P. Bernhard Borrmann SJ
geboren am 24. November 1910 in Fürstenwalde/Spree
gestorben am 17. Juni 1998 in Berlin

1. Der Weg in den Orden
Bernhard Joseph Johannes vom Kreuz Borrmann kam am 24.11.1910 als ältestes der vier Kinder des Ehepaares Artur und Margarete Borrmann, geb. Erber, in Fürstenwalde, Kreis Lebus, zur Welt. Die Mutter Margarete war geborene Berlinerin, jedoch aus einer Breslauer Familie, da ihr Vater als preußischer Beamter nach Berlin versetzt und Stationsvorsteher am Anhalter Bahnhof geworden war. Der Vater Artur stammte aus Breslau und hatte gerade seine erste Stelle als Lehrer in Fürstenwalde zugewiesen erhalten. Da er bald nach Breslau versetzt wurde, wuchs Bernhard dort auf. Die Stadt wurde und blieb ihm die eigentliche Heimat. Dort in Grüneiche ging er bei den Redemptoristen ein und aus, dort bestand er am Matthiasgymnasium das Abitur, dort fand er den Weg in den Orden. Zur zweiten Heimat wurde ihm später die Grafschaft Glatz, wo er das Noviziat machte, 1938 seine Primiz hielt und von Juli 1939 bis zur Zwangsaussiedlung im März 1946 seine ersten Seelsorgestellen innehatte.

Der Vater war sehr streng; so kam es, daß er mehr gefürchtet als geliebt wurde. Um so mehr fühlten sich die Kinder zur Mutter hingezogen und von ihr verstanden. Der Vater war sehr korrekt, religiös sehr genau, auf seine Art imponierend. Die ersten nachhaltigen religiösen Erlebnisse verdankte der Junge indes der Mutter, die mit ihm regelmäßig die Klosterkirche der Redemptoristen in Breslau-Grüneiche besuchte, wo er auch zur ersten Beichte und zur Erstkommunion vorbereitet wurde. Bei den Redemptoristen ministrierte er, bei ihnen ging er während der ganzen Schulzeit ein und aus, dort verlebte er meist seine Ferien. Die Patres waren auch seine Lateinlehrer, als er in der Quarta von der Bender-Oberrealschule auf das Matthiasgymnasium umgeschult wurde. Grund dafür war, daß er sich schon sehr früh mit dem Wunsch trug, Priester zu werden und dazu die alten Sprachen brauchte. War er auch als Ministrant sehr aktiv, so schloß er sich doch keinem der kirchlichen Jugendbünde an.

Durch Besuche von Veranstaltungen und Teilnahme an Fahrten lernte er die Jesuiten und ihre Arbeiten kennen. In der Sekunda nahm er an einer Fahrt auf die Insel Sylt teil, die von P. Hermann Leenen und von den Präfekten des Franz-Ludwig-Konvikts organisiert wurde. Im Konvikt machte er auch zum ersten Mal Exerzitien. Er nahm am Musikchor teil und lernte Klarinette. So hatte er stets gute Verbindung zu P. Leenen und den Fratres. Im Jahr der Jahrtausendfeier der Rheinlande wurde er mit einer kleinen Zahl ausgewählter Jungen während der Großen Ferien nach Valkenburg mitgenommen und lernte so das weitberühmte Studienhaus der Gesellschaft Jesu kennen. In der Oberprima nahm er an Exerzitien bei P. Ludwig Esch teil und entschied sich, Priester und Ordensmann zu werden. Unschlüssig schwankte er nur, ob er zu den Redemptoristen oder zu den Jesuiten gehen solle. Mit den Redemptoristen war er von frühester Kindheit vertraut.

