P. Johannes Bapt. Groetschel SJ
27. November 1989 in Berlin

P. Johannes Bapt. Groetschel wurde am 2. Oktober 1911 in Pawlowitz, Kreis Pleß, Oberschlesien geboren. Sein Vater war Maximilian Groetschel, seine Mutter Lucie, geb. Danisch. Am 12. Oktober 1931 trat er in Mittelsteine in das Noviziat der Gesellschaft Jesu ein.

Um es kurz zu sagen: Auf den schmalen Schultern unseres lieben verstorbenen P. Johannes lastete doch immer das Kreuz - eines von seinem Ziel her gesehenen nicht in Erfüllung gegangenen Lebens, nicht aus eigener Schuld. Schicksal, angenommen als Wille Gottes. Es hatte ihn wohl schon in der Philosophie in Valkenburg gepackt, das Verlangen, dem russischen Volk, dem russischen Menschen, wie wir ihn damals bei Tolstoi, Leskow, Dostojewski kennenlernten in seiner Not, als Priester Hilfe zu leisten. Der Aufruf der letzten Pius-Päpste und unseres Generals Ledochowski zündete bei vielen jungen Jesuiten, die geistige Auseinandersetzung mit dem Kommunismus-Atheismus war entbrannt. Wohl schon voll aufgenommen in die Zahl der "Russipeti" durfte er sein Interstiz an der Grenze Rußlands, in Tallinn-Estland als Präfekt am Kleinen Seminar ableisten.

Bestärkt in seinem Entschluß, kam er mit einer ganzen Reihe junger Jesuiten schon vor Kriegsausbruch nach Rom, um sich ganz dem Studium der russischen Sprache, Literatureinführung in die byzantinisch-slawische Liturgie am Päpstlichen Collegium Russicum, zu widmen. Der Ausbruch des Krieges traf sie in Rom. Es war nun das Beste, in Rom zu bleiben und an der Päpstlichen Universität Gregoriana Theologie zu studieren und sich nebenher am Russicum weiterzubilden. Am 4. April 1942 wurde er in Rom in der Kirche St. Antonio Abbate von Erzbischof Alexander Ewreinoff (vorher russischer Diplomat beim Vatikan, zur Einheit der Katholischen Kirche gekommen) zum Priester geweiht, und zwar im byzantinisch-slawischen Ritus für Rußland.

Das alles geschah in der ungeheuren Spannung des sich in Rußland und weltweit austobenden Krieges. Was wird das Ende des Krieges bringen für Rußland, für die Welt? Ein Häuflein von Priestern und Studenten in Rom, einer offenen Stadt, während ringsum die Mitbrüder auf den Schlachtfeldern im Bruderkampf fallen.

Dem Studium in Rom schloß sich das Tertiat in Florenz an, gewiß eine besondere Situation unter italienischen Mitbrüdern, die das Kriegsende in dieser Stadt und Hunger und Not zwischen den Fronten, auch im eigenen Lager durchmachen mußten. Über die Jahre 1944/45 in Beuten, Oberschlesien, und 1945/46 in Neuzelle als Kaplan und in Dresden-Hoheneichen als Exerzitienmeister hat P. Groetschel wenig gesprochen - sowjetische Militärregierung, Zusammenbruch auf der ganzen Linie, Flucht. Die Heimat Schlesien geht verloren.

Ein neuer Anlauf zum Ziel: 1947 mit P. Falk zusammen, Studium der Slawistik an der Münchener Universität. Eine gewiß interessante Zeit. Professor der Slawistik war Fedor Stephun, ein Kenner der russischen Geistesgeschichte, 1917 Mitglied der zeitweiligen verfassungsgebenden Regierung Kerenski, gläubiger orthodoxer, hochgebildeter Theologe mit ökumenischem Blick, seiner Zeit weit voraus. Romano Guardinis "Religiöse Gestalten in Dostojewski" wurde mit brennendem Interesse gelesen. Warum P. Groetschel sein Studium nicht mit dem Doktorat abschloß - er sprach nicht gerne davon.

