P. Johannes Nepomuk Haas SJ
* 26. Mai 1912 in Herrndorf, Krs. Glogau/Schles.
21. Dezember 1993 in Berlin

Es ist schon mehr als ungewöhnlich, daß ein Jesuit über Jahrzehnte am selben Ort und an derselben Stelle verweilt. P. Johannes Haas hat zwei Drittel seiner Priesterjahre - 36 von 54 - im Dahlemer Bachstelzenweg im Provinzialshaus der Schwestern der hl. Katharina als Hausgeistlicher und Schriftsteller zurückgezogen und ohne viel Aufsehen verbracht. Hier konnte er seinen Begabungen und seiner Neigung zur naturwissenschaftlichen Forschung nachgehen. Die Nähe zur Freien Universität, die Ruhe in Haus und Garten sowie die Geduld und Fürsorge der Schwestern ergaben vorzügliche Arbeitsbedingungen und trugen dazu bei, daß P. Haas gute 81 Lebensjahre erreichen konnte.

Johannes Nepomuk Haas wurde am 26. Mai 1912 in Herrndorf bei Glogau geboren. Im Jahre 1916 zogen seine Eltern nach Glogau, wo er mit vier Schwestern und einem Bruder seine Kindheit und Jugend verlebte. Der Vater war Lithograph und Buchdrucker. So kam es, daß der junge Johannes schon früh die Welt der Bücher und des Wissens kennenlernte und wohl auch vom Vater die Liebe zum geschriebenen Wort erbte, die ihn Zeit seines Lebens bestimmte. Auch von Musik verstand und hielt er viel, wie die Cassettensammlung verrät, die er später besaß.

Nach fünfjähriger Volksschule begann er im Jahr 1923 das Gymnasium Fridericianum, das er 1932 mit der Reifeprüfung beendete. Glogau und das Fridericianum prägten den Gymnasiasten entscheidend. Die Stadt war gegen Ende des 16. Jh. fast ganz protestantisch geworden. Seit 1625 wirkten dort aber dauerhaft und erfolgreich die Jesuiten. Kaiser Ferdinand Il. (1611-37) sorgte für die Gründung eines Kollegs und für gute Arbeitsbedingungen. Als 1773 die Gesellschaft Jesu unterdrückt und aufgelöst wurde, konnten die Jesuiten im inzwischen zur preußischen Krone gehörenden Schlesien unter dem Schutz Friedrichs II. zunächst als Orden weiterbestehen und später als Weltpriester und Mitglieder des königlich preußischen Schulinstituts weiterarbeiten. Schon als Gymnasiast beschäftigte sich Johannes Haas mit Naturwissenschaft und Philosophie und besaß z.B., wie er sich stolz erinnerte, alle damals im Druck erhältlichen Werke des P. J. Fröbes SJ.

Am 7. April 1932 trat Johannes Haas in das Noviziat der Ostdeutschen Provinz in Mittelsteine ein, das er unter der Leitung von P. Kempf begann und unter P. Pies fortsetzte. P. Pies schickte ihn schon nach eineinhalb Jahren, also im Herbst 1933, in die Philosophie nach Valkenburg. Dort legte Johannes Haas am 8. April 1934 die Ersten Gelübde ab. Valkenburg und die Art der Studien lagen ihm offenkundig sehr. Von den PP. Claßen, Wulf, Schmitz und Fröbes wurde er nach eigenem Bekunden besonders beeindruckt; die Genannten gehörten damals zu den Glanzlichtern Valkenburgs. P. Joseph Fröbes (1866-1947) war Professor der Philosophie, ein bedeutender Vertreter der experimentellen und spekulativen Psychologie und ein vielgedruckter Verfasser. P. Theodor Wulf (1868-1946) dozierte Physik und Naturphilosophie und war als Forscher und Professor weit über den Orden hinaus bekannt. Erfindungen (Faden-Elektrometer) und Entdeckungen (Höhenstrahlung) sind bleibend mit seinem Namen verbunden. Nach Einsteins Urteil ist die Darlegung der Relativitätstheorie durch Theodor Wulf eine ihrer besten Erklärungen. P. Hermann Schmitz (1878-1960) gewann als "der Käferschmitz" Rang und Namen in der Zoologie. P. Lambert Claßen (1891-1961) war von 1925 bis 1934 Philosophie-Professor am Ignatiuskolleg, dann Superior in Dortmund und von 1936-1939 Rektor des Canisius-Kollegs (Gymnasium am Lietzensee) in Berlin.
"Mit großem Interesse habe ich mich dort wieder den Naturwissenschaften und der Naturphilosophie gewidmet", faßte P. Haas später diese Valkenburger Jahre zusammen.

