brennender Dornbusch

 

Medien

Vera Rüttimann: Gott auf der Straße suchen
Jan Magunski: Gott auf der Straße finden
Kirsten Dietrich: Gespräch mit Christian Herwartz
Sr. Petra Maria Tollkötter Straßenexerzitien
Barbara Just Immer geradeaus - Jesuitenprovinzial sucht auf den Straßen von Berlin nach Gott
Eva-Maria Werner Wo finde ich Gott in Berlin?
Heiner Reinhard Exerzitien auf der Straße
Eva-Maria Werner spricht mit Ch. Herwartz über die "Spiritualität der Störung"
Janine Graeber Straßenexerzitien in St. Peter
Radiosendung über die Exerzitien auf der Straße
Christian Herwartz Fotos eines inneren Weges
ein Bericht von kna: http://www.katholisch.de/11875.html
Erfahrungsbericht: http://www.ruprechtskirche.at/2006/fragmente2113.htm

 

 

Gott auf der Strasse suchen

Geistliche Übungen im Lärm der Grossstadt statt in der Abgeschiedenheit eines Klosters. Eine verrückte Idee. Die Gruppe Ordensleute gegen Ausgrenzung bietet genau dies an: Strassenexerzitien.

Berlin-Kreuzberg.
Menschen unterschiedlicher Nationen leben auf engem Raum zusammen, viele ohne gültige Papiere. Der Ort, ein Schmelztiegel, aber auch ein multikulturelles Armenhaus. Mitten im pochenden Herzen dieses Bezirkes liegt eine Jesuitenkommunität. Die Bewohner leben direkt über der Kneipe, die den Namen "Tor zur Hölle" trägt. Mancher, der hier Unterschlupf fand, hat die Hölle meist gerade hinter sich: heimatlose Jugendliche, Alkoholiker und Obdachlose. "Sie sind uns zu geistigen Lehrmeistern geworden", umschreibt Jesuit Christian Herwartz seine Erfahrung. Unlängst klopfte jemand mit der Bitte an ihre Tür, hier Exerzitien machen zu dürfen. Hier? Die Jesuiten zögerten. Der Mann bestand auf seinem Wunsch, verlegte seine Exerzitien kurzerhand auf die Strasse und besuchte dabei Drogenplätze, Suppenküchen und Obdachlosenheime. Herwartz war von dieser Form der Exerzitien fasziniert. Seitdem bietet er diese geistige Übungsform auch in anderen Ländern an.

Exerzitien einmal anders
Auch nach Basel ist eine Gruppe angereist, um sich diesem Experiment auf der Strasse zu stellen. Die Teilnehmenden kommen aus Deutschland und der Schweiz. Es sind Menschen, die anderen Religionen und Denkweisen offen gegenüberstehen. Dennoch: Selbst Helga, eine Ordensfrau aus Köln, kann sich unter Strassenexerzitien vorerst wenig vorstellen. Exerzitien in der Stadt, im Lärm des Verkehrs und inmitten von Menschenströmen statt in der Abgeschiedenheit eines Klosters. Eine verrückte Idee. So dachten wohl viele. Aus lauter Neugier haben sich viele dann doch angemeldet. Es wird anders gestartet als bei Schweige-Exerzitien. Die Herausforderung liegt nicht in der Zurückgezogenheit, sondern mitten im Leben, auf der Strasse. Auch der Schlafort in Kleinbasel ist bewusst gewählt. Ein Stockwerk tiefer befindet sich die Gassensuppenküche der Caritas.

Christian Herwartz und sein Basler Begleiter, der Jesuit Christoph Albrecht, der die Strassenexerzitien mit viel persönlichem Engagement vorbereitet hat, schicken die Exerzitanten, mit dem Bibelzitat "Ziehe deine Schuhe aus" auf den Weg. Dieses Bild ist einer biblischen Geschichte entnommen: Auch Mose musste seine Schuhe ausziehen, als er den heiligen Boden betrat, auf dem Gott ihn zum Dienst für sein Volk berufen hat. "Jeder Boden wird heilig, wo Gott dem Menschen begegnen will. Ob vor einem unscheinbaren kratzigen Dornbusch oder einem bettelnden Obdachlosen", erläutert Herwartz. "Die Schuhe auszuziehen ist der Beginn, mitten in der Welt der Vorurteile neu in ein Nichtwissen zu treten, respektvoller zu werden vor den Menschen - auch gegenüber der eigenen Lebensgeschichte, die wir hinterfragen müssen." Die Exerzitienteilnehmer gehen so auf den Weg mit den Fragen: Welche Dornbuschorte gibt es für mich? Welche dornigen Themen, die ich in meiner Lebensgeschichte lieber umgehe, ! als sie zu besuchen?

Voyeurismus?
Monika macht sich auf den Weg in die Basler Innenstadt. In ihren Rucksack hat sie eine Zahnbürste, den Pass und den Versicherungsausweis, ein Minimesser und eine Wasserflasche gepackt. "Man weiss ja nie", sagt die Münchnerin, die zu Hause bei der Bahnhofsmission arbeitet. Was sie bewusst nicht dabei hat, ist ein Schlafsack. Auf einer Bank neben einem Fahrscheinschalter sieht sie einen Jungen, der bettelt. Er bittet um einen alten Fahrschein. Erst geht sie an ihm vorbei, gibt dem Fahrscheinkasten das eingeforderte Geld - und stutzt. Schwerfällig geht sie zurück und fragt, weshalb er dort sitze. Interesse kann man nicht erzwingen, aber plötzlich ist es da. Der Junge merkt, die Frau ist keine Voyeurin mit "Sozialarbeiter-Interesse". Zaghaft entsteht ein Gespräch. Später fragt sie ihn: Welche Orte sind für dich so bedeutsam, dass du mich dorthin schicken würdest? Wohin soll ich gehen, um euer Leben zu verstehen? Der Junge stutzt, denkt lange nach. Wenn sie es vertragen könne, so! solle sie zu der Betonnische unter der Autobahn gehen, wo Strassenkinder hausen.

Abgewiesen
Als Monika die obdachlosen Kinder in ihrer zugigen Nische aufsucht, spürt sie eisige Ablehnung. Ihr Blick wird nicht erwidert, läuft ins Leere. Tag für Tag sucht sie die Kinder auf, die Stimmung bleibt feindselig. Bis einer das Schweigen durchbricht und eine vorsichtige Annäherung stattfindet. "Für mich ist das ein Ort, wo der Dornbusch brennt, der mich auf eigentümliche Weise anzieht und abschreckt. Ich spüre die Intimität dieses Raumes, nicht einfach hineinspazieren zu dürfen", schildert Monika ihre Eindrücke. Erstmals spürt sie den Schmerz des Abgewiesenseins, aber auch die Härte von Mauern in der Gesellschaft, was es für Menschen bedeutet, ausgestossen zu werden. "Es waren kostbare Stunden mit ihnen, in denen ich lernen musste, die Schuhe vorher auszuziehen und mich möglichst auf Zehenspitzen zu nähern, um nicht durch plumpes Interesse noch mehr kaputtzumachen, als es sowieso schon ist", resümiert sie selbstkritisch.

Mit nackten Füssen
Am Abend kommen die Teilnehmer zurück in die Herberge und erzählen von ihren Wegen, ihrem Suchen und ihrem langsamen Nähern an die Orte, die sie persönlich als wichtig, als aufwühlend erfahren haben. Auch von den entdeckten Schwierigkeiten, den Ängsten, den Dornbüschen in ihrem Leben. Sie haben in Basel das Arbeitsamt, die Babyklappe oder ein Gräberfeld für Obdachlose aufgesucht. Helga aus Köln sieht in diesen Exerzitien einen Beitrag, persönliches Ausgrenzungsverhalten zu überwinden, auch wenn damit manchmal schmerzhafte Etappen der Selbsterkenntnis verbunden sind. "Die darüber erfahrene Freude jedoch ist ein Licht mitten in den alltäglichen Ereignissen, durch das Zukunftsperspektiven sichtbar werden." Wie der Alltag nun weitergeht? "Am ehesten wohl ohne Schuhe, mit nackten Füssen."

Vera Rüttimann
aus: "Sonntag" vom 11.12.03

 

 

Jan Magunski
Gott auf der Straße finden

Viele gehen für Exerzitien in ein Kloster. Wenn der Jesuit Christian Herwartz zu Exerzitien einlädt, wird ganz Kreuzberg zum "heiligen Ort", und Obdachlose und Flüchtlinge werden zu Propheten.

EINE ETAGEN WOHNUNG mitten in Ber1in-Kreuzberg. Hier wohnt Jesuitenpater Christian Herwartz (60) zusammen mit einem Mitbruder in einer kleinen Kommunität. "Aber eigentlich sind wir nie nur zu zweit", erzählt der Ordensmann, "eigentlich leben immer viel mehr Menschen in unseren vier Zimmern."
Nicht umsonst stehen im Schlafzimmer des Mannes neben seinem eigenen Bett noch sieben weitere: Unterkünfte für Obdachlose, Alkoholiker, Strafentlassene, Flüchtlinge und Drogenabhängige: Menschen, die sonst nicht mehr wissen, wohin.

"Seit 25 Jahren bin ich jetzt in Berlin", erzählt Christian Herwartz, der sein Noviziat als Jesuit 1969 in Münster absolviert, danach Philosophie und Theologie studiert hat. Der, einer Idee der Jesuiten folgend, nebenbei ganz praktisch, als Lkw-Fahrer, als Möbelträger und als Dreher gearbeitet hat, lange Zeit auch in Frankreich. "Ich weiß, was es heißt, Gastarbeitu zu sein", erinnert er sich. 20 Jahre lang war er zusammen mit Menschen unterschiedlichster Nationalitäten in der Berliner Elektroindustrie tätig - und hat nach und nach die Geschichten hinter den Gesichtern kennengelernt. "Kreuzberg", resümiert der Jesuitenpater, "ist ein Großstadt-Dschungel, ein buntes, turbulentes Armenhaus."