1954 übernahm er die Gemeinde des Slawischen Ritus in Gemeinschaft mit dem Heiligen Stuhl von P. Ott, der sein Tertiat in Dublin zu machen hatte. Die Pfarrei war von einem konvertierten Bischof der lebenden Kirche gegründet, von holländischen Kapuzinerpatres des slawischen Ritus übernommen und dann verlassen worden. Warum er nicht schon vorher mit den zigtausenden in München untergebrachten Emigranten-Russen fast keinen Kontakt aufgenommen hatte? Vielleicht war es von kirchlicher Seite nicht erwünscht.

Noch einmal ergriff P. Groetschel die Initiative in der geistigen Auseinandersetzung mit dem Marxismus-Atheismus: 1958 begann er ein Team zusammenzustellen, um das große Standardwerk der großsowjetischen Enzyklopädie, die ja Nachschlagewerk für jeden gebildeten Russen war, zu überarbeiten. Es galt, die falschen philosophischen, theologischen Begriffe zurechtzustellen, Unrichtigkeiten, Geschichtsverfälschungen und -verdrehungen aufzudecken, positiv philosophisch-theologische Aussagen zu machen. In jeder Beziehung, der Wahrheit zum Sieg zu verhelfen. Der Herder Verlag in Freiburg finanzierte das Unternehmen und siedelte das ganze Team im Jahr 1961 in Freiburg an. Es galt, für die einzelnen Sachgebiete Wissenschaftler zu finden, sie zu Beiträgen zu bewegen. Die Mittel waren knapp bemessen. Endlich kam die Ausgabe in deutscher Sprache heraus. Das eigentlich geplante Ziel, die russische Ausgabe den Gebildeten und Studierenden in der UdSSR in die Hand zu geben, scheiterte an den Finanzen. Pater Groetschel litt sichtbar darunter.

Nach München zurückgekehrt, machte er sich wieder nützlich, soweit er konnte, sei es mit Vorträgen, Konversionen, als Patron einer neuen unierten serbischen Gemeinde, samt Pfarrer mit großer Familie; auch balkanische Zustände konnten ihn nicht erschüttern. Selbst der Lehrer erwachte wieder in ihm, war doch sein Vater in Schlesien Lehrer gewesen. Mit viel Geduld gab er unseren Gymnasiasten Nachhilfestunden in Latein.

Sein allgemeiner Gesundheitszustand wurde schwächer und schwächer. Es schmerzte ihn, daß er das in großen Buchstaben gedruckte Altarevangelium nicht mehr lesen, sich nicht mehr aus Zeitungen und Zeitschriften ein Bild der Lage der Kirche und der Weltpolitik machen konnte, war er doch vorher sehr belesen. Die Konzelebration der morgendlich-göttlichen Liturgie durfte nicht fehlen. Es war auch immer ein Treffen mit Prälat Holinski, dem ehemaligen Generalvikar der unierten Ukrainer, mit dem er sehr befreundet war.

Schließlich ging es nicht mehr - nach stationärer Behandlung im Krankenhaus lautete das Urteil des ihn behandelnden und mit ihm sehr befreundeten Hausarztes auf Einweisung in ein Altenheim. Direkt vom Krankenhaus, ohne seine Wohnung gesehen, geschweige denn besucht zu haben, brachte ihn P. Sodja nach Münster ins Haus Sentmaring. Wie er diese Verfügung, nach Münster zu gehen, im Geist des hl. Ignatius, daß im Fall der Krankheit der Arzt die Stelle des Oberen einnimmt, ohne Aufstand und Protest seelisch getragen hat, ist sein Geheimnis. Es ist ihm, der von Natur aus nicht geduldig war, wohl sehr schwer geworden. Genauso war es mit dem langsamen Hinsiechen in Münster und Berlin, wo sein guter Bruder ihm doch ab und zu Trost und Beistand leisten konnte. Er durfte es noch erleben, was er scheinbar vergeblich erhofft und wofür er gearbeitet und gebetet hatte: den Anfang des Zusammenbruchs des Atheismus in Rußland.

Herr, laß ihn dort ruhen, wo die Gerechten sich in Ruhe ihres Glückes erfreuen dürfen. Amen.

R.i.p.

P. Karl Ott SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 1/1990 - Januar, S. 16f