Bruder Heinrich Dunkel SJ
19. April 1988 in Berlin-Kladow

Ein Jesuit soll einmal gesagt haben: "Meine Freunde kann ich mir aussuchen, Mitbrüder bekomme ich geschenkt." Damit wollte er etwas Hintergründiges aussagen.
Br. Dunkel war so ein Mitbruder, den man sich auch gern als Freund schenken ließ; ein unbedingt zuverlässiger Mann, offen für alles Gute und Schöne, hellwach für das kirchliche Leben, auch für erforderliche Änderungen festgefahrener Strukturen. Sicher hing diese Offenheit damit zusammen, daß er ein Sohn der Diaspora war.

Am 21. Februar 1909 wurde er in Sarstedt bei Hannover geboren. Im Diasporaraum Hannover verbrachte er auch seine Jugend. Im Zusammenhang mit Nachforschungen über eine Reliquie der Mutter Gottes in der evangelischen Marktkirche zu Hannover, die er im Jahre 1986 auslöste, schildert er seine Jugend in Hannover.

Bei einem Besuch in der Marktkirche in Hannover am Feste Christi Himmelfahrt des Jahres 1930 wurde 'als Erbe aus der katholischen Zeit' ein Kästchen gezeigt, in dem sich ein Stück vom Ärmel eines Kleides, das die Gottesmutter getragen haben sollte, befand. Als Br. Dunkel im Jahre 1933 bei einer Heiligtumsfahrt nach Aachen das Kleid der Gottesmutter sah, fiel ihm auf, daß ein Ärmel kürzer als der andere war. Er fand auch die Bestätigung in einem Dokument, aus dem hervorging, daß vor der Reformation der Bischof von Aachen ein Stück vom Ärmel des Kleides abschneiden ließ und es dem Bischof von Hildesheim schenkte, der es seinem Freund, dem Pfarrer der späteren Marktkirche von Hannover übereignete. So gelangte die Reliquie in den Besitz der evangelischen Kirche. Bei den durch Br. Dunkel im Jahre 1986 in Hannover ausgelösten Nachforschungen hieß es zuerst, daß die Reliquie beim Brand der Marktkirche im Jahre 1943 vernichtet worden sei. Als dieser Bericht den Mitarbeitern der Marktkirche vorgelesen wurde, holte ein Diakon das Kästchen aus einer Ecke des Tresors zusammen mit einer Knochen-Reliquie hervor; die Reliquien hatten doch die Zerstörung der Marktkirche überstanden. Man kann verstehen, daß Bruder Dunkel nicht wenig stolz war, diese Reliquie wieder in den Blick gerückt zu haben.

Br. Dunkel spricht von seinen Eltern, die ihn treu im katholischen Glauben erzogen. "So war es auch selbstverständlich, daß ich tief geprägt aus dem Glauben lebte. Der katholische Jungmännerverband und dessen Aufstieg entsprach ganz meiner Aktivität. Groß war meine Freude, als dann auch die katholische Kirche in Hannover emporstieg; gerade die Südstadt, in der ich im April meine Lehrzeit anfing, (Br. Dunkel erlernte das Polster- und Dekorateur-Handwerk) war doch ganz Diaspora. ... Auch erlebte ich die neue Residenz der Jesuiten-Patres in der Hildesheimer Straße. Das Friedrich-Spee-Haus, wie es heute heißt, war früher ein Sitz der Freimaurerloge, wo einst Bismarck das Vertreibungsgesetz der Jesuiten unterschrieb... All diese Neuerungen der katholischen Kirche in Hannover weckten in mir den Beruf, mitzuhelfen, um so das Wachsen der katholischen Kirche in Hannover zu fördern. Als einundzwanzigjähriger Geselle entschloß ich mich, damals unter der Führung von P. H. Grünewald, dem Jesuitenorden als Bruder beizutreten ..."

Im Juni 1930 begann Br. Dunkel in s'-Heerenberg sein Postulat und machte unter P. Heinrich Schmitz sein Noviziat. Später wurde bekannt, wie sehr P. Schmitz unter seiner eigenen Strenge als Magister im Noviziat gelitten hat, einer Strenge, die zu dem humorvollen Kölner gar nicht paßte. Br. Dunkel hat nicht alles widerspruchlos hingenommen und so kam es zu keiner Freundschaft mit dem Novizenmeister. Nach dem Noviziat kam Br. Dunkel nach Valkenburg, wo er die Wäschekammer besorgte; 1938 finden wir ihn in Essen, wo er 1940 Soldat wurde, bis er 1941 wegen seiner Zugehörigkeit zum Jesuitenorden wieder entlassen wurde. Sein Kompanie-Chef schrieb ihm am 28. Januar 1942 einen Brief, der ein schönes Licht auf diesen mutigen Christen, wie auch auf Br. Dunkel wirft.