Nach Beendigung der Philosophie wurde Fr. Haas zusammen mit neun Mitbrüdern aus den drei deutschen Provinzen nach São Leopoldo/Südbrasilien zum Studium der Theologie geschickt. Gründe für dieses Auslandsstudium waren zum einen die Devisenschwierigkeiten, mit denen der Orden im Deutschen Reich zunehmend zu kämpfen hatte, und zum anderen das Angebot südamerikanischer Provinzen, die den deutschen Mitbrüdern dadurch zu helfen trachteten, daß sie die Ausbildungskosten übernahmen. "In der Theologie wurde dort nicht sehr viel verlangt", so erinnerte sich P. Haas, "und so hatte ich noch viel Zeit übrig, nebenbei Naturphilosophie zu studieren". Am 26. Juli 1939, einige Tage vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, wurde er in Porto Alegre zum Priester geweiht. Das Tertiat machte er unmittelbar im Anschluß an die Theologie im Jahre 1941 in Pareci Novo.

Im Jahre 1942 wurde in São Leopoldo das Colegio Christo Rei eröffnet, für das man dringend Dozenten brauchte. P. Haas wurde dort sofort eingesetzt und mußte im Rahmen der Theologie den Traktat "De Deo Uno et Trino" lesen. In den folgenden dreieinhalb Jahren dozierte er Philosophie, und zwar die Gebiete Kosmologie, Ontologie und Biologie. Diese Lehrtätigkeit wurde auf eigenen Wunsch hin unterbrochen, weil er sich durch Spezialstudien weiterqualifizieren wollte. Da er als Deutscher so kurz nach dem Krieg nicht nach Deutschland zurückkehren konnte, begann er naturwissenschaftliche Studien an der Universität von São Paulo. Um dort aber promovieren zu können, hätte er die brasilianischen Gymnasialprüfungen nachholen müssen. Anders sah dies für die USA aus. Es gelang ihm tatsächlich, in den Vereinigten Staaten sein Studium fortzusetzen. Zunächst machte er ein Semester an der Georgetown University in Washington und dann zweieinhalb Jahre an der Fordham University in New York. Hier promovierte er Ende 1950 im Fach Biologie. Die Doktorurkunde der Fordham University am 1. Februar 1951 weist ihn "rite probatum ad Philosophiae Doctoratum" aus. Danach brachte er ein weiteres Jahr mit Forschungsarbeiten an der Chicago University zu. "Bei all diesen Studien erwachte mein Interesse an der Zellbiologie, weil diese in erster Linie an der Fordham University gepflegt wurde".

Im Jahre 1952 kehrte er nach São Leopoldo zurück und lehrte wieder Ontologie und Kosmologie sowie Ethik. Unterdessen hatten sich die Verhältnisse in Deutschland geändert und verbessert. "Außerdem war mir klar, daß ich in Brasilien niemals werde ein größeres Werk veroffentlichen können". Deshalb bat er die zuständigen Obern, ihm die Rückkehr in seine Heimatprovinz zu gestatten. Sie erfolgte Mitte 1953.

Im August 1953 kam P. Haas nach Berlin an das Canisius-Kolleg und unterrichtete Biologie im normalen Schulbetrieb bis zum Jahr 1960. Von 1962-64 bot er für die Unter- und Oberprimen Arbeitsgemeinschaften zur Biologie und damit zusammenhängenden Spezialfragen an. Eine schriftstellerische Tätigkeit und Forschung lagen P. Haas aber entschieden mehr als der Klassenunterricht mit seinen festen Zeiten, Unterrichtszielen und Lehrplänen. So griff er schon im April 1958 gern bei dem Angebot zu, die Stelle eines Hausgeistlichen bei den Katharinerinnen in Dahlem zu übernehmen, die ihm viele Möglichkeiten zu biologischen Studien und Forschungen sowie zu Kontakten zur Freien Universität und zu ihren Forschungsinstitutionen gab. Eine Reihe von wissenschaftlichen Veröffentlichungen und viele Vorträge zeugen von seinem Fleiß und gewannen ihm Zugang zu Fachkollegen und verschiedenen interessierten Kreisen.

