Seminare zur Option für die Armen
Petra Schlüter: Welchen Stellenwert hat "die Begegnung" in der Arbeit mit wohnungslosen Menschen? Petra Winter: Einige Überlegungen zur Bedeutung von Spiritualität in der Wohnungslosenhilfe Beate Kuhl: Wohnungslose - Menschen wie ich und du Anna Stern: Seminar "Option für die Armen" Andrea Tafferner
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Notübernachtung St. Marien-Liebfrauen | |
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Träger: |
Katholische Pfarrgemeinde St. Marien-Liebfrauen |
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Anzahl der Betten: |
10 Betten für obdachlose Männer, keine Ausweispflicht |
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Räume: |
1 Raum zum Wohnen, Essen und Schlafen |
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Betreuer: |
14 Personen aus verschiedenen Berufsfeldern, jeweils 2 pro Nacht im Dienst, wobei immer mindestens ein Sozialarbeiter dabei ist und auch immer ein Mann im Team |
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Öffnungszeiten: |
von Oktober bis März, 19.30 Uhr bis 8 Uhr, donnerstags ab 20.30 Uhr aufgrund vorheriger Dienstbesprechung |
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Angebote: |
Grundversorgung abdecken, Schlafplatz bieten und sozialpädagogische Beratung und Begleitung wenn gewünscht |
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Niedrigschwellige Einrichtung mit folgenden Bedingungen: keine Hunde, keine Läuse (Läuseschein erforderlich), kein Alkohol in den Räumen, keine Gewalt, keine Drogenabhängigkeit, keine ansteckenden Krankheiten |
Während meiner 4-wöchigen Praktikumszeit in Berlin-Kreuzberg fand meine überwiegende Arbeit in der Notübernachtung St. Marien-Liebfrauen statt. Hier konnten jeden Abend 10 Männer einen Platz zum Schlafen finden. Es gab gemeinsames Abendessen und der restliche Abend wurde frei gestaltet; man spielte Gesellschaftsspiele, man unterhielt sich und einige Männer zogen sich auch früh auf ihre Betten zurück.
Weitere Einsatzstellen waren die Suppenküche der Gemeinde St. Marien-Liebfrauen und das Cafe Krause der Gemeinde St.-Thomas. Ich werde mich in meinem Bericht auch auf diese Einrichtungen beziehen.
"Wirkliche" Begegnung
Das bedeutsamste Thema bezüglich meiner Praktikumszeit mit Obdachlosen war für mich die "wirkliche" Begegnung mit Menschen. Eingestimmt durch das Kontaktseminar "Option für die Armen" bin ich besonders sensibel an die Begegnungen mit den Obdachlosen herangegangen und mir ist klar geworden, wie wesentlich und wichtig dieser Punkt ist. Dabei geht es nicht nur um das erste "Hallo-Sagen", sondern ganz allgemein um die Frage "Wie begegnet man den Menschen und wie gestaltet sich daraus eine Beziehung?" und weiterhin: "Welche Bedeutung hat diese Begegnung?"
Ich werde damit beginnen, meine Eindrücke vom Kontaktseminar zu schildern und erläutern wie dieses Seminar mich auf die Zeit in Berlin vorbereitet hat. Dann werde ich mich mit einem Teil des Konzeptes der Einrichtung und den erlebten Handlungsweisen der Mitarbeiter vor Ort in Bezug auf das Thema "Begegnung" beschäftigen und eigene Erfahrungen im Umgang mit den Menschen schildern. Abschließend wird es darum gehen, warum gerade die "wahrhafte" Begegnung für den Bereich der Wohnungslosenhilfe aber auch ganz allgemein für die spätere Arbeit im sozialen Bereich wichtig ist.
Anstöße aus den "Exerzitien auf der Straße" Die Vorbereitungszeit für unser Praktikum bestand aus einem einwöchigen Seminar "Option für die Armen". Die in dieser Woche stattgefundenen "Exerzitien auf der Straße", angeleitet von Christian Herwartz (einem Arbeiterpriester aus Kreuzberg), haben mir bewusst gemacht, wie wichtig etwas ganz anderes als reines Faktenwissen über Obdachlosigkeit sein kann, nämlich die menschliche Ebene der Beziehung. Über das Gleichnis vom brennenden Dornbusch aus der Bibel (vgl. Ex. 3, 1-6) wurden wir aufgefordert, die Schuhe - bildlich gesprochen - auszuziehen und uns auf eine Ebene mit den Menschen, die uns im Laufe des Tages in der Stadt bei unseren "Exerzitien" begegnen, zu begeben. Und was das eigentlich heißt, sich auf eine Ebene zu begeben, das ist die wichtige Frage. Das beinhaltet viel mehr, als sich nicht als "der Sozialarbeiter" zu benehmen, der schon weiß, was für den anderen gut und richtig ist.
Durch das Kontaktseminar hatte ich mir für meine Praktikumszeit als wichtigstes Ziel gesetzt, einfach Menschen zu begegnen, nicht lediglich "Obdachlosen", und einfach Mensch zu sein, nicht lediglich "angehende Sozialarbeiterin". Durch diese Herangehensweise habe ich sehr positive Erfahrungen gemacht und sicherlich einen ganz anderen Zugang zu den Menschen bekommen, als es mir sonst möglich gewesen wäre. Dies war sicherlich aufgrund meines Praktikantinnenstatus für mich auch leichter möglich als für die festen Mitarbeiter vor Ort.
"Was gibt's denn da zu studieren?"
Was sieht nun die Konzeption der Notübernachtung St. Marien-Liebfrauen im Hinblick auf die Begegnung mit Menschen vor? Es heißt dort:
"Alle Obdachlosen werden unabhängig von Nation, Kultur und Religion gleich behandelt. Grundlegend wissen wir uns einer kritischen-dialogischen Pädagogik verpflichtet, die auch die Perspektive der Obdachlosen im Blick hat."
Hier geht es also erst einmal um die Gleichbehandlung aller, im Sinne unseres Grundgesetzes, Artikel 3 ("Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden"). Des weiteren kommt ein wichtiger Punkt zum Tragen: Die Perspektive des Obdachlosen wird einbezogen. Es ist also nicht Aufgabe des Betreuers, zu bestimmen, was zu tun wäre und was das Beste sei. Es wird das Gespräch angeboten und gemeinsam besprochen, was dem obdachlosen Menschen wichtig ist und wo er Hilfe benötigt, wobei das Gefälle zwischen dem Sozialarbeiter und dem Obdachlosen natürlich aufgrund der Situation gleichzeitig auch da ist.
In der Praxis war meine Erfahrung die, dass den Männern, die in der Notübernachtung einen Schlafplatz hatten, von der Seite der Betreuer her durchaus sehr gleichberechtigt begegnet wurde. Natürlich ist der Pädagoge der letztendlich Verantwortliche für den reibungslosen Ablauf, jedoch habe ich es nie erlebt, dass jemand sich bildlich gesprochen generell über die Obdachlosen gestellt hat.
