P. Ludwig Dargel SJ
1. Oktober 1981 in Potsdam

"Gehen Sie nach Großenehrich und lösen Sie den Pater Mattele ab". Kurz und bündig - fast wie veni, vidi, vici - wurde mir diese Destination gegen Ende des Tertiates 1950 von P. Provinzial Deitmer gegeben. Ich ging, habe aber den P. Mattele nicht abgelöst. Dafür war, zwar nicht von P. Provinzial, wohl aber von der göttlichen Vorsehung, P. Dargel ausersehen. P. Dargel war in der gleichen Zeit wie ich im Tertiat auf Rottmannshöhe. Und ihm ist wahrscheinlich in ähnlicher Kürze und Bündigkeit gesagt worden: "Sie gehen nach Zella-Mehlis und lösen den Pater Schiefer ab". Auch er ging, und hat doch nicht den P. Schiefer abgelöst. Die Vorsehung ist zwar manchmal etwas umständlich, aber sie schafft es.

Die Schlüsselfiguren waren in Stadtlengsfeld/Rhön die PP. K.-H. Brungs und St. Jordan. Letzterer hatte in der Zeit, als P. Brungs das Tertiat in Münster machte, diesen in Stadtlengsfeld vertreten. Dort hatte er sich so beliebt gemacht, daß ein Großteil der Gemeinde ihn behalten wollte. Doch P. Brungs wollte auf seinen Posten zurück, und auch er hatte seine Lobby, vielleicht nicht so zahlreich aber einflußreicher. 'Partei-Jordan' hatte als Anführer einen ehemaligen Konvertiten. Dieser zog mit einer Delegation nach Erfurt zum Generalvikar Josef Freusberg. Es wird behauptet, er habe sogar gedroht, er wolle wieder evangelisch werden, wenn der Bitte nicht stattgegeben werde.

P. Brungs hatte als Sachwalterin das berühmte Frl. Kleffmann. Die damals bereits Achtzigjährige war sehr wichtig für die Gemeinde, denn sie hatte dem Seelsorger ihre Wohnung und die ihr noch verbliebene Lebenskraft zur Verfügung gestellt. Offenbar hatte sie einen großen Einfluß beim lieben Gott und war eine große Beterin. So hat sie es manches Mal fertiggebracht, Pläne der weltlichen und kirchlichen Behörden "kaputtzubeten", wenn diese mit ihren Plänen nicht übereinstimmten. Dies habe ich später am eigenen Leibe erfahren, allerdings zu meinem Heile. Generalvikar Freusberg und der liebe Gott überließen den Fall Stadtlengsfeld dem zuständigen Oberen, P. Spors, und der löste das Problem geradezu salomonisch: weder P. Jordan noch P. Brungs, sondern ich wurde Pfarrer in Stadtlengsfeld, und P. Dargel mußte in den sauren Apfel Großenehrich beißen.

Als ich 16 Jahre später mal wieder dorthin kam, habe ich gesehen, wovor der liebe Gott mich bewahrt hatte. Ganz sauer scheint indes dem P. Dargel der Apfel Großenehrich nicht geworden zu sein. Und wenn der liebe Gott die Dinge etwas anders geregelt hat als der Provinzial P. Deitmer es angeordnet hatte, dann wird dieser dem lieben Gott wohl nicht gram darüber sein, daß er sich nicht ganz an die Planungen gehalten hat.

