
ja, lass gedeihen das Werk unserer Hände!
Ehre sei dem Vater, ..."

Das Ehre sei dem Vater hat er mitgebetet.
Danach sprang er auf:
"Das hat gut getan!"

Er hat sich bedankt.
Ich habe ihn gefragt: "Wo kommen sie her?"
"Ich komme aus einem Sozialprojekt. Vorher habe ich auf der Straße gelebt. Ich werde wieder in die Kirche gehen. Als ich auf der Straße war, ging das nicht. Da war ich nicht sauber, manchmal sehr unansehnlich. Da konnte ich dort nicht hingehen.
Aber eins kann ich ihnen sagen. Als ich auf der Straße gelebt habe, war ich nie allein. Gott stand immer neben mir. Er hat dafür gesorgt, dass mir nichts passiert. Er hat mich beschützt und dafür gesorgt, dass ich immer zu essen hatte.
Ich wünsche ihnen noch einen schönen Tag."

In der Lesung, die zum Morgengebet gehörte, konnte ich lesen:
"Darum schämt sich Gott ihrer nicht; er schämt sich nicht, ihr Gott genannt zu werden; denn er hat für sie eine Stadt vorbereitet."

 

 

Sabine Hagendorfer
EST VITA
oder: Willkommen bei den Exerzitien auf der Straße in Berlin

Ich sitze im Zug auf dem Weg nach Wien und schaue zurück nach Berlin - auf die Tage der Exerzitien auf der Straße. Berlin, die Stadt, in der für mich "Mauern gefallen sind" und ich "Neuland" betreten habe.
"Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden" (Ex 3, 5).
An so manchen Orten auf meinen Wegen habe ich die Schuhe neben mich gestellt - im Erspüren, dass da "der Dornbusch brennt" - hier ein Ort der Begegnung für mich sein kann.
In den ersten Tagen meiner Exerzitien hatte ich noch meinen Rucksack mit dabei - für alle Fälle, mit Stadtplan, Wasserflasche, Ausweis, Geld, Tagbuch, Buntstiften,... im Laufe der Tage reduzierte sich "mein Gepäck" auf den Schlüssel der Pfarrräume, die Telefonnummer von Christian Herwartz sj (für "Notfälle), mein kleines Kopftuch für die Sonne und meine Uhr - die in meinen Hosentaschen Platz fanden.
"Ich habe nichts dabei" - und hatte doch alles, was für den Tag nötig war - und die Hände frei, um loszugehen.
Zu Beginn der Tage waren für mich Plätze, an denen Reste der Berliner Mauer stehen, wichtig - als Symbol der Mauern, Barrieren in mir - die mir die Sicht nehmen und Begegnungen erschweren. Im Gehen durch diese Tage "landete" ich an immer kleineren Mauersteinen - bis diese an Bedeutung für mich verloren haben und ich merkte angekommen zu sein. Mit dem Namen Gottes: "Gott - der Mauern niederreißt" habe ich mich anfangs auf den Weg gemacht - als weitere Namen kamen während der Exerzitien die Namen: "Gott, der neue Welten eröffnet" und "Gott der Begegnung schenkt" dazu.
So mancher Hinterhof lud mich ein, die "Hinterhöfe" in mir zu betreten - ihre Schönheiten zu entdecken - die Buntheit - das was darin lebt.
Wie schon seit langer Zeit haben Träume während Exerzitien eine Bedeutung für mich - so auch in diesen Tagen. Darin wurde mir das Ziel eines Exerzitientages bewusst: Der Flughafen.
"Ich möchte auf die Besucherplattform" - sagte ich dem aufsichtshabenden Beamten.
"Haben Sie ihre Eintrittskarte gelöst?" - "Nein, ich habe "nichts dabei" - aber ich möchte da hinauf.""Legen Sie ihre Tasche hier her (ich hatte an diesem Tag das letzte Mal meine Tasche mit), und räumen Sie diese aus." Nachdem sichergestellt war, dass ich nichts Gefährliches dabei hatte, war mir der Weg geöffnet - der Blick zu den ankommenden und abfliegenden Flugzeugen frei. "EST VITA" - war die Botschaft dieses Tage - die auf dem Motor eines abfliegenden Flugzeuges mit großen Buchstaben zu lesen war. "Est vita" - "das ist Leben" - loslassen, etwas wagen - Neuland betreten.
"Mein Flugzeug" führte mich in den kommenden Tagen in ein Land, das "ganz nahe vor der Haustüre liegt - und das mir trotzdem sehr fremd ist" - In die "Türkei".
Inmitten der muslimischen Frauen erlebte ich die Gastfreundschaft mir gegenüber und ihre Offenheit mich zum Freitagsgebet einzuladen. Mit der geschenkten Gebetsschnur im meinem Ruchsack fahre ich nach Wien - als Zeichen der Begegnung und der 99 Namen Gottes - als Zeichen einer mir "neuen Welt" und dem ersten Schritt dorthinein.

Sabine Hagendorfer cs
Mit "leeren Händen" bin ich losgefahren, mit einem "beschenkten Herzen" fahre ich nach Hause und spüre die Sehnsucht nach Weite und der Offenheit für das, was mir im Alltag begegnen will, der Sehnsucht nach dem Leben - "est vita".

 

Literatur:
* Christian Herwatz,SJ, Auf nackten Sohlen - Exerzitien auf der Straße.
Reihe: Ignatianische Impulse, erschienen 2006.

* Christoph Albrecht,SJ, Den Unterdrückten eine Stimme geben.
Das Lebenszeugnis von P.Luis Espinal SJ-
Impulse für eine prophetische Kirche in einer
ökonomisch globalisierten Apartheidgesellschaft.
Exodusverlag, 2. Auflage 2005.

 

 

Christian Herwartz
Gott suchen und finden in allem, was mir begegnet

Unter diesem Titel haben wir in diesem Jahr auf dem Katholikentag in Osnabrück zweimal Übungen zur Aufmerksamkeit - Exerzitien auf der Straße für jeweils 2,5 Stunden angeboten. Im Programmtext folgte die Erläuterung: Die Werkstatt beginnt mit einer Einführung im Geistlichen Zentrum. Danach macht sich die Gruppe auf den Weg in die Stadt. An einem herausfordernden Ort sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu einer Meditation eingeladen. Leitung: Christian Herwartz und Claudia Keysers, Berlin.

Wir hatten beide Erfahrungen, 10tägige Exerzitienkurse auf der Straße zu begleiten, auch Exerzitien im Alltag und eintägige Exerzitien auf der Straße, ebenso mit Gruppen, die fremde, auch uns unverständliche, Sprachen sprechen. Doch wird es möglich sein, sich in so kurzer Zeit und in Gruppen zu jeweils 40 Teilnehmer/innen auf die Führung Gottes einzulassen?

Nach einem kurzen Austausch darüber, warum die Teilnehmer/innen gerade dieses Angebot aus der Fülle der Veranstaltungen ausgewählt hatten, stellten wir die Frage: "Wenn Gott unten am Flussufer auf dich wartet, wie kannst du ihn dort finden?" Die Jünger/innen lernten, den auferstandenen Jesus im Gärtner, im Fremden auf dem Weg nach Emmaus, als jemanden, der durch verschlossene Türen geht, und als Grillmeister am See Genezareth zu entdecken. Mit der Auferstehung ist das Versteckspiel Gottes unter uns in eine neue Etappe gekommen. "Wie werden wir ihn finden und in welcher Weise entdecken, wenn er auf uns wartet." Wir beide erzählten etwas von unseren Erfahrungen auf der Suche. Sofort war Skepsis und Angst bei den Teilnehmer/innen zu spüren, wie sie wohl immer vor Exerzitien auftaucht: "Wird sich Gott auch mir zeigen? Sicherlich. Aber werde ich lange genug suchen und an ihm nicht vorbei gehen?" Wir haben über die Erfahrungen der Teilnehmer/innen im Umgang mit dieser Angst gesprochen und wie wichtig es ist, sie zu sehen und sich doch nicht vom eigenen Weg abbringen zu lassen.

Als Begleiter/innen waren wir herausgefordert, Zeugen der Kreativität Gottes zu sein und alle einzuladen, mit ihrer ganzen Person einige suchende Schritte zu gehen.

Als ich nach weiteren Informationen hinsichtlich der Exerzitien auf der Straße fragte, war ich sehr verdutzt. Keine/r stellte organisatorische Fragen nach der Dauer der Kurse, Bezahlung, Ablauf. Alle waren eingestiegen in einen persönlichen Prozess, wie sich bald herausstellte.

Bevor wir zusammen auf den Weg entlang der Hase gingen, die durch Osnabrück fließt, gaben wir allen einen Impuls aus dem Lukasevangelium (10,2-5) mit: Jesus sandte 72 Jünger aus, um sein Kommen in den Ortschaften vorzubereiten, in die er noch gehen wollte. "Ich sende euch wie Lämmer unter die Wölfe", sagte er ihnen. Dieser Satz fasste das Gespräch über die Angst nochmals zusammen. Dann gab Jesus die Anweisung, keinen Geldbeutel und keine Tasche mitzunehmen. Das Loslassen falscher Sicherheiten und das ausschließliche Vertrauen auf Gott sind entscheidende Meditationsregeln, die uns auf dem folgenden Pilgerweg helfen würden. Außerdem sollen wir die Schuhe weglassen. Sie markieren eine Distanz zur Realität und sind oft Ausdruck unserer inneren Haltungen, die uns am Bleiben in der Anwesenheit Gottes hindern. Sie abzulegen ist auch ein Zeichen der Hochachtung gegenüber den Begegnungen, die auf uns warten, wie es Mose vor dem brennenden und doch nicht verbrennenden Dornbusch erfahren hat (Ex 3). Außerdem weist Jesus an, unterwegs niemanden zu grüßen. Das wurde sofort als Zumutung wahrgenommen: "Ich will oder soll doch nicht unhöflich sein." Wie schwer ist es, sich von dem zu lösen, was andere meinen könnten? Wie gern lassen wir uns davon ablenken, unbeirrt auf das Ziel zuzugehen. Der Auftrag soll später - aber nicht sofort - mitten in einer Kommunikation verwirklicht werden, wie gleich im nächsten Satz deutlich wird. Dort nennt Jesus das Ziel der Sendung: "Wenn ihr in ein Haus kommt, sprecht zuerst: Friede sei diesem Hause!" Den Frieden in Jesus zu finden und ihn mit anderen zu teilen ist auch unser Sehnen.

Wir brachen auf. Sofort vor der Schule wurde ich zweimal von Bekannten gegrüßt, die ich lange nicht gesehen hatte. Doch es war innerlich ganz klar: Jetzt bist du unterwegs und traust ihnen zu, dies zu bemerken. Die Gruppe ging ohne jede Anweisung in Stille durch die vom Kirchentag gefüllten Straßen. Es begann zu regnen. Als wir uns unterstellen mussten, fanden wir ein Dach gegenüber einem Floss auf dem Wasser. Darauf standen zwei Menschen, die fortlaufend aus dem Neuen Testament vorlasen. Es war gerade ein Abschnitt aus der Bergpredigt (Mt 5-7) dran. Wir hörten das "Vater unser", vom Fasten, vom wahren Schatz und der Unmöglichkeit, Gott und dem Mammon gleichzeitig zu dienen. Dann wurde uns gesagt, wir sollten keine Angst haben und wir wurden zum Nichtrichten und Vergeben aufgefordert. Der Regen hörte auf. Wir gingen weiter. (Auch am zweien Tag wurden wir hier im Vorbeigehen mit dem Hinweis auf das neue Manna, nämlich dem lebendigen Brot, zum Weitergehen ermutigt.)