In dieser vermeintlichen Idylle wollte ein junger Mitbruder aus Frankfurt vor einigen Jahren seine Weihe-Exerzitien machen: Jene "geistlichen Übungen", die letzte Klarheit bringen sollten, ob er zum Priestertum berufen war.
Der wollte keine heile Welt, er wollte das alltägliche Durcheinander unserer Stadt, um hier nach heiligen Orten zu suchen. Und nach Gott!" Die Begegnungen mit den Menschen hätten den jungen Mann so berührt, dass er Pater Christian Herwartz erz ählt habe: "In ihnen habe ich die Gegenwart Gottes entdeckt, jetzt weiß ich endlich, wofür ich mich weihen lasse!"

Als zwei andere Priester ähnliche Erfahrungen machten und am Abendbrottisch mit Pater Christian und den anwesenden Gästen darüber sprachen, entstand die Idee, diese besondere Möglichkeit der Gottesbegegnung auch anderen Suchenden anzubieten. "Im Sommer 2000 haben wir das erste Mal zu Exerzitien auf der Straße eingeladen." Das damals entwickelte Konzept besteht in seinen entscheidenden Teilen noch heute:

Für zehn Tage kommen die Exerzitanten nach Berlin und wohnen während dieser Zeit im Pfarrheim der Gemeinde St. Michael im Stadtteil Kreuzberg. Der Keller, der in den Wintermonaten Obdachlosen als Notunterkunft zur Verfügung steht, bietet ihnen mit Matratzen, Feldbetten und der kleinen Küche ein einfaches Quartier. Hier beginnen und beenden die Teilnehmer ihre Tage. Zwischen Morgengebet und Frühstück sowie Gottesdienst, Abendbrot und gemeinsamer Gesprächsrunde am Abend ist jeder für sich unterwegs auf den Straßen von Berlin - und auf den Wegen seines Lebens. Einige nutzen die öffentlichen Verkehrsmittel, andere gehen, soweit die Füße tragen.

Einer der Exerzitanten hat fast alle Wege barfuß zurückgelegt. Und den Impuls zu Beginn damit ganz wörtlich genommen: Am Anfang der Exerzitien erzählt Pater Christian nämlich immer die Geschichte vom brennenden Dornbusch. Jene Geschichte von Mose, der mitten in seinem Alltag von einer Erscheinung heimgesucht wird, die ihn zugleich verwundert und verwirrt.

"Glücklicherweise ist Mose nicht weggelaufen!", interpretiert der Jesuit die Schriftstelle, "sondern er hat sich gestellt." Und erinnert daran, dass Gott mit seinem Propheten reden wolle, dass er aber zunächst einmal die Bedingung formuliert, auf die Mose sich einlassen müsse. "Du stehst auf heiligem Boden", sagt Gott. Und darum soll Mose seine Schuhe ausziehen."

Ein merkwürdiges Zeichen. Aber der Exerzitienleiter erklärt die Bedeutung: "Seine Schuhe ausziehen, das heißt: sich der Realität. stellen. Fluchtmöglichkeiten aufgeben. Sich nicht über andere erheben oder auf einer entsprechenden Überlegenheit bestehen. Und darum", fährt er fort, "müssen auch wir die Schuhe der Mächtigen, der Besserwissenden, des Besserseins ausziehen, um die zu werden, die wir eigentlich sind: Kinder Gottes - und Schwestern und Brüder der einen Menschheitsfamilie."

Dem jungen Mann, der fortan barfuß durch Berlin ging, schien das ganz leicht zu fallen. Andere haben sich schwerer getan, brauchten einige Tage, bis sie sich auch an Orte führen lassen konnten, um die sie früher einen Bogen gemacht haben: im realen, oft aber auch im übertragenen Sinne. "Dornbusch, das ist ja erstmal nichts Einfaches, nichts Schönes", erinnert sich einer der Teilnehmer. "Etwas, das auch weh tun kann, vor dem man eigentlich lieber davonläuft."

"Jeder Mensch hat an bestimmten Orten Angst. Mancher kann sich einer Gruppe von Drogenabhängigen nur langsam nähern", sagt Christian Herwartz. "Wenn er dann aber doch bleibt, beginnt er, die Schuhe zu öffnen und sie abzustreifen. Er sieht sich den Schauplatz der Meditation und des Gebetes an, würde unser Ordensgründer Ignatius sagen. Seine Ängste sind weiter da, aber er wird erst einmal ruhiger und ist gespannt, was er sieht und wie er von Gott angespröchen wird. Wenn sich in seinem Herzen etwas bewegt bat, wird er wiederkommen oder das, Er1ebte vielleicht auch mit Hilfe einer biblischen Geschichte anderswo nochmals betrachten."

Manche Teilnehmerinnen und Teilnehmer brauchen Zeit, um "ihren Ort" zu finden, andere wissen sofort, wo Gott sie hinschicken will. Und wergar keine Idee hat, wo es hingehen könnte, bekommt von Herwartz eine di Liste mit "heiligen Orten" in Berlin. Darauf stehen die Suppenküchen der Stadt, das Sozial- und das Arbeitsanit, verschiedene Gefängnisse, soziale Brennpunkte oder Krankenhäuser. Einen Mann zieht es in die Frühgeburtenabteilung der Frauenklinik.. Vor dem Neugeborenenfenster fängt er plötzlich an zu weinen. Auf einmal kommt eine lange Jahre verdrängte Episode der eigenen Lebensgeschichte hoch - und der Mann lernt in diesen Tagen, Frieden mit sich selbst zu sch1ießen.

Eine Frau entdeckt beim Meditieren an der Babyklappe, wie schwer es ihr fällt, ihren eigenen Sohn loszulassen - der längst über dreißig ist. Und ein sechzigjähriger Pfarrer teilt sein Mittagsbrot mit einem Obdachlosen am U-Bahnsteig; findet in ihm endlich den Gesprächspartner, der ihn wirklich versteht: Auf einem leeren Pizzakarton philosophieren die beiden miteinander über Gott und die Welt.

Während im Sonmer feste Termine für Gruppenexerzitien angeboten werden, besteht das ganze Jahr über die Möglichkeit, als Einzelperson in die Kreuzberger Wohnung einzuziehen und sich auf die Straßen Berlins zu wagen, auch in diesen Tagen vor Weihnachten, vielleicht gerade jetzt.

"Gott wartet auf uns, wo wir ihn nicht erwarten", sagt Christian Herwartz. Das war damals so im Stall von Betlehem, das kann heute auf den Straßen von Kreuzberg geschehen. Und darum sind die Obdachlosen, Strafentlassenen oder Suchtkranken für ihn "Gottesboten" und "Helfer zur Menschwerdung".

Aus Kirche + Leben (Kirchenzeitung Münster) 14. 12. 2003

 

 

Kirsten Dietrich
Gespräch mit Christian Herwartz
Weihnachten 2004 RBB-Inforadio, Berlin

Kirsten Dietrich: Weihnachten, das ist die Zeit der Fülle und des Überflusses. Was in den letzten Wochen in den Geschäften funkelte, liegt jetzt, gut verpackt, unter dem Weihnachtsbaum. Oder eben auch nicht, denn in der Bundesrepublik wächst die Armut, die tatsächliche oder auch nur die gespürte, und das kann auch nicht spurlos an Weihnachten vorbei gehen. Denn Überfluss, Behaglichkeit, ein gutes Gefühl, Spiritualität, das scheint an Weihnachten irgendwie Hand in Hand zu gehen.
Bei mir ist jemand zu Gast, der es gewohnt ist, Wärme und Spiritualität, oder vielleicht auch schlicht "Gott", an den Plätzen zu finden an denen man solches normalerweise nicht vermutet. Christian Herwartz, Jesuit, Priester, gelernter Dreher, hat lange bei Siemens gearbeitet und er lebt seit 25 Jahren in einer Kommunität in Kreuzberg - man könnte vielleicht salopp sagen: in einer Wohngemeinschaft mit besonderem Anspruch.

    Herr Herwartz, wie feiert man denn Weihnachten in einer Wohngemeinschaft die sich ganz bewusst denen zuwendet die eher am Rand der Gesellschaft stehen?

Christian Herwartz: In dem man nicht weiss wie es geht. Weihnachten weiß ich nie wie ich es feiern soll. Das muss man dann sehen, wenn es dran ist, denn diese gesellschaftliche Situation die schon in dem Vorspann angesprochen wurde, die verhindert ja oft zu merken, was Weihnachten überhaupt ist.

    D.: Was heisst das konkret dieses Jahr? Sie kaufen gar nichts ein, Sie kaufen kein Geschenk, es gibt keinen Weihnachtsbaum?

C.H.: Nein, einen Weihnachtsbaum haben wir nur einmal gehabt, als eine Flüchtlingsfamilie bei uns gewohnt hat. Ich wohne mit Muslimen zusammen und mit Christen, mit Nichtchristen, da ist das eher störend. Wichtiger ist, dass wir uns in die Augen gucken, dass wir was zusammen essen, dass wir dahin gehen wo die Not ist. Das muss nicht unbedingt bei uns zuhause sein.

    D.: Ist denn Weihnachten für Sie ein Fest,wo Sie mit bescheidenen Mitteln so etwas wie Fülle bekommen oder eher eine Zeit in der man sich bewusst abgrenzt von all dem Überfluss, der genau zu diesem Fest entfesselt wird?

C.H.: Ich weiss vielleicht eher was es nicht ist, nämlich es ist kein Fest der verschlossenen Türen. Es sind nicht die Herbergen in denen Joseph und Maria abgelehnt und in den Stall geschickt worden sind, als sie schwanger nach Nazareth kamen. Die Herberge macht die Tür zu. Und vielfach empfinde ich das Feiern von Weihnachten, wie das Leben in der Herberge die keinen Platz hat, keinen Platz hat für Überraschungen. Und Gott kann, denke ich, in unserer Mitte nur in Störung bemerkt werden. Und wenn ich mich Weihnachten nicht auf eine Störung einlassen kann, dann weiss ich gar nicht wie ich Weihnachten feiern soll.

