brennender Dornbusch

Ein Tag
TeilnehmerInnen berichten von den Straßenexerzitien

 

 

 

Hans Sanders
Weihnachtspredigt in St. Georg, Hohenholte

Liebe Mitchristen!

Ein Erlebnis von heute Nachmittag hat mich bewegt, eine ganz andere als zuvor vorbereitete Predigt zu halten: Mein erster Weihnachtsgottesdienst war heute in Münster in einer Einrichtung, die sich um die sog. Brüder und Schwestern der Straße sorgt – in unserer Umgangssprache: um die Penner, Säufer, Fixer, Obdachlosen.

Auf dem Weg zum Kirchenraum kam ich an der Ostseite des Bahnhofs in Münster vorbei. Unübersehbar fiel mir die Gruppe eben dieser Menschen auf, die sich das ganze Jahr hindurch an diesem Platz aufhält. Heute, am Hl. Abend waren es auffallend viele: Männer und Frauen jeden Alters.

Im Gottesdienst mit ca. 80 solchen "Typen" ging es mir beim Verlesen des Weihnachtsevangeliums an der Stelle: Und in derselben Gegend, sozusagen nebenan, waren Hirten wie ein Blitz durch den Kopf "Mein Gott, nur 150 m Luftlinie von hier habe ich eben die "Hirten" gesehen! – Dort, hinter dem Bahnhof! Ausgerechnet "solchen" wird vom "Himmel" selbst DIE Neuigkeit von der Geburt des Messias, des Gotteskindes verkündet!"

Dazu muss man wissen: Zur Zeit Jesu hatten die Hirten etwa den gleichen sozialen Status wie die "asozialen" Typen hinter allen Bahnhöfen, gemieden und gefürchtet von den sog. anständigen Menschen. Warum wird ausgerechnet denen die Weihnachtsbotschaft als erstes verkündet? Vielleicht, weil sie – verabscheut und gerade von den Frommen als unrein gemieden – keine Chance hatten, jemals in Kontakt mit dem Heil des Messias zu kommen. Aber, vielleicht hatten sie ein Herz prall voll mit der Sehnsucht nach einem besseren Leben mit Anerkennung und Wertschätzung.

Und da machte es in meinem Kopf und Herzen "Klick!" Mir fiel leuchtend klar ein Erlebnis wieder ein, das ich in Hamburg – auch auf dem Hbf – hatte. Ich war zu der Zeit in HH auf einer Fortbildung. Priester und Ordensmänner und Frauen sollten sich trainieren, den auferstandenen Herrn nicht nur in Kirchen, Exerzitienhäusern und an sonstigen "frommen" Orten zu suchen. Für Jesus Christus gibt es keine unheiligen Orte, er ist überall und vielleicht gerade dort, wo wir "geistlichen" Menschen ihn gar nicht vermuten.

So schloss ich mich einer Gruppe an, die einen ganzen Tag auf dem Hamburger Hbf überraschende Begegnungen mit dem Auferstandenen suchen und erwarten sollten. Es war ein Tag mit wirklich überraschenden Erlebnissen und Begegnungen. Ich will hier und jetzt nur von der letzten und beeindruckensten Begegnung berichten:

Gegen Ende des Tages verspürte ich einen großen Hunger und Sehnsucht nach der ersten Maisonne vor dem Bahnhof. Mit einem Döner und einer Dose Bier bewappnet suchte ich draußen einen Sitzplatz an der Sonne. Auf einer Steinbank direkt in Sichtweite mit einer Gruppe oben genannter "Hirten" fand ich einen Platz. Ich aß meinen Döner und trank genüsslich mein Bier.

Da löste sich plötzlich aus der Gruppe der "Penner und Säufer" ein noch junger Mann, kam zu mir und fragte: "Darf ich mich dazu setzen?" - "Ja natürlich, bitte!" Und dann erzählte mir dieser Mensch unvermittelt und ohne weitere Umstände sein Leben: Wie er vor Jahren aus der sog. bürgerlichen Welt ausgestiegen sei, fast die ganze Welt bereist hatte – über Afrika und Indien bis ins Hochgebirge in Tibet! Irgendwann sei er dann ans Rauschgift gekommen und süchtig und abhängig geworden. Seit fast zehn Jahren habe er keinen Kontakt mehr zu seiner Familie, die ihn sozusagen für tot erklärt habe.

