P. Ludwig Maria Faust SJ
17. Juli 1991 in Berlin

Was P. Faust kennzeichnete, war sein goldiger Humor. Wenn jemand sich vertan hatte und seinen Irrtum mit der Entschuldigung eingestand: "Ich dachte, daß ...", meinte P. Faust: "Ja, denken ist gefährlich!" Er war stolz darauf, ein Rheinländer zu sein: "Durch die Gnade Gottes bin ich ein Kölner", pflegte er zu sagen. In Köln wurde er am 6. November 1896 geboren, und zwar in der Severinstraße, wie er eigens anmerkt, d. h. in Alt-Köln, nicht in einem der Vororte, deren Einwohner als "Ausländer" galten.

Ludwig Maria war der zweite von fünf Söhnen der Familie. Im Kreis der Familie erlebte er nach seinen eigenen Worten eine "sonnige Jugend". Nach drei Jahren Volksschule besuchte er neun Jahre das Kaiser-Wilhelm-Gymnasium. Seine religiöse Formung verdankte er, neben dem echt religiösen Elternhaus, der Marianischen Schülerkongregation, die der fromme und eifrige Professor Josef Stelzmann leitete, außerdem den Exerzitien, die er dreimal in der Schulzeit mitmachte. Dadurch gewann er Kontakt zu den Jesuiten und lernte das Exerzitienhaus in 's-Heerenberg an der holländischen Grenze bei Emmerich kennen.

Zwei Weltkriege und die Nazizeit, die Ludwig Faust überlebte, hätten nicht erwarten lassen, daß er beinahe 95 Jahre alt werden sollte. Nach dem Abitur im Februar 1915 trat er am 15. April 1915 in die Gesellschaft Jesu ein und begann sein Noviziat in s'-Heerenberg. Er hatte seinen Entschluß reiflich überlegt. Nach einem halben Jahr schon wurde er zum Militär eingezogen. Der Erste Weltkrieg war im Gang. Erst nach seiner Entlassung vom Militär Ende 1918 konnte er seine Noviziatszeit fortsetzen bzw. neu anfangen, bis er 1920 in Valkenburg das Philosophiestudium begann. Zu seinem Jahrgang zählten damals 24 Scholastiker, einschließlich zwei Scholastikerpatres.

Doch zunächst einiges über seine Kriegserlebnisse: Er faßte den Kriegsdienst im Geist der Indifferenz als seine Pflicht auf und kam dieser mit der ihm eigenen Treue und Gewissenhaftigkeit nach. So stand er sowohl in Frankreich als auch in Rußland an der Front. Inzwischen war er zum Vizefeldwebel befördert worden und erlitt kurz vor Ende des großen Krieges, am 29. September 1918, eine schwere Verwundung, die ihn lange behinderte. In Anerkennung seiner Tapferkeit wurde ihm das Eiserne Kreuz 1. und 2. Klasse verliehen. Gelegentlich sprach er über seine Kriegserlebnisse, die für ihn eine harte Schule waren, aber auch wertvolle Lebenserfahrungen vermittelten.

Nach dem Philosophiestudium folgte eine zweijährige Erziehertätigkeit im Aloisiuskolleg in Bad Godesberg. Dann konnte er 1925 mit fast 29 Jahren seine Theologie in Valkenburg beginnen und wurde 1927, wie damals üblich, am 28. August, dem Fest des hl. Augustinus, dort zum Priester geweiht.