Es war ein gleichberechtigtes Nebeneinander und die Bedürfnisse und Probleme der Männer wurden immer wahrgenommen. Der Tisch wurde von den Männern selbständig gedeckt, die Planungen für den Spüldienst wurden ausgehandelt, im Verlauf des Abends saßen alle gemeinsam an den Tischen, spielten oder unterhielten sich. Da fand durchaus Begegnung statt, die mehr war als "Betreuung". Der andere wurde angeschaut, angesprochen, ernst genommen...
Die Obdachlosen zeigten sich besonders sensibel im Umgang mit anderen, von denen sie glauben, diese schauen vielleicht auf sie herab oder respektieren sie nicht mehr als Menschen. "Was gibt´s denn da zu studieren?" sagte beispielsweise G. zu mir. "Wir sind keine Studienobjekte, wir sind auch Menschen wie Du.", stand für mich als Botschaft dahinter. Hier wurde ganz klar deutlich, was sich die Obdachlosen wünschen: Angenommen werden als Mensch und zwar als Subjekt und nicht als Objekt.
Zuhören können
Die Problematik, die dahinter auch zu sehen ist, ist sicherlich ein geringes Selbstwertgefühl der Menschen auf der Straße. Sie haben oft den Halt im Leben verloren und fühlen sich als Versager, was für mich in vielen Gesprächen deutlich wurde. Da wurden Bemerkungen über sich selbst gemacht, wie beispielsweise "Es fiel mir schwer, mich da hin zu stellen und die Obdachlosenzeitung zu verkaufen." oder "Guck mich an, ich bin fertig...". Einige zeigten sich auch eher sehr reserviert oder zurückhaltend und erzählten nichts von sich, sondern sprachen über allgemeine Dinge.
Um einen persönlichen Kontakt herstellen zu können ist es wichtig, den anderen vor allem erzählen zu lassen und dabei gut zuzuhören. Wenn man dem anderen wahrhaftig, ehrlich und akzeptierend begegnet, dann schafft man Vertrauen und aus der ersten Begegnung kann sich langsam eine Beziehung gestalten. Ich selbst habe gerade kürzlich eine Nachricht von A. (einem derzeitigen Bewohner der Notübernachtung) erhalten, der mir mitteilte, er habe jetzt eine feste Unterkunft gefunden und fragte, ob ich denn noch einmal nach Berlin käme. Dies ist für mich die beste Bestätigung dafür, dass er sich von mir wirklich als Mensch angenommen gefühlt hat. Ich habe mich von ihm in Berlin in seinem Heimatviertel herumführen lassen, was er mit großer Freude gemacht hat. Wir konnten auf diese Weise gut auf eine Augenhöhe kommen, denn er war nicht mehr nur in der Rolle des Obdachlosen, sondern konnte mir etwas zeigen, was ich nicht kenne und hat mir dabei viel von sich erzählt.
Es ist natürlich auf der anderen Seite auch sehr wichtig, dass man niemandem Versprechungen macht, die man nicht einhalten kann, bzw. eine Beziehung anbietet, die man so gar nicht halten kann bzw. möchte. Es gehört zur Transparenz und Verlässlichkeit von Beziehungen, dass ich meine Grenzen deutlich mache. Es könnte sonst zu Enttäuschungen kommen, weil ich durch meine Zuwendung Hoffnungen auf einen engeren Kontakt geweckt habe, den ich in meiner Rolle als Sozialarbeiterin nicht bieten kann. Dies ist nicht immer leicht, weil Grenzen gerade in der sozialen Arbeit schnell verschwimmen können. Um so wichtiger ist es, diese Problematik beim Beziehungsaufbau im Hinterkopf zu haben.
Partnerschaft statt Almosen
An anderen Einsatzstellen meiner Praktikumszeit habe ich ebenfalls eindrückliche Erfahrungen mit dem Thema der Begegnung auf gleicher Augenhöhe gemacht.
In der Suppenküche der Gemeinde St. Marien-Liebfrauen beispielsweise, wo morgens gemeinsam das Essen vorbereitet wurde, das am Nachmittag an jeden, der hungrig vor der Tür stand, ausgeteilt wurde. Hier war jeder dem anderen ebenbürtig: Man setzte sich an einen Tisch, unterhielt sich und respektierte die gegenseitigen Unterschiede, jeder konnte sich seinen Fähigkeiten entsprechend einbringen. Da saß ich neben der psychisch kranken Frau, den Praktikanten der Erzieherausbildung, der Obdachlosen "Omi" und der Engländerin, die einfach nur helfen wollte. Es war ein Ort der gleichberechtigten Begegnung, welche nicht an Sprache, Herkunft oder Status gebunden war. Es wurde gemeinsam Gemüse für die Suppe vorbereitet, man unterhielt sich oder schwieg, wie es gerade der Stimmung entsprach.
Ins Cafe Krause, einem Frühstückscafe der Gemeinde St. Thomas, konnte jeder, der hungrig war oder einfach Gesellschaft suchte, zum Frühstücken oder Unterhalten kommen. Organisatorisch sah es so aus, dass die Mitarbeiter sich meistens im eigentlichen Küchenraum aufhielten, wo sie Kaffee und Suppe ausschenkten und das Geschirr abwuschen. Die Gäste saßen im Essensraum und unterhielten sich. Ich habe mich als Mitarbeiterin im Küchenraum den Gästen übergeordnet gefühlt, durch meine Rolle als "Geberin" (Subjekt) kamen die Besucher automatisch in die Rolle der Empfangenden (Objekt) und es war kein gleichberechtigtes Miteinander mehr möglich. Die Begegnung auf "gleicher Augenhöhe" war an dieser Stelle für mich schwierig. Lediglich wenn ich mich zu den Besuchern an den Frühstückstisch gesetzt habe, konnte eine solche Begegnung stattfinden. Ich denke, man könnte durch mehr Einbeziehung der Gäste in den Ablauf des Cafes (z. B. Kaffee kochen, Suppe erwärmen, sich selbständig bedienen, beim Abwasch mithelfen, etc.) eine gleichberechtigtere Struktur schaffen, die den Gästen nicht so sehr das Gefühl der "Almosenempfänger" gibt, sondern sie als ganze Menschen in den Blick nimmt, die auch etwas in die Beziehung einbringen können.
In einem Artikel der Zeitschrift "Sozialpsychiatrische Informationen", in dem es um die Wiedereingliederung von Wohnungslosen durch das Betreute Wohnen geht, wird die Problematik der Subjekt-Objekt-Beziehung ebenfalls beschrieben.
Es wird dort für die Aufhebung über- und untergeordneter Rollenbilder plädiert und eine akzeptierende, partnerschaftliche Gestaltung des Interaktionsprozesses gefordert, damit sich die Beziehung zwischen Sozialarbeiter und Obdachlosem positiv gestalten kann und sich daraus positive Entwicklungsmöglichkeiten ergeben.
