Theologische Reflexionen und Erfahrungen
Karl Rahner, Christus in den Gefangenen
Klaus Mertes, Theologische Überlegungen nach den Exerzitien in Kreuzberg
Christian Herwartz, Betend die Wirklichkeit erkennen - Exerzitien auf der Straße
Christoph Albrecht, Die sakramentale Erfahrung Gottes auf der Straße Christian Herwartz, Mitten in der Stadt hörend werden
Christian Herwartz, Eine neu zu entdeckende Beziehung
Christian Herwartz, "Wer in Christus eintaucht, taucht bei den Armen auf"
Christian Herwartz, Entdecken der Mysterien des Alltags
Christian Herwartz, Neuland auf alten Wegen wahrnehmen
Christian Herwartz, Gemeinschaft am Weg
Andreas Ebert, Exerzitien auf der Straße
Peter Hundertmark, Mit offenen Augen beten
Petra Maria Tollkötter: Einführung in die Straßenexerzitien
Gefängnisseelsorge
Ein theologischer Hintergrundtext von Karl Rahner, leicht gekürzter Vortrag für Gefängnispfarrer:
aus: Sendung und Gnade (1961), S.447 – 463
... Was in dieser kleinen Besinnungsstunde bedacht werden mag, sei in die zwei Sätze zusammengefasst: In den Gefangenen ... finden wir Christus den Herrn; in diesen Gefangenen finden wir uns, indem wir in ihnen unsere eigene verborgene Situation erblicken.
Christus in den Gefangenen
Wir finden Christus den Herrn in den Gefangenen; wir sollen ihn finden, er ist da wirklich so zu finden, dass wir ihm selbst für uns zu unserem Heil und unserer Seligkeit begegnen.
Ich brauche Sie nicht an Ihre Erfahrung als Strafanstaltsseelsorger zu erinnern. Sie haben diese Erfahrung, die bittere, die grausig-realistische, selbst besser, als ich sie Ihnen schildern und nahe bringen könnte: die Erfahrung der gescheiterten menschlichen Existenzen, der geistig und moralisch Defekten, der Labilen, der Psychopathen, der Boshaften, der Hochstapler, der Zynischen, der Heuchler und Lügner, der bloß Triebhaften, der Opfer der Verhältnisse, der Süchtigen, der haltlos Rückfälligen, der religiös Unempfänglichen, der armen Teufel, der Imbezillen. Auch wenn diese Erfahrung nicht die einzige ist, die Sie in den Gefängnissen machen, auch wenn Sie auch da Menschen begegnen, die Sie von vornherein nicht anders empfinden als sonstige — normale und anständige — Menschen, so hat Sie doch schon oft ein Grausen über diese Menschheit gepackt, die Ihnen da begegnet; Sie waren schon oft die Betrogenen, die Dummen, die mit Undank Belohnten, diejenigen, die vergebens an verschlossene Herzen pochten, die Hilfe leisteten, um dafür als Vertreter verhasster Institutionen selbst abgelehnt zu werden; Sie haben Vergeblichkeit erlitten und die Hoffnungslosigkeit solcher Bemühungen; Sie werden oft den Eindruck gehabt haben, dass all Ihre Mühe, Sorge und Liebe, Geduld und Arbeit in einen leeren Abgrund fällt, aus dem keine Antwort zurückkommt; Sie sind Menschen, die dem Bösen dauernd begegnen in seiner dumpfen, gereizten, hoffnungslosen, hässlichen Wirklichkeit. Sie wissen all das besser als ich.
Und nun lesen wir das Wort Christi, das unglaubliche, aufreizende, abenteuerliche Wort: Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters, nehmt das Reich in Besitz, das euch seit Anbeginn der Welt bereitet ist ... denn im Gefängnis war ich und ihr seid zu mir gekommen ... Da werden die Gerechten fragen: Herr, wann haben wir Dich im Gefängnis gesehen und sind zu Dir gekommen? Der König wird ihnen zur Antwort geben: "Wahrlich, ich sage euch: was ihr auch nur einem von meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan" (Mt 25, 34—40).
Ich meine, Sie sollten sich zunächst einfach freuen über dieses Wort. Es gilt Ihnen, es gilt ohne jede Übersetzung Ihnen, so, wie es damals gesprochen wurde. ...
Aber dann müssten Sie erschrecken über dieses Wort: Es ist Ihnen geboten, den Herrn in denen zu finden, die Sie im Gefängnis besuchen. Welch erschreckende und überfordernde Aufgabe! Sagen Sie nicht, das Wort sei nicht so ganz ernst zu nehmen, verlangt sei doch im Grunde ein wenig menschliches Mitleid, ein wenig vernünftig dosierte Hilfe, ein nüchterner Realismus, der sich nichts vormachen lässt, aber auch nicht zu schnell an der Menschheit verzweifelt, sondern in einem humanistischen Optimismus an das Gute in jedem Menschen glaubt, es weckt und nochmals eine Chance gibt, es besser zu machen, und wo das nicht mehr geht, eben sich damit tröstet, dass es Psychopathien gibt, die ebensowenig zu heilen sind wie andere Krankheiten und einem auch nicht mehr zu Herzen gehen sollen als diese anderen Krankheiten, die schließlich alle zum Tode führen, unheilbar sind, ohne dass darum die Menschheit sich ihre gute Laune verderben lässt. Nein, und abermals nein. Es ist von Ihnen mehr verlangt. Sie sollen den Herrn in den Gefangenen finden; er soll Ihnen selbst zu Ihrem eigenen Heil in diesen Gefangenen begegnen. ...
Wir müssen dieses Wort stehen lassen, wie es steht. Und es glauben. Wir können darüber nachsinnen, wie es wahr sein könnte, aber wir müssen es wahr sein lassen. Wir können darüber erschrecken, wie wenig wir von der sich entäußernden Liebe Gottes in Christus, von der Agape Gottes begriffen haben müssen, wenn wir nicht begreifen, dass es wirklich eine Liebe in der Welt, die Liebe Gottes nämlich gibt, die annimmt, wo wir nichts mehr sehen, was man annehmen könnte, eine Liebe, die sich nicht gnädig herablässt, sondern sich wirklich in aller Wahrheit und Wirksamkeit mit diesen Sündern identifiziert, eine Liebe, die sich entäußert und exponiert, einlässt und verschwendet, in der der Liebende sich selbst nur mehr durch den Geliebten hindurch findet. Wir können nachdenken, dass diese Liebe schöpferisch ist und verwandelt, dass sie ernsthaft und radikal bis zum Tod, zum Tod am Kreuz ist, dass sie sich hinabgewagt hat in die äußerste Leere der gottverlassenen, tödlichen Liebelosigkeit und da gesiegt hat, da alles angenommen hat, dass sie eine Liebe war, die den Sohn Gottes zum Fluch werden ließ, um wirklich zu retten, was wirklich unentrinnbar verloren ist, was von sich aus aussichtslos und hoffnungslos tot ist, was sich ingrimmig sperrt gegen die Liebe, was mit kaltem Hohn und zynischer Eindeutigkeit Liebe, Reinheit, Güte und Treue als verlogene Utopien abtut. Mit solchen Sündern hat sich diese Liebe in aller Wirklichkeit identifiziert. Denn sonst wären sie nicht erlöst, denn sonst wäre nur gerettet, was von sich aus heil ist ..
Wir müssen darüber nachdenken, glaubend und gegen unsere eigene "Erfahrung", dass der Herr in aller Wahrheit in diesen Verlorenen ist, denen wir in den Gefängnissen begegnen: in ihnen ist durch seinen Liebeswillen, der das Nichtige und Verlorene beim Namen ruft und schafft, in ihnen ist durch seine Geduld, durch die Allmacht, die auch in diesem Strandgut der Weltgeschichte noch die Person, eine Ewigkeit, einen Bruder des ins Fleisch gekommenen Wortes Gottes, einen Geliebten, einen mit göttlicher Ernsthaftigkeit Ernstzunehmenden sieht, besser: schafft, indem er ihn liebend anblickt. In ihnen ist ER in aller Wahrheit, weil das Urmysterium der einenden und schöpferischen Liebe, die Gott selbst ist, nicht verstanden und damit das Wesen des Christentums radikal verkannt ist, wenn dieses Unwahrscheinliche, Paradoxe und unsere kurzsichtige Erfahrung radikal Überwältigende nicht bedingungslos glaubend angenommen wird.
Aber, wenn wir das Wort des Herrn verstehen wollen und den Herrn in den Gefangenen finden wollen, müssen wir nicht nur glaubend und betend darüber nachdenken, dass er in Ihnen ist, sondern noch mehr darüber, wie man ihn nun selber in ihnen finden kann. ...
Immer werden wir die verwundert Fragenden sein, wenn der letzte Tag kommt, wir werden ebenso fragen wie die, die den Herrn nicht besucht und nicht gefunden haben: Wann haben wir Dich im Gefängnis gesehen und sind zu Dir gekommen? (Mt 25, 39 - 44). Die Erfahrung also wird immer so sein, dass wir den Eindruck haben, er sei es nicht, man könne ihn in den Gefangenen nicht finden. Aber auf dieses Finden, obwohl man meint, nicht gefunden zu haben, auf dieses Sehen, obwohl man den Eindruck hat, ins Finstere zu schauen, auf dieses Haben, obwohl man meint, verloren zu haben, kommt es im Christentum gerade an. Und so auch hier.
Wir müssen ihn in den Gefangenen suchen und finden. Und es ist nicht leicht. Man kann ihn auch übersehen und blind an ihm vorbeigehen, selbst wenn man mit dem Leib und mit seiner "Pflichterfüllung" in den Gefängnissen anwesend ist, selbst wenn man im Rufe eines guten Gefangenenhausseelsorgers steht. Was heißt nun, Christus selbst in seinen Brüdern im Gefängnis finden?
Es heißt zunächst einmal: ehrfürchtige Demut vor dem anderen Menschen, der ein Kind Gottes und ein Bruder Jesu Christi ist, ein Berufener, ein Geliebter Gottes, ein von der Gewalt göttlicher Liebe Umfangener. Wir wissen alle .., dass jeder noch in diesem Leben pilgernde Mensch zum Heil berufen, von Gott geliebt, von Christi Gnade umfangen ist, selbst wenn er sie noch nicht in Freiheit angenommen hat. Wir wissen, dass wir im Grunde keinen richten können, von gar niemandem mit absoluter Sicherheit sagen können, dass er in Gottes Gnade lebt, und so aber auch von gar niemandem sagen können, dass er sie verloren hat. Und so wie wir mit unbedingter Sicherheit im Vertrauen auf Gott für uns selbst die barmherzige Gnade Gottes erhoffen müssen und das ewige Heil, so haben wir dieselbe Pflicht der Hoffnung (da wir den Nächsten lieben müssen wie uns selbst) auch für jeden Nächsten.
Und wir wissen, dass in jedem Menschen ein ewiges Geschick am Werden ist und in aller Belanglosigkeit des Alltags und der erbärmlichen Dutzendware Mensch heranreift. Das alles wissen wir. Wir haben es nie bestritten. Aber wir leben es nicht. Diese unendliche Würde, dieser unverlierbare Adel, die Tatsache, dass jeder Mensch unendlich mehr ist als ein Mensch, ist bei uns weitgehend eine sehr dünne sonntägliche Ideologie, die wir theoretisch nicht bestreiten, weil sie uns nicht weh tut und uns im Alltag nicht hindert, den Normen und Haltungen des Alltags zu folgen. Wenn aber im nüchternen Alltag unser Blick, den wir auf den Nächsten richten, hindurchginge durch alle degenerierte Leiblichkeit, durch alle Fassaden seiner Triebhaftigkeit, seiner Dressate, seiner physiologisch bedingten seelischen Physiognomie, hindurch durch alles, was dieser andere selbst von sich denkt und will, durch alle Selbstinterpretationen, die ja nie die letzte Wahrheit eines Menschen von sich selbst sagen können, hindurch durch alle schicksalsbedingten Abläufe in einem solchen Leben aus Vererbung, Erziehung, Milieu, verborgener Krankheit, Psychopathien, ja selbst noch hindurch durch wahre, furchtbare Schuld, weil auch sie nicht das Letzte ist, weil auch sie noch (wie Paulus sagt) umfangen und eingeschlossen ist vom größeren und mächtigeren Erbarmen Gottes, wenn so unser Blick durch alles Vorläufige hindurch das Eigentlichste und Letzte im anderen Menschen suchte und fände, Gott, seine Liebe, sein Erbarmen, die diesem Menschen eine ewige Würde verliehen hat und ihm in der unbegreiflichen Selbstverschwendung göttlicher Torheit der Liebe reuelos sich selbst anbietet und anträgt, wenn dieser Blick da wäre nicht in einer Feierstunde, sondern dort, wo uns dieser Mensch mit seinem stumpfen Blick, seiner Unempfänglichkeit und seinem Armeleutegeruch begegnet, wo er uns mürrisch und gereizt, böse und unbelehrbar, dummschlau und raffiniert entgegentritt, dann würden wir diesem Menschen wirklich mit ehrfürchtiger Demut begegnen, die eigentlich uns in uns selbst auch keine höhere Würde und heiligere Berufung erkennen lassen kann, als sie in diesem anderen ist.
Und wenn wir ihn so in ehrfürchtiger Demut anblickten, dann würden wir in ihm Christus sehen, das menschgewordene Wort des Vaters, das überall (ob man es weiß oder nicht) verehrt und angebetet wird, wo ein anderer Mensch absolut ernst genommen wird, wo der Mensch weiß, dass es gar keine schlechte und furchtbare Erfahrung mit dem Mitmenschen geben kann, die den anderen Menschen so durchschauen könnte, dass sie ins Leere blickte anstatt in das Geheimnis Gottes, in dem das ewige Bild dieses Menschen verborgen ist, ohne das (wie Angelus Silesius sagt) Gott "nicht ein Nu kann leben".
Es gibt den Menschen in Natur und Gnadenbestimmung, weil Gott den Gottmenschen, weil ER sich selbst als Menschen gewollt hat, weil es keine Wahrheit Gottes mehr gibt, die nicht die Wahrheit des Menschen wäre, weil Gott (aus freier Gnade ist es so, so aber wirklich so) nicht wäre, wäre der Mensch nicht.
Und dort also, wo die erbärmlichste Menschkreatur und der dummgemeine Schuft noch ehrfürchtig und demütig ins eigene Herz aufgenommen werden, da wird Christus aufgenommen und gefunden. Und (darf man so zu sagen wagen?) da am besten. ...
Und weiter: es ist noch ein anderes Gottfinden im gedemütigten Nächsten möglich. Wenn wir dem erbärmlichen Nächsten so begegnen, wie wir es sollten, wenn wir ihn achten, ohne von einem Gefühl instinktiver, physiologisch bedingter Sympathie getragen zu sein, wenn wir verzeihen, obwohl wir uns dabei nur als die dumm Geprellten vorkommen, wenn wir uns wirklich verschwenden, ohne durch das Gefühl innerer Befriedigung belohnt oder durch Dankbarkeit entschädigt zu werden, wenn gerade solche Begegnung mit dem Nächsten uns unsagbar einsam macht und alle solche Liebe nur wie ein vernichtender Sprung in eine absolute Leere erscheint, dann ist eigentlich die Stunde Gottes in unserem Leben, dann ist ER da. Vorausgesetzt, dass wir nicht umkehren, vorausgesetzt, dass uns nicht unheimlich wird, dass wir uns nicht anderswo und -wie schadlos halten, dass wir nicht klagen, dass wir nicht uns selbst bemitleiden, dass wir schweigen, dass wir die Bodenlosigkeit und die Torheit solcher Liebe wirklich wagen und annehmen. Dann ist die Stunde Gottes: dann ist die scheinbar unheimliche Bodenlosigkeit unserer Existenz, die sich auftut in dieser hoffnungslosen Erfahrung des Nächsten, die Bodenlosigkeit Gottes, der sich uns mitteilt, das Anheben des Kommens seiner Unendlichkeit, die keine Straßen mehr hat, die wie ein Nichts gekostet wird, weil sie die Unendlichkeit ist. Wenn wir in solcher Begegnung mit dem Nächsten, in der wir durch das Irdische an ihm in seiner Haltlosigkeit hindurchzubrechen und ins Leere zu fallen scheinen, uns losgelassen haben und uns nicht mehr angehören, wenn wir uns selbst verleugnet haben und nicht mehr machtvoll oder selbstgenießend über uns verfügen, wenn alles in solcher Begegnung und wir selbst uns wie in eine unendliche Ferne weggerückt sind, dann fangen wir an, Gott zu finden, dann fängt diese einsame und schweigende Leere des inwendigen und wie verstörten Menschen an, sich mit Gott zu erfüllen, dann finden wir Gott, den Christus, der in die Hände des Vaters fiel, da er sterbend seine Gottverlassenheit bekannte. Das mag uns am Anfang ungewohnt vorkommen, dieses Sichselbstnichtmehrhaben mag uns erschrecken und uns die Versuchung überkommen, wie erschreckt in die Nähe, in die Dankbarkeit, in das spürbare Geliebtwerden zurückzuflüchten. Ja, wir werden dies sogar oft tun dürfen und müssen. Aber wir sollten doch allmählich lernen, in diesem Sterben das Leben, in dieser Einsamkeit die Nähe, in dieser Verlassenheit Gott zu finden. Erst wenn wir dies können, wenn wir in dieser Enttäuschung der Liebe zum Nächsten Gott selbst finden und erfahren, wird unsere Liebe zum Nächsten reif und Tat des Heiligen Geistes in uns. Sie kann dann wirklich langmütig und geduldig, ohne Arg werden und immer hoffend und nie enttäuscht sein. Sie findet ja immer Gott. ... Man muss also den Nächsten und nicht seine eigene Erfüllung und Vollendung lieben und suchen, aber bis zum Ende kann man es nur, wenn man dabei Gott findet und diese wahre Liebe zum Nächsten umfasst und erlöst, geborgen und befreit ist dadurch, dass sie in der Liebe zu Gott geschieht, als Finden Gottes in Christus. Wer sich also dem tötenden Abenteuer der bedingungslosen Liebe zum Nächsten aussetzt, der findet Gott, und wer ihn findet, kann den Nächsten lieben wie sich selbst. Er erhält die Klarheit des Blickes desjenigen Glaubens, der die Wirklichkeit Gottes auch noch im verlorensten Menschen sieht, die ihn in aller Wahrheit mit demütiger Ehrfurcht liebenswert macht.
Wir finden Christus den Herrn in den Gefangenen; wir sollen ihn da finden; er ist da wirklich zu finden, so zu finden, dass wir ihm auch selbst für uns und zu unserem Heil und unserer Seligkeit begegnen.
Wir selbst in den Gefangenen
Wir finden in den Gefangenen uns selbst, indem wir in ihnen unsere eigene verborgene Situation erblicken. Jeder Mensch läuft sich selbst immer wieder davon. Nur vollendete Heilige könnten sagen, dass sie sich selbst nicht mehr über sich selbst betrügen. Nur die Vollendeten halten die Wahrheit Gottes in sich nicht mehr nieder. Die Wahrheit, dass wir Sünder sind; die Wahrheit, dass wir uns selbst suchen; die Wahrheit, dass wir in tausend groben und subtilen Weisen immer Gott und uns selbst zu dienen suchen; die Wahrheit, dass wir feige und bequeme, faule und störrische Knechte Gottes sind; die Wahrheit, dass wir das nicht tun, was wir tun sollen: Gott aus ganzem Herzen und mit allen Kräften lieben. ... Wir sind die unfrei Gefangenen, wenn uns nicht der Geist Gottes, seine Gnade, befreit. ... Und dessen sind sie, die wir besuchen, ein Bild, ein Bild aller derer, die in Finsternis und Todesschatten sitzen, eingekerkert im Verlies ihrer Endlichkeit, ihrer durch Christus noch nicht befreiten, unter der Sünde, dem Fleisch, der Macht des Bösen versklavten Freiheit. Bild dieses Gefängnisses der "Welt" ist das Gefängnis, in dem sich Ihre Tätigkeit abspielt, nicht in einem äußerlichen, künstlichen Sinn, nicht durch eine künstliche Analogie, sondern Bild als Erscheinung, als wahrer realer Typos, als Sichtbarwerden einer geheimen Wirklichkeit, die sich selbst in diesem realen Symbol ihre Erscheinung und Greifbarkeit schafft. Denn welche immer die nächsten Ursachen der Gefängnisse sein mögen und der Not ihrer Insassen, die eine und letzte Ursache ist die Schuld der Menschheit von Anbeginn an, die Schuld, die sich fortzeugt durch alle persönliche Schuld der einzelnen, die auch in Not, Krankheit und Unglück inkarniert uns anblickt, die Schuld, die auch in unserem eigenen Leben Macht ist, so dass, was wir die Gefängnisse und Zuchthäuser nennen, eigentlich für das christliche Verständnis des Daseins doch nur Einzelzellen greifbarer Art jenes einen großen Gefängnisses sind, das die Schrift die "Welt", "diesen Äon", die "Welt, die im Argen liegt", den Herrschaftsbereich des Fürsten dieser Welt, den Machtbereich der Mächte der Finsternis, des Todes und des Bösen nennt.
Sie gehen nicht aus einer Welt der Harmonie, des Lichtes und der Ordnung in eine Welt der Schuld und der Unfreiheit, wenn Sie aus Ihrem Daseinsraum in die Gefängnisse gehen, Sie bleiben dort, wo Sie immer sind. Es wird nur für die Sinne des Leibes deutlicher, was uns immer umgibt, die Unfreiheit der Schuld, die Gefangenschaft, aus der uns nur Christi Gnade allein zur Freiheit der Kinder Gottes befreien kann.
... selbst wenn wir die Erlösten sind, selbst wenn in denen, die in Christo Jesu sind, in den Glaubenden und Liebenden, nichts Verdammungswürdiges mehr sich findet, selbst wenn der Grund unseres Wesens, seine innerste Mitte, begnadet und vom heiligen Pneuma Gottes erfüllt ist, selbst dann also ... ist in uns in einer letztlich nicht auflösbaren Gleichzeitigkeit das Erbe der Vergangenheit noch da. Oder lebt in uns nicht die Begierlichkeit, ist nicht auch in uns, was in der Welt ist: Augenlust, Fleischeslust und Hoffart des Lebens? Sind wir nicht die Kranken, die Triebhaften, die nur zu leicht sich selbst Betrügenden, die Egoisten, die in dieser oder jener Hinsicht (in irgendeiner leichteren Form wenigstens) Süchtigen? Wie, wenn einer käme, wenn Gott käme und nicht nur mit der kalten Unerbittlichkeit eines Psychotherapeuten, sondern mit der Unbestechlichkeit der letzten Wahrheit, welche die des Dreimalheiligen ist, uns ins Herz leuchtete, unsere Motive, unsere Haltungen, unsere Dressate, unsere versteckten und vor uns selbst durch uns verborgenen geheimen Antriebe analysierte, wenn er uns selbst nackt und bloß uns konfrontierte, so, wie wir sind, nicht so, wie wir gerne vor uns erscheinen, müssten wir dann nicht erschreckt vor diesem Richter der Herzen niederfallen: Herr, geh weg von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch; würde uns dann nicht seine Gnade, die uns heiligt, vorkommen wie etwas, das wir eigentlich gar nicht sind, müssten wir dann nicht weinend und erschüttert sagen: Das bist Du, die Unbegreiflichkeit Deiner Liebe, die wie sinnlose Verschwendung Deines Erbarmens; ich aber, ich bin das nicht: ich bin der dumpf und feig in mir selbst Verfangene, ich bin jenes wirre und verwirrte Bündel von Antrieben, von Zufällen, von äußerlich über mich verfügenden Schicksalen, bei dem man nie weiß, was jetzt das Eigentliche und Echte ist, was Fassade, was Wirklichkeit, ob das Schäbige die Demut der Tugend in mir oder ob die Tugend die Verkleidung des Erbärmlichen in mir ist? Müssten wir dann nicht weinend beten: Wenn Du der Sünde, Herr, gedenken willst, Herr, wer kann vor Dir bestehen? Geh nicht mit mir ins Gericht, vom Verhohlenen in mir reinige mich! Müssten wir dann nicht erkennen und anerkennen, dass wir uns von jenen armen Sündern, die wir in den Gefängnissen besuchen, nicht sehr wesentlich unterscheiden? ...
Es bleibt dabei: wir begegnen uns, wenn wir in den Gefängnissen den Gefangenen begegnen; diese halten uns unser eigenes Bild entgegen, jenes Bild, dem wir uns stellen müssen, täglich aufs neue, wenn wir für uns selbst die Gnade Gottes finden wollen, die sich nur denen gibt, die sich als Sünder bekennen und ihr Dasein nur auf eines bauen, auf die unbegreifliche Gnade Gottes, die sich der Verlorenen erbarmt.
Wir haben keine Wahl: wir gehen entweder durch die Gefängnisse wie die Pharisäer: Herr, ich danke Dir, dass ich nicht bin wie einer von diesen, wie die Räuber, die Betrüger, die Ehebrecher, oder wie der Zöllner im Evangelium bei Lukas: dieser stand in der Ferne, in jener Ferne, in der unser unerlöstes Empfinden die Gefängnisse von Gott entfernt wähnt, er schlug an seine Brust und nicht an die der anderen (wie wir es gern tun bei unseren Besuchen im Gefängnis) und sagte: Gott sei mir Sünder gnädig! (Lk 18, 9 - 14.) Nur wenn wir in den Gefängnissen auftreten wie der Zöllner im Tempel, wandelt sich für uns arme Sünder das Gefängnis zu einem Tempel, von dem wir gerechtfertigt nach Hause gehen. Sonst gehen wir in das wahre Gefängnis unserer eigenen Blindheit, Verlogenheit und des Stolzes ein, dem Gott widersteht, während vielleicht diejenigen, die drinnen bleiben, die Gerechtfertigten und die vor Gott Freien sind.
Es bleibt dabei: Wir finden in den Gefangenen uns selbst, indem wir in ihnen unsere eigene verborgene Situation erblicken.
Jedes Leben und auch das heiligste Amt hat einen Todfeind: die Gewohnheit und die Routine. Ach, wir haben die Gewohnheit und die Routine nötig. Wir können nicht lange ohne sie leben. Sie macht uns vieles leichter, was sonst bald über unsere Kräfte ginge, sie mag oft die milde Narkose sein, die Gott für den Schmerz des Daseins uns gnädig gewährt hat. Aber sie ist auch der Todfeind unseres Lebens und unseres heiligen Amtes. Sie stumpft ab, sie bewirkt, dass wir weitermachen, obwohl das Eigentliche, der Geist und die Liebe, schon längst aus unseren Werken gewichen sind. .. Wir müssen diese tötende Gewohnheit immer aufs neue wie einen listigen und tödlich gefährlichen Feind bekämpfen. .. Gnade Gottes ist es, wenn seine Vorsehung Ihnen in diesem Kampf beisteht, beisteht nicht nur durch die Gnade heiliger Hirtenfreude über den, den man zur Liebe Gottes heimführen darf, sondern auch durch die spürbaren Enttäuschungen und Bitterkeiten dieses Amtes, durch alle seine Erfolglosigkeit, durch all sein Unbeachtetbleiben bei den Menschen, durch alles Zermürbende und Quälende, das mit ihm verbunden sein kann.
Wenn diese Erlebnisse, die harten und bitteren, Sie aus der Mittelmäßigkeit der Gewohnheit und Routine herauszwingen, wenn sie Sie vor die Frage stellen, was Sie eigentlich in solchem Amt suchen und erstreben, wenn sie Sie zur Besinnung zwingen über das, was Sinn und Gnade solchen Berufes ist, dann ist auch dies Gnade Gottes.
Und dieser Gnade sollten Sie, wieder in der Kraft einer leise und bescheiden kommenden Gnade, entgegenkommen, indem Sie besinnlich und betend immer wieder vor Gott erwägen, was Sie sind und wollen in solchem Beruf. Wenn Sie in solcher betender Meditation vielleicht auch erwägen, dass wir in den Gefangenen, die unserer priesterlichen Seelsorge anvertraut sind, in aller Wahrheit Christus auch für uns finden können, und, indem wir in ihnen unserer eigenen Situation wie im Spiegel und Gleichnis begegnen, an jene Demut erinnert werden, der allein Gottes Gnade verheißen ist, dann könnte aus solcher Meditation voller und ganzer jene Einheit von Beruf und Leben, von Amt und eigener Existenz sich bilden....
Klaus Mertes Theologische Überlegungen nach den Exerzitien in Kreuzberg
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Das Fundament der Exerzitien und die Ausgangsfrage: "Was macht mich am meisten traurig? Was ärgert mich am meisten?" Die Frage ist gestellt, um hinter dem Nein der Trauer und des Ärgers dem Ja auf die Spur zu kommen, das ich ganz tief in meinem Leben bejahe, mehr vielleicht, als ich es selbst weiß. In dieser Ausgangsfrage, als Frage nach meinem Fundament gestellt, steckt eine Erinnerung an das Glaubenbekenntnis in der Taufe.
Wir sind es gewohnt, in sonntäglichen Gottesdiensten das Glaubensbekenntnis abzulegen, aber in anderer Form als in der Taufe. In der Taufe sagen wir nämlich Nein, bevor wir Ja sagen; wir widersagen, bevor wir zusagen. Das wird oft vergessen, so als wäre mein Fundament, mit dem ich in das Leben oder auch in die Exerzitien eintrete, etwas Positives "an sich" am Grunde meiner Existenz, das zeitlich und sachlich vor allem Negativen und Gefährdenden steht. Aber das Positive besteht eigentlich schon in dem Geschenk, negieren zu können, nein sagen zu können - so wie die Schöpfung selbst ja nicht nur einfach das Hinsetzen von etwas Positivem in einen leeren Raum hinein ist, sondern Negieren: Teilen der lebensbedrohlichen Fluten, Befreiung aus der Sklaverei.
Dieses im Nein-Sagen sich erschließende Fundament setzt mich in Beziehung zu meiner konkreten Umwelt. Es hebt mich nicht über die Wirklichkeit hinaus, in eine ideale Wirklichkeit. Ich muss nicht nach etwas Positivem suchen, das es in der Wirklichkeit, so wie sie ist, nicht gibt. Ich muss auch nicht das Positive aus der immer zweideutigen Wirklichkeit herauspicken oder versuchen, vor allem das Positive zu sehen, um darin das Fundament zu entdecken. Die Fundamentsbetrachtung besteht nicht in einer Übung zum "positive thinking". Vielmehr finde ich das Fundament für die Exerzitien, für meinen Weg mit Gott, in der kritischen Begegnung mit der Wirklichkeit, wie sie ist.
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Kritisch "unterscheiden" ist etwas, was schon in den Vorgang des Erkennens des Fundaments hineingehört. Wenn ich mein Fundament - mein und der anderen Menschen Geschöpfsein - geistlich begreifen will, dann muss ich tiefer begreifen können, worin dieses Fundament nicht besteht. Das entspricht dem ersten Gebot des Dekaloges. Die Anerkennung Gottes, der mich geschaffen und befreit hat, geht einher mit der Negierung der anderen Götter, die mich mit den falschen Verheißungen von Schöpfung und Befreiung umgarnen, um mich so vernichten und versklaven zu können.
Im Fundament steckt somit auch eine Scheidung von Anfang an: Gott steht auf der Seite der Schöpfung und der Befreiung. Klassisch ausgedrückt: Die Erfahrung der Gottheit wird mit der Erfahrung des Ethischen in Verbindung gebracht: "Gott ist gut, es ist nicht Böses in ihm." Es mag sein, dass sich im weiteren Verlauf meiner Geschichte und der Geschichte der Menschheit "dunkle Seiten" Gottes zeigen, doch der Notenschlüssel vor dem Text des Lebens mit Gott lässt mich auch die dunklen Töne, die Moll-Akkorde, die Abbrüche in meiner Lebensmelodie vor dem Hintergrund dieses Notenschlüssels lesen: Gott ist gut. Er will Freiheit, nicht Sklaverei. Er will Geschöpf, nicht Marionette. Er will Liebe, nicht Hass. Er will Leben, nicht Tod. Er will Einheit, nicht Spaltung.
Der Zugang zum Fundament über eine ethische Fragestellung ist ein Zugang über eine allgemein zugängliche Erfahrung. Das ist eigentlich selbstverständlich. Aber gerade wenn wir uns aus dem Binnenraum des Glaubens heraus die Frage nach dem Fundament stellen, dann ist es oft schon verstellt durch zu viel "Wissen" um die Heilige Schrift, um die dogmatische Tradition der Kirche, um Vorgaben von außen und von anderen. Mein Fundament hat dann oft kein oder nur wenig Verankerung in der eigenen Erfahrung, dafür um so mehr in der Überlieferung, der ich von Kindesbeinen an begegnet bin, die ihrerseits auf Erfahrungen von anderen basiert.
Damit soll die Erfahrung anderer nicht kleingeschrieben werden, insbesondere nicht die Erfahrungen, die in den kanonischen Schriften des Glaubens und in der dogmatischen Tradition der Kirche festgehalten werden. Aber wenn ich mich auf den Weg der Exerzitien begebe, dann begebe ich mich auf den Weg meiner Erfahrung. Es geht dann zwar um denselben Gott wie den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, dem Vater Jesu, aber das bedeutet nicht, dass ich dieselben Erfahrungen mit ihm mache wie sie.
Das Ethische ist etwas Universelles, das bedeutet auch: etwas nicht-Exklusives. Das Fundament, von der Erfahrung des Ethischen her angesteuert, bringt mich tatsächlich mit Gott dem Schöpfer in Kontakt, weil Gott ja der Schöpfer aller Menschen ist, nicht nur der Gottgläubigen. Damit bringt es mich selbst aber zugleich in Kontakt mit allen Menschen, mit meinen Nächsten. So ist ein individualistischer Zugang zu den Exerzitien schon im Fundament ausgeschlossen - als ginge es nur um mein Verhältnis zu Gott. Ich stehe vor Gott immer schon als Glied eines Leibes, als Teil seiner Schöpfung, die zu mir gehört. Ich reproduziere auch keine kirchliche Sonderwelt, wenn ich der Frage nach dem Fundament nachgehe, sondern sehe mich und die Welt vor Gott in ihrer Zusammengehörigkeit und in ihrer Berufung zur Einheit vor und mit Gott.
Der "Stoff" der Betrachtungen während der Exerzitien in Kreuzberg ist die Stadt. So wie in den "normalen" Exerzitien das Leben Jesu mit allen Sinnen betrachtet wird, so betrachte ich in den "Stadt-Exerzitien" die Stadt mit allen Sinnen. Und ich betrachte sie geistlich, das heißt: Ich rechne mit der Gegenwart Gottes in ihr.
Die Betrachtung der biblischen Geschichten in den Exerzitien ist nicht nur als eine Arbeit der Phantasie gedacht, um etwas Historisches, Vergangenes möglichst plastisch nachzuempfinden. Vielmehr betrachte ich in den Exerzitien das Leben Jesu, das Leben Israels mit Gott, um in der Betrachtung in der Gottheit zu sein und ihr zu begegnen, Vater, Sohn und Geist. Im Evangelium als historischem Text spricht Jesus zu den Jüngern, zu den Pharisäern, zu dem Volk. In meiner Betrachtung des Evangeliums spricht Jesus dieselben Worte jetzt zu mir persönlich, "im Geist" - genau dieselben Worte; dieselben Worte in anderen Worten; eventuell sogar neue Worte, wie einst bei Paulus. Das jedenfalls unterscheidet die geistlichen Exerzitien von bloßen Übungen: ich rechne damit, dass in ihnen die Dimension des bloßen Trainings übersprungen und plötzlich der große Ernst und die große Freude des Lebens begegnen, die Begegnung mit der lebendigen Gottheit. Und dasselbe gilt auch für die Betrachtung des eigenen Lebens insbesondere in der "Ersten Woche" der Exerzitien: Auch hier betrachte ich nicht einfach nur, um mir etwas über mich bewusst zu machen, sondern ich öffne mich dem Geist Gottes, der mir etwas bewusst macht.
Wenn die Bibel, die Perikopen des Evangeliums und auch mein Leben Gegenstand der Betrachtung sind und sein können, "heiliger Ort", an dem ich der Gottheit begegne, warum sollte es dann nicht auch die Stadt sein können, das Leben anderer Menschen, insbesondere das Leben derjenigen, die an den Rand der Stadt gedrängt sind und sich außerhalb der Perspektive meines Alltags befinden? Natürlich muss es nicht Berlin-Kreuzberg sein; es kann auch jede andere Stadt sein. Aber es gibt vom Evangelium her Akzente (das Evangelium ist und bleibt also immer auch die Brille, durch die ich mein Leben oder die Stadt sehe): Jesus sagt seine Gegenwart insbesondere bei den Armen und Sündern zu, bei den Gefangenen, Obdachlosen, Dirnen, Hungernden, Dürstenden, Verschuldeten, Kleinkriminellen.