Nach einigen Minuten sahen wir durch eine Mauerlücke unser Ziel. Mir schien dieser Moment ähnlich, wenn die Pilger das erste Mal Compostella sehen. Es ist eine Freude: Der Weg führt wirklich zum erhofften Ziel. Das kleine Untersuchungsgefängnis hinter den Gerichtsgebäuden hätte auch die Kulisse für einen Wild-West-Film sein können. 60 Menschen werden darin bis zum Gerichtstermin festgehalten. Wir hielten an und sammelten uns nochmals. Dann gingen wir schweigend weiter, überquerten die Straße, gingen durch einen Tunnel und umrundeten dann den Gefängnisbau.

Dort wurde alles Gepäck auf einen Haufen gelegt und ein rotes Tuch darüber gelegt. Hier im Angesicht der Gegenwart Gottes in den Gefangenen (Mt 25,36) - das Gefängnis ist ja wie eine große Monstranz - wurde dann die Geschichte von Mose erzählt, der Gott in einem brennenden, aber nicht verbrennenden Dornbusch begegnete (Ex 3,4). Mose stand damit auf heiligem Boden und zog voll Ehrfurcht seine Schuhe aus.

Die nächsten 15 Minuten gingen die Teilnehmer/innen nun in Sichtweite des Gefängnisses an einen Ort, der ihnen für die Meditation geeignet schien. Manche zogen die Schuhe aus oder berührten die Mauer, die die Menschen drinnen wie ein großes Kleidungsstück verhüllt. Ich muss immer an den Purpurmantel denken, der Jesus umgelegt wurde, um ihn zu verspotten. (Mt 27,28) Manche erlebten die Gefängnismauer als Klagemauer, wie die alte Tempelmauer in Jerusalem. Mir wurde die Situation immer unerträglicher bis ich über die Mauer laut nach Hans schrie. Das ist der Name eines Freundes, der in Berlin in Untersuchungshaft einsitzt. Wie unwichtig war da das Schild an der Mauer, dass eine Kontaktaufnahme mit den Gefangenen verboten ist oder dass Hans nie in Osnabrück war. Die Betonmauer hatte für mich plötzlich einen Riss.

Nach der kurzen Meditationszeit versammelten wir uns wieder und nannten unsere Anliegen meist in der Form von Fürbitten. In diesen Gebeten wurde viel Schmerz deutlich, aber auch die Dankbarkeit, an diesem Ort stehen zu dürfen. So sagte einer, dass ihm hier eine Situation am Morgen in der Nähe des Bahnhofs als eine Begegnung mit Gott deutlich wurde oder ein anderer sprach von der Überraschung, dass er in einer Monstranz arbeiten dürfe. Er ist in einer forensischen Klinik beschäftigt, die wie ein Gefängnis mit Mauern und Stacheldrahtrollen gesichert ist. - Nach jedem Beitrag sangen wir gemeinsam den Gebetsruf: "Lord, hear my pray'r" (Herr, erhöre mein Gebet).

Zum anschließenden Exerzitiengespräch zogen wir uns einige Meter aus dem Blickfeld der Gefangenen in einen Gang zwischen den Gebäuden zurück. Nach einigen Strophen von dem Lied "Da wo ein Brunnen fließt …" lasen wir die Mosesgeschichte vor, wie sie Stefanus in seiner Predigt kurz vor seinem Tod zusammengefasst hat: Apg 7,30-35. Danach sprudelten die Erzählungen. Manche waren so bewegt, dass sie nur unter Tränen sprechen konnten. Andere waren überrascht von der inneren Freude.

So erzählte eine Frau davon, dass sie den ganzen Weg ohne Schuhe gegangen sei. Verwunderlich war für sie, dass sie in keine Scherbe getreten war. Das wäre nicht typisch, denn sonst würde sie in jedes bereitliegende Problem treten und sei dadurch immer in vergangene Ereignisse verstrickt und könne nicht nach vorne blicken. Doch heute hätte sie gelernt, einfach neben die Scherben zu treten, sie also liegen zu lassen und nach vorne zu sehen.

Eine andere Teilnehmerin erzählte von ihrer Angst, als das Ziel des Weges genannt wurde. Mit dem Gefängnis wollte sie nichts zu tun haben. Jetzt konnte sie von der Ruhe und Klarheit erzählen, die sie hier gefunden habe. Aber es gab auch jemand, der in sich den Druck des Urteilens gespürt hat. Ganz spontan hat er über die Inhaftierten gerichtet. Es war gut, dieses Verhalten in sich zu entdecken und beiseite zu legen.

Nach etwa zehn Erzählungen von Eindrücken an diesem Tag und Nachfragen von uns, haben wir darum gebeten, jetzt die Mosesgeschichte nochmals zu erzählen. Dabei kamen einige neue Aspekte zu Wort, besonders als es um die Frage ging, wo wir diese Geschichte schon im eigenen Leben wahrgenommen haben. Sofort erzählte eine Frau: "Es gab einmal einen Mann, er hieß Mose. Er bemerkte einen Dornbusch, der brannte aber verbrannte nicht. Er sah ihn von weitem. Dann ging er aber nicht hin, um sich diese Begebenheit näher anzusehen, sondern er ging weiter."

Wir beendeten diese Runde mit einem Lied und zogen wieder zurück vor das Gefängnis. Dort sangen wir zum Abschied für die Gefangenen, von denen wir bisher noch keine Lebensäußerung wahrgenommen hatten, das Befreiungslied: We shall overcome. Da sah ich in einem Fenster ganz deutlich durch die Sichtblenden hindurch das Gesicht eines Mannes, der aufmerksam zuhörte. Ich konnte jede Falte seines Gesichtes sehen. Er musste auf einem Möbelhaufen stehen, denn die Zellenfenster waren sehr hoch angebracht. Er war sichtlich bewegt und ich sang im Augenkontakt mit ihm. Als wir geendigt hatten, hörten wir das Klatschen aus vielen Zellen. Da war eine große Freude in uns. Claudia gab uns dann den Segen und wir verabschiedeten uns nach diesen gut gefüllten 2,5 Stunden fast schweigend und zogen nach und nach zurück in das Gewühl des Katholikentages.

Teresa, die die Exerzitien auf der Straße von Beginn an kennt, stieß vor dem Gefängnis zu uns. Sie war sehr beeindruckt von der Sammlung der Teilnehmer/innen und fühlte sich sofort mit im Gebet. Wir konnten ihr - und später auch anderen - ausführlich von der Kreativität Gottes in diesen Stunden erzählen. Einige Zuhörer kamen am nächsten Tag, manche stießen erst auf dem Weg zum Gefängnis dazu. Auch sie kamen noch in den Exerzitienprozess mit hinein und teilten ihre Erfahrungen mit uns allen beim Exerzitiengespräch. Das war eine der neuen Überraschungen am zweiten Tag. Ich wollte beim zweiten Besuch den Gefangenen gerne wieder sehen und sprach ihn im Gebet laut an. Doch er zeigte sich nicht

.

Abends kam ich am Bahnhof mit einer älteren Frau ins Gespräch. Sie war am Samstag auch vor dem Gefängnis gewesen. Dort wurde ein Gottesdienst gefeiert. Zeitgleich fand in der Gefängniskapelle ein Gottesdienst statt. Über eine Standleitung waren beide Gruppen miteinander verbunden, sodass die Gebete und Lieder mal im Gefängnis und mal auf dem Vorplatz angestimmt wurden. Sie hat mit viel Freude von diesem außergewöhnlichen Ereignis erzählt.

Nach ein paar Tagen bekam ich eine E-Mail von einer Teilnehmerin mit folgendem Inhalt: "Ich wollte Dir sagen, dass es mir sehr gut getan hat, dass die Straßenexerzitien in der Gruppe stattfanden. Beim Kontaktseminar in Münster sind wir ja alle allein losgezogen. Das fiel mir nicht so leicht. Diesmal war es ganz anders. Ich mache ja viel allein: An der Hochschule ..., aber auch hier zuhause, wo ich mich auch oft allein fühle. Da bin ich immer glücklich, wenn ich etwas in einer Gruppe tun kann. Und zudem fand ich es so schön, wie jeder seinen eigenen GottesOrt gefunden hat, obwohl wir alle am selben Ort waren. Auch das Singen zusammen war so gut. Macht Ihr das öfter als Gruppe, oder war das diesmal die Ausnahme?" Gespannt bin ich, welche Anregungen uns diese Erfahrungen noch geben werden.

 

 

Ingo Vater
So fingen die Exerzitien an

Als ich von den Exerzitien auf der Strasse hörte, war ich gleich begeistert von der Idee und zugleich neugierig! Voller Erwartung fuhr ich nach Berlin.
"...einen Gegenstand mitbringen durch den ihr auf eure Motivation und Hoffnung hinweisen wollt." hieß es in der Einladung. Ich entschied mich für Streichhölzer, die in mir das Feuer meines Glaubens neu entzünden.
In Berlin angekommen fuhr ich mit der U-Bahn bis zum Moritzplatz. Am Ausgang der U-Bahnstation fragte mich plötzlich ein Afrikaner: Hast du Feuer? Nein! antwortete ich schnell ...äääääh Moment mal. Nun kramte ich in der Tasche nach den Streichhölzern und entzündete seine Zigarette. Ich war mitten in den Exerzitien!
An den folgenden Tagen folgte ich diesem Ruf weiter. Ich ging einfach los und sah am Rande des Gehwegs einen jungen Mann mit einigen Taschen gebeugt sitzen. Ich näherte mich ihm unbemerkt und blieb erstarrt mit dem Rücken zu Ihm stehen. Was wohl die vorbei gehenden Fußgänger gedacht haben?
Ich überlegte: "Kannst du ihn so was fragen, Ingo?" - "Kannst du weitergehen?" Nein, das konnte ich nicht! Ich nahm all meinen Mut zusammen, ging auf ihn zu und sagte: "Entschuldigen Sie, ich habe mal eine ungewöhnliche Frage: Wo würden sie hier in Berlin Gott suchen???
Der junge Mann richtete sich etwas auf und antwortete im polnischen Akzent: "Ich suche Gott jeden Abend in meinem Herzen!!!" Ratlos fragte ich weiter:"...und wo in Berlin?"
Ich hatte das EIGENTLICHE seiner Antwort nicht verstanden. Er sah meine Ratlosigkeit und schickte mich zum "Vatikan" am Hermannplatz links unten. Wahrscheinlich eine Kirche dachte ich und folgte seinem Ruf. Dies war der Auftakt zu einer sehr sehr ungewöhnlichen Reise. Immer die Frage im Hintergrund: Welche Bedeutung hat das Ereignis, die Begegnung, der Spruch auf dem Werbeplakat in meinem Leben?
Eins war in diesen Tagen wichtig geworden: Immer wenn ich Widerstände in meinem Herzen spürte, war die Zeit des Handelns für mich gekommen.
Zwei Wörter finden sich in meinem Tagebuch häufiger: "plötzlich" und "verrückt"
Was bleibt ist eine tiefe Dankbarkeit für das Spüren des Heiligen Geistes durch diese Tage.

 

 

Sr. Lucia Mersmann
Von Staunenswertem erfüllter Ort

Im August 2008 war ich zu zehntägigen Exerzitien im Norden Duisburgs, im Stadtteil Marxloh. Von meinen Erfahrungen in den Tagen dort möchte ich erzählen.
Wir, die zwölf TeilnehmerInnen, einschließlich vier Personen Begleitung, hatten die Möglichkeit, dort in der Pfarrei Peter und Paul eine Unterkunft zu finden und Frühstück + Abendessen gemeinsam einzunehmen. Als verbindlich für den Abend stand ein Austausch in zwei Kleingruppen auf dem Programm, um unsere Erfahrungen vom Tag gemeinsam zu reflektieren und Orientierung für den weiteren Weg zu bekommen. Den Tag über waren wir unterwegs, auf öffentlichen Plätzen und entlang den Straßen der Stadt. Der Aktionsplan 'Heilige Orte in der Stadt Duisburg' und ein Stadtplan waren gute Hilfen für unser tägliches Unterwegs.

