P. Carl Brosig SJ
1. Dezember 1988 in Berlin-Kladow

Am 16. Juli 1983 schrieb P. Brosig an P. Provinzial: "Über Ihren Brief habe ich mich ganz ehrlich gefreut. So menschlich bin ich noch." Dieses Wort läßt ahnen, was die Persönlichkeit P. Brosigs so anziehend, ja faszinierend sein ließ: seine reife Menschlichkeit. Im wurde zuteil, was Paulus den Ephesern schreibt: "So sollen wir alle zur Einheit im Glauben gelangen, damit wir zum vollkommenen Menschen werden und Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen." (4,13). Diese Reife fiel ihm beileibe nicht in den Schoß. Als er diesen Satz schrieb, stand er im 92. Lebensjahr, und so läßt sein Wort "So menschlich bin ich noch" die Erfahrung seiner 92 Lebensjahre ahnen.

Wer war er? Am 22. September 1891 erblickte P. Carl Brosig auf einem Bauernhof in Dürrarnsdorf, Kr. Neisse/Oberschlesien das Licht der Welt. Unter seinen 13 Geschwistern stand er etwa in der Mitte. Nach dem Besuch der Volksschule arbeitete er auf dem elterlichen Bauernhof mit. Damit schien sein weiterer Lebensweg festgeschrieben zu sein; aber "der Mensch denkt und Gott lenkt". Zwei seiner Onkel und zwei seiner Schwestern waren, wie viele andere in der damaligen Zeit, nach Amerika ausgewandert, um dort ihr Glück zu suchen. Sie luden ihn ein, zu ihnen zu kommen, um im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" sein Glück zu suchen. Er verdingte sich als Butler bei einem wohlhabenden Mann; er erwarb dann auch die amerikanische Staatsangehörigkeit.

Sehr bald scheint er Kontakt mit den Jesuiten gefunden zu haben und entdeckte seine Berufung zum Priestertum. Der Weg dahin erwies sich jedoch als lang und mühsam. Da er nur Volksschulbildung hatte, hieß es für ihn, erneut die Schulbank zu drücken. Er besuchte die Highschool und das College in Buffalo, N.Y. Das Geld dafür verdiente er sich als Werkstudent. Seine mehr als zehn Jahre jüngeren Mitschüler nannten ihn liebevoll "old man Charlie". In diesen Jahren scheint die Berufung zur Gesellschaft Jesu herangereift zu sein. Im Alter von 30 Jahren kehrte er nach Deutschland zurück und trat am 25. Oktober 1921 ins Noviziat in 's-Herrenberg ein. Novizenmeister war damals P. Walter Sierp, ein alter Volksmissionar, der für den zum Provinzial ernannten P. Bernhard Bley stellvertretend einspringen mußte. Eine zunächst schwere Zeit für P. Brosig. In den großen Exerzitien schoß P. Sierp seine Missionspredigten auf die Novizen ab. Der alte P. Hubert Hartmann, Hausspiritual und außerordentlicher Beichtvater der Novizen, hatte ein wachsames Auge auf den Carissimus Brosig. Er hatte selbst etliche Jahre in Amerika zugebracht, war dort Rektor eines Kollegs gewesen, nach seiner Rückkehr Spiritual im Priesterseminar in Trier. Eines Tages rief er den Carissimus Brosig zu sich und vertraute ihm an, daß er nicht alles billige, was im Noviziat vor sich ging. Unter dem neuen Novizenmeister, P. Paul Sträter, wurde das Leben dann auch gelöster und natürlicher.

Es folgten die üblichen Studien der Philosophie und Theologie in Valkenburg, wo P. Brosig am 27. August 1928 die Priesterweihe empfing. Unmittelbar nach Studienabschluß wurde er für fünf Monate nach Breslau geschickt, um P. Leblanc in der Konvertitenarbeit zu helfen. Dann kam er nach Beuthen/OS in die Herz-Jesu-Kuratie. In seinen Erinnerungen sagt er: "Von 'Jugendbewegung' hatte ich ja keine Ahnung, als ich nach Beuthen geschickt wurde, den ND (Bund Neudeutschland) zu betreuen. Es entwickelte sich aber bald ein 'Gaupater' für Oberschlesien mit Gruppen in Beuthen, Hindenburg, Gleiwitz, Kosel, Neustadt, Leobschütz, Neisse, Patschkau, Kreuzburg, Oppeln usw. ... Mir wurde aber bald klar, meine Aufgabe mußte werden, die Führer der Gruppen und Fähnlein zu schulen. Dabei hatte ich das Ziel, den Jungen in herzhaft-männlicher Art eine frohe Jugendzeit zu vermitteln, vertieft in schlichter, einfacher, jungenhafter Frömmigkeit, etwas, was im Leben durchhält... Diese Art hat den Jungen gutgetan. Eine Anzahl schreiben mir heute noch. Und mir hat es, trotz aller Sorge und Verantwortung, ein junges Herz bewahrt. Gern bin ich von Beuthen nicht gegangen, einmal weil ich die Jungen in dieser schweren Zeit allein lassen mußte. Darum kam es mir von Herzen, wenn ich zum Abschied sagte: Und wird das Haupt mir grau und moosig, ich bleib doch Euer Pater Brosig."