(vgl. Reichertz 1999, S. 9)
Mit Namen anreden
Die erste Begegnung ist meiner Meinung nach sehr ausschlaggebend für die weitere Beziehungsentwicklung und somit für die Aussicht auf Erfolg einer Hilfe. Schaffe ich es als Sozialarbeiter beim ersten Kontakt nicht, dem Menschen "wirklich zu begegnen", ihm zuzuhören, ihm mit Offenheit entgegen zu treten und ihm ein Gefühl des Angenommenseins zu geben, so kann es passieren, dass er vielleicht keinen weiteren Kontakt suchen wird und somit die Hilfe endet, bevor sie angefangen hat. Martin Buber (ein jüdischer Religionsphilosoph) schreibt in seinem Buch "Ich und Du" von eben jener wahren Begegnung, die zwischen Menschen stattfinden kann und so wichtig ist. "Wer Du spricht, hat kein Etwas zum Gegenstand... Wer Du spricht, hat kein Etwas, hat nichts. Aber er steht in der Beziehung." (Buber 2002, S. 4f)
Was Buber hier meint ist, dass man sein Gegenüber als ganzes Wesen wahrnehmen soll, kein "Etwas" (also kein "Objekt"), sondern den speziellen Menschen, der dort vor einem ist mit seinen speziellen Anliegen. Ihn wahrzunehmen und auf ihn einzugehen, das ist der Punkt der Begegnung - der Beziehung. Um beim Beispiel der Obdachlosen zu bleiben: Es reicht nicht aus für eine wirkliche Begegnung, einem Obdachlosen einen Schlafplatz zuzuweisen und die Regeln der Unterkunft zu erklären. Das ist noch keine Begegnung. Erst im Kontakt, im Gespräch, im Zuhören, in der Erwiderung und im Ganz-da-sein für den Anderen, da entsteht die wirkliche Begegnung. Da ist es wichtig, dem anderen in die Augen zu schauen, ihn mit Namen anzusprechen und nach seinen Wünschen und Bedürfnissen zu fragen. Dies ist deckungsgleich mit den Erfahrungen von Joachim Ritzkowsky:
"Bei unserem Erfahrungsaustausch wurde uns deutlich, dass für Obdachlose der Mangel an menschlichen Beziehungen mindestens ebenso gravierend ist wie der Mangel an Nahrung, Kleidung und Wohnraum. ... Ebenso wichtig wie Wohnungen sind Menschen." (Ritzkowsky 2001, S. 26) "Was die Obdachlosen, die ich kennen gelernt habe, ebenso dringend brauchten wie Geld, waren Worte und ein offenes Ohr, war die Bereitschaft, sie nicht nur als Hilfsempfänger zu betrachten, waren Geist und Solidarität." (Ebd. S. 48)
Das ist es meiner Meinung nach, worum es in der Arbeit mit Wohnungslosen und allen Menschen in der sozialen Arbeit gehen sollte: Den anderen Menschen als Mensch zu behandeln, ihm als Mensch zu begegnen, ihn nicht nur als Objekt der sozialen Arbeit zu verstehen, dem geholfen werden soll. Dies beinhaltet dem Anderen auf gleicher Höhe in die Augen zu schauen; die Beziehung partnerschaftlich zu gestalten, nicht hierarchisch; ihn einfach als Menschen wahrzunehmen, wie ich auch einfach nur ein Mensch bin; offen und ehrlich zu sein und sich nicht zu verstellen; den Menschen, der mit gegenübersteht, wirklich wahrzunehmen und ihm wirklich zuzuhören, nicht nur oberflächlich zu bleiben. Die Anrede mit Namen ist ebenfalls sehr bedeutsam, denn sie zeigt, dass es mir genau um diese Person geht - man ist persönlich gemeint und nicht irgendwer.
Dem "Klienten" seine Menschenwürde nicht abzusprechen, sondern im Gegenteil: sie ihm zurückzugeben durch die menschliche Begegnung und Beziehungsgestaltung, das ist für mich ein Ziel in der sozialen Arbeit, welches bei allen Hilfeplanungen und sonstigen Zielformulierungen nie aus den Augen verloren werden darf. Denn eben diese Menschenwürde und diese zwischenmenschliche Beziehung ist Grundlage, um mit dem hilfsbedürftigen Menschen arbeiten zu können. Ich denke, jemand, der sich nicht als ganzer Mensch angenommen und akzeptiert fühlt, der wird sich nicht helfen lassen wollen, der wird nicht effektiv mit einem Sozialarbeiter zusammenarbeiten. Jeder Sozialarbeiter sollte also auch einfach Mensch sein und dem Klienten als solcher gegenübertreten und die "wirkliche Begegnung" ermöglichen, die immer wieder von neuem geschehen sollte, um eine gute, tragfähige Grundlage für die gemeinsame Arbeit zu schaffen.
Literatur:
Buber, Martin (2002): Ich und Du, Stuttgart. Konzeption der Notübernachtung (Sommernachtscafe) der Gemeinde St. Marien-Liebfrauen.
Reichertz, Uwe (1999): Betreutes Wohnen im Netzwerk als Alternative heißt: das Rad nicht neu erfinden zu müssen, in: Sozialpsychiatrische Informationen, Jahrgang 29, Heft 3, S. 8-10
Ritzkowsky, Joachim (2001): Die Spinne auf der Haut. Berlin
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Sozialdienst Katholischer Frauen e.V. Münster Offenes, ambulantes Tagesangebot für Frauen/Fachbereich Wohnungslosenhilfe | |
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Zielgruppe: |
Frauen, die wohnungslos sind, von Wohnungslosigkeit bedroht sind, wohnungslos waren oder in unzumutbaren Wohnverhältnissen leben |
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Mitarbeiterinnen: |
Christine Behrens, Diplom-Sozialpädagogin: Aufsuchende Sozialarbeit |
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Angebote: |
preiswerte Mahlzeiten, Kleiderkammer, Duschen, Waschmaschine, Freizeitangebote |
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Ziele: |
Frauengerechter Schon- und Schutzraum, Anbindung an das Hilfesystem, Stabilisierung, Beratung, Mobilisierung von Selbsthilfekräften |
Als wir mit unserem Lernprojekt "Option für die Armen" im November 2003 begannen, verfügte ich über keine Erfahrungen mit obdachlosen Menschen. Das Begleitseminar begann mit einer Blockveranstaltung, in die ich mit nur wenigem Vorwissen gegangen bin. Anfang Februar war es soweit. Es war sehr spannend für mich die anderen Teilnehmer kennen zu lernen: überwiegend Ordensleute aus allen Teilen Deutschlands und dem nahen Ausland. Es waren überwiegend Menschen mit jahrelanger Erfahrung im Bereich der Obdachlosenhilfe. Ein Teilnehmer regte mich gleich am ersten Tag zum Nachdenken an: Pater Christian Herwartz. Er provozierte uns Studierende gleich zu Beginn auf seine ehrliche, kämpferische, offensive Art, gerade unangenehme Dinge beim Namen zu nennen und erzählte uns von seinem Leben, das erfüllt ist mit der Solidarität mit den Armen und Ausgegrenzten. Er fragte uns, ob es reichen würde, wenn ein Sozialarbeiter mit Konzepten und Theorien versorgt mit beruflicher Distanz zu den Menschen in Not geht. Er sprach nicht von Klienten, denn es ist für ihn eine andere Art der Beziehung, die er mit Menschen in Not teilt: eine distanzlose, auf einer Ebene beruhende Gleichheit vor Gott. Die Gespräche mit Christian Herwartz und meine intensiven Erlebnisse bei den "Exerzitien auf der Strasse" führten zu einem besseren Nachempfinden von seiner Art des gelebten Glaubens. Dies waren die ausschlaggebende Punkte für mich, mich mit meinem eigenen Glauben, mit Ängsten und Vorstellungen auseinander zu setzen. Ich wollte die Praktikumszeit nutzen, um mir ein Bild über die professionelle Soziale Arbeit zu machen, um meinen eigenen Standpunkt zu finden, in wieweit Spiritualität Platz finden kann in einem von Theorien und Professionalität geprägten Arbeitsalltag einer Sozialarbeiterin.
