P. Bruno Freund SJ
geboren am 30. September 1911 in Breslau
gestorben am 26. November 1998 in Berlin

Bruno Georg Karl Freund wurde am 30.09.1911 als Sohn des Landgerichtskanzlisten Reinhold Freund und seiner Ehefrau Antonie geb. Mangelsdorff in der niederschlesischen Hauptstadt Breslau geboren und am 22.10.1911 in der Pfarrkirche St. Maria auf dem Sande getauft.

1. Auf dem Weg zum Herrn
In Breslau wuchs er auch mit einer Schwester und einem Bruder auf. Zu Ostern 1917 wurde er in die "Städtische kath. Volksschule Nr. VI mit 8 aufsteigenden Klassen" eingeschult und beendete sie am 31.03.1925 als Schüler der Klasse la, einer "Aufbauklasse mit erweiterten Zielen". Da ihm zu der Zeit der Sinn nicht weiter nach Schule, sondern nach etwas Handfestem stand, erlernte er vom 1.04.1925 bis zum 31.03.1929 ordnungsgemäß das Maurerhandwerk bei Meister Johannes Gebel in Breslau-Carlowitz und besuchte vom 6.05.1925 bis zum 30.09.1928 die Maurer-Klasse der "Staatlichen gewerblichen Berufsschule I der Hauptstadt Breslau". Am 16.04.1929 bestand er die Gesellenprüfung. Bis Ende Juli konnte er noch bei seiner Lehrfirma bleiben; dann wurde er wegen der um sich greifenden allgemeinen Arbeitslosigkeit entlassen. Es war die Zeit der Weltwirtschaftskrise. Im Winter 1929/30 nahm er an einem Vorbereitungskurs zur Aufnahme in die Baugewerkschule teil und bestand die Aufnahmeprüfung.

"Gott fügte es aber anders." In den Faschingstagen 1930 nahm Bruno an Exerzitien in Mittelsteine teil, die P. Paul Urmitzer für Jungmänner und Gesellen hielt. Auf diese Tage war er durch einen Zeitungsaufruf des damaligen Novizenmeisters P. Constantin Kempf mit dem Titel "Froher Fasching für Jungmänner und Gesellen!" aufmerksam geworden. Der Kurs endete am Aschermittwoch: "Als neuer Mensch sah ich, nach Hause gekommen, die Welt an, und es reifte der Entschluß, in die S.J. einzutreten. Ich schrieb an P. Kempf und erhielt die Antwort: machen Sie das Abitur und kommen Sie so, wie Sie sind!"

Also ging Bruno von 1930 - 32 auf die sogenannte "Presse" bei Dr. Gudenatz, eine Privatschule, in der man in einem halben Jahr den Stoff eines ganzen Schuljahres der öffentlichen Gymnasien zu pauken hatte. Im Frühjahr 1932 machte er die Aufnahmeprüfung für die Obersekunda des Staatlichen St. Matthias-Gymnasiums zu Breslau. Man steckte ihn in dieselbe Klasse, in der sein jüngerer Bruder war, was für diesen nicht gerade eine Erleichterung bedeutete. Der Wechsel zum Gymnasium erfolgte aus finanziellen Gründen, da der Vater als Justiz-Büroassistent schon am 17.11.1927 verstorben war und die Mutter es mit der kleinen Beamtenpension anders nicht mehr geschafft hätte, den beiden Söhnen den Besuch des Gymnasiums und der Tochter den der Haushaltsschule zu ermöglichen.

Am 6. März 1935 bestand Bruno das Abitur mit "Gut" und erhielt das Zeugnis der Reife mit dem Vermerk "Freund Bruno will Theologie studieren". Wenn er in seinem Lebenslauf notierte "Ich war nie in der Hitlerjugend", so mag man das als Kurzkommentar des ruhigen und besonnenen Schülers zum Verhalten seines damaligen Schulleiters OSt.Dir. Dr. Atzert verstehen, der sich nach der Machtübernahme als strammer Genosse entpuppt hatte.