Vor einigen Tagen habe er – von Aids infiziert – von den Ärzten die Nachricht erhalten, dass er höchstens noch drei Monate zu leben habe. Und dann kam er zum Kern seines Anliegens: Schau, sagte er und wies auf die Gruppe, aus der er herausgetreten war, das sind meine einzigen Freunde, die ich noch auf der Welt habe. Und das ist gut so, dass ich wenigstens sie habe. Aber: wenn ich in einigen Wochen tot bin, dann wissen auch diese Kumpels nach drei / vier Tagen nicht mehr, dass es mich je gegeben hat! Kein Mensch auf der Welt denkt noch an mich! Ich habe doch auch hier auf dieser Erde gelebt! Es muss doch wenigstens einen geben, der um mich weiß, mit meinen Lebensträumen und Hoffnungen! Ich bin doch ein MENSCH!

Schwer atmend zeigt er mir dann seinen spindeldürren Arm mit vielen silbernen Armreifen und fuhr fort: Wenn ich dir einen dieser Reifen gebe, versprichst du mir, ihn in Erinnerung an mich zu tragen? Ihn eben nicht nur mit in deine "andere Welt" zu nehmen, in die Nachttischlade zu legen und vielleicht zufällig einmal im Jahr eine Erinnerung an diesen Tag und einen der Penner in HH zu haben!

Nun war ich der, der mit großem Herzklopfen und schwer atmend neben diesem Menschen mit seiner riesigen Not saß! In solch einer mir bisher nie begegneten Not konnte ich doch um Himmelswillen nicht NEIN sagen! Aber, so ging es mir rasend schnell durch Kopf: Was werden meine Gemeindemitglieder denken, wenn ich auf einmal mit einen solchen Armreif auftauche, der ja nicht zu übersehen ist, den man auch am Altar und bei Spendung anderer Sakramente sieht! In diese Denkpause hinein fragte der Mann: Was überlegst du so lange? Willst du nicht? Ich erzählte ihm wer ich sei und meine Fragen, die mir durch den Kopf gingen und bat ihn mir noch einen Augenblick Zeit zu lassen. Denn, so sagte ich, ich möchte dich nicht belügen! Wenn ich JA sage, dann soll es auch ein wirkliches JA sein, auf das du dich verlassen kannst. Und dann nach einer längeren Denkpause sagte ich: JA!

Geradezu andächtig löste Dieter (inzwischen hatte wir uns mit Namen bekannt gemacht) einen seiner Armreife und befestigte ihn an diesem meinem rechten Arm – hier!! Spontan nahm mich dann der mir eben noch völlig unbekannte Mensch aus einer mir fremden und völlig anderen Welt in seine Arme, drückte mich so fest er todkrank konnte und sagte: "Jetzt habe ich wieder einen Bruder!"

Beide tief bewegt hielten wir uns eine gute Zeit so umarmt. Wieder nebeneinander sitzend fragte ich dann diesen Bruder Dieter: "Wie bist du eigentlich darauf gekommen, gerade mich anzusprechen?" Seine Antwort: "Du bist seit langem der erste aus der anderen Welt, der uns Penner mit guten Augen angesehen hat!"

Der Schreck fuhr mir in die Glieder: Welch ein Glück für mich und diesen Menschen, dass wir so gut geistlich vorbereitet in diesen Tag gegangen sind! Nicht auszudenken, wenn ich an diesem Tag "schlechte" Augen gehabt hätte – wie an so vielen anderen Tagen des Jahres.

Und damit bin ich wieder an der Krippe des Gotteskindes! Gott selbst ist Mensch geworden, damit wir Menschen die guten und liebenden Augen unseres Gottes sehen können! Ich möchte uns allen wünschen, dass das Gotteskind selbst uns solche dauerhaft guten Augen schenken möge! Augen, die die oft verborgene und doch quälende Not des Mitmenschen wahrnehmen!

Uns hat die letzten Tag im Pfarrhaus ein schreckliches Ereignis erschüttert und bewegt: Der 15 jährige Sohn einer uns bekannten, gut bürgerlichen und christlichen Familie hat sich 5 Tage vor Weihnachten aufgehängt und das Leben genommen!

Jedermann hier heute kann es sich unschwer vorstellen: Nun fragen sich Eltern, Geschwister, Freunde, Nachbarn und Lehrer: Warum haben wir nicht von der offensichtlichen, schrecklichen Not dieses Jungen bemerkt? Wie konnten wir das nur übersehen?

