P. Kurt Czekalla SJ
geboren am 20. September 1912 in Ratibor
gestorben am 7. Februar 1999 in Berlin

Es war der erste Februarsonntag des Jahres 1999; da fand man P. Kurt Czekalla in den frühen Morgenstunden tot zusammengebrochen im Zimmer an seinem Bettrand. Auf seinem Schreibtisch lagen, sorgfältig mit Maschine getippt, die Manuskripte, die er für den Sonntagsgottesdienst dieses Tages (5. Sonntag im Jahreskreis) vorbereitet hatte. Seit mehr als zehn Jahren lebte er nun als Hausgeistlicher in der Neuköllner Marienschule; täglich feierte er mit dem Konvent der Schulschwestern die heilige Eucharistie. Wie immer hatte er auch für diesmal alles vorbereitet: die Einführung in die Tagesliturgie, die Homilie zum Sonntagsevangelium mit dem Jesuswort "Ihr seid das Salz der Erde" und Fürbitten, die von der Verantwortung sprachen, zu der Christen in der Nachfolge des Herrn gerufen sind.

Kurt Czekalla stammte aus dem oberschlesischen Ratibor. Er war der älteste in der Geschwisterreihe, in der es noch einen Bruder und drei Schwestern gab; sein Vater, ein Polizeibeamter, hatte sich nie damit abfinden können, dass gerade der Älteste zu den Jesuiten gehen wollte. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg zählte die Stadt etwa 50.000 Einwohner. Es gab ein humanistisches und ein Realgymnasium. Bemerkenswert die Tatsache, dass zwischen 1930 und 1935 wenigstens 7 Abiturienten aus Ratibor den Weg ins Noviziat der Jesuiten nach Mittelsteine gingen; kaum einer von ihnen hatte das humanistische Gymnasium besucht. Ein hervorragender geistlicher Studienrat des Realgymnasiums muss es verstanden haben, durch persönliche Ausstrahlung bei jungen Menschen den Sinn für das Religiöse zu wecken. Er hatte P. Ludwig Esch in die Schule eingeladen, damit er vor den Schülern der Oberstufe spreche; und bald gab es in Ratibor eine starke Gruppe des Jugendbundes Neudeutschland.

P. Otto Ogiermann, der im Jahre 1932 zusammen mit Kurt dort das Abitur machte, weiß noch heute davon zu berichten, wie segensreich sich die beiden pädagogischen Kräfte ergänzten: der Religionsunterricht des Geistlichen Joseph Lux und die ND-Gruppe, die P. Esch in Ratibor gegründet hatte. - Von Kurt wird aus dieser Zeit vor allem gesagt, er habe ein starkes Interesse für Chemie, aber auch für die Stenografie gezeigt; bei mehreren Wettbewerben war er als Sieger hervorgegangen. Warum er dann am 7. April 1932 dennoch, zusammen mit zwei anderen aus Ratibor, an der Tür des Noviziates in Mittelsteine anklopfte, das gehört zu den vielen Geheimnissen, die zwischen Himmel und Erde geschehen.

Novizenmeister war P. Constantin Kempf, der 1926 mit der Gründung eines Noviziates in Mittelsteine beauftragt worden war. P. Otto Pies löste ihn im März 1933 ab. Von 1934 bis 1937 absolvierte Kurt sein Philosophiestudium am Pullacher Berchmanskolleg. Es sind die Jahre, in denen auch in den Orden viele Studierende Interesse für mögliche Missionsaufgaben in Osteuropa zeigten. Kurt bat seinen Provinzial, sich durch das Studium am Collegium Russicum in Rom für eine solche Aufgabe vorbereiten zu dürfen. Er ging zunächst für einige Monate nach Minsk, um die Grundlagen der russischen Sprache zu erlernen; am russischen Kolleg in Rom arbeitete er sich dann in die Welt der russischen Literatur und Spiritualität ein. 1938 bis 1942 folgte das Studium der Theologie an der Gregoriana in Rom. Am 1. Juni 1941 wurde er im byzantinisch-slawischen Ritus zum Priester geweiht. Die annähernd 58 Jahre seines Priesterlebens hindurch bedeutete ihm die Liebe zur feierlichen Liturgie dieses Ritus sehr viel. Noch mitten im Krieg machte er 1942/43 sein Tertiat in Florenz.