In Marxloh, mit vorwiegend türkischen Bewohnern, ist der Ausländeranteil wahrscheinlich über 70%. Im Oktober wird dort der Bau einer im arabischen Stil gebauten Moschee abgeschlossen sein. In diesen Tagen wird die Bodenheizung verlegt. Daher ist sie als 'Raum der Stille' nicht betretbar. Im Erdgeschoss der Moschee ist ein Raum für interreligiöse Begegnungen vorgesehen.
Dieses Marxloh, mit seinen interkulturellen Möglichkeiten, ist mir ein besonderes Anliegen. Hier erfahre ich mich offen für Überraschungen, auch wenn sie ganz alltäglich daher kommen:

  • Begleitung einer älteren, deutschen Passantin auf ihrem Weg zum türkischen Arzt. Sie erzählt von ihren Erfahrungen, einst und heute, von einer unbeschwerten Zeit mit ihrem Mann und den Ängsten, wenn sie heute allein ist auf ihrem Weg zu einer wichtigen Untersuchung.
  • Entlang einer verkehrsreichen Straße finde ich den Second-Hand-Shop des Kinder-Kreuzbundes. Eine junge Mitarbeiterin verdient dort zwei Euro pro Stunde. Mit dieser Beschäftigung erwirbt sie sich ein Anrecht auf Hartz IV - Unterstützung.
  • Wenige Meter weiter bekomme ich eine wunderschöne dunkelrote Rose, mit langem Stiel und ohne Dornen: von einer Floristin, die aus ihrem Urlaub zurück, jetzt ihr Blumenlädchen neu dekoriert; sie hat wohl mein kleines Kreuz am Halsband gesehen und sagt: "Wer immer hier vorbei geht, auf dem Weg zur Kirche, der bekommt eine Rose von mir."
  • In Richtung Pfarrkirche begegne ich dem vierjährigen Linus. Er geht mit, in seinen Händen hält er die Rose. Er bringt sie in die Kirche, vorne rechts zum Tabernakel. Dabei sieht er das erste Mal eine Kirche von innen, an die er sich vielleicht später erinnern wird. Sein jugendlicher Vater schaut ihm zu; er möchte, dass sein Sohn sich später selber zur Taufe und damit für eine Gemeinschaft entscheidet, zu der er gehören möchte.
  • Dann, mitten in einer Gruppe von Alkohol- und Drogenabhängigen an einem zentralen Platz Marxlohs, höre ich zu. Ein junger Mann zeigt mir auf seinem Handy ein Foto: "Meine Perle," so sagt er, mit Liebe und Begeisterung, "aber jetzt ist sie zu dick, um noch schön zu sein."
  • Ohne Bierflasche, eins mit ihnen? In der Gruppe werde ich nicht hinterfragt.
  • Besuch einer jüdischen Synagoge zur Shabbatfeier. Ich befinde mich auf der Empore; die Männer sind unten im zentralen Teil des Gebäudes. Etwa vier Stunden rezitieren wir Psalmen und hören Texte, von denen mir einige neu waren, da unser christliches 'Erstes Testament' eine gekürzte Version der Thora ist. Anschließend sind wir zum gemeinsamen Mahl - Kiddusch - eingeladen: Frauen und Männer bei Brot und Wein . . . .
  • Auf der Empore der Synagoge treffe ich eine gute Bekannte von einem Bibelkreis im Karmel und später in meiner Wohnung. Nach mehrjährigem Studium des Judentums, Erlernen der hebräischen Sprache und abschließender Prüfung, wurde sie in diese jüdische Gemeinde aufgenommen.
  • An einem sonnigen Abend, mit dem Fahrrad unterwegs im nahe gelegenen Bürgerpark, treffe ich auf eine Gruppe älterer türkischer Frauen. Wir unterhalten uns und zum Abschied legt eine der Frauen ihre rechte Hand wie segnend auf meinen Arm.

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Vor mir liegt ein Artikel, der im vergangenen Jahr nach meinen Straßenexerzitien im Westen Duisburgs, dem Stadtteil Homberg, mit dem Motto: "Zieh die Schuhe aus ..." für den Pfarrbrief dort geschrieben wurde. Die Fragen darin bewegen mich neu. Mein Alltag ist 'abgehoben' durch Aufgaben in einem anderen Umfeld. Die kritische Rückfrage nach Sinn und Ehrlichkeit solchen Übens 'entlang der Straße' bleibt, stellt mich in Frage, konfrontiert mich.

Der abschließende Satz des genannten Artikels ist mir besonders wichtig: "Mut und vor allem Vertrauen". Das kann der rote Faden bleiben. Hinzufügen möchte ich jetzt, nach einem Jahr Erfahrung: Vertrauen, dass 'Führung und Fügung' im Hier und Jetzt entlang den Straßen mit mir unterwegs ist! Ich kann mir Zeit nehmen, dem nachzuspüren. Vielleicht kann ich hier sehen und hören, was schon lange in mir wach werden und sich zeigen wollte.

Hier kann ich Menschen begegnen, die wichtige Spuren ihres Lebens aufleuchten lassen, ohne Anerkennung zu suchen. Hier lerne ich loszulassen, was meine Lebensspur verdunkelt und austrocknen lässt. - Verstehen möchte ich, was sich erst im Rückblick buchstabieren lässt. So bleibt jeder Tag ein offenes Übungsfeld.

Der zentrale Bibeltext unserer Exerzitien war auch in diesem Jahr der 'brennende Dornbusch' Exodus 3, Verse 1-5

Ein Zitat nach Rachel Naomi Remen 'Aus Liebe zum Leben'
"Wie ist doch 'unser Leben' erfüllt von Staunenswertem, und wir wussten es nicht,"
könnte eine froh machende Bestätigung jeden Alltags sein.

Sie schreibt: Tage vergehen und die Jahre verschwinden, und wir wandeln blind umher unter Wundern. Herr, erfülle unsere Augen mit Sehen und unseren Geist mit Wissen. Lass es Momente geben, in denen Deine Gegenwart die Dunkelheit, in der wir wandern, wie ein Blitz erhellt. Hilf uns zu sehen, wohin wir auch schauen, dass der Dornbusch brennt ohne zu verbrennen. Und wir von Gott angerührte Erde werden, nach dem Heiligen ausgreifen und voller Ehrfurcht ausrufen: "Wie ist doch dieser Ort erfüllt von Staunenswertem, und wir wussten es nicht."

In diesen zehn Tagen in Marxloh ist mir Duisburg neu und versöhnt Heimat geworden. Mein Lebens- und Arbeitsfeld in den vergangenen 25 Jahren, in verschiedenen Stadtteilen Duisburgs, hat sehr unterschiedliche Gesichter und Erfahrungen. Was 'objektiv gesehen' unbedeutend oder sogar 'abgedreht' erscheint, kann für mich immer wieder ein 'brennender Dornbusch' sein und zum Ausziehen der Schuhe einladen.

 

 

Elisabeth Kampe
Da war ein Fremder

Dritter Exerzitientag in Berlin Kreuzberg. Es regnet in Strömen. Ich ziehe los im Vertrauen, dass Gott mich führen wird. Ich entdecke an der Ev. Emmausgemeinde ein Schild: Mittwoch und Donnerstag Frühstück von 9:00 bis 12:00. Bei dem Regen eine heiße Tasse Kaffee - wunderbar. Ich setze mich zu zwei Männern an den Tisch. Der eine geht bald, und mit dem anderen entwickelt sich ein Gespräch.

Er erzählt von seinem Leben. Er hat sein Zuhause verlassen. Seine Frau hat jetzt einen Anderen. Seine beiden Kinder haben es zu etwas gebracht. Immer wieder entschuldigt er sich, dass er noch benommen ist von den 6 Flaschen Rotwein, die er am Vortag getrunken hat. Einige Male wankt er zur Toilette.

Mit einem anderen Frühstücksgast entwickelt sich fast eine Prügelei. Mir wird es unbehaglich.
Er fragt mich, was ich in Berlin tue. Ich erzähle ihm, dass ich Gott suche. Das hält er für absoluten Quatsch und sagt, dass alle Katholiken Lügner seien.
Mit denen will er nichts zu tun haben. Mir gegenüber ist er freundlich, besorgt mir Kaffee und holt aus einer verklebten Plastiktüte einen Krapfen heraus, den ich nach einiger Überwindung esse. Er wundert sich, dass ich so lange Zeit habe und bei ihm sitzen bleibe und sagt immer wieder, dass ich eine ganz Nette sei.

Ich gehe zurück in unser Exerzitienquartier und setze ich mich in die Michaelskirche zu einer Meditation.
Meine Frage: Was soll ich von diesem Vormittag halten? Wo warst du, Gott?
Ich finde keine Antwort und bin ratlos.
Abends in der Austauschrunde erzähle ich meine Erfahrungen des Tages.

Die Antwort der Exerzitienbegleiterin:
Da war ein Fremder, der sich Dir vorbehaltlos geöffnet hat. Er hat Dir ungeschützt Einblick gegeben in sein Leben. Er hat Dir von schmerzlichen Erfahrungen erzählt ohne Angst, sein Gesicht zu verlieren. Er war ganz unverstellt. Er hat für Dich gesorgt, Krapfen und Kaffee mit Dir geteilt. Er hat sich in seiner ganzen Schwachheit gezeigt. Und er hat Dir immer wieder gesagt, dass Du eine ganz Nette bist. Wann bekommt man das schon einmal gesagt. Das ist doch wunderbar!

Schon als die Exerzitienbegleiterin mir diesen ganz anderen Zugang eröffnete, wurde mir warm ums Herz. Stimmt! Wie konnte ich die Kostbarkeit dieser Begegnung nicht sehen?
Habe ich mich nicht doch - ganz unbemerkt - als die Überlegene gefühlt und deshalb den Wert dieser Begegnung nicht erkannt? Wäre Herr Prof. Dr. Mustermann mein Gegenüber gewesen, hätte ich mich vermutlich geschmeichelt gefühlt, als "ganz Nette" bezeichnet zu werden. Bei Thomas, dem "Berliner Penner", wie er sich selbst bezeichnet, nehme ich es kaum wahr.

29.10.2008

 

 

Edwin Reyes
Meine drei "Patronen"

Drei Kugeln haben bei meinen Exerzitien eine besondere Rolle gespielt. Sie waren wie drei Schutzpatrone, die mir erschienen sind.

"Heute habe ich die Prüfung geschafft!", berichte ich stolz der Gruppe am Abend des fünften Tages der "Exerzitien auf der Straße" in Berlin. "Aber wie es gelaufen ist, erzähle ich euch erst morgen." Erschöpft aber befreit gehe ich ins Bett im Untergeschoß der Kirche der Gemeinde Sankt Michael in Kreuzberg.

Am nächsten Morgen stehe ich auf und grüße den Tag noch vor dem Frühstück mit einem kleinen Sonnengebet. Dann schon die erste Überraschung: vor mir liegen auf der Waldemarstraße drei Patronen. Mir kommt spontan der Gedanke: "Schieß los! Raus damit! Erzähl es wirklich! Lebe!"

Viele Symbole haben mir während der Exerzitien geholfen, wie Museen, Denk- und Mahnmäler, Mauerwege und Reste. Sie waren oder sind Symbole von Terror und Tod, die das Leben verdrängen.

Ängstlich betrete ich diese Orte. Es waren fünf Tage der Verweigerung, bevor ich meine Schuhe der Kleinmütigkeit auszog. Das erinnert mich an Mose vor dem brennenden Dornbusch. Auf Englisch heißt er nur "burning bush". DORNbusch - Ja genau: Die Straßen in diesem Sommer in Berlin waren manchmal kalt und auch manchmal heiß. Und dann noch die Steinchen und Glasscherben, die Verletzungen verursachen können. Das Ausziehen der Sandalen kann es nur ein Verrückter wagen.

So habe ich am Ende der Woche zwei Blasen an meinen Fußsohlen. Barfuss oder sogar nackt zu sein macht uns verletzbar.

Und trotzdem, gerade dort wo ich mich ausziehe, sehe ich mein Ganzes, spüre ich, wie ich mit dieser Straße der Welt sehr verbunden bin. Weg mit dem Schutz, der uns verweichlicht und uns im Leben überempfindlich macht.