Wenn ich Ihnen allen nun ein gutes Weihnachtsfest wünsche, dann meine ich damit: Dass uns gute, weihnachtliche Augen mit einer hellen und klaren Sichtweise geschenkt werden, die die Not der Menschen sehen – oder doch wenigstens so gut auf die Menschen blicken, dass diese sich ein Herz nehmen können wie der Dieter, und sich uns mit ihrer Not offenbaren. Und dieses "Weihnachten" möge bitte nicht mit dem nadelnden Weihnachtsbaum entsorgt werden!

In diesem Sinn: Noch einmal: Ein starkes und ein ganzes Jahr hindurch anhaltendes "Frohe Weihnachten!"

 

 

Markus Hap
Die Wege des Herrn sind unergründlich!

Berlin im März 2005

Seit nunmehr 5 Monaten hatte ich intensiven Kontakt zu den Jesuiten in Deutschland und im Rahmen einer Veranstaltung der Berufungspastoral verschlug es mich im März 2005 nach Berlin und in die Naunynstrasse zu P. Christian Herwartz. Der meine Begleiter und mich dazu einlud, einen Tag Exerzitien auf der Strasse zu machen.

Unsere Aufgabe:
Einen Tag lang durch Berlin streifen und Gott auf der Strasse suchen. Hierzu sollten wir uns einen festen religiösen bzw. spirituellen Knotenpunkt aus einer Liste aussuchen, und mit einem Stadtplan bewaffnet dorthin gelangen. Der Weg sollte mit ignatianischer Indifferenz beschritten werden, und wir unserem inneren Drang folgen. Sollte unsere Wahrnehmung und unser Gefühl uns an einem Ort verweilen lassen, so sollte dies geschehen. Des weiteren wurden uns innerhalb des Vorbereitungsgespräches verschiedene, vergangene Erfahrungen mitgeteilt, sowie gewisse Verhaltensmassregeln mit auf den Weg gegeben, zu denen ich später noch kommen werde.

Aus der Liste der spirituellen Plätze wählte ich einen buddhistischen Tempel im Nordwesten Berlins aus. Der einzige Ort auf der Liste der mich irgendwie inspirierte. Auf Grund der Karte schätzte ich einen Fußweg von 2 Stunden.

Lassen Sie mich bitte an dieser Stelle erwähnen, dass es sich damals um meinen ersten Aufenthalt in Berlin handelte. So machte ich mich von der offenen Kommunität in Richtung Westen auf, hinein in die frühe Morgensonne und klirrende Kälte. Ich hoffe, Sie hatten schon einmal Gelegenheit einen solchen Tag zu genießen. Bitterkalt, strahlend klar und einfach wunderschön. Ein breites Lächeln auf meinen Lippen, und dem Schöpfer für diesen Tag dankend folgte ich dem Willen meiner Füße für ca. 45 Minuten. Ich schritt durch Strassen, die mich an meinen bisherigen Lebensweg erinnerten. Von den einfachen Gebäuden Kreuzbergs bis in den neuen Mediensektor.

Hier, am Standort meines damaligen Lebens ergriff mich der gleiche Zweifel, der mich auch einige Monate zuvor zu den Jesuiten geführt hatte. Ich konsultierte meine Karte, um festzustellen, dass ich mich nicht sehr weit von meinem Ausgangspunkt entfernt hatte, und einigermaßen verschlungene Wege hinter mich gebracht hatte. Eine weitere Reflektion meines Lebens.

Also wählte ich erneut meinen Weg in Richtung auf mein Ziel aus und folgte meinen Füssen. So gelangte ich über bzw. unter den Linden vorbei an der Charitée zur Invalidenstrasse. Ein dringendes menschliches Bedürfnis ergriff hier von mir Besitz und gepaart mit dem Hunger des späten Vormittags zog ich mich in ein Kaffee zurück. Ich dachte mir, dass die Invalidenstrasse, auf Grund Ihres Namens vielleicht ein Invalidenhospiz haben könnte, und dass ich an dieser Stelle vielleicht Gott finden könnte.

Pater Herwartz hatte uns unter anderem von vorherigen Teilnehmern dieses Experimentes erzählt, die im Rahmen Ihrer Exerzitien Zeit mit Menschen verbracht hatten, die im Normalfall am Rande der Gesellschaft stehen und nur selten jemanden haben, mit dem Sie normal sprechen können. Also dachte ich, dass vielleicht eine Nachmittagsbetreuung in einem solchen Hospiz mich meinem Ziel näher bringen könnte.