Im Herbst 1943 kehrte er dann nach Deutschland zurück, half zunächst in der Seelsorgsarbeit der Jesuitenpfarrei in Oppeln, wurde aber dann in seine Heimatstadt Ratibor gesandt, wo er bei den Ursulinen wohnte und in der Seelsorge der Stadtpfarrei mitarbeitete. Hier erlebte er im Frühjahr 1945 den Einmarsch der Roten Armee. Alles, was wir aus dieser turbulenten Zeit des Kriegsendes von ihm und über sein Schicksal wissen, ist vage und geheimnisvoll. P. Czekalla hat nie zusammenhängend darüber berichtet und auch keine Aufzeichnungen dazu hinterlassen. Nur kurzen Andeutungen und mündlich überlieferten Erzählfetzen kann man entnehmen, dass der Einmarsch der Roten Armee in Oberschlesien für ihn persönlich eine sehr gefahrvolle Sache gewesen sein muss. Es heißt, er sei mit einer Gruppe anderer abgeholt worden, um erschossen zu werden; von einem Streifschuss getroffen, habe er sich fallen lassen und sei so lange liegen geblieben, bis das Erschießungskommando abgezogen war. Schwer verwundet, habe er sich danach retten können.

Als sich nach Abschluss der Kampfhandlungen die Lage stabilisierte, konnte P. seine Russischkenntnisse einsetzen. Später erzählte er davon, er sei in dieser Zeit auch im Auftrag eines Generals der Roten Armee als Dolmetscher tätig gewesen. In den Unterlagen der Ordensprovinz findet sich noch der Vermerk, er habe Sommer 1946 in einem kleinen Dorf in der Grafschaft Glatz als Seelsorger gewirkt. Berichten zufolge habe er in dieser Zeit mit anderen versucht, das beschlagnahmte Noviziatshaus in Mittelsteine wieder für die Ordensprovinz zurückzugewinnen. Von Glatz aus wurde er dann mit den dort lebenden Deutschen in den Westen ausgesiedelt. Bei all diesen Unternehmungen waren ihm die Russischkenntnisse sehr hilfreich. -

Erste Anlaufstelle im "Westen" war das Kölner Provinzialat. An vielen Orten Westdeutschlands, aber auch im Süden und in Österreich waren als Folge der Kriegswirren zahlreiche Menschen aus Osteuropa unterwegs, ohne festen Wohnsitz, oft in Lagern und als Vertriebene, "displaced persons". P. Czekalla versuchte ihnen in den Jahren 1947 bis 1953 zunächst von Köln aus, später auch von Salzburg und Linz aus, durch seine Sprachkenntnisse und sein Organisationstalent zu helfen. 1954 gehörte er zur Ordenskommunität jener Jesuiten, die sich in der Münchner Röntgenstraße der Seelsorge von Exilrussen widmeten.

Anfang 1955 rief ihn dann P. Karl Wehner, sein Heimatprovinzial, nach Gießen. Die Ostdeutschen Jesuiten hatten dort eine Pfarrei übernommen. Zunächst wirkte P. Czekalla als Seelsorger und Minister in dieser Niederlassung. Nach fünf Jahren kam ein ganz neuer Aufgabenbereich hinzu. Der Ostdeutschen Jesuitenprovinz wurde im Herbst 1959 ein eigenes Missionsgebiet am Sambesi übertragen. P. Czekalla wurde Prokurator dieser Mission. Von nun an pendelte er zwischen dem damaligen Salisbury (später heißt es Harare) und Gießen, wo er seine Missionsprokur aufbaute. Bei dieser neuen Aufgabe konnte er seine organisatorische Begabung voll entfalten. Eines der wichtigsten Projekte, das er als Missionsprokurator verwirklichte, war die Gründung des "Canisiushouse" am Stadtrand von Salisbury. Seine Idee: hier sollten Mitbrüder, die auf den Missionsstationen "im Busch" verstreut lebten und arbeiteten, einen Treffpunkt haben, um Besorgungen in der Stadt er-ledigen zu können, aber auch um Erholung zu finden, geistigen und geistlichen Austausch pflegen zu können. Mehrere Jahrzehnte lang war das Canisushouse für viele Missionare eine wichtige Oase am Rande der Sambesi-Mission; Es war dies eine wichtige Gründung von P. Kurt Czekalla.