    D.: Das heisst, bei Ihnen kann Weihnachten jeder vorbei kommen?

C.H.: Na ja, wir sind keine Institution die irgendwie eine Tür aufmacht, wir sind eine normale Wohnung. Aber klar kommt da jemand den ich nicht erwartet habe, und dann kann Weihnachten anfangen.

    D.: Was war so der überraschenste Weihnachtsbesuch an den Sie sich erinnern?

C.H.: Letztes Jahr ist mir nachmittags eingefallen, dass ja zwei Tage jemand nicht gekommen ist der häufig kommt und dann kam mir die Idee: Der könnte krank sein!? Und dann habe ich ihn gesucht, und er war krank. Ich habe gesagt: "Du, es ist ein Essen gekocht, willst du nicht mitkommen?" Und er ist aufgestanden und ist mitgekommen. Und auf dem Weg ist was ganz entscheidendes passiert. Er hat mir gesagt, dass er fünfzig wird und darunter leidet, dass er diesen Geburtstag nicht feiern kann, weil er kein Geld hat. Und dann habe ich gesagt: "Du, wann ist der denn? Dann komm doch einfach zum Frühstück und lade deine Gäste ein. Und es war einer, der eigentlich überall rausgeschmissen wird. Und es sind 50 Leute zum Frühstück gekommen, zu seinem fünfzigsten Geburtstag. Also ich denke, dafür offen zu sein und zu merken wie wirklich Menschwerdung passiert. Das ist kein abstrakte Begriff, der nur in den Kirchen gesagt wird, sondern wir dürfen diese Menschwerdung erleben. Meine Frage an Sie: Was bedeutet für Sie Menschwerdung?

    D.: Was bedeutet für Sie Menschwerdung?

C.H.: Es gibt die Ebene, dass man einander beisteht, dass man was tut, aber das ist für mich eigentlich die letzte Ebene, eine Konsequenz. Menschwerdung entsteht bei mir, wenn ich staunen kann, was passiert, dass ich das Geschenk annehme, dass ich was sehe, z.B. ein kleines Kind oder wie Menschen etwas machen was mich in Staunen versetzt. Aber darunter liegt für mich die Ebene, in das Nichtwissen zu treten, möchte ich mit den Buddisten sagen. Also in etwas zu treten, was ich nicht weiss, wo ich neugierig werde. Wo ich irgendwie nicht der Wissende bin, und in ein Gegenüber treten was größer ist als ich. Letztlich ist es ja Gott, dem ich gegenübertrete, den ich nicht mit meinem Denken einkreisen kann, und in dieses Gegenüber eines Menschen, ja eines Neuen zu treten, da ist doch Menschwerdung, da werde ich Mensch.

    D.: In der Begegnung mit dem, was sich vorher nicht planen lässt?

C.H.: Genau, was sich nicht planen lässt. Und wir machen Übungen und auch Kurse einige Male im Jahr, womit wir in dieses Sehen gehen und wir nennen das dann: "Die Schuhe ausziehen." Also, die Schuhe, wo wir geschützt sind vor der Umgebung, wo wir uns abheben. Dass wir diese Schuhe einfach mal ausziehen und dann sieht plötzlich die Welt ganz anders aus.

    D.: Solche Begegnungen zu suchen, solches Unplanbare zu suchen, das findet ganz konkreten Ausdruck in einer Veranstaltung die sich nennt: "Exerzitien auf der Strasse". Also, die Begegnung mit Glauben gerade nicht irgendwo im vollklimatisierten Büro, auch nicht irgendwo in der Kirche, sondern irgendwo an der Strasse. Was verbirgt sich dahinter, was ist das für eine Veranstaltung?

C.H.: Dazu haben wir eine Geschichte aus der jüdischen Bibel. Mose, das war ein Hirt der in der Wüste die Schafe hütete, er hat mitten in seinem Arbeitsfeld etwas gesehen was ihn erstaunt hat. Und er beschreibt das so, dass da ein Dornbusch brannte und nicht verbrannte. Jetzt, so mit Abstand, können wir sagen, das ist Liebe. Liebe brennt, aber verbrennt nicht. Und er geht zu diesem Dornbusch hin, wird neugierig, und dann wird ihm gesagt: Ziehe deine Schuhe aus. Fühl den Boden auf dem du stehst, denn dort will jemand mit dir sprechen. Und das genau ist der Rat: Geht durch die Strassen und guckt mal wo es euer Herz bewegt und ihr stehenbleiben solltet.

    D.: Es gibt da keine weiteren Beschreibungen, keine Hilfeleistungen?

C.H.: Nein, es gibt viele Geschichten. Der eine ist ins Krankenhaus gegangen, in die Frauenklinik, und hat vor dem Fenster mit den Babys plötzlich angefangen zu weinen. Im Nachhinein, wenn man dann zwei oder drei Mal hingeht merkt man: Das war die Erinnerung an die Totgeburt vor 18 Jahren, die verdrängt worden war und jetzt heil werden sollte. Und er ist geheilt worden, von diesem Trauma in sich, um welches er immer einen Bogen gemacht hat. Und so hat jeder eine andere Geschichte. Der eine findet sie unter Drogenabhängigen, der andere in der Mosche, der andere in der Suppenküche, wo er ansteht, nicht als Helfer, sondern in der Reihe derer die um Essen bitten.

    D.: Es geht also nicht darum Gutes zu tun und dadurch ein besserer Mensch zu werden?

C.H.: Genau! Das halte ich für eine totale Verdrehung von Glauben. Gutes tun ist noch nicht Glauben. Gutes tun, mag sein dass es eine Konsequenz ist aus dem Glauben, aus dieser Menschwerdung, aus diesem ins Nichtwissen treten, ins Staunen. Aber das ist noch nicht das, was uns zum Menschen macht, Gutes zu tun, das ist Aktion. Die ist wichtig für den Menschen, das ist gut so, aber das ist nicht der Kern der Menschwerdung.

    D.: Und wie verhindert man dann, dass so ein Glauben der dann entsteht, dass der nur noch um die eigene Person kreist und sowas sehr selbstbezogenes wird?

C.H.: Mir kommt es so vor, dass man das eigentlich gar nicht machen muss, aber dass man die Tür offen läßt, dass man die Schuhe auszieht. Und jeder hat ein anderes Bild, wo er die Überraschung die im Leben da ist auch wirklich wahrnimmt. Und dazu muss ich mich auf den Weg machen und so von innen her spüren: Wohin denn? Und da sind diese Orte wohin ich gehe eine große Hilfe, einfach an die Orte zu gehen von denen mir vielleicht gar nicht bewusst ist, dass sie eine Hilfestellung in meinem Leben sind. Also, zum Beispiel, sich unter Obdachlose zu setzen und zu merken welche Angst ich vielleicht vor Obdachlosigkeit habe, wie mich das blockiert und wie viele Entscheidungen die ich treffe, aus der Angst obdachlos zu werden, und ich dann langsam, durch das Loslassen dieser Angst, eben auch besser hören kann wie mir Gott, durch Menschen die obdachlos sind, begegnen will. Denn das ist ja völlig klar, das hat Jesus uns auch deutlich gesagt: "Ihr habt mir zu essen gegeben, zu trinken gegeben. Ihr habt mir Obdach gegeben. Ihr habt mich besucht als ich krank war, oder im Gefängnis. Diese Anwesenheit Jesu oder Gottes unter uns ist möglich, nur müssen wir uns auf den Weg machen. Wir müssen fragen: "Wo wartest du denn auf mich?"

    D.: Wie reagieren denn die die da besucht werden? Fühlen die sich nicht ausgebeutet für irgendwelche Selbsterfahrungstrips von Menschen, denen es eigentlich viel besser geht als ihnen und die ja nach der Woche wieder zurück in ihre gesicherte Existenz gehen?

C.H.: Es machen auch Obdachlose diese Exerzitien. Das ist nicht begrenzt auf Menschen die gesicherte materielle Verhältnisse haben, aber es wird damit ganz offen umgegangen. Die wissen ja oft nicht, wo sie hingehen sollen und dann fragen sie einfach einen Obdachlosen oder jemand anderen: "Du, wo soll ich hingehen, ich suche Gott?" Und diese Gespräche sind faszinierend. Sie drängen sich nicht auf, aber wenn ein Obdachloser fragt: "Was willst du denn hier?" "Ich suche Gott!" Und wenn man dann die Antwort bekommt: "Wenn ich in dein Gesicht gucke, dann sehe ich ihn" oder "Ich würde mal vor die Drogenberatungsstelle gehen. Ich glaube, da findest du ihn!" So lassen sich die Menschen weiterführen, durch innere Impulse, aber auch durch äussere, an Orte zu gehen und später zu erzählen, was sie dort erlebt haben.

    D.: Gibt es sowas wie eine besonderer Spiritualität der Armut?

C.H.: Ich denke im Evangelium wird gesagt: "Selig die Armen" und damit ist, für mich wenigstens, gemeint: Selig die vor Gott nicht so tun, als ob sie großartig sind, die sie loslassen können, alle diese Rollen, in denen wir hängen, vor Gott keine Rolle zu spielen, sondern eben arm zu sein. Da ist nicht nur eine materielle Armut gemeint, auch die kann uns natürlich Barrieren machen, aber auch die vielen anderen Dinge, wo wir glauben besser zu sein als der andere. Das zählt alles vor dem Leben, vor dem menschgewordenen Gott, nicht. Und wer sich ein Stückchen auf diesem Weg macht, wer sich auf diesen Weg des Loslassens, der Armut begibt, der wird beschenkt. Das ist meine Erfahrung durch mein ganzes Leben.

    D.: Warum gehen dann trotzdem so wenige offizielle Kirchenvertreter, so wenige Pfarrer und Priester wirklich aus ihren Kirchen raus und gehen in die Lebens- und Arbeitswelt der einzelnen Menschen?

