P. Berthold Haussmann SJ
29. Januar 1990 in Berlin

Durch die 90 Jahre unseres Jahrhunderts ist die Führung Gottes im Leben von P. Haussmann sichtbar geworden. Der frühe Tod des Vaters machte die Mutter und die sieben Kinder arm und hilfsbedürftig. Berthold schreibt:
"Ich stamme aus der Diözese Speyer, bin geboren am 14. August 1900. Meine Heimatstadt ist Ludwigshafen am Rhein. Mein Vater war Fabrikaufseher in der BASF. Als sein Sarg im Hofe des sehr bescheidenen Elternhauses aufgebahrt war, legte ich meine beiden Hände auf die Sargkante und schaute meinem toten Vater lange in das wachsbleiche Gesicht. Ich hatte gerade die erste Volksschulklasse hinter mir. Ich hatte roch drei jüngere Geschwister und drei ältere. Der Älteste war 14 Jahre alt. Eine Rente gab es damals noch nicht. Eine Unterstützung irgendwelcherweise nahm meine Mutter nicht an. Sie nähte Tag und Nacht Unterwäsche, Kinderkleider und erhielt dafür einen sehr kärglichen Lohn oder auch nicht. Des Sonntags gab es ein halbes Pfund Fleisch. Von einer Wallfahrt zu Fuß zur nächsten Muttergotteskirche bei Ludwigshafen - für die jüngsten von uns war der Weg schon recht anstrengend - brachte meine Mutter zwei Pfund (1 kg) Kirschen mit nach Hause. Sie setzte sich in unseren kleinen Hausgarten auf eine Gartenbank, und wir standen erwartungsvoll im Kreis um die Mutter mit dem Kirschenreichtum herum. Ich habe bis heute diesen Festtag nicht vergessen."

Bei dem Erstkläßler wurde eine Sehschwäche festgestellt, an der er zeitlebens litt. Ein Schwerstbehindertenausweis mit dem Hinweis 'Blind' begleitete ihn bis zuletzt. Sein eigener Bericht:
In der Schule war ich sehr unglücklich. Die anderen Jungen konnten mit der Zeit doch das alles lesen, was die Lehrerin an die Tafel schrieb, ich aber nicht. Auch der Schularzt hat das festgestellt und mir das auf einen Zettel geschrieben, den ich der Mutter geben sollte. Aus Angst tat ich das nicht und habe ihn - den bösen Zettel - irgendwo versteckt. Einige Wochen später fand ihn die Mutter. Voll böser Erwartung sah ich ihn in ihrer Hand. Was sollte das nun werden? Die Mutter aber blieb sehr friedlich und fuhr mit mir zur Universitätsaugenklinik nach Heidelberg. Das Ende war: Mit sechs Jahren erhielt ich eine Brille. Sollte ich nun studieren dürfen? Schon als kleiner Junge wollte ich ja immer nur Priester werden.

Mit einem Jahr Verspätung und nach erneuter Konsultation des gelehrten Mannes an der Universität Heidelberg ging ich doch zum Gymnasium. Der Weg dahin war aber sehr weit für mich: fast eine Stunde! Fünf Jahre lang ging ich zu Fuß den weiten Weg zum Gymnasium. Das sah dann täglich so aus: 5.30 Uhr früh Sommer und Winter aufstehen, 6.00 Uhr hl. Messe, Frühstück zu Hause und mit der Büchertasche ab zum Gymnasium. Ich habe mich daran gewöhnt und war nicht einmal neidisch, daß andere Jungen, die einen Vater hatten, mit der Straßenbahn fahren konnten.

Die Überlegung, daß ich durch meinen weiten Schulweg zuviel Zeit verliere, war Veranlassung, daß ich für das 6. Schuljahr um Aufnahme in das bischöfliche Konvikt in Speyer nachsuchte. Im stillen hoffte ich auch, dort mich wieder satt essen zu können. Es war ja der erste Weltkrieg ausgebrochen, und zu Hause gab es sehr wenig oder gar nichts zu essen.