Deswegen ist, um in der Sprache Berlins zu sprechen, Kreuzberg als Ausgangspunkt der Gottessuche besser geeignet als der Potsdamer Platz, Plötzensee besser als die "goldene Else", das türkische Kaffee besser als die Pizzeria. Das heißt nicht, dass man nicht auch den Potsdamer Platz, die goldene Else oder auch die Pizzeria betreten könnte. Ein Exerzitant tat es: Er besuchte den Postdamer Platz und begegnete dort dem Versucher.
In unserem Gespräch haben wir dann lange über die Frage gesprochen, ob man Orte besuchen darf, wenn man weiß, dass sie vom Versucher bewohnt werden. Biblisch gesprochen: Jesus ging nicht freiwillig in die Wüste, sondern er wurde dorthin "geworfen" (Mk 1,12). Und auch nach Jerusalem ging er nicht freiwillig, sondern weil er es "musste" (Mk 8, 31).
Aber wie kann eine zufällige Begegnung auf der Straße zu einer Begegnung mit Gott werden?
Ich schlendere auf der Straße und werde von zwei leicht betrunkenen Obdachlosen angesprochen: "Wir haben auf Dich gewartet!"
Ich sitze auf dem Drogenumschlagplatz
am Kottbuser Tor und was dort geschieht wird mir zur Predigt.
Ich stelle mich bei der Suppenküche an und werde Gast auf Grund einer Einladung.
Eine Flöte spielende Frau am Wegesrande beeindruckt mich und mir wird bewusst, dass ich meist nur Dinge mache, um Funktionen und Zwecke zu erfüllen.
Ich unterhalte mich mit einem Kleinkriminellen und werde durch diese Begegnung von meiner Haltung des Richtens befreit.
Ich besuche die Versöhnungskirche und spüre den Schmerz des Unversöhnten in meinem Leben.
Um einen Ort in der Stadt als "heiligen Ort" erfahren zu können, muss ich mich öffnen, so wie ich mich in den Exerzitien öffne, um Jesus im Evangelium und Gott in meinem Inneren zu begegnen. Doch die Begegnung kann ich nicht machen. Sie muss mir geschenkt werden. Es ist auch wichtig, sich nicht unter Stress setzen zu lassen von Erzählungen anderer über Orte, die ihnen heilige Orte wurden. Der heilige Ort, das ist für mich der zufällige Ort - der für mich zufällige Ort.
Nehmen wir das Beispiel der beiden leicht angetrunkenen Obdachlosen, die mich zu sich einladen mit den Worten "Wir haben auf Dich gewartet!". Ich setze mich zu ihnen und verbringe zwei Stunden mit ihnen - nicht in der Haltung des Helfenden, des Problemlösers, sondern in der Bereitschaft, mich beschenken zulassen von diesem Wort, von dieser Einladung. Was sich entwickelt, habe ich nicht in der Hand. Erst später, im abendlichen Austausch kann ich vielleicht entdecken, dass dieser Ort für mich heilig, diese Begegnung für mich heilig war.
Das ist theologisch sehr interessant: Die beiden Obdachlosen wissen nicht, dass ihr Satz "Wir haben auf Dich gewartet" in den Exerzitien Wort Gottes für mich geworden ist. Genauso wenig kann ich ja von mir wissen, ob ich Wort Gottes für andere bin. Nur: Das ist ja gerade das Elend so vieler Frommer, auch mein Elend als Frommer:
Ich will durch mein Leben, durch mein Wort, durch meine karitatives Engagement etwas von der Liebe Gottes weitergeben, ich will Wort Gottes für andere sein - und bin es gerade so nicht. Gott macht zum "Brief Christi" (2 Kor 3,3) an mich, wen er will. Und ich entdecke Gottes Wirken in der Botschaft gerade daran, dass auch der Bote gar nicht weiß, wessen Bote er für mich ist in dem Wort, das er an mich richtet. Der Brief weiß nicht, dass er beschrieben ist. So werde ich eingeladen zu glauben. Ich setze mich zu den Einladenden hinzu. Ich verfolge keinen Zweck mit der Annahme der Einladung. Ich folge der Einladung, und das ist mein Glauben. Wenn die Einladung zu Ende ist, gehe ich weiter.
In der Eucharistiefeier, im Austausch mit den Mitbrüdern und Mitschwestern lasse ich mir die Deutung schenken, so wie ich mir die Einladung habe schenken lassen. Aber gerade auch in dem Austausch ist es nicht der Mitbruder oder die Mitschwester, die deuten, sondern auch hier ist die Deutung das Geschenkte, und es ist dann am meisten Geschenk, wenn der Deutende im Moment seiner Deutung gar nicht weiß, dass und was er mir schenkt.
Ist das naiv, auf diese Weise Exerzitien zu machen? Nicht nur eine "exposure" (ich setze mich einer bestimmten sozialen Grenzsituation aus, um mich hineinzuversetzen, wie das ist, in dieser Grenzsituation zu sein), sondern ein Öffnung auf Gott hin in der "exposure"? Natürlich ist das naiv, aber ich weiß nicht, wie man sich überhaupt auf Gott hin öffnen kann, ohne einfach ganz naiv mit ihm zu rechnen, mit leeren Händen, "arm vor Gott" (Mt 5,1). Ohne diese Naivität kann ich auch nicht das Evangelium betrachten, und ohne diese Naivität kann ich auch nicht nach den Spuren Gottes in meiner Seele schauen.
Wie lächerlich wirkt manchmal das Getöse und Geklingel theologischer Theorien, die nicht zugeben können, dass am Grunde all ihrer Diskurse Naivität ruht, ein naives Rechnen mit Gott. Es gibt eine Naivität des Glaubens, die vor allen fundamentalistischen Vereinnahmungen, vor allen erlebnisreligiösen Verwechslungen geschützt werden muss. Das geht nur über strenge Selbstprüfung und durch die Bereitschaft, sich immer wieder prüfen lassen: Bin ich es, der hier etwas macht, oder mache ich wirklich nichts, so dass tatsächlich etwas geschehen kann, was ich nicht gemacht habe? Der Glauben ist ein Gehen in das Dunkle, Unbegriffene, Unbegreifliche, das mich zum Stottern und Verstummen bringt, das mich schwach und verletzlich macht. Der Glaube ist Naivität um den Preis des Verzichts auf selbstgemachte Sicherheiten, auf tolle Erlebnisse und imponierende Bildung. Die nicht-naive Sprache der Theologie hat nur den Zweck, diesen Raum der Naivität zu schützen gegen die Vereinnahmungen - und auch gegen die Einschüchterungsversuche großer Worte und Systeme. Denn die großen Worte der Theologie sind ohne den Glauben gar nicht zu begreifen.
Sind solche Exerzitien "ignatianisch", höre ich fragen. Aber wer hat schon das Monopol, zu wissen, welche Exerzitien "ignatianisch" sind? Waren die alten Vortragsexerzitien schon deswegen, weil sie keine Einzelexerzitien waren, nicht "ignatianisch"? Die Exerzitien von Ignatius ("ignatianisch") sind nicht auf eine Form zu pressen. Ich sehe in den Straßen-Exerzitien eine ganze Menge an "ignatianischen" Elementen: Sie finden in einem Milieu statt, in dem gerade auch Ignatius und die ersten Gefährten vorzugsweise gelebt haben, gerade auch in der Zeit ihrer eigenen Exerzitien und "Rückzüge". "Die Straße ist unser Haus" pflegte Nadal zu sagen. Die "Exerzitien" sprechen von der Sehnsucht, dem armen Jesus arm zu folgen - wo anders sollte man den armen Jesus besser entdecken können als unter den Armen?
Die Exerzitien sprechen gerade in der ersten Woche von Umkehr angesichts der Begegnung mit dem barmherzigen Gott - wo anders erfahre ich meine Veränderungsbedürftigkeit klarer als da, wo ich dem mir Fremden begegne? Vielleicht sonst nur da, wo ich den Opfern meiner mir selbst gar nicht ganz bewussten Täterschaft begegne, plötzlich, unvermutet.
Die "Zweite Woche" beginnt mit der Menschwerdung - wo kann ich Gott also mehr begegnen als im lebendigen Menschen? Das Christentum ist keine Buchreligion. Der Vater im Himmel hat seinem Sohn auf Erden keinen Text diktiert. Das Evangelium als Buch kann bloß Buchstabe werden, zu bloßem Buchstaben und Wissen, zu bloßer Bildung und Bibelkenntnis erstarren. Als Wort Gottes ist das Evangelium aber vor allem menschwerdend in den Menschen heute und hier. Ich könnte es jedenfalls anders gar nicht als "Wort Gottes" verstehen, auch nicht das Buch selbst, insofern das Evangelium ja auch Buch ist.
"Gott suchen und finden in allen Dingen" (Ignatius) - und ausgerechnet auf der Straße, in der Begegnung mit Menschen mit dieser Suche aufhören? Die Straße als Predigt. Die Entdeckung der Perikopen des Evangeliums in den Orten der Stadt, in der ich lebe. Das ist eine Weise, ignatianische Exerzitien zu machen. Insbesondere sind "ignatianische" Exerzitien kein Spiel, denn wenn mir darin das Geschenk der Begegnung mit Jesus gemacht wird, dann wird es vermutlich auch für die Zeit nach den Exerzitien mit Veränderungen meines Lebens verbunden sein - nicht mit einem großen pelagianischen "Hauruck" in Form von "guten Vorsätzen", sondern in kleinen Schritten, die durch geistliche Freude bestätigt werden (vgl. "Regeln zur Unterscheidung der Geistern"). Und darin zeigt sich wieder etwas besonders "ignatianisches" der Exerzitien: Ignatius und die ersten Gefährten wandten sich mit den Exerzitien besonders gerne an suchende Menschen, an Menschen in Krisensituationen. Denn das Ziel der Exerzitien ist nicht einfach Stabilisierung des Status Quo bei der/dem Exerzitanten, sondern "Frucht": etwas Neues, eine Bewegung, ein neuer Schritt.
Berlin 25.8.2001
Christian Herwartz SJ Betend die Wirklichkeit erkennen - Exerzitien auf der Straße
Vor etwa zehn Jahren bat ein junger Jesuit darum, in unserer Wohnung Exerzitien machen zu können. "Wo," habe ich gefragt, "in unserer Wohnung, in der viele Menschen recht eng zusammenleben, die in Notlagen zu uns gestoßen sind - nach einem Gefängnisaufenthalt, aus der Psychiatrie kommend, in- und ausländische Flüchtlinge, Obdachlose? Hier ist doch keine Stille! Und ich habe noch nie Exerzitien begleitet." Ludger schob alle Bedenken beiseite und kam.
Bei uns gibt es keine Kapelle, in der jemand ungestört beten könnte. Aber es gibt viele lebende Tabernakel, in denen Christus anwesend ist. Hier aufmerksam auf den Ruf Gottes hören, betend anwesend zu sein, unter Hungrigen, Fremden, Kranken, war ein wichtiger Ort der Meditation in seinen Exerzitien. Auch auf dem Verlauf der alten Berliner Mauer meditierte er und in der Nähe anderer Wunden in der Stadt: Trümmergrundstücke oder im Angesicht von protzigen Neubauten, die den Diebstahl der Reichen manifestieren. Plötzlich auf dem Weg zum Gottesdienst sah er dann flüchtig auf einer U-Bahntreppe einen Bettler sitzen. Schuppen fielen ihm von den Augen und ihm wurde Antwort auf seine Fragen geschenkt. Staunend sah ich, wie privilegiert der Ort ist, an dem wir leben, auch privilegiert für einen Exerzitirenprozess.
Unsere Gemeinschaft wurde von weiteren Menschen auf der Suche beschenkt. Wir sollten noch oft staunen: Wieder war jemand gekommen, ein Priester, der nicht mehr in der Bibel lesen und meditieren konnte. Es war ein Arbeitsbuch für ihn geworden, das er zum Predigen brauchte. Mit seinem persönlichen religiösen Leben hatte es nichts mehr zu tun. So habe ich ihm jeden Tag eine Geschichte aus dem Alltag für die Meditation erzählt. Dann wollte er einen Tag in die Stille eines Wochenendhauses gehen. Vorher berichtete er vom vergangenen Tag am Küchentisch. Es klingelte, ein Mann, den ich noch nie gesehen hatte, trat ein. Wahrscheinlich ein Mensch ohne Obdach. Er durfte mit am Tisch sitzen. Nach einer halben Stunde sagte dieser Unbekannte ganz passend: "So, jetzt lasst uns losgehen." Der Fremde wollte mit an den Stadtrand fahren und dort übernachten. Am nächsten Tag reinigten die beiden das Haus, in dem sie geshlafen hatten, um dann wieder in die Stadt zurück zu fahren. Der Fremde sollte aus der Sicht des Priesters die Tüte mit den Abfällen bis zum nächsten Mulleimer mitnehmen. "Trag deinen Müll alleine!" antwortete er dem Priester, dem darüber sofort wurde: "Ja, ich bürde anderen immer wieder meinen Müll auf, den ich nicht tragen will." Unterwegs verabschiedete sich sein Begleiter, den ich nie wieder gesehen habe, und der Priester kam zum täglichen Gespräch; er war in das Gebet um seine Bekehrung eingetreten und am letzten Tag siner Exerzitien konnte er wieder eine Geschichte aus der Bibel mit seinem Leben in Verbindung bringen.
Der erste Exerzitienkurs
Dann kam ein älterer in Exerzitienbegleitung erfahrener Jesuit und wollte nicht nur selbst an diesem Ort Exerzitien machen, sondern danach mit mir zusammen einen Exerzitienkurs für Jesuiten in Berlin-Kreuzberg anbieten. Die Wärmestube für Obdachlose war im Sommer einige Wochen geschlossen. Wir bekamen dort einen Raum zum Schlafen auf Matratzen und die Küche. Abends trafen wir uns nach einem Gottesdienst im Kirchraum zum Essen und - für uns alle überraschend - zum gegenseitigen Erzählen vom Exerzitientag. Keiner hatte dieses Vorgehen geplant. Alle wollten Einzelexerzitien mit einem der beiden Begleiter machen. Aber es entstand eine so große Offenheit untereinander an diesem schlichten Ort, dass keiner sich mit einem Begleiter zum Gespräch zurückziehen wollte. So probierten wir es zusammen und spürten, wie uns das Suchen des Nachbarn in unserem eigenen Suchen half. Ich ging den Tag über in die Fabrik als Stapelfahrer und Lagerist. Abends durfte ich hören, an welchen Orten die Mitbrüder nach einer Begegnung Gottes gesucht hatten.
Neugierig die Schuhe ausziehen
Angestoßen wurde Ihr Suchen von der Geschichte Mose (Ex 3), der seine Arbeit verließ und neugierig zu einem Dornbusch ging, der brannte und nicht verbrannte. Auf dem Weg dorthin musste er seine Schuhe ausziehen, weil dort Heiliger Boden war, denn Gott wollte mit ihm sprechen. Mose sollte alle Hindernisse des Hörens ablegen, die "Schuhe" des Hochmuts, des Vergleichens, des Fliehens, der Distanz. All die Dinge und Haltungen die das Hören, die Meditation behindern. Wo mag der Ort der Begegnung mit dem Feuer, was brennt und nicht verbrennt, diesem Zeichen greifbarer Anwesenheit der Liebe Gottes, für jeden der Teilnehmer liegen – diesem Ort, wo Gott auf den Einzelnen ganz unterschiedlich wartet, um sich persönlich zu offenbaren?
Etwas später bat Teresa, eine Schwester unserer lieben Frau, für das Jahr 2000 um einen ähnlichen Exerzitienkurs in Berlin-Kreuzberg für sich, ihre Mitschwestern und andere. Aus der Berliner Gruppe "Ordensleute gegen Ausgrenzung" waren zwei Frauen und zwei Männer bereit, die Begleitung zu übernehmen. Wir fanden in der St. Michael-Gemeinde Unterkunft in dem Keller, in dem im Winter obdachlose Menschen schlafen. Wir durften auch die Gemeinderäume nutzen. Die Begleitung jeweils zusammen von einer Frau und einem Mann fand in zwei kleinen Gruppen statt. Wir griffen also die zurückliegende Erfahrung der Offenheit auf.
Nach den uns überwältigenden Erlebnissen während dieses Exerzitienkurses haben mich viele gedrängt, im nächsten Jahr neue Termine auszuschreiben. So fanden in den letzten Jahren etwa fünf Kurse im Jahr an verschiedenen Orten im In- und Ausland statt, weil zuhörende Menschen mit entsprechenden Erfahrungen von Ausgrenzung in unserer Gesellschaft bereit waren, Neugierige auf ihren Wegen zu den Dornbüschen – den Störungen in ihren Leben - zu begleiten. Dann wurden Orte in der Nähe von Drogenabhängigen, in einer Suppenküche oder in einer Moschee, vor einer Babyklappe oder in einer Erinnerungsstätte für jüdische Menschen, vor einem Gefängnis oder an einem flachen Seeufer, das an den Todesort des Freundes erinnert, zu Begegnungsorten, wo Dornbüsche für die TeilnehmerInnen sichtbar wurden, in denen Feuer brennt und nicht verbrennt. Die abendlichen Berichte vom Tag haben häufig Ähnlichkeit mit biblischen Erzählungen, die auch von der Begegnung Jesu an konkreten Orten, Situationen und Zeiten berichten.
Doch bevor ich beginne, von diesen vielen Orten und den ganz unterschiedlichen Begegnungen zu erzählen, möchte ich in diesem Artikel etwas von dem Einstieg in die Exerzitien auf der Straße schreiben, von der Fundamentbetrachtung, wie Ignatius sagen würde. Sie ist in dieser Form keine Bedingung für die Exerzitien auf der Straße, bei der die Wirklichkeit der Auferstehung, der Anwesenheit Jesu an konkreten Orten besonders herausgestellt wird, doch sie ist ein häufig gewählter Einstieg. Mit ihr beginnt das uns begleitende Gebet Gottes in uns hörbar zu werden, in das wir einstimmen können.
Der Einstieg in die Exerzitien – die Fundamentbetrachtung
Am ersten Tag bitten wir die TeilnehmerInnen an den Kursen "Respektvolles Sehen und Hören üben", sich an den Ärger oder die Traurigkeit zu erinnern, die sie häufig spüren. Diese spontanen Gefühle treten in bestimmten Situationen regelmäßig auf. Manche können sich nicht ärgern; sie werden eher traurig; andere geraten "bei diesen Gelegenheiten" außer sich vor Wut.
Warum? Weil etwas anders läuft, als sie es haben möchten. Es wird eine Hoffnung auf ein stimmiges Leben in ihnen verletzt. Sie haben Sehnsucht nach einem anderen Verhalten von sich selbst und von anderen. Diese den Ärger oder die Traurigkeit auslösende Sehnsucht ist etwas Typisches für die eigene Person. Sie speist die Hoffnung auf eine bessere Welt, den persönlichen Hunger nach Gerechtigkeit, wie er für das menschliche Leben unabdingbar ist. In der Beschreibung menschlichen Verhaltens preist Jesus in der Bergpredigt diesen Hunger selig, notwenig für die Gemeinschaft mit ihm, dessen Leben in den neun Seligpreisungen (Mt 5) umschrieben ist.
Wer hat die Sehnsucht, die wir nicht selbst erdacht haben, in uns gelegt? Wir finden diese Sehnsucht in uns vor. Sie ist ein Geschenk in unserem Leben, wie unser ganzes Leben ein Geschenk Gottes an uns ist. Er selbst hat sich in ihr uns anvertraut. Die Sehnsucht ist ein Ausdruck seines Lebens in uns, in der Gott sich uns mit einem Aspekt seiner Fülle zeigt. So kann die Wahrnehmung des eigenen Ärgers oder der wiederkehrenden Traurigkeit über bestimmte Situationen, einen Weg in uns eröffnen, seine Anwesenheit in uns zu entdecken, die in unserer Sehnsucht ihren Ausdruck findet. Meist sind uns ein oder zwei Aspekte besonders wichtig. Sie können im Gespräch am Abend unter Mithilfe anderer deutlich werden.
Wie kann die Anwesenheit Gottes in meiner Sehnsucht ansprechbar werden? Ich kann versuchen, Gott mit den Worten anzusprechen, die ich zur Beschreibung der eigenen Sehnsucht benutzt habe. Bei der Suche nach einem Aspekt Gottes, der in der eigenen Sehnsucht besonders präsent ist, können andere mit ihren Sehnsuchts- und Glaubenserfahrungen behilflich sein. Wie der/die Einzelne aus dieser Suche heraus Gott persönlich ansprechen und mit ihm sprechen kann, ist dann nur im persönlichen Gebet zu überprüfen. Keiner steht da als Vermittler zwischen Gott und dem einzelnen Menschen. Mit diesem Respekt können Menschen in der Begleitung - und dazu können auch die Übenden in der Gruppe gehören – Vorschläge machen. Oft hören andere die Schlüsselworte der Sehnsucht eher als diejenigen, die sie ausgesprochen haben. Es ist ein mutiges und respektvolles Aussprechen des Gehörten nötig.
Meiner Erfahrung nach sollten die Vorschläge mit dem Wort Du beginnen, also helfen, sich persönlich vor Gott zu stellen. Mit einem solchen zumindestens anfänglich stimmig gespürten Vorschlag kann dann das Gebet gesucht werden. Über die Erfahrungen mit diesem Gebet wird am nächsten Abend berichtet. Das Bemühen um das persönliche Sehen und Empfinden, öffnet die inneren Augen neu für das Geschehen um und in uns.
Geschichtliche Anknüpfungspunkte
Drei Beispiele können diesen Weg zum persönlichen Gebet erläutern. Es ist die Einladung mit einer mir naheliegenden Eigenschaft Gottes die Welt und mich selbst neu sehen zu lernen.
- In der Genesis steht im 16 Kapitel die Geschichte von Hagar, der ägyptischen Magd Sarais, der Frau Abrams. Sie wird als Leihmutter für den ausbleibenden Erben eingesetzt. Doch als sie schwanger war, kommt es zu starken Konflikten zwischen Sarai und Hagar. Hagars Ärger über die Gewalt Sarais ist so groß, dass sie in die Wüste flieht. Ihre Sehnsucht nach Achtung ihrer Person und ihres Kindes ist offensichtlich. Sie war nach anfänglichen Versprechen in den Augen Sarais und auch Abrams gering geworden.
In der Wüste begegnet sie an einer Wasserquelle einem Engel Jahwes, der sie auffordert, zu ihrer Herrin zurückzukehren. Der Engel gab ihr die Verheißung mit auf den Weg, sie werde einen kraftvollen Sohn gebären, der sich ins Angesicht seiner Brüder niederlassen wird.
Da gibt Hagar Gott einen Namen: "Du bist El Roi; ich habe hier nach dem geschaut, der nach mir schaut." Ihr Kind wurde Ismael genannt. Der Name bedeutet: Gott hat gehört.
- Auch in der folgenden Geschichte (Exodus 2/3) wird durch den Namen eines Kindes vieles von der Sehnsucht deutlich: In Ägypten bekam ein Ehepaar aus dem Stamm Levi einen Sohn. Aber alle Knaben mussten auf den Befehl des Pharaos hin in den Fluss geworfen werden. Die Eltern setzten ihren Sohn in einem Korb aus, der auf dem Nil schwamm. Die Tochter des Pharaos rettete das Kind. "Ich habe ihn aus dem Wasser gezogen," sagte sie und nannte ihn deshalb Mose. Durch die Erziehung wurde er seinem hebräischen Volk fremd. Doch als Erwachsener entdeckte er seine Brüder in der Fronarbeit und als er sah, wie ein Ägypter einen von ihnen erschlug, brachte er ihn auch um und floh in das Land Midian. Dort fand er Zuflucht in der Familie eines Priesters und heiratete seine Tochter Zippora. Wie Mose an der Fremde leidet, wird im Namen seines ersten Sohnes Gerschom (ger = der ansässige Fremde) deutlich, aber auch die Freude im fremden Land Gast sein zu dürfen. Seine Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Heimat wird in dem Namen Gottes deutlich, den er in der Begegnung mit ihm im Dornbuschs bekommt: "Ich bin der ich bin ... Mit dem Namen, Er-ist-da, sollen mich auch die kommenden Generationen ansprechen, wenn sie zu mir beten." Die blockierende Fremdheit ist in Gott aufgehoben und setzt Mose frei, seinen Beitrag zur Befreiung des Volkes anzunehmen.
- Viele Muslime nennen ihre Söhne nach einem der vielen Namen Gottes, wie sie im Koran stehen. Allah findet sich zum Beispiel in dem Namen Abdullah wieder. Die Namensgeber verbinden damit die Hoffnung, dass ihr Sohn die betreffende Eigenschaft Gottes, auf die sein Name hinweist, besonders präsent macht, z.B. die Barmherzigkeit, die königliche Würde, das Heilige, das Friedenstiftende, usw. Die Muslime erinnern an die 99 schönsten Namen Gottes im Gebet und benutzen dabei oft eine Perlenkette, die dem Rosenkranz ähnelt. Der hundertste Name Gottes, so sagt eine mystische Tradition, wird jedem Menschen von Gott persönlich geoffenbart. So bekommen die Menschen in dieser Tradition auf ihrem 40tägigen Exerzitienweg einige Namen Gottes mit, um darüber auch den eigenen zu entdecken. Die in der Tradition gelernten koranischen Gottesnamen und der persönlich entdeckte gehören zusammen.
Ein Suchbeispiel
Eine junge Frau erzählte bei den Exerzitien von ihrem Ärger, den sie spürt, wenn Menschen in ihrer Umgebung übersehen werden. Die damit verbundene Verachtung an unterschiedlichen gesellschaftlichen Orten macht sie immer neu wütend.
Ihre Sehnsucht war leicht zu greifen: Zur Würde des Menschen gehört es, dass jede/r einen angemessenen Platz bekommt und wahrgenommen wird.
Der Vorschlag für einen in ihr liegenden Gottesnamen lautete: "Du, der mich schön ansiehst." Sie wollte sich darauf im Gebet einlassen.
Am nächsten Morgen ist sie sofort vor ein großes Krankenhaus gegangen und hat die Menschen, die vor der Tür rauchten - im Rollstuhl, mit einem Gipsbein oder mit einem Infusionsständer -, schön angesehen und sie ließ sich so einen Weg zeigen, mit Gott betend zu sprechen. Sie spürte, in dem persönlich anvertrauten Namen Gottes liegt ja auch ein Auftrag, das Schön-angesehen-werden von Gott wahrzunehmen und dieses Schön-ansehen anderen gegenüber selbst zu tun.
Dieser sich im Gebet bestätigende Name begleitete sie dann nicht nur in den Exerzitien, sondern auch durch ihr weiteres Leben. Er hat sich im Laufe der Zeit erweitert. "Du, der mich schön ansiehst und der Du mich das Lieben lehrst."
Im persönlichen Gebet mit diesem oder einem anderen Namen liegt es auf der Hand zu fragen, was Gott beobachtet, wenn er mich schön ansieht oder mir einen anderen Aspekt seines Lebens anvertraut. Wie wird dieser Aspekt Gottes in meinem Leben besonders sichtbar, damit er unter dieser besonderen Rücksicht in der Welt anwesend ist. Wie kann ich die Ausbuchstabierung seiner Fülle ein wenig mehr über das neu geschenkte Sehen der Menschen in meiner Umgebung ahnen, die in ihnen liegenden Impulse sehen und Gott darüber preisen kann.
Der mir anvertraute, mir mehr und mehr deutlicher werdende, sich ergänzende Name ist eine Chance, Gott persönlich anzusprechen. Der mir anvertraute Name gibt mir auch eine Idee, mit welchem Namen mich Gott rufen könnte. In dem genannten Beispiel hötr ich: "Du, die ich schön ansehe und die ich das Lieben lehre." Doch ielleicht ist der eigene Name bei Gott kürzer und konkreter.
Wichtig ist es am Anfang der Exerzitien in das betende Gespräch einzutreten, in die Ahnung, wie wir uns gegenseitig rufen könnten. Mit diesem Gebet im Herzen machen wir uns dann auf, den Ort zu suchen, an dem Gott wartet, um uns weiter in das Leben mit ihm einzuführen und Vorurteile und Ängste in uns zu heilen, um Wege der Einheit mit ihm sehen und gehen zu lernen, Wege, auf denen unsere Sehnsucht überschwänglich ernst genommen ist. Um exemplarisch über diesen von innen geleiteten Prozess etwas zu schreiben, muß auch aus Platzgründen auf ein andermal vertagt werden. Christian Herwartz
Aus: Korrespondenz zur ignatianischen Spiritualität Heft 2005
Christoph Albrecht
"Denn auch sie sind Teil deines Lebens"
Die sakramentale Erfahrung Gottes auf der Straße
Nicht nur Feste und Riten als Erinnerung an die Wunder Gottes haben eine sakramentale Dimension, sondern auch ungeplante, unscheinbare Begegnungen, ja alles, was geschieht. Exerzitien auf der Straße machen den sakramentalen Charakter der Welt als Zeichen für die größere Wirklichkeit Gottes erfahrbar.
"Wenn Gott dort nicht ist, wo sollte er denn sonst sein?" Mit diesen Worten drückte eine Exerzitandin ihre Erkenntnis der Woche aus. Sie hatte erfahren, dass Gott auch – und vielleicht gerade – an diesen Orten ist, wo sie es sich vorher nicht zu erträumen gewagt hatte. Wie die neun anderen der Exerzitiengruppe verweilte sie tagsüber auf der Straße, ließ sich von ihrem Herzen führen, blieb dort stehen, wo sie Betroffenheit spürte – mit der einzigen Absicht, Gott zu suchen. Das ist schließlich eine der zentralen Zielsetzungen dieser Exerzitien auf der Straße: Gott zu suchen und zu finden in meiner eigenen Lebenserfahrung aber auch in der ungeschönten gesellschaftlichen Wirklichkeit, die auch Teil meines Lebens ist, ob ich es will oder nicht. So werden die Teilnehmenden ermutigt, wenn sie irgendwo gefragt werden, was sie denn hier suchten oder ob man ihnen weiterhelfen könne, sich nicht in komplizierte Erklärungen über Exerzitien zu verstricken, sondern möglichst konkret zu antworten, eben z.B. zu sagen: "Ich suche Gott." Dies hatte die Exerzitandin gesagt, als sie von einem Obdachlosen am Eingang einer Notunterkunft gefragt wurde. Worauf ihr dieser mit aller Selbstverständlichkeit antwortete: "Ja, der ist hier."
Exerzitien auf der Straße
Christian Herwartz SJ, der seit 26 Jahren mit zwei anderen Jesuiten in einer offenen Gemeinschaft in Berlin Kreuzberg lebt und das Leben mit Wohnungslosen, Asylsuchenden und Suchtbetroffenen teilt, hat vor etwa zehn Jahren diese Art ignatianischer Exerzitien entdeckt, als er von einem Mitbruder gebeten wurde, seine Exerzitien in der Kreuzberggemeinschaft machen zu dürfen. Christian möge ihm an den Abenden jeweils Begleitgespräche anbieten, während er tagsüber in den Straßen Berlins beten wolle. {1}
Die in der Tradition der geistlichen Übungen nach Ignatius von Loyola stehenden Kurse sind eine privilegierte Zeit, in der das geschehen kann, was kein Mensch organisieren, planen oder herstellen kann: die bewusste Erfahrung der heilsamen, heilenden Gegenwart Gottes. Ignatius rät unter anderem dazu, ganz gezielt jene Orte immer wieder aufzusuchen, welche einem die größte Hilfe geben.{2} Die Wahl des Ortes spielt auch bei den Exerzitien auf der Straße eine entscheidende Rolle. Diese Wahl soll nicht so sehr aufgrund rationaler Überlegungen erfolgen, als vielmehr durch ein hörendes Herz. So werden die Übenden immer
>>Wahl des Ortes durch ein hörendes Herz<<
wieder daran erinnert, tagsüber dorthin zu gehen und zu verweilen, wo sie spüren, dass sie von dieser oder jener Situation innerlich berührt werden.
In den Exerzitien auf der Straße gehen alle Teilnehmenden einen inneren, persönlichen, je einzigartigen Weg. Für die Dauer von zehn Tagen bilden die Übenden zusammen mit den Begleitpersonen aber auch eine Gemeinschaft. Sie wohnen in einer einfachen Unterkunft: in einem Mehrzwecksaal, in einer Notschlafstelle oder in einfachen Gästezimmern. Zur Begleitung werden Kleingruppen von jeweils maximal fünf Übenden gebildet, die jeweils von einer Frau und einem Mann begleitet werden. Täglich gibt es gemeinsame Zeiten, von denen nur das Begleitgespräch verpflichtend ist. Normalerweise hilft allerdings ein regelmäßiger Tagesrahmen. Dieser Ablauf beginnt mit dem Frühstück um 8 Uhr, gefolgt von einem Morgenlob, das jeweils von einer Exerzitandin oder einem Exerzitanden gestaltet wird. Tagsüber organisiert sich jede und jeder selbst. Um 17 Uhr versammelt sich die Gruppe zu einem Gottesdienst, danach zum Abendessen, welches jeweils von 1-2 Teilnehmenden vorbereitet wird. Um 19 Uhr beginnen die Begleitgespräche in zwei Teilgruppen.
Sehen und Hören üben
Die TeilnehmerInnen werden schrittweise in die Exerzitien eingeführt, indem sie zuerst ermutigt werden, für Gott einen ganz persönlichen Namen zu finden, der die eigene Sehnsucht nach Heil und Versöhnung zum Ausdruck bringt. Im Sinne einer Sufi-Tradition offenbart Gott zu den 99 im Koran genannten Namen Gottes den hundertsten Namen jeder und jedem Einzelnen persönlich. Mit diesem Namen kann man Gott anrufen.
Oft findet ein Mensch diesen Namen Gottes mit Hilfe der Besinnung auf einen Grundärger oder Grundschmerz, der im Leben auf persönlicher oder gesellschaftlicher Ebene meistens eine Herausforderung bedeutet. Zur Verdeutlichung eignet sich in mehrfacher Hinsicht die Geschichte der Berufung des Moses: In der Wüste von Midian fristete er ein
>>für Gott Namen finden<<
Leben in der Fremde, weil er von der Unterdrückung in Ägypten geflohen war. Seinem ersten Sohn gab er den Namen: Gerschom, das heißt "Fremder in der Wüste" (Vgl. Ex 2,22). Moses, der eine Gottesferne in doppelter Hinsicht spüren musste, da er nicht nur wie sein Volk in der Fremde, sondern auch fernab von seinem Volk lebte, erfuhr durch die Stimme, die aus einem brennenden Dornbusch zu ihm sprach: "Ich habe das Elend meines Volkes gesehen. [...] Ich bin der Ich-bin-da." (Ex 3,7.14).
Das Geschehen am Dornbusch gibt auch ein gutes Beispiel für die Haltung, die es erlaubt, das Göttliche im Unscheinbaren zu erkennen: Als Moses das Feuer im Dornbusch erkannte, lief er hinzu. Da hörte er eine Stimme, die ihm sagte: "Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden." (Ex 3,5). Schuhe waren – und sind in verschiedenen Ländern der Welt heute noch – das Privileg der Reichen. Wenn Moses die Schuhe auszieht, dann legt er auch seinen gesellschaftlichen Rang, seine Stärke, seine Möglichkeit wegzurennen und seinen Stolz ab. Eben so, als trete er in einen Tempel vor das Heiligtum, wo man aus Ehrfurcht die Schuhe auszieht. Aber da ist ja nur der Dornbusch in der Steppe. Nichts, was Ehrfurcht gebietet, kein besonderer Ort, weder in kultureller noch in ästhetischer, weder in ökonomischer noch in religiöser Hinsicht. Dornbüsche waren für Moses Teil der alltäglichen Umgebung, eher hinderlich als nützlich. Aber in einem entdeckt er ein Feuer, das nicht verbrennt, das seine Aufmerksamkeit weckt. Moses hört nun neu von der Versklavung seines Volkes und damit auch von seiner eigenen verdrängten Not und wie ihm eine wichtige Rolle auf dem Weg der Befreiung zugedacht ist.
Heilungsgeschichte heute
Eine Teilnehmerin erzählte, was sie mit der "weinenden Frau" (eine Bronze-Plastik in Fribourgs Fußgängerzone) erlebt hatte und wie sie in dieser Stadt, in der das Betteln verboten ist und in der ihr auf dem Arbeitsamt erklärt wurde: "Hier finden alle Arbeit; wir haben die Situation im Griff; bei uns gibt es keine Armut...," mit ihren eigenen Erfahrungen konfrontiert wurde. Warum denn darf diese Frau Tag und Nacht weinen, in einer Stadt, in der die Probleme gelöst sind? Wo habe ich selber noch zu weinen, obwohl ich im Alltag mehr als gut funktioniere? Mit diesen Fragen entdeckte sie an den weiteren Tagen, welches ihre eigenen Wunden sind. Mit der Haltung der ausgezogenen Schuhe näherte sie sich dem Bordell, erblickte die Frauen, die meisten Schwarzafrikanerinnen, die sich vor ihr verstecken wollten, nahm ihre Not und ihren Schmerz wahr, von anderen Menschen nicht als Person geachtet zu werden, und dann ihre eigene Wunde, wie sie als Kind selbst in ihrer eigensten Identität verletzt wurde. Ein paar Tage später entdeckte sie in der Kirche Sainte-Thérèse in einer Reliefdarstellung eine Schwarze Madonna. Sie war genauso schön wie die der Gier der Männer ausgelieferten Frauen, sie war eine von ihnen.