Dann, im Jahre 1935, trat eine einschneidende Veränderung ein, die seinem Leben eine völlig neue Richtung geben sollte. Er sagte dazu: "Eines Tages kam P. Bley und sagte mir; 'Wir haben eine neue Mission in Rhodesien! Wie wär's mit P. Brosig?' Meine Antwort war: 'Ich melde mich nicht (in dem Sinne: ich suche mir nicht mein Fegefeuer aus), aber wenn ich geschickt werde, habe ich keine Schwierigkeiten.' Et factum est ita."

Im Februar 1935 erfolgte die Ausreise der ersten Gruppe von Missionaren nach dem damaligen Süd-Rhodesien; es waren P. Brosig und die Brüder Kilian Heim, Heinrich Jaschke und Bernhard Lisson. Sie kamen nach Triashill, im Bergland von Nyanga. P. Brosig war damals 44 Jahre alt. Als 1938 P. Ludger Böckenhoff sich bei Bischof Chichester vorstellte, sagte dieser im Blick auf P. Brosig: "Schreiben Sie Ihrem Provinzial, er solle keine Leute mehr schicken, die über 40 Jahre alt sind." P. Brosig hat sie alle geschlagen und überlebt. Die Anfänge in Triashill waren alles andere als einfach. Die Verhandlungen wegen der Übernahme eines eigenen Missionsgebietes waren zwischen P. Provinzial Bley und dem Missionsobern der englischen Mission in Süd-Rhodesien und nicht mit dem zuständigen Bischof Chichester geführt worden. P. Bley hat P. Brosig bei der Destination für die Mission zu verstehen gegeben, er würde der Obere der deutschen Mission werden, was aber nicht zutraf, weil die kirchen- und ordensrechtliche Errichtung eines eigenen Missionsgebietes ungeklärt blieb. Der Grund dafür ist in der damaligen politischen Situation Deutschlands zu suchen (Nazizeit!), die einen offenen brieflichen Meinungsaustausch und entsprechende Vereinbarungen nicht zuließ. So gestaltete sich der Beginn in Afrika für Pater Brosig als eine einzige Enttäuschung.

Er hatte keinerlei Kenntnis der Eingeborenensprache (Shona). Zur Station gehörten über 15 Außenstationen, dazu kam die Leitung von mehr als einem Dutzend Schulen und eines Internates sowie die Verwaltung einer Farm; das alles ohne die hinreichende Unterstützung von seiten des Erzbischofs oder des englischen Missionsobern. Am drückendsten erwiesen sich die Geldsorgen. P. Brosig ließ sich nicht unterkriegen, sondern packte entschlossen und umsichtig zu. Schon nach drei Jahren wurde er nach Gwelo versetzt. Dort hatte er die Seelsorge für die Afrikaner in der Stadt und für die Europäer und Afrikaner in den Außenstationen zu übernehmen. Einen Schwerpunkt dort bildete der Unterricht für die jungen Männer, die zwar in ihrem Heimatdorf eine katholische Schule besucht hatten, aber aus irgendwelchen Gründen nicht getauft waren. P. Brosig sagte sich, wenn sie etwa drei Monate lang auf die Taufe vorbereitet werden, werden sie standhalten. An fünf Tagen der Woche erteilte er Unterricht für diese jungen Männer in der Zeit von 20.00-21.30 Uhr im Glauben.

Nach dreieinhalb Jahren dieser "gottgesegneten Arbeit", 1942, wurde er nach Chishawasha versetzt, der ältesten Missionsstation im Mashonaland, die 1892 von dem deutschen Missionar P. Richards gegründet worden war. Diese Station war hochverschuldet. Eine heikle Aufgabe für P. Brosig, zumal ja Krieg herrschte. Um die Verhältnisse zu ordnen, sah er sich zu Maßnahmen gezwungen, die ihn nicht gerade beliebt machten. P. Michael Hannan äußerte später einmal: "Man kann über P. Brosig sagen, was man will, aber er hat Chishawasha aus dem Schlamm gezogen." Unter Mitarbeit von P. Erich Kotzki und P. Georg Muschalek brachte P. Brosig die große Schule in Chishawasha mit über 700 Schülern, deren Niveau stark abgesunken war, in kürzester Zeit auf einen Standard, der von seiten des Erziehungsministeriums hohe Anerkennung fand.

