P. Hans Gumbel SJ
3. Februar 1986 in Berlin

P. Hans Gumbel lernte ich erst kennen, als Pater Provinzial mich 1972 nach Hamburg schickte. Der Oberstudiendirektor i.R. gab damals trotz seiner 70 Jahre noch 15 Wochenstunden Unterricht, zwei Drittel der normalen Lehrerstunden. Ich erhielt eine 7. Klasse als Klassenlehrer, er gab bei meinen Schülern Deutsch. Drei Jahre später hielt ich mit den Jungen einen Ausblick auf die 10. Klasse und bemerkte in einem Nebensatz, daß P. Gumbel doch allmählich alt werde, ob sie ihn dennoch behalten wollten. Große Aufregung: Es sollte ihnen nur niemand P. Gumbel nehmen. Bei ihm lernten sie etwas. Nur zwei Schüler wären ihn gerne losgeworden, weil er zuviel Hausaufgaben aufgebe. Da ein solides Maß an Hausaufgaben gewöhnlich nicht gegen einen Lehrer spricht, brachten P. Gumbel und ich diese Klasse durch die Mittelstufe.

Am Mitbruder Gumbel bewunderte ich die Selbstdisziplin und den Ordnungssinn. Der Tag zwischen 5.00 und 22.00 Uhr war exakt eingeteilt. In ihm fanden Betrachtung, hl. Messe, Brevier, Arbeit, Lektüre und eine Stunde Radfahren Platz. P. Gumbel war schon an die achtzig Jahre, als er nach einem Sturz das Radfahren aufgab und zum Schwimmen überwechselte. Man kann einen Tageslauf wohl nur so organisieren wie er, wenn angeborener oder anerzogener Ordnungssinn mit den äußeren Zwängen des Lehrerdaseins zusammentrifft.

Als ich mich etwas näher mit P. Gumbels Lebenslauf befaßte, wurde mir klar, woher sein hervorstechendster Charakterzug stammte. P. Gumbels's Vater war Bahnbeamter in Mainz. Damals mußte man Versetzungen in Kauf nehmen, wenn man befördert werden wollte. Hans kam als ältestes Kind am 9. September 1901 in Frankfurt zur Welt, seine beiden jüngeren Geschwister in Bleicherode am Harz. Dann ließ sich der Vater als Bahnhofsvorsteher nach Eschwege versetzen, um seinen Kindern den Besuch des Gymnasiums zu ermöglichen. Die Mutter starb früh und der Vater heiratete noch einmal. So erhielt Hans noch 3 Stiefgeschwister. Als Ältester trug er eine Mitverantwortung für seine Geschwister. Damit nahm er es sehr genau. Die Schwester weiß zu erzählen, daß er sehr streng das Kommando führte, wenn die Geschwister allein in die Ferien zu Verwandten fuhren.

Hans Gumbel muß ein guter Schüler gewesen sein. Auf dem Gymnasium konnte er eine Klasse überspringen und die Schule schon mit 17 Jahren beenden. Mit der Anerkennung von Prüfungen hat er allerdings Probleme gehabt. Das begann mit dem Abitur: Er machte das Kriegsabitur, das die Gesellschaft Jesu bei seinem Eintritt nicht anerkennen wollte. So mußte er die Prüfung in Kassel wiederholen. Bei der Assessorprüfung sollte es ihm ähnlich ergehen.

Im Mai 1919 trat Hans Gumbel in 's-Heerenberg ins Noviziat ein. Warum er gerade zu den Jesuiten gegangen ist, darüber konnte mir niemand Auskunft geben. Er stammt aus einer gläubigen Familie, deren'-Kirchentreue in der nordhessischen Diaspora sich bewährt hatte. Er wollte auf alle Fälle in einen Orden eintreten, während sein jüngerer Bruder Weltpriester wurde. Eine Verbindung der Familie zur Gesellschaft Jesu bestand nicht.