C.H.: Das ist eine schwierige Frage, das ist in anderen Ländern anders. Da ist halt auch unsere Kirche mit diesem Reichtum, mit der Kirchensteuer usw., das ist ein blinder Fleck der Deutschen. In der Weltkirche ist das schon anders, aber auch in der Gemeinschaft, in der ich lebe, gehen viele raus. Vielleicht nicht in die manuelle Arbeit, aber sie gehen raus und arbeiten an verschiedenen Orten in der Gesellschaft, an Schulen, unter Flüchtlingen, im Gefängnis, weil es wichtig ist die Menschen dort zu entdecken. Christus wo er ist, nicht nur in einer Kirche oder bei den Katholiken besonders in einem Tabernakel, das ist ja letzlich ein Gefängnis, sondern ihn im Leben zu entdecken. Und ich sage nicht, dass er in der Kirche nicht ist. Es gibt bei Gott keinen Ort wo er nicht ist, aber eben auch die Augen zu öffnen, um ihn überall dort zu sehen, wo der einzelne oder die einzelne ihn entdecken darf.

    D.: Ist Weihnachten als eine Zeit äusseren Überflusses, ist das für Sie eine schwierige Zeit?

C.H.: Sie ist nicht mehr so schwierig, weil ich mich nicht mehr so daran reibe. Früher habe ich mich mehr daran gerieben, aber mir wäre lieber, dieses Fest am vierundzwanzigste Dezember würde abgeschafft und es würde das ursprüngliche Weihnachtsfest gefeiert, was am 6. Januar ist und was die Ostkirche auch weiterhin da feiert. Nämlich da wo Jesus sichtbar wird im Tempel, wo er offen wird, wo er auch gesellschaftlich anfängt zu wirken. Und ich hoff, dass wir dieser Versuchung widerstehen, der wir in den letzten 150 Jahren hier im marktwirtschaftlichen Westen verfallen sind, Jesus in einer Mentalität von Kleinfamilien gefangen zu halten oft, dass wir ihn also wieder freigeben, um ihm frei begegnen zu können. Weil die Weihnachtsgeschichte der Menschwerdung Gottes nicht die Unterstützung von einer Herbergsordnung ist die sich verschliesst, sondern eben in die Offenheit geht. Und bei jedem Menschen den wir ausgrenzen, denke ich - ja ich bin sicher -, dass wir damit Jesus ausgrenzen.

 

 

Petra Maria Tollkötter
Straßenexerzitien
in der Zeitschrift "Ausblicke" vom Neukirchener Erziehungsverein, Krefeld 2007

"Was ist das, was dich immer wieder aufregt?" "Was ist das, was dich regelmäßig traurig macht?" So fangen die Straßenexerzitien an. Es geht darum, das, was mich regelmäßig ärgert oder traurig macht, genauer in den Blick zu nehmen, sozusagen etwas Grundlegendes in mir zu finden, das mich immer wieder stark bewegt - in welcher "Verpackung" es auch daher kommt. Und dann nach der Sehnsucht zu fragen, die dahinter steckt. Das ist ein ungewohnter Zugang, ein zunächst seltsam anmutender Blickwinkel für Ärger oder Traurigkeit. Sich Zeit lassen, erinnerte Situationen kommen und gehen lassen, den Ärger, die Traurigkeit befragen nach dem tiefen Wunsch dahinter - es ist erstaunlich, auf welche Sehnsucht ich stoße! Woher kommt sie? Hat Gott sie in mich hinein gelegt? Möchte er mit dieser Sehnsucht von mir angeredet werden? Ich versuche es. Ich gehe mit diesem inneren Sehnsuchtsraum auf die Straße, achte auf die Begegnungen und Begebenheiten, suche Orte auf, die mich ansprechen. Die von den BegleiterInnen empfohlenen Orte sind dreierlei: die Zufälligkeiten des Weges; Orte, wo sich Armut in ihren vielfältigen Gesichtern zeigt (Hospize, Gefängnisse, Behindertentreffs, ARGE, Suppenküchen, AIDS-Cafe, Babyklappe, Obdachlosentreffs etc.); der Ort in mir, in meinem Herzen mit seinen unterschiedlichsten Bewegungen. Im einfachen Gehen durch die Stadt wächst meine Sensibilität für mich, für die Umgebung, für die Menschen, für die Möglichkeit des Aufscheinens Gottes darin. Ob Kontakte entstehen bleibt den Einzelnen überlassen. Allein schon im bewussten Hin-Schauen und An-Schauen der armen und ausgegrenzten Menschen, im wertfreien Zulassen dessen, was sich dabei an unterschiedlichsten Gefühlen und Gedanken meldet, entsteht ein Kontakt zu mir selbst, eine Aufmerksamkeit für das mich Umgebende, eine Offenheit für die leise Ansprache Gottes. Der Kontakt zu der in mich gelegten Sehnsucht ist wie ein Fundament durch diese Tage. Mit ihr bete ich, mit ihr bin ich unterwegs, mit ihr bleibe ich wach für die Spuren des Entgegenkommens Gottes.

Was lädt zu solchen Wegen ein? Zentral für die Straßenexerzitien ist die Erzählung vom brennenden Dornbusch (Ex. 3). Mitten im Alltag, beim Schafehüten, fällt Mose der brennende Dornbusch auf, der ihn neugierig macht und fasziniert, der Fragen in ihm weckt, der ihn näher treten lässt. Indem er sich auf diese Erscheinung einlässt, hört er Gottes Stimme, die ihn bittet, er solle die Schuhe ausziehen und nicht näher herantreten. Und Gott sagt: "Dort, wo du stehst, ist heiliger Boden!". Gott ist gegenwärtig im stacheligen und kratzigen Dornbusch mitten in der Wüste. Gott ist gegenwärtig im Ausgegrenzten und Abgelehnten, im Vergessenen und Alltäglichen. Mit einer Gottesbegegnung dieser Art dürfen die Teilnehmenden der Straßenexerzitien rechnen! Sie dürfen damit rechnen, dass ein Ort für sie zum "Heiligen Ort" wird, an dem Gott sich ihnen zeigt.

Ich selber habe die Straßenexerzitien schon mehrfach in Berlin mitgemacht. Sie werden jedes Jahr auch in anderen Städten angeboten. Diese 10 Tage in sehr einfacher Umgebung, mit 5-10 anderen ExerzitantInnen (= Übenden), mit geringer Tagesstruktur und einfachem Lebensstil lassen mich immer wieder neu das Geheimnis der Gegenwart Gottes in jedem Menschen erahnen. Die eigenen Erfahrungen und die täglichen Austauschrunden am Abend helfen mir, meine eingeübten und beengenden Wahrnehmungsmuster zu erkennen und loszulassen (meine "Schuhe auszuziehen") und mich auf Existentielleres in mir und im Gegenüber einzulassen. Ohne meine auch schützenden Haltungen und Überzeugungen werde ich geradezu nackt in der Begegnung mit Anderen. Das befreit und beunruhigt zugleich. Durch die Menschen, die mir begegnen, höre und spüre ich etwas von unserem liebenden Gott.

Eine persönliche Erfahrung: Bei meinen ersten Straßenexerzitien verbrachte ich zwei Stunden mit zwei obdachlosen Alkoholikern auf einer Parkbank. Mir ging es an diesem Tag nicht gut. Da war viel Leere und Sinnlosigkeit in mir. Die beiden luden mich ein, mit ihnen auf der Parkbank ein Bier zu trinken. In der Begegnung mit ihnen spürte ich ein Angenommensein ohne Leistung, eine Einladung zum Daseindürfen mit allem Schwachen und Unbeholfenen in mir -weil sie auch einfach so da waren. Da kam etwas in mir zum Klingen, was nicht machbar ist: eine Einladung zum vorbehaltlosem Leben, zum Ja-Sagen zu dem, was einfach da ist. Ein mir heiliger Boden war entstanden.
Als ich sie verließ, klang der Satz in mir nach: "Wie frei ist man, wenn man nichts mehr zu verlieren hat!" Wenn ich alles, was nach meinen Wertmaßstäben so wichtig ist, loslassen kann, werde ich frei für eine unmittelbare Begegnung, zu einem Wahrnehmen, zu einer Liebe, die so ganz anders ist! Wohl ein lebenslanger Prozess!
Ist Gott so? Mir öffnen diese Tage mit all den Begegnungen mit den Menschen am Rande immer wieder neu die "Herzensaugen" für Gottes liebende Gegenwart in mir, in anderen Menschen und in unserer Welt. Das Glaubenswissen wird gefüllt mit Glaubenserfahrung, die alltagstauglich ist und (hoffentlich) leise, aber stetig prägt.

Die Straßenexerzitien sind offen für Menschen aller Konfessionen und gesellschaftlichen Zugehörigkeiten.
Diese Tage sind ausdrücklich kein Sozialpraktikum. Sie haben nicht das Einüben eines sozialen Engagements zum Ziel!
Sie sind eine Form unter vielen anderen Angeboten, die eigene Gottessehnsucht zu erspüren, ihr nachzugehen und Erfahrungen mit unserem Gott zu machen.

 

 

"Immer geradeaus"
Jesuitenprovinzial sucht auf den Straßen von Berlin nach Gott
KNA-Redakteurin Barbara Just

München/Berlin (KNA) Das Unterwegssein ist Pater Stefan Dartmann gewohnt. Als Provinzial der bis Skandinavien reichenden Deutschen Jesuitenprovinz gehört es für ihn zum täglichen Geschäft, viel auf Reisen zu gehen. Doch die Erfahrungen, die der 50-Jährige jüngst in Berlin machte, waren etwas ganz anderes. Wenn er davon in seinem Münchner Büro erzählt, sprüht der Ordensmann nur so vor Lebendigkeit. Denn seine jährlichen Exerzitien im Geiste des Ordensgründers Ignatius von Loyola hat der Pater auf der Straße absolviert, und sich dabei auf die Suche nach Gott begeben.