Im Begleitgespräch in der Kleingruppe wurde deutlich, dass diese heilende Erfahrung der Solidarität für die Exerzitandin noch deutlicher erlebbar wird, wenn sie sie mit einer Geste zum Ausdruck bringen kann. Am letzten Tag brachte sie an die drei Orte, wo weinen erlaubt war, Rosen. Und diese Tat eröffnete ihr noch einmal eine Überraschung: Wie sollte sie einer Statue eine Rose geben und daneben den Mundharmonikaspieler im Rollstuhl nicht beachten!? Also ließ sie sich von ihrer Betroffenheit leiten, sie schenkte auch dem Mann eine Rose. Er blickte auf und lächelte sie an – mit tränenden Augen. Am letzten Abend sagte diese Frau: "Diese zehn Tage ersparen mir ein Jahr Therapie."
Der Mensch als Sakrament Gottes
Exerzitien auf der Straße können gelingen, wenn jemand bereit ist, sich beschenken zu lassen, wo er/sie sich selbst als BettlerIn erfährt. Dabei braucht es eine gewisse Distanznahme von der eigenen Leistungsmentalität. Gerade wo ich bereit bin, meine eigene spirituelle
>>bereit sein, sich beschenken zu lassen<<
Anstrengung und Disziplin zu relativieren und mich vom Überraschenden im Herz treffen zu lassen, kann das geschehen, was in folgender Geschichte ausgedrückt wird: "Weihnachten schien mir eine gute Gelegenheit, das Kloster jenseits der Zeit aufzusuchen. Am Fuß des Aufstiegs jedoch saß ein blinder Bettler, und als ich näher kam, um ihm ein wenig Geld zu geben, hörte ich ihn wimmern: ‚Wer nimmt mich mit ins Herz Gottes?’ – Unmöglich konnte ich weitergehen. Wer würde ihn ins Herz Gottes mitnehmen? Ich setzte mich ihm gegenüber. Ich nahm seine Hände. ‚Gemeinsam’, sagte ich, ‚gemeinsam werden wir ins Herz Gottes gelangen’."{3}
In dieser Geschichte lässt sich der Mensch in zweifacher Weise als Sakrament Gottes erkennen: Dem spirituell Suchenden wird der blinde Bettler zum Sakrament. In der Offenheit dem Blinden gegenüber findet der Suchende den Weg, den er eigentlich sucht. Umgekehrt wird aber auch er für den Bettler zum Sakrament – nicht weil er einer von außen an ihn herantretenden moralischen Forderung nachkommt, sondern weil er sich von seinem Herzen her in Pflicht genommen weiß. Hier taucht der ursprüngliche Sinn des Wortes sacramentum
>>sacramentum als Engagement<<
als Engagement und heilige Verpflichtung auf, von der Leonardo Boff sagt, dass es zuerst "diese Haltung des Sich-in-die-Pflicht-genommen-Fühlens zum Ausdruck" brachte.{4}
Dieser Herzenspflicht konnte auch die Exerzitandin mit den Rosen folgen, als sie realisierte, dass es gar nicht um eine eigene Leistung geht, sondern schlicht und einfach um die Bereitschaft, sich auf das Geschenk einzulassen, welches ihr in dem Moment gegeben wurde, als sie merkte, wie viel die ganz Anderen mit ihr ihrem Lebensschmerz und ihrer Lebenssehnsucht zu tun haben. Es ist die Offenheit für die mich anrufende Not anderer, die mir einen ganz unvermittelten Zugang zu meiner eigenen – vielleicht seit Jahren verdrängten – Not schenkt. Die Gottesbegegnung schließt meine dunklen Seiten nicht aus, im Gegenteil, oft geschieht sie durch meine Wunden und Narben. Der buddhistische Zen-Lehrer Jack Kornfield erklärt, dass es die Bruchstellen unseres Lebens sind, durch die das Licht hereinkommt.{5} Der Mensch ist gerufen, sich auf einen Wandel dieser Not einzulassen, auch wenn er sie jahrelang verdrängt hat wie Moses, der im Moment der Gottesbegegnung auf seine eigene Entwurzelung und auf die Not seines Volkes aufmerksam wird (Vgl. Ex 2,11-15).
Das Sakrament der Straße
Mit den Sakramenten feiert die Kirche Gottes segnende und heilsame Gegenwart in den Schlüsselmomenten des Lebens. Das Fest als Sakrament ist der privilegierte Moment in dem des Bundes Gottes mit den Menschen gedacht werden kann. Sacramentum heißt ursprünglich auch "Eid", "feierliche Verpflichtung". Das Geheimnis der Zuwendung Gottes zu den Menschen zu feiern heißt, sich an sein/ihr Engagement für die Menschen zu erinnern.{6} Kein
>> Zuwendung Gottes zu den Menschen feiern<<
Wunder, dass die Armen Feste meistens besser feiern können als die Wohlhabenden. Denn gerade sie brauchen die Feste als Erinnerung an die Hoffung auf das ganz Andere. Im Fest, wo alles miteinander geteilt wird, kann sich ihr Traum von der gerechten Welt, in der alle satt werden, nähren. Eindrücklich erinnert Dorothee Sölle an diese pastoralpolitische Grundwahrheit, dass die Armen die Lehrer sind, die uns auf das Leben aufmerksam machen: "Was lehren denn die Armen? Sie warten auf Wunder. [...] Sie brauchen das Wunder, dass Solidarität stärker als die strukturelle Gewalt der Mächtigen ist. Die Armen brauchen nicht Reformen, Hilfsprogramme, Placebos, sondern das Wunder, dessen Kern die Umverteilung ist. Die neue Verteilung der Arbeitszeit, der Einkommen und der Freizeit nach dem Prinzip der Bedürfnisse – das sind Hoffnungen, ohne die die Armen nicht ihre Würde bewahren können."{7} Das Fest ist das Gegenteil der Not. Das deutlichste Merkmal eines wirklichen Festes ist die Fülle, zu welcher auch die Ärmsten eingeladen sind, so dass es weder Reich noch Arm mehr gibt.
Während die sakramentale Dimension von Festen als Erinnerung an die Wunder Gottes in rituelle Formen gekleidet und deshalb an gewohnten Zeichen sichtbar ist, stellt sich die sakramentale Dimension von spontanen, ungeplanten oder auch ganz unscheinbaren Begegnungen oft viel diskreter dar. Denn die Momente der wunderbaren Heilstaten Gottes schreiben sich in die Lebensgeschichte von Menschen und Völkern. Geschichte ist Heilsgeschichte, die in jeder Religion die sakramentale Struktur begründet: Die ganze Welt, alles, was ist und geschieht, ist für diejenigen sakramental, die es als Zeichen für eine größere
>>Die ganze Welt ist sakramental.<<
Wirklichkeit verstehen.{8} Gott überrascht uns im Unerwarteten, dort wo wir es niemals gedacht hätten und vor allem im ganz Anderen, wie bei Mose in einem Dornbusch, wie bei der Exerzitandin am Eingang der Notunterkunft oder wie in der Begegnung mit dem Mundharmonikaspieler im Rollstuhl. Wo wir plötzlich verstehen, dass wir mit einer uns völlig fremden Person viel mehr zu tun haben, als wir das je gedacht hätten, wächst der Sinn der Verbundenheit oder geschieht gar so etwas wie eine Einheitserfahrung, ist Gott da. Oder wie der 1980 in Bolivien ermordete Jesuit und Journalist Luis Espinal sagte: "Warum Gott im Mysterium suchen, wenn er so spürbar im Leben ist? Komm, Herr Jesus. Aber, du bist ja schon gekommen und kommst täglich. Uns fehlt nur, dass wir dich sehen. ... Lass uns dich nicht nur im Kruzifix anblicken, sondern in der Kreuzigung der Menschen in Elendsvierteln und Gefängnissen. … Die Welt ist heilig: die Straße ist übervoll von Christus. Mit Ehrfurcht müssten wir sämtliche Menschenkrümel aufheben, weil du unter ihnen bist, Jesus Christus. Wenn wir das wirklich sehen, ist alles Ekstase."{9}
Internethinweis:
Angebote und Erfahrungsberichte zu Exerzitien auf der Straße:
www.con-spiration.de/exerzitien
Der Artikel ist erschienen in: "Diakonia", Internationale Zeitschrift für die Praxis der Kirche, 36.Jg., Sept 05, 339-343
{1} Vgl. Christian Herwartz SJ, Betend die Wirklichkeit erkennen - Exerzitien auf der Straße, in: Korrespondenz zur Spiritualität der Exerzitien 55. Jg./Heft 89 (2005) 19-25.
{2} Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen, Graz 31988, Nr. 76.
{3} Theophan der Mönch, Das Kloster jenseits der Zeit. Verzauberte Geschichten zwischen Himmel und Erde, Freiburg i.Br. 1997, 7.
{4} Vgl. Leonardo Boff, Kleine Sakramentenlehre, Düsseldorf 1976, 104f.
{5} Vgl. Jack Kornfield, Frag den Buddha und geh den Weg des Herzens, München 1995, 67.
{6} Vgl. Francisco Taborda, Sakramente: Praxis und Fest, Düsseldorf 1988, 98ff.
{7} Dorothee Sölle, Mutanfälle, Hamburg 1993, 159f.
{8} Vgl. Leonardo Boff, Die Kirche als Sakrament im Horizont der Welterfahrung, Paderborn 1972, 123-130.
{9} Luis Espinal, Deine Anwesenheit in der Tiefe des Alltags, in: Antonio Reiser/Paul Gerhard Schoenborn, Sehnsucht nach dem Fest der freien Menschen, Gebete aus Lateinamerika, Wuppertal 1982, 65.
Christian Herwartz
Mitten in der Stadt hörend werden
Gott begegnen - überall
Die Wüste und die Berge sind in unserer jüdisch/christlichen Tradition besondere Orte der Gottesbegegnung. Sie fordern mit ihrer Schönheit zum Staunen und Verkosten heraus. Der Mangel und die oft lebensbedrohlichen Situationen an diesen Orten fördern das eigene Suchen nach den existenziellen Lebensgrundlagen. Hier können wir die Stimmen von Meinungen und oft verletzten Gefühlen in unserem inneren, mitgebrachten Orchester sortieren und offen werden für die häufig überhörte Stimme Gottes in uns.
Mose wird in der Wüste aufgefordert, die Schuhe auszuziehen, als er die Stimme des Lebens aus einem brennenden, aber nicht verbrennenden Dornbusch hörte {1}. Alles Störende sollte er auf dem heiligen Boden der Aufmerksamkeit weglassen und ganz ins Jetzt der Begegnung mit dem immer Anwesenden und Mitgehenden treten. Der anschließende Weg aus der Sklaverei wurde für das Volk zu einem Weg der Reinigung von vorläufigen Gottesvorstellungen. In der Wüste fand es zu seiner Identität im Vertrauen auf den einen Gott.
Ebenso ist das Pilgern nach Jerusalem oder zu einem anderen inspirierenden Ort unserer religiösen Geschichte eine erprobte Weise, nach dem Sinn im Leben zu suchen. Die Wertvorstellungen eines geschäftigen Alltags werden zurückgelassen. Als Hilfe gibt Jesus seinen Jüngern die Anweisung mit auf den Weg, Geld, Vorratstasche und Schuhe zurück zu lassen und sich der Führung Gottes anzuvertrauen, denn die Arbeitenden sind ihres Lohnes wert. Was ist die Arbeit der Pilgernden? Die Jünger sollen den gastgebenden Hausgemeinschaften Frieden bringen. Wird er nicht angenommen, so können sie unbeschwert weitergehen und sogar den Sand an ihren Füßen zurücklassen. Jesus kennt die Gefahren des Pilgerns. Er schickt die Jünger wie Schafe unter Wölfe {2}. Das Pilgern hat ein äußeres und inneres Ziel. Die Ausrichtung darauf hilft im loslassenden Gebet und im Gehen Gott näher zu kommen.
Ostern begann eine neue Etappe des Versteckspiels Gottes mit den Menschen {3}. Wie angekündigt, begegnet uns der Auferstandene in Menschen, die gesellschaftlich an den Rand gedrängt leben: in Hungernden und Dürstenden, in Kranken, Gefangenen, Blinden und Obdachlosen. Jesus hat uns diese Hinweise genannt, damit wir ihn leichter finden {4}. In den Evangelien wird in den ersten Auferstehungsgeschichten von den Jüngerinnen erzählt, wie sie Jesus begegneten als Gärtner in der Nähe des Grabes, im Fremden auf dem Weg nach Emmaus, in der Versammlung der Jünger bei geschlossenen Türen, in Galiläa auf einem Berg und als Grillmeister am See von Tiberias. Die Phantasie Gottes ist unerschöpflich, sich auf originelle Weise an allen Orten der Welt und in jedem Menschen finden zu lassen.
Wahrnehmen mit allen Sinnen
Ähnlich wie in der Stille der Wüste, in der Bergwelt, in einem Kloster oder im Rhythmus des Pilgerns werden wir im Einlassen auf das Versteckspiel Gottes angehalten, Überflüssiges zurück zu lassen. Wir dürfen zu wahrnehmenden Menschen werden, die das "Höre Israel" mit allen ihren Sinnen entdecken {5}. Doch wie können wir mitten in einer lauten Stadtwüste zu Hörenden werden? Was hilft uns, auf die leise Stimme des verborgenen, mitgehenden Gottes in unserer Nähe zu hören? An welchem Ort will Er oder sein Engel uns persönlich begegnen? Ihm ist kein Ort und keine Lebenssituation fremd. Gott ist in ihnen anwesend und sucht uns jetzt in der Gegenwart zu begegnen. Die biblischen Geschichten helfen uns, ihn im Alltäglichen wieder zu erkennen. Sie werden fortgesetzt durch die neuen Begegnungsgeschichten mit dem Lebendigen heute.
Oft hilft uns eine Störung im Alltag, für das gegenwärtige Geschehen aufmerksam zu sein. Unser zielgerichtetes Handeln wird durch eine Krankheit, einen Unfall, ein ungeplantes Gespräch oder das Staunen über eine schöne Melodie oder eine Blume unterbrochen. Plötzlich sehen und fühlen wir eine neue Dimension in unserem Leben. Staunend kann unser Herz zu brennen beginnen und uns leiten, Überraschendes um und in uns zu entdecken. Aber wir brauchen nicht auf einen solchen Eingriff in unser Leben zu warten. Wir können Zeiten der Aufmerksamkeit reservieren und langsam ins intensivere Wahrnehmen eintreten, in dem wir viele Dinge und Gewohnheiten eine Zeitlang beiseite legen und vor allem im Urteilen und in unseren Aktivitäten langsamer werden.
Durch Schule und Beruf sind wir mehr im Vergleichen und Planen eingeübt als im innerlichen und äußerlichen Loslassen dieser Anspannung. Sie beiseite zu legen, ist unser Beitrag in die betende Gegenwart zu treten. Wir selbst oder der Geist Gottes in uns kommuniziert ständig mit unserem Ursprung. In der Stille des Augenblicks wird dieses Gespräch in uns hörbar. Im Jetzt erleben wir die Einheit mit unserer Vergangenheit und Zukunft. Hier kosten und verspüren wir die heilende Gegenwart Gottes, seine ewige Anwesenheit. Grenzen, die uns gewöhnlich wichtig sind, verlieren ihre lebenseinschränkende Härte und der Blick wird frei. Der Kontakt mit Gott führt in die Weite, die wir in der Beziehung zu jedem anderen Menschen und uns selbst finden dürfen. Unser Herz ist geöffnet. Wir sind eingetreten in das Versteckspiel Gottes mit uns.
In die Offenheit treten
In den Exerzitien auf der Straße, wie sie seit einigen Jahren in verschiedenen Städten angeboten werden {6}, wird die hier beschriebene Aufmerksamkeit für einige Stunden oder in 10tägigen Kursen eingeübt. Sie ist neben dem aktiven Loslassen von Aufmerksamkeit bindenden Beschäftigungen das Warten auf die Öffnung des Herzens, auf das Entdecken des inneren Gebetes.
Wir können nach Gott rufen oder auf andere Weise die Versuchungen abwehren, die uns ins Denken zurückrufen und so die Stimme des Herzens überhören lassen. Oft ist es nicht einfach, das schnelle Helfenwollen eine Zeitlang beiseite zu schieben. Widerstand tritt uns entgegen, die für andere Beschäftigungen verlorene Zeit oder das für dies oder jenes Anliegen nützliche Gebet in uns nicht zuzulassen. Oft suchen wir auch im Kontakt mit Gott die Bestätigung unserer Vorstellungen und nicht die Weite und die Barmherzigkeit, die er für uns bereit hält.
Nach einiger Zeit sind wir plötzlich, fast unerwartet, in der Stille und der Langsamkeit, ohne nach dem äußeren Schweigen gesucht haben. Mit Leichtigkeit bekommen wir dieses Geschenk manchmal mitten im Straßenlärm, in einer Menschenmenge oder auf einem einsamen Platz. Dann sind wir bei diesen geistlichen Übungen in unserer alltäglichen Steinwüste angekommen. Wir beginnen ihre Schönheit und eine neue Liebe zur dieser Stadt zu entdecken. Auch ihr Sog vom Leben abzulenken wird uns auf vielfältige Weise deutlich. Dieser Schritt in die Offenheit ist der Ausgangspunkt oder das Fundament für das weitere Suchen. Der Weg des Staunens hat begonnen.
Die damit verbundene Freude ist auch meist nach einigen Tagen auf dem Pilgerweg spürbar: "Ich wollte pilgern und hatte viele Bedenken - jetzt bin ich unterwegs und es ist gut so." Das Ziel des Pilgerns ist noch weit weg. Viele Lebenssituationen können auf dem Weg nochmals vor Gott ausgebreitet werden und Heilung finden, damit sie ohne Schmerzen mitgehen und bei der Ankunft am Ziel mitjubeln können.
Schuhe ausziehen
Bei den Exerzitien auf der Straße gibt es kein räumlich hervorgehobenes Ziel, zu dem sich alle aufmachen können. Straße ist in diesem Zusammenhang ein Symbolwort für den Wunsch unbegrenzt, also überall nach Gott zu suchen. Gott ist in jeder Begegnung, in allen Dingen zu finden, wie Ignatius von Loyola oft gesagt hat {7}. Dieser Satz bestätigt sich auf vielfältige Weise bei jedem Exerzitienkurs auf der Straße ganz persönlich. Häufig finden sich die "Dornbüsche der Anwesenheit Gottes" {8} in der Nähe von gesellschaftlich ausgegrenzten Menschen oder von Lebensbereichen in uns, die wir nicht gerne sehen wollen. Das sind Orte, um die wir im Alltag häufig einen Bogen machen und an denen wir nicht stehen bleiben oder uns gar auf den Boden setzen wollen, zum Beispiel in die Nähe einer Bettlerin.
Die Teilnehmer/innen brechen wie beim Pilgern täglich auf und lassen sich allein von ihren geöffneten Herzen führen. Abends erzählen sie in der Exerzitiengruppe von den Erfahrungen des Tages. Manchmal spüren sie unterwegs an ganz unterschiedlichen Ort in sich eine "Wärme", die sie aufmerksam macht. Ihr Herz wird bewegt. Sie beginnen sich neugierig umzusehen und entdecken vielleicht erst beim abendlichen Erzählen, was sie während der Einsamkeit des Tages innerlich berührt hat. Manchmal bemerken sie Tränen in ihren Augen oder ein anderes Zeichen, das sie auf ihr brennendes Herz aufmerksam macht {9}. Dann wird ihnen in den Exerzitien auf der Straße geraten - ebenso wie Mose vor dem brennenden Dornbusch oder den 72 Jüngern bei ihrer Aussendung {10} - ihre Schuhe auszuziehen. Sie stehen jetzt ungeschützt an dem Ort, der für sie zu einem heiligen Ort werden kann. Das ängstlich-schamvolle Verstecken vor der eigenen Realität wird hier für sie erlebbar. Wenn sie an diesem Ort bleiben oder noch etwas näher treten, dann helfen ihnen die nackten Füße ihres Herzens, dass sie mit all ihren Sinnen zu Hörenden der Stimmen werden, die sie an diesem Ort und in sich selbst wahrnehmen.
Wenn sie die Schuhe der Überheblichkeit, des Vergleichens, des Lauerns auf eine Gefahr, der Gewaltbereitschaft und viele andere abgelegt haben, dann ahnen sie die Freude, die Jesus in der ersten Seligpreisung der Bergpredigt beschrieben hat: "Selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich." {11} Noch eindringlicher in einer neuen Übersetzung: "Selig sind die Armen, denen sogar das Gottvertrauen genommen wurde, denn ihnen gehört Gottes Welt." {12} Ohne die distanzierenden Hindernisse, die sich in dem Symbol der abgelegten Schuhe oder in einer anderen Bloßstellung ausdrücken können, schmelzen alle Hindernisse zwischen Gott und seinem Geschöpf zusammen. Dann wird ein Stück mehr die Einheit mit ihm und seine Barmherzigkeit erlebbar. Die Übenden finden in Ihm keine Spur von Fremdbestimmung, sondern die in sie gelegte Identität. Sie stehen - vor einem Gefängnis, unter Drogenabhängigen oder Obdachlosen, in einer Gedächtnisstätte der Willkür und grausamen Vernichtung von Menschen, vor einer Babyklappe, einem Schutzhaus für Kinder, Frauen oder Ausländer, die aus schwierigen Situationen fliehen mussten, an einem Fluss oder anderswo - mit nackten Füßen und werden zu einem Zeichen der Gewaltlosigkeit. Oft sprechen sie dann Menschen an, die ihnen ihr Leben erzählen oder sie fragen, wonach sie suchen. Nach und nach lernen sie den Auferstandenen zu entdecken, besser auf ihn zu hören und in der Freude des österlichen Versteckspiels zu leben.
Mitten in Versuchungen
Wie in der Wüste warten die Dämonen nicht lange, die Übenden vom Weg der inneren Kommunikation und des Schauens abzudrängen. Menschen, die in die Abgeschiedenheit der Wüste oder eines Klosters gingen, Pilger, aber auch Maler {13} haben davon eindringlich berichtet. Die Ernsthaftigkeit, in Einheit mit dem Leben und damit in Gott zu leben, wird geprüft. Wie Schafe unter Wölfen erfahren wir uns.
In den Exerzitien auf der Straße üben wir das Entdecken Gottes und das Leben in Einheit mit ihm zwischen vielen Symbolen der Sklaverei. Unterschiedliche Strukturen isolieren und vereinsamen die Menschen. An vielen Orten werden wir durch Gebäude oder auf Werbetafeln ermahnt, das Geld anzubeten, sich mit Spielen abzulenken oder uns den Mächtigen nicht zu widersetzen {14}. Die Dämonen täuschen eine Wirklichkeit vor - geradezu wie die optische Täuschung einer Fata Morgana in der Wüste -, die dem Erleben des brennenden Herzen in uns oder dem brennenden, aber nicht verbrennenden Dornbusch widerspricht. Mose hat dieses sehr sprechende Bild der Liebe in der Wüste gesehen. Einzig die Liebe brennt und verbrennt doch nicht {15}.
Dämonen sind kein kritisch nachfragendes Aber. Ihr "ja, aber" schleicht sich unbemerkt als etwas Nagendes und Ablenkendes in unsere Wahrnehmung ein {16}. Es reißt uns aus der geschenkten und vertrauten Naivität des Gebetes heraus. In ihrer Eifersucht wollen Dämonen die entdeckte heilende Barmherzigkeit Gottes in uns beiseite schieben. Oft lassen wir uns lange täuschen. Wenn wir aber die dämonischen Kräfte erkannt haben, diese Wölfe, die die Ängste in uns zum Lodern bringen, dann stehen wir an einer Weggabelung. Welche Richtung werden wir einschlagen? Nehmen wir den Weg der Bedenkenträger oder verächtlichen Zyniker oder den Weg der Armut, des Spottes und der kindlich liebenden Naivität, auf dem wir uns von dem Vertrauen Gottes in uns weiter leiten lassen?
in: Meditation. Zeitschrift für christliche Spiritualität und Lebensgestaltung.
34. Jahrgang Heft 4/2008, Themenheft 'Wüste' (c) Matthias-Grünewald-Verlag der Schwabenverlag AG, Ostfildern, 2008
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{1} Ex 3,1-5
{2} Lk 10,1-11
{3} P. Ringeisen, Auf Gottes Klopfzeichen hören, München 1982, S. 45
{4} Mt 25,31-46
{5} Dt 6,4; Mk 12,29
{6} Zur Geschichte dieser Exerzitienform: Christian Herwartz, Auf nackten Sohlen - Exerzitien auf der Straße, Echter, Würzburg 2006, Aktuelle Informationen und Termine: www.con-spiration.de/exerzitien
{7} Ignatius von Loyola lebte im 16. Jahrhundert und gründete den Jesuitenorden. Seine geistlichen Erfahrungen finden sich in den biographischen Notizen: Der Bericht des Pilgers, Übersetzung von Michael Sievernich, Wiesbaden 2006; seine Anweisungen zur Begleitung von Exerzitien in: Geistliche Übungen, Übersetzung von Peter Knauer, Würzburg 1998
{8} vgl. Dtn 33,16
{9} vgl. Lk 24,32
{10} Lk 10,4; vgl. auch Fußwaschung Jo 13,1-20; Jesus zieht das Obergewand aus
{11} Mt 5,3
{12} Bibel in gerechter Sprache, Gütersloh 3/2007
{13} Auf dem Isenheimer Altar in Colmar stellte Matthias Grünewald Antonius in einem Heer von Dämonen dar
{14} dieVersuchungen Jesu in der Wüste Mt 4,3-10
{15} Christian Herwartz Entdecken der Mysterien des Alltags, in: Wort und Antwort 49 (2008) Aprilheft
{16} Lk 9,59-62
Christian Herwartz Eine neu zu entdeckende Beziehung {*} Zwei unterschiedliche Blickrichtungen: Gläubiges Suchen und diakonisches Handeln
Auf unserem Lebensweg entdecken wir das Angenommensein als Menschen auf ganz unterschiedliche Weise. Wir ahnen langsam die allem zugrunde liegende Freundschaft Gottes zu uns, unter vielen Zweifeln und Gewissheiten. Sie öffnet unser Wahrnehmen für die uns mit allen Menschen verbindende "natürliche" Wirklichkeit. Diese Einheit zu erleben, ist ein von vielen Eingrenzungen befreiendes Geschenk. Trotzdem durchleiden wir Krisen, in denen wir uns begrenzt fühlen und den weiten Blick verlieren auf die in uns angelegte Gemeinsamkeit mit vielen Menschen und letztlich mit Gott. Er selbst ist es, der in uns den Hunger nach Gerechtigkeit und Gemeinschaft erwachen lässt. Auf unterschiedlichen spirituellen Wegen können wir uns Gott zuwenden. Er ermöglicht uns das Überleben und weist uns auf den nahrhaften Boden {1} hin, auf dem wir als bedürftige Menschen wachsen und die Erfahrungen anderer hören können.
Aus Dankbarkeit über die Geschenke auf dem eigenen Lebensweg und angesichts gesellschaftlicher Herausforderungen oder persönlicher Notlagen kommt es zum inneren Handlungsimpuls. Oft wird dazu in kirchlichen Kreisen auf das Gleichnis vom barmherzigen Samariter verwiesen.{2} Ein Mensch ist in Not. Er liegt nach einem Überfall am Wegrand. Ein Vorübergehender wird zum Sehenden; er eilt nicht weiter zum nächsten Termin, sondern kann stehen bleiben. Er wird dem Verletzten zum Nächsten und handelt aus dieser Beziehung heraus. Ähnlich wird dieser Entscheidungsablauf in den ersten Büchern der Bibel, der Tora, beschrieben: Siehst du einen Fremden - und wir können hinzufügen: einen Hilfsbedürftigen - dann erinnere dich, dass du in Ägypten auch ein Fremder warst, und dann handele mit dem erinnerten Gefühl entsprechend der gemeinsamen Geschichte {3}.
Die organisierte Diakonie reagiert nicht nur aus spontanen Gefühlen heraus, sondern hat sich auf Notfälle und Bedürftigkeiten von Menschen eingestellt. Diakonisch arbeitende Menschen haben spezialisierte Ausbildungen durchlaufen und die Gesellschaft stellt Hilfsmittel bereit, damit sie möglichst effektiv handeln können. Die verschiedenen kirchlichen und nichtkirchlichen Organisationen arbeiten zusammen und werden von einem allgemeinethischen Impuls geleitet, der nicht auf spezifisch christliche Werte zurückgreifen muss. Der Diakoniebetrieb ist zu einem Unternehmensbereich geworden, der unter vielerlei Rücksichten mit anderen vergleichbar ist: Das Personalwesen, die Wirtschaftsführung oder die Logistik werden nach ähnlichen Grundsätzen betrieben.
Mitten in aller Geschäftigkeit stehen Menschen in der professionellen oder ehrenamtlichen Diakonie vor Situationen, die sie nach ihrer Ursprungsmotivation suchen lassen:
Zum einen entdecken sie in einem Beratungsgespräch Situationen, die ihnen vorher ganz fremd waren. Die erlernten Fähigkeiten reichen z.B. angesichts der Situation von Flüchtlingen vor der Abschiebung oder bei Opfern von Menschenhandel nicht aus. Neben der Notwendigkeit fachgerechte Hilfe zu suchen ist nun wieder der spontane Bezug zu dem am Rande stehenden Menschen, wie bei dem helfenden Samariter im Evangelium, angefragt.
Viele Situationen aber überfordern und einzelne Lebensschicksale gehen so sehr zu Herzen, dass schmerzhafte Reaktionen einsetzen. Mitarbeitende aus der Diakonie erzählen:
- Wir identifizieren uns zu sehr mit Notleidenden. Die Grenzen verwischen, wir geben unsere Identität, unsere Einmaligkeit, unsere Handlungsfähigkeit auf. Wir werden "gefressen" von den leidenden Menschen. Der Rückgriff auf Techniken und Gelerntes funktioniert nicht mehr. Wir erleben uns ohnmächtig, hoffnungslos und wie ausgehebelt. Das nutzt niemanden und ist eine Nähe, die symbiotisch und keinesfalls mehr als liebevoll zu bezeichnen ist.
- Aus diesem Gefühl der Ohnmacht kann (kann!) die Frage nach dem Warum und Wozu dieses Leidens entstehen. Es ist die Frage nach strukturellen Mächten wie Gesetz, Norm, gesellschaftlichen Konventionen etc. Es ist aber auch die Frage nach dem Menschsein überhaupt: Warum sind wir, wie wir sind? Was ist in uns? Wo ist unser Mittelpunkt? Was ist "des Menschen"?
- Wir grenzen uns sehr scharf ab und ziehen uns auf unser Wissen, unsere Kenntnisse und Fähigkeiten - auch wenn sie nicht ausreichen - zurück. Wir verweigern zuzugeben, dass wir mit unserer Wirkmächtigkeit am Ende sind, machen weiter wie bisher und schieben die "Schuld" für ungenügende Resultate dem Klientel zu. Das Herz wird hart, weil wir aus zuviel Nähe und Belastung durch die leidenden Menschen keinen anderen Weg für das eigene Überleben finden. Diakonisches Handeln wird im Extremfall zum reinen materiellen Broterwerb und damit zu einer erneuten Missachtung und Demütigung der leidenden Menschen. So zu reagieren ist ein Schutzmechanismus, der oft dazu führt, dass Menschen von einer Einrichtung in die nächste wandern müssen.
- Dieses Verhalten löst anschließend oft un- oder vorbewusst ein schlechtes Gewissen aus. Wenn wir es zulassen und dem nachgehen, können nach dem Eingeständnis der eigenen Begrenztheit die Fragen nach dem Warum und Wozu des Leidens, nach den Ursachen für die verfahrene Situation der Klienten entstehen. Dann können wir Wut und Schmerz auch über ungerechte gesellschaftliche Situationen in den Blick nehmen, die Menschen so einpressen und ihre Würde so missachten, die zerstörerische Dynamiken in Familien und Gruppen in Gang bringen, unter denen vor allem die Schwächsten leiden und die ihre Lebensperspektiven drastisch schmälern.
- Sowohl die Überidentifizierung mit ihrem Ohnmachtserleben als auch die gespürte Herzenshärte können uns zu intensiven Fragen nach dem Sinn des eigenen Handelns führen. Unsere Ursprungsmotivation wird erinnert und muss vertieft werden, damit wir auf die Dauer nicht Schaden nehmen an Leib und Seele. Dieser Prozess (nicht erst das Ergebnis!) hat jenseits der erlernten Techniken und Fähigkeiten unmittelbare Auswirkungen auf die Menschen, mit denen wir arbeiten. Diese Auswirkungen sind sprachlich kaum fassbar. Sie positionieren uns "anderswo" mitten im Geschehen. Und viele der KlientInnen spüren das und partizipieren unmittelbar daran - auch jenseits der Worte.
Der Rückgriff auf den eigenen handlungsorientierenden Glauben wird in solchen Krisensituationen gesucht. Ähnlich wie durch eine Krankheit werden wir in unserem routinierten Tun angehalten. Solch eine Störung des Alltags kann der Anstoß sein, schon lange anstehende Fragen zu stellen oder bewusst eine stille Zeit einzulegen. Dann überschreiten wir eine Schwelle und befinden uns in einem Lebensbereich, der außerhalb unseres zielgerichteten Handelns liegt. Wir suchen nach Orientierung in einem neuen Umfeld.
Spirituelle Wege wollen Menschen für das Leben und letztlich Gott gegenüber öffnen, damit sie ihn leichter in seinem Dasein und Handeln wahrnehmen. Rabbiner Yehuda Teichtal erzählt von seinen chassidischen Lehrern: Gott klopft an und wir bemerken, dass er unter uns wohnt; er ist zu Gast in seiner eigenen Schöpfung und wir dürfen ihm hier ein Zuhause geben. Die Einheit mit Gott sieht er in der inneren Seite des Menschen, in der Gemeinsamkeit aller Seelen, die Gott ist. Wir sind durch die unbegrenzte Phantasie Gottes alle mit unterschiedlichen Gaben und Verantwortlichkeiten ausgestattet und beherbergen doch in unserem Inneren alle denselben Gott {4}. Das Leben aus derselben Wurzel und der weiter andauernden Schöpfungsliebe Gottes ist also ein Loslassen oder ein Armwerden voreinander. Sie ist nur in Freiheit erfahrbar. Auf den unterschiedlichen spirituellen Wegen können wir uns dem Wahrnehmen und der Gewissheit nähern, dass Fremd- und Eigenliebe zusammenfallen, ohne dass die unterschiedlichen, ganz eigenen Blickwinkel sich verwischen. Die Gesprächsfähigkeit wächst und Übergriffe auf die Freiheit des anderen können abgewehrt werden.
Da wir im Leben oft von Handlungs- und Abwehrimpulsen überflutet werden, kennen alle spirituellen Wege einen Aktivitätsvorbehalt und suchen das Schweigen. Darin entfernen wir uns von der - oft auch unser Inneres ergreifenden - Hektik oder Fremdbestimmung des Alltags und bereiten uns auf das Hören vor. Die Aufforderung "Höre Israel!" {5} umschreibt die Grundhaltung einer gottgläubigen Spiritualität. Sie ist Unterbrechung aller Aktivitäten, auch eines diakonischen Handelns.
Nach seiner Taufe wird Jesus in die Wüste geführt. Gleich in der ersten Versuchung wird er zu einem helfenden Handeln aufgefordert. Er soll Steine in Brot wandeln. Keiner soll mehr Hunger leiden. Jesus lehnt diese auf das Materielle beschränkte Versorgungsbitte ab: "Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt." {6} Drastisch, ohne Verurteilung, stellt Jesus den damit verbundene Konflikt im Gleichnis vom barmherzigen Samariter dar: Ein Priester und ein Levit kamen an einem ausgeraubten und verletzten Menschen vorbei und gingen vorüber. Sie wollten Gott im Tempel anbeten {7}. Zum handelnden Nächsten wird ein bei den Juden nicht gut angesehener Fremder, ein Samariter. Wir sind über die Blindheit gegenüber dem Nächsten empört und sehen den Verwundeten, dem nicht geholfen wird. Wir sind schnell bereit, die Gottesdienstbesucher, Meditierenden, spirituell Sensiblen zu verurteilen. Sie wenden sich bewusst von ihrer helfenden Aufmerksamkeit ab. Wir sehen uns auf der Seite der Propheten, die gegen heuchlerische Gottesdienste wettern und den Dienst an Witwen und Waisen einfordern, die darüber vergessen wurden {8}. Das Vorbeigehen der beiden, die zum Gottesdienst eilen, ist für uns enttäuschend. In der Geschichte sehen wir auch uns selbst mit unserer eingeschränkten Wahrnehmung und unserer verlorenen spontanen Entscheidungsfähigkeit.