Meine Erfahrungen mit Spiritualität
Über Spiritualität zu schreiben ist ein schwieriges Unterfangen. Zumal man es hier noch auf eine weibliche Spiritualität beschränken könnte. Diese Arbeit soll über Spiritualität im weitesten Sinn verstanden werden. Ich möchte es als einen persönlichen Denkansatz darlegen und weiß um die Schwierigkeit, es wissenschaftlich zu verifizieren. Benedikta Hintersberger schreibt in ihrem Beitrag "Elemente und Strukturformen weiblicher Spiritualität" über diese Schwierigkeit: "Fragen nach der je eigenen Spiritualität sind nämlich nur im Reflektieren eigener Erfahrungen und damit eher aphorismenartig-existentiell zu beantworten." {1} Spiritualität ist also eine persönliche Erfahrung.
Ein weiterer Ansatz war der Besuch des Seminars "Spirituelle Dimensionen für Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter - Wege für Ungeübte" von Prof. Veronica Kircher. In meinem Beitrag sind Aspekte aus diesem Seminar enthalten. Außerdem habe ich Erfahrungen im stationären Hospiz gemacht, wo es viel selbstverständlicher ist, gerade am Lebensende über Gott, den eigenen Glauben und über spirituelle Erlebnisse zu sprechen. Hier scheinen Grenzen fallen zu können, die im alltäglichen Leben als Tabu gelten.
Meine Erfahrungen im Frauentreff
In den vier Wochen als Praktikantin im Frauentreff konnte ich einige Eindrücke von der Arbeit der Sozialpädagoginnen/Sozialarbeiterinnen gewinnen. Auch wurden mir viele wichtige Grundsätze erklärt, die explizit wohnungslose und in schwierigen Lebenslagen wohnende Frauen betreffen. Diese Frauen benötigen einen "Frauenraum", der Schutz, Intimität, Würde, Selbstversorgung und Mitteilungsmöglichkeiten bietet und nur von fachlich geschulten Frauen geleitet werden kann. Öffentliche Räume sind oft Männerdomänen, die auf gewalterfahrene Frauen bedrohlich wirken. Mir ist hier eine Not begegnet, die sich in vielen verschiedenen Formen zeigte. Drogenprobleme, psychische Erkrankungen, fehlende oder ungenügende Berufsausbildungen, sexuelle Ausbeutung und Ausbeutung durch Weggabe des letzten Geldes wegen der Bedrohung einer latenten Wohnungslosigkeit.
Die Frauen erzählten oft von ihren wirtschaftlichen und beruflichen Problemen. Jedoch ist mir dabei aufgefallen, dass oft zwischenmenschliche Beziehungsprobleme eine wesentlich größere Rolle spielen. Hierzu möchte ich zwei Fallbeispiele beschreiben: Eine Frau rief mehrmals am Tag im Büro des Frauentreffs an und verlangte immer dieselbe Sozialpädagogin zu sprechen. Es stellte sich heraus, dass diese Frau in einer anderen Stadt mit einem Mann zusammen lebte, aber der Sozialarbeiterin von der Szene aus Münster bekannt war. Diese Frau hatte große Angst vor dem Mann und fühlte sich aus eigener Kraft außerstande, das Angebot anzunehmen, eine Fahrkarte im dortigen Sozialamt abzuholen und nach Münster zu kommen. Trotz der Aussicht auf Vertrautes und Hilfe in Münster war es ihr nicht möglich. In vielen Telefongesprächen versuchte die Sozialarbeiterin immer wieder, die Frau zu motivieren. Es erinnerte mich an eine Telefonseelsorge, bei der man unendlich viel Geduld und einen langen Atem braucht. Nebenbei wurde per Telefon ein Hilfsnetz gesponnen, damit diese Frau auch direkt in eine stationäre Einrichtung aufgenommen werden könnte.
Ein anderes Beispiel war eine Frau, die von der aufsuchenden Sozialarbeiterin behutsam überredet wurde, mit zum Frauentreff zu kommen. Sie trug nur einen Mantel und war in einem schlechten körperlichen Zustand, der Gewaltspuren zeigte. Nachdem die Frau geduscht, neue Kleidung und etwas zu essen bekommen hatte, verlangte sie zurück zu dem Mann gebracht zu werden, mit dem sie zusammen wohnte. Zurück zur Gewalt.
An diesen Beispielen habe ich erfahren, wie schwer es ist, diesen Frauen weiterführende Hilfe zu geben. Es sind gewohnte jahrelange Beziehungsmuster, aus denen diese Frauen nicht herauskönnen. In vielen Gesprächen mit den engagierten Sozialarbeiterinnen habe ich gelernt, dass es nicht die großen Rettungsaktionen in der Frauenwohnungslosenhilfe gibt, sondern oft Augenblicke und kleine Schritte des Erfolges.
Uta Enders-Dragässer und Brigitte Sellach schreiben zu diesem Thema, "dass wohnungslose Frauen an der Beziehungsebene .... ihre Situationseinschätzung festmachen und von daher entscheiden, wie sie sich verhalten und wie sie handeln werden. Daher kann davon ausgegangen werden, dass sich vor allem auf der Interaktionsebene entscheidet, ob hilfesuchende Frauen entmutigt oder ermutigt werden in der Annahme von Unterstützungsangeboten und in der Verfolgung ihrer rechtlichen Ansprüche auf Hilfegewährung." {2} Hier wird der hohe Anspruch der Sozialen Arbeit deutlich. Eine Sozialarbeiterin muss sich den Klienten direkt zuwenden können, sich zugleich in größere soziale Strukturen zurechtfinden und Konflikte nicht scheuen. Jede einzelne Beziehung ist anders zu festigen. Dabei spielen Nähe und Distanz, die Setzung von Grenzen, Verlässlichkeit, Einflussnahme mit gleichzeitiger Zuerkennung der Persönlichkeitsrechte jedes einzelnen, jeden Tag immer wieder entscheidende Rollen. Es entstehen hierbei immer wieder Grenzsituationen, in denen man großes Leid aushalten muss, man selber an seine Grenzen stößt.
Spiritualität in der Wohnungslosenhilfe
An diesem Punkt knüpfe ich meine Gedanken zur Spiritualität an.