Nach Abschluß seines Theologiestudiums kam P. Faust 1929 nach Essen und war bei den Neudeutschen tätig, zugleich auch in der Seelsorge von Fürsorgezöglingen. Nach seinem Tertiat 1933 in Münster begann eine schwierige und sehr aktive Zeit in Aachen. Hier galt seine Sorge vor allem den Jugendlichen im Bund Neudeutschland. Es war aber auch eine gefährliche Zeit. Jeder Tag konnte eine neue Überraschung bringen. Mindestens 25mal wurde er von der Gestapo vorgeladen, und, wie er sagte, "mit Zwangsgeldfestsetzungen" bedacht. Diejenigen, die die Aufregung miterlebten, wissen noch davon zu erzählen: So war plötzlich ein Pater der Residenz "verschwunden". P. Faust vertraute einem Sextaner, mit dem er gerade in einer Gruppe unterwegs war, seine Geldbörse an und schickte ihn nach Aachen zurück, um als Unverdächtiger zu erkunden, ob dem Pater etwas passiert war. Es stellte sich jedoch als harmlos heraus.

Schließlich siedelte P. Faust im Sommer 1937 nach Hochelten über, wohin das Noviziat verlegt worden war. Dort sorgte er als P. Minister für das Haus, war in der Seelsorge für die Novizen und von dort aus auch in der Auslandsseelsorge in Arnheim in Holland tätig. Zur Seelsorge fühlte er sich berufen, und sie entsprach ganz seinen Wünschen. 1940 kam er wieder nach Aachen. Die Gefährdung durch die Nazis war für ihn auch hier ständig gegenwärtig. Als die Residenz der Jesuiten in der Kurbrunnenstraße am 24.7.1942 von der Gestapo besetzt und aufgehoben wurde, war P. Faust nicht anwesend, so daß er nicht verhaftet wurde. Hier in Aachen wurde er bald und als erster Jesuit Kaplan, und zwar an St. Jakob. Hier erlebte er die schweren und häufigen Fliegerangriffe und 1944 schließlich die Belagerung der Stadt. Nach dem Krieg leitete er als Superior die neuerstandene Niederlassung des Ordens, rief wieder den Bund Neudeutschland ins Leben, der eine neue Blüte erlebte. Gleichzeitig blieb er Seelsorger der Geisteskranken im Alexianerkloster. Ferner nahm ihn die Priester- und Schwesternseelsorge in Anspruch.

Die folgenden Jahre führten ihn 1948 nach Pützchen bei Bonn als Exerzitienmeister und Leiter des Exerzitienhauses der Sacré-Coeur-Schwestern. Von 1950 bis 1954 wirkte er bei der Brüdergenossenschaft der Canisianer im Bistum Münster und anschließend als Socius Magistri im Noviziat in Burg Eringerfeld. Im Kolleg von Büren übernahm er gleichzeitig den Hebräisch-Unterricht, später auch im Noviziat bzw. Juniorat und zeitweise den Unterricht in Griechisch.

Mit seiner Tätigkeit im Sprachunterricht hängt es wohl zusammen, daß er sich mit der Zeit auf die philologische und exegetische Erklärung des Vaterunsers und des Magnifikats spezialisierte. Das Thema beschäftigte ihn bis zu seinem Tode. Leider lag es ihm wenig, seine Ideen zu Papier zu bringen. Auch fürchtete er nicht ganz ohne Grund, von den Fachexegeten nicht anerkannt zu werden. Immerhin konnte er an einer Fachtagung über das Vaterunser, das der Verlag Herder in Freiburg veranstaltete, teilnehmen.

Zum 25jährigen Bestehen der Stiftung Oratio Dominica brachte der Verlag Herder 1987 eine neue Folge einer bereits 1982 erschienenen Vaterunser-Bibliographie heraus. Dieser Ergänzungsband wird durch einen Beitrag von P. Faust über das Vaterunser mit dem Titel eingeleitet: "Das verheißene Brot. Ludwig M. Faust. Die Bergpredigt mit dem Vaterunser als neutestamentliches Lehrgedicht; dargestellt von Annemarie Scholl." Einleitend schreibt Frau Scholl: "Im Sommer 1979 bat mich P. L. M. Faust SJ, seine langjährigen Studien über das Vaterunser in lesbare Form zu bringen." Dafür konnte er ihr eine Reihe von Skizzen und zum Teil auch gedruckte kleine Beiträge, vor allem aber ein 53 Seiten umfassendes Manuskript über "das Gefüge der Bergpredigt" zur Verfügung stellen. Für ihn bedeutete das Erscheinen seines Beitrages die Erfüllung eines langgehegten Wunsches.