Jesus selbst erzählt ohne Verurteilung. Dies wird besonders deutlich, wenn wir die Geschichte vom barmherzigen Samariter zusammen mit der im Lukasevangelium folgenden Erzählung von der Gastfreundschaft der beiden Schwestern, Martha und Maria, lesen {9}: Martha bereitet das Essen in der Küche und Maria hört dem Gast zu; sie schenkt Jesus ihre Hochachtung. Das Verhalten der Schwestern wird häufig spiegelverkehrt zu der vorigen Erzählung bewertet. Wir sind bereit Marthas Geschäftigkeit beim Bedienen abzuwerten und Marias Haltung als vorbildlich anzusehen. Aber auch diese Geschichte will nicht bewerten. Beide Haltungen der Frauen stehen gleichberechtigt nebeneinander. Weder wird das Zuhören als Faulheit bewertet, noch weist Jesus das materielle Handeln ab. Er achtet beide. Beides gehört in der Gastfreundschaft zusammen. Wenn wir die Geschichten zusammen betrachten, wird deutlich: Die Aktivität darf nicht so dominieren, dass sie ständig unsere ganze Aufmerksamkeit aufsaugt. Die spirituelle Offenheit Gott gegenüber und der diakonische Handlungsimpuls auf unseren Mitmenschen zu, in dem wir ja auch Gott begegnen, sind eigenständige, nebeneinander stehende Lebensaspekte. Sie sind aufeinander bezogen. Benedikt hat sie in der Mönchsregel mit einem "und" verbunden: Bete und arbeite!
Der Weg der Arbeiterpriester
Während des Zweiten Weltkrieges waren französische Priester in der nachgehenden Seelsorge ihrer Landsleute gezwungen, sich selbst nach Deutschland als Arbeiter anwerben zu lassen. Die dort gemachten Erfahrungen - verdichtet durch die ständige Gefahr entdeckt und in ein Konzentrationslager abtransportiert zu werden - trugen nach dem Krieg dazu bei, dass einige von ihnen weiter in Frankreich eine manuelle Arbeit suchten. Die Solidarität mit ihren Kollegen und der Schmerz über den gesellschaftlichen Graben zwischen bürgerlichen Schichten und dem breiten Volk standen im Vordergrund. In der Arbeiterklasse gab es Menschen, die sich um der größeren Gerechtigkeit willen in Parteien und Gewerkschaften organisiert hatten und oft mutig für eine gerechtere Welt kämpften.
Der Wechsel vom seelsorglichen und auch diakonischen "Für" (pour) Bedrängte da zu sein zum "Mit" (avec) ihnen zu arbeiten - also das Teilen der Lebensumstände, das Entdecken der Gemeinsamkeit untereinander und der solidarischen Anstrengungen zur Überwindung von Unrecht - ist zum Schlagwort geworden. Für Menschen barmherzig da zu sein wurde nicht überflüssig, doch der Hunger nach Gerechtigkeit stand im Glauben und Handeln wieder im Mittelpunkt. Das zentrale Geschenk dieses Seitenwechsels war für mich die Neuentdeckung des christlichen Schlüsselbegriffes: Menschwerdung. Das beschriebene Engagement ist ein spezielles Nachgehen der Menschwerdung Gottes in Jesus, der mit uns bis in den Tod hinein unser Leben solidarisch teilte {10}. Gott ist in ihm mit uns ein Fleisch {11} geworden, so dass wir in der Einheit mit ihm Geschwister sind {12}.
Die Freundschaft Jesu haben viele Arbeiterpriester in den romanischen Ländern, besonders nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 - 1965), durch ihre Kollegen und Kolleginnen erfahren und viele andere in Europa und weltweit {13} sind einen ähnlichen spirituellen Weg gegangen, der sich deutlich von einem betreuenden Verhalten absetzt. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sind zwei unterschiedliche Eigenschaften Gottes, die wir auch in uns vorfinden und nicht gegenseitig ausspielen dürfen. Jesus bezieht sich in seiner Antrittspredigt in Nazareth {14} auf die Wiedereinführung des Jubeljahres, in dem Gerechtigkeit, also Gleichheit vor Gott und untereinander, wieder hergestellt wird. In den Gesetzestexten zum Jubeljahr wird darauf hingewiesen, dass es auch nach der Wiedereinsetzung der Gleichheit Situationen gibt, die unsere Barmherzigkeit herausfordern {15}.
Das kämpferische soziale Klima der Arbeiterbewegung schuf für das barmherzig diakonische Handeln einen neuen Kontext. In vielen Menschen ist der Hunger nach Veränderung aufgebrochen und sie gingen einen gemeinsamen Weg. Auch Unfallopfer, Kranke und andere Hilfsbedürftige gehören zu dieser kämpfenden Gemeinschaft. Manches konnte rechtlich erreicht werden und steht doch wieder infrage. Neue Schwierigkeiten sind aufgetaucht.
In welchem gesellschaftlichen Aufbruch und spirituellen Visionen kann sich diakonisches Handeln heute verorten, damit es nicht zu einer entwürdigenden, von den lebendigen Gemeinschaften losgelösten Betreuung am Rande oder geradezu außerhalb der kommunizierenden Gesellschaft wird?
Exerzitien auf der Straße
Spirituelle Wege sind Wege der Herzen. Keiner kann sie erdenken. Sie sind offensichtlich unplanbare Geschenke.
Durch einige Menschen wurden uns in Berlin Zeiten der Aufmerksamkeit mitten in der Stadt geschenkt. Wir, eine kleine Gruppe "Ordensleute gegen Ausgrenzung", nennen die daraus entstandenen Kurse: Exerzitien auf der Straße. Es handelt sich um Übungen im offenen Raum der Straße {16}. Sie beginnen für die meisten Teilnehmer/innen mit der Frage nach ihrem oft wiederkehrenden Ärger oder ihrer Traurigkeit. In ihnen spiegelt sich ihre persönliche Sehnsucht; ihr Wunsch nach einer eigenen oder einer gesellschaftlichen Änderung wird in den Gefühlen der Wut oder Traurigkeit greifbar. In ihnen wird deutlich, was sich ändern soll. Die Sehnsucht ist ein Aspekt unserer Würde und zentraler Handlungsimpuls. Wenn wir ihr folgen, dann spüren wir unsere Einmaligkeit und ahnen etwas von dem Schöpfer, der sie uns geschenkt hat. Gott vertraute uns in unserer Sehnsucht einen Aspekt von sich selbst an. Wir können ihn über diesen zentralen persönlichen Wunsch ansprechen.
Leiden wir an dem achtlosen oder hochmütigen Übersehen von Menschen, dann könnte sein Name für uns lauten: Du Gott, der Du mich schön ansiehst. Wenn wir im Gebet merken, dass diese Worte eine für uns angemessene Anrede sind, beginnt darüber vielleicht die Kommunikation mit dem Ursprung unseres Lebens. Wir können üben, uns von ihm in seiner Liebe schön ansehen zu lassen und dies auch bei anderen tun {17}.
Wenn die Teilnehmer/innen in der Kommunikation mit dem Fundament ihres Lebens, wie immer sie es auch umschreiben mögen, Kontakt gefunden und den Alltag zurückgelassen haben, dann erzählen wir ihnen einen kleinen Abschnitt aus der Geschichte von Mose {18}: Mose hütet die Ziegen und Schafe seines Schwiegervaters Jetro. Eines Tages treib er die Tiere über die Steppe, wo sie Futter finden konnten, hinaus in die Wüste an den Berg Horeb. Dort sieht er einen Dornbusch brennen, der aber nicht verbrennt. Mose will sich dieses Schauspiel ansehen. Auf dem Weg sagt ihm eine Stimme, er stehe auf heiligem Boden und er solle deshalb seine Schuhe ausziehen.
Mit dieser über 3000 Jahre alten Geschichte schicken wir die Teilnehmer/innen los, den persönlichen Ort zu entdecken, an dem sie ähnlich wie Mose neugierig werden und den sie näher betrachten wollen. Wir raten ihnen in angemessener Entfernung ihre Schuhe auszuziehen und auch andere Aspekte der Distanz zur Wirklichkeit, wie Vorurteile, beiseite zu legen. Wir laden sie wie bei jeder Meditation ein ins Jetzt zu treten. Dann ist es gut, die Schuhe des Weglaufens z.B. in der Warteschlange vor einer Suppenküche beiseite zu stellen oder die hochhackigen Schuhe, sich als jemand besseres anzusehen, wenn er oder sie mit einem obdachlosen oder drogenkranken Menschen auf einer Bank sitzt.
Der kratzige, brennende und nicht verbrennende Dornbusch, den Mose gesehen hat, kann für den einen eine unversöhnte Situation in seiner Geschichte oder seines Volkes, für eine andere das Erinnern an eine notwendige, doch schon lange rausgeschobene Entscheidung sein. Wir laden die Teilnehmer/innen ein, Gott da zu suchen, wo er auf sie wartet, ganz gleich, ob es auf einem Kinderspielplatz ist, vor einem Gefängnis, in einem Krankenhaus, auf einem Friedhof oder an einem Gedenkstein für ermordete kranke Menschen im III. Reich. Wenn sie sich, von ihren Herzen geführt, dort ganz in die Realität stellen, ihre Schuhe und andere Sicherheiten ablegen {19}, werden die inneren Mauern kleiner und es beginnt eine Zeit des Wahrnehmens, des Hörens. Oft tauchen zuerst schon lang bekannte Geschichten auf: Mose hörte am Anfang von der Unterdrückung seines Volkes, die er kannte. Von dort war er geflohen, nachdem er einen Aufseher erschlagen hatte. Nun sollte er in diese schon lange zurückliegende Situation zurückgehen. Er bekam Angst und viele Ausreden fielen ihm ein. Uns geht es oft ähnlich, dass wir in solchen Situationen der Offenheit durch einen Wald der Angst gehen müssen und uns viele Gründe einfallen um auf die innere Stimme der Ermutigung nicht zu hören. Manches in uns muss erst heilen. Dann finden wir Selbstachtung und lernen auch vor der Anwesenheit Gottes in uns selbst die Schuhe der Distanz auszuziehen.
In den Exerzitien auf der Straße gehen die Menschen ganz unterschiedliche Wege. Abends erzählen alle ihre Geschichten des Suchens nach der Anwesenheit Gottes. Manchmal hören wir neue biblische Geschichten des Auferstandenen. Fast unbemerkt werden die Tage zu einem Weg der Nähe zu den Menschen, denen die Teilnehmer/innen vorher nicht über den Weg trauten oder vor denen sie sich geekelt haben. Sie werden zu Geschwistern, wie Jesus verheißen hat {20}.
An den Abenden bieten die Begleitenden vor der folgenden Erzählrunde einen Gottesdienst an. Gegen Ende der Exerzitientage wird dabei meist der Text aus dem Johannesevangelium von der Fußwaschung Jesu {21} gelesen und anschließend folgen wir der Weisung Jesu, uns gegenseitig die Füße zu waschen. Bei dieser Handlung entdecken wir besonders leicht den heiligen Boden unter uns, auf dem wir nun schon geübt aus Respekt die Schuhe ablegen. Wir spüren leichter die Realität in und um uns und werden zu aufmerksam Hörenden.
Erfahrungen werden zum Maßstab eigenen Handelns
Alle Evangelisten berichten von dem Abschiedsabend Jesu mit seinen Jüngern. Er feierte mit ihnen das Paschafest, bei dem die Erinnerung an die Befreiung unter Gottes Führung aus der Sklaverei in Ägypten lebendig wird. Jesus stellt sich neu in die Geschichte seines Volkes und bekräftigt sein Ja zur Weisung Gottes. Wieder isst er mit Zöllnern und Sündern. Diese Offenheit Jesu ist eine Grenzverletzung, die am nächsten Tag seine Verurteilung durch die Machthabenden zur Folge hat. Sie müssen auf die Grenzen des Erlaubten achten, die zum Wohl des ganzen Volkes errichtet wurden. Ihre eigene Macht steht mit auf dem Spiel. Jesus ist zum Störfaktor geworden und bekennt sich beim Abschiedsmahl zu seinem geschwisterlichen, grenzüberschreitenden Verhalten. Auch die erwartete Tischordnung wird umgeworfen und Jesus begegnet uns als Tischdiener {22}. Außerdem weist Jesus die Entscheidungsstrukturen zurück, wie sie in allen Gesellschaften praktiziert werden: "Die Könige der Welt unterdrücken ihre Völker und die Tyrannen lassen sich Wohltäter des Volkes nennen. Bei euch muss es anders sein!"
Jesus hat die Menschen über alle gesellschaftlichen Grenzen hinweg eingeladen, sich gegenseitig zu achten und miteinander zu essen. Diese frohe Botschaft stellt - wie wir in der Geschichte immer wieder neu erleben - für alle menschlichen Ordnungen die Gefahr dar, dass ihre Ausschlusskriterien hinterfragt werden. Jesus lädt zu dieser Freiheit vor dem Gesetz ein und bestärkt gleichzeitig entschieden das Gesetz zum Schutz der Schwachen. Dazu gehört für ihn auch, sich lieber mit ihnen von den Herrschenden "im Namen des Gesetzes" ausgrenzen zu lassen, als die Verbundenheit mit ihnen- gar um des eigenen Vorteils willen - aufzukündigen.
Ebenso der Evangelist Johannes, der das Mahl nur beiläufig erwähnt, "zeigt Jesus als Tischdiener für die Jünger. Dabei bringt er die beiden Themen Diakonia und Freundschaft in eine neue Beziehung", stellt Margareta Gruber fest {23}. Johannes fasst den Sinn dieser exemplarischen Zeichenhandlung auch in einer Ermahnung zusammen: "Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe. Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage." {24}
Jesus hat die Freundschaft von Menschen angenommen, die ihm in Notlagen vertrauten, ihm mit ihren Tränen die Füße wuschen und sie salbten. Nun zieht er in seiner bedrückenden Lage vor den Jüngern sein Obergewand aus, so wie Mose vor der Anwesenheit Gottes im Dornbusch die Schuhe auszog. Jesus legt symbolisch jeden Schutz ab und wird verletzlich. Die Jünger dürfen seine Freundschaft nochmals erfahren um aus diesem Erleben heraus zu handeln. Sie erleben das Feuer aus dem Dornbusch in ihrer Mitte, das brennt und nicht verbrennt. Am nächsten Tag wird es noch greifbarer, als Soldaten Jesus zum Spott eine Dornenkrone aufsetzen. Mitten in diesem kleinen Dornbusch wird die Gegenwart des mitgehenden Gottes unter uns sichtbar. Nun können wir den Namen Gottes neu aussprechen. Der Gekreuzigte steht uns gegenüber, den wir später als den Auferstandenen unter uns entdecken dürfen.
Das Annehmen der Freundschaft Jesu - die Erfahrung der Teilhabe an seinem Leben und aller anderen Menschen - wird zur Voraussetzung um aus seinem Geist zu handeln. Petrus wehrt sich spontan gegen diese grenzüberschreitende Rollenverkehrung zwischen Meister und Schüler {25}. Diesem Verhalten gegenüber erzählt Johannes von Maria, die sich in das Heilsgeschehen wortlos mit hineinnehmen lässt und Jesus mit kostbarem Öl die Füße salbt und sie mit ihren Haaren trocknet {26}. Sie ist eingetreten in die Gegenseitigkeit der Beziehung, in der Jesus Anteil gewährt an seiner Liebe zum Vater und auf Antwort hofft.
Das prophetische Nein, der Einsatz für Glaube und Gerechtigkeit, alles diakonische Handeln, welches in der dankbaren Annahme der Freundschaft Gottes seinen Grund hat und sich aus diesem Erleben heraus erneuert, befindet sich wohl in der Nachfolge Jesu. Auch Spiritualität, die sich dieser Freundschaft verpflichtet weiß, wird sich durch Barmherzigkeit auszeichnen und den Mut aufbringen, nach der inneren Einheit mit Gott zu suchen und daraus zu handeln.
Schlussüberlegungen
Das liebevolle Sehen, also eine spirituelle Offenheit für die Impulse im sozialen Kontext, ist ein innerer Anstoß für diakonisches Handeln. Die in der Praxis erfahrene Wirklichkeit fordert außerdem neu zum staunenden Sehen heraus. Wir werden überwältigt von Menschen in Notlagen und auch vom Großmut vieler Helfenden. Dann bemerken wir, wie wir zu einer großen Familie gehören.
Mitten in dieser Freude stoßen wir aber auch auf eine innere Einsamkeit, auf unser unzureichendes Handeln und damit wohl auf unseren Hunger nach Gemeinsamkeit mit dem Ursprung des Lebens, nach Gott. Wollen wir uns dieser Quelle des Lebens öffnen, dann sollten wir unsere Schuhe und alle Nützlichkeitserwägungen ablegen. Wir werden Gott oft als Störung in unseren zielgerichteten Lebensentwürfen erfahren. Seine in uns tief verankerten Befreiungshoffnungen erscheinen uns zuerst als Überforderungen. Mose sollte sein Volk aus der Sklaverei in die Freiheit führen. Unvorstellbar. Gott traut uns die Einheit mit sich zu und hofft, dass wir aus dieser Gemeinsamkeit leben und ihn in seinem Eingreifen nicht behindern. Ein erster Schritt: Wir könnten lernen, sein Handeln an uns anzunehmen.
Diese Erfahrung öffnet uns dann für den Menschen in uns, der in der Freude lebt, wie sie am Anfang der Bergpredigt in den Seligpreisungen beschrieben wird: dieser Mensch, der in Einheit mit Gott arm lebt, der sich trösten lässt und auf Gewalt verzichtet, der hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, der barmherzig und ohne Hintergedanken handelt. In dieser Freude werden wir wie Jesus zum Friedensstifter, der die Verfolgung lieber auf sich nahm, als seine Offenheit und sein Handeln zu verraten {27}.
Artikel erscheint in der Kongressdokumentation "Kirchen gegen Armut und Ausgrenzung"
Anmerkungen
{1} Mt,13,23
{2} Lk 10,29-37
{3} Lev 19,33-36
{4} Auslegung von "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (Leviticus 19,18) durch Rabbiner Yehuda Teichtal in der Kath. Akademie Berlin am 7.4.08. Vgl. Mt 22,39
{5} Dt 6,4
{6} Mt 4,4
{7} Lk 10,31-32
{8} Jes 1,10-17; Jer 7,1-11
{9} Lk 10,38-42
{10} Phil 2,6-11
{11} in ihm sind wir neu gezeugt und dadurch Kinder/Erben Gottes: Röm 8,17
{12} Mk 3,34; Mt 19,29
{13} In den USA nennen sie sich "tent maker" (Zeltmacher) in Erinnerung an den Beruf von Paulus (Apg 18,3), der seinen Lebensunterhalt mit den eigenen Händen verdiente. Vgl. 2 Kor 11,7-12; 12,13-18. In Deutschland wird die Gruppe Arbeitergeschwister genannt, weil sich in ihr Frauen und Männer aus unterschiedlichen Kirchen in diesem Geist vereinigt haben, die gesellschaftliche Grenze zwischen akademischen und manuellen Arbeiten zu überschreiten. Literatur: Albert Koolen/Veit Straßner: Leben im Schatten von Kirche und Gesellschaft: Arbeiterpriester in Frankreich und Deutschland, in: Theologie der Gegenwart, 47 (2004) 2, S. 101-115; Thomas Schmidt/Veit Straßner: Von der Mission zur Suche nach dem Reich Gottes. Zur Geschichte und Zukunft der Arbeiterpriester-Bewegung, in: Henriette Crüwell/Tobias Jakobi/Matthias Möhring-Hesse (Hrsg.): Arbeit, Arbeit der Kirche und Kirche der Arbeit. Beiträge zur christlichen Sozialethik der Erwerbsarbeit. Festschrift zum 68. Geburtstag von Friedhelm Hengsbach SJ [= Studien zur christlichen Gesellschaftsethik], Münster: LIT-Verlag 2005, S. 249-263; Veit Straßner Die Arbeiterpriester: Geschichte und Entwicklungstendenzen, Frankfurt 2005 in: www.sankt-georgen.de/nbi/pdf/fagsf/FAgsF%2043_mit%20Titel.pdf
{14} Lk 4,17-21
{15} Lev 25
{16} Zur Entstehungsgeschichte: Christian Herwartz, Auf nackten Sohlen - Exerzitien auf der Straße, Würzburg 2006; Christian Herwartz, Betend die Wirklichkeit erkennen - Exerzitien auf der Straße, in Korrespondenz zur Spiritualität der Exerzitien 55 (2005) Heft 89 19 - 25; Berichte und aktuelle Nachrichten: www.con-spiration.de/exerzitien
{17} Christian Herwartz, Entdecken der Mysterien des Alltags in: Wort und Antwort 49 (2008) Heft 2
{18} Ex 3,1-15
{19} Jesus zählt die behindernden Dinge exemplarisch auf, als er die 72 Jünger aussendet: Lk 10,4; vgl. auch Christian Herwartz, Mitten in der Stadt hörend werden, in Meditation, Zeitschrift für christliche Spiritualität und Lebensgestaltung. 34 (2008) Heft 4
{20} Mk 10,30
{21} Jo 13,1-15
{22} Lk 22,24-27
{23} Margareta Gruber, Freundschaft als Lebensform. Zur jesuanischen Fundierung einer Gestalt von Nachfolge, in: Margareta Gruber, Stefan Kiechle (Hg.) Gottesfreundschaft. Ordensleben heute denken, Würzburg 2007, S. 128
{24} Jo 15,12-14
{25} dito S. 129
{26} Jo 12,3, vgl. Lk 7,36-50
{27} Mt 5,3-12
{*} Kirchen gegen Armut und Ausgrenzung; Kongress vom 6. bis 8. März 2008 in Heidelberg
Workshop 1: Diakonie und Spiritualität, Beispiele gelebter Spiritualität
Moderation: Pfrin. Marita Lersner, ev. Kirche, Berlin, Christian Herwartz, S.J., Berlin
"Wer in Christus eintaucht, taucht bei den Armen auf" - Warum geschieht das nicht immer?
Lernen, äußere und innere Wege zu gehen
Staunend sehen wir einem Kind zu, wenn es Laufen übt. Immer wieder fällt es, aber es stellt sich neu auf und wird sicherer. Wir kennen alle den inneren Impuls, etwas lernen zu wollen. Auch wenn wir müde werden, begleitet uns weiter der Hunger nach einer größeren Fertigkeit oder einem besseren Wissen. Alte Vorstellungen müssen beiseite gelegt, ja, oft gegen viele Widerstände überwunden werden.
Auf dem Weg des Lernens finden wir Vorbilder, an denen wir uns nachahmend orientieren. Wir sehen bei ihnen etwas, das wir uns aneignen wollen. Anfangs lernen wir dabei eher äußerlich: eine Turnübung, das Erkennen von Zahlenfolgen oder bescheiden zu leben. Wir ahmen etwas nach, wir kopieren das, was wir für erstrebenswert halten. Auch wenn wir später über einzelne Schritte auf unserem Weg schmunzeln, so waren sie doch Etappen unseres Suchens nach dem eigenen Leben. Dem sind wir jeweils näher gekommen, wenn uns mitten im Nachahmen ein inneres Lernen geschenkt wurde. Dieses Entdecken und Staunen ist ein Verkosten der inneren Zusammenhänge. Zuerst bemerken wir vielleicht einen Gedankenblitz, ein ahnendes Weinen oder eine "unbegründete" Fröhlichkeit. Die Tür ist geöffnet, durch die wir gehen dürfen. Diese Momente erleben wir als Sternstunden des Lebens.
Die eigene Armut entdecken.
Auf dem Weg des Lernens stoßen wir häufig auf unser Unvermögen. Wir fühlen uns steif, begriffsstutzig, wenig begabt oder benachteiligt. Manchmal bleiben wir im stillen Jammern hängen und können uns kaum gegen die aufkommende Wut in uns wehren. Über Schuldzuweisungen oder Vergleiche mit den Bevorzugten geraten wir immer tiefer in den Keller unserer Gefühle. Keiner kennt unsere Armut besser als wir selbst. Meist verdecken wir sie schnell wieder, da wir uns ihrer schämen.
Jesus lädt uns ein, unsere Armut nicht zu verstecken, sondern sie auszusprechen. Die Hilfesuchenden fragt er: "Was wollt ihr?" (Mt 20,32; Jo 5,5) Er ist gekommen, denn "nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken." (Lk 5,31) Doch bis zu diesem einfachen Schritt in die Offenheit stoßen wir auf viele innere Widerstände. Oft wollen wir im Schein der Wirklichkeit, im äußeren Glanz bleiben, in dem wir eingeübt sind. Wir haben lange Verhaltensweisen nachgeahmt, die wir für anerkannt hielten. Wir sehen den gesellschaftlichen Umgang mit Menschen, deren Armut sichtbar ist. Das erschreckt uns.
Jesus hat seine Armut nicht verborgen. Doch ihn haben wir trotz seines oft unmöglichen Verhaltens gegenüber den anerkannten Menschen in seiner Gesellschaft, wie Schriftgelehrte oder Pharisäer, und seiner materiellen Armut auf einen inneren Sockel gesetzt, damit er viel größer ist, als wir uns selbst wahrnehmen. Jesus lädt dazu ein, uns nicht zu verbergen, sondern uns von ihm und der Gesellschaft ansehen zu lassen. Unsere Armut wird dann zur Chance. Das Gefängnis des Nichtkönnens wird aufgebrochen und wir lernen Schritte in einer wachsenden Freiheit zu gehen. Diese Lebenswende wird allen angeboten, doch keiner kann in jedem Moment danach greifen. Oft bleiben wir trotzig jammernd in der Gefängniszelle sitzen, obwohl die Tür entriegelt ist oder sogar schon offen steht. Die Zelle wird dann geradezu als Hotel wahrgenommen und die erhoffte Freiheit wird zurückgewiesen. Das Unbehagen, in der eigenen Armut gesehen zu werden, blockiert unser Leben. Sie wird in den ersten Texten der Bibel beschrieben: Adam und Eva hatten Angst, dass Gott sie in ihrer Nacktheit sieht (Gen 3,10).
Wenn wir uns in unserem Unvermögen und in unseren außergewöhnlichen Lebenslagen selbst liebevoll ansehen und von anderen ansehen lassen, dann ergreifen wir eine große Chance auf dem Weg zum Leben. Wir können die Einheit mit vielen Menschen und mit Gott entdecken lernen. Manche Schritte auf diesem Weg fallen leichter, wie das Bett bei einem Fieberanfall zu hüten oder im Krankenhaus nach einem Sportunfall zu liegen. Wir spüren die Gemeinsamkeit mit anderen und hoffen auf Heilung. Andere Krankheiten oder soziales Fehlverhalten führen zu gesellschaftlicher Ächtung. Sich mit ihnen zu zeigen, kommt einem coming out gleich, wie es Menschen durchlaufen, die sich nicht heterosexuell angezogen fühlen.
Jesus lädt dazu ein, uns in dieser vorbehaltslosen Weise gegenüber Menschen des Vertrauens zu öffnen. Doch dieser Schritt hinaus aus den unterschiedlichen Verstecken, diesen Gräbern mitten im Alltag, in denen wir häufig gut funktionieren, ist sehr von Angst besetzt. Der angesehene Pharisäer Nikodemus konnte nur nachts zu Jesus kommen (Jo 3,1). Dieser erste Schritt noch im Verborgenen ist der Anfang auf einem vielleicht langen Weg des Vertrauens.
Das Zeigen der Armut, das eigene coming out, kann nicht verordnet werden. Aber Jesus bittet darum, weil dieser Schritt in die Barmherzigkeit Gottes entscheidend ist. Wenn wir sie erfahren haben, dann können wir sie auch anderen erweisen. Am barmherzigen Handeln können wir spirituelle Menschen erkennen. Ihre Klarheit und Gerechtigkeit verliert diesen Boden der Barmherzigkeit nicht, auf den wir mit unserer Armut auch angewiesen sind. Auf ihm kann unser Jammern verstummen, weil wir uns angenommen wissen. Auf ihm wissen wir um die Grenzen des Denkens und fühlen unseren Atem und unser Herz, das ohne jedes Vergleichen mit anderen das uns geschenkte Leben spürt.
Wenn wir uns ganz in unserer Armut ansehen lassen, dann gehen wir weiter auf dem Weg des Lebens auch mit Jesus, dessen Leiden besonders am Kreuz für alle sichtbar wurde. Nach und nach werden unsere Augen für das Leid und die Freuden anderer Menschen geöffnet und wir können mit unseren Talenten in der Einheit mit ihnen wachsen. Auf dem Weg des inneren Lernens warten wir auf das Öffnen der Tür, die uns darauf hinweist, wo wir mit unseren Fähigkeiten gebraucht werden. Anfangs vernehmen wir den Ruf zu einer neuen Etappe unserer Menschwerdung meist nur leise. Dieses Hören ist die Hoffnung jedes geistlich offenen Menschen.
Widerstände
In die Geschichte seines Volkes tauchte Jesus ein, sagte Ja zu Gottes Weg mit ihm und ließ sich von Johannes im Jordan taufen. Jesus zeigte sich und er wurde gesehen von seinem Verwandten Johannes, von vielen Menschen und auch von dem mitziehenden Gott (Mt 3,13-17; Lk 3,21f). Jesus spürte die Kraft, die ihm durch diesen Schritt in die Einheit geschenkt wurde und konnte anschließend 40 Tage in der Wüste fasten. Dadurch trat er aufs Neue in die Geschichte seines Volkes ein, das auf seinem Glaubenskurs nach der Befreiung aus Ägypten 40 Jahre durch die Wüste geführt wurde. Lukas berichtet von drei Widerständen, mit denen Jesus in dieser Zeit kämpfte (Lk 4,1-13). Mit ihnen müssen wir uns wohl alle auf unseren Wegen auseinandersetzen:
1. Jesus wird eingeladen ausschließlich den Weg des Helfens zu gehen und Steine in Brot zu verwandeln. Die materielle Versorgung soll das Leid der Menschen überwinden. Sie ist unbedingt nötig. Doch wir kennen auch die Gefahr, wenn Menschen sich über jene erhaben fühlen, denen sie helfen wollen. Dann werden Hilfsbedürftige funktionalisiert und die Helfenden, die für sie da sein wollen, brennen innerlich aus. Die Einheit aller Menschen als Arme vor Gott wird nicht weiter erlebt und geht nach und nach verloren. Dann lockt die in der Gesellschaft herrschende Ideologie der Geldvermehrung, den Weg der Gemeinsamkeit zu verlassen. Um Ruhe zu finden, suchen wir manchmal eine spirituelle Nische auf. Aber der Weg des Lebens wird damit gespalten in heile und unheile Zeiten.
2. Ebenso verweigert Jesus den Weg der Macht. Auf ihm würde er sich von uns trennen und uns zu verstehen geben, dass wir an unserem Leid selbst Schuld seien und nur mit Gewalt - also nur gegen unseren Willen - glücklich werden könnten. Doch Jesus achtet unsere Freiheit und will nicht für sondern mit uns solidarisch den Weg ins Leben zum Vater gehen. Dieses Mitgehen ist für uns Menschen oft schwer verständlich und wird zurückgewiesen. Lieber stellen wir Jesus auf einen Sockel, sprechen ihm sein Menschsein ab und distanzieren uns mit großen Worten und viel Goldumrahmungen von ihm. Unser Handeln verliert den Bezug zu Gott und den Armen unter uns. Wir fühlen uns mit vielen anderen erhaben über sie und versuchen damit unsere eigene Ohnmacht zu verbergen.
3. Auch den Weg des Artisten oder Schauspielers, der auf den Beifall der anderen hofft, will Jesus nicht gehen. Er will Mensch sein, der auch in n Etappen zu lernen hat. Er will kein Idol werden.
An dieses dreimalige Nein Jesu werden wir in der Zeit der Taufvorbereitung erinnert. Nur wer das Neinsagen gelernt hat, also um die Unterscheidung von Lebenszerstörendem und Lebensförderndem weiß, kann den Weg der Glaubensunterweisung weiter gehen. Selbst bei der Kindertaufe ist deshalb das dreimalige Fragen nach den Kräften, denen wir widersagen wollen, erhalten geblieben. Das Widersagen ist der Boden des Entdeckens, auf dem wir unser dreimaliges Ja zum Leben sagen können. Deshalb ist es ein großes Geschenk, wenn die Katechumenen ihr Nein zu den Lebensbedrohungen sagen können.
Auf den spirituellen Wegen gehen wir diesen katechumenalen Weg nochmals nach und versuchen uns der Taufgnade mehr zu öffnen. Finden wir zu unserem persönlichen Widersagen, dann können wir die Einheit mit Gott entdecken, der als Armer unter uns lebt. Wir erleben uns als Arme vor ihm. In der Bergpredigt wird diese Haltung von Jesus gepriesen. (Mt 5,3) Wir brauchen uns nicht mehr hinter oft lächerlich wirkenden Mauern verbergen, hinter scheinbaren Wichtigkeiten oder unserem Dünkel. Unsere Scham ist kein Hindernis mehr. Wir können uns von der Liebe Gottes ansehen lassen.
Verschiedene geistliche Wege
Oft sind Menschen in die Wüste gegangen, um dort die Begrenztheiten ihres Alltags zu überwinden, die sie vom Leben und von Gott trennten. So gehört es z.B. zur Pilgerfahrt der Muslime nach Mekka, sich bedeckt von einem Leichentuch einen Tag auf einen Wüstenberg vor Gott zu stellen und ihr Leben von der eigenen Todesstunde aus anzusehen.
Viele Christen pilgern nach Jerusalem, nach Santiago de Kompostella oder an einen anderen Ort der Geschichte und gehen dabei den Weg nach innen. Sie begegnen ihrer eigenen Armut und finden Gemeinschaft mit anderen Menschen auf dem Weg.
Franziskus umarmte einen Aussätzigen und fand in ihm Christus. Doch in unserem Alltag reißt uns oft die Angst weg von diesen Höhepunkten unseres Lebens. Wir beginnen wieder zu vergleichen, zu bewerten und verbergen die eigene innere Armut.
Andere spirituelle Wege zeigen direkt auf den Dienst an Kindern, Kranken, Hungernden, Gefangenen und anderen Ausgegrenzten. Für diese Zuwendung brauchen viele keine besondere Begründung. Erst in Krisenzeiten beten sie dann um eine neue, zweite Ausrichtung ihres Lebens. Hier können sie dann in ihrer Armut auch in ein anderes Zeugnis der Liebe Gottes unter uns geführt werden: in ein kontemplatives, zurückgezogenes Leben oder ein deutlich verweigerndes Nein gegenüber ungerechten Situationen.
Seit dem Jahr 2000 lädt eine Berliner Gruppe, Ordensleute gegen Ausgrenzung, in mehreren größeren Städten dazu ein, an Übungen zu größerer Aufmerksamkeit teilzunehmen. Bei ihnen wird mitten im Alltag Heilung von inneren Blockaden und größere Offenheit für den Ruf des Lebens gesucht. An ganz unterschiedlichen Orten in der Stadt, wie vor einem Gefängnis, an einem Fluss oder in einem Krankenhaus, kommen die Teilnehmenden ins Staunen. Ähnlich war es auch Mose vor einem brennenden und doch nicht verbrennenden Dornbusch (Ex 3) ergangen. Er zog dort seine Schuhe aus, weil Gott mit ihm sprechen wollte. Dieser Gott zieht mit uns, er stört oft unsere Vorstellungen und lädt uns ein, in seiner Liebe Neues zu sehen und daran zu wachsen. Dann wird eine obdachlose Frau, mit der ich auf einer Bank sitze, oder ein drogenabhängiger Mann, neben dem ich vor einer Suppenküche stehe, trotz all meiner Ängste nach einiger Zeit zur Schwester oder zum Bruder, in dem mir Christus begegnen will. Bei den Exerzitien auf der Straße, wie diese Kurse jetzt genannt werden, macht jede und jeder ganz persönliche Erfahrungen der Nähe zum Leben und spürt darin einen Anruf Gottes. Diese Erfahrungen begleiten die Teilnehmenden dann an den verschiedenen Orten ihres Alltags und lassen sie auch dort Neues sehen. Die Geschichte dieses Suchens ist beschrieben in: Christian Herwartz, Auf nackten Sohlen - Exerzitien auf der Straße, Würzburg 2006. Termine, Erfahrungen, Reflexionen, Übersetzungen finden sich unter: www.con-spiration.de/exerzitien
Geschrieben für die Zeitschrift GEIST.VOLL Wien 3/2008
Christian Herwartz SJ Entdecken der Mysterien des Alltags
Seit dem Jahr 2000 lädt die Berliner Gruppe "Ordensleute gegen Ausgrenzung" zu "Exerzitien auf der Straße" ein. Zehn Tage oder auch mal nur einen Tag werden Menschen unterschiedlicher Herkunft und Alters beim Üben ihrer Aufmerksamkeit mitten in einer Stadt begleitet. Das Übungsfeld ist unbegrenzt, geschieht also auf der Straße des Lebens. Die kurze Geschichte dieser Form des Übens, ist in einem kleinen Buch beschrieben {1} und hat eine Webseite bekommen {2}, mit Berichten von TeilnehmerInnen, grundsätzlichen Beiträgen und den Terminen neuer Kurse.