Am 29.04.1935 trat Bruno Freund in Mittelsteine in das Noviziat der Ostdeutschen Provinz ein und legte am Fest Christi Himmelfahrt, dem 6. Mai 1937, die Ersten Gelübde ab. Es folgten ein kurzes Juniorat und die philosophischen Studien in Pullach. Am 6. März 1940 erhielt er die Einberufung zur Wehrmacht nach München. Bruno Freund wurde, anders als die meisten Mitbrüder, nie aufgrund des Führerbefehls entlassen, d.h. genauer: "in die Ersatzreserve II, n.z.v., übergeführt". Nach einer 8-wöchigen Grundausbildung zum Sanitäter wurde er "bis auf weiteres" freigestellt.
   In dieser Zeit, deren Dauer niemand abschätzen konnte, bereitete er sich eiligst auf das philosophische Schlußexamen vor, das er tatsächlich ablegen konnte, bevor er erneut zum Militärdienst als Sanitäter bei der 212. Division nach München eingezogen wurde. Zuvor, am 6., 7. und 9. Juni 1940 konnte er noch in der bischöflichen Privatkapelle in München durch Kardinal Faulhaber die Tonsur und die Niederen Weihen empfangen.
   Von Juni 1940 bis Oktober 1940 diente er bei den Besatzungstruppen in Frankreich. Von Oktober 1940 bis Februar 1941 erhielt er Wirtschaftsurlaub, den er im ostpreußischen Heiligelinde bei den Mitbrüdern ableistete. Mitte Februar 1941 wurde er wieder nach Frankreich einberufen und nacheinander zur Lazarettarbeit in St. Malo, Le Mans und Dax stationiert. Am 2.10.1941 wurde seine Division nach Rußland in den Nordabschnitt vor Leningrad verlegt. Dort hatten sich die deutschen Truppen im Stellungskrieg eingegraben. Frater Freund war auf dem Hauptverbandsplatz tätig. 1944 wurde man im Mittelabschnitt zum Rückzug bis nach Litauen gezwungen.
   Im Oktober 1944 wurde die Division an die Westfront in den Raum von Trier (Schweich an der Mosel) verlegt und bei der Rundstedtoffensive vom 16.12. - 24.12.44 eingesetzt. Der Kampf forderte schwere Verluste und endete mit dem Rückzug in die Ausgangsstellungen. Ab Februar 1945 war die Einheit auf dem Dauerrückzug bis an den Tegernsee. Dort in Oberbayern wurden die demoralisierten Soldaten von den Amerikanern überrollt.
   Frater Freund setzte sich in dem allgemeinen Durcheinander ab und marschierte in zwei Tagen querfeldein vom Tegernsee bis nach Pullach; es war kurz vor Pfingsten. Zunächst meldete er sich aber auf der Rottmannshöhe bei P. Otto Pies, der zu der Zeit zum Obern der in den Westzonen versprengten Mitbrüder ernannt war.

Im September 1945 begann wieder der geregelte Vorlesungsbetrieb. Das Theologiestudium absolvierte Frater Freund von 1945 - 1948 in Pullach, das 4. Jahr machte er 1948/49 in Büren. Aufgrund einer päpstlichen Dispens für Spätheimkehrer wurden er und die PP. Franz Baron, Engelbert Dubiel, Heinz Glahn und Alois Stenzel am Fest Allerheiligen der Gesellschaft Jesu, dem 6.11.1947, durch Weihbischof Neuhäusler in der Kollegskirche in Pullach zu Priestern geweiht. Die Weihe zum Subdiakon und Diakon hatte er am 18. bzw. 19.10.1947 durch Kardinal Faulhaber im Dom zu Freising empfangen. Die Ausbildung beendete P. Freund 1949/50 mit dem Tertiat in Münster unter P. Karl Wehner, seinem früheren und späteren Provinzial.

2. Im Dienst des Ewigen Königs
Im Juli 1950 siedelte P. Freund in die Sowjetische Besatzungszone über, um P. Otto Ogiermann in der Leitung des Bischöflichen Konvikts in Erfurt abzulösen. "Der spätere Weihbischof in Erfurt Joseph Freusberg wollte mit dem Konvikt erreichen, daß katholische Jungen, die oft Flüchtlingskinder waren, echte Chancen zu einer guten Bildung bekamen." Daß dies schnell zu Auseinandersetzungen mit dem sich etablierenden kommunistischen System führen mußte, zeichnete sich schon früh ab. "Um jeden Jungen mußten wir kämpfen." Neun schwere Jahre leitete P. Freund das Konvikt und hatte in dieser Zeit drei Umzüge zu bewerkstelligen. Das Konradhaus mußte dem entstehenden Priesterseminar überlassen werden. Das Hedwigshaus im Grenzweg war zu räumen, da es wieder Kaserne wurde. Das Winfriedhaus, der "Aktienkeller" , mußte 1959 geschlossen werden, da der Staat die Aufnahme auswärtiger Schüler in die Oberschulen nach Erfurt untersagte. Die Konviktler, darunter der heutige Kardinal Sterzinsky von Berlin, denken gern an diese Jahre zurück, in denen P. Freund klug und umsichtig die Geschicke des Konvikts und seiner Bewohner leitete. Darüber hinaus war er ein geschätzter Beichtvater für Erfurt und die Pfarreien im Umland.