Von 1921 bis 1924 studierte Fr. Gumbel in Valkenburg Philosophie. Zum Interstiz wurde er nach Barcelona geschickt, weil man in Deutschland genug Fratres hatte und in Spanien ein Deutschlehrer gesucht wurde. So unterrichtete er drei Jahre Deutsch und Geschichte. Von 1927 bis 1931 studierte er Theologie in Valkenburg, es folgte das Terziat in Münster. Am 27.08.1930 erhielt Fr. Gumbel in Valkenburg die Priesterweihe.

Ob und wie bei P. Gumbels Destination zum Lehrer der Wille der Oberen und die Neigung des Untergebenen zusammengewirkt haben, läßt sich nicht herausfinden. Jedenfalls studierte P. Gumbel in Bonn, München und Münster Deutsch, Latein und Griechisch und schloß sein Studium 1938 mit dem Staatsexamen und der Promotion zum Dr. phil. ab. Er hat seine germanistische Dissertation über das Jesuitentheater geschrieben. In seiner Bescheidenheit hat er von seinem akademischen Titel nie Gebrauch gemacht.

Sein einjähriges Referendariat leistete er in Paderborn ab. Weil er Jesuit war, ließen ihn die Nazis nicht zur Assessorprüfung zu. Was sollte man nun mit einem ausgebildeten Lehrer ohne Examen machen? Die Kollegien waren aufgehoben, der Druck der Regierung auf Kirche und Orden nahm zu. So wurde P. Gumbel wieder ins Kolleg nach Barcelona geschickt. Er muß sehr erfolgreich gewirkt haben, denn in den letzten Jahren vor seiner Rückkehr nach Deutschland war er Direktor.

1948 kam P. Gumbel ins Aloisiuskolleg nach Bad Godesberg. Dort geriet er in die Mühlen der Bürokratie. Als Studienrat brauchte er in Deutschland das 2. Staatsexamen. Er hatte es 1939 nicht machen dürfen, weil er Jesuit war. In Spanien hatte er 9 Jahre unterrichtet und sogar die Schule geleitet - und jetzt sollte er wie ein Anfänger geprüft werden. Dagegen wehrte sich sein Stolz und sein Gerechtigkeitssinn. Man sagte ihm, die Prüfung sei eine reine Formsache, sie müsse nun einmal sein. So fügte er sich zähneknirschend und mußte an seiner Wut noch kräftig schlucken, als die 'Formsache' doch noch zu einer echten Prüfung wurde. Seither hat er mit einem bitteren Stolz erzählt, daß er als ehemaliger Schulleiter sein 2. Examen nur mit 'ausreichend' bestanden habe.

1951 kam P. Gumbel nach Hamburg. Er sollte Stadt und Schule kennenlernen, um später die Schulleitung von P. Ferdinand Becker zu übernehmen, der aufs Pensionsalter zuging. 1955 wurde P. Gumbel Direktor der Sankt-Ansgar-Schule. Diese hatte ihren Altbau gerade abgeschlossen, das Haus an der Bürgerweide war bezogen. 1954 hatte die erste Abiturprüfung stattgefunden. P. Gumbel brauchte in seiner Amtszeit keine Reformen durchzuführen, er mußte das Erreichte festigen und ausbauen. Das kam seinem Sinn für Ordnung entgegen. Er verwaltete die Schule exakt. 'Hamburgs besten Buchhalter' nannten ihn seine Kollegen, die Rektoren der katholischen Volksschulen. Den Schülern gegenüber blieb er ein wenig distanziert, er forderte Disziplin und Leistung. Im späteren Alter wurde er milder: Als Deutschlehrer meiner Klasse gab er wenige Zweien, aber keine Fünfen.

Bei den staatlichen und kirchlichen Behörden war er hoch geachtet wegen seiner tadellosen Amtsführung und seines klaren Urteils.

Ostern 1967, inzwischen 66 Jahre alt, übergab er die Schulleitung an P. Karl-Heinz Fine. Als dieser schon im Oktober desselben Jahres unerwartet starb, übernahm P. Gumbel wie selbstverständlich wieder die Amtsgeschäfte und leitete mit staatlicher Ausnahmegenehmigung die Schule ein weiteres Jahr, bis der Orden die Nachfolge geklärt hatte.