Da war/ist/wird Gott (sein).

Ja! Barfuss bin ich vor den brennenden Dornbusch hingetreten.

In der dritten Etappe der Exerzitien kann man nur das Sakrament der Einheit feiern, und zwar Barfuss, in der Fußwaschung.

Barfuss werde ich gewaschen, so dass es mir so kitzelig ist. Und das Kind in mir wird geweckt. Am nächsten Tag kann ich nur Weinachten mitten im Sommer feiern. Lieder aus meiner Heimat singe ich auf der Straße und werde noch am Nachmittag in der Gruppe mit dem Lied "Freue dich, O Christenheit" bestärkt.

Ja! Ich kann Barfuss in diesem Leben gehen, weil alles Leben heilig ist.

 

 

Manuela Knopp
"Ich suche Gott!"

"Ich suche Gott!" Mit diesem Satz habe ich bei meinen Exerzitien auf der Straße einige Menschen etwas überrascht. Doch hat er mir auch Türen geöffnet und Interesse geweckt. Anfang September durfte ich eine Woche Exerzitien auf den Straßen von Duisburg erleben. Mit mir unterwegs waren drei weitere junge Frauen. Begleitet wurden wir von einer Schwester und einem Priester.

Die Straßenexerzitien sind auf einer Bibelstelle aufgebaut:
Mose weidete die Schafe und Ziegen seines Schwiegervaters Jitro, des Priesters von Midian. Eines Tages trieb er das Vieh über die Steppe hinaus und kam zum Gottesberg Horeb. Dort erschien ihm der Engel des Herrn in einer Flamme, die aus einem Dornbusch emporschlug. Er schaute hin: Da brannte der Dornbusch und verbrannte doch nicht. Mose sagte: Ich will dorthin gehen und mir die außergewöhnliche Erscheinung ansehen. Warum verbrennt denn der Dornbusch nicht? Als der Herr sah, dass Mose näher kam, um sich das anzusehen, rief Gott ihm aus dem Dornbusch zu: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Der Herr sagte: Komm nicht näher heran! Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden. Dann fuhr er fort: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Da verhüllte Mose sein Gesicht; denn er fürchtete sich Gott anzuschauen.

Mit dieser Bibelstelle wurden wir losgeschickt auf die Straßen von Duisburg um unsere "Heiligen Orte" zu suchen. Zu spüren wo brennt mein Dornbusch aus dem mich Gott beim Namen anspricht. Wo begegne ich Gott? Welcher Ort ist für mich heilig? Wir wurden losgeschickt um unsere Schuhe auszuziehen. Das kann bedeuten: Vorurteile ablegen, behutsam und respektvoll zu sein oder Ohnmacht zu spüren. Für jeden ist der brennende Dornbusch, der heilige Ort, verschieden. Von unseren Begleitern bekamen wir eine Liste mit möglichen heiligen Orten: Gefängnis, Obdachlosenheime, Babyklappe, Tafelladen, Hospiz, Amtsgericht, Arbeitsamt, Krankenhäuser, Marktplätze, Moschee, Synagoge, Kirchen, Bordelle, Mittagstische für Bedürftige … . Man gab uns den Rat auch offen zu sagen was wir in Duisburg tun, oder Menschen zu fragen, wo wir Gott finden könnten.
Meine Erfahrungen kann ich eigentlich kaum beschreiben. Ich habe Gott dort gefunden, wo ich es nicht vermutet hätte. Menschen haben mir den Weg gezeigt, denen ich es niemals zugetraut hätte.

Meine "Wegweiserin":
Am ersten Tag meiner Suche nach meinem heiligen Ort, wusste ich: Für mich geht es zum Gefängnis. Ich setzte mich in die Straßenbahn und stellte fest, dass es davon zwei gab in Duisburg, in der Stadtmitte und beim Amtsgericht. Doch an beiden Stationen konnte ich mich nicht überwinden auszusteigen. So fuhr ich in einen abgelegenen Stadtteil und schaute mich dort etwas um. Als ich an eine Haltestelle kam sagte eine Frau zu mir: "Die Straßenbahn fährt um 11.16 Uhr. Sie hält auch an der JVA." Ich sagte: "Danke, da wollte ich hin! Ich weiß nur noch nicht zu welcher." Da erzählte sie mir: "Mein Freund sitzt darin und ich darf ihn nur alle zwei Wochen besuchen. Er fehlt mir. Aber was machst du da? Rein musste wohl nicht, oder?" Ich antwortete noch zaghaft: "Ich möchte mir das ansehen!" "Das geht nicht. Da kommt niemand nur so rein! Du bist schon komisch!" meinte sie. "Ich suche aber Gott!"
Da entstand eine lange Pause. Ich habe schon gedacht das Gespräch sei beendet als sie meinte: "Gott in der JVA? Hmmm, dann geh mal zu der in der Innstadt. Da ist ein Pastor, vielleicht kann der dir helfen!" So war die JVA in der Innenstadt mein Ziel.

Heiliger Ort - Gefängnis:
Am Gefängnis, der JVA, setzte ich mich mit etwas Abstand vor die Mauer. Diese hohen Mauern waren sehr schwer auszuhalten. Ich kam nicht hinein und heraus kam auch niemand.
Einmal kamen zwei Frauen, die einen Mann besuchen wollten. Sie wurden von irgendeiner anonymen Stimme aus der Sprechanlage abgewiesen. Der Mann dürfe keinen Besuch empfangen, er würde verlegt werden in eine andere JVA und er brauche nichts. In zwei Wochen sei Besuchszeit. Die Frauen ließen sich so leicht nicht abweisen und versuchten es wieder, ohne Erfolg. Sie schauten mich an, als ob ich ihnen helfen könnte. Doch ich war genauso ohnmächtig wie sie. Hier wurden mir die Schuhe ausgezogen.
Nach einigen Stunden des Sitzens spürte ich, hier ist Gott. Er ist vor der Mauer und teilt meine Ohnmacht. Er hielt mit mir aus. Er ist hinter der Mauer bei den Gefangenen und teilt deren Ohnmacht und Sehnsucht nach Freiheit. Dort vor der JVA hat für mich der Dornbusch gebrannt.

Die Reporterin:
An einem richtig warmen Tag in Duisburg ging ich barfuss in die Stadt. Die Schuhe wurden in den Rucksack gepackt. Natürlich gab es immer wieder überraschte Blicke.
Ich setzte mich in der Fußgängerzone vor einen Brunnen und habe die Sonne genossen. Da kam eine Reporterin und fragte: "Was machen sie denn heute noch an diesem schönen Tag?"
Ich sagte: "Ich suche Gott!" Da bekam ich zur Antwort: "Aber doch nicht an so einem schönen Tag? - Warum suchen sie denn überhaupt Gott?" Darauf konnte ich so schnell keine Antwort geben.
Diese Reporterin hat mich völlig aus der Bahn geworfen mit ihrer Frage. Es war klar, ich suche Gott. Doch über das Warum habe ich mir keine Gedanken gemacht.
Die Frage beschäftigte mich und an einem ganz ungewöhnlichen Ort bekam ich die Antwort.

Heiliger Ort - ausgebranntes Haus:
An unserem zweiten Tag in Duisburg hat es in unserem Stadtteil gebrannt. Drei Kinder und eine junge Frau kamen dabei in einer Wohnung ums Leben.
Dieses ausgebrannte Haus war mein Ziel. Ich kam zu diesem Haus und fand davor ein Meer von Blumen, Kerzen, Kuscheltieren und Briefen. Da stand z.B. "Warum?" "Wir Muslime beten für Euch!" Menschen standen vor dem Haus und hielten sich im Arm. Sie redeten miteinander und weinten. Auch mir kamen die Tränen an diesem Ort. Tränen der Trauer und der Freude. Freude, weil dieses Miteinander, diese Solidarität mich überwältigt hat. Ich setzte mich auf die andere Straßenseite und nach einiger Zeit kamen Menschen zu mir und fragten was ich hier mache. Ich antwortete: "Ich suche Gott!" "Den suchen wir hier alle!" antwortete eine Frau.
Doch ist mir hier klar geworden, warum ich Gott suche. Auch hier hat für mich der Dornbusch gebrannt. Hier war Gott ganz deutlich spürbar: in den Gesprächen der Menschen, in den Briefen, in den Fragen und in den Umarmungen. Aus Ehrfurcht habe ich hier meine Schuhe ausgezogen.

Dornbüsche gab es in Duisburg einige für mich: Straßenmusiker, die Plätze der Obdachlosen, in der Straßenbahn, der Mittagstisch für Einsame …. Doch nicht nur in Duisburg brennen sie. Auch hier in meinem Alltag finde ich diese heiligen Orte. Ich muss nur offen dafür sein, wo und wie Gott mich anspricht und mir begegnen möchte. Manchmal packt es einen voll und ganz. Manchmal ist es nur ein leichtes Kribbeln.

 

 

Johanna Palm
Gott ist ein Halunke

Das Wichtigste, das ich in den Straßenexerzitien verstanden habe ist: Gott liebt mich und ich liebe Gott!
Vorher habe ich mit großer Überzeugung gesagt: "Gott ist die Liebe!" Jetzt ist dieser Glaubenssatz vom Kopf in mein Herz gerutscht und ich weiß es ganz persönlich: ER liebt mich!

Eine andere wichtige Erfahrung gerade für mich ist: Gott hat sehr viel Humor!
Ich habe selten so oft aus tiefer Freude heraus gelacht, wie in diesen Tagen auf der Straße. Immer wieder wurde mir eine frohe oder humorvolle Situation geschenkt, aber oft war es auch ein Lachen aus Selbsterkenntnis.

So hatte ich zwei Erlebnisse in denen ich von Menschen, die es mir eigentlich nur gut meinten, völlig überfahren wurde.
In einer Suppenküche wollte ich nach der Hauptmahlzeit eigentlich nur fragen, ob das in dem Topf Fleisch oder Fisch sei, um vielleicht noch einen kleinen Löffel davon zu erbitten. Doch mein Fingerzeig genügte, um mir sofort eine große Kelle davon zu verpassen. Und so aß ich auch das noch, obwohl ich schon ziemlich satt war. Ich war ja schließlich in der Suppenküche.
Im Reichstagsgebäude wollte ich in die Kapelle des Bundestags. Der Sicherheitsbeamte sah mich nur groß an und sagte: "Kapelle??? Vortrag!!!" Und eh ich mich versah, saß ich im Vortrag über die Arbeit des deutschen Bundestags. War auch ganz interessant!

Zwei Situationen von mehreren, in denen ich herzlich lachen musste. Sie kamen mir irgendwie bekannt vor. Erst zu Hause begriff ich, was ER mir damit sagen wollte. Ich selbst verhalte mich auch gerne vor lauter "Gutmeinen" bevormundend. Solche Situationen, in denen ich mit einem Augenzwinkern auf meine eigenen schwierigen Seiten hingewiesen wurde, erlebte ich öfter und sie öffneten mich. Ich erlebte sie nicht mit Scham, sondern mit Humor. Das tat mir in der Seele gut.

Ja, Gott liebt mich. Ich habe seine liebevolle Führung in diesen Tagen recht spürbar erlebt. Ich fühle mich insgesamt in meinem Leben von Gott geführt. Jedoch verstehe ich das meist erst sehr viel später im Rückblick. In diesen Tagen der Exerzitien war es für mich im Augenblick spürbar. So zum Beispiel in der Bernauerstraße, in der eine Gedenkstätte zur Berliner Mauer und auch die neu aufgebaute Versöhnungskirche steht.

