P. Wilhelm Aust SJ
25. Dezember 1985 in Berlin

P. Wilhelm Aust wurde am 24. Februar 1905 in Berlin geboren und empfing am 12. März die Taufe bei den Dominikanern von St. Paulus in Berlin-Moabit. Er war das sechste von sieben Kindern (einige von ihnen sind schon sehr früh verstorben) und verlor bereits im Alter von drei Jahren seine Mutter durch den Tod. Eine der älteren Schwestern übernahm daher seine Erziehung. Da sein Vater als Direktor im Reichsbekleidungsamt nach Hannover versetzt wurde, mußte die Familie nach dorthin umziehen. So wurde Hannover für Wilhelm zur neuen Heimat; hier wuchs der Sechsjährige heran, besuchte bis zum Abitur die Schulen und fand Anschluß in der Jungengemeinschaft von 'Neudeutschland'. In der Begegnung mit den geistlichen Leitern dieses Bundes reifte seine Berufung zum geistlichen Ordensstand der Jesuiten heran.

Am 22. April 1926 begann Wilhelm sein Noviziat in Exaeten/Holland, wo sich seit 1924 unter Leitung von P. Constantin Kempf das 'Ostnoviziat' befand. Es waren jene Jahre, in denen P. Bernhard Bley als Provinzial der Niederdeutschen Jesuitenprovinz die Schaffung einer Ostdeutschen Provinz betrieb, die ab 8.12.1927 zunächst als Vizeprovinz und ab 2.02.1931 als selbständige Provinz bestand. Daher erklärt sich auch die Tatsache, daß Wilhelm nur kurze Zeit in Exaeten verblieb, denn ab Mitte Mai 1926 waren die Gebäude in Mittelsteine als Ostnoviziat bezugsfertig. Nach dem zweijährigen Noviziat blieb Frater Aust noch einige Zeit in Mittelsteine, um hier seine Schulkenntnisse in den klassischen Sprachen zu ergänzen. Die sich anschließenden Studien der Philosophie und Theologie absolvierte er in Valkenburg/Holland (1928-1931 und 1934-1938). Zwischenzeitlich verbrachte er drei Jahre als Magister im Kolleg Kaunas/Litauen. Zum Priester wurde er von Bischof Graf Preysing am 24. Juni 1937 in der Kirche von St. Clemens in der Berliner Stresemannstraße geweiht.

Nach Beendigung seiner Ausbildung und nach dem Terziat in St. Andrä/Österreich (1938-1939) setzte P. Aust seine Tätigkeit als Magister in Kaunas fort und wirkte dort im darauffolgenden Jahr als Spiritual für den Ordensnachwuchs. Die politischen Verhältnisse in Litauen machten es 1941 erforderlich, daß P. Aust als Kaplan nach Oppeln/Oberschlesien versetzt wurde und hier gleichzeitig als Hausminister der Ortskommunität wirkte. Nach Kriegsende 1945 war er dann für kurze Zeit Kaplan in Berlin-Oberschönweide und begann ab 1946 in Berlin-Biesdorf in der Nachfolge von P. Georg von Sachsen seine 'eigentliche Laufbahn' als Frauen- und Mütterprediger, die er nach drei Jahren von St. Clemens in Berlin fortsetzte. Siebzehn Jahre lang betreute er seelsorglich die Mütterkreise in St. Clemens selbst und von hier aus auch in den Pfarrgemeinden der Stadt; unermüdlich war er unterwegs und gewissenhaft in der Ausarbeitung seiner Ansprachen. So konnte er bereits am 14. Februar 1954 vermerken: "Heute die 1000. Mütterpredigt gehalten".

P. Aust war und blieb ein sehr bescheidener Mensch. Obwohl seine Predigten die Berliner Frauen und Mütter stark beeindruckten, gestand er von sich selbst: "So eindrucksvoll bin ich gar nicht". Sein unaufdringliches, selbstloses Wesen und seine menschliche Güte, gewürzt mit seiner humorvollen Art, machten ihn zu einem beliebten Seelsorger, aber auch zu einem geschätzten Minister und Ökonomen innerhalb der Ordensgemeinschaft. Von 1967-1971 wirkte er in der Krankenseelsorge von St. Gertrauden in Berlin-Wilmersdorf und kehrte danach für kurze Zeit nach St. Clemens zurück. Als 1973 die Jesuiten Pfarrei und Haus von St. Clemens dem Bistum übergaben, gehörte P. Aust dem Ignatiushaus an und war als Hausgeistlicher der Karmelitinnen des St. Josefs-Kinderheimes in Alt-Lietzow/Berlin-Charlottenburg zehn Jahre lang tätig.

Ein schweres Bronchial- und Asthmaleiden ließ ihn 1983 nach einem leichten Schlaganfall in das Peter-Faber-Kolleg übersiedeln. Hier lebte er in Treue und Regelmäßigkeit seinen geistlichen Übungen; gewissenhaft und eifrig, wie er früher seine Predigten ausarbeitete, las und studierte er tagsüber das Neue Testament und hielt die Stunden des Breviergebetes ein. Ohne viel Aufhebens von sich zu machen nahm er - solange es ging - am Gemeinschaftsleben teil in seiner stillen und lächelnden Art und würzte die Unterhaltung mit seinen humorvollen Bemerkungen. Wenn er auf sein Wohlbefinden angesprochen wurde, sprach er nur sachlich und knapp von sich. Aus seiner Ergebenheit sprach letztlich die Bereitschaft, in der er bewußt und ruhig das Kommen des Herrn erwartete, bis sich für ihn die Verheißung der Weihnachtsliturgie vom 25. Dezember 1985 erfüllen sollte:

'Heute sollt ihr es wissen: der Herr kommt, um uns zu erlösen,
und morgen werdet ihr seine Herrlichkeit schauen'.

R.i.p.

P. Manfred Richter SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 1/1986 - Februar, S. 4f