Professionelle Soziale Arbeit kann als ausreichend und sinnvoll angesehen werden. Hat ein Mensch jedoch eigene spirituelle Erfahrungen, ist es selbstverständlich, dass er diese in seinen Gedanken und Gefühlen mit einbezieht. Hier ist ein gläubiger Christ, selbst wenn er professionell ausgebildet ist, immer mit dem Gebot der Nächstenliebe konfrontiert.
Spiritualität in einem weiten Sinn ist jedem Menschen möglich, auch dem, der nicht glaubt.
Begegnungen in der Natur, in Grenzsituationen oder in zwischenmenschlichen Beziehungen. Vielen ist es schon passiert, dass sie einen Moment der tiefen Freude und Dankbarkeit erlebt haben. Frau Kircher meint dazu: "Spirituelle Erfahrungen haben immer zu tun mit unserem innersten 'Person-Kern', mit unserem 'Herzen'. Deshalb sind sie schwer in Worte zu fassen und vom Rationalen her nur ansatzweise zu begreifen."
Fasst man die Spiritualität in einem engeren Sinn zusammen, also im ursprünglichen Sinn, gibt es zwei Wege. Den Weg "nach innen", zu unserer Personmitte, der für mich den Glauben symbolisiert. Meditationen und Gebete sind Türen zu diesem Bereich. Der "Weg nach außen" äußert sich im sozialen oder politischen Engagement, in ethischen Grundsätzen, verantwortungsvollem Umgang mit der Natur und in der Mitmenschlichkeit.
"In diesem Kontext ist auch christliche Spiritualität zu sehen. Sie ist getragen und geprägt vom Glauben an Jesus Christus und an seine Heilsbotschaft. Spirituell ist der Glaube, wenn er nicht äußerlich übernommen, sondern von innen her gelebt und gestaltet ist." In diesen beiden Sätzen aus dem Seminar von Frau Kircher stecken wichtige Grundaussagen über den Glaubens- und Spiritualitätsaspekt. Denn nur, wenn ich eine innerliche Vertrautheit und Gewissheit habe von der Existenz meines Glaubens, nur dann kann ich ihn auch leben, ihn mitteilen und überzeugend handeln.
In der Obdachlosenhilfe ist viel Empathie und Transparenz nötig. Da haben Menschen ihr Vertrauen verloren, unendlich viel Leid erfahren und fühlen sich ausgegrenzt. Um mit ihnen in Kontakt zu treten, muss ich mich selber kennen, mit mir selbst in ständigem Kontakt sein. Ich muss authentisch, offen und frei sein für sensible Begegnungen. Dieses zu erreichen ist kein leichter Weg. "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Auf den zweiten Blick ist dies ein hoher Anspruch, denn ich muss mit mir selber im Einklang sein. Ängste, Fehler und Selbstkritik vertragen. Setze ich mich spirituell mit mir selber auseinander, erfahre ich neue Seiten an mir. Herman Andriessen schreibt über ein "Offenes Verhältnis zum Schatten". Er beschreibt die Suche nach dem Dunklen und Verkrampften in uns als Chance zu einer neuen Wahrnehmung. Dadurch wird Erfahrung "zweck- und absichtsfreier" {3}. Es sind eine ganze Reihe von eigenen Erfahrungen nötig, viele sind oft schmerzhaft. Wir neigen dazu, unangenehme Dinge zu verdrängen. Andriessen beschreibt die Möglichkeit, dass durch die Verarbeitung der Schatten der Mensch eine Tiefe entdeckt, die über das alltägliche Leben hinausgeht und dadurch sensibel macht für die inneren kreativen Kräfte anderer Menschen. Dies ist ein wichtiges Fundament in jeder Beziehungsarbeit. Dieser Reifungsprozess wird auch von Christian Herwartz beschrieben. Er sieht in der Geschichte des brennenden Dornbusches und die Aufforderung Gottes an Mose, die Schuhe auszuziehen, ein Exempel sich der Realität zu stellen, Fluchtmöglichkeiten aufzugeben und sich nicht über andere erheben. "Und darum müssen auch wir die Schuhe des Besserseins ausziehen, um die zu werden, die wir eigentlich sind: Kinder Gottes - und Schwestern und Brüder der einen Menschheitsfamilie." {4} Wir sollen uns auf eine Stufe stellen, die eigene Geschichte neu erleben und uns der Realität stellen. Diese neue Klarheit bedeutet auch gleich weniger Strategie- und Verschleierungstaktiken aus Angst vor Konflikten. Spiritualität ist die Suche nach dem Sinn des Lebens und zeugt von Mut, Verantwortung zu übernehmen. Und gleichzeitig spendet sie Trost.
Wer in der Obdachlosenhilfe arbeitet, kommt an die Grenzen menschlicher Auffassung von Gerechtigkeit. Ich sehe in der Spiritualität eine Möglichkeit für den/die SozialarbeiterIn, Kraft und Ruhe zu schöpfen. Es steckt viel Trost darin, einen Teil der Verantwortlichkeit, der den Menschen überfordern kann, an jemand Höheren weiter zu geben. Oft habe ich keine Antwort auf die Frage nach dem Sinn, warum Menschen leiden müssen. Ohne diesen Gedanken könnte ich meine ehrenamtliche Tätigkeit im Hospiz nicht leisten. Hier sehe ich deutliche Parallelen zur Obdachlosenhilfe, wo es gilt Leid zu ertragen. Ich möchte nicht, dass Spiritualität als ein naiver Optimismus verstanden wird. Ein professioneller Sozialarbeiter muss sich durch Abgrenzung schützen. Spiritualität bietet hier eine Möglichkeit zur Verarbeitung des Erlebten und als Kraftquelle.
Ein weiterer Grundsatz steckt in der Einbeziehung spiritueller Gedanken: ich begegne meinen Mitmenschen, der Natur und mir selbst mit mehr Respekt, handele überlegter und bin offener für globale Interessen.
Schlussbemerkung
Die vier Wochen als Praktikantin im Frauentreff des Gertrudenhauses haben mir einen guten Eindruck von der Arbeit einer Sozialarbeiterin gegeben. Soziale Arbeit ist unabdingbar und leistet vielschichtige Hilfe. Immer dort, wo Menschen sich begegnen, ist auch gleichzeitig Raum für zwischenmenschliche Beziehungen. Spiritualität ist eine davon. Ich war beeindruckt von der freundlichen, angenehmen Atmosphäre im Frauentreff. Die Sozialpädagoginnen vermitteln Akzeptanz und Freundlichkeit. Durch die Niedrigschwelligkeit ergeben sich schwierige Momente, richtig und behutsam zu reagieren. Die ersten Momente sind entscheidend für den weiteren Kontakt. Die ständige Wachheit für richtige Momente, Gespräche anzubieten und zusammen mit der Klientin ihre Vorstellung im Einklang mit der Situation zu bringen erfordern hohe professionelle Kompetenz. Auch ist eine Abgrenzung als Schutz vor Überbelastung professionell. Die Verzahnung des Hilfesystems kann nur professionell erfolgen. Trotzdem hat die spirituelle Denkweise einen Platz in mir gefunden. Sie bietet mir Möglichkeiten, mich weiter zu entwickeln, selbstkritisch zu sein, Trost zu finden und Kraft zu tanken. Mir gefällt der Kerngedanke, mit Würde und Respekt den Menschen und der Natur zu begegnen. Ich denke, dass Spiritualität einen Platz in der Sozialen Arbeit finden kann mit der Möglichkeit, die eigenen Kompetenzen zu erhöhen und sensibler zu werden. Menschen, wie Christian Herwartz leisten wichtige seelsorgerische Arbeit, aber sie können die professionelle Soziale Arbeit nicht ersetzen. Ein seelsorgerisches Angebot explizit für wohnungslose Frauen kann wichtige Arbeit leisten. Hier gilt wieder es Raum zu schaffen für frauengerechte Seelsorge in einer von Männern geprägten Kirche.