Ich hatte mich einige Stunden mit den Leiden der Menschen durch den Mauerbau beschäftigt und hatte an der Gedenkandacht um 12.00Uhr für Paul Schultz, einen der über 150 Maueropfer, teilgenommen. Das hatte mich wirklich sehr betroffen und traurig gemacht. Da sah ich vor der Kirche mitten in der Stadt auf dem ehemaligen Todesstreifen einen Traktor säen. Auf mein Nachfragen hin erzählte mir eine Frau aus der ansässigen Gemeinde, dass man seit einigen Jahren auf dem Todesstreifen Roggen sät und erntet. Sie zeigte mir die Säcke, die zum Erntedank noch vor dem Altar standen und erzählte mir, dass die Gemeinde daraus Hostien für den Gottesdienst bäckt, aber auch einen Teil an Bedürftige abgibt. Und manchmal würden sie ihn auch verschenken. Sie öffnete eine Tür und gab mir ein kleines Säckchen Roggen. Ich war total gerührt und wusste sofort, dass auch ich aus diesem Roggen, der auf dem Todesstreifen gewachsen ist Fladenbrot für einen Gottesdienst backen werde. Einen Teil habe ich mit der Exerzitiengruppe geteilt.

In Berlin erlebte ich viele Stätten, an denen aus Tod Leben wurde. So ist aus dem stillgelegten Flughafen Tempelhof, auf dem nach dem Krieg im Minutentakt die Flugzeuge der Luftbrücke landeten, jetzt der größte Spielplatz Berlins geworden. Dort sind Fahrradfahrer, Inlineskater, Liebespaare, Spaziergänger und Kinder, die Drachen steigen lassen, unterwegs.

Der Reichstag, der von den Nationalsozialisten angezündet wurde, um es den Kommunisten in die Schuhe zu schieben, steht in neuem, alten Glanz und beherbergt unsere demokratische Regierung. Es ist das meistbesuchte Parlament der Welt. Mir ist es ein großes Bedürfnis für die Frauen und Männer, die unsere Geschicke lenken, zu beten, damit die glückliche Situation des Lebens sich nicht plötzlich wieder ins Gegenteil umkehrt. Gerade in Berlin, zum Beispiel im Stasiknast Hohenschönhausen, wurde mir sehr deutlich, wie anfällig jedes Staatssystem und auch wir einzelnen Menschen für Missbrauch von Macht sind. Es braucht viel Gnade und auch viel Gebet, dass wir Menschen MENSCHEN werden und bleiben.

Auf dem Weg entlang der ehemaligen Mauer, spürte ich immer wieder neu, welche Gnade, welches Wunder die friedliche Wiedervereinigung Deutschlands ist. So wird aus Tod Leben. Auch in mir sind tote Anteile lebendig geworden.

Ich spüre immer noch große Dankbarkeit, wenn ich an die 10 Tage Straßenexerzitien denke und nachspüre, wie viel mir von IHM gezeigt wurde und mir seine Führung in meinem Leben bewusst machte. Und wie gesagt, das alles mit viel Humor und großer Freude. Unser Gott ist eben manchmal ein echter Halunke, wie Christian zu sagen pflegte.

 

 

Annette Reimers-Avenarius
Pastorin auf Fortbildung

"Naunynstraße 60, genau über dem ‚Tor zur Hölle'" - so beschrieb Christian Herwartz mir den Weg zu dem Ort, der mir für eine Woche als Herberge dienen sollte. Nicht nur bei diesem Satz kam ich arg ins Zweifeln, ob ich die "richtige" Entscheidung getroffen hatte, meine diesjährige Fortbildungswoche nicht in einem schön gelegenen, mit allen Annehmlichkeiten ausgestattetem Tagungshaus mit intellektuellen Vorträgen zu einem mehr oder weniger zentralen theologischen Spezialthema gebucht hatte... Und wer war überhaupt dieser Christian?

Einmal gab es eine Email hin und her, dann ein kurzes Telefonat mit obigen Satz - ich kannte den Mann schlicht nicht - hatte lediglich merkwürdige Dinge über diesen Jesuiten und Arbeiterpriester gehört...Auf die Frage, was ich mitzubringen habe, antwortete er mir: "Nichts". Ich fragte sofort nach: Was kostet mich die Woche? Soll ich Bettwäsche einpacken? Handtücher? Und schon etwas verunsicherter: Die Bibel? Er blieb beim "Nichts", und sagte alles ist hier, auch eine Bibel, und einen Augenblick des Nachdenkens weiter, sagte er: Es wäre gut, wenn Du möglichst wenig mitbringst.

Ich dachte sofort, oh, jetzt denkt er vielleicht, ich sei so eine Tussi mit notorischem Übergepäck, prall gefülltem Schminkköfferchen, jeden Tag Föhnwelle und hochhakkigen Klack-Klack-Schuhen...egal, dachte ich, - ich will es einfach wissen. Ich will einfach wissen, was "Exerzitien auf der Straße" sind und wer dieser Christian ist...Und so machte ich mich auf den Weg nach Berlin Kreuzberg.

Vor dem mehrstöckigen Gründerzeitmietshaus stehend, entpuppte sich das "Tor zur Hölle" als Untertitel einer wenig einladenden, verdammt schwarzen Heavy-Metal- Kneipe mit dem aussagekräftigen Namen "Trinkteufel"; nur zwei Stockwerke höher fand ich eine Art Gegenprogramm: Gelebte Gastfreundschaft! Ich fand eine WG, die vor mehr als 25 Jahren von Franz Keller und Christian Herwartz gegründet wurde, beide Jesuitenpater und Arbeiterpriester, die seit dieser Zeit inmitten ihrer Gäste leben. Zwölf Betten in Mehrbettzimmern waren in der Woche, in der ich da war, belegt, Männlein und Weiblein getrennt, jederzeit hätten noch mehr Menschen dazu kommen können. Ein Wohn- und Esszimmer, eine Küche, zwei Bäder, ein Kachelofen in jedem Zimmer. Vor vielen Jahren eigenhändig renoviert. Miete und Nebenkosten werden bezahlt von den Renten, die sich die beiden Jesuitenpriester als Arbeiter in der Industrie verdient hatten; Essen kommt von der Tafel und von Spenden der beiden Nachbarkirchengemeinden, der römisch-katholischen St. Michael und der evangelischen St. Thomas.

Die Gäste können unterschiedlicher nicht sein - und ich hatte in einer Woche reichlich Gelegenheit, mit den meisten ausführlich ins Gespräch zu kommen. Und wenn ich noch an die Menschen denke, von denen mir erzählt wurde, dass sie hier gelebt haben...Menschen, die hier und nur hier sterben wollten, Menschen, die nur ein oder zwei Nächte ein Bett brauchten, und dann 3 Jahre oder länger geblieben sind. Menschen, verschiedener Nationalität, Sprache, Religion...Kinder, die hier geboren wurden...dann bekomme ich eine Ahnung, was Gastfreundschaft alles bedeuten, umfassen, einschließen kann. Und: Wie sehr die Rolle Gast - Gastgeber - und wieder zum Gast wechseln kann - und welche theologische Erkenntnis damit verbunden ist.

Gibt es Regeln - eine Hausordnung? - Ich habe keine entdeckt - außer zwei wöchentlichen Terminen, an denen man teilnehmen oder es lassen kann: Samstag Vormittag ist großes Frühstück: es kommt alles auf den Tisch, was Küche und Speisekammer hergeben: eine lange Tafel wird gedeckt; es kommen Freunde, Ehemalige, Assoziierte, es wird gegessen, erzählt, man verabredet sich...Und am Dienstag Abend ist Kommunitätsabend: es wird zusammen gekocht, gegessen, einander erzählt, was man in der Woche erlebt hat; jede und jeder, der mag kommt zu Wort, Schönes und Schmerzhaftes hat hier seinen Platz, danach wird Abendmahl gefeiert. Am Esstisch. Einfach. Schnörkellos. Mit einer Scheibe Brot. Ein Bibeltext wird gemeinsam ausgelegt, gesungen, gebetet.

Soviel zu meinem ungewöhnlichen Quartier, das mir innerhalb kürzester Zeit von der Herberge zur Heimat wurde. Von hier habe ich mich täglich aufgemacht: auf die Straße. In die Straßen Kreuzbergs und anderer Stadtteile. Zu meinen Exerzitien. Mitgenommen habe ich die Geschichte von Moses am brennenden Dornbusch, der sich nicht verzehrte.

"Zieh die Schuhe aus, denn hier ist heiliger Boden" - Ich habe die Schuhe ausgezogen, an manchen Orten haben sich mir die Schuhe von ganz allein ausgezogen, ich konnte gar nicht anders. Schwieriger war es schon, innerlich die Schuhe auszuziehen, abzulegen, was mich vom "Heiligen" trennt, innere Barrieren aufzugeben, von manchem hohen Roß hinunterzusteigen, auch das Wehrhafte in mir abzulegen, das, was sich sperrt, um ungeschützt, mit Respekt wahrzunehmen, was ich bei mir und anderen wahrnehme, genau hinzuhören - zu sehen, auf das, was mir begegnet.

Und Mose erfährt den Namen Gottes. Und Gott erzählt ihm vom Elend seines Volkes und wie es ihm zu Herzen geht... Und Gott sendet Mose schließlich.

Und so machte ich meine Erfahrungen mit mir, mit anderen Menschen und mit Gott an für mich völlig fremden Orten wie den Drogenumschlagplatz am Kottbusser Tor, das Jüdische Museum, die Synagoge am Frankl-Ufer, einer Notaufnahme eines Krankenhauses, dem Strich an der Kurfürstenstraße, der Hinrichtungsstätte Plötzensee, der Kirche Regina Martyrum und schließlich dem Abschiebegefängnis in Köpenick. Dort besuchte ich einen Gefangenen.

Was habe ich erlebt: Viel Elend. Auch mein eigenes. Ohnmacht. Glück. Geist, auch vom Heiligen. Sehnsucht. Begegnungen, die ich nicht "machen" kann. Risiko. Menschwerdung. Christian Herwartz war mir erfahrener Begleiter, wir sprachen abends täglich miteinander, d.h. er sagte nicht viel, hörte mir im wesentlichen zu, gab mir Impulse, fragte an entscheidenden Stellen nach...und schickte mich weiter...immer weiter.

    Was habe ich mitgenommen nach dieser "Fortbildung":
  1. Gott redet wirklich! Gott hat mit mir gesprochen. Hörbar. Unverwechselbar.
  2. Durch die Begegnung mit anderen Menschen, habe ich einen tiefen Blick in meine eigene Seele genommen.
  3. Ich habe mehr als einen "heiligen" Ort betreten: einer war die WG Naunynstraße 60. Dort habe ich eine Gastfreundschaft erlebt, von der ich merke, dass sie mich verändert hat: Mich mit weniger zufrieden zu geben, fällt mir zusehends schwerer...Wer weiß, wo das eines Tages hinführt?

Gemeindeblatt der Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Altona-Ost, November 2010

 

 

Corinna Schwarz
Gott begegnen - auf der Straße

Die dritte Strophe der Ostersequenz "victimae paschali laudes" spricht Maria Magdalena an, die dem Auferstandenen begegnet ist:

"Dic nobis Maria

quid vidisti in via"

(Sag uns Maria, was hast du auf der Straße gesehen?)

Daraufhin heißt es:

"Sepulcrum Christi viventis

et gloriam vidi resurgentis.

Angelicos testes

sudarium et vestes.

Surrexit Christus, spes mea

praecedet suos in Galileam."

( Ich sah das Grab des lebendigen Christus und die Herrlichkeit des Auferstandenen, die Engel als Zeugen, das Schweißtuch und die Kleider. Christus meine Hoffnung ist auferstanden und geht den Seinen nach Galiläa voraus.)

Maria Magdalena ist dem Auferstandenen auf der Straße begegnet, eine Begegnung, die noch einmal ihr Leben ganz verändern sollte: auferstanden ist Christus meine Hoffnung. Viele wichtige Begegnungen und Heilungen, von denen die Evangelien erzählen, passieren auf der Straße. Damals wie heute haben Menschen Tage und Nächte auf der Straße gelebt. Bei ihnen verbrachte Jesus einen großen Teil seiner Zeit, als er durch Galiläa zog, um das Reich Gottes zu verkünden.