In den Exerzitien auf der Straße gibt es drei Übungsschritte:
1. In den Dialog treten
Tempo raus
Wie bei jedem anderen Üben, zum Erlernen von Handgriffen beim Autofahren, Kochen, im Handwerk ist der erste wichtige Schritt, Unnötiges aus der Hand zu legen, Fremdbestimmungen beiseite zu schieben und langsamer zu werden. Aufmerksamkeit wird durch Weglassen gefördert. Das ist ein nicht immer einfacher Schritt, besonders wenn jemand im Streit oder einer Nörgelphase lebt. Die Übungen beginnen mit dem Rat: Kläre Bedrängendes, ebenso alles, was die Aufmerksamkeit bindet; leg es beiseite und dann beginne!
Das einmalige Leben in mir
Vertrauen in die eigene Würde finden und aus ihr zu handeln ist das erste Mysterium, auf das die Übenden stoßen. Wie können sie ihre Würde entdecken und sich davon leiten lassen?
Die Teilnehmenden bekommen den Rat, sich an den Ärger zu erinnern, auf den sie in ihrem Leben immer wieder stoßen. Manche Menschen spüren keinen Ärger in sich oder können ihn nur schwer zulassen. Sie kennen aber Zeiten der Traurigkeit und können sich fragen, bei welchen Gelegenheiten sie diese innere Leere wahrnehmen {3}. Diesen Erfahrungen spüren die Übenden nach, wie sie sich die Welt wünschen, um im Einklang in ihr leben zu können. Unterschiedliche Situationen lösen Ärger oder Traurigkeit aus. Wenn die Übenden den verschiedenen Erfahrungen nachgehen, entdecken sie darin gemeinsame Wurzeln ihrer Emotionen. Manchmal bleiben mehrere Anstöße nebeneinander stehen, die den vielfältigen Hunger nach Veränderung in der Person widerspiegeln. Im abendlichen Exerzitiengespräch der kleinen Gruppe ist es zusammen mit den BegleiterInnen möglich, die vorher verdeckte eigene Sehnsucht zu umschreiben, die Ärger, Traurigkeit oder ein unbedingtes Nein auslösen. Die Sehnsucht prägt uns als einmalige Persönlichkeiten und sie entwickelt sich, wenn wir ihr sorgsam Aufmerksamkeit schenken. Ihr Hunger spornt das weitere Suchen an und macht offen für größere Einheit {4}.
Die Übenden finden zu der eigenen Sehnsucht einen lebendigeren Kontakt und können sich von dieser Lebensquelle im weiteren Verlauf leiten lassen.
Das Mysterium der eigenen Sehnsucht
Wenn wir unsere Einmaligkeit ahnen, stehen wir - vielleicht noch unwissend - direkt vor Gott oder wie immer wir die Quelle des Lebens umschreiben, die uns mit unserer Sehnsucht ins Leben gesprudelt hat. Sie ist nichts von uns Gemachtes, sondern spiegelt einen Aspekt der Schöpfung wieder, eine Eigenschaft Gottes, aus dem heraus alles geschaffen ist. Die Vielfältigkeit Gottes wird nicht nur der Vielfalt in der Natur - in Bäumen, Fischen und Bergen - sondern auch in unseren Einmaligkeiten deutlich.
Von der Sehnsucht herkommend, suchen die Übenden nach ihrem persönlichen Namen, der die entdeckte Eigenschaft Gottes in ihrem Wesen ausdrückt. Wir dürfen Gott damit ansprechen, ohne ihn auf einen Namen oder ein Bild festzulegen.
Ein Beispiel für die Suche nach einem persönlichen Namen Gottes:
Eine Frau ärgerte sich immer, wenn in einer Gruppe Menschen am Rande stehen und nicht gesehen werden. Sie entdeckte ihre Sehnsucht hinter dem Ärger; nämlich den Wunsch, dass jede/r gesehen wird. Von dieser Sehnsucht her gibt sie Gott einen Namen und spricht ihn damit an: "Du, die mich schön ansieht."
Dieser geahnte Name wird dann im Gebet überprüft und lädt später zum unterstützenden Handeln ein. Bei dieser Frau bestätigte sich der persönliche Name Gottes; am nächsten Morgen schon ging sie vor ein Krankenhaus und sah die vor der Tür rauchenden Menschen in ihren Rollstühlen, mit Gipsbeinen oder Tropfständern schön an.
Im Gebet fragte sie Gott: "Was siehst Du denn Schönes an mir?" Sie konnte viel Neues entdecken und gewann Zutrauen zu der Führung aus der Mitte ihrer Person heraus. Auch nach den Tagen des Übens befand sie sich sofort wieder im Gebet, wenn sie den aus ihrer Sehnsucht geborenen Namen Gottes aussprach. So konnte sie mitten im Alltag regelmäßig in die Einheit mit dem Leben zurückkehren. Nach einem längeren Auslandaufenthalt erzählte sie, wie sich ihr Gottesname ergänzt hatte: "Du, die mich schön ansieht und mich das Lieben lehrt." {5}
In der ersten Etappe werden also die Übenden eingeladen, ihre persönliche, einmalige Beziehung zu Gott einen Schritt weiter zu entschlüsseln und intensiver zu leben. Das - auf welchen Wegen auch immer - begonnene Gespräch mit dem Ursprung des Lebens wird die TeilnehmerInnen nicht nur in den folgenden Tage führen.
2. Unterwegs im Alltäglichen
Orte des Staunens, der Meditation entdecken
Für die nächste Etappe wird den Übenden eine Geschichte aus dem Leben von Mose mitgegeben, wie sie im Buch Exodus am Anfang des dritten Kapitels berichtet wird.
- Mose hütete die Schafe seines Schwiegervaters Jetro. Eines Tages trieb er die Tiere über die Steppe hinaus zum Berg Horeb.
Mose zieht aus dem Bekannten hinaus in die Wüste, wo die anvertrauten Tiere kein Futter mehr finden können. Sie werden hungern. Ein ungewöhnlicher Schritt. Die Übenden kennen ihn, denn auch sie haben das Bekannte zurückgelassen, um die Wirklichkeit möglichst unverstellt von ihren Gewohnheiten und Vorurteilen wahr zu nehmen.
- Dort fällt Mose bei seiner Hütearbeit ein brennender Dornbusch auf. Das ist ein eher alltägliches Ereignis. Doch er bemerkt, dass der Dornbusch nicht verbrennt.
Nun wird er neugierig und will wissen, was da geschieht. Wir stehen am Wendepunkt nicht nur in dieser Geschichte, sondern in unserer Menschheitsgeschichte. Mose bekommt einige Verse später den Auftrag, sein Volk im Namen Gottes aus der Knechtschaft in Ägypten heraus zu führen.
Doch zurück zu diesem Beginn aufkommender Neugier. Auch in den Exerzitien ist dieser Moment des Stutzigwerdens entscheidend. Wie oft übersehen wir im Alltag diesen Augenblick oder halten die innere Regung nicht für so wichtig? Oft sind wir mit dem Kopf schon am Ziel unseres Weges auf der Arbeit, in der Kaufhalle, beim Sport oder sonst wo. Wir leben häufig nicht im Jetzt und Hier.
Mose nimmt seine Wahrnehmung ernst und bricht auf, sich den brennenden und doch nicht verbrennenden Dornbusch anzusehen.
- Auf dem Weg zum Dornbusch wird Mose mit seinem Namen angesprochen und er antwortet: "Hier bin ich." Er war bereit, sich ansprechen zu lassen. In den Übungen zu größerer Aufmerksamkeit wollen wir auch ins Wahrnehmen mit allen Sinnen kommen.
Die Aufforderung zum Hören ist die zentrale Weisung Gottes an sein Volk: "Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, ist der einzige Jahwe! Du sollst Jahwe, deinen Gott, lieben aus ganzem Herzen, aus Deiner ganzen Seele und mit alle deiner Kraft!" {6} Hören und lieben gehören zusammen und sind das zentrale Gebot des Lebens.
Sind die Übenden unterwegs, dann entdecken sie, an welchen Orten sie stutzig werden. Im Nähertreten auf eine Babyklappe, einen Bettelnden, eine freie Parkbank, eine Moschee oder an einen Fluss können sie bemerken, wo sie stehen bleiben sollen. Hier kann der intensive Teil der Meditation, das Staunen in der Anwesenheit Gottes beginnen.
- Nun bekommt Mose dort, wo er angesprochen wurde, die Anweisung: "Tritt nicht näher heran! Ziehe deine Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort, auf dem du stehst, ist heiliger Boden!"
Den Übenden wird in den Exerzitien geraten, diesen Satz möglichst wörtlich zu nehmen. Die Füße spüren die Realität an diesem Ort. Barfuß verlieren die Übenden ihrer Umgebung gegenüber jede Bedrohung und die Umgebung zeigt sich schnell in einem neuen Licht. Sie selbst sehen weniger äußere Umstände wie Kleidung, Sauberkeit, Fremdsprachigkeit, Drogengebrauch, Arbeits- oder Obdachlosigkeit, sondern beginnen durch diese Hüllen hindurch mit dem Herzen zu empfinden. Die Übenden lernen neu zu sehen und gesehen zu werden. Dieser Vorgang geschieht im Angesicht Gottes, der im Dornbusch wohnt, wie Moses es am Ende seines Lebens im Segen über dem Stamm Joseph sagt {7}.
- Gott begegnet Mose in einer Flamme, die brennt und nicht verbrennt. Dieses Zeichen der Liebe, die brennt und keinen verbrennt, bleibt sprechend.
Die Übenden entdecken diese Flamme, wenn sie z.B. vor einem Gefängnis stehen, in dem Gott ja auf besondere Weise lebendig anwesend ist. Das Gebäude ist wie eine Monstranz, weil Jesus uns beigebracht hat, dass er besonders unter Dürstenden, Hungernden, Kranken, Fremden und Gefangenen zu finden ist {8}.
Jeder Ort kann dem/r Übenden zum Heiligen Ort werden, an dem Gott mit ihm/ihr sprechen will. Ihn zu entdecken, fällt aber meist leichter an den Orten der Armen, weil wir uns im Blick auf Gott mit ihnen leichter tun, in die Haltung der ersten Seligpreisung der Bergpredigt zu kommen: "Selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich." {9} Die Armen sind keine moralisch besseren Menschen. Aber sie erleben deutlich, dass sie das, was in der Gesellschaft als schwach angesehen wird, nicht hinter einer reichen Fassade verbergen können. Dieses Gesehenwerden und Sehen macht sie zu Menschen, an denen unser befreiendes Verhältnis zu Gott besonders sichtbar werden kann. In den Übungen zur größeren Aufmerksamkeit geht es darum, alle Mauern zwischen Gott und dem Übenden wegzulassen und in die Offenheit vor ihm, vor der ganzen Wirklichkeit und auch vor uns selbst zu treten. Im Staunen über uns selbst dürfen wir auch die Schuhe vor uns selbst auszuziehen, wenn wir in uns die Flamme der Liebe entdecken.
- In der Austauschrunde am Abend werden die Übenden gefragt: "Welche Schuhe musstest du auf dem von dir entdeckten heiligen Boden ausziehen?" Die Antworten spiegeln die jeweilige Befreiungserfahrung des Tages wieder: Die Schuhe des Vergleichens, des Besserwissens, des Hochmuts, der Bewaffnung anderen gegenüber oder des Weglaufens {10}.
"Vor welchem Dornbusch hast du gestanden?" Heilung wird an einem Ort in der Gesellschaft oder in der Geschichte des Übenden geschenkt, der vorher im Alltag oft gemieden wurde. Die kratzigen Dornen des Busches sind in diesem Zusammenhang ein sprechendes Symbol.
Der Dornbusch symbolisiert für manche die Ohnmacht Gottes, in der er angesichts unserer Freiheit lebt. Er beschneidet diese Freiheit nicht. Eher lässt er sich beiseite drängen, verspotten oder gar ans Kreuz schlagen, als uns unserer Freiheit zu berauben. Gott bleibt an den Rand gedrängt wie ein Dornbusch, ohne dass er seine Liebe zu den Menschen und seiner ganzen Schöpfung zurücknimmt. Die Liebe brennt und verbrennt doch nicht.
- Jahwe spricht mit Mose und weist ihn auf das Schreien seines Volkes unter den Schlägen seiner Antreiber hin. Mose kannte diese Situation. Er war aus Ägypten geflohen, weil er einen der Antreiber getötet hatte. Jetzt lebte er im Exil. Jahwe erzählte ihm also nichts Neues, sondern erinnerte ihn an etwas, was er beiseite schieben oder gar verdrängen musste.
Auf dem heiligen Boden unseres Lebens stehen wir nicht vor Neuigkeiten. Wir wissen schon lange, dass es obdachlose, drogenabhängige, gefangene, kranke Menschen gibt, ebenso Moscheen, Synagogen, Kirchen, Tempel, Gedenkstätten. Auch von engagierten Gruppen und einzelnen Menschen haben wir gehört, die uns im Kindernotbund, Wildwasser, Telefonseelsorge, AA-Gruppen begegnen. Wenn wir an Orten in ihrer Nähe heiligen Boden entdecken, also uns von Gott angesprochen fühlen, dann spüren wir vielleicht zuerst Schmerzen, müssen weinen oder wie Mose das Gesicht verhüllen. Wenn wir nicht mehr wegsehen, uns nicht mehr schämen an diesem Ort gesehen zu werden, die Schuhe der Distanz zurücklassen, dann bemerken wir vielleicht erst nach einer wiederholten Rückkehr, wie Frieden in uns wächst. Wir spüren Heilung und können vorher Verschlossenes entschlüsseln.
Ein Beispiel: Ein Mann ließ sich von der Mosegeschichte leiten und ging in eine Frauenklinik. Nach einiger Zeit des Herumirrens stand er vor dem Fenster, durch das er die Neugeborenen betrachten konnte. Er begann zu weinen. Nach einer Stunde mit vielen Tränen ging er weiter durch die Stadt und blieb in seinem Schmerz. Abends kündigte er an, nochmals an seinen heilig gewordenen Ort zurückzukehren, um nach dem Baby gleich vorne rechts zu sehen. Ob das Kind noch dort liegt, wollte er wissen, da ja im Krankenhaus die Belegung schnell wechselt. So tat er es auch und stand wieder vor dem Kind. Nun wünschte er ihm wieder eine Stunde lang alles Gute fürs Leben und ging frohgemut den Rest des Tages durch die Parks und Gärten der Stadt. Am Abend schlug ich ihm vor, die Wünsche an das Kind aufzuschreiben und sie in der Klinik an das Schwarze Brett zu heften, an dem die vielen Bilder von Neugeborenen hängen. Der dritte Besuch im Krankenhaus dauerte nur zehn Minuten. Dann stand der Mann vor der Klink auf der Freitreppe und überlegte, wohin er sich jetzt wenden sollte. Er sagte sich: "Ich sollte jetzt vors Gefängnis gehen, denn ich war wohl 18 Jahre Gefangener. Vor 18 Jahren starb mein Kind bei der Geburt. Ich war immer in diesem Schmerz." Vor einigen Jahren kamen Eltern zu ihm als Diakon und baten um die Beerdigung ihres Kindes, das tot geboren worden war. Er musste sie wegschicken. In den Tagen jetzt hatte er seinen Schmerz durchlebt und war frei geworden, Menschen in ähnlicher Not zu begleiten. Dies bestätigte sich bald an seinem Heimatort.
Das Mysterium aufschließen
In der Meditation werden Zusammenhänge erfasst, die nicht sofort in Worte zu bringen sind. Auf der Suche danach werden schon im ersten Schritt der Übungen für die Kommunikation unter den TeilnehmerInnen Schlüsselworte angeboten: Ärger, Traurigkeit, Sehnsucht, Name Gottes. Die Geschichte von Mose gibt weitere Schlüsselworte an die Hand: Dornbusch, Feuer, das brennt und nicht verbrennt, Anruf Gottes, heiliger Boden, Schuhe ausziehen. Diese Worte reichen unter den Übenden aus, verstehend nachzufragen, die eigene Erfahrung in Beziehung zu setzen. In der biblischen Geschichte erkennen wir uns mit unserem Leben wieder. Die Übenden finden sich in den Menschheitserfahrungen wieder und entdecken darin Orientierung, ohne das eigene Erleben klein zu reden. Ihre Geschichten werden zu ganz neuen Berichten, die das biblische Erzählen befreiend fortsetzen. Nicht nur das eigene Leben, sondern auch das Erlebte wird zum Mysterium. "Soll Gott all das Überraschende dieses Tages nur für mich bereitgestellt haben?" Diese Frage drängt sich am Abend oft auf und kann abschließend wohl nicht mit dem Kopf, sondern nur mit dem Herzen beantwortet werden.
In der Ostkirche wird die Geschichte vom brennenden und nicht verbrennenden Dornbusch in vielen Ikonen dargestellt. In der Mitte sehen wir Maria manchmal als Schwangere, meist aber mit dem Kind auf dem Arm dargestellt. Jesus ist das Feuer im Dornbusch, das brennt und nicht verbrennt. Die Geschichte mit ihm und seiner Botschaft deutet das Feuer neu. Ebenso werden es unsere Erfahrungen tun, wenn wir das Wort eines vorher beiseite Gedrängten hören und es heilend in unser Leben eingreift.
In den Ikonen wird die biblische Geschichte weiter erzählt und mit der befreienden Botschaft Gottes aus dem Dornbusch in Beziehung gesetzt. Manchmal werden in den stilisierten Dornen Propheten oder Engel dargestellt. An andere Begegnungen mit dem Göttlichen wird mit eigenen Darstellungen rund um das Dornbuschmotiv erinnert. Dazu gehört auch die Geschichte der drei Männer im Feuerofen, dessen Feuer auch brannte und nicht verbrannte. Ihr bewegender Lobpreis Gottes mitten in den Flammen ist uns im Buch Daniel überliefert {11}.
In der Geschichte der Verspottung Jesu lesen wir, wie die Soldaten Jesus eine Dornenkrone aufsetzen {12}. Sie wollten diesen machtlosen König der Juden verhöhnen und stellten ungewollt eine Beziehung zu seiner Würde in der Erscheinung Gottes her: Vor Gericht und auf dem weiteren Leidensweg sehen wir Jesus nun inmitten eines kleinen Dornbusches als das Feuer der Liebe, das auch im Tod nicht erlischt oder gar in wütender Vernichtung um sich schlägt. Der Dornbusch in der Fabel von Jotam droht mit seinem Feuer {13}. Das ist ein Gegenbild zum Verhalten des Auferstandenen Jesus, den wir erkennen beim Teilen der notwendigen Güter und vor allem in der Erfahrung des Friedens und der Einheit mit ihm.
3. Sofort zurück nach Jerusalem
Brannte nicht unser Herz
Ein Abschnitt aus dem Lukasevangelium {14} ist der Impuls für die dritte Etappe: Zwei Jünger Jesu gingen nach den ersten Berichten von der Auferstehung Jesu enttäuscht von Jerusalem weg nach Emmaus. Sie konnten das Erzählte nicht glauben. Zu ihnen gesellte sich ein Dritter. Er hörte ihnen zu, als sie von ihrem Schmerz erzählten. Er deutete ihnen die Geschichte. Aber sie erkannten ihn erst bei Tisch in der Herberge: Jesus war mit ihnen gegangen und brach ihnen nun das Brot. Doch dann war er nicht mehr zu sehen. Da sprachen sie zueinander: "Brannte nicht unser Herz auf dem Wege, als er mit uns sprach?"
Die TeilnehmerInnen erinnern sich an die Zeiten und Orte, wo in ihnen das Herz brannte. Oft gehen sie nochmals hin und nehmen eine Erinnerung mit. Die Begegnungen mit dem Leben sollen nicht vergessen werden, damit sie immer wieder ihr Herz zu öffnen, wenn Gott dort eintreten will.
Aufbruch ins Hören
Die beiden Jünger kehrten sofort nach Jerusalem zu den Gefährten zurück. Jetzt spüren sie die Frucht der Begegnung mit Jesus: Sie können Petrus zuhören, wie er vom Auferstandenen erzählt. Sie sind im Hören angekommen.
Die Übenden sind hoffentlich auch Hörende geworden. Werden sie diese Gabe in der heimatlichen Erzählgemeinschaft verlieren? Dort gibt es eingeschliffene Erwartungen, die manchmal wie Zwänge auf den Einzelnen liegen. In der vertrauten Gruppe der Übenden ist es leichter geworden zu hören und auch zu sprechen, wenn es dran ist. Wir Begleiter suchen am letzten Tag eine Gruppe vor Ort, um den Menschen dort gemeinsam zuzuhören. Gelegenheiten boten sich in einer eigens zusammengefundenen Gruppe, in der Emmausgemeinschaft oder einem Sonntagsgottesdienst.
Erzählen vom erfahrenen Mysterium
Während der Versammlung spürten die Jünger, dass auch sie erzählen sollten. "Während sie sprachen", berichtet Lukas, "stand Jesus in ihrer Mitte und wünschte ihnen den Frieden." Die Jünger haben so intensiv von der Begegnung mit Jesus erzählt, dass er mit seinem Frieden neu anwesend war.
Einige Übenden beginnen in der Versammlung zu erzählen und halten sich nicht bei Äußerlichkeiten auf. Dann springt der Funke und sie sehen viele ihrer Erlebnisse nochmals neu. Sie entschlüsseln sich oft erst jetzt. Die Jünger in Jerusalem erschrecken sich wieder und müssen lernen, ihre Augen neu zu öffnen. Den Übenden geht es ähnlich: Die Erfahrungen sind nicht abgeschlossen, sondern sind lebendig und wollen weiter wachsen.
Anmerkungen
{1} Christian Herwartz, Auf nackten Sohlen - Exerzitien auf der Straße, Würzburg 2006
{2} www.con-spiration.de/exerzitien
{3} Eine andere Möglichkeit bietet sich an: wo werde ich gedrängt nein zu sagen? Vgl. Lk 4,1-13
{4} Die Menschen, die hungern nach Gerechtigkeit, werden von Jesus selig gepriesen Mt 5,6
{5} Ein weiteres Beispiel ist die Geschichte von Hagar: Gen 16 oder die von Mose, der seinen Sohn Gerschom (Gast im fremden Land) Ex 2.22 nennt, ein Sprungbrett zu seinem Namen Gottes: "Ich bin da" Ex 3,14
{6} Dt 6,4 ; vgl. Lk 10,27
{7} Dt 33,16
{8} Mt 25,31-46; vgl. auch die Antrittspredigt in Nazareth
{9} Mt 5,3
{10} vgl. auch die Anweisung Jesu, die Schuhe und andere "Sicherheiten" auf dem Weg der Mission zurück zu lassen: Lk 9,3. Diese "Pilgeranweisungen" sind auch wichtige Meditationshilfen und werden von den Übenden oft genutzt.
{11} Daniel 3,51-90
{12} Mt 27,27-31; Jo 19,1-5
{13} Richter 9,7-15
{14} Lk 24,13-36
Veröffentlicht in Wort und Antwort 49 (2/2008), S. 83-88 (www.wort-und-antwort.de)
Christian Herwartz Neuland auf alten Wegen wahrnehmen
Auf einer Dienstreise verabredete sich mein Vater mit mir in Heidelberg. Ich fuhr am nächsten Tag in die für mich fremde Stadt und wartete am Abend auf ihn an einer der Neckarbrücken. Damals war ich 10 Jahre alt. Mein Vater traute mir die nötige Orientierung zu. Ich stieg zu ihm ins Auto und wir fuhren nach Norddeutschland zur Familie. Dies ist nur ein Beispiel, in welchem Vertrauen ich aufwachsen durfte. Zwei Jahre später bei einer Missionsausstellung zog mich Afrika in den Bann. Daraufhin wollte ich einer Gemeinschaft beitreten und mich dort- oder irgendwohin auf den Weg machen. In den folgenden Jahren klopfte ich bei verschiedenen Gemeinschaften an und spürte bei mir jeweils eine Freude über ihr Leben und ihr Engagement. Trotzdem musste ich jedes Mal weiterziehen. Das Neuland, das auf mich wartete, lag hinter dem Horizont meiner Vorstellungen. Es war eine schmerzhafte Lebensetappe, in der ich aber zum Pflügen auf dem Neuland ausgebildet wurde, wie ich im Nachhinein bemerkte. Ich musste die Schule ohne Abschluss verlassen, absolvierte ein zweijähriges Maschinenbaupraktikum auf der Werft in Kiel - in der Hoffnung, dann als Ingenieur in die Entwicklungshilfe nach Chile zu gehen -, beendigte einen zweijährigen Militärdienst als technischer Reserveoffizier, sammelte nochmals all meinen Mut zusammen und ging wieder zur Schule.
Gerufen, Neuland zu entdecken
Mit dem Abitur in der Tasche trat ich in den Jesuitenorden ein. Es war für mich der Wunsch, mir das Neuland ohne jede Vorbedingung meinerseits mitten in all meinen Ängsten zeigen zu lassen. Nach einem Jahr Studium fragte mich Michael Walzer, ein Mitstudent, ob ich mit ihm in einer Fabrik eine manuelle Arbeit suchen wolle. Er wünsche über den gesellschaftlichen Graben zwischen bürgerlich geprägten Menschen und Arbeitern zu gehen. Mit ihnen wollte er zusammen leben. Ich sagte sofort ja, auf dieses Neuland als Hilfsarbeiter mitzugehen. Denn ich spürte, und im Nachhinein sehe ich es noch deutlicher, Gott hatte mir durch einen Mitstudenten den Mantel übergeworfen, wie es Elia bei Elischa getan hat (1 Kön 19,19). Ich hatte meine Beauftragung zum Pflügen beim Spaziergang in einer Vorlesungspause bekommen. Michael, der 1986 in Berlin gestorben ist, steht immer noch lebendig vor mir. Ich konnte mir das Neuland nicht selbst nehmen, das ich nun staunend betrachten und auf dem ich leben darf.
Einige Jahre später arbeiteten wir beide in den Semesterferien in einer Kokerei in Bottrop. In der Gemeinschaft der Dominikaner durften wir wohnen und den Kleinen Bruder Michael in Duisburg besuchen. Wir entdeckten Gleichgesinnte, die über das Land verstreut lebten. Diese Kontakte halfen, unsere Hoffnung auf einen gemeinsamen Weg vor Freunden auszusprechen. Der mitziehende Gott ließ uns Heimat unter den neu entdeckten Brüdern - später auch Schwestern - finden. Wir treffen uns regelmäßig als Arbeitergeschwister in den Regionen, zweimal jährlich in der Nähe von Frankfurt und jährlich auch auf europäischer Ebene.
In Bottrop arbeitete ich damals zeitweise in einem großen Kohlenbunker mit zwei türkischen Kollegen zusammen. Zur Frühstückszeit setzten wir uns irgendwo in den Staub. Sie brachen ihr rundes Brot in Stücke und gaben auch mir davon. Ich nahm das Brot und aß davon. Noch heute ist mir diese Eucharistiefeier ganz gegenwärtig. Der Auferstandene hatte mich gestärkt und ich darf bis heute aus dieser flüchtigen Begegnung leben.
In meinem Studium wurde für mich die südamerikanische Theologie der Befreiung immer wichtiger und ich schrieb einen längeren Buchartikel zur Situation der Gastarbeiter in Deutschland.
Drei Jahre in Frankreich
Nach meinem Studium lud mich eine kleine Arbeiterpriestergemeinschaft von Jesuiten nach Frankreich ein. Michael folgte zwei Jahre später. Dieser Schritt über die Grenze in das Leben eines Gastarbeiters war für mich eine wichtige Vorbereitung, später das Neuland in Berlin zu betreten, wo ich nun seit dreißig Jahren lebe. Damals hatte ich begründete Ängste, eine fremde Sprache zu erlernen, da ich in diesen Schulfächern regelmäßig versagt hatte. Durch Nachahmen der Sprachmelodie lernte ich mich verständlich zu machen. Französisch schreiben kann ich bis heute nicht.
Noch schwieriger war es, in diesen drei Jahren die inneren Versuchungen zu bändigen, kein richtiger Arbeiter zu sein. In Toulouse stand ich an einer riesigen Presse in der Aluminiumverarbeitung. Ein gefährlicher Arbeitsplatz. Dennoch: ich kam nicht aus einer Arbeiterfamilie und hatte weiter die Chance, anderswo arbeiten zu können. Diese mir von vielen Seiten eingeredete Distanz war nach einem Jahr plötzlich beiseite geschoben: Ich wurde entlassen, weil der Chef entdecke, dass ich einer Gewerkschaft beigetreten war. Menschen ganz verschiedener Kulturen und Ausbildungen waren in der Fabrik so eingestellt worden, dass ein solidarisches Handeln gegenüber der Leitung auf Grund der babylonischen Sprachverwirrung erschwert wurde. Doch bei der Entlassung entdeckte ich etwas Neues: Die Kollegen verabschiedeten mich mit einem Fest und ich war von allen inneren Zweifeln befreit.
Nach einem Jahr der beruflichen Ausbildung als Dreher entdeckte ich bei einem großen Fest vieler ausländischer Gruppen, in welchem Volk ich mitten in Frankreich lebte: Ich hatte unter Wanderarbeitern Heimat gefunden und las das Glaubensbekenntnis Jesu neu: "Mein Vater war ein heimatloser Aramäer…" (Dt 26,5-10). Mein Selbstverständnis drückte sich immer mehr in diesen Sätzen aus.
Durch Berichte über polizeiliches Vorgehen gegenüber Kollegen, die im Streik waren, wurde mein Vertrauen in staatliche Entscheidungen nochmals infrage gestellt. Die Warnung der Propheten, keine Könige zu wählen, war mir einsichtig (Richter 9) wie auch die Feststellung Jesu, dass wir nicht zwei Herren dienen können (Mt 6,24). Jetzt verweigerte ich in meinem Geburtsland den Wehrdienst aus politischen Gründen.
Vor dreißig Jahren: Rückkehr nach Deutschland
Im Herbst 1978 gründeten Michael, Peter, der bald nach Bogota weiter zog, und ich eine kleine Jesuitenkommunität in Westberlin. Wir fanden Arbeit in der Elektroindustrie. In den folgenden Jahren wurden wir reich beschenkt. Häufig durften wir Neuland betreten und nach dem Pflug suchen, mit dem wir es wenigstens aufritzen und manchmal wirklich bearbeiten konnten. Wir wollten offen sein für die freundschaftlichen Beziehungen, die uns Kollegen oder Nachbarn anboten. Geschenkt wurde uns ein Weg der Menschwerdung, anfangs mit wenigen, später mit vielen Freundinnen und Freunden, im Betrieb, im Stadtteil, im anderen Teil der Stadt, der durch eine Mauer getrennt war, in der Gemeinde und in unserer Kreuzberger Wohnung. Dort fanden Menschen aus 61 Nationen oft für Monate oder Jahre Aufnahme. Sie kamen fast alle in sozialen Notlagen als Flüchtlinge, als Entlassene aus Gefängnissen oder Krankenhäusern, als Obdachlose zu uns. Und so war es nicht verwunderlich, dass ich sie anfangs vor allem als Menschen mit einem Mangel angesehen habe. Ja, sie waren hilfsbedürftig und wir konnten ihnen Unterkunft geben. Wir sahen die Not vieler Menschen, reagierten betroffen und wünschten uns offene Türen bei vielen Mitbürgern. Doch hatte ich sie noch nicht als Freunde gesehen, mit all ihren Fähigkeiten und ihrer reichen sozialen und religiösen Geschichte. Später begann ich in ihren Lebensbüchern zu lesen, ihre Sichtweisen zu entdecken, die Einsichten ihrer Religionen zu schätzen. Moralische Vorstellungen traten zurück, die Wertschätzung und der Glaube an das Leben in allen nahm zu. Der Druck des Sofort-machen-müssens verminderte sich.
Wir dürfen alle in Begegnungen Neuland betreten. In jedem Menschen leuchtet es mir entgegen und breitet sich aus, wie ein gedeckter Tisch zwischen uns, an dem viele Platz nehmen können. Nur auf einige dieser Oasen des Friedens, oft mitten in bedrohlichen Situationen, möchte ich hinweisen.
Am Arbeitsplatz
Die Arbeit im Akkord ließ anfangs wenig Zeit, weit über die Drehbank hinaus auf meine Kollegen zu schauen. Doch nach einiger Zeit konnte ich das Tempo und die Maßtoleranzen halten. Der Kontrolleur nahm die gefertigten Teile ohne Beanstandungen ab. Ich lernte die Kollegen schätzen, ohne mit ihnen in den Alkohol eintreten zu müssen. Viele Themen blieben mir fremd. Um den Obermeister machte ich einen Bogen. Nach etwa drei Jahren kam es in der Werkstatt zum Konflikt mit dem Betriebsingenieur. Zusammen mit einigen Kollegen stand ich ihm gegenüber und konnte das erste Mal vor allen in unserem Namen sprechen. Es war ein großer Frieden in mir. Auch auf den großen Betriebsversammlungen mit etwa tausend Beschäftigten begann ich unsere Sicht der Dinge zu benennen. Manchmal folgten Tumulte und die Vorgesetzten kamen am nächsten Tag und überprüfen misstrauisch den Sachverhalt. Mit der Zeit wurde es erwartungsvoll still, wenn ich zum Rednerpult ging. Ich konnte mich in die Gemeinschaft mit den Kolleginnen und Kollegen fallen lassen.
Eines Tages verstand ich den Bericht des Betriebsrates nicht. Ich spürte, dass einiges nach wochenlangen Verhandlungen um des lieben Friedens willen verschwiegen wurde. Der nächste Tagungspunkt sollte aufgerufen werden. Jetzt war die letzte Chance, sich zu melden, doch ich wusste nichts zu sagen. Also ging ich im Vertrauen auf Zurufe von Kollegen ans Rednerpult und wiederholte, was ich verstanden hatte. Mir wurde geduldig alles nochmals erklärt. Ich fragte zurück. Als ich auch dann die Zusammenhänge nicht verstand und auch keine Hilfestellungen von den Kolleginnen bekam, fragte ich unbeholfen nochmals nach. Da sagte mir die Vorsitzende, dass sie mich nicht verstehen würde. Ich gab zu, dass ich mich auch noch nicht verstünde. Da stand ein anderer Betriebsrat auf. Er hatte Erbarmen mit mir und formulierte mit seinem Hintergrundwissen eine von ihm vermutete Frage. Ich bestätigte sie und er antwortete darauf. Nun konnte ich sachgerecht nachfragen. Die ganze Zeit stand ich am Rednerpult im Vertrauen auf eine Lösung. Die Knie waren weich geworden. Doch diese Erfahrung half mir später, mich auf mein inneres Gespür und auf den Hl. Geist in mir und anderen zu verlassen, auch wenn der Suchweg durch den Spott vieler Mitmenschen hindurch führt.
Abends ins Ausland
Nach der Arbeit bin ich oft nach Ostberlin gefahren. Wieder lernte ich eine neue Sprache und entdeckte für mich Heimat unter den Freunden dort. Der Weg durch die Berliner Mauer machte mir jedes Mal deutlich, dass ich Neuland betrat. Die mitgebrachten Erfahrungen hörten sich dort neu an. Auch wenn diese an der Grenze schwer zu entdecken waren, gab es doch auf dem Weg die Angst, dass etwas Mitgebrachtes gefunden würde. Die Offenheit musste subversiv in beide Richtungen versteckt werden, um sie am Zielort neu auszupacken. Diese Haltung war nötig beim Gang durch das Betriebstor genauso wie beim Eintritt in die DDR und in viele andere Lebensbereiche der Stadt. Freundschaften brauchen Schutz jenseits aller staatlichen und gesellschaftlichen Kontrollen.
Das Gebet auf dem Weg
Morgens, wenn ich zur Arbeit ging, wollte ich in die Schule des Lebens aufbrechen. So betete ich auf dem Weg zur U-Bahn und öffnete mein Herz für die Menschen am Zielort. Jesus wies die Jünger an, die er zu zweit aussandte, keine Schuhe mitzunehmen (Lk 10,4). Sofort sollten sie aus Respekt vor den Menschen, denen sie den Frieden bringen würden, die Schuhe ausziehen. Ähnlich hatte dies Mose vor dem brennenden, aber nicht verbrennenden Dornbusch getan, in dem ihm der Engel Gottes begegnete (Ex 3,5). In diesem Sinn betete ich gern auf dem Weg zur Arbeit. Eines Tages entdeckte ich, dass ich selbst stumm blieb, aber ich bemerkte trotzdem in mir ein Gespräch. Ich hörte zu und hatte den Eindruck, dass Jesus in mir mit dem Vater sprach. Diese Kommunikation in mir ließ mich staunen und ich spürte ein Vertrauen, das mich schützend einhüllte.