Was ich fand, war ein Seniorenheim und einen Park dahinter. Das Seniorenheim zog mich, Sie könnten sagen, magisch an. Aber ich hatte keine Ahnung wie ich daran gehen sollte. Also setzte ich mich erst einmal in den Park, auf die Bank neben einem Mann mittleren Alters, der in der Mittagssonne seine, nach dem Leergut neben ihm zu urteilen, 4. Flasche Bier gönnte. Rr machte sich allerdings sehr schnell auf seinen Weg, und so saß ich dann alleine im Park. Das Seniorenheim ging mir nicht aus dem Kopf, und so ging ich die 25 Meter Richtung Invalidenstrasse zurück und betrat den Ort.

Ich erklärte der Dame am Empfang, dass ich mich gerne als Gesprächspartner für alte Leute anbieten wollte, die seit Jahren keinen Besuch mehr gehabt hatten. Oh welch Misstrauen mir entgegen schlug. Ich kam mir vor wie ein Verbrecher, auf frischer Tat ertappt. Wer ich denn sei, warum ich dass wollte. Meine kompletten Personalien. Im Anschluss teilte man mir mit, dass man nach Absprache mit einigen "Insassen" mich innerhalb der nächsten zwei Wochen kontaktieren würde, um einen Termin unter strenger Aufsicht auszumachen. Hierauf bedankte ich mich höflich, informierte die Dame, dass ich nicht so lange in Berlin sei und machte mich wieder auf meinen Weg.

Ich war am deprimierensten Punkt meiner Reise angekommen, und wanderte nun eher ziellos weiter. Nach kurzer Zeit fand ich einen Friedhof, und ging zum Gebet in die Kapelle. Hier fand ich wieder Kraft und wanderte im Anschluss in Gedanken versunken über den Friedhof. Ehe ich mich versah fand ich mich an einem Ausgang wieder und las den Namen der Strasse auf der sich der von mir ausgesuchte Zielpunkt befinden sollte. Ich wandte mich nach links und nur einige Meter weiter - da war er. Im Vertrauen auf den Herrn findet man immer das was man finden sollte.

Für mich einige Informationen über die altruistische und die eher auf die persönliche Weiterentwicklung bezogene Seite des Buddhismus, die ich ohne Schwierigkeiten auf die Motivation der Jesuiten kolportieren konnte, und die mich bei Suche nach einer Antwort auf meine offene Frage unterstützte. Da ich eher ein Mann der Tat bin, war es für mich ein sehr lohnendes Experiment, dass ich jedem Leser wärmstens ans Herz legen möchte.

 

 

Claudia Dawidowski
Projekt: Straßenexerzitien
Bericht vom ['magis] -Wochenende 6./7./8. Juli 2007

1. wie es begann

Unruhe - Enttäuschung - Wunsch nach Veränderung, nach neuem Sehen ...

Da war das Gefühl, dass eine (schon mal sehr aktive, engagierte) Gemeinde immer mehr verflacht, zum Verein wird ohne dem "Vereinsgrund" viel Bedeutung einzuräumen ...

Aktion ohne tieferen Sinn - nur Unterhaltung und Spaß - gute Ansätze zwar (Kleiderkammer, sozialer Punkt), die aber immer mehr der Profilierung und Selbstbeweihräucherung Einzelner dienen als der wahren Hinwendung zu Bedürfnissen der Menschen -
und eine KJG, die zur Vorbereitung eines Jugendgottesdienstes bis auf ein Männlein komplett abwesend zeichnet, zum Saufen aber stets vollständig zur Stelle ist ...

Frustration und Kampf gegen den "einfachen" Weg der Resignation - Fragen - Gespräche - Suche - und schließlich ['magis] ...

Wir (2 Frauen aus der SeMaS = Seelsorgeeinheit Mannheim Süd) besuchten Ende Oktober einen Workshop zu ['magis] in Speyer und wurden "infiziert" - geradezu überwältigt von den Gedanken und Möglichkeit, die auf einmal so greifbar waren in ihrer Einfachheit - und was eigentlich Theorie bleiben sollte, wurde auf Drängen der Teilnehmer des Workshops sehr real: wir gingen auf die Straße - nur eine Stunde, doch ich wusste: das ist der Weg, der "Ort", an dem geschieht ...

 

2. vergebliche Versuche

Zurück in der SeMaS sprudelten wir über vor Begeisterung und Tatendrang, doch es war nur unsere Begeisterung...