1944 brach in Gatooma P. Lickorish zusammen. P. Brosig wurde dorthin gesandt mit dem Auftrag, etwas für die Afrikaner zu tun. 15 Jahre durfte er dort wirken, von 1944-1959; für ihn die wohl fruchtbarste Zeit. In den ersten Jahren war die Sakristei der kleinen Kirche sein Büro, Wohn- und Schlafraum. Die Hauptmahlzeiten nahm er im Hotel ein. Er setzte alles daran, in der afrikanischen Vorstadt Rimuka eine katholische Schule zu eröffnen, stieß dabei aber auf den ständigen Widerstand der Stadtverwaltung, die eine staatliche Schule anstrebte. Schließlich wurde ihm in Rimuka ein Bauplatz für eine Kirche angeboten. Dort errichtete P. Brosig ein Gotteshaus, das damals als eines der besten in den afrikanischen Townships Rhodesiens angesehen wurde. In der Provinzstadt Hartley gelang es ihm, eine katholische Schule in der afrikanischen Township zu bauen. Zur gleichen Zeit wurde in Gatooma ein Pfarrhaus mit einem kleinen Pfarrsaal errichtet und schließlich die Kirche des Europäerviertels der Stadt erweitert. Abgesehen von einer verhältnismäßig geringen Beihilfe des Erzbistums Salisbury mußten die erforderlichen Geldmittel für die umfangreichen Baumaßnahmen an Ort und Stelle aufgebracht werden durch Feste, Märkte und Baufonds.

Die Bautätigkeit war jedoch nicht die Hauptsache der Pfarrarbeit. P. Brosig wurde als guter Prediger sehr geschätzt. Die ganze Woche bereitete er sich auf die Sonntagspredigt vor. Jede Woche hatte er Religionsunterricht zu erteilen in der Grundschule, im Gymnasium für die Europäer in Gatooma, in der Schule für Mischlinge und in den Schulen in Hartly und Eiffel Flats. Hinzu kam der Gottesdienst auf den Außenstationen und an den Abenden Braut- und Konvertitenunterricht. Täglich besuchte er die Kranken im Hospital. Seine größte Freude und Tröstung waren die Priesterberufe aus Gatooma: zwei Europäer Father Flexmore und Father Conway sowie ein Afrikaner Father Ribeiro. Diese vielseitige fruchtbare Tätigkeit ließ P. Brosig für Gatooma zu einer Institution werden.

Im September 1959 kam es zur Errichtung der Sinoia-Mission, die der damaligen Ostdeutschen Provinz übertragen wurde. Bald nach der Errichtung der neuen Mission sah sich P. Brosig als Pfarrer nach Sinoia versetzt. 1964 übersiedelte er nach Mangula und schließlich nach Karoi und zuletzt wiederum nach Sinoia. Zunehmend machte ihm seine Schwerhörigkeit zu schaffen, die er jedoch mit Humor zu ertragen wußte. Ein Augenleiden machte eine Operation erforderlich, zu der er 1978 nach Deutschland zurückkehrte. Wider Erwarten erholte er sich recht gut und konnte 1979 in das Altenheim nach Berlin-Kladow übersiedeln.

Wie er sein Leben und seine Aufgabe im Altenheim verstand, bringt er in einem Brief an P. Provinzial vom Juli 1983 zum Ausdruck: "... daß es recht verstanden wurde, wenn ich mich bemühte, Freude zu spenden und Mut zu machen, wo immer nötig oder möglich. Wer braucht so etwas nicht? Jedenfalls sollte unser Benimm und Verhalten so sein, daß trotz aller Gebrechen der Jüngste sich der Alten nicht zu schämen braucht. - Ich habe nichts zu sagen in diesem Hause, daher kann ich manches sagen. Gebe Gott, daß es durchgeführt werde. Sie haben meine dichterischen Husarenritte zu sehen bekommen. Eigenartig! In dichterischer Form, mit etwas Humor eingewickelt, kann man ein dickes Almosen an den Mann bringen. Für die Mission ist mir die Kraft genommen. Mir bleibt noch die Herz- und Handarbeit. Einmal, um mit den Fingern zu tippen, wie dies hier; und dann mit Händen, gefaltet, dem Herrn all unsere Anliegen dringend empfehlen, auch die Ihrigen. Das tue ich viel und gerne. Das ist mein Apostolat, 'meine Mission'."

Diese Worte zeigen, daß P. Brosig bis ins hohe Alter das Herz auf dem rechten Fleck hatte; ein Mann Gottes, der vom Geist und der Sendung des Priester und Ordensberufes ganz geprägt war.

R.i.p.

P. Josef Ortscheid SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 4/1989 - Juli, S. 91ff