Ein rassistischer Überfall
Eines Tages verabredeten wir in der Gewerkschaft einen Sternmarsch während der Arbeitszeit. Aus einigen Betrieben kamen wir zum Treffpunkt und zeigten mit mehreren tausend Kollegen unseren Unmut über die geplanten Einschnitte ins soziale Netz. Ebenso wie ein türkischer Kollege aus dem Nachbarwerk redete ich auf der Versammlung und leitete den Zug zurück zu unseren Betrieben. Als ich ihn vor den Werkstoren aufgelöst hatte, sprangen einige Polizisten aus dem Begleitfahrzeug auf meinen türkischen Kollegen zu und wollten seinen Ausweis sehen. Als er nachfragte, machten sie ein großes Geschrei, riefen den türkischen Kolleginnen und Kollegen zu, sie könnten in Ankara demonstrieren und schlugen auf sie ein. Fünfzehn Verletzte, zwei von ihnen krankenhausreif. Ich stand dazwischen und mir geschah nichts. Als danach eine Polizistin ihre Kollegen in Schutz nahm, verbat ich mir ihre Rechtfertigungen. Sie wertete dies als Beleidigung und ich wurde auf dem Verwaltungsweg zu zehn Tagen Gefängnis verurteilt. Den leitenden Polizisten, der zuvorkommend war, traf ich später wieder und er erklärte mir, dass es sich um eine Gruppe Polizisten von der Republikanischen Partei gehandelt hätte und sprach mir sein Beileid aus. In einem zweistündigen Gespräch mit der Gewerkschaftsführung hat der Polizeipräsident das Handeln der Polizisten gerechtfertigt und die Anzeige gegen sie in den Papierkorb wandern lassen.
Vor dem Gefängnis wurde ich auch von den türkischen Kollegen des Nachbarwerkes verabschiedet. Sie behaupteten, dass ich für sie, die Türken, ins Gefängnis ginge. Diese zehn Tage in Plötzensee neben der Hinrichtungsstelle in der Nazizeit war eine wichtige Zeit der Reinigung, der Freude und der Solidarität mit vielen Menschen. Beim Abschied weinte mein Zellennachbar Tränen für mich.
Das Gnadenjahr des Herrn ausrufen
Als 1989 fünfzig Gefangene in Westdeutschland und Berlin ihre Forderungen mit einem Hungerstreik unterstrichen, lasen wir in unserer Gemeinschaft ihre Anliegen. Wir hielten sie für angemessen, geradezu für selbstverständlich. Kranke Gefangene nicht zu entlassen war sogar ein Verstoß gegen das Gesetz. Doch die Gefangenen waren bei den Regierenden politisch verschrien und so wurde nicht auf sie eingegangen. Unsere Gemeinschaft schrieb ihre Sichtweise an alle Parteien im Bundestag. Daraufhin wurden wir während des Hungerstreikes zu einem kurzen Redebeitrag am Beginn einer Großdemonstration eingeladen, zu der etwa 10.000 Menschen nach Bonn anreisten. Viele Teilnehmer/innen waren wie die Polizisten vermummt. Es war eine aufgewühlte Stimmung auch in mir. Eine schlaflose Nacht hatten wohl die meisten von uns hinter sich. Außerdem war der Demonstration von der Behörde der Weg in die Stadt verwehrt worden.
In meinem Beitrag begründete ich meine Teilnahme zum einen mit meinen Erfahrungen auf der Arbeit. In den Betrieben sind entscheidende Regeln der Demokratie ausgesetzt. Gemeinsame Entscheidungen über Produktion, Unfallschutz und Vertrieb werden dort unterbunden, wie es auch im Gefängnis unter staatlicher Herrschaft üblich ist. Zum anderen verdeutlichte ich meine Hoffnung auf die Zusage Jesu, der kam, um den Gefangenen die Entlassung zu verkünden, … die Zerschlagenen in Freiheit zu setzen und ein Gnadenjahr des Herrn auszurufen (Lk 4,18f, vgl. Dt 15). Damit sollte die verletzte Gleichheit unter uns Menschen wieder hergestellt werden.
Zusammen mit Freunden aus verschiedenen Städten schrieben wir einige Monate später in unserer Kommunität allen fünfzig Gefangenen einen Brief. Wir waren bereit, auf ihren Wunsch nach einer gesellschaftlichen Diskussion einzugehen. Sie antworteten alle auf unseren Brief,der viele erläuternde Bibelzitaten enthielt. Ähnlich wie bei den Besuchen in der DDR wurden wir wieder zu Grenzgängern und sahen viele gesellschaftliche Themen von unterschiedlichen Seiten.
Kleine Favelas mitten in der Stadt
Nach dem Fall der Berliner Mauer schlängelte sich der breite, alte Grenzstreifen durch die Stadt. An einigen Stellen wurde er von Obdachlosen mit alten Autos oder Wagen besetzt. Sie lebten dort mit ihren Hunden nach ihren Vorstellungen. Auch ökologisch orientierte Menschen zogen dorthin und wollten ein einfaches Leben führen und die Umwelt schonen. Sie legten Gärten an, machten mit den Kindern der Nachbarschaft Veranstaltungen und suchten neue menschliche Beziehungen untereinander. Nach und nach wurden diese Wagenburgen von der Polizei geräumt, weil sie nicht ins Stadtbild passen würden. Arme Menschen sollten wieder unsichtbar werden. Als die Freunde auf der Wagenburg in unserer Nähe 1993 von der Polizei umstellt wurden, ging ich zu ihnen. Einige wollten nicht freiwillig gehen und ketteten sich an ein großes Kreuz in der Mitte des Platzes an. Ich blieb bei ihnen. Alle Wagen wurde weggezogen. Am dritten Tag besuchte uns der katholische Bischof von Berlin und verglich die Situation mit der Zeit des Mauerbaus. Dann wurden wir abgeführt und gingen nach einer kurzen Pause vor das Rote Rathaus, um unseren Protest dort fortzusetzen. Dieselben Polizisten kamen nochmals mit 12 Mannschaftswagen und wollten uns auch dort vertreiben. Doch einige Menschen wurden aufmerksam und bleiben stehen. Da ließen sie von uns ab. Wir setzten unseren Protest einen Monat lang fort und konnten vielen Menschen das Vertreiben der Armen aus der Stadt deutlich machen. Es gab viele solidarische Antworten. Einige Male feierten wir einen Gottesdienst vor allem mit den Christen unserer ev. und kath. Heimatgemeinden am Ort unseres Protestes. Dann kam die Polizei wieder am Sonntagmorgen zur Gottesdienstzeit und verdrängte uns aufs Neue. Diese Zeit auf der Straße - nur von einem Schlafsack vor der eisigen Kälte geschützt - war sehr wichtig für mich, weil ich mit vielen Jugendlichen auf der Straße Kontakt bekam und sie mir eine ganz neue Welt zeigten. Der Rückweg in unsere Wohnung und auf die Arbeit war nicht leicht. Ich wurde wieder sesshaft und wusste, wie deutlich die auf der Straße Zurückgelassenen in dem Ausdruck "sess-haft" die Einengung, die Haft(anstalt) hören, in der sie nie - wieder - sitzen wollen.
Gottesdienst vor der Abschiebehaft
Im Jahr 1995 wurde die ehemalige Frauenhaftanstalt in Ostberlin kostspielig zu einem Polizeigewahrsam für bis zu 250 Ausländer ohne gültige Papiere umgebaut. Ohne einer Straftat angeklagt zu sein, können sie hier bis zu 18 Monate festgehalten werden. In den Zellen wurden Gitter eingebaut, damit die Gefangenen nicht an die ohnehin vergitterten Fenster treten und sie öffnen konnten. Sie lebten also geradezu in Käfigen. Besuch war nur ohne jeden Körperkontakt hinter einer Scheibe möglich. Das höchste Gut, das ein Staat schützen kann, die Freiheit der Bewegung und der Kommunikation wird hier sehr leichtfertig entzogen. Dabei können viele Menschen, die hier einsitzen, nicht in ein anderes Land abgeschoben werden. Eine Reihe Länder gestatten keine Zwangseinreise in ihr Hoheitsgebiet. Die hier Festgehaltenen sitzen ein, um andere Menschen vor der Flucht nach Deutschland abzuschrecken oder um den Bürgern einen handlungswilligen Staat zu demonstrieren. Anders ausgedrückt: Dieses Gefängnis und andere Abschiebezentren sind staatliche Verbeugungen vor den ausländerfeindlichen Stammtischen im Lande. Politiker wollen wieder gewählt werden. Seit der Wiedereröffnung dieses alten DDR-Gefängnisses stehen wir mit der Gruppe "Ordensleute gegen Ausgrenzung" mindestens alle drei Monate vor seinen Mauern in Berlin Köpenick, informieren uns über die Situation der Menschen, die dort festgehalten werden, singen, lesen in der Bibel, meditieren vor dem Stacheldraht, beten und singen im Blick auf die Gefangenen, die lange nicht an die Fenster treten konnten, "We shall over come". Andere Initiativen haben Verbesserungen in diesem Gewahrsam erreicht. Wir hoffen auf den Fall der Mauern, wie es in Berlin 1989 schon einmal möglich war. Nach der einstündigen Mahnwache, die für uns ein Gottesdienst im Blick auf diesen großen Tabernakel Gottes ist, der uns ja in den Gefangenen begegnen will (Mt 25,31-46), besuchen wir regelmäßig einige der Inhaftierten.
An den Mahnwachen beteiligen sich 30 bis 40 Menschen. Manchmal sind es auch doppelt so viele, selten weniger. So kommen immer neue Menschen an diesen Ort des Unrechts mitten in unserer Gesellschaft und üben hier das Nicht-Wegsehen, das neue Hinhören auf biblische Erfahrungen, auf die Empfindungen der Mitbetenden und die Bestärkung zu solidarischem Handeln mit allen, die in unserer Gesellschaft ausgegrenzt werden. Etwa eine Million Menschen leben in Deutschland ohne Papiere. Sie trotz allem Leugnen der staatlichen Stellen sehen zu wollen und in ihnen Geschwister zu entdecken, ist im Alltag ein wichtiger Schritt für jede und jeden von uns. Durch die regelmäßigen Mahnwachen vor der Gefängnismauer sehen wir unsere Gesellschaft immer vorurteilsfreier und verlieren die Angst, die unterschiedlichen Strukturen in ihr zu entdecken. Das Handeln bleibt individuell recht unterschiedlich entsprechend der Gaben und Möglichkeiten der Einzelnen. Aber hier vor der Mauer um Europa, an der so viele Menschen jedes Jahr sterben, denn die Gefangenen sollen ja jenseits dieser Grenze leben, erkennen wir uns neu in unserer Unterschiedlichkeit. Das Mahnwachengebet ist eine Erinnerung an die Würde jedes Menschen, er ist Ausdruck der Liebe Gottes, die er auf so fantasievolle Weise weltweit sichtbar macht.
Exerzitien auf der Straße
Mit den Erfahrungen der Mahnwachen haben wir seit 2000 "Geistliche Übungen (Exerzitien) auf der Straße" begleitet. Die Teilnehmer/innen suchen sich Orte in der Stadt - der Parkplatz vor dem Abschiebegefängnis ist dafür ein Beispiel -, die ihnen günstig fürs Gebet und die Meditation erscheinen. An diesen Orten wird ihr Herz bewegt. Sie spüren es zum Beispiel, wenn sie aus Trauer oder Freude zu weinen beginnen und neugierig näher treten, wie Mose auf den brennenden, aber nicht verbrennenden Dornbusch zuging. Irgendwo spürte er dann, dass er vor einer entscheidenden Frage in seinem Leben steht und eine Antwort bekommen soll. Er zieht an diesem für ihn heiligen Ort voll Hochachtung seine Schuhe aus.
Die Übenden finden diese Orte in der Stadt an ganz unterschiedlichen Stellen und auch in sich selbst, wenn sie dort Gott entdecken. Dann ist es gut, alle Schuhe des Besserwissens, des Hochmutes und des mangelnden Vertrauens abzulegen und arm - also ohne Ansprüche oder Dünkel - vor Gott zu stehen. Mit diesem Gedanken beginnt Jesus die Seligpreisungen in der Bergpredigt: "Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich." (Mt, 5,3)
Wir bieten nicht nur in Berlin zehntägige Exerzitienkurse auf der Straße an, sondern auch andere Formen, das Leben mitten in unserem Alltag neu zu entdecken und aus dieser Begegnung zu leben.
Interreligiöses Friedensgebet
Als von der Regierung in den USA ein Krieg gegen den Irak vorbereitet wurde, gab es in Deutschland viele Friedensdemonstrationen. Mit den Erfahrungen der Mahnwache vor der Abschiebehaftanstalt und den Exerzitien auf der Straße wurde ab Mai 2002 im Anschluss an die Demonstrationen zu interreligiösen Friedensgebeten eingeladen. Der Friedenswunsch eint Menschen der verschiedenen Religionen und auch Religionslose. Als der Krieg begonnen hatte, hat die darüber entstandene interreligiöse Gruppe weiter zu Gebeten auf der Straße - also unter der allen Religionen gemeinsamen Kuppel des Himmels - eingeladen. Wir stehen jeden ersten Sonntag im Monat auf einem zentralen Platz in Berlin - meist dem Gendarmenmarkt - beten, informieren, schweigen und singen. Jede/r kann sich daran auf eigene Weise beteiligen. Es ist ein offenes Gebet, in dem wir den Schrei unseres Nachbarn und den eigenen nach Frieden hören und Dank über jedes Gelingen menschlichen Zusammenlebens ausdrücken können. Auch dieses regelmäßige Gebet ist uns Übung und Erinnerung, Trennendes in unserer Gesellschaft zu sehen, es vor Gott zu bringen und die Einheit unter den Menschen über vielerlei Grenzen hinweg neu zu erfahren.
Wohngemeinschaft Naunyn 60
Die im Herbst 1978 klein begonnene Gemeinschaft ist in den Jahren gewachsen. Schwer zu sagen, wie groß sie ist. Viele beteiligen sich an ihr und schenken sich gegenseitig und anderen Gastfreundschaft. Etwa 400 Menschen haben im Laufe der Jahre länger in ihr gewohnt, viel mehr haben sich auf sie bezogen und sie mit geprägt. Sie lebt vor allem im Rhythmus von zwei besonderen Mahlzeiten in der Woche:
Am Dienstag treffen sich die Mitglieder der Kommunität zu einem Abendessen, anschließend zu einem oft zweistündigen Austausch über die persönlichen Erfahrungen der letzten Woche und danach zu einer Eucharistiefeier, bei der die Bibeltexte des Tages geteilt werden, die oft die Erzählungen der Einzelnen ausleuchten.
Am Samstagvormittag kommen viele Gäste zu einem mehrstündigen Frühstück. Es ist eine ganz bunte, immer neue Versammlung. Oft merken wir dabei, wie sehr der Hinweis stimmt: "Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt (Hebr 13,2). Manchmal sind wir in den Jahren zu einer Pilgerherberge geworden, die Menschen auf sehr unterschiedlichen Lebenswegen Schutz geboten hat und von der sie dann wieder aufbrechen konnten. Dieser Vergleich drängt sich auf, wenn ich mich in meinem Schlafzimmer umsehe. Dort stehen seit zwanzig Jahren sieben Betten, in denen oft Menschen aus sechs Ländern schlafen.
Die vielfältige Liebe
Das Entdecken der geschwisterlichen Liebe über alle vorgefundenen Grenzen hinweg steht für mich im Zentrum meiner Glaubenserfahrung und ist immer neu der Wendepunkt hin zum Leben. Wie oft müssen wir an diese Vielfältigkeit Gottes erinnert werden? Gott hat die Welt und darin uns Menschen voll sprühender Fantasie geschaffen, da Liebe wohl nur in vielfältiger Unterschiedlichkeit möglich ist. Sie schenkt Einheit und Freude am anderen und uns selbst.
In Berlin sind viele Gegensätze zwischen Menschen sichtbar. Sie können oft friedlich nebeneinander existieren. Dazu gehören auch die Herausforderungen zwischen heterosexuellen und schwul/lesbisch veranlagten Menschen oder jenen, die sich nicht einer der beiden Gruppen zugehörig fühlen. Der Kontakt zu diesen Menschen und zusammen in einer Gemeinschaft zu leben, lässt mich neu nach den Absichten Gottes fragen. In welche umfassende Freude seiner Liebe will Gott uns durch all diese Begabungen einführen und Anteil schenken? Gottes Liebe übersteigt all unsere menschlichen Vorstellungen und Fähigkeiten. Sie kann uns in gnadenhafte Dimensionen führen.
Neuland, das Land der Rückkehr und der Versöhnung
Oft sind wir mitten in Konflikten, in Depressionen oder in einer Sucht gezwungen, einen Schritt zurückzutreten oder gar weiter weg in eine Schutzzone zu fliehen. Hagar lebte im Streit mit ihrer Herrin Sarai und floh in die Wüste (Gen 16), Mose floh nach Midiam als bekannt wurde, dass er einen ägyptischen Aufseher erschlagen hatte (Ex 2,12), und Lukas erzählt in seinem Evangelium, dass Kleopas und sein/e Begleiter/in enttäuscht über die Kreuzigung Jesu von Jerusalem weg nach Emmaus zogen (24,13-24). In diesen und anderen Geschichten tritt mitten im größten Schmerz eine Wende ein. Hagar begegnet dem Gott, der nach ihr sieht, und kann mit dieser neuen Erfahrung in ihre schwierige Lebenssituation zurückkehren. Sie bekommt auch eine Verheißung für ihren Sohn Ismael. - Der in der Fremde umherziehende Mose begegnet Gott in einem Engel. Er soll nach Ägypten zurückgehen und sein Volk im Auftrag Gottes in die Freiheit führen. - Den aus Jerusalem Flüchtenden wird ihre Geschichte neu ausgelegt und sie erkennen Jesu beim Brotbrechen. Sofort, in derselben Nacht, gehen sie zurück nach Jerusalem. Nun können sie Petrus zuhören, wie er von seiner Begegnung mit dem Auferstandenen erzählt, und dann auch selbst von ihren Erfahrungen sprechen. Jesus ist beim Erzählen wieder greifbar nahe und wünscht ihnen seinen Frieden. Doch die Jünger können seine Gegenwart nicht glauben. Er sieht ihre Zweifel und hilft ihnen, in dem er sie um etwas Essbares bittet (Lk 24,35-43).
Nach der Rückkehr mit einer Verheißung, nach einer Klärung oder mit einer Hoffnung (vgl. Lk 15,17-19) wird die alte, schmerzhaft vertraute Situation zu Neuland. Die Umkehr muss sich bewähren. Der Pflug ist ein deutliches Bild dafür. Er wendet die Erde. Das Brachland oder der abgeerntete Acker wird zu Neuland, bereit die neue Saat aufzunehmen. Sie kann nun fest verwurzelt im Boden (vgl. Mt 13,3-8) vielfache Frucht bringen.
Das Erinnern an die geschenkte Freude
Aus der Freude über die empfangene Verheißung oder Hoffnung können wir den Pflug führen und mit der neu entdeckten Sicht in der Gegenwart leben. Beim Pflügen werden wir aber regelmäßig müde und können die neuen Lebensimpulse wieder vergessen. Eine lähmende Traurigkeit macht sich breit oder muss unter großen Kraftanstrengungen überspielt werden. Dann ist es gut, a) an die persönlichen Orte der Umkehr wenigstens in Gedanken oder im Gebet zurückzukehren - in meinem Fall in das Gespräch mit Michael, in den Kohlenbunker mit den türkischen Kollegen, in das Fest nach meiner Entlassung aus dem Betrieb und in andere Situationen meines Lebens. b) Gemeinschaftliche Treffen aufzusuchen: Den Kommunitätsabend mit der Feier der Eucharistie, die Mahnwache vor dem Abschiebegefängnis, das interreligiöse Friedensgebet. c) Außerdem ist es wichtig, persönliche Zeiten für neue Erfahrungen frei zu machen, wie es in Exerzitien oder anderen stillen Zeiten geschieht. In ihnen wird das Erinnern an die eigene Sehnsucht gestärkt und wir dürfen uns in ihr von Gott ansehen lassen.
Weitere Informationen 1) zu den Exerzitien auf der Straße: Christian Herwartz, Auf nackten Sohlen - Exerzitien auf der Straße, Würzburg 2006 und: www.con-spiration.de/exerzitien 2) zum Interreligiösen Friedensgebet: www.friedensgebet-berlin.de
Beitrag aus dem lesenswerten Buch
Bernhard Lübbering Hg., Ein Lesebuch nicht nur für City-Kirchenarbeit,
Dialogverlag Münster 2008
Christian Herwartz SJ Gemeinschaft am Weg
Die Aussagen der 32. Generalkongregation SJ - zum gemeinsamen Engagement für Glaube und Gerechtigkeit - machten den Weg frei zur Gründung unserer Gemeinschaft. Nach meinem Studium in Deutschland wurde ich im Herbst 1975 in eine Kommunität von Arbeiterpriestern SJ nach Frankreich geschickt. Ich war in verschiedenen Firmen als Fahrer, als Pressenführer und nach einer Ausbildung als Dreher beschäftigt. Später folgte mir ein Mitbruder aus Deutschland: Michael Walzer. Er arbeitete in einem Felllager. Mit ihm gründete ich drei Jahre später in West-Berlin unsere kleine Gemeinschaft und wir fanden beide Arbeit in der Elektroindustrie.
Eine doppelte Eingliederung
Als Arbeiter wollten wir den Weg der Inkulturation in unserem betrieblichen Umfeld gehen, hatten aber auch den Wunsch, für Menschen in größerer materieller Not offen zu sein. Deshalb zogen wir innerhalb von Westberlin nach Kreuzberg. Es ist ein Stadtteil mit vielen Menschen aus der Türkei und mit vielen Arbeitslosen. Andere sind aufgrund ihres hohen Alters oder durch Schicksalsschläge an den gesellschaftlichen Rand gedrängt. Dazu gesellen sich Künstler und politisch Interessierte mit einem basisdemokratisch linken Interesse.
Die Kommunität wuchs. Im ersten Jahr kam ein ungarischer Jesuit dazu, der dann weiter zog nach Kolumbien, um unter Straßenkindern zu leben. Er blieb lange Zeit Teil unserer Kommunität. Dann stießen Menschen aus dem Stadtteil zur Gemeinschaft. Im dritten Jahr wurde Franz Keller, ein Bruder aus der Schweiz, zu uns geschickt, der noch mit 55 Jahren eine Arbeit in der Elektroindustrie fand. Er ist heute 83 Jahre und wir beide waren lange die einzigen Jesuiten in der Gemeinschaft. Michael Walzer starb 1987 an einem Gehirntumor. Um diese Zeit waren wir fünf Jesuiten und die Türen der Gemeinschaft hatten sich geöffnet. In den folgenden 30 Jahren wohnten hier auf engstem Raum etwa 400 Menschen aus 61 Nationen. Sie haben in ganz unterschiedlichen Lebenslagen an unsere Tür geklopft und wir haben jeweils eine Matratze mehr ausgelegt, damit alle Platz fanden. Ihre Obdachlosigkeit war entstanden auf Grund einer Krankheit, Fluchtsituationen, Abenteuerlust, Arbeitslosigkeit, Entlassungen aus Gefängnissen oder Krankenhäusern, aus Lebensumbrüchen, und auch aus religiösen Gründen. So wurde die Kommunität nach und nach zu einer Pilgerherberge, in der einige über 10 Jahre blieben, bis ein weiterer Lebensschritt deutlich wurde. Andere zogen schneller weiter. Unsere Mietwohnung wurde ein Ort, Gastfreundschaft im internationalen Rahmen zu üben. Wir wohnten nahe der Mauer, die die Stadt in Ost und West teilte. Die Kontakte zu Menschen jenseits dieser Grenze waren uns sehr wichtig.
Der Reichtum jedes Einzelnen
1987 wurde ich zu einem internationalen Treffen SJ in Frankreich zu dem Thema "Zusammenleben mit Muslimen" eingeladen. Dabei wurde mir deutlicher: Ich lebe nicht nur mit Menschen zusammen, die einen Mangel wie Heimatlosigkeit, Sprachlosigkeit, Krankheit, Arbeits- oder Beziehungslosigkeit haben, sondern, viel wichtiger: ich lebe mit Menschen zusammen, die einen Reichtum mitbringen. Ich darf mit Menschen unterschiedlicher Religionen, Sprachen, Lebensperspektiven zusammenleben. Ähnlich wie auf der Arbeit war jetzt auch in der Kommunität der helfende Aspekt in den Hintergrund getreten und die Entdeckung der Würde jedes Einzelnen stand im Vordergrund. Insgesamt habe ich mein Leben auf der Arbeit und im Stadtteil als einen Weg der Menschwerdung erlebt. In der Freude darüber waren viele Veränderungen möglich.
Die weltweite Gemeinschaft
Die internationalen Kontakte sind ein wichtiger Aspekt der Gemeinschaft, und darin auch die Kontakte zu anderen Jesuiten weltweit. So verwundert es nicht, dass die Texte der letzten Generalkongregationen unser Suchen häufig bestätigten und weitere Entwicklungen unterstützten. Dazu gehört z.B. die Ausrichtung auf den Weg der Inkulturation und des interreligiösen Dialogs, aber auch das Dekret zur Situation von Frauen und die besondere Aufmerksamkeit gegenüber Menschen aus Afrika, die unter uns wohnen. Sie sind mitten im Rassismus unseres Landes ein großes Geschenk.
Politische Gebete
Zusammen mit anderen, den Ordensleuten gegen Ausgrenzung, begannen wir vor 14 Jahren ein regelmäßiges Gebet vor dem Gefängnis, in dem Menschen ohne kriminelle Auffälligkeit einsitzen, weil sie in andere Länder abgeschoben werden sollen. Als Berliner haben wir schmerzhafte Teilungs- und Mauererfahrungen. Wir sind empört über diese Freiheitsberaubung. Nun stehen wir regelmäßig vor der Gefängnismauer, die für uns ein Teil der Mauer um Europa oder um Länder wie die USA ist. Im Gebet übersteigen wir die Grenzen und unser Leben darf sich ausweiten.
Vor 6 Jahren begannen wir mit Muslimen, Hindus, Buddhisten, Religionslosen und sporadisch mit Menschen anderer Religionen ein interreligiöses Friedensgebet, zu dem wir uns jeden Monat auf einem großen Platz mitten in der Stadt versammeln.
Exerzitien auf der Straße
Das innere Gebet am Arbeitsplatz und das gemeinsame vor dem Gefängnis haben uns den Weg gewiesen, die Ignatianischen Exerzitien neu wahrzunehmen. Für uns sehr überraschend wurden wir im Jahr 2000 dazu aufgefordert, "Exerzitien auf der Straße" anzubieten. Diese Anfrage hat unser Leben verändert. Die Erfahrungen des ersten Kurses wurden im Jahrbuch der Jesuiten 2002 unter dem Titel "Nach Orten der Gottesbegegnung suchen" dokumentiert. Weitere Kurse fanden in anderen Städten statt, in denen wir wohl ähnliche Erfahrungen wie Ignatius in Manresa machten.
Auf diesem Exerzitienweg, der nicht abseits in einem stillen Haus, sondern mitten in der Stadt stattfindet, gibt es nur einen zentralen Impuls: Wir erzählen die Geschichte von Mose, der die ihm anvertrauten Tiere eines Tages über die Steppe hinaus treibt und dort einen brennenden aber nicht verbrennenden Dornbusch entdeckt. Neugierig geht er darauf zu und hört, dass er auf Heiligem Boden steht und die Schuhe der Distanz ausziehen soll. Das Feuer der Liebe, das brennt und nicht verbrennt, eröffnet ihm zuerst Bekanntes aber vielleicht Beiseitegeschobenes, nämlich die Not seines Volkes. Die Stimme aus dem brennenden Dornbusch nennt ihren Namen und ruft Mose in seinen Dienst zur Befreiung des Volkes aus der Sklaverei (Ex 3).
In den Exerzitien lassen sich die Teilnehmer/innen ihren "Dornbusch", und damit den eigenen heiligen Ort zeigen, an dem sie die Schuhe des Besserwissens, der schnellen Flucht oder der eigenen Abwertung möglichst real ausziehen. Unscheinbare zufällige Orte; Menschen am Weg; historische und soziale Brennpunkte; Leidvolles in der eigenen Lebensgeschichte; an vielen dieser Plätze lässt sich Gottes Stimme hören. Teilnehmer/innen und Begleiter/innen werden überrascht von den entdeckten Meditationsorten und den sich dort anbahnenden inneren und äußeren Gesprächen. Das Wort "Straße" im Titel soll auf die offene Frage nach der persönlichen Begegnung aufmerksam machen. Das Suchen und Finden Gottes in allen Begegnungen entspricht der Grunderfahrung von Ignatius.
Diese Begegnungen sind die zentralen Impulse für den inneren Prozess, sei es in einem Kurs über 10 Tage oder für einige Stunden. Es geht um die direkte Erfahrung mit dem Auferstandenen in unserer Umgebung und die Beziehung zum Hl. Geist in uns selbst. In diesem äußeren und inneren Erleben werden Prozesse der Heilung angestoßen und Entscheidungen ermöglicht. Die Teilnehmer/innen erzählen anschließend als autorisierte Zeugen ihre biblischen Geschichten der Gegenwart. Sie kommen aus unterschiedlichen Lebensbereichen, religiösen Gruppen oder aus einem nichtkirchlichen Leben.
Manche Übende sind Gäste in unserer Wohnung. Anderen bieten wir an schlichten Orten kostenlose Exerzitienkurse an. Informationen in verschiedenen Sprachen unter www.con-spiration.de/exerzitien
Der gemeinsame Lebensrhythmus
Heute schlafen in unserer Wohnung durchschnittlich etwa 16 Menschen, darunter zur Zeit vier Jesuiten. Wie viele hier ihren Lebensmittelpunkt haben, also nach eigenen Angaben mit uns wohnen, ist mir unbekannt. Ich bin immer neu verwundert, mit wem ich zusammenwohnen darf und wer sich auf die eine oder andere Weise der Gemeinschaft zugehörig fühlt.
Jeweils Dienstags gibt es für die hier Wohnenden ein Abendessen und eine Runde über die Ereignisse der letzten Woche. Jede und jeder erzählt, welche Anstöße wichtig geworden sind. Nach diesem etwa zweistündigen Zuhören feiern wir die Messe am selben Tisch. Die biblischen Texte des Tages lassen uns neu auf die Ereignisse der Woche sehen, indem wir uns darüber austauschen. Neben diesem etwa vierstündigen "Gottesdienst" - Essen, Austausch, Eucharistie - gibt es jeweils am Samstag ein ebenso langes großes Frühstück, zu dem oft 40 Menschen nach und nach kommen. Jede/r bringt Themen mit, über die wir ins Gespräch kommen. Im Rhythmus dieser beiden Mahlzeiten lebt die Gemeinschaft auf dem Weg mit allen hier Wohnhaften und ihrer Mitwelt, die sie als Gäste beherbergen darf.
Ein planloses Leben
Es gibt keinen Reinigungs- oder Abwaschplan, keinen Begrüßungs- oder Beratungsplan, aber ein großes Vertrauen auf die Führung Gottes und die Hoffnung, seine Anstöße auch mitten in schmerzhaften Situationen wahrzunehmen. Wir machen anarchistische Erfahrungen, die auf der Wertschätzung jedes Einzelnen aufbauen. Nach der Wüstenwanderung Israels wehrten sich die Propheten dagegen, Könige einzusetzen (Richter 9). Auch Jesus wandte sich gegen Herrschaftsstrukturen, die tagtäglich viele Menschen ausgrenzen. "Die Könige herrschen über ihre Völker und die Mächtigen lassen sich Wohltäter nennen. Bei euch aber soll es nicht so sein!" (Lk 22,25ff). Wir entdecken neu die verwandtschaftliche Hoffnung aller Menschen. In diese Freiheit werden wir zurückgestoßen, besonders von Menschen, die in unserer Gesellschaft ohne behördliche Papiere leben. In Berlin sollen es etwa 100.000 Menschen sein, in Deutschland werden sie auf eine Million geschätzt. Sie leben in unserer Mitte eine Ungesichertheit, die uns herausfordert. Das Vertrauen dieser Menschen ist ein jeweils neu zu entdeckendes Licht. Manchmal suchen uns diese Boten Gottes aus fast allen Ländern der Welt auf. Dann ist ein Festtag mitten in der globalen Völkerwanderung, die unsere Welt herausfordert. Diesen Festtag nicht zu übersehen und ihn auf die eine oder andere Weise zu begehen, ist ein Schritt auf dem Weg des Lebens mit all den Menschen weltweit, von denen sie uns in ihrer Not Zeugnis ablegen. Die Verwurzelung in diesen Menschen und damit in dem Mensch gewordenen Gott ist die einigende Kraft unserer Gemeinschaft, die für uns unplanbar ist und der wir die Tür offen halten wollen.
Keine professionelle Hilfe
Die Gemeinschaft lebt in einem politischen, interreligiösen und kirchlich ökumenisch herausforderndem Zusammenhang. Sie hat sich nicht auf ein Thema spezialisiert über das sie eine besondere soziale Kompetenz beanspruchen könnte. Professionelle Hilfe muss anderswo gesucht werden. Menschen ganz unterschiedlicher Prägung sind anwesend, mit denen wir Gemeinschaft und Freundschaft entdecken. Dabei finden wir viele Abhängigkeiten und entdecken unterschiedliche Suchtverhalten. In den freundschaftlichen Beziehungen nicht selbst zu Co-Süchtigen zu werden, ist eine große Herausforderung. Wir wollen uns durch die Suchtbrille den Blick für die Wirklichkeit nicht verstellen lassen und jeweils zum eigenen Nein und Ja oder zum Widersagen und Glauben finden, wie es in der Liturgie der Taufe heißt. Wir sind selbst in Süchte verstrickt: wir stecken mit vielen in der kapitalistischen Sucht der Geldvermehrung. Auch durch die klerikale Sucht in religiösen Gemeinschaften - gleich welcher Weltanschauung - wird der Blick auf die Wirklichkeit durch Gesetzlichkeit verstellt. Im Bereich der Sexualmoral werden Grundsätze wichtiger als der barmherzige Blick auf betroffene Menschen. Sie geraten darüber in Notlagen. Wir sind eingeladen, einen Schritt auf dem Weg der Einheit mit Gott und der von ihm geschenkten Freiheit zu tun. Die dankbare Freude darüber, wenn Ungeister weichen und Versöhnung eintritt, ist unermesslich.
Zusammenfassend
Am Schluss soll eine Definition unserer "community of inseration" stehen, die den Namen unserer Straße trägt: Naunynstraße 60. Für mich ist die Kommunität eine überbordende und doch stille Pilgerherberge geworden, in der Gastfreundschaft geübt wird mitten in einer Gesellschaft, die ständig neue Kontroll- und Überwachungstechniken einsetzt und in der die traditionellen kirchlichen Gemeinschaften an Bedeutung verlieren. Unsere Kommunität verwurzelt sich in der Begegnung mit Menschen im nahen Umfeld, im weltweiten Zusammenhang und darüber in der Wirklichkeit Gottes, der uns in allem überraschen will.
Artikel für die Zeitschrift Promotio Justitiae, Rom (eng.fr.it.span.) 2008
Andreas Ebert Exerzitien auf der Straße
Franz Jalics ist Jesuit. Die kontemplativen Exerzitien mit dem Jesusgebet sind eine Weiterentwicklung des ignatianischen Übungswegs, der am Ende auf das kontemplative Einswerden mit Gott zielt. Eine scheinbar völlig anders geartete Form von Exerzitien hat der Berliner Jesuit Christian Herwartz entwickelt. Er lebte bis zur Verrentung als Arbeiterpriester in Berlin und gründete mit Ordensbrüdern vor über 25 Jahren mitten in Kreuzberg eine offene Wohngemeinschaft, in der alle Menschen willkommen sind, die eine Zuflucht suchen oder Teil einer geistlichen Gemeinschaft sein wollen. Manche bleiben nur kurz, bei anderen werden es Jahre. In diesem Kontext sind die Exerzitien auf der Straße entstanden, als ein junger Jesuit Christian Herwartz bat, bei ihm Exerzitien machen zu können. Nicht im Wald, nicht bei der Bibellektüre, nicht in kontemplativer Versenkung - mitten im Leben, mitten in der Stadt wollte er sich auf die Suche nach den Spuren Gottes machen. Hatte nicht Ignatius von Loyola dazu eingeladen, "Gott in allen Dingen zu suchen"?
Christian Herwartz forderte den jungen Mann auf, tagsüber in Berlin mit offenem Herzen unterwegs zu sein. Abends könnte man dann das Erlebte gemeinsam auswerten. Aus diesem persönlichen Impuls eines Einzelnen ist inzwischen eine Bewegung entstanden, die eine bestimmte Form gefunden hat: die Exerzitien auf der Straße, die in vielen Städten angeboten werden.