1970 endet seine Zeit in der Missionsprokur. Der Provinzial rief ihn nach Berlin; hier übernahm er im Peter-Faber-Kolleg, das zunächst als Noviziat, später auch als Terziat und Altenheim diente, die Aufgaben des Ministers und des Ökonomen. Doch schon drei Jahre später übertrug man ihm erneut eine große Aufgabe: Für die Pfarrei Mariä Himmelfahrt in Kladow, die räumlich nicht weit entfernt vom Peter-Faber-Kolleg lag, wurde ein Pfarrer gesucht. P. Czekalla wurde diese Aufgabe angetragen. Mit ganzem Herzen war er nun Hirte der Gemeinde. Seine Predigten waren lebendig und lebensnah; vor allem zu den Eltern der Erstkommunionkinder fand er trotz des großen Altersunterschieds guten Kontakt. Auch in der modernen theologischen Literatur kannte er sich aus, denn er las gern und viel, setzte sich bis ins hohe Alter auch mit anspruchsvollen und unbequemen Autoren und Themen auseinander.

Er wurde zum gesuchten Gesprächspartner für Fragende und Suchende. Bei all dieser geistigen Offenheit hatte er auch einen Blick dafür, worunter die Gemeinde auch im praktischen Bereich litt. Seit Jahrzehnten gab es in Kladow nur das Provisorium einer Barackenkirche. Er sann auf Abhilfe. Im Bischöflichen Bauamt wollte man die Gemeinde mit einem "Kirchbau von der Stange" abspeisen. Als der Kirchenvorstand sich gegen einen solchen Einheitsbau aussprach, gehörte P. Czekalla nicht nur zu den Vorkämpfern eines alternativen Entwurfs; es gelang ihm auch, nach langwierigen Verhandlungen die Baugenehmigung für einen Neubau zu erhalten, von dem Kardinal Meisner bei der Einweihung im Mai 1987 dann sagte, dass das der schönste Kirchbau in Berlin nach dem Krieg geworden sei; zugleich sagte er P. Czekalla in einem persönlichen Gespräch, er müsse eigentlich Abbitte dafür leisten, dass man sich im Bauamt so lange gegen seine Pläne gesperrt habe.

Mit der Fertigstellung des Kirchbaus hatte P. Czekalla die letzte große Aufgabe seines Lebens abgeschlossen. Mit Einverständnis des Provinzials bot der inzwischen 75-Jährige im Sommer 1987 seinen Rücktritt an. Es dauerte zwar noch mehrere Monate, bis die Bistumsleitung für die Pfarrei einen Nachfolger gefunden hatte; im Frühjahr 1988 übernahm P. Czekalla dann die letzte Aufgabe: die Seelsorge beim Konvent der Schulschwestern in der Neuköllner Marienschule.

Nach dem Bericht der Ordensschwestern wird dabei sichtbar, von welcher Tiefe die Religiosität war, die ihn prägte. Die tägliche Feier der Heiligen Eucharistie ist ihm Ausdrucksform seiner Christusfrömmigkeit. Zu seiner Lieblingslektüre gehörte jetzt das Buch von Peter Lippert: "Der Mensch Job redet mit Gott". Was dort im Einleitungskapitel zu finden ist, das wurde ihm nun in den Gebrechen des Alters zur beinahe täglichen Erfahrung: "Dieser Mensch Job steht vor dem All und siehe, es ist ihm wie ein Nichts. Er steht vor dem Lichte Gottes, und es ist ihm wie Finsternis, so unbegreiflich." Mehrfach musste er sich einer Hüftgelenkoperation unterziehen; doch der eigentliche Anlass für seinen Tod waren innere Blutungen. In der letzten Lebensphase war es sein Wunsch gewesen, am Altar sterben zu dürfen. Der Wunsch ist ihm nicht ganz erfüllt worden; der Herr über Leben und Tod hat ihn wohl ein oder zwei Stunden vor Beginn der Heiligen Feier heimgeholt!

R.i.p.

P. Hans-Georg Lachmund SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 5/1999 -Oktober, S. 175ff