Jesus war unterwegs mit den Jüngern. Er hat kein "Zentrum" (wie wir das heute nennen würden) gegründet, so wie es zum Beispiel die Angehörigen der Gemeinschaft von Qumran. Jesus sagte: "Die Füchse haben Gruben und die Vögel haben Nester, aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege." (Mt 8,20) Wenn er sich zurückziehen wollte um zu beten, improvisierte er. Er suchte sich einsame Orte, aber er blieb doch im Freien und wurde immer wieder eingeholt. Er schloss sich nicht ein. Bei einer der Heilungen, die in einem Haus geschehen und nicht auf der Straße, wird einfach das Dach abge-deckt, und damit die elementarste Struktur des Hauses zerstört, damit der Kranke ihn erreichen kann. (Mk 2,4)

Im Laufe der zweitausend Jahre seiner Existenz hat das Christentum überall auf der Welt Wallfahrtsorte entdeckt - Orte an denen man auf Heilungen und Wunder hofft. Auch der Weg dorthin ist geheiligt.

Das "Haus verlassen" hat eine lange spirituelle Tradition. Nicht nur christliche Heilige wie Alexius haben diesen Weg gelebt. Lange vor Entstehung des Christentums spielte zum Beispiel im Leben des Buddha "der große Aufbruch" eine wichtige Rolle.

Einer der christlichen Heiligen, die radikal das Haus verlassen und bis zu ihren Tod nicht mehr betreten haben war Benedikt Joseph Labre. Sein Grab (nun hat er doch ein Haus) kann man heute noch in der Kirche Santa Maria ai Monti in Rom besuchen. Unter dem Altar einer Seitenkapelle liegen seine Reliquien. Das Altarbild darüber erzählt wenig von Benedikt Labre. Es sagt mehr darüber aus, wie eine Biographie zurecht gebogen wird, damit der Heilige den Erwartungen der seiner Zeit gerecht wird. Man sieht einen jungen, gut aussehenden Mann, der sich freundlich zu am Boden sitzenden Bettlern beugt und ihnen eine milde Gabe reicht. In Wirklichkeit war Benedikt selbst ein Bettler, ein Obdachloser, der von weitem stank und voller Läuse und Flöhe war. Sein Essen suchte er sich im Müll. Er sah so abstoßend aus, dass er sich verdächtig machte und mehrmals ins Gefängnis kam. Dass er unfreundlich war, wird nicht berichtet. Immerhin heisst es, dass er monatelang schwieg.

Benedikt Labre wurde 1748 in Amettes in Nordfrankreich geboren. Er hatte eine schwierige Jugend. Seinen Wunsch Priester zu werden, musste er aus Abneigung gegen die "philosophische Logik" aufgeben. Er versuchte bei verschiedenen Trappistenklöstern unterzukommen. Entweder wurde er gleich abgewiesen oder nach ein paar Monaten vor die Tür gesetzt. Er durchlebte mehrere schwere psychische Krisen und schien ungeeignet für das Gemeinschaftsleben. Nach dem er drei Jahre mehr oder weniger von Kloster zu Kloster durch die Gegend geirrt war, hatte er auf dem Weg nach Rom eine Erleuchtung. Was genau passierte, weiß niemand. Jedenfalls erkannte er seine persönliche Berufung darin, in größtmöglicher Armut von einem Wallfahrtsort zum andern quer durch Europa zu pilgern. An zwei Orte kehrte immer wieder zurück: Loreto und Rom. In Rom verbrachte er auch die letzte Zeit seines Lebens. Hier starb er völlig ausgezehrt und unter verschiedenen Krankheiten leidend im Alter von 35 Jahren.

Das Zeugnis, das Benedikt Labre hinterlassen hat, ist sein Leben. (Es gibt nur wenige schriftliche Dokumente aus seinem Leben, darunter ein letzter Brief aus Italien an seine Familie, nachdem er das Kloster verlassen hatte.) Im seinem Leben fallen zwei Dinge auf: seine radikale Armut, die nicht nur ein extremer materieller Verzicht war, sondern ein Verzicht auf Anerkennung und Ehre. Er ließ sich aus grenzen: er wurde beschimpft, weg gescheucht (auch aus der Kirche), mit Steinen bewerfen. Das andere, was auffällt, ist sein Gebet. Er scheint ununterbrochen gebetet zu haben. In seinen letzten Lebensmonaten in Rom sah man ihn Stunden, ganze Tage vor dem Allerheiligsten in Santa Maria ai Monti knien. Mehrere Leute haben berichtet, wie sie ihn beim Gebet in einem besonderen Licht sahen und Feuerfunken von seinem Kopf auf die Steinplatten rieselten. ("Der Bettler brennt!" rief eine junge Schwester, die das sah.)

Benedikt Joseph Labre könnte ein Patron der Straßenexerzitien sein. Das die Straße selbst ein heiliger Ort sein kann, ist eine große Wiederentdeckung, die durch die Straßenexerzitien gemacht wurde: ein Ort, an dem man unterwegs ist, aber gleichzeitig ein Ort, an dem Gott da ist: hier und jetzt ziehe ich meine Schuhe aus, denn hier ist heiliger Boden.

Die Straße als heiliger Boden gehört mir nicht. Ich teile sie mir allen, die dort sind, auch mit denen die nur dort sind, weil sie "kein Dach über dem Kopf" haben oder die viel Zeit dort verbringen, weil ihnen zu Hause "die Decke auf den Kopf fällt". Die Straße ist auch ein Ort, wo Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen. Paradoxerweise sind Menschen, die viel Zeit auf der Straße und damit in der Öffentlichkeit verbringen, oft isoliert.Wenn ich die Straße als heiligen Boden erkenne, dann nehme ich sie an mit allen, die darauf stehen, sitzen, gehen, liegen.

Ich bin meiner eigenen Armut auf der Straße begegnet. Als ich in Rom lebte, begegnete ich einem Bettler manchmal mehrmals in der Woche. Er machte immer einen ausgesprochen schlecht gelaunten Eindruck. Er bat um Geld, aber bedankte sich kaum. Aus diesem Grund gab ich ihm fast immer etwas, obwohl ich selbst oft kaum das Geld für einen Capuccino in Tasche hatte. Eines Tages hatte er an seinem Stammplatz einen Konkurrenten, einen jungen Roma, der mir glatt den Weg abschnitt und seinen Anteil vom Almosen forderte. Nach ein paar Tagen brachte mich das in Konflikte: sollte ich jetzt jedem die Hälfte geben? Meinen "Spendeneinsatz" zu verdoppeln, überforderte meine finanziellen Ressourcen… Der ewig schlecht gelaunte, wortkarge Bettler sah mich an und lächelte zum ersten Mal. Er sagte: "Sie brauchen mir nicht jedes mal etwas zu geben." Ich fühlte mich ertappt. Er hatte gesehen, was kaum jemand sah, nämlich dass ich selbst arm war. Zuerst habe ich mich dafür geschämt. Aber von da an kamen wir miteinander ins Gespräch und er lächelte, wenn wir uns in der Stadt begegneten.

In den Begegnungen auf der Straße begegnen wir auch uns selbst neu. Man darf das Leben auf der Straße nicht idealisieren, aber genauso wenig sollte man es banalisieren. Die Straße ist offen. Auch als spiritueller Raum ist die Strasse offen - hier kann ich Gott begegnen im ganz Unbekannten, aber auch im Unerwarteten.

Eine relativ detaillierte Biographie von Benedikt Joseph Labre findet sich auf Französisch unter www.fraterstbenoitlabre.com/; eine kurze Biographie auf Deutsch unter www.benedikt-labre.de/benedikt.html

 

 

Christian Herwartz
Zieh deine Schuhe an einem Ort aus, der dir unangenehm ist

Vielleicht fragst du dich: Die Schuhe ausziehen - warum denn das? Und was hat das mit meinem Glauben zu tun? Gewöhnlich zieht man ja seine Schuhe aus, wenn man nach Hause kommt oder ins Bett gehen will. Und macht sich meist keine weiteren Gedanken darüber. Aber ich kann dem "Vorgang" des Schuheausziehens auch mal ein wenig mehr Beachtung schenken und sie als ein Bild mit einer tieferen Bedeutung betrachten.

Bei den Jesuiten, zu denen ich gehöre, gibt es eine Gruppe von Ordensleuten, die regelmäßig Kurse anbietet, in denen es ums "Schuheausziehen" geht. Das heißt, im Kern geht es darum, seine Umwelt intensiver und bewusster wahrzunehmen. Die Schuhe sind ein Symbol. Sie stehen für meine eigenen Vorurteile, Ängste, Zweifel und falschen Wahrnehmungen. Wenn ich sie "ausziehe", dann bekomme ich Bodenkontakt mit der Realität - und kann das, was um mich herum geschieht, plötzlich aus einem ganz neuen Blickwinkel betrachten. Um das in der Praxis - im Rahmen eines Kurses auszuprobieren - wohnen die Teilnehmer in einer Notunterkunft für Obdachlose mitten in Berlin-Kreuzberg, die im Sommer leersteht. Tagsüber laufen sie durch die Stadt und bleiben an Orten stehen, wo sie innerlich bewegt werden. Dort ziehen sie dann - zumindest gedanklich - ihre Schuhe aus und üben sich darin, die Welt um sich herum aufmerksamer wahrzunehmen.

Ein junger Mann ging beispielsweise auf einen Platz, an dem sich regelmäßig Ausländer trafen, die eine Arbeit suchten. Unfallversicherung und Steuern sollten nicht gezahlt werden; alles musste im Verborgenen geschehen. An diesen zwielichtigen Ort wagte sich der Mann also und zog sich schon am Rand des Platzes seine Schuhe aus. Dann gesellte er sich unbehelligt zu der Gruppe der Arbeit(er)suchenden. Er wollte das, was um ihn herum passierte, aus einem neuen Blickwinkel sehen - die unverblümte Wirklichkeit - und die Welt nicht durch die Brille seiner Vorurteile betrachten. Er wollte die Menschen aus der Perspektive Jesu sehen lernen, nach einem Ort suchen, wo ihm der Auferstandene begegnen konnte - mitten im Großstadttrubel. Voll Freude kehrte er abends nach Hause zurück. Er hatte an diesem Tag fünf Mal staunend seine Schuhe und vor allem seine Vorurteile ausgezogen.

Eine Frau stoppte beim Gang durch die Stadt an einen Drogenumschlagplatz in der Nähe einer U-Bahnstation. Sie mied diesen Ort sonst, besonders wegen des Lärmes, der dort herrschte. An einem "Tag der Besinnung" jedoch ging sie ganz bewusst zu diesem Junkie-Treffpunkt und nahm die Menschen, die ihr so fremd waren, in den Blick. Sie zog die "Schuhe ihres Herzens" - ihren Hochmut, ihre Verurteilungen aus. Staunend blieb sie in Sichtweite zu der Gruppe stehen. Als sie beobachtete, wie diese Leute miteinander umgingen, tat ihr das in der Seele weh. Aber sie sah auch ganz zärtliche Szenen: wie Menschen achtsam mit denen umgingen, die in ihrem Rausch die Orientierung verloren hatten. Fast unbemerkt hatte sie ihre Schuhe ausgezogen. Sie hatte mit den Füßen "sehen" und "fühlen" gelernt.

Die Schuhe ausziehen - das ist also ein Bild für die Bereitschaft, aufmerksam und mit Respekt die Menschen seiner Umgebung wahrzunehmen.

Auch in der Bibel ist an einer Stelle vom Schuheausziehen die Rede. "Zieh die Schuhe aus!", sagte Gott zu Mose, als dieser sich mitten in der Wüste neugierig einem brennenden Dornbusch näherte, dessen Zweige nicht verbrannten (siehe 2. Mose 3,5). Mose sollte seine Schuhe ausziehen, weil er auf heiligem Boden stand. Und dann sah er etwas, was er gerade eben noch nicht wahrgenommen hatte: Mitten in den Dornen des Lebens erkannte er die Liebe Gottes, die den Menschen erwärmt, aber ihn nicht verbrennt. Mose wurde bewusst: Sein Volk litt große Not und wartete intuitiv auf seine Befreiung. Und Gott wollte ihn - als 80-Jährigen - dafür in seinen Dienst nehmen.