Anmerkungen
{1} Hintersberger 20.
{2} Enders-Dragässer, / Sellach 27f.
{3} Andriessen 125f.
{4} Herwartz, Christian:Exerzitien auf der Straße, 27.07.2004
Literatur:
Andriessen, Herman: Der Sehnsucht in mir einen Namen geben. Lebensweg und Spiritualität, Mainz 1993.
Enders-Dragässer, Uta/ Sellach, Brigitte: Handlungsleitende Grundprinzipien für frauengerechte Angebote in der Wohnungslosenhilfe, in: Materialien zur Wohnungslosenhilfe Heft 34, Bielefeld 1997.
Herwartz, Christian: Exerzitien auf der Straße:
Hintersberger, Benedikta:Elemente und Strukturformen weiblicher Spiritualität, in: Stefanie Spendel (Hg.),Weibliche Spiritualität im Christentum, Regensburg 1996, 20-33.
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Haus Maria Veen "Die Menschen im Haus Maria Veen haben in unterschiedlichster Weise Wohnungs- und Arbeitslosigkeit, seelische und körperliche Beeinträchtigungen, soziale Probleme, Suchterkrankungen und Verschuldung erfahren. Oftmals sind ihnen Lebenssinn und Lebensmittelpunkt verloren gegangen. Im Haus Maria Veen können sie aufs Neue zu sich selbst und zu neuen Lebensentwürfen finden" (aus dem Flyer des Hauses) |
Aus den Augen - aus dem Sinn?
Wenn man einmal mit offenen Augen durch Münster geht, sieht man sie an vielen Stellen. Bettler vor den Kirchen, am Prinzipalmarkt, in der Fußgängerzone usw. Sie gehören schon so zum Bild der Stadt, dass viele sie gar nicht mehr wahrnehmen. - Oder will der Normalbürger dieses Zeichen von Armut in der Gesellschaft nicht wahrnehmen, weil es nicht zu seinem Bild von unserer Gesellschaft passt? Die Frage nach Armut wird bei uns weitgehend verdrängt. So lange man selber nicht betroffen ist, sieht man darüber hinweg. Das gilt zumindest für einen Großteil der Bevölkerung.
Hinzu kommt, dass Städte und Gemeinden seit einigen Jahren alles tun, um solche unerwünschten Gestalten aus dem Stadtbild fern zu halten. Es werden verstärkt Ausweiskontrollen durchgeführt, der längerfristige Aufenthalt in Bahnhöfen ist verboten. Die Ordnungshüter sind mit Platzverweisen und Hausverboten schnell bei der Hand. Da stellt sich die Frage: Mit welchem Recht? - Sind Obdachlose weniger wert? Man braucht sich nur einmal die Bushaltestellen bei uns anzusehen: Früher war da eine einfache Bank. Heute sind es durchweg einzelne Sitze, oder kurze Bänke, auf denen zwei Leute sitzen können, dann eine Stange und dann wieder zwei Sitze. Warum wohl? - Damit bloß kein "Penner" die Nacht hier verbringt. Früher gab es in der Bahnhofshalle in Münster eine Bank, auf der man sich ausruhen konnte. Diese Bank wurde ersatzlos entfernt. Erst nachdem sich Reisende beschwerten, wurden neue Sitze angebracht. - Einzelsitze direkt vor der Glasscheibe des Kundendienstschalters. Ich könnte die Reihe von Beispielen endlos fortsetzen. Den Wohnungslosen werden ihre angestammten Treffpunkte systematisch weggenommen. Die neuen sauberen Städte müssen attraktiv sein für Touristen und zahlungskräftige Besucher. Hier ist kein Platz mehr für Wohnungslose und Bettler. Es ist also kein Wunder, dass diese Form von Armut aus dem Blickfeld vieler Menschen verschwunden ist. Aber da ist sie trotzdem noch.
Man sollte sich eines immer wieder in Erinnerung rufen: Das sind genauso Menschen wie wir. Jeder hat seine eigene Geschichte, seinen eigenen Werdegang. Keiner ist von Geburt an ein "Penner", ein "Tippelbruder" oder wie sie sonst noch oft genannt werden. Hinter diesen recht abfälligen Namen verbergen sich die unterschiedlichsten Lebensgeschichten. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: Sie haben es in ihrem Leben bisher nicht einfach gehabt. Denn wenn jemand auf der Straße lebt, dann ist er durch die meisten Stufen unseres Sozialen Netzes schon durchgefallen. "Ohne festen Wohnsitz" sind die meisten nicht von heute auf morgen. Da hat sich vorher bereits eine ganze Menge in einem Leben ereignet, bis jemand so weit unten landet. Die Wohnungslosigkeit ist da meistens nur die Folge von vielen anderen Problemen: Kein Job, viele Wohnungslose sind Alkohol- und/oder Drogenabhängig und bei einem Großteil der Leute kommt noch eine psychische Erkrankung hinzu.
Und mit diesen Leuten, die "ganz unten" sind, hatte ich es in meinem Praktikum in Maria Veen zu tun. Die Arbeiterkolonie Maria Veen ist eine stationäre Einrichtung der Wohnungslosenhilfe. Als ich das erste Mal von Maria Veen gehört habe, war ich doch recht skeptisch. In meiner Fantasie stellte ich mir einen Ort vor, an den die Wohnungslosen und Alkoholiker aus den Städten abgeschoben werden. Möglichst weit weg von jeder größeren Stadt. Da können "die" dann machen was sie wollen. - Aus den Augen, aus dem Sinn. Die Realität hat mich dann doch sehr überrascht.
Maria Veen - eine Arbeiterkolonie
Wichtig ist erstmal, dass niemand gezwungen wird, in der Arbeiterkolonie zu bleiben. Jeder ist freiwillig dort und wem es nicht gefällt, der kann jeder Zeit wieder gehen. Auch das habe ich erlebt: Ein älterer Mann kam in die Übernachtung. Es ergab sich, dass er wohl gerne bleiben würde. Alle Hebel wurden in Bewegung gesetzt und die Aufnahme vorbereitet. Nach drei Tagen war er wieder verschwunden, die Arbeit war umsonst. Auch solche Fälle gibt es.