Er schrieb u.a.: "... über allem steht der Herrgott, und der hat seinen Plan mit uns, wenn's uns auch manchmal unverständlich ist ... Die Stamm-Mannschaften haben mir Freude gemacht; dazu gehören Sie auch. Der Ersatz aber ist schlecht... Sie können auch noch etwas für die Kompanie tun, fühlen Sie sich doch noch ihr verbunden. Es gibt Menschen, die nicht so viel Zeit zum Beten haben... Andere Menschen haben das Gebet auf ihre Fahne geschrieben. Dazu gehören Sie. Wir bilden aber eine Gemeinschaft in Christus... Also!" Deutlicher kann man wohl nicht zum Ausdruck bringen, wie Br. Dunkel auch als Soldat das Zeugnis eines Ordensmannes gegeben hat.

Nach der Entlassung vom Militär übernahm er in Koblenz das Amt des Sakristans in unserer Kirche; aber 1943 wurde der ehemalige Sanitäts-Gefreite als Krankenpfleger für das Brüder-Krankenhaus in Koblenz dienstverpflichtet. Nach Kriegsende kam er nach Köln, half beim Wiederaufbau und blieb dort bis 1952 als Sakristan an St. Robert. Inzwischen war auch das Paulushaus in der Lennéstraße in Bonn entstanden und Br. Dunkel wurde mit Br. Warken dorthin versetzt.

Über die folgenden 30 Jahre könnte ein Hausgenosse wohl viel schreiben - vielleicht auch nicht; denn hier geschahen keine weltbewegenden Dinge, sondern ganz schlichte Alltäglichkeiten, die aber den treuen Ordensmann ausweisen. Die Kapelle im Paulushaus, die von Br. Dunkel betreut wurde, hatte viele treue Besucher; unter diesen fand Br. Dunkel gute Freunde, die auch nach seinem Umzug nach Berlin Kontakt mit ihm hielten.

Sowohl in der Kapelle also auch in der Bonner Münsterkirche übte Br. Dunkel das Amt des Kommunionhelfers aus; seine dabei ausstrahlende Ehrfurcht vor dem Allerheiligsten hat viele Menschen tief beeindruckt. P. Hunger berichtet, daß er sich immer wieder angesprochen fühlte, wenn er sah, wie Br. Dunkel die hl. Kommunion austeilte. Bei diesem Dienst in der Münsterkirche entstand auch eine freundschaftliche Beziehung zum damaligen Stadtdechanten von Bonn, dem späteren Weihbischof von Köln, Walter Jansen; es fanden sich im Nachlaß von Br. Dunkel noch einige Briefe, die Walter Jansen sowohl von Bonn als auch von Köln aus an Br. Dunkel in Berlin richtete; sie geben Zeugnis von der Wertschätzung, der sich Br. Dunkel über das Ordenshaus hinaus erfreute.

Nach seinem Umzug schrieb ihm der Stadtdechant: "... Die vielen Erinnerungen an Bonn werden in Ihnen nicht nur Wehmut wachrufen, sondern auch Dankbarkeit und Freude, daß Ihnen im Leben so viel Möglichkeiten der Begegnung sowie der direkten und der indirekten Seelsorge gegeben waren..... Wenn ich nun nach der Austeilung der heiligen Kommunion den langen Weg durchs Hochchor gehe und die Bilder im Fußbodenmosaik betrachte, denke ich an Ihre schöne Auslegung, von der Sie mir einmal erzählt haben." Aus Köln schrieb ihm der Weihbischof 1985: "... Auch ich möchte Ihnen sagen, daß ich immer und viel an Sie denke! Sie haben Ihren lieben Dienst des Kommunionhelfers so treu und ehrfürchtig erfüllt, daß Sie Priester und Gläubige erbaut haben. Und dann sehe ich Sie immer noch mit dem kleinen Jungen an der Hand in die Stadt ziehen. Schöne, gute Erinnerungen!"