Was sich im ersten Moment wie eine abenteuerliche Undercover-Recherche anhört, hat einen spirituellen Hintergrund. "Exerzitien auf der Straße" heißt die von dem Berliner Jesuiten Christian Herwartz entwickelte Form der "Geistlichen Übungen". Auf "nackten Sohlen" sollen sich die Teilnehmer Gott nähern, wo er auf sie wartet; sei es in Hungernden, Fremden oder Obdachlosen. Dabei gelte es, die "Schuhe der Überheblichkeit" und andere "Schuhe" auszuziehen und so wie Moses vor dem brennenden Dornbusch, aus dem Gott spricht, zu stehen, erklärt der Provinzial. Unnötigen Ballast sollen die Teilnehmer abwerfen, um wieder Bodenhaftung zu gewinnen.

Zusammen mit fünf Männern und vier Frauen hatte sich Dartmann für eine Woche in der Pfarrei Sankt Michael im Stadtteil Kreuzberg einquartiert. Im Keller schliefen die Teilnehmer der Exerzitien in zwei Matratzenlagern, kochten und beteten zusammen; jeden Abend reflektierten sie das Erlebte. "Jeder Teilnehmer sucht sich sein Meditationsthema selbst", erläutert der Pater. Da ihm Berlin anfangs immer als aggressiv begegne, "habe ich mich am ersten Tag für die Graffiti an den Häusern interessiert". Darin werde die Zerrissenheit der Stadt am besten deutlich.

"Saubere Wände = höhere Mieten", war da an einer Hauswand zu lesen, aber auch: "Gott am Arsch!", "Lost soul" oder die Sorge "Will I ever find love?". Religiöses scheint die Leute zu bewegen, hat der Pater festgestellt. Doch nicht nur die Sprayer machten auf sich aufmerksam. Der neueste Harry-Potter-Film wird mit den Worten beworben: "Die Rebellion beginnt." Das dachte sich womöglich auch der Provinzial, als er bekleidet mit T-Shirt und Sporthose zum Prenzlauer Berg aufbrach. Als Frage hatte er sich zurecht gelegt: "Ich suche Gott, in welche Richtung würden Sie mich schicken, damit ich ihn finde und warum?"

Ein 60-Jähriger sah den Suchenden nur streng an und meinte: "Nach Hause und beten." Mit einer Irin, die den Kinderwagen vor sich herschob, entwickelte sich folgender Dialog: "Geh da zur Kirche." - "Die ist aber zu." - "Dann müssen Sie selber wissen." Ein 15-jähriges Mädchen meinte mit Überzeugung: "Dahin. Da scheint die Sonne." Manch einer der Befragten seufzte nur: "Ach Gott!" und machte mit der Hand eine schnelle Bewegung vor der Stirn. Wer so fragt, muss spinnen. Zwei afrikanische Bauarbeiter dagegen hörten auf, ihr Pausenbrot zu essen und sagten: "Immer gerade aus. Du bist schon in der richtigen Richtung, wenn Du nichts Böses getan hast."

Von Tag zu Tag wurde Dartmann mutiger. Irgendwann beherzigte er den ausdrücklichen Rat, kein Geld mehr mitzunehmen. Als er an einer Suppenküche vorbeikam, begann er das Gespräch vorsichtig und fragte erst einmal nach der Organisation. "Will'ste Essen?", kam als Antwort zurück. "Dann setz' dich dahin." Während der Mahlzeit dachte Dartmann nur: "Hoffentlich kommt keiner vorbei, der mich kennt." Doch wer er ist, wollte von ihm niemand wissen.

Dann kam der Punkt, als der Provinzial mit sich kämpfte. Sollte er es wagen, eine katholische Einrichtung aufzusuchen, in die er öfters seriös mit Priesterkragen und Kreuz am Revers hineingeht? Er tat es, klingte und fragte höflich: "Ich bin ein Stadtpilger. Haben Sie etwas Brot und Wasser für mich?" Aus der Sprechanlage tönte nur: "Nein, ich glaube nicht."

Veröffentlicht von KNA Basisdienst am 1.08.2007

 

 

Wo finde ich Gott in Berlin?
Stadt-Gottes-Redakteurin Eva-Maria Werner

Unsere Hauptstadt ist laut, hektisch, unübersichtlich. Und der ideale Ort für Exerzitien - meint der Jesuit Christian Herwartz. Seit sieben Jahren bietet er "Exerzitien auf der Straße" an. stadtgottes-Redakteurin Eva-Maria Werner war dabei

Während Christian Herwartz die Geschichte von Moses und dem brennenden Dornbusch aus der Bibel vorliest (Ex 3), streift er langsam seine Schuhe ab. Die zwölf Teilnehmer der "Straßenexerzitien" sitzen mit ihm im Kreis um einen schlichten orange-gelben Schal, den jemand um eine kleine Kerze gelegt hat. Schweigend nehmen sie den Impuls für den Tag in sich auf. "Wenn ihr gleich hinaus auf die Straße geht, lasst euch anrühren und stören", sagt der Jesuit ruhig. "Anrühren von Situationen, Orten oder Menschen, die ihr bewusst aufsucht oder denen ihr wie zufällig begegnet."

Aufgabe des heutigen Tages ist nicht, irgendetwas zu erledigen oder zu erreichen. Sondern: Menschen wahrzunehmen, sie wirklich zu sehen. Es ist eine Einladung, sich auf den Weg mit Jesus und zu den von ihm bevorzugten armen Menschen einzulassen. "Wenn ihr einen heiligen Ort gefunden habt, könnt ihr wie Moses die Schuhe ausziehen. Ihr könnt dort verharren und spüren, wie Gott euch an diesem Ort begegnet", schlägt Christian Herwartz vor. Was bedeutet dieses (gedankliche) Ausziehen der Schuhe? "Es bedeutet, die Schuhe der Distanz abzustreifen, sich der Realität zu stellen, sich zu öffnen und eigene Sehnsüchte und Gefühle zuzulassen. Wer die Schuhe auszieht, kann nicht mehr so schnell vor einer bestimmten Situation davonlaufen."

Bevor alle aufbrechen, verteilt Christian Herwartz eine Liste mit Anregungen für die Suche nach heiligen Orten in Berlin. Darunter: das Abschiebegefängnis in Köpenick, der Drogenumschlagplatz am Kottbusser Tor, ein Hospiz, die Mevlana-Moschee, das Jüdische Museum, eine Suppenküche... Mit einem Lied entlässt er die Suchenden für fünf Stunden auf die Straßen von Berlin: "Caminando va, Leben lebt vom Aufbruch, caminando va, machen wir uns auf!" Wenig später stehe ich auf dem Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg. Was nun? Es ist ungewohnt, auf der Suche nach Gott in den Straßen einer Großstadt unterwegs zu sein. Welchen Weg soll ich nehmen? Wohin führt mich dieser Tag? Eine Teilnehmerin hat bewusst ihren Geldbeutel und ihre Hausschlüssel im Gemeindezentrum zurückgelassen - damit sie nicht auf die Idee kommt, Zuflucht in ihrem gewohnten Umfeld zu suchen.

Zum Glück ist das Wetter freundlich. Heute möchte ich mit offenen Augen und Ohren durch die Stadt gehen. Ich sehe obdachlose Menschen im Park, eine uralte Oma in der U-Bahn-Station, mehrere Bettler vor Kaufhäusern, eine türkische Frau, die sich mit schweren Einkaufstüten die Straße entlang schleppt. Diese Menschen sehe ich sonst zwar auch, aber nur "aus dem Augenwinkel", im "Vorübergehen". Ich sehe, nehme aber nicht wirklich wahr. Schnell wird mir heute meine eigene Überheblichkeit bewusst. Ich ertappe mich dabei, die Menschen und ihr Verhalten zu beurteilen: "Sollte er nicht besser die Bierflasche weglegen und sich auf die Suche nach einem Job begeben? Könnte sie nicht ihre schmutzige Schürze austauschen gegen eine saubere Bluse?" Viele Menschen nehme ich nur als "Problemfall" wahr. Ich sehe nicht den Menschen hinter dem Alkohol, der Armut, der Ausgrenzung. Doch genau das tat Jesus! Er hat sich nicht in einen Palast zurückgezogen und nur die Reichen und Schönen zu sich eingeladen. Im Gegenteil! Er hat Ungerechtigkeit und Unrecht benannt, die Tische der Händler im Tempel umgestoßen. Und sich gleichzeitig zu den Kranken, Hungrigen und Obdachlosen gewandt. Ihnen seine Liebe und Zuneigung geschenkt.

Was bedeutet es für uns, wenn wir es ernst meinen mit der Nachfolge Jesu? Dann müssen wir die Grenzen der Bequemlichkeit, des Sicheren und Gewohnten überschreiten und uns mitten unter die Menschen begeben. Wie damals in Palästina gibt es auch in unserem Land große soziale Probleme, viele Menschen leben im Abseits, sind aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Wahrer Glaube wird nicht hinter verschlossenen Türen gelebt, sondern in Gemeinschaft mit Armen, Kranken, Obdachlosen, Ausgegrenzten.

Nach den Stunden auf der Straße treffen wir uns zum Austausch wieder im Kreuzberger Gemeindezentrum von St. Michael. Eine Frau berichtet von ihrem Gespräch mit einer Prostituierten: "Ich hatte anfangs Berührungsängste und 1000 Vorurteile." Doch im Laufe des Gesprächs gelang es ihr, die Frau als gleichberechtigte Gesprächspartnerin anzuerkennen. "Als sie ihren Beruf als Tauschgeschäft beschrieb - Körper gegen Geld - fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Auch wir verkaufen im Berufsleben unsere Ware, unsere Dienstleistung, manchmal sogar unsere Person." Zwar ist sie weiterhin skeptisch, sieht sehr wohl, dass viele mangels Alternativen gezwungen sind, als Prostituierte zu arbeiten. Ganz zu schweigen von der Zwangsprostitution. "Doch steht es mir zu, diese Frauen moralisch zu verurteilen? Nein! Jesus sagte: Wer von euch ohne Su¨nde ist, der werfe den ersten Stein."