Großenehrich war eine jener Seelsorgsstellen, die gegen Ende des Krieges unmittelbar danach begründet wurden, meistens unter äußerst ärmlichen Voraussetzungen. Das Verdienst dafür, daß dieser Seelsorgsbezirk entstand, darf sich wohl P. Mattere zuschreiben. Mit Geschick, Energie und großen seelsorglichen Eifer war er zu Werke gegangen und hatte es verstanden, sich einige tüchtige Helferinnen beizuholen: Arme Schulschwestern ULF, hochgebildete aber resolute Frauen. Schwester Erasma war in Großenehrich vom Beginn bis zum Ende dieser Seelsorgsstelle. Schwester Tarsitia besorgte den Haushalt und die Kirchenmusik. Später kam noch Antonie Brodmann als Seelsorgshelferin hinzu, so daß P. Dargel als Chef über einen nicht geringen Personenstand regierte. Wohnung für Pfarrer und Seelsorgshilfepersonal war in der ehemaligen Schule des Ortes. Hier konnte auch eine Kapelle für die Gottesdienste eingerichtet werden. Neben dem Pfarrhaus lag ein großer Misthaufen, der aber nicht dem Pfarrer gehörte, sondern der L.P.G. Der Pfarrer hatte lediglich den Duft gratis. Das Haus war ein alter Fachwerklehmbau. Und im Schlafzimmer des Pfarrers wuchs aus den Wänden sogar Gras, so erzählte mir einer der Nachbarpfarrer.

Der gesamte Seelsorgebezirk war umfangreich. In etwa einem Dutzend Orten mußten Gottesdienste und Unterricht gehalten werden. P. Dargel hat es nie bis zu einem stolzen Trabant-Besitzer gebracht. Er tuckerte vielmehr mit einer 125iger Triumph durch die Gegend, wobei auch noch die Organistin auf dem Soziussitz zu transportieren war. - Über die Zeit in Großenehrich berichtet ein ehemaliger Mitarbeiter:

P. Dargel kam 1950 nach Großenehrich in die thüringische Diaspora. Er war zunächst etwas erschrocken über die Zustände und die Größe der Station, kam er doch aus München, wo er in 7 Kirchen Fastenpredigten etc. gehalten hatte. Er gewöhnte sich rasch an die Verhältnisse. Sein Humor half ihm über die Strapazen hinweg. Nie wurde in Großenehrich so viel gelacht wie zu seiner Zeit. Er war der sonnigste Pfarrer von allen Seelsorgern, die in Großenehrich gewesen sind. Das half auch seinen Mitarbeitern, über manche Schwierigkeiten hinwegzukommen. Er nahm es mit der Verkündigung gewissenhaft genau, die Sonntagspredigt wurde bereits am Montag entworfen und in der Woche mehrmals überarbeitet.

Nach Anfangsschwierigkeiten in der Kontaktnahme mit den Menschen hat er die Scheu - oder, wie er sagte, Schüchternheit - bald überwunden. Die Leute liebten ihn und schätzten seinen Humor. Besonders schwer litt er am Schrumpfungsprozeß unserer Gemeinden. In seinen Jahren zogen viele gerade der aktivsten Familien weg - in einem Jahr waren es sogar 58 Gemeindemitglieder. Während dieser Jahre wurde die Seelsorgestelle mehr als um die Hälfte reduziert. Seine besondere Sorge galt den Kranken. Jedesmal, wenn er eine Station besuchte, galt eine der ersten Fragen den Kranken. Er ordnete viele Ehen, besonders anfangs. Als er 1958 die Seelsorgestelle Großenehrich verließ, traf der Nachfolger eine seelsorglich gut bestellte Gemeinde an.

P. Dargel war, wie gesagt sei, ein sonniger und humorvoller Chef. Er konnte erzählen und mit Vorliebe originelle Erlebnisse. Das mag wohl auch ein Grund dafür gewesen sein, daß er 1958 in Großenehrich abgelöst und den Volksmissionaren beigesellt wurde. Zu seinen Nachfolgern, die nun von der Diözese gestellt wurden, hat er stets gute Beziehungen unterhalten und ihnen durch Aushilfen und Vertretungen noch manche gute Dienste geleistet.