Maria Veen ist eine Arbeiterkolonie. Wer bleiben will muss auch arbeiten - soweit er es kann und noch nicht im Rentenalter ist. Die Arbeit ist den Möglichkeiten des einzelnen angepasst. Es geht hier nicht vorrangig um die Leistung, wie auf dem freien Arbeitsmarkt, sondern Sinn und Zweck der Übung ist es, dem Tag eine Struktur zu geben. Man könnte es auch als therapeutische Maßnahme bezeichnen. Viele Bewohner sind schon lange keiner geregelten Arbeit mehr nachgegangen und es ist schon ein Erfolg, sich wieder an einen geregelten Tagesablauf zu gewöhnen. So wird durch die Arbeit auch das Selbstwertgefühl gestärkt. Auch wenn das Auftreten einiger Klienten oft nicht darauf schließen lässt, dass sie Probleme mit dem Selbstwertgefühl haben. Die Anspruchshaltung ist oft gewaltig. "Ich habe ein Recht darauf, ..." Dieses Auftreten ist unter Umständen der Versuch einer Kompensation. Es wird versucht, das Gefühl der eigenen Unterlegenheit zu überspielen und etwas Selbstbehauptung zu erlangen. Um so wichtiger ist es, auf der einen Seite die eigene Position zwar klar zu vertreten, sich aber auch der Lage des anderen bewusst zu sein.
Oft sind es Kleinigkeiten, die auf einmal eine große Rolle spielen. So fand ich es sehr interessant zu beobachten, wie wichtig es den meisten Leuten war - möglichst mit Namen - gegrüßt zu werden, wenn man ihnen unterwegs begegnete. Ein Einfaches "Guten Morgen Herr ..." zeigt dem Gegrüßten an: Da kennt mich jemand. Da nimmt mich jemand wahr. Es muss gar nicht immer ein langes Gespräch sein. - Dafür ist auch nicht immer die Zeit da, aber ein einfacher Gruß und vielleicht ein paar Worte bedeuten schon viel, wenn sie an jemanden gerichtet sind, der in seinem Leben nicht viel Wertschätzung erfahren hat. Auf der Strasse wurden sie von der arbeitenden Bevölkerung ja doch meistens ignoriert wenn nicht verachtet. Die Erfahrung, verachtet zu werden, ist wohl ein Dauerbegleiter vieler wohnungsloser Menschen. Sie ist mit dem sozialen Abstieg verbunden gewesen, als sie Arbeit und Wohnung verloren haben, als sie alkoholabhängig wurden und die Beziehungen und Freundschaften in die Brüche gingen. Niemand kann es gut ertragen, verachtet zu werden. Die Reaktion ist dann oft, nun selber auf andere mit Verachtung zu reagieren, oder es zumindest vorzutäuschen. Aus der erniedrigenden Erfahrung, auf der Strasse zu leben, wird nun das fantastische Live Event. "Ich kann hingehen, wo ich will.", "Warum soll ich arbeiten? - Das Sozialamt bezahlt doch alles!", "Mann, seid ihr alle Spießer." ... Das Leben auf der Straße wird hochstilisiert zum Maß aller Dinge. Das kann man bei vielen Obdachlosen beobachten. Tatsächlich ist es ja nur eine Schutzmaßnahme, aber sie funktioniert für eine Weile. Solange die eigene Situation das Beste ist, was mir je passiert ist, brauche ich mich nicht mit meinen Fehlschlägen auseinanderzusetzen. Die Männer, denen ich in Maria Veen begegnet bin, hatten diese Phase wohl zum größten Teil schon hinter sich gelassen. Denn wer in eine stationäre Einrichtung geht, der will die Strasse hinter sich lassen und gibt damit ja auch zu, dass dieses Leben nicht sehr erstrebenswert ist.
Anonymität überwinden
Während des Praktikums habe ich an der Beerdigung von zwei Bewohnern des Altenheims teilgenommen, die beide, bevor sie ins Altenheim kamen, in der Kolonie gelebt haben. Es gab einen Trauergottesdienst in der Kapelle des Altenheimes, an dem eine Reihe von Heimbewohnern und auch einige Mitarbeiter des Haus Maria Veen teilnahmen. Hier wurde noch einmal ganz konkret an die beiden Verstorbenen erinnert. Auf dem Friedhof sind nur wenige Leute mitgekommen. Aber auch hier wurden von dem Pfarrer einige Worte über den Verstorbenen gesagt. Anschließend traf man sich im Altenheim zum Kaffee. - Eine ganz normale Beerdigung eben, wie man sie auch zu Hause in der eigenen Gemeinde erleben kann. Aber doch etwas Besonderes. Hier wird die Würde des Menschen noch einmal betont. Das war jemand, der Jahre lang bei uns gelebt hat. Es war ein sehr persönlicher Abschied. Da war nichts von der Anonymität, mit der viele Wohnungslose woanders unter die Erde gebracht werden. Eines jedoch war sehr typisch: Da waren keine Angehörigen. Niemand aus der Familie der Verstorbenen. Hier wird deutlich: Wohnungslose Menschen haben fast nie Familie. Damit meine ich nicht, dass es nicht irgendwo noch Geschwister, Ehefrau, Kinder oder sonstige Verwandtschaft gibt. Aber es existiert in den meisten Fällen keinerlei Kontakt mehr zu ihnen. Viele Wohnungslose haben selbst fluchtartig die Beziehung zu ihrem sozialen Netz abgebrochen. Das hat dann die unterschiedlichsten Gründe, eingebildete oder reale. Bei fast allen war es wohl eine Art Verzweiflungsakt, weil sie es in ihrer bisherigen Umgebung nicht mehr aushalten konnten. Auch hier darf man nicht vergessen, dass bei vielen Wohnungslosen auch eine psychische Erkrankung vorliegt. Manchmal war/ist es auch die Familie, die den Kontakt abbricht, weil die Belastung durch einen alkoholkranken oder psychisch instabilen Angehörigen irgendwann unerträglich werden kann. Das soll jetzt nicht als Kritik an der Familie ausgelegt werden. Manchmal ist einfach keine andere Reaktion als der Abbruch aller Beziehungen mehr möglich. Ist der Kontakt einmal abgebrochen, so fällt es schwer, einen neuen herzustellen. Die Initiative hierzu müsste vom Wohnungslosen selbst kommen, aber das ist ein sehr großer Schritt, bei dem man sich zunächst einmal mit der eigenen Biographie auseinandersetzen müsste. Diese Auseinandersetzung und die Möglichkeit, vielleicht zurückgewiesen zu werden (denn es ist ja noch lange nicht gesagt, dass die andere Seite einen Kontakt überhaupt wünscht - die Verletzungen sind oft zu groß), lassen vermutlich viele davor zurückschrecken, einen Versuch zu unternehmen.
Wenn man sich in Münster dem Bahnhof nähert, so sieht man sie schon von weitem: Eine Gruppe junger Wohnungsloser, die auf dem Bahnhofsvorplatz sitzt. Bierflaschen kreisen und es wird lautstark diskutiert. Das ist ein Bild, das sicher viele kennen. Solidarität ist wichtig zum Überleben. In größeren Städten kann man oft diese Schicksalsgemeinschaften beobachten. Ich kenne das auch aus meinem Heimatort: Da gibt es auch Orte, wo sich "die Penner zum saufen treffen", wie sich manche Mitbürger ausdrücken. Daher wohl auch mein Bild, das ich früher hatte: Für die ist die Gemeinschaft wichtig. Man hält zusammen, gegen alles, was von außen kommt. Da war ich dann im Praktikum doch einigermaßen überrascht, dass viele Bewohner ihre Freizeit am liebsten allein in ihren Zimmern verbringen. Oder aber allein irgendwo draußen. Gruppen, die gemeinsam etwas tun, sieht man nur selten.