Die bis zu zehn Teilnehmer/innen wohnen während der zehntägigen Exerzitien in einer einfachen Unterkunft, in Kreuzberg zum Beispiel in einem ehemaligen Notquartier für Obdachlose im Keller einer Kirchengemeinde. Tagsüber gehen sie aufmerksam durch Berlin und suchen nach Orten, wo ihre Interessen, ihre Gefühle und ihre Sehnsüchte angesprochen werden. Dort bleiben sie stehen, ziehen (innerlich oder buchstäblich) die Schuhe aus und verweilen in Achtsamkeit. Sie meditieren, beten, versuchen vor ihren Ängsten nicht zu fliehen, werden ansprechbar oder nehmen selbst Kontakt auf.
Die Übung des Schuheausziehens entstammt der biblischen Geschichte, wie sie im 2. Buch Mose erzählt wird: Mose, ein Ziegenhirt in der Wüste Sinai, sieht mitten in seinem Alltag etwas Ungewöhnliches. Das geschieht in dem Augenblick, wo er mit seiner Herde eine Grenze überschreitet und das bisher gewohnte Weideland hinter sich lässt: Ein Dornbusch brennt und verbrennt doch nicht. Mose wird neugierig und will sich das Geschehen aus der Nähe ansehen. Da hört er eine Stimme, die ihm sagt: "Zieh deine Schuhe aus! Du stehst auf heiligem Boden." Mose hört neu von der Versklavung seines Volkes (und damit auch von der eigenen verdrängten Not) und begreift, dass ihm bei der Befreiung der versklavten Hebräer eine wichtige Rolle zugedacht ist. Er wehrt sich und fragt die Stimme: "Wie heißt du?" Er bekommt die Antwort: "Ich bin da!" Im Angesicht des Gottes, der da ist und dessen Leidenschaft für die versklavten Menschen brennt und sich doch nicht verzehrt (wie der Dornbusch) erfährt Mose, wer er selbst ist. Er erlebt sein eigenes Da-Sein, seine eigene Identität, und wird als Mit-Wirkender hineingezogen in das rettende Handeln Gottes. Er wehrt sich zwar zunächst gegen die ihm zugedachte Aufgabe. Aber dann geht er dennoch los.
Die Schuhe ausziehen ist ein Bild für die Bereitschaft, verwundbar und offen zu sein, mit Respekt zuzuhören, sich berühren zu lassen. Die Schuhe stehen für Distanz, für Schutz- und Abwehrmechanismen, die wir Menschen zum Überleben brauchen (zum Beispiel unser Enneagrammmuster!). Transformation und die Begegnung mit Gott und unserem wahren Selbst aber ereignet sich in Momenten der Entblößung, der Wehrlosigkeit im Schutze der liebenden Gegenwart Gottes.
Unsere Schuhe können sehr unterschiedliche Namen haben. Jedes Enneagrammmuster steht auch für ganz bestimmte Abwehr- und Schutzmechanismen. Vielleicht muss sich die EINS von den Schuhen des Rechthabens und des Perfektionismus lösen, die ZWEI von den Helferschuhen, die DREI von den Schuhen des Erfolgs, die VIER von den Schuhen des Außerordentlichen, die FÜNF von den Schuhen des Beobachters, die SECHS von den Schuhen der Angst und des Misstrauens, die SIEBEN von den Schuhen der Genusssucht, die ACHT von den Schuhen der Stärke und die NEUN von den Schuhen der Passivität und Trägheit.
Die oft dornige Realität, in der sich Gott verbirgt, wird mit nackten Füßen berührt, um in dieser unmittelbaren Berührung die eigenen Verletzungen und Widerstände, die eigenen (und fremden Sehnsüchte) und Impulse zu einem erfüllten Leben zu suchen. Die Schuhe auszuziehen kann der Beginn sein, mitten in der Welt der Meinungen und Vorurteile neu in ein Nichtwissen zu treten, respektvoller zu werden gegenüber den Mitmenschen und ihrer Wirklichkeit, aber auch gegenüber der eigenen Geschichte und Realität. Es geht darum, an dem "heiligen Ort" der Aufmerksamkeit neu zu hören, zu sehen, zu riechen, zu tasten.
Die Teilnehmer/innen suchen in Berlin z.B. unter Obdachlosen oder Drogenabhängigen, in einem türkischen Cafe oder in einer Moschee, bei Strichern und Prostituierten, an der Hinrichtungsstätte Plötzensee oder dem Holocaust-Denkmal einen Ort, wo sie spüren, dass das eigene Herz zu "brennen" beginnt. Niemand schreibt ihnen vor, wo oder wie sie suchen müssen. Jede Exerzitiengeschichte ist einmalig und unvergleichbar. Es geht schlicht darum, sich von Gottes Geist unmittelbar führen zu lassen. Die Exerzitant/inn/en nehmen die Umwelt und die eigenen Gefühle wahr und beginnen zu ahnen, weshalb sie sich gerade diesen Ort "ausgesucht" haben oder hierher geführt wurden.
Vielleicht ist der Teilnehmer oder die Teilnehmerin der Menschengruppe oder Fragen, die dieser Ort aufwirft, bisher aus dem Weg gegangen. Die Spiritualität des Enneagramms enthält unter anderem die Einladung, die eigenen Vermeidungsstrategien wahrzunehmen und dem Vermiedenen nicht länger auszuweichen. EINSER meiden beispielsweise das Schmutzige und Unvollkommene, ZWEIER die eigene Bedürftigkeit, DREIER Scheitern und Misserfolg, VIERER das Banale und Gewöhnliche, FÜNFER Verwirrung und mangelnden Durchblick, SECHSER das Illegale und Verbotene, SIEBENER das Dunkle, Krankheit und Schmerz, ACHTER Hilflosigkeit und Schwäche und NEUNER fokussiertes Handeln. Zu Beginn der Exerzitien auf der Straße steht deshalb die Besinnung darüber, was mich wütend oder traurig macht, was ich vermeide, wo ich Gott am liebsten nicht begegnen möchte. Fast immer erleben die Exerzitant/inn/en, wie sie von Gott Schritt für Schritt behutsam genau dahin geführt werden, wohin sie - zunächst - nicht wollen, weil gerade da Transformation und Integration möglich werden (so wie die SIEBEN Franziskus, der Leidvermeider, sein tiefstes Bekehrungserlebnis in dem Augenblick hatte, wo er den bisher gemiedenen Aussätzigen umarmt hat).
Es bleibt geheimnisvoll, weshalb Menschen bei diesen Exerzitien gerade an diesen oder jenen Ort geführt werden, bestimmten Mit-Menschen begegnen. Im Rückblick erkennen viele eine überwältigende höhere Regie in den "Inszenierungen", die ihnen Tag für Tag bei den Exerzitien geboten werden. Abends kommen die Übenden zurück in die Herberge und erzählen nach einem gemeinsamen, selbst zubereiteten Essen und Gottesdienst in der Kleingruppe (bis zu fünf Teilnehmer/innen und ein Mann und eine Frau als Begleiterteam) von ihren Wegen, ihrem Suchen, ihrem Stehenbleiben, ihrer behutsamen Annäherung an die Orte, die sie persönlich als wichtig, aufwühlend und heilig erfahren haben. Sie berichten auch von den entdeckten Schwierigkeiten, den Ängsten, den Dornbüschen in ihrem Leben. Dabei werden sie aufmerksam begleitet, um selbst deutlicher zu erkennen, wohin sie geführt werden. Oft entdecken und verstehen sie erst beim Erzählen und durch die Nachfragen und Impulse der Gruppe die tiefere Bedeutung des Erlebten und bekommen wesentliche Impulse für den nächsten Tag.
Zur Gottessuche bei den Alltagsexerzitien gehört auch die Frage nach dem Namen Gottes, den man/frau sucht. Nicht nur der Islam kennt die Tradition der 99 Namen Allahs; auch die Bibel enthält zahllose Gottesnamen und Gottesbilder. Mit Hilfe der Gruppe fragen die Exerzitant/inn/en danach, welchen Gott sie suchen oder sie versuchen am Ende eines Tages zu benennen, welcher Aspekt (Name) Gottes ihnen heute begegnet ist. Vielleicht begegnet die EINS dem großzügigen Gott, die ZWEI dem Gott, der ihre Einsamkeit und Bedürftigkeit sieht, die DREI dem Verlierergott, die VIER dem hässlichen Gott, die FÜNF dem einfältigen Gott, die SECHS dem Gott, der ihr etwas zutraut, die SIEBEN dem leidenden Gott, die ACHT dem schwachen Gott und die NEUN dem Gott, der sie sieht und wahrnimmt. Eine echte Gottesbegegnung ist jedenfalls immer überraschend (manchmal auch erschreckend), fremd, anziehend und heilend.
Die Schlussphase der Exerzitien beginnt mit dem Ritual der Fußwaschung (Johannes 13) und mit der Meditation der Geschichte von den beiden Jüngern, denen Jesus auf ihrem Trauerweg von Jerusalem nach Emmaus begegnet (Lukas 24). Obwohl sie ihn nicht gleich erkannt haben, begreifen sie im Nachhinein, dass ihr brennendes Herz Indiz seiner Gegenwart gewesen war ("Brannte nicht unser Herz als er mit uns redete auf dem Weg…"). Erst als er das Brot mit ihnen bricht, fällt es ihnen wie Schuppen von den Augen. Sie eilen zurück nach Jerusalem und begegnen anderen, die gleichzeitig, aber auf eigene und andere Weise, dieselbe Erfahrung gemacht haben: Jesus lebt.
Schließlich reflektieren die Exerzitant/inn/en noch einmal in der großen Gemeinschaft den ganzen Weg, den sie gegangen sind. Sie teilen einander mit, wo ihr eigenes Herz gebrannt hat, welche Schuhe sie ausgezogen haben, welcher Gott ihnen begegnet ist. Beim abschließenden Gottesdienst in der gastgebenden Gemeinde drängt es in der Regel einige von ihnen, "Zeugnis" abzulegen und den Mitgliedern der gastgebenden Gemeinde etwas von dem mitzuteilen, was sie in dieser Zeit, in diese Stadt, in dieser Gemeinde und Kirche erfahren haben. Sie sprechen von Transformationen, die sie dabei erfahren haben. Vielleicht spricht die EINS jetzt von der Begegnung mit dem unvollkommenen und schmutzigen Gott, die ZWEI vom Gott, der ihre tiefsten Sehnsüchte und Bedürfnisse sieht, die DREI vom Looser-Gott, die VIER vom Gott, der das Gewöhnliche außergewöhnlich macht, die FÜNF vom Gott, der berührt und überwältigt, die SECHS vom Gott, der zur Grenzüberschreitung einlädt, die SIEBEN vom Gott, der mitten im Dunkel aufleuchtet, die ACHT vom unschuldigen und wehrlosen Gott, die NEUN vom Gott, der inspiriert und zum Handeln ermutigt. Vielleicht. Vielleicht begegnet ihnen Gott auch noch einmal ganz anders…
Die Exerzitien auf der Straße sind ein praktisch geldfreies Projekt. Die Teilnahme ist gratis (außer ein wenig Geld in die gemeinsame Kasse, aus der Lebensmittel gekauft werden); die Begleiter/inn/en tun ihren Dienst ehrenamtlich. Termine, Berichte und Anmeldung im Internet unter www.con-spiration.de/exerzitien/.
Leseprobe aus: Andreas Ebert, Die Spiritualität des Enneagramms, Claudius Verlag München 2008, Seite 305-313
Peter Hundertmark Mit offenen Augen beten
"Mit offenen Augen beten" - dieser Titel irritiert, schließen die meisten Menschen, wenn sie alleine und in den persönlichen Anliegen beten, doch die Augen, um besser bei sich selbst und in der eigenen inneren Bewegung sein zu können. Zu Recht, denn die Rückwendung nach innen unterstützt auf gute Weise die Hinwendung und Beziehung zu Gott, der Geist ist, unsichtbar und uns inwendig gegenwärtig. "Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest, und schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist." (Mt 6,6) Auf den ersten Blick macht derjenige alles falsch, der mit offenen Augen beten will und dazu auch noch den öffentlichen Raum, die Straße und die belebten Plätze aufsucht.
Aber Gott ist nicht nur in uns, in unserem Herzen und in unserer Sehnsucht. Nichts, was ist, ist ohne Gottes Gegenwart, wenn auch nichts, was ist, Gott ist. Gott lässt sich in allen Dingen suchen und finden. Er ist der Schöpfer, der hinter den Geschöpfen erahnt werden kann. Er ist der Herr der Welt und der Geschichte. Nichts geschieht ohne ihn. Und er ist in Jesus Christus selbst Mensch und Teil dieser Welt geworden. Sein Reich hat er mitten unter uns aufgerichtet und seine Gegenwart in besonderer Weise an die Armen gebunden. Es gibt keinen Ort, der ihm fern ist. Die Wirklichkeit dieser Welt ist nicht von Gott getrennt; sie ist Gottes Wirken. Durch die Wirklichkeit kommt Gott auf uns zu. "Gott umarmt uns durch die Wirklichkeit." (W. Lambert SJ)
"Mit offenen Augen beten" ergänzt das Beten mit geschlossenen Augen. Zum Beten in der Gegenwart Gottes in uns tritt das Beten in der Gegenwart Gottes in der Wirklichkeit um uns hinzu. Das Außen wird dabei in die gleiche meditative Achtsamkeit einbezogen, die sonst die inneren Prozesse begleitet. Im Blick auf sich selbst und ebenso im Blick auf die Welt suchen die Betenden sich für die persönliche Zuwendung Gottes zu jedem Einzelnen zu bereiten. In beiden Weisen zu beten, sucht die Sehnsucht der Betenden die Begegnung mit Jesus Christus, der als Auferstandener bleibend in uns und mitten unter uns ist.
Wer mit offenen Augen zu beten sucht, begibt sich jedoch nicht in den geschützten Raum einer Kirche, sondern dahin, wo ihm möglicherweise Relevantes im Außen begegnen kann: also zum Beispiel in die Fußgängerzone einer Stadt, an den Bahnhof, zu einem Krankenhaus oder an die Mauer eines Gefängnisses. Oft wird er oder sie ausdrücklich die Nähe zu den Armen suchen, in der Gewissheit bei ihnen niemals weit von Christus entfernt zu sein. Freilich betet er oder sie auch im öffentlichen Raum nicht öffentlich. Beten mit offenen Augen ist keine Demonstration von Frömmigkeit vor den Augen eines staunenden Publikums!
Das "Material" mit dem mit offenen Augen gebetet wird, ist das, was gerade geschieht, die Menschen um mich herum. Dieses Außen jedoch wird nach innen gezogen, es bleibt mir nicht äußerlich. Vielmehr sucht der/die Betende sich selbst zum Resonanzraum zu bereiten, in dem die Dinge, Menschen, Begegnungen und Situationen zum Klingen kommen und Bedeutung gewinnen. Eine achtsame Haltung, die eher sorgsam wahrzunehmen sucht, als in die inhaltliche Auseinandersetzung zu gehen, unterstützt dieses Nach-Innen-Holen. Auch Beten mit offenen Augen lässt sich Bedeutung schenken, hört spürsam auf die verborgene Stimme Gottes hin und versucht, das eigene Deuten und (innere) Reden zurück zu lassen.
Nach aller Erfahrung geschieht es auch nicht häufiger, dass wir durch äußere Bilder und Geschehnisse aus der betenden Haltung herauszurutschen, denn durch innere Stimmen, Gedanken und Bilder, die aus der eigenen Seele aufsteigen. In beiden Weisen des Betens ist es eine ständige Aufgabe, sich aus der Ablenkung, aus den eigenen Gedankenketten, wieder zurück zu holen und "sanft in die Gegenwart des Herrn zu versetzen" (Franz von Sales). Beten mit offenen Augen ist Gottsuche und da Gott in unserer Welt nicht unvermittelt vorkommt, mit den gleichen Schwierigkeiten belastet, wie jede menschliche Gottsuche. Wie im Beten mit der Bibel die Gefahr besteht, am Buchstaben hängen zu bleiben; so wie beim Beten mit inneren Regungen und Bewegungen die Gefahr besteht, vom Strom der eigenen Gedanken davon getragen zu werden, so besteht beim Beten mit offenen Augen die Gefahr, in den Bann des Geschehens zu geraten, innerlich nach Lösungen zu suchen oder äußerer Aktivität nachzugeben.
Experiment
"Mit offenen Augen beten" ist schweigendes, wildes, freies Beten in der Öffentlichkeit - ohne den Schutz der liturgischen Form und der sicheren Formeln des Glaubens. Von seinem ganzen Charakter her ist es ein Experiment. Ein Experiment mit mir, in meiner Welt, mit meinem Gott. Oder ein Experiment Gottes. Wie jedes echte Experiment hat Beten mit offenen Augen kein vorher absehbares Ergebnis. Was mir begegnen wird, wo ich hängen bleibe, wer mir begegnet und welche Bedeutung Gott daraus für mich erschließen will, ist nicht im Voraus zu ahnen.
Ein Experiment ist Beten mit offenen Augen jedoch auch, weil es sich an die Ränder der eignen kleinen Welt begibt, dahin wo ganz andere Lebenswelten direkt neben meiner existieren, sich mit meiner Welt kreuzen, ohne dass es im Alltag zu einer Begegnung kommt. Beten mit offenen Augen fordert heraus, denn die erste Einsicht, die sich umgehend und unabweisbar einstellt, ist, dass alles, mein ganzes Leben, die ganze kunstvolle Ordnung meiner Welt auch anders sein könnte. Und schon steht vor Augen, woran ich hänge, was mein Leben trägt, worauf ich mich verlasse und wie viel oder wie wenig davon in Kontakt ist mit meinem Glauben, meinem Lebensziel und meinem Gott.
Beten mit offenen Augen ist auch Versuch und Irrtum: Wie sieht die Welt eigentlich aus, wenn ich in der Fußgängerzone am Boden sitze, wie fühlt sich ein belebter Bahnhof an, wenn ich in der Nähe der Obdachlosen, Punks oder Fixer sitze? Was traue ich mich und wo sind meine Grenzen? Was passiert eigentlich, wenn ich einmal für eine Weile einen Fuß nach jenseits der Grenze meiner gelernten Weltbewältigung setze? Lässt sich Gott, den ich in der Kirche oder in einem Meditationsraum manchmal so nahe erspüre, finden, wenn es laut, bewegt und säkular ist?
Aber auf diese Weise wird nicht nur neue Einsicht gewonnen. Auf der Suche nach Gott im Fremden wird mein Glaube ein wenig mehr alltagstauglich, ein wenig mehr weltlich und ein wenig mehr praktisch bedeutsam. Wenn ich Gott ahne und vielleicht auch finde, wo er erst einmal nicht zu sein scheint, entsteht eine neue, ungeahnte Wirklichkeit. Obwohl nichts Gott ist, ist die "Welt Gottes so voll" (A.Delp SJ). "Sitzt" Gott aber bei den Obdachlosen, verändern sich meine moralischen Maßstäbe, werden sich meine Optionen neu sortieren müssen, wird mein Engagement anders aussehen. Es geschieht Metanoia - Umwandlung des Herzens. Im Experiment, mit offenen Augen zu beten, entsteht ein neuer Mensch, der mir von nun an aufgegeben ist.
Und es braucht eine neue Sprache für den Glauben. Eine Sprache, die sich nach Erde anfühlt, die nach dem Schweiß der Angst und der Arbeit riecht, eine Sprache mit dem Geschmack allen Glücks und aller Bitterkeit der Welt, die heutig klingt und die Augen öffnet für Gottes Welt - und was ihr entgegen steht. Wer immer versucht, über seine betende Erfahrungen auf der Straße mit anderen zu sprechen, wird erleben, dass diese neue Sprache in ihm oder ihr wächst, aufbricht, vielleicht stotternd, verlegen erst, dann aber kraftvoll und unumkehrbar: Glaube, der zur Welt gekommen ist.
Exerzitien
Versuch und Irrtum, Experiment, auch experimentelle Spiritualität brauchen nicht selten viele Versuche, brauchen oft ganze Experimentreihen. Vielleicht steht beim ersten Versuch die Irritation der "falschen" Umgebung ganz im Vordergrund. Vielleicht braucht es einige Anläufe und längere Zeiten bis sich Beten mit offenen Augen überhaupt nach Beten anfühlt, bis es gelingt, das Äußere nach innen zu holen und mit Gott ins Gespräch zu bringen.
Viele Menschen haben erst einmal länger mit ihren Impulsen zu kämpfen, "dass man da doch was machen muss". Wenn sich die Fragen dann auf sie selbst zurück zu wenden beginnen, ist ein weiterer wichtiger Schritt getan. Denn Gott zu suchen und zu finden, nicht platt, nicht sozialromantisch, aber auch nicht beliebig und entrückt, ist eine neue Herausforderung. Sich von Gott umwandeln zu lassen, braucht Zeit. Annehmen zu können, dass er auch mich auf seinen Weg ruft, der mitten durch ganz fremde Welten führt, an Jesu Christi Seite hin zu den Armen, hinein vielleicht in ohnmächtige Wut und stumme Hilflosigkeit, diese erneute Bekehrung des Herzens dauert. Und darin Auferstehung zu spüren, den Auferstandenen zu tasten, kann zu einem ganzen Lebensprogramm werden.
Es wird nur mit Üben gehen, immer wieder üben. Denn das, was man sich ausdenken könnte, ist es nicht. Und es wird nur langsam gehen, noch langsamer. Denn das Schnelle bleibt an der Oberfläche und "lebt die Welt nicht durch bis auf ihren Grund" (nach A. Delp SJ). Beten mit offenen Augen hat seine Heimat im beharrlichen geistlichen Üben, in Exerzitien - in Exerzitien auf der Straße, wie sie der Jesuit und Arbeiterpriester Christian Herwartz in Berlin-Kreuzberg entwickelt hat und seit einigen Jahren begleitet. Eingebunden in einen Exerzitienweg entfaltet Beten mit offenen Augen seine volle Kraft. Zehn Tage stehen zur Verfügung, um langsamer zu werden und geistlich zur Welt zu kommen. Leben unter einfachsten Bedingungen, Schlafen in einer Sammelunterkunft, Auskommen fast ohne Geld - die äußeren Rahmenbedingungen stützen die innere Wandlung hin zum Weg Jesu. Ein erfahrener Begleiter, der um die Dynamik eines solchen geistlichen Weges weiß, und eine Gruppe, die gemeinsam übt, die Erfahrungen teilt und sich wechselseitig stärkt, helfen den Herausforderungen auf den Grund zu gehen.
Heiliger Boden
Aus den Exerzitien auf der Straße stammt der Anschluss allen Betens mit offenen Augen an die alttestamentliche Erzählung vom brennenden Dornbusch (Ex 3). Dort wird erzählt, dass Moses als er über seine normalen Wege hinaus in die Wüste geht, dort etwas Ungewöhnliches im aller Gewöhnlichsten entdeckt: ein Dornbusch brennt und verbrennt doch nicht. Als er es anschauen will, wird er zurückgehalten, denn dort ist Heiliger Boden - Gott wird sich zeigen, wie er ist, wird seinen Namen preisgeben. Nur ohne Schuhe, barfuß und ohne Schutz, kann sich Moses dem Dornbusch nähern und Gottes Stimme hören.
Beten mit offenen Augen wagt sich ebenfalls ein wenig über die eigene Welt hinaus. Heiligen Boden zu suchen wäre wahrscheinlich zwecklos. Überall ist nur die graue Welt unseres säkularen Jahrhunderts zu finden. Aber die Erfahrung sagt, dass denen die aufmerksam sind, heiliger Boden geschenkt wird, direkt hinter der nächsten Ecke, beim Allergewöhnlichsten, nicht selten vor dem Fremden, Verabscheuten und Ausgeblendeten. Zur Erfahrung wird dieses Angebot, wenn es gelingt wenigstens innerlich "die Schuhe auszuziehen" - herauszutreten aus den ausgetretenen Wegen von Gewohnheit, Gewissheit und Gesichertsein. Mutige werden erleben, dass die Welt sich schlagartig ändert, wenn sie wirklich die Schuhe ausziehen und plötzlich barfuß dort stehen, wo alle anderen, sogar die Ärmsten, Schuhe tragen.
Gott macht sich erfahrbar, aber er tut das so, dass er nicht in die Hand zu bekommen ist. Im Buch Exodus sagt er Moses seinen Namen, aber dieser Name lautet, etwas leichthin übersetzt, einfach: "Ich bin's" - ein Name, der zugleich auch kein Name ist; eine Gegenwart, die sich dem Zugriff entzieht. Gott sagt "ich" und bleibt damit der einzige Akteur. Er ist nicht festzulegen, es lohnt sich nicht an der Stelle des Dornbuschs einen Altar zu bauen, mit seinem Namen kann niemand das Unglück der Welt wegzaubern, er ist kein Ding dieser Welt und auch nicht die Lösung der Probleme. Er ist "ich" - souverän, frei, unabweisbar, ergreifend, herausfordernd und verändernd.
Später bindet sich dieser freie Gott an Jesus von Nazareth und von da an ist Gott im Himmel, auf der Erde und sogar in der Hölle - und im Himmel auf Erden und in der Hölle auf Erden. Er ist Mensch und jeder Mensch spricht von ihm, er ist in der Welt und die ganze Welt verweist auf ihn, aber nichts in der Welt ist er und kein lebender Mensch ist Gott. Jeder Ort, jeder Mensch, jede Situation hat das Potential zum Ort der Gottesbegegnung heute zu werden. Die Chancen, das Angebot auch wahr- und annehmen zu können, steigen jedoch mit der physischen Nähe zu den Armen. Dort ist Christus auf jeden Fall zu finden. "…denn ihnen gehört das Himmelreich" (Mt 5,3).
Wer mit offenen Augen beten will, wird deshalb gut daran tun, dort mit dem Üben zu beginnen, wo es leicht ist: da nämlich, wo die Armen sind. Die erste Armut ist immer die materielle Armut. In allen Städten gibt es davon genug zu sehen - Obdachlose, Bettler, Müllsammler, Straßenkinder. Aber unsere Gesellschaft bringt viele Formen von Armut hervor. Krankheit, mehr noch psychische Erkrankung, Pflegebedürfigkeit, Alter, Demenz, Einsamkeit, Migration, Entwurzelung, zerbrechende Beziehungen und Familien, Arbeitslosigkeit, Süchte, Verzweiflung… die Liste nimmt kein Ende. Und auch bei diesen Menschen ist Christus nicht weit. So wie er auch bei den Gefangenen wohnt, bei den Verfolgten, bei den Prostituierten und Ausgeschlossenen.
Heiliger Boden der Gegenwart Gottes wird also leicht zu finden sein. Bahnhofsvorplätze, Fußgängerzonen, Trinkhallen, Gefängnisse, Krankenhäuser, Stadtteile, die von Migration geprägt sind, Suppenküchen, Tafeln, Arbeitsämter, Caritaseinrichtungen, Rotlichtviertel, Altenheime - heiliger Boden, wohin man nur schaut. An welchem Ort Gott denjenigen, der mit offenen Augen beten will, jedoch heute anspricht, ist nicht vorher zu sehen. Manchmal wird er oder sie von einem inneren Gespür geführt, manchmal "überfällt" Gottes Ruf aber auch, wo er gerade nicht gesucht wird. Immer aber hat der Ort mit dem Betenden selbst zu tun. Immer gibt es eine Brücke zu den existentiellen Lebensthemen des Betenden. So wie bei Moses, der in der Wüste ist, weil er einen Ägypter erschlagen hat und dessen Aufgabe für sein Volk noch als unbeantwortete Frage in ihm gärt. Und wie in der Geschichte vom Dornbusch ist es auch bei allem Beten mit offenen Augen gut, damit zu rechnen, dass Gott sehr konkret wird: Geh, verkünde, rette, führe heraus!
Grundübung
Einführung
Machen Sie es sich "leicht", wenn Sie Beten mit offenen Augen einüben wollen, und beten Sie die ersten Male immer in der wirklichen, räumlichen Nähe zu den Armen. Wie nahe, darüber entscheiden Ihr Gespür und ihr Mut. Und darüber entscheiden natürlich auch die Armen, denn es gibt auch ein "zu nahe treten", einen unguten "Armutstourismus" und "Elendsvoyeurismus". Die Armen sind Menschen mit der gleichen Würde wie Sie selbst. Diese Würde wird oft genug mit Füßen getreten. Seien Sie also achtsam, so die Nähe zu suchen, dass die Würde der anderen gewahrt bleibt oder vermehrt wird.
Sie sind jetzt nicht bei den Armen, um zu helfen, zu verstehen oder zu trösten. Engagement, Solidarität und Freundschaft folgen sinnvoll dem Beten, aber jetzt sind Sie erst einmal dort, um Gott zu suchen.
Beten mit offenen Augen braucht deutlich mehr Zeit als Beten mit geschlossenen Augen oder Gebete sprechen. Rechnen Sie, schon gar bei den ersten Versuchen, als Grundeinheit wenigstens eine Stunde ein.
Ablauf
Wie jedes Beten hat auch Beten mit offenen Augen einen eindeutigen Beginn. Markieren Sie diesen Beginn, bevor sie auf die Suche nach ihrem Ort für das Beten gehen, z.B. mit einem Kreuzzeichen oder einer anderen Geste. Machen Sie sich noch einmal bewusst, dass Sie jetzt beten, auch wenn es von außen nicht so aussieht. Stellen Sie sich unter die Gegenwart Gottes, der in Ihnen ist und um Sie herum und in allen, die Ihnen begegnen werden.
Nehmen Sie sich nun Zeit, um zu formulieren, was Sie von Gott möchten, dass er es in Ihnen, mit Ihnen in der nun folgenden Gebetszeit bewirke. Um welche Qualität geht es, um welches Erleben? Versuchen Sie diesen Wunsch wirklich mit Worten auszusprechen, das zwingt dazu recht präzise zu sein. Hinweise für das Wünschen in Anlehnung an ein Kinderbuch ("Sams…") können Ihnen dabei helfen: "Du musst genauer wünschen!" "Du musst vorsichtiger wünschen!" "Du musst langsamer wünschen!"
Wenn Sie sich dann auf den Weg machen, versuchen Sie dadurch, wie Sie den Weg gestalten, schon aus dem Gewohnten herauszutreten. Gehen Sie deshalb langsam; nein, langsamer; noch langsamer. Auch wenn Sie schon wissen, wo Sie hinwollen, gehen Sie doch für diesmal nicht so zielstrebig und auf dem kürzesten Weg, wie Sie es sonst gewohnt sind. Und rechnen Sie damit, dass der Ort durch den Gott in Ihnen ein Echo seiner Gegenwart auslösen will, vielleicht auch schon früher auf dem Weg liegt und nicht erst dort ist, wo Sie hinwollen. Wenn Sie langsam sind und achtsam, werden Sie spüren, wann Sie bleiben sollen.
Wenn Sie an dem Ort angekommen sind, von dem Sie hoffen, dass er heute für Sie die Verheißung heiligen Bodens hat, so suchen Sie sich dort einen Platz, wo Sie längere Zeit bleiben können. Dieser Platz sollte Ihnen die Sicherheit bieten, die Sie brauchen, und so gewählt sein, dass die Würde des Ortes und der Menschen dort gewahrt ist. Bleiben Sie nun, wenn irgend möglich, wenigstens 45 Minuten am gleichen Platz. Stehen oder Sitzen unterstützt für die meisten Menschen eine betende innere Haltung mehr als Umhergehen.
Verweilen Sie nun bei dem, was Sie sehen, hören, riechen… in wacher, meditativer Aufmerksamkeit. Vielleicht braucht es ein vorsichtiges Unterscheiden: was ist hier wirklich (beschreibbar) und was möchte oder befürchte ich, dass es hier wäre oder geschehen soll. Bleiben Sie nach Möglichkeit nahe an dem, was ist. Sicher wird Ihre Phantasie Sie immer wieder wegtragen - wie es dem Menschen dort wohl geht, wieso er so ist und wie er wohl hierher gekommen ist und vieles mehr. Das geschieht einfach. In den allermeisten Fällen führt es jedoch nicht weiter. Wenn Sie sich dabei auffinden, ist es deshalb meistens am besten, sich ohne Aufhebens wieder aus der Phantasie zu lösen und wieder zu dem zurückzukehren, was hier jetzt zu sehen, zu hören, zu riechen … ist.
Achten Sie darauf, welches Echo der Ort und die Menschen dort jetzt in Ihnen auslösen. Das können Stimmungen sein, Gefühle, Gedanken, auch Impulse, etwas zu tun oder zu lassen. Und wieder gilt: wahrnehmen genügt! Bewerten in passend oder unpassend, in richtig oder falsch, führt weg, von dem was ist, in das, was wir gewohnt sind oder wie wir gerne wären oder nicht wären. Gott hat es aber leichter, uns mit der tatsächlichen Wirklichkeit zu umarmen, als mit unserem Bild von Wirklichkeit oder gar mit unserer Überlegung, welches Bild der Wirklichkeit für jetzt angemessen sein könnte.
Nach einer Zeit des Wahrnehmens können Sie versuchen eine Vorstellung "wie eine Brille" hinzuzunehmen. Das was Sie sehen, hören, riechen … und das, was in Ihnen geschieht, ist Gottes Wirken, seine Wirklichkeit für Sie heute, Mittel seiner Offenbarung. Gott versucht sich Ihnen offenbar zu machen - wie und wo er ist, was und wer ihm wichtig ist, was er will.
Antworten Sie gegen Ende der vorgesehenen Zeit auf diesen Offenbarungsversuch, in dem Sie das innere betende Gespräch mit Gott suchen. Versuchen Sie vor Ihm und auf Ihn hin auszusprechen, was Sie bewegt. Vielleicht gibt es auch Grund, zu danken, zu loben, zu bitten, zu klagen. Sie können so mit Gott zu sprechen versuchen, wie Sie mit einem guten Freund oder mit ihrer besten Freundin sprechen würden. Das kann unsortiert sein, im Überschwang oder stammelnd, gerne auch im Dialekt, wenn Sie im Alltag Dialekt sprechen. Gott versteht Sie. Und er hört gerne von Ihnen.
Verabschieden Sie sich dann von Ihrem Platz und gehen Sie zu Ihrem Ausgangspunkt zurück. Den Weg können Sie nutzen, um ein wenig schon mal zu überlegen, was das eben war, was das bedeuten könnte und was daraus eigentlich folgen will. Wenn Sie angekommen sind, beenden Sie die Gebetszeit - vielleicht mit einem der Grundgebete, mit einem Segen oder einer Geste.
Ergänzungen zur Grundübung
Gespräch
Immer eine Hilfe ist es, wenn Sie relativ zeitnah mit anderen Menschen, die Ihnen wohl gesonnen sind und die eine gewisse Offenheit für eine solche experimentelle Spiritualität mitbringen, ins Gespräch kommen können: Sei es ein Freund oder eine Freundin, der Ehepartner oder die Ehepartnerin, ein/e Seelsorger/in oder Begleiter/in. Wichtig ist, dass diese Menschen bereit sind, unvoreingenommen zu hören, was Sie bewegt hat. Vielleicht können Sie helfen, dass Sie sich selbst ein wenig besser verstehen. Aber Sie brauchen keinen Rat, keine Belehrung, keine Lösung. Für sich selbst und das eigene Erleben, die eigenen Beziehungen und das eigene Beten ist jeder selbst am besten kompetent.
Ideal ist es, wenn Sie sich mit anderen Menschen verabredet haben, zeitgleich die Erfahrung zu suchen, mit offenen Augen zu beten. Wenn sie dann zusammentreffen, können sie in einen wirklichen Austausch kommen, im dem Erfahrungen geteilt, Gefühle mitgetragen und gemeinsam Deutungen gewagt werden können. Sie können sich dann gegenseitig auf dem Glaubensweg begleiten: ernst nehmen, stützen, fördern und herausfordern. Aber auch da gilt, dass alle selbst für sich sorgen können und kompetent sind für das eigene Leben und Beten. Niemand braucht eine Belehrung oder einen Rat. Erfahrungen sind Erfahrungen und wollen keine Bewertung. Seien Sie sehr skeptisch und äußerst vorsichtig, wenn Sie in sich das Bedürfnis verspüren, einer oder einem anderen aus der Gruppe zu helfen, Trost zuzusprechen oder Lösungsvorschläge zu machen.
Heilige Schrift
Vielleicht nicht gleich beim ersten Mal, wenn Sie mit offenen Augen zu beten versuchen, aber wenn Sie ein wenig Übung haben, kann es gut sein, im Verweilen an ihrem Platz eine weitere Aufmerksamkeit mitlaufen zu lassen. Fällt Ihnen ein Wort oder eine Geschichte aus der Bibel ein, drängt sich von irgendwo her ein (religiöses) Lied oder eine Formulierung z.B. aus eine Gebet in ihr Bewusstsein? Manchmal ist es auch so, dass sich plötzlich ein Zusammenhang zwischen Glauben und Leben erschließt, ein Aha-Erlebnis einstellt oder eine (Glaubens-) Deutung erschließt.