Unter meinen Mitschülern in Speyer war auch der spätere Kardinal Wendel von München. Mit Kardinal Wendel, der seine Studien in Rom machen durfte, verband mich bis zu seinem plötzlichen und frühen Tode herzliche Freundschaft."

Eine Jugend voller Not daheim und manche Sorgen in der Internatszeit zu Speyer waren für den jungen Berthold die Atmosphäre, in der er schließlich das Abitur erlangte und seinen Studienweg in Innsbruck durchlief.

"Ich habe in Innsbruck studiert. In meinem letzten Innsbrucker Studienjahr wählten mich die etwa 75 süddeutschen Theologen zu ihrem Landmannschafts-Präses. Das war für mich ein beglückendes Zeichen der Freundschaft und des Vertrauens. Ich wollte aber nicht in die Diözese Speyer zurückkehren. Mein Ideal war der hl. Antonius, Ignatius, Franz Xaver. Nach langem hin und her ließ ich mich aber doch bestimmen, in die Heimatdiözese zurückzukehren."

1925 wurde Berthold in Speyer zum Priester geweiht. Danach war er durch vier Jahre Kaplan, erst in Edenkoben, dann in Kusel. Er leitete den Diözesanjugendverband der 'Neuscharfenecker', der danach in die 'Sturmschar' überführt wurde, nicht ohne Enttäuschungen für den jungen Priester.

"Nach manchen Freuden und bitteren Enttäuschungen entschloß ich mich aber doch, in die Gesellschaft Jesu, und zwar in die Österreichische Provinz einzu-treten. Ich habe es nie bereut."

Sein Wunsch, in die Gesellschaft Jesu einzutreten, ging endlich in Erfüllung, als er am 30. Juli 1929 in St. Andrä im Lavanttal in die Gesellschaft Jesu eintrat. Seine Ausbildungszeit dauerte von 1929 bis 1936. Danach wirkte Pater Haussmann in Wien und in Oberösterreich temperamentvoll und einsatzbereit, so daß ihn seine Oberen immer wieder in neue Arbeitsfelder einwiesen, um ihn der Verfolgung zu entziehen. Dennoch hielt ihn die Gestapo über Weihnachten 1939 sechs Wochen lang gefangen.

Nach den Linzer Jahren, in denen er sich seelsorglich um etwa 21.000 (!) französische Fremdarbeiter sorgte (es halfen ihm dabei u.a. 17 junge 'Jocisten', die alle in den Steinbrüchen von Flossenburg umkamen), erlitt er selbst die große Prüfung des Konzentrationslagers in Dachau von Ostern 1944 bis zur Befreiung im Mai 1945.

In Wien, Innsbruck und Linz half er dann bei ersten Wiederaufbauarbeiten. Doch wurde ihm die eigentliche Lebensaufgabe erst ab 1950 in der sächsischen Diaspora zuteil, vor allem in Meerane, wohin ihn der Bischof von Meißen erbat. 30 Jahre wirkte er dort; er schonte sich nicht, baute Pfarrhaus und Kirche und baute die Gemeinde auf; zuletzt verbrachte er auch seinen Ruhestand tätig dort.

Seinen jugendlichen Elan hat er nie verloren. "Die Freude im Herrn ist unsere Kraft" war der wohlbekannte Kanon der Sänger, die ihn umgaben. Die Choralschola des Knabenchores von Meerane war weithin bekannt.

Als er 86 Jahre alt wurde, sandten ihn die Oberen in das Peter-Faber-Kolleg zu Berlin-Kladow. Hier durfte er die vier Jahre der Vollendung, nach Gottes Willen immer stiller werdend, erleben.
So haben wir ihn gekannt, den zum Dulder gewordenen Gefährten Jesu. An ihm ist das Werk des Herrn (Jo 9,3) offenbar geworden.

R.i.p.

P. Jakob Philippi SJ

Aus der Norddeutschen Provinz,