Hinhören, schon auch mit Interesse - Skepsis - "Todesurteile": wir haben doch schon so viel / da kommt eh keiner - weitermachen - immer wieder Gespräche und Vorstellen der Idee - Resonanz??? - Penetranz unsererseits - und doch auch schon fast Mutlosigkeit - der Funke sprang nicht über ...

 

3. wir machen's!

Hinein ins Fragen, ob das alles Sinn macht, stand dann plötzlich ganz klar die Entscheidung (wie vom Himmel gefallen!): wir machen's einfach, egal ob jemand mittut - reden nutzt nichts, tun müssen wir's! Diese Entscheidung fiel innerhalb von Minuten während eines Telefongesprächs!

Erste Planung - Anfrage an den hauptamtlichen Ansprechpartner für GBL-Gruppen (Hauskreise), ob wir die Räume bekommen - Information der Gruppenleiter und der Firmkatecheten - und zum großen Erstaunen doch noch Interesse ("ich hab Zeit, könnt ihr mich brauchen?) ...

Ein Punkt war gesetzt und das geplante Wochenende begann ein "Eigenleben". Als ich Peter Hundertmark bat, über unsere erste, noch vage Planung zu schauen, kam große Bereitschaft, uns zu unterstützen, zu beraten, einen ganzen Tag lang zu uns zu kommen und mitzudenken.

Das Projekt wurde in den Kirchenzeitungen (sowohl SeMaS, als auch für ganz Mannheim) vorgestellt und ich informierte den Pfarrer der KHG Mannheim, mit dem ich vorher schon einige Gespräche geführt hatte - und er "fing Feuer" beim Wort "Straßenexerzitien" - wieder einer "im Boot", der seine Dienste anbot und für's Ganze sehr wichtig wurde ...

Ein sehr viel Mut machendes Gespräch mit P.Alex Lefrank und viele Menschen, die mit uns beteten, waren ein guter Boden, auf dem das ganze wuchs ...

 

4. denken und planen

Wir wollten einladen zu einem Wochenende von Freitag Abend bis Sonntag Mittag.

Freitag würden wir das Projekt vorstellen, anleiten und uns einstimmen mit dem Grundgedanken an Gottes Allgegenwart.

Der Samstag sollte der Projekttag auf der Straße werden - gemeinsamer Tageseinstieg mit dem Fokus der Aufmerksamkeit - Möglichkeiten zu Begleitgesprächen - einem Ort der Stille und Anbetung - Eucharistiefeier - Ausrauschrunde - gemeinsames kochen und essen.

Sonntag würden wir gemeinsam einen Gemeindegottesdienst besuchen und uns dort versuchen, mit den gemachten Erfahrungen einzubringen, also mit der Gemeinde zu teilen.

Die Planung erforderte Einsatz, aber viele Dinge klärten sich fast "von alleine" - Menschen machten Angebote, übernahmen Dienste und Arbeiten (so band eine Druckerei unsere Hefte mit Texten und Liedern kostenlos) - in allem konnten wir das Wirken Gottes spüren und in uns wuchs tiefes Vertrauen in Sein Mitgehen, so dass zu keiner Zeit Stress und Druck aufkam (das kannten wir von anderen Veranstaltungen, bei denen wir die Verantwortung hatten) - und in der Tat war es anders als sonst, denn "Verantwortung" im eigentlichen Sinne hatten wir ja nicht - wir stellten den Rahmen zur Verfügung, gewährleisteten das äußere Gerüst und wollten versuchen die Teilnehmer einzustimmen mit dem Glauben, der tief in uns Wahrheit ist: Gottes Gegenwart überall und in allem und jedem - Seinem Namen trauen, IHM dieses "ICH-bin-da" glauben und zutrauen. Was werden würde, lag in der Möglichkeit eines jeden Teilnehmenden, aufmerksam zu werden für das Da-Sein des Herrn und sich öffnen zu können, damit ER würde wirken können in der Begegnung mit dem Leben.

 

5. das Projekt

Es war ein kleiner Kreis von 11 Leuten, die sich auf das Experiment einließen - verschiedene Altersgruppen - ganz unterschiedliche Lebenssituationen - neugierig und bereit, aber auch skeptisch, eine Frau sogar aggressiv gegenüber dem magis/MEHR, obwohl wir uns mühten, gerade dieses Wort gut anzuleiten ...