Über die Jesuiten hatte er manches gelesen, was ihn interessierte und begeisterte; besonders kannte er ihre Jugendarbeit. "Die Art und Vielseitigkeit der Jesuiten gefiel mir. Ich wollte mich ihnen anschließen und mitarbeiten am Reiche Gottes." Am liebsten wäre er Priester in den auswärtigen Missionen geworden. So entschied er sich für die Jesuiten. Da sich der Vater aber dem Priesterberuf und erst recht einem Ordenseintritt widersetzte, studierte Bernhard zunächst in Breslau drei Semester Theologie. Schließlich gab der Vater irgendwie nach, ohne allerdings wirklich einverstanden zu sein. Er hoffte vielmehr, seinen Sohn doch noch von diesem Weg abbringen zu können. Examinatoren des Kandidaten Bernhard Borrmann in der Residenz in der Gabitzstraße waren die PP. Aegidius Keuchen, Georg Beyer und Hermann Leenen. P. Provinzial Bernhard Bley stimmte der Aufnahme in den Orden zu.

2. "Diversa loca peragrare et vitam agere in quavis mundi plaga"
So fuhr Bernhard am 7. Sept. 1930 unter Blitz und Donner von Breslau ab und begann in Mittelsteine unter P. Kempf das Noviziat in der Ostdeutschen Provinz. Eine Art ausgleichende Gerechtigkeit war es, daß auch sein jüngerer Bruder Norbert Ordensmann und Priester wurde: als Redemptorist lebt er heute in Heiligenstadt/Eichsfeld.

Die Ordensausbildung durchlief Frater Borrmann von 1930-1939 in Mittelsteine (Noviziat), in Valkenburg (Philosophie), Tetschen und Mariaschein (Interstiz), Frankfurt und Innsbruck (Theologie). Über die Noviziatszeit bemerkte er später: "Ich war froh und glücklich. Meine Jugend war infolge der Strenge des Vaters etwas härter und unfreier verlaufen, was ich rückblickend nicht als einen Mangel betrachte. Mein Vater meinte es gut. Eine gewisse Angst und gedrückte Stimmung wich unter der Übung zur Freude und zum Vertrauen, was P. Kempf in mir zu wecken und zu fördern verstand." Der Vater hatte sich in diesen Jahren immer noch nicht mit der Ausbildung seines Sohnes bei den Jesuiten abgefunden. "Immer wieder drängte er, nach Hause zu kommen und in Breslau weiterzustudieren. Ich galt ihm wie verloren und eingesperrt. Er kam sogar nach Tetschen, um mich zu holen und tauchte auch in Mariaschein auf. [...] Auch die tschechischen Behörden wurden interessiert, mich herauszugeben, da ich bei den Jesuiten festgehalten würde."

Am 28. August 1938 wurde Bernhard mit 11 Mitbrüdern durch Bischof von Preysing in St. Clemens, Berlin, zum Priester geweiht. Man hatte ihm die drei in Breslau absolvierten Semester angerechnet und ihn schon nach dem 2. Jahr der Theologie zur Weihe zugelassen. Die Weiheexerzitien gab P. Joh. Baptist Wellen in Biesdorf. P. Borrmanns Vater war zu der Zeit in Kattowitz und nahm an der Weihe nicht teil; man hatte ihm den Termin verheimlicht. Eine Primiz in Breslau war unter diesen Umständen nicht ratsam. So feierte man dieses Fest Anfang September 1938 ohne den Vater in Mittelsteine. P. Pies hielt die feierliche Predigt. P. Borrmann war schon 1935 erstmals schwer erkrankt und man hatte eine Lungentuberkulose diagnostiziert. In Innsbruck, wo er das 3. theologische Jahr machen sollte, brach 1939 dieses Leiden erneut aus. Durch Liegekuren auf dem Zenzenhof konnte es einigermaßen ausgeheilt werden.