Von 1960 bis 1968 setzte P. Faust dann seine Lehrtätigkeit in Büren fort, verband damit auch Priester- und Schwesternseelsorge, Exerzitien und anderes mehr. 1968 kam er nach Bonn und wirkte segensreich, und bis heute unvergessen, 18 Jahre lang als Beichtvater. Vielen wurde er der geistliche Berater. Durch seine Tätigkeit hat er entscheidend dazu beigetragen, daß die jahrzehntelange Tradition des Bonner Hauses als Beichtkapelle nicht abriß - die Gefahr bestand zeitweise -, sondern bis heute weitergeführt werden kann.

Im Kommunitätsleben war er mit seinem Humor ein belebendes Element. Wenn es in der Unterhaltung um die Bedeutung oder Herleitung eines Wortes ging, hatte er prompt eine manchmal recht gewagte Erklärung zur Hand. Von dem Apfelwein auf dem Mittagstisch z.B., der aus Trier kam, wußte er, daß der Name "Viz" sich von St. Vitus herleite. Denn um die Zeit seines Festes seien die Äpfel reif und dienten dann zur Bereitung des Apfelweines ... Doch konnte P. Heinrich Klein, der aus Trier stammte, bei einem Besuch auf Befragen eine plausiblere Auskunft geben. Nach ihm erhielten die Seminaristen in Trier an Werktagen oder in der Fastenzeit anstelle von Moselwein beim Mittagstisch "vice vini" Apfelwein; daher der Name "Viz"; (ähnlich wie aus vicedominus = Verwalter von Klostergütern "der Viztum" wurde). Doch auf dem Gebiet des Jiddischen mit seinen humorvoll klingenden Ausdrücken, die P. Faust mit sichtlichem Vergnügen zu zitieren pflegte, war er als Fachmann zuständig. Sein liebenswürdiger Humor konnte recht treffsicher sein. Von einem weniger humorvollen Mitbruder, der gelegentlich den Pfortendienst versah, meinte er lächelnd, "der eignet sich zum Pförtner wie ein Igel als Kopfkissen".

Mit fast 90 Jahren verließen ihn die Kräfte. Er siedelte nach Berlin-Kladow ins Altenheim über. Leicht fiel es ihm verständlicherweise nicht. Als ich ihn dort einmal besuchte, sagte er mir, daß er sich die ersten drei Monate einfach hingelegt habe. Wenn ich mich recht erinnere, hat er in dieser Zeit nach eigenen Angaben 15 kg abgenommen, was ihm offenbar gut bekam. Denn dann stand er auf, wie er selber sagte, und wurde wieder lebendig. Bewußt verzichtete er auf den Aufzug und benutzte ohne Schwierigkeiten die Treppe. Er sah danach frisch und keineswegs übermäßig abgemagert aus.

Allmählich wurde es still um ihn. Diese letzten fünf Jahre machten ihn einfacher, wesentlicher. Täglich feierte er die hl. Messe mit, nahm gern an gemeinsamen Andachten teil, betete eifrig den Rosenkranz und zeigte sich für alles dankbar. Die Zeitereignisse interessierten ihn nach wie vor. Ebenso rege war seine Teilnahme am Ordensleben im Haus und in der Provinz. Zu seiner Familie hielt er den Kontakt aufrecht. So wurden die letzten Jahre eine Vorbereitung auf den ewigen Lohn, den der Herr seinem treuen Diener zweifellos in reichem Maße bereithielt. Am 17. Juli 1991 verstarb P. Ludwig Faust im Peter-Faber-Kolleg und wurde am 23. Juli auf dem St. Hedwigsfriedhof in Berlin-Reinickendorf beigesetzt.

R.i.p.

P. Wilhelm Hunger SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 6/1991 - Dezember, S. 155ff