Schlussbemerkung
Ich habe jetzt einige Dinge aufgezeigt, die auf einige Wohnungslose zutreffen mögen, aber ich möchte das eigentlich nicht verallgemeinern. Denn eines sollte klar sein: Ob Menschen mit oder ohne Wohnung, jeder Mensch ist eine Person ganz für sich. Es mag sein, dass der eine oder andere gut in ein Klischee reinpasst, aber wer nur in Klischees denkt, der verliert ganz schnell die Einzelpersonen aus dem Blickfeld.
Im Kontaktseminar "Option für die Armen" haben wir darüber gesprochen, dass es vielleicht Sinn macht, sich mit den Klienten auf eine Stufe zu stellen. Ich habe es versucht und ich muss sagen, ich halte es für mich für unmöglich. Nicht, weil ich meine, auf einer soviel höheren Stufe zu stehen. Ganz gewiss nicht. Aber als Praktikantin im Sozialdienst stand ich auf einer anderen Stufe. Ich gehörte eben zum Sozialdienst und nicht zu den Klienten. Das ist einfach ein Unterschied und für eine helfende Beziehung ist Distanz nötig.
Es gibt noch einen Grund, warum ich es für unmöglich halte, mich mit den Bewohnern auf dieselbe Stufe zu stellen: Ich denke, dass jeder Mensch ein bisschen seine eigene Stufe hat. Einfach durch die unterschiedlichen Lebenserfahrungen, die jeder gemacht hat. Es ist einfach so, dass wir nicht alle gleich sind. Jeder Mensch ist einmalig. Es geht letztlich um eine Haltung des Respekts vor der Person des anderen.
Literatur:
Walter Hermann (Hrsg): Materialien zur Wohnungslosenhilfe Heft 46 (2001): Lebens(T)räume zurückgewinnen, mitgestalten, VSH Verlag Soziale Hilfe, Bielefeld 2001
Bundesweites Kontaktseminar von Ordensleuten fand zum 16. Mal an der Münsteraner Abteilung der KFH NW statt.
In diesem Jahr stand das Treffen unter dem Motto "Spiritualität für den Dienst unter Armen". Neben 35 Ordensleuten aus ganz Deutschland beschäftigten sich auch 15 Studierende der KFH eine Woche lang mit der Situation ausgegrenzter Menschen und der eigenen Haltung zu Arbeit und Umgang mit diesen Menschen. Das nun schon seit Jahren gut besuchte Kontaktseminar dient vor allem der Vernetzung und Unterstützung. Viele Ordensleute, die sich für das Zusammenleben mit Armen außerhalb des Klosters entschieden haben, werden mit dieser Entscheidung erst einmal auf sich selbst zurück geworfen. Die gemeinsame Woche in Münster bietet ihnen die Möglichkeit, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und eine spirituelle Unterstützung für die oft kräfte- und nervenzehrende Arbeit zu erfahren.
Die Straße als "heiliger Boden"
Das Wort "Option" bedeutet ursprünglich "freier Wille, freie Wahl". "Option für die Armen" steht für die bewusste Entscheidung, sich an die Seite der Armen zu stellen, ganz im Sinne der lateinamerikanischen Befreiungstheologie, die diesen Ausdruck geprägt hat. An den ersten drei Seminartagen erlebten dies die Teilnehmer noch im Schutzraum der Fachhochschule. Neben einem Bibelgespräch diskutierte Weihbischof Josef Voß mit den Teilnehmern die Situation illegal in Deutschland lebender Menschen, die für ihre Arbeit in privaten Haushalten, im Gaststättengewerbe oder auf dem Bau unter- oder sogar gar nicht bezahlt werden. Der Jesuit Christian Herwartz aus Berlin lud schließlich zu einer ungewöhnlichen Form der Exerzitien ein. Nach einer intensiven Vorbereitung waren die Teilnehmer einen Tag lang allein auf den Straßen Münsters unterwegs und öffneten sich für eine persönliche Begegnung mit ausgegrenzten Menschen. "Eine alte obdachlose Frau hat mich zum Kaffee eingeladen.", erzählte eine Teilnehmerin beschämt. "Selbst das wenige, was sie hatte, hat sie noch geteilt." Das hautnahe Erlebnis außerhalb der gewohnten Rolle und Umgebung war für viele eine tief berührende, manchmal schmerzhafte Selbsterfahrung. Das konkrete Vorbild für die Aktion zitierte Herwartz aus der Bibel. Der neugierig gewordene Mose will den brennenden Dornbusch näher betrachten, bis er von Gott aufgefordert wird, die Schuhe auszuziehen, denn "du stehst auf heiligem Boden." Für den Jesuiten ist der brennende Busch die oft dornige Realität. Die Schuhe ausziehen bedeutet, die eigene Distanz abzulegen gegenüber unbequemen, bedrohlichen und schmerzhaften Begegnungen mit ausgegrenzten Menschen und ihrer Wirklichkeit. Der heilige Boden ist die Straße selbst.
"Nächstes Mal bin ich freiwillig dabei."
Diesmal sei die Veranstaltung Teil ihres Pflichtprogramms gewesen, so eine Studentin im Rückblick am Freitag, doch das nächste Mal werde sie "freiwillig" dabei sein. Die Woche habe sie als seelische "Tankstelle" erlebt. Begriffe wie "Lebensbetrachtung" und "Selbstfindungsprozess" fielen. Für eine junge Ordensfrau stand im Mittelpunkt, "engagierte, starke Menschen zu treffen". Doch immer wieder kam die Sprache auf die Erfahrungen, die die Teilnehmer am Exerzitientag gemacht hatten. "Dabei ist mir erst einmal dieser Abstand bewusst geworden, den ich zu den Armen habe.", so eine andere Ordensfrau selbstkritisch.
Wunschthema Nähe und Distanz
Zum Abschluss am Freitag Mittag blieb noch Zeit für Anregungen und Wünsche an das Leitungsteam, die Dozenten Josef Elberg und Andrea Tafferner, Pater Erich Purk und Ursula Adams, die Initiatorin des Seminars. Auf Zustimmung in der großen Runde traf die Anregung, sich im nächsten Seminar mit dem Thema "Nähe und Distanz" zu beschäftigen. Gerade für die teilnehmenden Studierenden dürfte es eine wichtige Frage sein, wie sie die innerhalb des Studiums immer wieder angemahnte professionelle Distanz in ihrem späteren beruflichen Alltag mit emotionaler Nähe zu ihren Klienten verbinden können. Denn, so Herwartz provokativ:"Distanz ist wichtig fürs Professionelle, fürs Menschliche ist sie Gift."