Schon in Brasilien hat er die Arbeit an der "Zellphysiologie" begonnen, sie bei der geringen Auslastung durch die Schule in Berlin weitergeführt und 1954 abgeschlossen. Die Veröffentlichung erfolgte 1955: "Physiologie der Zelle. Von Dr. phil. Johannes Haas an der Forschungsstelle für Mikromorphologie in der Max-Planck-Gesellschaft Berlin-Dahlem", Berlin 1955. Das Werk vermittelt eine umfangreiche Literatur, die er in den USA kennengelernt hatte und von der man in Deutschland durch die Kriegs- und Nachkriegsjahre abgeschnitten gewesen war. Der Plan von P. Haas war es, alle tierischen und pflanzlichen Zelltypen in der gleichen Weise zu behandeln. Er konnte es aber nur für die Nerven- und Muskelzelle durchfuhren: "Physiologie der Muskelzelle. Von Dr. phil. Johannes Haas, Lehrgebiet Biologie und Anthropologie der Technischen Universität Berlin", Berlin 1963.

In den Jahren nach der Rückkehr schrieb er eine Anzahl von Artikeln für die "Stimmen der Zeit", und wurde zunehmend zu Vorträgen über Grenzfragen aus Biologie und Philosophie eingeladen. "Das Interesse für solche Fragen war damals sehr lebhaft, weil sie bei der Bekämpfung des dialektischen Materialismus eine Rolle spielten", nannte er selbst als Grund.

Rasch nacheinander erschienen die Bücher: "Leben in Materie. Entstehung des Lebens im Lichte der neuesten Erkenntnisse der modernen Zellenlehre", Berlin 1956 - "Das Lebensproblem heute. Beitrag der Zellforschung zur Philosophie des Organischen", München, Salzburg, Köln 1958 - "Biologie und Gottesglaube. Der Gottesgedanke in der wissenschaftlichen Biologie von heute", Berlin 1961; zu diesem Buch kam in 2. Auflage ein "Nachtrag zur Neuauflage (1986) von Biologie und Gottesglaube (Ontologie des Lebendigen)", 2. Auflage - "Physiologie der Nervenzelle", Berlin 1962 - "Der Ursprung des Lebens. Ergebnisse und Probleme der Biogenesisforschung unter besonderer Berücksichtigung der sowjetischen Forschungsergebnisse", München 1964 - "An der Basis des Lebens", Berlin 1964 und "Sein und Leben", Karlsruhe 1968. Zugleich arbeitete P. Haas bei Sammelwerken wie "Gott, Mensch, Universum" und "Das stammesgeschichtliche Werden der Organismen" mit. Daneben stehen Beiträge auf wissenschaftlichen Tagungen, etwa der Görres-Gesellschaft, zu Grenzfragen der interdisziplinären Forschung. Mehrere Jahre hielt er im Rahmen des Akademikerverbandes und bei Katholischen Akademien weltanschauliche Vorträge zu Fragen der Biologie.

Ein Thema, auf das P. Haas besonders viel Zeit und Mühe verwendet hat, ist die Biologie der Krebszellen, freilich ohne daß sich dabei ein Erfolg eingestellt hätte.

"In den letzten Jahren", so schätzt P. Haas die Entwicklung Mitte 1973 ein, "hat das Interesse an den zwischen Biologie und Philosophie liegenden Fragen weitgehend nachgelassen, was einen starken Rückgang der Vortragstätigkeit, aber auch der Möglichkeit zur Folge hatte, entsprechende Schriften zu veröffentlichen. Ein Grund dafür war das Aufkommen der Entspannungspolitik, die die Bekämpfung des Materialismus ganz in den Hintergrund drängte".