Gehst du auch manchmal bestimmten Leuten aus dem Weg? Ich will dich ermutigen: Nähere dich ihnen einmal und sei gespannt darauf, was du entdecken wirst … Wage es, die hochhackigen Schuhe, in denen man so leicht auf andere herabsehen kann, auszuziehen. Oder die Turnschuhe, mit denen man so schnell die Flucht vor einer bestimmten Situation ergreifen kann. Oder die bunten Schuhe der Eitelkeit. Natürlich kann keiner das Ergebnis voraussehen. Doch wenn wir uns mit Gott an der Seite auf dieses Abenteuer einlassen - und zu den Menschen gehen, die unbeachtet oder sogar an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden, dann bekommt das Leben eine neue Kraft.

Weitere Anregungen dafür, mitten in der Stadt auf andere aufmerksam zu werden und bewusst wahrzunehmen, was um uns herum geschieht, findest du unter dem Stichwort "Exerzitien auf der Straße" unter www.con-spiration.de/exerzitien und in dem kleinen Buch "Auf nackten Sohlen - Exerzitien auf der Straße", das im Echterverlag erschienen ist.

Christian Herwartz ist Jesuit und lebt in einer kleinen Gemeinschaft in Berlin-Kreuzberg.

Aus:Verena Keil / Nicole Schol Pimp your Faith 77 Ideen, die deinen Glauben nach vorn bringen. Taschenbuch, 240 Seiten Gerth Medien http://www.gerth.de/index.php?id=201&sku=816592

 

 

Markus Roentgen
Eine persönliche Skizze

Eine persönliche Skizze, hineingeschrieben wie al fresko gemalt in frischen Putz

Nun zurück von den Straßenexerzitien (gerade ein paar Stunden) unter Anleitung von Petra Maria Tollkötter und Christian Herwartz und weiteren 11 begleitenden Frauen und Männern aus ganz Deutschland, die sich sehr engagiert- und hinein gegeben haben - und so auch alle 50 teilnehmenden, anteilnehmenden, anteilgebenden Geschwister - und denen, die darin waren, namenlos zumeist - aber drinnen und da und so DEUS ABSCONDITUS REVELATUS - DA-WEG.

Ich musste den "Orgapart" ja machen und konnte doch richtig hinein in die Straßenerfahrungen im inneren Beten und im mich bewegen lassen zu mir, zum je-Du, ins WIR der Spannungsklüfte einer reellen mittelgroßen Kreisstadt...

Drei Tage auf Straßen und Plätzen und Einrichtungen Siegburgs beten und da sein, wahrnehmen, sich leiten lassen, wo es hin zieht, möglichst absichtslos, statt zuvor zu steuern - aber mit Morgenimpulsen zum "brennenden Dornbusch, der nicht verbrennt, zur Annäherung mit bloßen Füßen, zum näher hin sehen-gehen, jenseits der Steppe im Kargraum Wüste - wo ist da Befreiendes und Lösung von Knechtung" (vgl. Ex 3). Losgesandt mit dem (ganz direkten und unmetaphorischen) wortwirklichen Impuls "ohne Geldgürtel...ohne Rucksack gehen .. mit Friedengeist und Friedenswort..." (vgl. Lk 10, 1-11) - und mit der Emmaus-Gang-Bündelung (vgl. Lk 24, 13-43) als offene Summe ohne Besitzstand.

Bei der Rückkehr ins Haus dann intensives hörend-sprechendes Erzählen, Vernehmen, Begleiten, Deuten ohne Begriff - und Eucharistie - Gottes Dienst mit uns!

Ein junger Erwerbsloser, dem ich von einer privaten Arbeitsvermittlung nach ging, führte mich, ohne mich zu sehen in die Welt von ARGE, Arbeitsamt und AWO - und lies mich Ausgrenzung ahnen.

Ich selbst wurde dort sofort zur Nummer und ohne Anmeldung gibt es Dich nicht wirklich. Sein Gesicht, unsere Augenbegegnung (aufgerissen, wundzartbitter - dieser schöne Schmerzensmann). Ich musste ihn in der Nacht mit schwarzem Wachsstift malen ins Eingedenken meiner selbst als bedürftig - ich habe ihn in mir - mein "DEUS PASSUS".

Eine Stunde an der S-Bahn-Linie 66 gesessen, bis eine alte Dame mich ansprach und mir in 8 Minuten ihre gütigen Augen schenkte und mich teilhaben ließ an ihrer am nächsten Tag anstehenden Krebsuntersuchung (in 8 Minuten!!!, bis die nächste Bahn kam - "fahren sie nicht mit?" - "Nein, ich warte noch etwas..." - dann unser Abschiedswinken, sie drinnen, ich draußen ---)

Eine Stunde in der Notambulanz im Krankenhaus und (mit Wartenummer 33 - ) Anteil an der Hingabe einer etwa 15 jährigen unscheinbaren jungen Frau für ihre entstellte Oma, die seit zweieinhalb Stunden mit Atemnot und offenen Beinen und horrendem Übergewicht mit Unschuhklötzen an den Füßen da von Warteschleife zu Warteschleife geschoben wurde - und die stille und zugewandt diskrete Hingabe des jungen Mädchens, kniete vor ihr, "soll ich Dir die Schuhe was aufmachen, Du hast doch bestimmt schlimmen Druck an den Füßen..."; "ach, Sabine, wie gut, dass Du da bist, muss'te nich zurück zur Schule, bis doch schon seit zwei Stunden hier mit mir..."; "ne, lass nur, ich bleib' hier, hab' auch schon 'nen Kaffee getrunken, komm', ich häng Dir die Jacke über, is bequemer so..."

Eine junge Richterin heute im Amtsgericht, wo ich zwei Fälle in öffentlichen Verhandlungen wahrnahm - und die klug, gütig und mit Humor die Streitparteien nebst Anwälten und Anwältin (Anklage und Verteidigung) beide Male zum Vergleich bewegen konnte, statt zum einseitigen Entscheid kommen zu müssen.

Ein Obdachloser, dem ich nachzugehen beschloss an der Frankfurter Straße, mit seinen Plastiktüten; denke, "mal sehen, wo der mich hin bringt?". Und dann geht er hoch zum Michaelsberg, wo ich her komme, vom Edith-Stein-Exerzitienhaus neben dem Benediktinerkloster, das bald dicht macht. "Na, der wird sich an der Klosterpforte was betteln", denke ich. Der Mann, schwarze Mütze tief ins Gesicht, unförmig große Brille, kaum ein erkennbares Gesicht, vielleicht um die 50 Jahre; ich bleibe im Torbogen, ja, er geht zum Kloster, kurzes freundliches Gespräch mit einem Benediktiner an der Pforte, bekommt was - und dann dreht der sich und geht die Stufen zur Michaelsklosterkirche hoch und geht da hinein.

"Na, der wird sich da was auspennen", denke ich..., gehe hinterher, hinein - und da sitzt er in der letzten Reihe, ganz still, aufrecht, ab und zu auch ein bisschen gebückt; ich zwei Meter rechts neben ihm.

Zum Hängekreuz mit der Skulptur des Gekreuzigten überm Altarraum wir beide wie in der Flucht eines spitzen Winkels. Ich entscheide, ich bleibe so lange wie er.

Er bleibt eine volle Stunde, ganz leise, kaum ein Geräusch, bis die Angelusglocke zum Mittag läutet.

Konnte herrlich beten, endlich wieder einmal - mein Herz ging schmerzweit auf; und ein Empfinden, "wer ist von uns (hier im Raum) denn jetzt Jesus, wer der Schächer links, wer der Schächer rechts, wo ist Christus hier, wer, wo ist die messianische Spur - "vestigia dei"?"

Und ich höre mich über Jahre hin, meine Wut: "Bist du nicht der Messias? Rette dich selbst und uns!" (Lk 23, 39)

Und ich vernehme: "Jeschua, denke an mich, wenn du als König kommst" (Lk 23, 42)

Und mich durchbrennt, neben und mit dem Mann, der sein Gesicht hinter Brille und Mütze fast maskiert hat, das WORT des Jesus Jeschuah: "Ja! Ich verspreche dir, dass du noch heute mit mir im Paradies sein wirst." (Lk 23, 43)

Markus Roentgen, im 47. Lebensjahr
Straßenexerzitien in Siegburg im Januar 2011

 

 

Bruder Christoph
Berlin zog mir die Schuhe aus

Im März 2011 habe ich an Exerzitien auf den Straßen von Berlin teilgenommen. Untergebracht waren wir im Pfarrheim der evangelischen Gemeinde St. Thomas in Berlin/ Kreuzberg.

Nach dem gemeinsamen Frühstück und einem Morgenimpuls machte ich mich an jedem Tag alleine und auch mit einer Teilnehmerin der Gruppe auf den Weg in die Stadtteile von Berlin. Gegen 16 Uhr kehrten wir wieder in unser Quartier zurück, kochten unser Essen, feierten Gottesdienst miteinander und tauschten uns am Abend getrennt in zwei Gruppen über die Erfahrungen des Tages aus.

An den ersten Tagen berichtete ich in meiner Austauschgruppe von den Erlebnissen, ohne Geld unterwegs zu sein und von den unterschiedlichsten Begegnungen mit Menschen in Notlagen. Doch sehr bald wurde mir klar, dass es nicht um das Erzählen von interessanten Geschichten ging, sondern um meine persönliche Aufgabe, innerlich die Schuhe der Angst auszuziehen. So wurde ich in die Kathedrale St. Hedwig geführt. Dort meditierte ich am Grab vom Widerstandskämpfer Lichtenberg - verrückterweise vor der Krypta mit einer Baustelle, auf der mit einem Presslufthammer gearbeitet wurde.

Was hat das nun mit mir zu tun? Es geht darum, verhärtete Sichtweisen aufzubrechen und mit aller Verschiedenheit der Menschen die Zukunft in Kirche, Orden und in der Gesellschaft zu gestalten. Meine Unsicherheit, mich in S-Bahnen, bei Straßenschildern und Entfernungen nicht zurecht zu finden, trat schnell in den Hintergrund der Tage. Viel wichtiger ist das Aufbrechen meiner eigenen Grenzen und das Entdecken neuer Perspektiven auf dem Weg der Nachfolge Jesu.

So kam der "Chef", wie der Jesuit Christian Herwartz Gott gerne nennt, mit dem Presslufthammer in mein Leben: Welche Schuhe möchtest Du vielleicht in dieser Fastenzeit einmal ausziehen, damit Dir, wie Mose, der Horizont geweitet wird?

 

 

Simone Roeder
Verweilte in den Wahrnehmungen

Eingerahmt vom gemeinsamen Gebet am Morgen und am Abend und den allabendlichen Austauschrunden, zogen wir tagsüber allein durch die Stadt Rostock.

"Werde still, werde langsam, lausche deiner Sehnsucht und lass dich von ihr an Orte und hin zu Menschen führen, die dich anziehen oder die du sonst eher meidest, vielleicht begegnest du Gott dort, wo du ihn am wenigsten erwartest." Unsere Erfahrungen waren sehr unterschiedlich.

Für mich als absolutes Landei war es ungewohnt, in einer mir völlig unbekannten Stadt zu sein. Mit viel Zeit, ohne bestimmte Pläne auf der Straße, fielen mir schnell die Menschen auf, bei denen das auch so ist. Die, die auf Bänken sitzen, weil sie nichts anderes zu tun haben oder alt sind und langsamer ticken als die anderen oder betteln oder krank sind und mir fielen die auf, die nicht "reibungslos funktionieren", nämlich die RollifahrerInnen, die Behinderten, auch die Traurigen, die "Verrückten", ich sah geschlagene Frauen mit blauen Flecken im Gesicht, Flaschensammler, oder Gruppen von Punks. Auch bei den "ganz normal" wirkenden Menschen sah ich viel Leid, Überanstrengung, Angst, Wut.