Die Wehrmacht verzichtete unter diesen Umständen auf seine Einberufung und stellte ihn zurück. So kam er nach dem Abschluß der Theologie sofort in die Seelsorge in die Grafschaft Glatz; gleichzeitig sollte er sich noch erholen. Die 7 Jahre wurden für ihn eine trotz aller Widrigkeiten sehr glückliche Zeit. Mit den Gläubigen der Grafschaft und vor allem mit den Tuntschendorfern, deren letzter Pfarrer er in der Heimat gewesen war, hielt er bis zu seinem Tode Kontakt. Nach dem Weihnachtsgottesdienst 1944 wurde er schwer krank und mußte mit einer Lungenentzündung nach Niedersteine verbracht werden. P. Alfred Fritzen lobte ihn der Muttergottes von Albendorf an. P. Borrmann erhielt die Sterbesakramente. Im Februar 1945 war er wieder soweit hergestellt, daß er seine Eltern aus der Festung Breslau herausholen konnte. Seine beiden Schwestern waren schon früher evakuiert und in Tuntschendorf untergebracht worden.

In Niedersteine und Tuntschendorf erlebte er nach Kriegsende die Besetzung durch die Russen und all die Leiden und Demütigungen, welche die Bevölkerung und besonders die Frauen trafen. In Mittelsteine zogen schon bald polnische Mitbrüder ein. Am 19.3.1946, dem Josefstag, erging der Ausweisungsbefehl, der sofort durchzuführen war. In dreitägiger Fahrt im Viehwagen erreichte P. Borrmann mit dem ersten Transport aus Tuntschendorf die Ortschaft Rehren, Amt Obernkirchen, in der Nähe von Rinteln an der Weser. Dort betreute er bis September 1947 die ständig anwachsende Flüchtlingsgemeinde. Bis auf den Vater, der nach Breslau zurückgekehrt war und dort sofort drei Jahre inhaftiert wurde, hatte er in dieser Zeit die Mutter und die zwei Schwestern bei sich. Er versuchte, in Rehren ein eigenes Gotteshaus zu bauen, und leistete alle Vorarbeiten. Seinem Nachfolger gelang es so, den Bau zügig auszuführen.

Im September 1947 begann P. Borrmann das Tertiat auf der Rottmannshöhe unter P. Heiler. Nach Beendigung wurde er in die Sowjetische Besatzungszone destiniert und ging mit P. Wilhelm Rueter bei Öbisfelde über die Grenze. Von 1948 bis 1956 arbeitete er in und um Dresden-Hoheneichen und versah im Haus die Aufgaben des Ministers. Am 2. Februar 1949 durfte er mit P. Johannes Wyrwich in der Kapelle von Hoheneichen die Letzten Gelübde ablegen, bei der P. Walter Hruza die Festansprache hielt. Während seiner Dresdener Jahre wurden im Exerzitienhaus verschiedene bauliche Veränderungen und Erweiterungen vorgenommen. Es wurde ein Gärtnerhaus gebaut, um die Familie des Gartenmeisters aufzunehmen. Dann kam das Waldhaus dazu, um mehr Exerzitanten unterbringen zu können. In das Haupthaus waren ja Familien eingewiesen worden. Außerdem wohnten dort eine Anzahl Mitbrüder, so daß nicht sehr viel Raum für Exerzitanten zu Verfügung stand. Man behalf sich mit doppelstöckigen Betten.

Von 1956 bis 1972 arbeitete P. Borrmann in Mecklenburg und gehörte zur Jesuitenniederlassung in Rostock. Er hatte u.a. den Auftrag, P. William Strieder beim Bau einer Kirche für die Gemeinde zu unterstützen. Die Gemeinde St. Josef war im Dezember 1954 errichtet worden und umfaßte in der Hauptsache den Stadtteil Reutershagen. Viele Jahre tat er Kaplansdienst in dieser Gemeinde, die noch kein Pfarrhaus und keine Kirche hatte. Unter vielen Mühen und Schwierigkeiten konnte er mithelfen, ein bislang landwirtschaftlich genutztes Grundstück zu erwerben und zum Grundstock für Pfarrhaus und Gemeinderäume umzuwidmen. Die Scheune baute man zur Kirche um. 1969 wurde P. Borrmann die Pfarrei in Bad Doberan anvertraut. Auf Wunsch des Bischofs sollte er ein Kirchengrundstück suchen, um mit den Gemeinderäumen aus der Mietwohnung herauszukommen, und die zu Ende des Krieges errichtete, inzwischen baufällige Kirchenbaracke durch einen Neubau ersetzen. Der Erwerb gelang und die Planung wurde in Angriff genommen.