Eine Relativierung der eigenen Sichtweise und die Entlarvung des eigenen Ausgrenzungsverhaltens haben fast alle aus der Gruppe erfahren. Viele sprechen von Schichten, die sie abgelegt und Mauern, die sie durchbrochen haben. Sie haben sich "stören" lassen, haben die Schuhe der Distanz, des Größerseins, des Vergleichens, des Urteilens und des verletzenden Zutretens abgelegt. Die Ahnung macht sich breit, dass Gott vor allem bei den Armen und Ausgeschlossenen zu finden ist. Christian Herwartz hört zu. Hier und da schiebt er eine Frage ein, versucht, einen Bezug herzustellen zwischen dem Erlebten und der Lebensgeschichte des Erzählenden. "Gab es auch fu¨r dich einen heiligen Ort?", fragt er mich. Ich nicke. "An einer Kreuzung habe ich fünf Rosen gesehen, die an ein Straßenschild gebunden waren. Darunter standen Kerzen und mit einer Plastikfolie geschützt ein Brief. Darin erzählt ein Mädchen über die Liebe zu ihrem Vater, der bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Mich hat ihre Offenheit berührt, die Art und Weise, wie sie ihre Liebe zum Ausdruck bringt. Hoffentlich hat sie ihrem Vater das auch schon früher mitteilen können."

"Gibt es Menschen in deinem Leben, denen du mal wieder zeigen könntest, wie sehr du sie magst?" fragt Christian weiter. "Ja, die gibt es." Oft zeigt sich uns Teilnehmern erst im Gespräch mit dem Jesuiten und mit den anderen aus der Gruppe, welche Bedeutung sich hinter dem Erlebten verbirgt. Jeder kann hier für jeden zum Begleiter werden. Renate hat schon oft an Exerzitienkursen teilgenommen. "Dies ist meine Art, mich mit dem Sinn des Lebens auseinanderzusetzen", sagt sie. "Ich stehe der Kirche nicht besonders nahe, aber die Form des Sehens und Zuhörens, wie sie die Straßenexerzitien bieten, eröffnet mir eine Zugangsmöglichkeit zum Glauben. Das ist anziehend!"

Selbstkritisch erzählt eine andere Frau von ihrem Tag. Sie hat eine Postkarte mitgebracht. Darauf zu sehen: ein krähender Hahn auf einem Bücherstapel und ein brütendes Huhn. "Ich bin wie dieser Hahn", sagt sie. "Fühle mich schlau genug, andere zu belehren, weil ich viele Bücher gelesen habe. Doch das eigentliche Leben spielt sich ganz woanders ab - beim Huhn. Es brütet still und geduldig die Eier aus, schenkt neues Leben. Ich möchte ein bisschen weniger Hahn und etwas mehr Huhn sein!"

Exerzitien auf der Straße sind heilsam: Unterwegs haben wir Orte gefunden, an denen wir einengende Grenzen bemerkten, unsere Lebensgewohnheiten infrage stellen, diese überschreiten und den Weg zu Heilung und neuen Lebensperspektiven finden konnten. Wir Teilnehmer sind erstaunt über die Fülle und Einsichten, die uns geschenkt wurden. "Wer sein zielgerichtetes Alltagsverhalten mal für einige Stunden unterbricht, lässt Raum für Begegnung zu", sagt Christian Herwartz. Die "Exerzitien auf der Straße" sind nicht nach einem Tag vorbei. Das "neue" Sehen und Hören ist immer wieder möglich, wenn wir es wollen. Gott wartet auf uns, vor allem dort, wo wir es zunächst nicht erwarten.

Info-Kasten: Exerzitien auf der Straße:
Mehrmals im Jahr bietet Christian Herwartz zehntägige "Exerzitien auf der Straße" an. Die Teilnehmer wohnen und kochen zusammen (in einer ehemaligen Unterkunft fu¨r Obdachlose), sind am Tag in den Straßen der Stadt unterwegs und kommen am Abend zum Gespräch zusammen.

stadtgottes 10/07 Seite 18 - 21

 

 

Heiner Reinhard
Exerzitien auf der Straße
Gott finden auf den Straßen Berlins

    Vom 12. bis 21. Oktober war ich zu "Exerzitien auf der Straße" in Berlin: Tage mit viel Schweigen; Zeit, um Spuren Gottes zu suchen und sich eigenen Lebensfragen zu stellen. Viele aus der Gemeinde haben mich gefragt, was ich da eigentlich gemacht und erlebt habe. Darum hier ein Versuch, diese Tage zu beschreiben:

 

Freitag, 12. Oktober
Schon die Hinfahrt wird spannend: es ist der erste Tag des Lokführerstreiks. Doch der Zug nach Braunschweig fährt; er ist mit 3 Schulklassen total überfüllt. Hinter mir sagt plötzlich ein Schüler über einen anderen: "Der kommt aus Berlin-Kreuzberg, aus dem Ghetto!" Sein Nachbar weiß nicht, was ein Ghetto ist aber Berlin-Kreuzberg, das ist das Letzte, soviel ist ihm klar.
Da will ich hin. Vor 2 Jahren habe ich Christian Herwartz kennen gelernt, einen Jesuit und Arbeiterpriester, der seit vielen Jahren in Kreuzberg in einer Wohngemeinschaft mit Obdachlosen, Flüchtlingen und anderen "Gestrandeten" wohnt. Ein faszinierender Mensch! So habe ich mich bei ihm zu "Exerzitien auf der Straße" angemeldet.
Wir wohnen in einer Obdachlosenunterkunft einer kath. Kirchengemeinde; zwei Kellerräume sind die Schlafräume; das Gemeindehaus steht uns für Frühstück und gemeinsames Abendessen zur Verfügung. Die Exerzitien kosten null Euro; in der Küche liegt eine Plastiktüte. "Wenn Ihr im Lauf der Tage alle mal 20 Euro hineintut, habt Ihr immer genug, um für Frühstück und Abendessen einzukaufen." Gekocht wird im Wechsel. Abends haben wir erst Abendmahlsgottesdienst und Gespräch; Christian, Lotte, Klaus und Claudia begleiten uns. (…)

 

Dienstag, 16. Oktober
Auf dem Weg zum Bahnhof Zoo komme ich wieder am Straßenstrich vorbei. Zwei Frauen erkenne ich von gestern wieder. Sie sind mir fast ein wenig ans Herz gewachsen. Plötzlich setzen sie sich mit einem Kaffee in ein Straßencafe. Spontan kaufe ich 2 Rosen im nebenan gelegenen Blumenladen und gehe zu ihnen. Sie freuen sie sehr über die Blumen – aber erhoffen sich natürlich auch ein Geschäft. Ich komme ins Schwitzen. "Ich will kein Sex. Ich suche Gott." Ich glaube, sie halten mich für einen religiösen Spinner. Schließlich wollen sie nur noch Geld von mir, erzählen von ihren 6 Kindern in Ungarn, die hungern müssen.
Ich verabschiede mich und laufe weiter.
Später sitze ich lange in der Gedenkstätte "Plötzensee" – ein furchtbarer Raum mit Haken an einem Metallträger, an denen die Nazis Gefangene erhängt haben. Kommunisten, Widerstandskämpfer, aber auch einfache Bauern, die russische Flüchtlinge bei sich im Heu übernachten ließen. Wie viel Mut müssen diese Menschen gehabt haben, um trotz der Gefahr an ihren Überzeugungen festzuhalten! Und wie viel kleinere Risiken bringen uns heute schon zum Schweigen und Wegsehen!

 

Mittwoch, 17. Oktober
Stundenlang bin ich auf der ehemaligen Grenze unterwegs. Wo vor 20 Jahren noch die Mauer stand, sind heute Pflastersteine in den Boden eingelassen. Ich folge ihnen einige Stunden. Mir kommt eine Gesangbuchstrophe in den Sinn, die ich immer wieder vor mich hin singe:
"Man halte nur ein wenig stille / und sei doch in sich selbst vergnügt; / wie unsres Gottes Gnadenwille, / wie sein Allwissenheit es fügt. / Gott der sich uns hat auserwählt, / der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt."
Ich tanze, hüpfe, singe. Autofahrer hupen, weil ich mitten auf der Straße laufe.
Plötzlich bleibe ich an zwei "Stolpersteinen" stehen: in den Boden eingelassen sind zwei metallerne Steine, auf denen Namen von ermordeten Juden stehen: Lotte und Siegbert Rotholz, sie 1943 in Auschwitz umgekommen, er 1943 hingerichtet. Gott, wo ist da Deine Allwissenheit, Dein Gnadenwille? Ich verstumme.
Plötzlich kommt – vollkommen unverhofft – eine einzige, starke Windböe, die eine goldene Blätterwand auf mich zutreibt. Ob das Ehepaar Rotholz mir ein Zeichen geben will?
Ich laufe weiter, einige Stunden. Bis ich in Kreuzberg an einer Haustür zwischen vielen Plakaten einen Zettel mit einem Gedicht kleben sehe:
Bin niemals allein / bin nirgends zuhaus
der Tanz geht weiter / Tagein und Tagaus.
Nur manchmal verschwindet die Wirklichkeit
und ich seh einen Wind aus anderer Zeit.

Es läuft mir kalt den Rücken runter: ich seh einen Wind aus anderer Zeit. Ja, das war meine Blätterwand. Ich weiß: Das Gedicht hängt da für mich! Einbildung? Naiv? – Nein, für mich nicht. Nachts im Bett – der Priesteramtskandidat neben mir schnarcht entsetzlich – freue ich mich an dem Bild: Ich tanze mein Leben in Gottes Armen...

 

Donnerstag, 18. Oktober
Ein ruhiger, besinnlicher Tag. Kreuzberg ist schon fast wie ein Zuhause... Kinder spielen Straßenmusikanten, freuen sich riesig, dass ich stehen bleibe und ihnen zuhöre. Warum dränge ich im Leben im weiter? Ich will nicht immer brauchen und suchen. Ich will einfach da sein.
Im Abendgottesdienst waschen wir uns die Füße. Was für ein Gefühl, als Lotte, eine ältere Ordensschwester aus Luxemburg, mir die Füße küsst...