Und bei all den unterschiedlichen Situationen, Wünschen und Erwartungen war bereits der Beginn am Freitag eine sehr wohltuende, bereichernde Erfahrung - eine junge Teilnehmerin (Pastoralassistentin) ging dieser Abend mit seinem Inhalt so "unter die Haut", dass sie allein deswegen am Samstag ein sehr langes Gespräch mit mir suchte ...

Samstag:
Frühstück - Morgenlob - Dornbuschgeschichte - Tagesfokus: ist der Ort, auf dem ich gerade stehe, Heiliger Boden ...
Und alle zogen aus, diesen "Ort" zu finden: Heiliger Boden mitten in der Stadt - im Alltäglichen der Umtriebigkeit - im Unerwarteten zwischen der Hetze - am Rande gesellschaftlicher Normen - dort, wo's alle meine Sinne bindet, wo ich reagiere, selbst ohne es zu wollen - dort wo ich eigentlich nicht gerne hinschaue, schon gar nicht bleibe ...
Heiliger Boden - weil ich dort stehe? - weil Gott dort ist? - weil der andere dort und so lebt? Und wir trafen auf Hektik und Ruhe - auf Obdachlose, die Freude ausstrahlten, weil wir ihnen Zeitungen abkauften und uns mehr gaben, als das Papier - auf Bettler, Trauernde, Verlorene - Brennpunkte des Lebens - und uns gingen die Augen auf und ER bekam Raum, neues Sehen wach zu rufen: Blick auf IHN im Blicken auf Lebenswahrheiten der Menschen und auch Sein Blick auf der Lebenswahrheit jedes Einzelnen ...

11 Teilnehmer - 11 ganz und gar unterschiedliche Erfahrungen!

Wichtig war das Gesprächsangebot, das stark genutzt wurde. Wichtig war das Bewusstsein, nicht allein zu stehen - etwas gemeinsam zu tun, auch wenn jeder allein unterwegs war.

Und all das mündete ein in eine ungeahnt tiefe Eucharistiefeier - in eine Begegnungsfeier mit IHM - und in den späteren Austausch, der staunen machte, so vielfältig blätterte sich das Leben auf - es war Lachen und Weinen - alles hatte Raum - und selbst vor Lachen kamen uns die Tränen bei aller Ernsthaftigkeit ...

In mir wuchs Dankbarkeit und Demut angesichts dieser Fülle von Leben und eine tiefe Freude stellte sich ein - Freude in mir darüber, dass ich Menschen auf ihrem ganz eigenen Weg mit ihrem Erfahrungsschatz begleiten durfte ...

Sonntag:
Der Zelebrant des Gemeindegottesdienstes überließ uns das weite Feld der Predigt und wir versuchten, Brücken schlagend, Evangelium (Lk 10, 1-9) (Aussendung ohne alles - ohne Plan und Erwartungen - "ich sende euch mitten unter die Wölfe" - wer ist Schaf und wer Wolf?) und Grundgedanken unseres Übungstages (Dornbusch - Schuhe ausziehen = Vorurteile ablegen - Gottesname) zu verbinden und mit einem Erfahrungsbericht eines Teilnehmers (er stand bei einem Bettler und entschied sich, sich nachmittags selbst auf die Straße zu setzen) zu verdeutlichen, worum es uns mit diesem Wochenende ging. Die Reaktionen der Menschen war vielfältig, positiv und wir hatten das Gefühl, ihnen "Denkstoff" mit ins Leben gegeben zu haben ...

In der folgenden Woche kam es für mich noch zu zahlreichen Gesprächen mit Teilnehmern, die mir erst die Tragweite dessen, was geschehen war, deutlich machten ...

 

6. Ausblick

Die KHG im Mannheim will zum 1. Advent ein Wochenende mit Straßenexerzitien anbieten, an das sich dann in der Folgewoche Exerzitien im Alltag anschließen werden. Ich bin gespannt auf dieses neue Vorhaben und bin bereit, wieder mitzuarbeiten in der Hoffnung, dass wir mit diesem ersten Versuch Interesse geweckt haben und sich so auch andere Menschen ansprechen lassen, dem Leben und darin Gott zu begegnen.

 

Sven Schlebes
Gypsy Wedding

Es sind gerade die ursprünglichen Dinge, die mich herausfordern: grundlos mit Freunden zusammen zu sitzen, Musik zu hören, ein Gespräch mit meinen Eltern zu führen. Ihre Einfachheit überfordert mich. Besonders schwer fällt es mir, mit Gott ins Gespräch zu kommen. Zum Glück gibt es für modernen Menschen wie mich Exerzitien, die einem das Naheliegende wieder beibringen. So wie die Asphaltexerzitien in Kreuzberg. Einen Tag lang bin ich ohne Mobiltelefon auf die Strasse gegangen, auf der Suche nach meinem Vater und mit nichts weiter als einem kirchlich vorgegebenen Gesprächvorschlag: dem "Vater unser." Es war ein einfacher aber entschiedener Tag meines Lebens.