Mitten in diesen Arbeiten, 1972, erkrankte P. Borrmann erneut. Ein Blasenleiden wurde festgestellt, das mehrere Operationen notwendig machte. Da er sehr geschwächt war, wurde er nach Berlin versetzt, wo er nach einer Rekonvaleszenszeit im St. Antonius-Krankenhaus die Stelle des Hausgeistlichen und Krankenseelsorgers übernahm. Hier erwarb er sich schnell großes Vertrauen, nicht nur bei den Kranken, sondern auch bei vielen anderen, die ihn zur geistlichen Weisung oder zur Beichte aufsuchten. Seit August 1977 war er zusätzlich an drei Nachmittagen pro Woche im St. Hedwig-Krankenhaus tätig. 1991 wurde die schwere Blutkrankheit, eine chronisch lymphatische Leukose, festgestellt, die im Sommer 1996 zur Versetzung in das Altenheim des Ordens in Berlin-Kladow führte.

3. Das Vermächtnis
P. Borrmann war geprägt durch die Jahre in der Diaspora. Ihn kennzeichneten Liebenswürdigkeit, stetige Hilfsbereitschaft und große Geduld. Eine besondere Begabung, aber auch eine besondere Hartnäckigkeit zeigte er, wenn es um Verhandlungen mit Behörden und staatlichen Dienststellen ging. Man sagte von ihm, daß, wenn man ihn zur vorderen Tür hinauswies, er zur Hintertür wieder hereinkam. Ignatianisch formuliert: er versuchte, mit Zähigkeit und Konsequenz durch die Tür des anderen Einlaß zu erhalten, um dann zur eigenen Tür herauszukommen. Da er von seiner Art her eher zur Ängstlichkeit neigte, konnte er besonders gut Menschen verstehen, die von Fragen und Zweifeln geplagt wurden. Die Erfahrungen mit dem Vater, mit der Besatzungszeit, der Flucht und den verschiedenen Krankheiten gingen ihm nach und machten ihn offen für die Nöte und Sorgen der Menschen.

Er sah und hörte vieles und wurde mit vielem befaßt. Immer wieder mußte er versuchen, sich eine Meinung zu bilden und Probleme zu entscheiden. Er urteilte, verurteilte indes die Menschen nie. Als guter Zuhörer und Berater wurde er so für viele Wegbegleiter im Glauben. Sein ausgedehnter Briefwechsel, den er bis in seine letzten Tage hinein pflegte und aufrechterhielt, unterstreicht dies eindrücklich. Wegbegleiter im Glauben und Helfer zur Freude - dies ist gleichsam sein Vermächtnis! Dies war noch das Anliegen seines letzten Briefes, der vorn im Brevier lag - zu verschicken nach seinem Tod. Vor allem aber vertraute er auf das Gebet, für das er sich immer wieder Zeit nahm: denn den Heiligen Geist dürfe und müsse man erbeten und erbitten.

P. Borrmann war mit Leib und Seele Priester und Jesuit. In seiner Todeskrankheit wiederholte er oft das Wort, das ihm Lebensanliegen gewesen war: "Mit Jesus zum Vater!" So erwartete er seit längerem den Tod nicht als Feind, sondern als Freund, nicht als Ende, sondern als Weg zum Vater. Das letzte Wegstück im Franziskus-Krankenhaus dauerte vier Wochen. Als er hörte, daß P. Heinrich Falk verstorben sei, bemerkte er: "Jetzt ist mir P. Falk doch zuvorgekommen." Bis zum letzten Tag war er bei wachem Bewußtsein, las die Post und hörte interessiert die Berichte über Mitbrüder und Geschehnisse. Am 17. Juni gegen 8.20 Uhr schlief er ruhig ein. Te Christus in Pacem!

R.i.p.

P. Karl Heinz Fischer SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 5/1998 - Oktober, S. 179-82