Ich sah nicht, schnell registrierend, über all das weg. Ich sah hin.

Verweilte in den Wahrnehmungen. Und erstaunlicherweise kamen mir die Menschen innerlich näher, bis ich in ihnen meine eigene Einsamkeit, Leere und Angst erkannte und bis mir klar wurde, dass auch ich in manchem wirklich behindert bin, vielleicht an anderen Stellen...aber ja, ich bin nicht weniger menschlich, unsicher und bedürftig in dieser Welt als sie.

Und so wurde auch ich von manchen Leuten offenbar wahrgenommen und gerade mit einigen von den scheinbar Ärmsten gab es Momente von innigem Augenkontakt, ein Lächeln, ein respektvolles Nicken und eine kleine Freude.

Dies waren die Momente, in denen ich innerlich "die Schuhe auszog", wie Moses vor dem brennenden Dornbusch. Diese Momente haben mich glücklich gemacht und den so fremden Menschen zum Bruder oder zur Schwester werden lassen, für den Augenblick.

Und so sehe ich die Sehnsucht nach Gott für mich auch als eine Sehnsucht nach einer Welt, in der Menschen nicht übersehen oder einfach abgestempelt werden, sondern ihre ganz besonderen Gaben als wertvoll wahrgenommen werden, so wie ich es mir auch für mich selbst wünsche.

 

 

Klara Maria Breuer smmp
Begegnungen mit Menschen auf der Straße

Als ich mich 2003 erstmals auf Straßenexerzitien in Berlin einließ, ahnte ich nicht, auf welche Weise sie etwas ins Fließen bringen würden, was meinem weiteren Weg Richtung gegeben hat und gibt. Inzwischen lebe ich seit mehreren Jahren in Münster. In der Stadt sind Kontakte zu Menschen ohne Obdach an Leib oder Seele gewachsen. Aus den Straßenexerzitien geht die Erinnerung an den Brennenden Dornbusch mit mir und die Haltung der Achtung, die im Bild der ausgezogenen Schuhe liegt. So gehen Straßenexerzitien und der Weg des Lernens für mich weiter, manchmal eher zaghaft, doch an der Hand des "Ich-bin-der-Ich-bin-da." Von Weg- und Lernerfahrungen spricht auch dieser Text, ursprünglich als Erfahrungsbericht für eine Veranstaltung geschrieben.

"Begegnungen mit Menschen auf der Straße" ist mein Beitrag überschrieben. So möchte ich einladen, sich mit mir nach Münster zu begeben, der Stadt, in der ich seit fünf Jahren lebe, einer Stadt mit ihrem besonderen Charme und ihren eigenen Herausforderungen. Wir Schwestern, die zum Konvent unserer Ordensgemeinschaft in Münster gehören, wohnen im Deutschen Studentenheim, in der Innenstadt. So ist es auch hauptsächlich die Innenstadt, in der ich mich bewege.

Zunächst möchte ich Sichtweisen anbieten, die mir persönlich wichtig sind: Meinen Dienst erlebe und verstehe ich als "Weggefährtenschaft". Als Schwester der hl. Maria Magdalena Postel, als Person, die ich bin, kreuzen sich meine Wege mit Menschen, denen ich an verschiedenen Orten begegne: Zufällig auf den Straßen; im "Treffpunkt an der Clemenskirche", Anlaufstelle für Menschen in Not, in der ich mitarbeite; in unsren monatlichen ökumenischen Gottesdiensten, insbesondere für Menschen ohne Obdach für Leib und Seele, und bei anderen Gelegenheiten.

Dabei weiß ich mich eingebunden in ein Netzwerk von Vielen, die in unserer Stadt professionell oder ehrenamtlich an der Seite von Menschen in Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit sind: Unser Team im "Treffpunkt", das Haus der Wohnungslosenhilfe, der Ordensarbeitskreis für Menschen in Wohnungsnot, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Straßenmagazins draußen, das kleine ökumenische Team für den Beerdigungsdienst Obdachloser, um nur einige zu nennen. Das erlebe ich als Stärke in unserer Stadt: An verschiedenen Stellen engagieren sich Menschen. Wir wissen umeinander und ergänzen einander.

Eine Sichtweise betrifft die Straße selbst. Straßen sind auf den ersten Blick zweckdienlich. Sie ermöglichen, von einem Ort zum anderen zu kommen. Manchmal schaffen sie auch Begegnungen, besonders wenn ich zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs bin. Die Straße und öffentliche Plätze als Aufenthalts- oder gar Schlafraum sind uns dagegen fremd. In Münster gehen wir von etwa 30 Personen aus, die "Platte machen", wie das Übernachten draußen in der Sprache der Straße heißt. Doch wenn die Personen hinzugezählt werden, die in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe sowie Projekten für Wohnungslose leben, gelten etwa 400 bis 500 Menschen als "wohnungslos".

"Ich gehe zwischen Aasee und Bahnhof spazieren" pflegt Pfarrer Wilhelm Schultes gerne zu antworten, wenn er gefragt wird, was er macht. Seit mehr als 10 Jahren ist er Seelsorger wohnungsloser Menschen in Münster. Wer ihn kennt oder ihn begleitet, weiß, wie aufmerksam sein spazieren gehen ist, unterbrochen von dem, was er "Sakrament der Begegnung" nennt: Menschen sprechen ihn an, oder er sie. In seinem Rucksack hat er meist Tabak und Feuerzeug dabei, auf der Straße vielmals eine erste Gesprächsbrücke. Oft drücken neben persönlichen Problemen auch Geldsorgen.

Begegnungen ergeben sich, wenn wir da sind, wo sich unsere Bekannten aufhalten: Verkäufer des Straßenmagazins, Frauen und Männer, die an den Kirchentüren oder in der Fußgängerzone einen Obolus erbitten, Bekannte, die im Park sitzen oder, bei wärmeren Temperaturen, auf Bänken in der Fußgängerzone. Da zu sein ermöglicht es, zumindest eines zu geben: Aufmerksamkeit, Wertschätzung und ein offenes Ohr. Auch meine Wege durch die Innenstadt, zum Bahnhof oder Einkauf, lassen mich oft dem einen oder anderen begegnen. Für mich sind solche Begegnungen nicht Zufall, sondern haben ihre eigene Fügung und ihren eigenen Sinn. Sie tragen, so glaube ich, dazu bei, Verbundenheit zu festigen. Man kennt und grüßt sich, wie das unter guten Bekannten ist.

Manchmal mache ich mich außerhalb meiner wenigen Dienstzeiten zum "Treffpunkt" auf. Regelmäßige Gäste kenne ich. Ich setze mich dazu, wechsle ein paar Worte oder führe ein längeres Gespräch. Es gibt Begegnungen, die in mir nachklingen, mich bewegen, in mein Gebet eingehen. Sie lassen auch mich nicht unverändert, wirken hinein in meine Sicht des Lebens und meinen Weg des Glaubens.

Neben Aufmerksamkeit ist mir ein weiteres wichtig in "Begegnungen auf der Straße": Die, denen wir begegnen, haben einen Namen. Wir nennen jemand bei seinem Namen oder fragen nach dem Namen, dessen eingedenk, dass Gott dem Menschen zusagt: "Ich habe dich beim Namen gerufen." Es ist nicht "der Bettler" vor der Lambertikirche, sondern der Mensch mit Namen, der da sitzt, dem wir zu begegnen suchen, auf Augenhöhe.

Diese Sicht Gottes auf den Menschen leitet uns insbesondere, wenn ein Mensch aus unserem Umfeld stirbt. Stirbt jemand auf der Straße oder hat er keine Angehörigen, so ist die anonyme Beisetzung der übliche Weg. In Kontakt mit monatlich diensthabenden Beerdigungsinstituten sorgen wir, das Team für Beerdigungsdienst um Pfarrer Schultes, dafür, dass eine würdige Trauerfeier für den Verstorbenen, die Verstorbene gehalten wird. Dies geschieht oft dort, wo der Verstorbene, die Verstorbene seinen, ihren Platz hatte. Im November 2011 haben wir zum Beispiel im "Treffpunkt an der Clemenskirche" in einer Trauerfeier von Sven Abschied genommen. Sven war regelmäßig bei uns zu Gast. Schwer drogenabhängig, ist er nur 32 Jahre alt geworden. Die Trauerfeier in unserem Essensraum war ein dichter Moment der Erinnerung an ihn. Miteinander haben wir unserer Trauer um und unserer Hoffnung für Sven Ausdruck gegeben. Teammitglieder und Gäste sowie Bekannte von Sven waren in den Räumen zusammen, in denen er so oft unter uns gewesen ist. Ein Mann, der Sven von der Straße kannte, erzählte, wie er ihn einmal nach dessen Namen gefragt habe. "Nenn mich, wie du willst", habe der geantwortet. "Er hat mich drei Tage zappeln lassen, bis er mir seinen Namen verraten hat", erzählte sein Bekannter. In der persönlich gestalteten Trauerfeier suchen wir die Anonymität aufzubrechen, noch einmal die Würde des Verstorbenen, der Verstorbenen zum Ausdruck zu bringen. Im "Treffpunkt" gehört im Anschluss der Trauerfeier ein gemeinsames Mittagessen mit Würstchen und Kartoffelsalat dazu. Eine gute Tradition ist inzwischen das Gedenken an alle Verstorbenen aus unserem Umfeld beim ökumenischen Gottesdienst am Allerheiligentag in der Clemenskirche. Jeder, jede wird mit Namen genannt, ein Teelicht wird angesteckt - ein bewegender Moment…

Eine weitere Haltung, so lerne ich, ist wichtig in dieser Weggefährtenschaft: Verlässlichkeit und Kontinuität der Beziehung. Bis eine Beziehung vertrauter wird, braucht es seine Zeit. Menschen auf der Straße haben ein gutes, sicheres Gespür für Echtheit. Ihnen kann - und darf - ich nichts vormachen. Die leisen Töne wahrzunehmen, lerne ich. Worum geht´s? Ich denke zum Beispiel an Meinulf, der in einem Pflegzentrum lebt. Über längere Zeit schon kenne ich ihn. Einmal rief er mich per Handy an. "Mein E-Rolly ist kaputt, und ich habe keine Fluppen mehr", kam mir seine Stimme entgegen. Von meiner Erfahrung mit ihm wusste ich, dass ich zurückzurufen habe. Ich habe ihn besucht. Und ich glaube, wichtiger als das mitgebrachte Päckchen Tabak war die für ihn erfahrbare Verlässlichkeit derer, die er seine Freunde nennt.

"Begegnungen mit Menschen auf der Straße": Mich persönlich lehren sie, das Evangelium mit neuen Augen zu sehen. Ich ahne die Spur Jesu, von dem so viele Begegnungen "unterwegs" erzählt werden. Es wird berichtet, dass Jesus sich von solchen Begegnungen unterbrechen ließ. Er blieb für einen Menschen stehen. Und, auch das berichten die Evangelien, er war in Begegnungen Gebender wie Nehmender, Lehrender und selbst Lernender.

Ich möchte mit einem Satz schließen, der mir in meiner "Weggefährtenschaft" Orientierung gibt. Er stammt, wie ich jetzt entdeckt habe, von der australischen Ureinwohnerin Lila Watson:

"Wenn du gekommen bist um mir zu helfen,
dann vergeudest du deine Zeit,
doch wenn du gekommen bist,
weil du verstanden hast,
dass deine Befreiung unauflösbar
mit meiner Befreiung verbunden ist, dann:
lass uns gemeinsam an die Arbeit gehen!"

Münster, Januar 2012

Klara Maria Breuer smmp

 

 



Weitere Berichte über Straßenexerzitien in den Büchern
"Gastfreundschaft" und "Geschwister erleben" (1. Kapitel)



Link to Public Con-Spiration for the Poor

 

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