 

Freitag, 19. Oktober
Über Nacht hat jemand auf dem Bürgersteig ein Dixi- Klo abgestellt. Schmunzelnd nehme ich es als Zeichen dafür, dass Gott mich einlädt, alten Ballast abzuwerfen. Fröhlich, wieder singend, schlendere ich im Schneckentempo durch Kreuzberg. Ich habe kein Ziel mehr. Ich bin schon da.
Mittags komme ich an meinem Gedicht vom Mittwoch vorbei – Oranienstraße 34. Die Tür steht offen; ich gehe in den Hinterhof, setze mich auf eine Bank. Menschen kommen und gehen – und alle grüßen mich freundlich, lächeln mir zu.
Der Fahrstuhl im Hinterhaus sieht mit seinen Glasfenstern aus wie eine große Leiter. Plötzlich kommt mir die Erzählung von Jakob und der Himmelsleiter. "Führwahr, Gott ist an diesem Ort und ich wusste es nicht!" sagt Jakob in 1. Mose 28,16 und ich sage es mir auch: Gott ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht!
Ich bin einfach glücklich, singe auf meiner Bank. Besoffen vor Glück. Plötzlich sehe ich vor mir auf dem Boden eine Postkarte. Warum habe ich die vorher noch nicht gesehen? Mit großen Buchstaben steht da geschrieben: Das Wunder der Oranienstraße. Zufall? Daran glaub ich schon lange nicht mehr.
Mögen andere darüber lächeln: ich weiß, die hat Gott mir dahingelegt!
Zurück auf der Straße sehe ich vor der Tür, direkt unter meinem Gedicht, wieder zwei Stolpersteine: Dr. Georg und Frieda Cohn – Exil in Shanghai. Die beiden haben es geschafft. Und drüber hängt ein großes Banner: Ora 34. Für mich ist das die Aufforderung zum Beten. Und wie ich Gott lobe an diesem Tag!
Später schlendere ich eine Weile mit einem Behinderten durch die Straße. Plötzlich guckt er mir in die Augen und sagt: "Du hast nichts gegen mich, auch wenn ich sowas hab?!"

 

Samstag, 20. Oktober
Ich höre die Frage des Behinderten als Frage Gottes an mich. Ich habe ihn gelobt und besungen vor Glück in diesen Tagen – aber was ist mit den anderen Seiten des Lebens? Wo es nicht heil und rund ist? Was ist mit dem Gebrochenen, Unvollkommenen? Liebst Du mich auch so? fragt mich Christus. Plötzlich sehe ich die Menschen noch einmal mit anderen Augen, versuche, Christus in ihnen zu sehen. Wie sehr verändert das meinen Blick. Der türkische Mann mit seiner Gebetskette, die Bettlerin, der Alkoholiker auf der Parkbank – Christus ist da! Und wie arrogant bin ich oft, fühle mich überlegen. Scham überkommt mich. Ich singe wieder: "Man halte nur ein wenig stille..."
Gott will gefunden werden in den alltäglichen Dingen und Begegnungen des Lebens. An wie vielen Stellen ist er mir aufgeblitzt in diesen Tagen. Das Leben – ein Versteckspiel mit Gott!
Ein klein wenig habe ich noch gezögert – ist das nicht vielleicht doch ein wenig zu naiv? Aber dann hat Gott mir zu guter letzt noch eine Clown-Frau über den Weg geschickt, mit der ich auf wunderbare Weise herumgealbert habe, mitten auf der Straße. Was hatten wir für eine Freude! Gott sei Dank!

 

Donnerstag, 8. November
Ich schreibe diesen Bericht für den Gemeindebrief und bin sehr dankbar, dass mir diese Tage geschenkt wurden. Danke an Stefan Gresing, der in den Exerzitientagen den ganzen Südharz vertreten hat – und die Begleitenden und die Teilnehmenden der "Exerzitien auf der Straße" – lange werde ich von diesen Erfahrungen zehren!

Aus: KREUZ & QUER - Walkenried, Wieda, Tettenborn/Neuhof - Ausgabe 3/2007

 

 

"Sich stören lassen ist wichtig!"
Jesuit Christian Herwartz bietet eine besondere Form geistlicher Übungen an: Straßenexerzitien

    Der Berliner Jesuit und Autor Christian Herwartz war jahrzehntelang Arbeiterpriester. Heute lebt er in einer offenen Kommunität in Berlin-Kreuzberg, begleitet Menschen, die an den Rand gedrängt sind, und gibt Exerzitienkurse. Im Gespräch mit "Paulinus"-Redakteurin Eva-Maria Werner spricht er über die "Spiritualität der Störung" und warum es wichtig ist, hin und wieder die "Schuhe auszuziehen".

Wieso haben Sie immer das Leben mit "einfachen Menschen" gesucht?

Die deutlicher gewordene Spaltung der Gesellschaft in Geachtete und weniger Geachtete, in Gebrauchte und Benutzte oder gar nicht mehr Gesehene widerspricht fundamental meinen Hoffnungen, wie ich sie im Evangelium ausgedrückt sehe. Wir sind Geschwister. Das will ich nicht nur wissen, sondern auch leben.

Warum kann die Nähe zu Obdachlosen, Kranken oder Gefangenen heilsam sein?

Jesus hat uns den Hinweis gegeben, dass er dort zu finden ist. Die Nähe zu ausgegrenzten Menschen ist eine entscheidende Verwurzelung im Leben. Oft verkörpern diese Menschen eine Lebenssituation, vor der die meisten existentielle Angst haben. Dann ist es gut, diese Angst zu überwinden und ihnen in geschwisterlicher Weise zu begegnen.

Welches Erlebnis Ihres Lebens hat Sie in besonderer Weise geprägt?

Nur eins? Gut. Ich habe einmal in einem großen Kohlebunker gearbeitet und es kam die Frühstückszeit. Zwei türkische Kollegen riefen mich herbei und teilten ihr Brot mit mir. Es war eine Eucharistiefeier mitten im Dreck, wortlos. Ich bin noch nach vielen Jahren davon überwältigt, Jesus so greifbar nahe gewesen zu sein. Wir Menschen sind alle Geschwisterdurch ihn. Das brauchte mir keiner mehr erklären. Ich hatte es erfahren.

Was bedeutet für Sie die Beziehungzu Jesus?

Jesus war für mich lange der gleichaltrige Bruder, mit dem ich über meine Lebensträume reden konnte. Dann wurde ich älter als er und entdeckte in ihm den vorausgegangenen Bruder, der eine neue Verknüpfung zu Gott anbahnte. Die Beziehung zu Jesus ist ein Name für das Glück in meinem Leben geworden.

Sie sind bei Mahn- und Gebetswachen aktiv und haben einmal Ihren Jahresurlaub dazu verwendet, mit Wohnungslosen vor dem Berliner Rathaus gegen die Vertreibung der Armen zu protestieren. Woher nehmen Sie die Kraft?

Ich habe entdeckt, wie wichtig es ist, mich in meiner Armut, in meiner Kraftlosigkeit von Gott führen zu lassen. Kläglich scheitern würde ich, wenn ich mich auf meine Kraft stützen würde. Die Nachfolge Jesu ist keine Leistung. Sie wird uns geschenkt.

Einmal haben Sie gesagt: "Wenn wir vor den Mauern eines Gefängnisses stehen, schauen wir auf einen großen Tabernakel." Was ist damit gemeint?

Damit wir den Auferstandenen nicht übersehen, hat Jesus zu Lebzeiten gesagt, dass wir auf die Menschen besonders achten sollen, die leicht beiseite geschoben werden. Vor einem Gefängnis und bei einem Besuch eines Gefangenen wird mir diese Botschaft Jesu besonders deutlich. Er kann uns in Jedem begegnen, besonders in denen, die wir leicht übersehen.

Sie bieten "Exerzitien auf der Straße" an. Was ist das?

Exerzitien sind Übungen. Was wird geübt? Aufmerksamkeit. Auf was? Auf das Leben im anderen und in mir selber. Ich suche Gott, wo immer er mir begegnen will. Ich suche ihn in völliger Offenheit, denn ich weiß nicht, wo er sich zeigen will. Das Wort Straße steht für Offenheit und die Unbestimmtheit am Anfang des Suchens. Mose ist Gott in einem brennenden, aber nicht verbrennenden Dornbusch begegnet. Dort war für ihn die Straße. Die Begegnung mit dem Leben findet für die Teilnehmer der Exerzitien an unterschiedlichen Orten, am Ufer eines Flusses, vor einem Gefängnis oder mitten im Drogenhandel statt. Gottes Fantasie ist unerschöpflich. Mose hat die Anweisung bekommen, an dem Ort der Begegnung mit Gott seine Schuhe auszuziehen. Ich verstehe dies so, dass er sich ganz in die Realität stellen und jede Distanz abstreifen sollte. Mose musste die Schuhe des Besserwissens, des Weglaufens, des Vergleichens usw. ablegen, wenn er auf die Stimme Gottes hören wollte. Er war aus Ägypten geflohen; nun sollte er mit einem unglaublichen Auftrag dorthin zurückkehren und die Befreiung seines Volkes anführen.

Warum ist ein Aufbruch immer wieder wichtig?

In den Exerzitien wird das Leben in der Gegenwart geübt. Erfahrungen aus der Bibel und Menschheitsgeschichte helfen, die Erlebnisse heute zu entschlüsseln. Sie können die eigenen aber nicht ersetzen. Oft bitten die Übenden zunächst um Heilung, also das Wegräumen von Hindernissen, die den Blick auf das Leben verstellen. Dann geht es christlich gesprochen um eine neue Offenheit für die Begegnung mit dem Auferstandenen. Dieser unglaubliche Vorgang ist das Kerngeschehen in einer solchen Zeit. Es geschieht überraschend und ist eine Störung unserer bisherigen Vorstellungen.

Warum ist die "Spiritualität der Störung" so bedeutsam?