Danach blieb er Lehrer, mußte allerdings seine Wochenstundenzahl allmählich reduzieren. Sein Goldenes Priesterjubiläum und seinen 80. Geburtstag haben wir noch mit Kommunität und Lehrerkollegium an der Sankt-Ansgar-Schule gefeiert, dann aber hatten seine Altersbeschwerden so sehr zugenommen, daß er ständiger Pflege und Hilfe bedurfte, die wir ihm in Hamburg nicht geben konnten. Er siedelte ins Peter-Faber-Kolleg nach Berlin über. Leider ist er dort nicht mehr heimisch geworden, sein Herz hing an Hamburg. 'Der Hamburger' hieß er bei seinen Mitbrüdern in Berlin, so hat er sich gefühlt. Es hat einen symbolischen Charakter, daß er am 03. Februar, dem Fest des 1-11. Ansgar, des Hamburger Bischofs und Patrons seiner Schule, gestorben ist.

P. Gumbel war kein Mann für die Öffentlichkeit. Im kleinen Kreis konnte er sehr gesellig sein, er fehlte auch nie in der Doppelkopfrunde, die P. Rainer Rendenbach am Samstagabend organisierte. Über den Orden hinaus hatte er jedoch wenig Kontakte, obwohl er 30 Jahre in Hamburg gelebt hatte. Große Auftritte liebte er nicht, er war auch nicht der Mann der spontanen Rede. In diesem Bereich kam ihm sein Sinn für Disziplin zur Hilfe: Wenn er wußte, daß er in den Sommerferien bei der Aushilfe eine Predigt zu halten hatte, so war diese schon drei Monate vorher wortwörtlich schriftlich niedergelegt. Seine Predigten trugen mehr den Charakter von Vorträgen, sie waren aber gründlich durchdacht und biblisch begründet. Das Interesse an der Theologie hat P. Gumbel immer behalten, er las auch im hohen Alter noch die neuen Veröffentlichungen, wenn er auch nicht mehr alles verstand.

P. Gumbel war mit Leib und Seele ein Mann der Schule. Das war seine Stärke und seine Schwäche. Eine große Zahl katholischer Männer in Hamburg verdankt ihm eine solide Schulbildung und schulische Erziehung aus dem katholischen Glauben.

Er selbst aber wurde in seinem Lehrerberuf zu einseitig. In den normalen Seelsorgstätigkeiten wie Predigt und Sakramentenspendung hatte er zu wenig Praxis. Die Sommerferien pflegte er bei Schwestern in einem Erholungsheim zu verbringen. Das war die einzige Gelegenheit zur Predigt. Einkehrtage oder Exerzitien hat er nicht gegeben. Es liegt schon eine gewisse Tragik darin, daß er nach seinem Ausscheiden als Direktor keine andere Tätigkeit als die eines Lehrers übernehmen konnte oder wollte. Andererseits herrschte um 1967 großer Lehrermangel. So waren die Mitbrüder froh, daß er als Lehrer weitermachte. Er aber konnte an der Verminderung der Wochenstunden-zahl den allmählichen Verfall seiner körperlichen und geistigen Kräfte ablesen.

Ich hätte ihm eine Arbeit gegönnt, die seinem Alter entsprochen hätte und allmählich ausgeklungen wäre. Andererseits aber habe ich die Bescheidenheit bewundert, mit der er seine Lehrtätigkeit nach der Direktorszeit wieder aufgenommen hat. Er soll mit sei-nem Nachfolger einmal einen gründlichen Krach gehabt haben, welcher vor meiner Zeit in Hamburg stattgefunden hat. Ich habe von P. Gumbel nie ein Wort der Kritik an der Amtsführung P. Rendenbachs, seines Nachfolgers, gehört, obwohl dieser, seinem Cha-rakter entsprechend, einen ganz anderen Führungsstil pflegte.

Über dem Hauptportal der Sankt-Ansgar-Schule steht der Psalmvers: "Bonitatem et disciplinam et scientiam doce me, Domine" (nach Ps 118,66 vulg.). P. Hans Gumbel hat nach diesem Gebet gelebt.

R.i.p.

P. Heinrich Köster SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 2/1987, S. 33 ff