Kennen Sie Momente, in denen Sie nicht mehr weiter wissen und um eine klare Ansage bitten? Vor ein paar Wochen war es bei mir soweit. Nichts griff mehr. Da kam die Einladung, einen Tag lang absichtsfrei durch Berlin zu laufen, gerade zur rechten Zeit. Asphaltexerzitien heißt dieses Angebot eines Jesuitenparters aus Kreuzberg, und seine Schlichtheit machte mich zunächst stutzig: Es kostet nichts, es gibt keine Regeln, keinen Trainer - nur das Angebot, seine Suche nach Gott unter seiner Obhut zu beginnen und zu beenden. Zusammen mit anderen Suchenden.
Und so stand ich dann an einem Freitag Morgen im U-Bahn-Tunnel der U6 am Kottbusser Tor, Christian, unser Jesuitenparter, laß die Geschichte von Moses und dem brennenden Dornbusch und drückte uns dann eine List mit fünfzig Orten in die Hand.
"Sucht euch einen Ort aus, zu dem ihr hinwandert", schloss er seine Erzählung, "und beginnt eure Suche mit einem Namen für den Herrn. An welcher Tür würdet ihr klingeln, um bei ihm einzukehren?"
Mein Gott - was für eine Frage. Meinen Mitsuchern schien diese Frage nichts anhaben zu können. Zielstrebig wählte jeder von ihnen einen anderen Weg aus dem dunklen Tunnel. Da stand ich, und war noch überforderter als zuvor. Früher, da gab`s immer einen, der weiter wusste. Das war mein Vater. Doch der war weit weg. Blieb nur noch der andere, der biblische, der sich vor Moses im Dornbusch versteckte und angeblich mit Feuerszungen sprach. In einer Sprache, die mir noch keiner beibringen konnte. Und so begann ich meine Reise raus aus dem Tunnel mit den Worten, die ich einst im Kindergottesdienst auswendig gelernt hatte:

 

Vater unser im Himmel

Oben am Kottbusser Tor hatte bereits das Leben der nicht exerzierenden Menschen begonnen. Es nieselte leicht und der Himmel war nicht zu sehen - nur eine graue Wolkenschicht. Als Ziel meiner Tageswanderung hatte ich das Kriegerdenkmal im Treptower Park ausgesucht. Der lag um die Ecke und besucht hatte ich ihn noch nie. Meinem Gott einen Namen zu geben, wie Christian uns geraten hatte: Das klang einfach und traf doch den Kern meiner Suche. Alle Menschen, die ich in Kirchen, Meditationsräumen, auf Wiesen, in Tempeln, Synagogen und Moscheen getroffen hatte, schienen damit nie ein Problem gehabt zu haben. Sie besangen ihren Gott in wunderschönen Lieder: Und je mehr ich darüber nachdachte, fühlte ich, wie sie alle tief in mir um ihre Gewissheit beneidete und den daraus erwachsenden Reichtum. Sie konnten die Quelle benennen. Ich nicht. Ich kannte nur den Zweifel und erahnte mit einem Mal die Ursache für meine innere Leere, meine geistig-seelische Armut. Würde ich ihn finden, den verheißungsvollen Namen, ich hütete ihn wie einen Schatz.

Und so verstand ich die zweite Zeile des Gebets:

 

Geheiligt werden dein Name

Mein Weg führte mich entlang des Landwehrkanals - der Regen wurde immer stärker. Von irgendwoher kam Musik. Blasmusik. Eine Geige mischte sich dazu. Und dann ein Hupkonzert. An der Brücke nach Treptow lag das Standesamt von Kreuzberg. "Trau dich" lautete die neue Kampagne des Bezirks - und vor dem Plakat tanzten mitten im Regen eine Handvoll bunt gekleideter Menschen um ein Brautpaar. Zigeuner. Selbst für Kreuzberger ein denkwürdiges Bild. Schnell war die Straße verstopft von haltenden Autos mit staunenden Berlinern. Ein Blitzlichtgewitter. Die Gesellschaft verteilte an alle Staunenden Sekt. Ich lehnte ab und wandet mich wieder meinem Ziel zu: dem sowjetischen Kriegerdenkmal. Eine demonstrative Abrechnung mit dem Schrecken des dritten Reiches - und eine Verheißung einer neues Zeit - des sowjetischen Reiches:

 

Dein Reich komme

Durch alte Industrieanlagen führte der Weg zum Park, ein Loch im Parkzaun gewährte mir dann Eingang zum eigentlich geschlossenen Areal. Gleich zu Beginn des betonierten Areals eine weinende Mutter, in Sichtweite hüteten zwei weinende Rotarmisten den Eingang zu den Massengräbern. Am Ende des Betonfeldes stand auf einem Hügel erhöht der siegreiche Soldat. Sein Schwert trotzig in die Luft erhoben. Ein Reich war besiegt - die Zeit des nächsten zog herauf. Und war mit meinem Besuch doch schon wieder Geschichte. Was ist geblieben? Ein Denkmal für die Toten, die für den Traum von weltumspannenden Reichen gestorben waren. Ob die Menschen damals wussten, dass das nicht das Reich des Vaters war? Es war ihr Reich, ihr Wille. Und ich wollte hierhin - an diesen Ort.

Ob wohl es Freitag Mittag war, 12 Uhr, mitten in Berlin, war alles still. Ich selbst hatte das Ziel gewählt, wollte meinen Vater suchen, haben meine Vorväter gefunden. Und ein Mahnmal des siegreichen Todes. Offensichtlich ein falscher Weg. Ein Weg in Grau. Ebenso wie der Himmel an diesem Tag.

 

wie im Himmel so auch auf Erden

Ich nahm denselben Rückweg - durch das Loch im Zaun, die Industrieanlagen, bis zur Brücke. Das Standsamt lag wieder menschenleer. Da es immer noch regnete, besuchte ich das nächstbeste Kaffee an der Ecke - und befand mich augenblicklich umringt von tanzenden Menschen. Die Hochzeitsgesellschaft hatte einfach nur die Straßenseite gewechselt, um das Hochzeitsmal einzunehmen. Einer der Musiker weiß mir einen Stuhl zu und schob mir eine Suppenschüssel zu. "Was für ein schöner Tag, oder?"

 

Unser tägliches Brot gib uns heute

Hier an diesem Tisch in der Ecke einer Kreuzberger Kneipe, fielen sie mir wieder ein, die vielen Momente, die so wunderbar absurd waren wie dieser. Sie hatten mich nicht berühmt gemacht, mir nicht viel Geld eingebracht, keine guten Noten geschenkt. Es waren kleine Momente. Voller Freude. Weil sie aberwitzig waren. Und nicht in meine Welt passten. Aber ich hatte sie verdrängt. Vergessen. Und auch die Menschen, mit denen ich sie verbringen durfte.

 

Und vergib uns unsere Schuld

Weil sie nicht in mein Leben passten. Passen durften. Weil sie anderen Angst gemacht haben - meinen Eltern, Lehrern, Freunden.

 

Wie auch wir vergeben unsern Schuldigern

Und natürlich auch mir selbst. Ich hatte Angst gehabt, weil diese Momente kamen und gingen, wie sie wollten. Inszenieren liessen sie sich nicht. Nachdem ich die Suppe zu mir genommen hatte, verließ ich die Hochzeitsgesellschaft und macht mich auf den Weg zurück in die Wohnung des Jesuitenpaters. Dort warteten schon die Anderen. Jeder hatte eine andere Geschichte zu erzählen. Aber niemand hatte ihn gefunden - seinen Gott.

Außer mir. Ich wusste jetzt, wie ich Gott finde.

Und führe uns nicht in Versuchung

Als ich an der Reihe war, plätscherte es nur so aus mir heraus. Der falsche Weg, der richtige Weg. Der Tod, der Regen die Hochzeit. Das Leben. Triumph. Meiner.

Sondern erlöse uns von dem Bösen

Als ich aufgehört hatte zu erzählen, blickten die anderen mich noch trauriger an als gestern Abend. "Deine Geschichte ist eine sehr schöne Geschichte," beendete Christian das Schweigen der Runde.

"Aber warum glaubst du, dass du Gott gefunden hast? Und nicht Gott dich?"

Wieder Schweigen. Und dann ein Lachen. Sie lachten. Und ich mit ihnen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit
Amen

veröffentlicht in Theo - Katholisches Magazin 2/2009