Im Herbst 1959 wurde P. Freund nach Dresden/Hoheneichen versetzt, um sich auf die Exerzitienarbeit vorzubereiten. Am 12.03.1960 wurde er nach Rostock destiniert, um P. Georg Conrad in der Leitung des Exerzitienhauses Nikolausstift in Parchim nachzufolgen. In den 60er Jahren besuchten jährlich bis zu 800 Leute Exerzitien und Veranstaltungen in Parchim. "Und wenn ein Kurs mal übervoll belegt war, dann fanden die Schwestern immer noch eine Möglichkeit, jemanden unterzubringen." In diese Tätigkeit gab es zwei schmerzhafte Einschnitte. Der eine waren die Jahre 1963 und 64, in denen die Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft durchgeführt wurde, die u.a. auch zur Folge hatte, daß viele Leute vom Land nicht mehr an Exerzitien teilnehmen konnten, da sie dafür nicht frei bekamen. Den zweiten Einschnitt bedeuteten die langen Monate, als das Altersheim gebaut wurde und das Exerzitienhaus deshalb durch Handwerker belegt war.

Neben der Tätigkeit als Geistlicher Leiter des Exerzitienhauses gab P. Freund in den Dekanaten Ludwigslust und Schwerin regelmäßig die Priesterrekollektionen. 1971 erkrankte er an einer schweren Anämie. Deshalb wurde er im Herbst des Jahres durch P. Gerrit König in Parchim abgelöst. Aber schon ab dem 15.01.1972 vertrat er den schwer erkrankten P. Bernhard Borrmann als Pfarrer in Bad Doberan und löste ihn am 1. Mai 1972 in diesem Amt ab. Damit fiel ihm auch die Aufgabe zu, das, was P. Borrmann an Vorarbeiten geleistet hatte, weiterzuführen und die Pläne zum Umbau der Kirche und zum Bau eines Pfarrhauses zu realisieren. So mancher Stein ging dabei buchstäblich durch seine Hände und manche Mauer wurde von ihm fachmännisch gesetzt. Zu einem aber kam P. Freund in all den Jahren nicht: er lernte nie Autofahren. Schließlich fand er immer dienstbare Geister, die mit dem Barkas oder dem Trabi das transportierten, was im Haus oder in der Gemeinde benötigt wurde. In der Pfarrarbeit war es P. Freunds Bestreben, "daß die Gemeinde sich immer als Gemeinde findet, daß sie sich zum Gottesdienst versammelt und daß in den Familien wieder religiöses Leben beginnt." Er blieb sich stets bewußt, daß sich vieles nicht "von oben her" organisieren oder gar befehlen läßt, daß vielmehr nur das geduldige Anregen, sorgsame Pflegen und behutsame Begleiten wirkliche und dauerhafte Frucht bringen.

1983 mußte er sich einer Gallenoperation unterziehen. Zunehmend machten sich auch Kreislaufbeschwerden bemerkbar. So wurde er am 1.09.1985 in Bad Doberan abgelöst und übernahm als Ruheständler auf Vorschlag des Schweriner Bischofs Theissing im Caritasheim Sternberg den Posten des Hausgeistlichen. Nach fast 8 Jahren und nahezu zeitgleich mit der Aufgabe des Heimes durch die Marienschwestern und seine Umwandlung in ein Hotel wurde P. Freund am 4. Mai 1993 nach Berlin ins Peter-Faber-Kolleg versetzt. 33 Jahre war es ihm vergönnt gewesen, in der mecklenburgischen Diaspora unter vielen Mühen, aber sehr segensreich zu wirken.

Seit Mitte 1998 wurde sein Gesundheitszustand immer schlechter, das Zeitgefühl schwand nahezu völlig, er fand sich nicht mehr zurecht. Der Herr rief ihn am Gedenktag des hl. Johannes Berchmans in sein Reich, für das P. Freund sich so lange und kräftezehrend eingesetzt hatte. Mit ihm hat uns einer der markanten, unverwechselbaren Mitbrüder verlassen, deren Wirken die Jahre der SBZ und der DDR umfaßte und sie trotz vieler Hindernisse geistlich prägte.

R.i.p.

P. Karl Heinz Fischer SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 1/1999 - Februar, S 17-20