Die Bedeutung, um die sie ringen, der Bibelvers, den sie suchen, oder das Bild, das jetzt passen könnte, sind hier weniger vertrauenswürdig, als das, was sich spontan einstellt, obwohl es nicht gesucht wurde - woher auch immer, wie irritierend auch immer.
Unterscheiden
Wie bei jedem Beten, bei aller Meditation und auch beim Nachdenken schon, ist nicht alles, was sich beim Beten mit offenen Augen in mir einstellt auch zum Guten. Gerade, wenn die "Abwehrkräfte" der Seele absichtlich ein wenig beiseite gestellt werden, um neue Erfahrungen zu ermöglichen, können auch Dinge, Bewegungen und Impulse aufsteigen oder in uns eindringen, die nicht rein von Gott sind. Ein sorgsames Unterscheiden der Geister ist unerlässlich.
Die Grundregel für das Unterscheiden ist für alle Weisen zu beten gleich. Die Unterscheidung setzt nicht bei der inneren Bewegung, beim Eindruck oder beim Gefühl an, sondern fragt zuerst nach dem Handlungs- oder Verhaltensimpuls, den die innere Bewegung in mir auslöst. Dieser Impuls wird dann darauf hin befragt, ob er mich eher zu einem Mehr an Glaube, Hoffnung und Liebe, zu einem Mehr an innerer Freiheit, Lebendigkeit und Glück, zu einem Mehr an Nähe zu Gott, den Menschen und mir selbst, führen will. Oder ob der Impuls in die Gegenrichtung geht, hin zu einem Verhalten, das mich in die Enge, in Unfreiheit, Überforderung, Überdruss, in Abkehr von mir, den Menschen und von Gott bringt. Angenommen und gefördert beziehungsweise abgewiesen und nach Möglichkeit neutralisiert werden dann auch die Impulse und die daraus folgenden Handlungen, nicht die Gefühle, Eindrücke und Bewegungen.
Zusätzlich zu der Frage nach der Zielrichtung einer Veränderung oder Entwicklung ist immer die Frage nach dem Anschluss an die Heilige Schrift, an Tradition, Sendung und Leben der Kirche hilfreich. Impulse, die sich nicht mit den Evangelien überein bringen lassen, für die es keine guten Beispiele im Leben der Kirche gibt, die im Kontext einer christlichen Ethik schwer zu vermitteln sind, die nur sehr undeutlich mit dem im Kontakt stehen, wie Sie Gott in Jesus Christus bisher erlebt haben, sollten in Ihnen erst einmal ein erhebliches Maß an Skepsis auslösen.
Bei Unterscheidungen von größerer Reichweite, die also erhebliche Veränderungen im eigenen Leben bedeuten könnten, ist es zudem erforderlich, gut die Rahmenbedingungen des eigenen Lebens mit einzubeziehen: "Habe ich die Fähigkeiten und Mittel dazu?" "Passt das zu Verantwortungen und Bindungen, die ich (unwiderruflich) eingegangen bin?" "Kann ich das auf lange Zeit hin verwirklichen?" Es gibt den Ruf in die radikale Umkehr. Meist aber schließen sich Veränderungen zum Besseren hin nahe an die bisherigen Optionen und den bisherigen Lebensentwurf an.
Dem Beten mit offenen Augen ist es sehr angemessen, beim Unterscheiden nicht nur die möglichen Auswirkungen auf Sie selbst und Ihr persönliches Umfeld im Blick zu haben, sondern auch die Auswirkungen auf die Menschen, bei denen Sie gerade waren, und die (gesellschaftlichen) Verhältnisse, mit denen Sie konfrontiert wurden. Die Wahrscheinlichkeit, es mit Gottes Wirken und Wollen zu tun zu haben, steigt, wenn es gute Gründe gibt anzunehmen, dass für alle Beteiligten und Betroffenen und vielleicht sogar für die Strukturen, die zur aktuellen Situation geführt haben, eine Entwicklung zum Besseren hin, zu einem Mehr an Glaube, Hoffnung, Liebe, Lebendigkeit… auf den Weg kommen wird.
Der Zeitpunkt für das Unterscheiden kann während der Gebetszeit selbst sein, in der Zeit der nachgehenden persönlichen Reflexion oder im Gespräch. Die beste Hilfe ist eindeutig das einfühlende, mitgehende Zuhören eines/r Gesprächspartners/in oder einer Gruppe. Von außen gesehen, liegen die Impulse und Entwicklungslinien oft viel leichter auf der Hand als aus der persönlichen Binnenperspektive. Wann immer sich also zeigt, dass eine Unterscheidung dran sein könnte, ist es dringend zu empfehlen, das Gespräch zu suchen. Bei Entscheidungen größerer Reichweite legt sich der Kontakt mit einem/r speziell geschulten Geistlichen Begleiter/in nahe.
Längere Entwicklungen
Wenn Sie öfter oder gar regelmäßig mit offenen Augen beten, ist es sinnvoll sich in bestimmten Abständen Zeit einzuräumen, um Veränderungen und Entwicklungen in den Blick zu nehmen. Es ist dies eher eine Zeit der Reflexion als des ausdrücklichen Gebetes und von einem bestimmten Ort unabhängig. Sie benötigen dafür etwa fünfzehn Minuten.
Hilfreiche Fragen können sein:
Fällt auf, dass manche Themen, Fragen, Probleme Sie immer wieder erreichen, manche innere Bewegung und Antworten immer wieder in ihnen entstehen?
Zeigt sich etwas wie eine Entwicklung - und in welche Richtung scheint sie zu weisen? Gibt es gute Gründe anzunehmen, dass es sich um eine Dynamik vom Guten zum Besseren handelt?
In welcher Weise könnte Gottes Stimme für Sie in diesen wiederkehrenden Themen, Bewegungen und Impulsen, in dieser inneren Dynamik für sie verborgen gegenwärtig sein?
Variante I: An Orten der Geschichte beten
Der Ablauf entspricht der Grundübung. Allerdings werden nun andere Orte genutzt. Dabei gibt es zwei verschiedene Möglichkeiten.
Mit der eigenen Geschichte
Wenn Sie eine persönliche Geschichte mit der Stadt haben, ist die eine Möglichkeit, Orte aufzusuchen, die mit ihrer Biographie, mit Ihrer Familie, mit Freunden in Verbindung stehen. Oft verdichten sich an diesen Orten die Erinnerungen - das Elternhaus z.B. ist nicht nur ein Gebäude, es ist ein emotionaler Ort, an den ganze Bündel von Erinnerungen anknüpfen. Der Platz, an dem Sie Ihre/n Partner/in kennen gelernt haben, ist vielleicht nur eine Straßenecke, aber für Sie doch ganz besonders. Der Ort, an dem ein Freund gestorben ist, ruft die Erinnerung an ihn wieder wach...
Geben Sie an einem solchen Ort Ihren Erinnerungen Raum. Wichtig ist, dass Sie versuchen, sowohl angenehme als auch unangenehme Erinnerungen zuzulassen. Und fragen Sie immer wieder nach dem heiligem Boden der Gottesgegenwart und Offenbarung: Wie, wann war für mich an diesem Ort davon etwas zu erahnen? Wie ist dieser Ort jetzt für mich heiliger Boden?
Gehen Sie nun in der gleichen Weise wie in der Grundübung weiter. Achten Sie darauf, welches Echo der Ort und die Erinnerungen dort jetzt in Ihnen auslösen. Und versuchen Sie die Brille des Glaubens zu nutzen: Gott versucht sich Ihnen durch den Ort, durch die Erinnerungen und durch die inneren Bewegungen offenbar zu machen - wie und wo er ist, was und wer ihm wichtig ist, was er will. Die vorgeschlagenen Ergänzungen der Übung sind auch in dieser Variante hilfreich.
Mit der großen Geschichte
Die zweite Möglichkeit ist es, an Orten der "großen" Geschichte zu beten. Dazu braucht es natürlich eine gewisse Kenntnis dessen, wie die Geschichte in die Orte der Stadt verwoben ist. Viele Städte geben sich jedoch große Mühe, historisch bedeutsame Plätze auszuweisen und auch ein wenig in die Hintergründe einzuführen. Bevorzugen Sie bei der Auswahl ihres Platzes Orte, die mit der Erinnerung an die Opfer der Geschichte verbunden sind. Mahnmale für gefallene Soldaten können solche Orte sein, Erinnerungsplaketten an die im 3.Reich zerstörte Synagoge, die Straße, wo früher das Ghetto der Leprakranken war (häufig: "Gutleutstraße"), oder… Fragen Sie auch bei anderen Zeugnissen der Geschichte gezielt nach den Opfern: Wie viele Menschen starben wohl für den Bau eines Schlosses? Unter welchen Bedingungen für die Handwerker und Arbeiter wurde eine Kirche gebaut? Wie waren wohl Zwangsarbeiter der Nazizeit an dem Erfolg einer Firma beteiligt? Welche Gewalt und welcher Raub legte wohl die Grundlage für ein Völkerkundemuseum?
Variante II: Im persönlichen Nahbereich beten
Der Ablauf ist wiederum der gleiche wie in der Grundübung. Achten Sie aber besonders sorgfältig darauf, aus den normalen Abläufen, aus dem gewohnten Tempo, aus der vertrauten Sichtweise herauszutreten. Am eigenen Schreibtisch mit offenen Augen zu beten, kann für das Verweilen im Gebet durchaus eine größere Herausforderung sein als die belebte Fußgängerzone. Hinzu kommt, dass die Menschen, denen Sie nun begegnen, mit Ihnen vertraut und nur begrenzt bereit sind, wahrzunehmen und zu akzeptieren, dass Sie für eine begrenzte Zeit anders da sind.
Sinnvolle Orte sind Ihre eigene Wohnung und das direkte Wohnumfeld, Ihr Arbeitsplatz bzw. das Gelände und die Gebäude der Firma oder Institution, bei der Sie tätig sind, Orte Ihres ehrenamtlichen Engagements, die Gebäude Ihrer Pfarrgemeinde, möglicherweise auch Sportanlagen, die Schule Ihrer Kinder oder die Geschäfte, in denen Sie den Grundbedarf für Ihr Leben einkaufen.
Fragen Sie wieder nach den Armen an diesen Orten ihres Nahbereichs, nach Armut und Opfern. Welche Opfer werden von wem eigentlich für das Familienleben gebracht? Wo sind die Armen in der Schule meiner Kinder? Wo finden sich Formen von Armut in meiner Nachbarschaft? Welche Opfer verlangt ihr Arbeitgeber und wer sind in der Firma die Armen? Manche Antwort erschließt sich sicher nur durch Erinnerung und Nachdenken. Achten Sie aber darauf gerade im eigenen Nahbereich die "offenen Augen" zu nutzen: zu sehen, zu hören, zu riechen, zu tasten… Möglicherweise werden Ihnen einige Überraschungen begegnen, wenn Sie langsam, achtsam und betend in ihrem Lebensumfeld verweilen.
Die Wahrscheinlichkeit, dass Gott Ihnen heiligen Boden seiner Gegenwart und Offenbarung bereitet, wächst übrigens, je näher Sie an Ihr eigenes Lebensumfeld herangehen. Gott umarmt Sie mit Ihrer Wirklichkeit. Je relevanter ein Ort oder ein Mensch für ihr Leben sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass Gott hier für Sie gegenwärtig sein will und Ihnen seine Sicht auf Ihr Leben anbietet. Wenn Sie es von der größten Verdichtung her angehen wollen: Theologisch gesprochen sind Ehepartner füreinander die privilegierte Weise der Christusgegenwart und jede Familie von Christen eine Hauskirche. Gewöhnung an die Orte und die Vertrautheit mit den Menschen machen es jedoch nicht immer leicht, die Brille des Glaubens zu nutzen. Rufen Sie sich deshalb immer wieder die Grundfrage ins Bewusstsein: Das was Sie sehen, hören, riechen … und das, was in Ihnen geschieht, wie ist das Gottes Wirken, seine Wirklichkeit für Sie heute, Mittel seiner Offenbarung? Gott versucht sich Ihnen offenbar zu machen - wie und wo er ist, was und wer ihm wichtig ist, was er will.
Variante III: In der Natur beten
Es gibt wahrscheinlich niemanden, dem Gottesdienst wichtig ist, den nicht schon einmal ein anderer Zeitgenosse mit der Aussage genervt hat, dass er/sie Gott besser im Wald finden könne. Meist ist das eine Ausflucht, um nicht weiter Position beziehen zu müssen. Gleichzeitig sagt dieser Satz auch etwas Richtiges. Die Natur, die ganze Schöpfung, ist das älteste Testament Gottes, seine erste frohe Botschaft, die Grundlage und der Ort des Lebens, zu dem er uns beruft. Die Schöpfung, so das Alte Testament, ist durch das Wort Gottes geworden. Sie ist Ergebnis seines Wollens, Wirklichkeit seines Hoffens, Gegenüber seiner Liebe. Die Schöpfung, ergänzt das Neue Testament, ist in Christus und auf ihn hin geschaffen. Indem er Mensch wurde, wurde er selbst Teil der Schöpfung. In der Erlösung öffnet er die ganze Schöpfung auf die letzte Vollendung hin.
An einem schönen Ort
Nichts hat in den letzten Jahrtausenden den Menschen mehr über sich selbst hinausgehoben, nichts ihn mehr zu Lob und Dank bewegt als die Schönheit der Natur. Faszination und Staunen können auch der erste Zugang sein, um zu lernen, mit offenen Augen in der Natur zu beten. Suchen Sie deshalb zuerst einmal einen schönen Ort auf, einen Platz, der Ihnen das Herz aufgehen lässt. Seien Sie langsam dort, um den Ort nach innen zu holen, dass er Bedeutung gewinnt und zu erzählen beginnt von den Wundern des Lebens und der liebevollen Zuwendung Gottes zu Großem und Kleinem.
Versuchen Sie dabei in einer betenden inneren Haltung zu bleiben. Dazu gehören auch die Aufmerksamkeit und das Bemühen bei der Wirklichkeit zu bleiben. Gott umarmt durch die Wirklichkeit, er spricht durch das, was in uns und um uns ist. Sicher kann er auch unsere Phantasie nutzen, um sich findbar zu machen. Eine übersteigerte Naturromantik, die die sonst vermisste Harmonie in die Natur projiziert, kann jedoch eine ernste Ablenkung und Störung des Betens mit offenen Augen sein. Gerade sehr schöne Orte der Natur können uns innerlich die Augen schließen. Bleiben sie also mit offenen Augen im Gebet.
Nehmen Sie dann einen weiteren Aspekt hinzu. An jedem Ort der Natur sind auch Endlichkeit und Vergehen, sind Störungen der Harmonie, Bedrohung und Zerstörung gegenwärtig. Achten sie nun eine Weile mit besonderer Aufmerksamkeit auf solche Anzeichen. Das was Sie sehen, hören, riechen … und das, was dadurch in Ihnen geschieht, ist Gottes Wirken, seine Wirklichkeit für Sie heute, Mittel seiner Offenbarung. Gott versucht sich Ihnen offenbar zu machen - im Schönen und Heilen der Natur und in Gefährdung und Vergänglichkeit.
Wenn Sie auf diese Weise die Wahrnehmung ein wenig ausbalanciert haben, ist es gut, nun ausdrücklich nach "Heiligem Boden" zu fragen. Wo und wie will sich Gott Ihnen mitteilen? Und welche Antwort erwartet er wohl von Ihnen? An dieser Stelle werden auch die Ergänzungen zur Grundübung sinngemäß relevant: das nachfolgende Gespräch, das Hinhören auf die Heilige Schrift und das Unterscheiden, denn nicht jede Regung in uns ist einfach schon ein Wirken des Heiligen Geistes.
An Orten zerschundener Natur
Wenn Sie wieder einmal mit offenen Augen in der Natur beten wollen, können Sie dann so vorgehen, wie in der Grundübung auch: Suchen sie nicht einen besonderen, ausgewählten Ort auf, sondern lassen sich unterwegs "anhalten", ansprechen von einem Ort, der heute Heiliger Boden für Sie werden will.
Eine weitere Annäherung kann es sein, den Impuls der Grundübung, die Nähe zu den Armen zu suchen, auch auf die Natur zu übertragen. Auch in der Natur gibt es "Arme": Orte der Gefährdung, der Ausbeutung, der Zerstörung. Wie an den Orten der Geschichte können Sie Ihr Wissen um die meist von Menschen gemachte Bedrohung hinzunehmen. Es gibt auch in Ihrem Umfeld Orte zerschundener Natur - und auch da, und vielleicht gerade da, ist Gott und will sich finden lassen.
Natur und Kultur
Zur Schöpfung gehört jedoch nicht nur die Natur. Reine Natur gibt es in unserem Land soundso fast gar nicht. Zur Schöpfung gehört auch das, was der Mensch aus der Natur und ihren Produkten geschaffen hat. Sie können also menschliche Schöpfungen mit einbeziehen, wenn Sie mit offenen Augen beten: Die Mischung von Natur, Kultur und Technik; ihr Verwoben- und Aufeinander-angewiesen-sein; ihre wechselseitige Störung und Zerstörung. Fragen Sie wiederum ausdrücklich nach den Armen und den Opfern - in der Natur und in der Sphäre des Menschen. Gott offenbart sich durch diese Wirklichkeit.
Vergessen Sie auch beim Beten mit offenen Augen in der Natur nicht, mit einem ausdrücklichen Gespräch mit Gott, wie ein Freund mit einem guten Freund, eventuell einem formulierten Gebet und einem bewussten Abschluss das Beten zu beenden.
Sonderfälle
Angesprochen werden
Bei allem Beten mit offenen Augen sind wir für unsere Mitmenschen nicht eindeutig tabu. Geschlossene Augen, ein Kirchenraum… schaffen einen Schutzraum, in den in aller Regel niemand eindringt. Mit offenen Augen, im eigenen Nahbereich, mitten in der Stadt aber auch draußen in der Natur, gibt es diesen Schutzraum nicht.
Die Erfahrung während Exerzitien auf der Straße ist sogar, dass Personen, die noch nie auf der Straße angesprochen wurden, während der Exerzitien von völlig fremden Menschen ins Gespräch gezogen werden. Die höhere Achtsamkeit, die bewusste Langsamkeit und die gesuchte Nähe zu den Armen, scheinen in besonderer Weise zu disponieren und anderen Menschen das Gefühl zu geben, für sie erreichbar zu sein.
Was auf den ersten Blick wie eine Störung und Belastung wirkt, ist in der Erfahrung derer, die sich auf das Wagnis eingelassen haben, oft die entscheidende Hilfe, der weiterführende Fingerzeig geworden. Gott wirkt nicht nur durch die Bewegungen in uns, durch das Geschehen um uns, sondern auch und vor allem durch die Beziehungen zu uns. Gerade bei den Kleinen, Ausgegrenzten und Armen ist damit zu rechnen, dass sie, ohne es zu wissen, zu Trägern und Boten des Evangeliums, der guten Nachricht für mich heute, werden - ganz im Sinne des mahnenden Wortes Jesu: "Amen, das sage ich euch: Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr." (Mt 21,31)
Konkret heißt das, dass es oft für das Beten hilfreich sein kann, sich dem Gespräch, das ich nicht gesucht habe, das mir aber angetragen wird, zu öffnen. Meist wird es sich um Menschen handeln, die sich in einer inneren oder äußeren Not an denjenigen wenden, der mit offenen Augen zu beten sucht. Manchmal stehen vielleicht Mittel zur Verfügung, um eine Not praktisch zu lindern. In vielen Fällen wird dies jedoch nicht möglich, oft auch gar nicht die sinnvolle Aufgabe des Betenden sein. Immer aber, kann eine Christin der anderen, ein Mensch dem anderen, Respekt, Zuwendung, Ansehen, Mitgefühl, Zeit und Würde schenken. Und auf diese Weise geschieht vielleicht unter der Hand etwas von dem, was der/die mit offenen Augen Betende sucht: die Gegenwart Christi mitten im Leben, in säkularen Begebenheiten, an scheinbar widrigem Ort.
Weil aber eine Begegnung, gerade die Begegnung mit einem armen Bruder oder einer ausgegrenzten Schwester, unsere ganze Aufmerksamkeit verdient, ist es hilfreich, wenn das Gespräch nicht die ganze Zeit, die für das Beten mit offenen Augen zur Verfügung steht, ausfüllt. Oft ist es erst eine Zeit der Achtsamkeit im Anschluss an das Gespräch, die die ganze Tiefe und Schönheit der Begegnung, ihre Bedeutung weit über das Gesagte hinaus, ihre Qualität als gelebtes Evangelium aufleuchten lässt. Der andere Mensch ist um seiner selbst willen wertvoll und nicht Mittel für meine "Erbauung". Und doch ist in jeder Begegnung ein überschießender Mehrwert - ist doch Gott zu jedem Moment der Zeit, an jedem Ort der Welt, durch jeden Menschen da und am Werk.
Wiederum ist die Christusgegenwart im anderen am meisten verdichtet dort, wo die Begegnung am aller selbstverständlichsten ist: in der Person des/der Ehepartners/in. Die Beziehung zum/r Ehepartner/in - in Begegnung, körperlicher Nähe, Gespräch und gemeinsamem Tun, auch in Enttäuschung, Streit und gegenseitiger Verletzung, ist immer wieder die betende Frage nach dem lebenden Evangelium wert, auch dann wenn, der/die andere mich nicht gerade beim Beten "unterbricht". Schließlich leben Eheleute gemeinsam das Sakrament, das wirkmächtige Zeichen, der Liebe Gottes in dieser Welt. In 99% der Zeit geschieht dieses Zeichen jedoch im scheinbar nur Normalen, Säkularen, Lebenspraktischen und wird erst sichtbar, greifbar und ergreifend, wenn dem überschießenden Mehrwert der Gegenwart Christi nachgespürt wird.
Andere um Hilfe ansprechen
Der wesentlich seltenere Fall ist es, mit Blick auf Beten mit offenen Augen, spezifische Gespräche mit Fremden oder mit Vertrauten selbst zu provozieren. Diese Vorgehensweise bringt sehr rasch heftige Reaktionen an die Oberfläche und eignet sich deshalb eigentlich nur dann, wenn eine qualifizierte, zeitnahe Geistliche Begleitung oder Exerzitienbegleitung besteht. Dann aber kann es sehr hilfreich sein, um innere Widerstände, Schwellen und Blockaden zu überschreiten. Die Frage lautet dann in etwa so: "Ich suche Gott, können Sie mir helfen?"
In der Regel wird diese Frage, an "Nicht-Fachleute" mitten in eine Alltagssituation hinein gestellt, deutliche Irritationen auslösen. Die Palette der Antworten reicht dann auch von heftiger Abwehr, über reichlich Versponnenes, bis zu wahren Goldkörnern und tiefen Glaubenszeugnissen. Anschließend braucht es unbedingt eine Zeit des betenden Nachspürens und rasch auch eine Möglichkeit, in einem geistlichen Begleitgespräch die Antworten und die eigenen Reaktionen abzuwägen.
Beten und Handeln
Beten mit offenen Augen ruft oft schnell und direkt in die Aktion. Was gesehen und was gebetet wird, will Antwort, will Engagement, verändert das Leben. Kaum eine andere Weise zu beten, stellt so rasch vor die Entscheidung, stellt so rasch in den Ruf zur Umkehr und auf den Weg der praktischen Nachfolge Jesu - für heute und in unserer Welt.
Das ist gut so und Sinn und Zweck der Übung. Und doch lauert dort auch eine Gefahr. Mitgefühl kann in Sozialromantik umschlagen, die Herausforderung zu einer neuen Praxis kann kippen in die Überforderung, immer helfen zu müssen, nicht jede Not soll von mir gelindert, nicht jeder Weg von mir beschritten werden. Und die Erlösung der Welt hängt auch nicht an uns. Sorgfältige Unterscheidung der Geister - im Idealfall gemeinsam mit anderen erfahrenen Betern/innen und/oder einer/m Begleiter/in - ist hier die entscheidende Hilfe. Gerade die Versuchungen unter dem Anschein des Guten, des Frommen und der Nächstenliebe sind alleine schwer zu durchschauen.
Mit dieser Vorsicht im Gepäck dürfen und sollen sich Beten und Leben weiten und wandeln. Paul M. Zulehner sieht in seinem Buch: "Ein neues Pfingsten" (Schwabenverlag 2008,S. 77f) drei Erweiterungen einer Spiritualität der offenen Augen: eine Spiritualität des wachen Verstandes, die die Ursachen des Elends analysiert und politisch aktiv wird, eine Spiritualität des mitfühlenden Herzens, der compassion, und eine Spiritualität der engagierten Hände, "die sich in Projekten und Einrichtungen für die Armgemachten der Welt einsetzt" (a.a.O.,78).
Oder wie Ignatius von Loyola im Exerzitienbuch formuliert: "Die Liebe muss mehr in die Werke gelegt werden als in die Worte." (EB 230)
Mit offenen Augen beten
Deutscher Katecheten-Verein e.V. München 2009, 40 Seiten 2,95 €
ISBN-13 978-3-88207-385-0
"Mit offenen Augen beten" ergänzt das Beten mit geschlossenen Augen. Zum Beten in der Gegenwart Gottes in uns tritt das Beten in der Gegenwart Gottes in der Wirklichkeit um uns hinzu. Das Außen wird dabei in die gleiche meditative Achtsamkeit einbezogen, die sonst die inneren Prozesse begleitet. Wer mit offenen Augen zu beten sucht, begibt sich nicht in den geschützten Raum einer Kirche, sondern dahin, wo ihm Bedeutsames mitten in der Öffentlichkeit begegnen kann: in die Fußgängerzone einer Stadt, an den Bahnhof, zu einem Krankenhaus.... Oft wird er ausdrücklich die Nähe zu den Armen suchen, in der Gewissheit, bei ihnen niemals weit von Christus entfernt zu sein.
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Petra Maria Tollkötter Einführung in die Straßenexerzitien
Zum ersten Mal habe ich im Jahr 2001 teilgenommen. Zehn Tage bin ich auf die Straße gegangen, habe Ausschau gehalten nach Gott. Einmal saß ich zwei Stunden im Park zwischen zwei mir unbekannten alkoholisierten Männern, die mich begrüßt hatten mit:"Auf dich haben wir gewartet!" Ich hatte an diesem Tag eine denkbar schlechte Stimmung, fühlte mich hohl und leer, ziellos und genervt. Ich hatte nichts zu bieten, ganz sicher nichts in irgendwelchen menschlichen Kontakten. Das Angebot der beiden nahm ich an, hockte mich müde zwischen sie, nuckelte an meiner Wasserflasche wie sie an ihrem Bier. Wir wechselten gelegentlich Ein- bis Dreiwortsätze. Meistens aber schwiegen wir. Sie hatten genauso wenig zu bieten wie ich und machten keinen Hehl daraus. Da entstand etwas zwischen uns jenseits der Worte, gerade im Ausgelaugtsein, in der Erschöpfung, im müden Schweigen. Als ich nach zwei Stunden weiter ging, war ich auf eigenartige Weise getröstet und belebt. Da habe ich eine lebendig machende, sich Jahr für Jahr vertiefende Gottesspur entdeckt: Ich darf sein - ohne (Vor-) Leistung, ohne intellektuelle Schminke, ohne emotionale Kontur, ohne Anspruch, ohne Wollen. Und dieses Da-Sein einfach zuzulassen - dazu haben mich die beiden ganz elementar angesteckt und mir etwas von Gottes großem Ja zu mir vermittelt. Noch jetzt im Schreiben steigt tiefe, warme Freude in mir auf in der Erinnerung an diese beiden Männer und was sie mir als persönliche Gottesbotschaft offenbarten.
Was aber sind Straßenexerzitien? Initiiert wurden sie im Jahr 2000 von der Gruppe "Ordensleute gegen Ausgrenzung" aus Berlin. Seidem finden sie jährlich an verschiedenen Orten, auch über Deutschland hinaus, statt. In den Straßenexerzitien wird den Begebenheiten auf der Straße die besondere Aufmerksamkeit entgegengebracht. Die Die TeilnehmerInnen nehmen die Straße als Ort der möglichen Gottesbegegnung mit sehr wachen und aufnahmebereiten Augen, Ohren und Herzen wahrg und spüren ihrer inneren Resonanz nach. Die entrale Geschichte für Straßenexerzitien ist die Erzählung von Mose, der in der Wüste auf einen brennenden Dornbusch stößt, in dem Gott sich ihm offenbart als sein ganz persönlicher Gott (Ex 3). Für Mose ist es Alltag, wenn er die Schafe hütet, nichts Besonderes, dass ein trockener Dornbusch brennt. Aber als ein Dornbusch nicht aufhört zu brennen, folgt Mose seiner Neugierde, die durch Wachsamkeit geweckt ist, und tritt näher. Der Dornbusch steht für das Harte, Unbeugsame, Knorrige, Verdorrte und Stachelige in meiner Alltagswelt und auch in mir. Dies wahrzunehmen, anzunehmen und sich ein Mehr schenken zu lassen ist die Erfahrung des Mose, die uns ansteckt, uns unseren eigenen Dornbüschen zuzuwenden in Erwartung eines Mehr.
Um solche Prozesse zu erleichtern, beziehen die Teilnehmenden einfache Unterkünfte, in denen sie gemeinsam schlafen (Pfarrheim, Winterobdachlosenunterkunft, kleine Wohnung) und versorgen sich selbst. Die Exerzitien sind kostenlos, da die BegleiterInnen (pro Fünfergruppe eine Frau und ein Mann) ehrenamtlich ihr Mitgehen anbieten. Die konfessionelle Ausrichtung ist kein Kriterium für die Teilnahme - an den Straßenexerzitien kann teilnehmen, wer möchte.
Auch der Ablauf der Exerzitien ist einfach strukturiert: Mit einem von der Gruppe gestalteten Tagesimpuls beginnen die Teilnehmenden ihren Tag und sind anschließend über den Tag in der Regel alleine unterwegs, denn die Exerzitien sind Einzelexerzitien in der Gruppe. Privilegierte Orte der Gottesbegegnung sind die zufälligen, nicht geplanten Begegnungen auf der Straßen sowie Plätze, wo sich ausgegrenzte Menschen aufhalten - z.B. Drogenumschlagplatz, Agentur für Arbeit, Krankenhaus, Aids-Beratung, Suppenküche. Am späten Nachmittag finden sich alle wieder in der Unterkunft ein. Um 17 Uhr wird dort ein Gottesdienst angeboten, es folgt das selbst bereitete Abendessen. Anschließend findet das Gruppengespräch statt, in dem die Teilnehmenden ihre Tageserfahrungen erzählen und die gesamte Gruppe eingeladen ist, darauf zu reagieren. Verbindlich ist während der Exerzitien nur das Gruppengespräch.
Es gibt drei Impulse in diesen Tagen. Am Anfang steht die Frage nach der eigenen Sehnsucht und dem damit verbundenen persönlichen Gottesnamen. Nach einigen Tagen wird die Geschichte von Mose am Dornbusch als Wegbegleitung und Deutungshilfe für das Geschehen des Tages angeboten. Und gegen Ende steht die Emmauserzählung (Lk 24) im Vordergund. Die Exerzitien enden mit einem gemeinsamen Gottesdienst in einer Gemeinde oder einem anderen Kreis von Glaubenden.
Was erfahren Menschen in diesen Tagen? Das ist sehr unterschiedlich und sehr persönlich. Alle werden in diesen Tagen stiller, gesammelter, wacher. Viele erzählen von ihrem Erlebnissen, denn unsere Gotteserfahrungen sind nicht unser Privateigentum, sondern sind oft bewegend und ansteckend für die Zuhörenden. Zudem werden sie vom Erzählenden oft noch einmal neu und anders erfahren. Die eine erlebt in der Auseinandersetzung um ihrem Arbeitsplatz durch die Begegnung mit Menschen auf dem Friedhof eine deutliche Aufforderung, sich Sterbenden zuzuwenden und erfährt die Verstorbenen als Verbündete und wie Engel. Ein anderer sieht sich versetzt in die Trauer um ein verstorbenes Kind und erlebt in der Begegnung mit einem gleichnamigen Kind und dessen Mutter Trost und Erlösung von seinem Schmerz. Wieder eine andere erinnert im Überqueren einer weitgespannten Brücke, die ihr Angst macht, alte Ohnmachtserfahrungen und wird spontan von zwei Menschen über diese Brücke begleitet. Plötzlich verändert sich eine große Angst und im Erleben von so konkreter Begleitung scheint Gott als treuer Begleiter auf.
In diesem Jahr wird zum zweiten Mal ein Kurs von Frauen für Frauen angeboten. Aus langjährigen Erfahrungen wurde deutlich, dass es immer wieder Frauen gibt, die ihre Schönheit und ihre Lebendigkeit zurückhalten, wenn Männer dabei sind. Manchen mögen auch nicht über schmerzhafte Dinge reden, wenn Männer anwesend sind. Ziel dieses Kurses ist es, Frauen im Rahmen der Straßenexerzitien einzuladen, ihrer Wahrnehmung zu trauen und sich mehr auf diese Welt und ihr Sosein einzulassen.
Damit sie ein wenig Geschmack an dieser Form der geerdeten Exerzitien finden, lade ich sie zu einer kleinen Übung ein, die etwa vier Stunden dauert und die sie in einer ihnen vertrauten oder auch neuen Gruppe machen können. Hintergrund dieser Übungen sind folgende Überlegungen: Wir alle tragen Sehnsüchte in uns. Diese haben wir uns nicht ausgesucht, sie sind einfach da. Durch die Frage nach der Wut, der Traurigkeit oder der Erstarrung kommen wir ihr sozusagen umgekehrt etwas näher. In dieser Sehnsucht verbindet sich Gott mit uns, denn er hat sie in uns gelegt als einen ganz wesentlichen Teil von uns. Daher können wir nach einem Namen für ihn suchen, wie er gerade von mir angeredet werden möchte als mein Gott.
Ein Beispiel: Da ist eine Frau,die reagiert jedesmal sehr ärgerlich, wenn ein Mensch in ihrer Umgebung übersehen wird. Sie erkennt dahinter ihre eigene elementare Sehnsucht, gesehen und wertgeschätzt zu werden von Menschen, mit denen sie zu tun hat. In der Gruppe kristallisiert sich mehr und mehr eine Anrede Gottes heraus: "Gott, der/die du mich liebend anschaust!". Im Mitgehenlassen dieses Satzes wächst ihre Selbstachtung.
Ein anderes Beispiel: Einer spürt regelmäßig eine große Wut, wenn ihm oder einer anderen Person Dinge unterstellt werden, die nicht stimmen oder die sehr pauschal und reduzierend sind. In ihm ist eine Sehnsucht, nicht verurteilt zu werden, nicht als Verlierer dazu stehen. Die Gruppe erspürt mit ihm den Namen Gottes: "Du, der/die du lieber selbst den letzten Platz einnimmst, als dass ich ihn bekomme!". Dass der letzte Platz durch Gott besetzt ist, befreit ihn zur Selbstannahme mit seinen Schwächen und Fehlern.
Übung in der Gruppe: Treffen sie sich als Gruppe zum Beginn dieser Einheit und stimmen sie sich mit einem Lied ein.
Nehmen sie sich etwa ein bis zwei Stunden Zeit, gehen sie - jede/r für sich allein - nach draußen. Lassen sie die Frage mitgehen: Was macht mich regelmäßig wütend oder traurig? Was lässt mich erstarren?
Wenn sie fündig geworden sind, fragen sie sich: Wie hätte ich es denn gerne? Welche Sehnsucht steckt in dem, was mich lähmt, was mich traurig oder wütend macht?
Kommen sie zu einem vorher festgelegten Zeitpunkt wieder mit ihrer Gruppe zusammen und teilen sie diese Erfahrungen mit ihrer Gruppe. Nehmen sie sich etwa zwei Stunden Zeit, damit jede/r zu Wort kommen kann. Wenn eine erzählt, spüren die anderen bei sich nach, welche Wirkung ihre Worte, ihre Gesten, ihre Mimik auf sie hat und stellen sie ihr dies wertschätzend zur Verfügung. Nachdem eine erzählt hat, schauen sie gemeinsam hin: Welcher Name Gottes verbirgt sich hinter dieser Sehnsucht? Wie kann sie ihren Gott ansprechen als ihren ganz persönlichen Gott?
Gehen sie mit diesem gefundenen eigenen Namen Gottes durch die nächste Woche. Vielleicht ist es möglich, nach der Woche mit der einen oder anderen aus der Gruppe über das zu sprechen, was mit dem Namen Gottes in ihr geschehen ist.
Für manche ist die Erzählung von Hagar, der Magd Sarais hilfreich (Gen 16). Diese erfährt ihren Gott als den, der nach ihr schaut, in einer existentiell verunsichernden Situation. Die Geschichte können sie vor oder nach ihrer gemeinsamen Austauschzeit vorlesen oder erzählen.
Veröffentlicht in: EFiD (Evangelische Frauen in Deutschland), Arbeitshilfe zum Weitergeben, Juli 2010
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