Wie kann ich mir vorstellen, dass Gott mit uns in Kontakt treten kann? Wir sind ja selten im Jetzt. Unterwegs auf der Straße übersehen wir andere häufig, weil wir mit unserer Aufmerksamkeit schon beim Einkaufen, auf der Arbeit oder in der Schule sind. Ein Bettler, ein Unfallopfer oder Einbrüche im eigenen Leben werden als Störung empfunden. Wir sind in Eile. In der Psychologie haben Störungen Vorrang. Ähnliches gilt für die Spiritualität, wenn wir die inneren Impulse von Freude oder Trauer nicht überhören wollen. Viele Spiritualitäten bieten eine Handlungsweise an, in der wir zur Ruhe finden und zu Hörenden werden. Ja es gibt etwas, das wir wahrnehmen können. Wir sind nicht gefangen in unseren Projektionen. Das Leben um und in uns gibt Impulse, die wir wahrnehmen können. Das meine ich: Gott spricht oft in Störungen mit uns.

Paulinus, Wochenzeitung im Bistum Trier, 18. Mai 2008, Seite 17

 

 

Janine Graeber
Straßenexerzitien in St. Peter

"Zieh die Schuhe aus…" Diese Worte hörten wir von Pater Christian aus Berlin-Kreuzberg im Familiengottesdienst am Sonntag, 8.Juli 2007, in St. Peter. Darauf ließ er Taten folgen, denn er entledigte sich seiner Sandalen, hielt sie in die Luft und fragte, wie wir uns fühlen, wenn wir in unserem Leben die Schuhe ausziehen.

Mit ihm hatten sich vier Schwestern aus verschiedenen Orden für 10 Tage auf den Weg zu uns gemacht. Straßenexerzitien - was bedeutet das? Menschen, die teilnehmen, leben für zehn Tage miteinander in einfachen Quartieren. Von hier aus machen sie sich ohne vorgegebene große Zeitplanung auf den Weg an Orte, die sie innerlich berühren oder aufwühlen. Es kann ein unspektakulärer Ort sein, z. B. eine Bushaltestelle, aber auch ein Problemort, wie ein Gefängnis oder eine Drogenberatungsstelle. Dort zieht man seine Schuhe aus und ist mit voller Aufmerksamkeit an dieser ausgewählten Stelle, lässt die eigenen Gefühle zu, gerade auch unangenehme und spürt nach, warum man sich gerade diesen Fleck ausgesucht hat. Abends tauscht man sich gemeinsam über das Erlebte aus, reflektiert den Bezug zum eigenen Leben und zu Gott - dabei geben die Kursleiter geistliche Begleitung.

Unsere Gäste waren in den Räumen des Pfarrzentrums St. Peter beherbergt, wo sie zwar ein Dach über dem Kopf hatten, aber nicht den Komfort, den wir in unseren Wohnungen oder Häusern so kennen - man denke nur daran, dass es dort nur Waschbecken mit kaltem Wasser gibt und auch keine Betten! Tagsüber brachen sie zu Fuß oder mit Fahrrädern manchmal bei strömendem Regen auf, um bewusst zu erleben, wie Menschen und Situationen auf sie wirken oder welche Impulse sie selbst mit ihrem Auftreten setzen.

Eine Teilnehmerin besuchte zum Beispiel nachmittags ein Hospiz in Duisburg. Alle suchten Orte in Duisburg auf, an denen sie in sich Fragen spürten und versetzten sich - barfuss - in eine meditative Aufmerksamkeit.
Zwischendurch sah man Sr. Lucia, Sr. Petra Maria, Sr. Theresa, Sr. Bernadett und Pater Christian immer wieder mal langsam in betender Versunkenheit um das Pfarrzentrum herumgehen.

Im Gottesdienst erzählten uns die Teilnehmerinnen kleine Ausschnitte aus ihren Erfahrungen. Was für uns selbstverständlich erscheint oder als tot empfunden wird, kann für jemanden, der unseren Stadtteil mit einem anderen, offenen Blickwinkel sieht, als "Schatz" erlebt werden. Das offene Grab an einem Friedhof mit betenden Angehörigen davor, die scheinbar "toten, unbewohnten" Hochhäuser, zwischen denen sich die Natur mit Blumen und zwitschernden Vögeln breitmacht, ein Handwerker, der mit viel Konzentration arbeitet und dabei trotz aller Hektik um ihn herum ein Lächeln auf den Lippen trägt. Die Christusstatue in unserer Kirche kann "großmachend" wirken, wenn man sich darunter, in ihren Schutz stellt. Behinderte Menschen auf dem Weg machen Aussagen wie "Du musst das sagen, was dir auf dem Herzen liegt".

Unsere Gäste haben uns mit ihrer Anwesenheit Zeichen gesetzt, sind selbst zum Symbol eines Aufbruchs geworden. Können wir die Schuhe ausziehen? Wäre es für einen von uns vorstellbar, die "Ferien" nicht in einer Pension an einem angesagten Urlaubsort zu verbringen, sondern irgendwo mitten in einer Stadt, die auch Brennpunkte und schwierige Situationen für uns bereithalten kann? Wie würden wir damit umgehen, wenn wir mit der eigenen Angst konfrontiert werden, mit wirklicher Armut, mit realem Leid, mit menschlicher Kälte und Ablehnung? Was würden wir tun, wenn wir mit wenig Geld und ohne Verpflegung eine Reise ohne Bequemlichkeiten antreten? Wie klein könnten wir uns machen? Wie lange würde es dauern, an die eigenen Grenzen zu kommen? Es gehört bestimmt eine gehörige Portion Mut dazu, sich in dieser Form auf den Weg zu machen. Mut und vor allem Vertrauen.

Beitrag im Pfarrblatt von St. Peter in Duisburg-Homberg Herbst 2007

 

 

Christian Herwartz
Fotos eines inneren Weges

Zehn Tage aufmerksamer werden ist das Ziel von Geistlichen Übungen (Exerzitien) auf der Straße, die eine Berliner Gruppe Ordensleute gegen Ausgrenzung in einigen Städten anbietet: Mehr Achtsamkeit für das Leben in der jeweiligen Umgebung und in der eigenen Person. Auf einem Spielplatz oder Friedhof, am Treffpunkt von Drogenabhängigen, in einer Suppenküche oder einer Gedenkstätte des Widerstandes durchlaufen die Übenden einen je eigenen überraschenden Prozess. Sie stoßen von ihren Herzen geführt auf Orte und Botschaften - das kann durch eine Werbetafel, ein Klingelschild, einen Gruß oder ein Gespräch geschehen -, die sie aufwühlen, ihnen die Schuhe ausziehen und sie ins Staunen versetzen.

Andrea Stölzl war auf diese Weise 2007 in München unterwegs und hat zum abendlichen Austausch einige Fotos mitgebracht. Diese Herzensbilder helfen wie ein Tagebuch, sich an die eigenen Gefühle und Einsichten aus der Mitte ihrer Person zu erinnern. Die Bildunterschriften benennen diese: Am Rand des Grauens (3. Tag), Wendepunkt (4. Tag), Durch den Geburtskanal (6. Tag), Aufbruch (7. Tag), Mündung ins Sein (9. Tag), Zurück im Alltag (10. Tag).

Die Betrachter der etwa 20 Fotos werden sich an eigene Zeiten voller Ängste, des Wartens und schmerzhaften inneren Suchens, aber auch der plötzlichen Freude, der Leichtigkeit oder des inneren Schwebens erinnern und sie gegenwärtig spüren. Die Ausstellung AsphaltSpiegel - Erfahrungsraum Straßenexerzitien wird Samstag, den 15. November 2008 um 19 Uhr, in der Kirche St. Marien/Liebfrauen (Wrangelstr. 50, Nähe U-Bahn Schlesisches Tor) mit der Fotografin eröffnet und ist bis zum 14. Dezember 2008 dort zu sehen. Die Kirche ist vor und nach den Gottesdiensten (So 9.30 Uhr, Mo - Mi + Fr 18.30 Uhr) geöffnet und Mo 13-18 Uhr, Di + Mi + Fr 9-18 Uhr, Do 11.30-17.30 Uhr, Sa 10-14 Uhr.

Weitere Informationen: www.marien-liebfrauen.de und www.con-spiration.de/exerzitien

 

AsphaltSpiegel - Erfahrungsraum Straßenexerzitien

Fotografien von Andrea Stölzl

1. Tag - Schock der Ankunft

+ verzweifelt im Keller der Lukaskirche + muss ich mir das antun? + Angst vor dem Weg +

2. Tag - Wegweisende Begrüßung

+ die Füße laufen lassen + unverhoffter Gruß inmitten der Stadt + der rote Faden zeigt sich +

3. Tag - An den Rand des Grauens

+ Lebendigkeit auf den Feldern vergangener Untaten + gibt es Heil im Gedenken? + offener Raum für das Leid +

4. Tag - Wendepunkt

+ das Nichts am Ende des Unvorstellbaren + Schweigen + Ausblick in unzerstörbare Weiten +

5. Tag - Gehen ohne zu wissen wohin

+ Blick nach innen + alle Flächen zeigen meinen Schatten + Verweilen und Treiben lassen +

Gehen ohne zu wissen wohin

6. Tag - Durch den Geburtskanal

+ nach Tagen voller Wehen + von innerem Druck gepresst durch dunkle Gänge + Licht +

7. Tag - Aufbruch

+ Engelsposaunen in der Morgensonne + erste Botschaften + Erwartung, Gelassenheit und Sehen lernen +

8. Tag - Flut der Sinn-Gebung

+ Spiegel meiner Seele an allen Ecken + Zeichen an der Wand, einer inneren Orthografie gehorchend + leben - jäten - fließen +

9. Tag - Mündung ins Sein

+ eine handvoll Frieden für diesen Tag + meinen Platz in der Welt ahnen + ein Ja zum Kommen und Gehen +

10. Tag - Zurück im Alltag

+ sich zeigen + Balance halten zwischen den Erfahrungsräumen + das Unaussprechliche verkörpern +

 

 

Link to 'Con-Spiration'