Eine besonders tiefe Freundschaft verband Br. Dunkel mit Herrn Prälaten Dr. Nikolaus Wyrwoll, dem derzeitigen Sekretär für die Vorbereitung zur europäischen Friedensversammlung. Herr Prälat Dr. Wyrwoll ist Germaniker und besuchte häufig P. Wilhelm Klein in Bonn. Dabei kam es zu Begegnungen mit Br. Dunkel, der dann bei ihm in Hannover und im letzten Herbst in Göttingen erholsame Urlaubswochen verbrachte. Über seinen letzten Urlaub in Göttingen hat Br. Dunkel der Kommunität in Berlin voller Begeisterung erzählt, hatte er doch Gelegenheit gehabt, Stätten seiner Vorfahren und seiner Jugend im Harz zu besuchen.

Nach dem Heimgang von Br. Dunkel schrieb uns Herr Prälat Wyrwoll: "... Bruder Dunkel war mir ein großes Vorbild in seiner Arbeit im Paulushaus in Bonn, in dem ich ihn oft besucht habe. Mir ist erst nachher bewußt geworden, wie viel er gemacht hat, als ich merkte, wie viele Menschen seine Arbeit übernommen haben. In Hannover und Göttingen hat er die Menschen mit seiner unaufdringlichen Art bekehrt zu Gott. Alle hier ums Pfarrhaus sind dankbar für seinen Aufenthalt im vergangenen Jahr. Man merkte ja, daß er nicht gesund war. Und umso ermutigender wirkte sein freundliches, ausgeglichenes Wesen. Für die alten Menschen im Krankenhaus Neu-Mariahilf war er ein Gast und gleichzeitig ein geistliches Geschenk. Sie haben ihn jetzt in ihr Gebet eingeschlossen... Und ich bete für ihn, aber auch zu ihm."

Gegen Ende des Jahres 1982 ließen seine Kräfte nach und er bat den Provinzial, nach Kladow umziehen zu dürfen. Hier wollte er aber nicht den Pensionär spielen, sondern er machte sich nützlich, wo immer er konnte. Wegen Störungen im Darmbereich mußte er zweimal operiert werden; im Herbst 1987 erhielt er einen anus praeter, der ihm einige Mühe machte. Zu Beginn dieses Jahres mußte er erneut das Krankenhaus aufsuchen; er war sehr zuversichtlich, wieder gesund zu werden, da ihm ein paar Monate zuvor bestätigt worden war, daß er keinen Krebs habe. Nun bat mich der Chefarzt um ein Gespräch, um mir mitzuteilen, daß Br. Dunkel doch an einem Nieren-Sarkom in fortgeschrittenem Stadium leide. Ich hielt Br. Dunkel für stark genug, mit ihm darüber zu sprechen; wir beteten miteinander und nach einer kurzen Weile nahm er ganz bewußt dieses Leiden aus Gottes Hand an.

Jetzt zeigte sich, wie echt seine Frömmigkeit, seine tiefinnerliche Übereinstimmung mit dem Willen Gottes war. Wir haben ihn dann bald nach Kladow zurückgeholt, und in den noch verbleibenden zwei Monaten hat er klaglos seine Schmerzen getragen. Zuweilen blitzte auch sein Humor auf; als Schwester Mathilde ihm in der Karwoche einen Schluck Wein bot, sagte er: "Das ist ja Essig: Soweit ist es noch nicht:" Ich hatte die Freude, ihm in den letzten 14 Tagen die heilige Kommunion zu bringen. Am Morgen des 19. April fragte ich ihn gegen 9.00 Uhr: "Soll ich Dir jetzt die heilige Kommunion bringen?". Er erwiderte darauf: "Ja, aber eine würdige!" Da zeigte sich noch einmal sein liebendes Verhältnis zur heiligen Eucharistie. Als ich ihm nach der heiligen Kommunion noch einen Schluck Wasser reichen wollte, sagte er: "Nein, jetzt Wein, aber nicht so'n sauren:" Leider mußte ich ihn daraufhin für eine Stunde verlassen, und als ich zu ihm zurückkam, war er still heimgegangen.

Br. Dunkel verkörperte für mich den vorbildlichen Typ eines Ordensbruders: gescheit und bescheiden, unaufdringlich fromm, aufgeschlossen und kritisch, mit Mut zu seiner Meinung zu stehen. Wir dürfen mit seiner Hilfe von oben rechnen!

R.i.p.

Fritz Wellner SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 4/1988 - Juli, S. 61ff