Die Schriftstellerei, die Forschungsanliegen und die Vorträge zehrten immer mehr P. Haas Kräfte auf. Krankheiten kamen dazu. Die Zeitläufe überholten ihn. Es wurde in den letzten zwanzig Jahren immer stiller um ihn. Er wurde scheuer und floh den Umgang mit Kommunitäten. Die modernen kirchlichen Entwicklungen verstand er nicht mehr recht. Er studierte und schrieb indes unermüdlich weiter. Viele Texte standen bei seinem Tod ordentlich gereiht in seinem Regal; sie zeugen von Fleiß und Begabung ebenso wie von der Zeit, die nach Ovid "edax rerum" ist, d.h. die unerbittlich alles aufbraucht. In manchen verschätzte sich P. Haas auch bzw. konnte die selbstgesteckten Ziele nicht erreichen. Im Heft "Unsere Schule 1959" hatte er unter der Überschrift "Zellforschung als Lebensaufgabe" einen Beitrag über seine Pläne geschrieben. Dieser Artikel schloß: "Auch die naturphilosophischen Ideen drängen mit innerer Dynamik zu einer allumfassenden Behandlung des Themas 'Materie und Leben' und darüber hinaus zu einer allgemeinen Philosophie des organischen Seins. Aber das alles ist noch Zukunftsmusik; ob sie jemals erklingen wird, weiß nur Einer allein". Diese Musik ist nicht erklungen. P. Haas verlor zunehmend den Kontakt zur Forschung und konnte sich auch nicht von überholten Fragestellungen und Kampflinien trennen. Eine Notiz vom 6. Juli 1982 zeigt dies deutlich. "In der Zwischenzeit habe ich mich zwei Aufgaben gewidmet:

1. Die Biologie der Tumorzellen weitergetrieben, besonders im Hinblick auf die kleinen DNA-Tumorviren. Dort stand ich kurz vor einer eindrucksvollen Synthese, als mich im Juli 1981 eine schwere Herzkrankheit befiel, die mir jede Kraft zur Arbeit raubte. Als wichtigste Frucht dieser Arbeit betrachte ich die Einarbeitung in die Gedankenwelt der Molekularbiologie, wohl das für das philosophische Verständnis wichtigste Gedankengebäude der Neuzeit.

2. Der Versuch einer Synthese von Evolutionstheorie und Schöpfungslehre, wobei die bleibenden Ergebnisse der ersteren in die traditionelle Theologie eingearbeitet werden sollten, ohne in die Phantastereien eines P. Teilhard de Chardin zu verfallen. Dazu erwies es sich als notwendig, die traditionelle Schöpfungslehre ausführlicher darzustellen, als das in den üblichen Lehrbüchern der Theologie geschieht. Dabei herausgekommen ist ein Band mit dem Titel "Theologie der Schöpfung", der aber leider nicht erscheinen konnte, weil die Verleger für solche Themen kein Geld haben. Ferner erwies es sich als notwendig, eine Ontologie des organischen Lebens zu schreiben, die das Fundament für die angestrebte Synthese sein mußte. Der Ertrag dieser Arbeit liegt vor in einem Band mit dem Titel: "Molekularbiologie und Lebensproblem", der natürlich ebenfalls nicht erscheinen konnte. "Nach seiner Beendigung befiel mich die oben schon erwähnte Herzkrankheit, die meine Arbeitskraft fast ganz lähmte. In günstigen Perioden habe ich an dem dritten Band mit dem Titel: "Evolution und Schöpfung" gearbeitet. Wie weit ich ihn werde führen können, weiß Gott allein. Die Ausarbeitung dieses Bandes erfolgte vor allem in der Auseinandersetzung mit den Büchern eines Hoimar von Ditfurth".

P. Haas litt sehr an der Verweigerung des Imprimi potest. Aber seine Manuskripte waren nach dem Urteil von Fachleuten nicht mehr auf dem Stand der aktuellen Forschung; fundierte Aussagen zur Mikrobiologie, zur Molekulargenetik und zur Biochemie fehlten. Auch der jüngste Diskussionsstand der philosophischen und der theologischen Auseinandersetzung und ihrer Ergebnisse waren nicht mehr im nötigen Maß berücksichtigt. P. Haas schaffte es nicht mehr, und konnte oder wollte dies nicht wahrhaben. Dies führte zu Bitterkeit und zunehmender innerer Vereinsamung. Doch bewahrte er im Alltag stets eine stille Freundlichkeit und Dankbarkeit gegenüber seiner Umgebung.

Am 21. Dezember 1993 wurde er von den Schwestern zu einem adventlichen Kaffee eingeladen. Er kam, hatte aber seine Tabletten vergessen und wollte sie nur schnell noch holen. Als er längere Zeit nicht zurückkam und die besorgten Schwestern nach ihm sahen, fanden sie ihn tot in seinem Zimmer. Ein Herzinfarkt hatte ihn ereilt.

Möge er nun leben im Frieden.

P. Karl Heinz Fischer SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 5/1994 - Oktober, S. 179-83