Bei den monatlichen Konferenzen in Erfurt sah ich oft, wie er mit den Priestern des Bischöflichen Amtes Erfurt verhandelte, um Aufträge einzuholen, vor allem für Religiöse Wochen. Seine Predigten und Vorträge waren immer recht anschaulich, die Beurteilung unterschiedlich. So war eine Religiöse Woche, die er in meiner Gemeinde gehalten hat, sicherlich ein guter Erfolg. Weniger gut wurde jene beurteilt, die er in Dingelstädt gehalten hat, was aber wahrscheinlich vor allem an den Dingelstädtern lag.

P. Karl Fischer SJ

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Sein Lebenslauf war folgender: P. Ludwig Dargel wurde am 22. Oktober 1918 in Essen geboren. Dort gehörte er zu der Pfarrei, die von den Jesuiten geleitet wurde. Am 12. April 1937 trat er in den Orden ein und machte das Noviziat in Hochelten unter der Leitung von P. Flosdorf. Oft erzählte er von den sog. Starnovizen, diesen begabten jungen Leuten und Lieblingen des Novizenmeisters; die meisten von ihnen seien aber nicht im Orden geblieben. Es war sein Stolz, daß er als "Depp" durchgehalten hat. Von 1939-1941 war er beim Reichsarbeitsdienst und beim Militär, wo er es zum Gefreiten brachte. Wegen Zugehörigkeit zum Jesuitenorden wurde er vorzeitig entlassen. Damit derartige Leute, die meist aus dem Studienbetrieb herausgerissen worden waren, ihre Zeit nutzbringend verbrachten, wurde in Duderstadt bei den Ursulinen unter Leitung von P. Heinrich Keller ein Studium eingerichtet. Die Scholastiker wurden in umliegende Dörfer einquartiert. P. Dargel und P. Philippi wohnten im Pfarrhaus zu Berlingerode bei Pfarrer Wandt und seiner Nichte Kathrinchen. Letztere lebt noch in Heiligenstadt. Sie dürfte wohl eine von denen gewesen sein, die P. Dargel bis zu seinem Tode mit Zigarren versorgt haben.

Nach dem Kriege beendete er die Theologie in Büren. Dort wurde er auch am 27. August 1947 zum Priester geweiht. Nach Beendigung der Theologie war er bis 1949 Sekretär in Sankt Georgen. 1949-50 machte er das Tertiat. Von Juli 1950 bis 1958 wirkte er in Großenehrich. Dann arbeitete er als Volksmissionar und Operarius. Während dieser Zeit gehörte er zu den Häusern in Weimar (bis 1971) und Erfurt (bis Dezember 1976).

Ja, und dann kam die böse Sache mit Potsdam: Versetzung in das Altersheim im Küssel. Jedenfalls empfand er es nicht als eine freundliche Geste, mit der man ihm einen geruhsamen Lebensabend sichern wollte. Er war darüber sehr verbittert, und sein Zorn traf vor allem den so gütigen P. Zug, der das Pech hatte, damals gerade Regionalsuperior sein zu müssen. Er schloß sich dann auch sehr von den Mitbrüdern ab. Die Bemühungen von P. Superior Geisler, ihn stärker an die Kommunität in Berlin heranzubringen, waren ziemlich ergebnislos. Einmal im Jahr nahm er die Einladung an, und zwar zum Eisbeinessen. - Mit den Geistlichen in Potsdam und in der Umgebung dagegen scheint er ein recht gutes Verhältnis gehabt zu haben. Gern stand er ihnen für Sonntagsvertretungen zur Verfügung.

Am 1. Oktober 1981, kurz vor Vollendung des 63. Lebensjahres, mußte er sein "junges Leben lassen. Es war absolut nicht in seinem Sinne, daß er schon starb. Er wollte viel älter werden und hat dementsprechend viel für seine Gesundheit getan. Jetzt wird er wohl nicht mehr böse sein, daß er im Himmel ist, und wird nun wohl allen "Bösewichtern" verzeihen.

R.I.P.

ergänzt durch: P. Karl Heinz Fischer SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 1/1982 - Februar, S. 6ff