Bruder Theophil Kirschniok SJ
geboren am 15. Dezember 1906 in Mikultschütz/OS
gestorben am 22. August 1994 in Berlin

Ein Standesbeamter, offensichtlich des Griechischen nicht mächtig, hatte in die Geburtsurkunde 'Theofil' Kirschniok eingetragen. Ein folgeschwerer Irrtum, der Br. Kirschniok noch bis über sein Lebensende hinaus begleiteten sollte!

Er selbst schrieb sich Zeit seines Lebens 'Theophil', weshalb ihm von den Behörden immer wieder Schwierigkeiten gemacht wurden. Selbst nach seinem Tode hörten diese Schwierigkeiten für uns nicht auf. Aber was kann man von den Behörden eines Landes, in dem man ohne Geburtsurkunde gar nicht sterben darf, schon erwarten?

Theophil wurde als letztes von neun Kindern am 15. Dezember 1906 in Mikultschütz (jetzt Zabrze) in Oberschlesien geboren. Er war erst 14 Jahre alt, als sein Vater eines plötzlichen Todes starb. Seine Mutter, wie er selbst sagt, "eine gottesfürchtige Frau, die es mit der Religion ernst nahm", war sein erstes Vorbild in Glaubens- und Gewissensangelegenheiten. Aber eine ganz innige Liebe verband ihn mit seinem Vater. Diese Liebe erinnert mich lebhaft an den Bericht von der Wiedererweckung des Lazarus, wo wir erfahren, wie die Liebe Jesu dem Tod begegnet. Liebe und Tod sind zwar die größten Gegensätze, die wir kennen, und doch gehören sie in geheimnisvoller Weise zusammen. Gerade die Liebe setzt sich ja am schärfsten mit dem Tod auseinander. Sie ist die Kraft des Lebens, sie sagt am tiefsten "ja" zum Leben. Die Liebe empfindet den Tod und seine Unerbittlichkeit ganz besonders tief und scharf. Wer wirklich liebt, wird durch den Tod des Geliebten in die dunkelste Trauer gestürzt. Doch gilt auch: 'Stark wie der Tod ist die Liebe, die Leidenschaft hart wie die Unterwelt' (Hld 8,6). Beides hat der 14jährige Theophil beim plötzlichen Tode seines Vaters erfahren.

Als einen, der ähnlich liebt, lernen wir Jesus in seinem Verhältnis zu Lazarus und dessen Schwestern kennen (Vgl. Joh 11,1-45). Lazarus und Jesus waren Freunde geworden; Jesus ist gern bei ihm zu Hause eingekehrt und hat sich dort ausgeruht. Bei Lazarus und seinen Schwestern erleben wir Jesus sehr menschlich und nahe.

Auch bei Theophil zeigten sich Menschlichkeit und Nächstenliebe schon sehr früh. Nachdem er sieben Jahre die katholische Volksschule besucht hatte, - das achte Jahr wurde ihm wegen seiner guten Leistungen und seiner Begabung erlassen -, begann er eine Lehre als Schriftsetzer, wechselte aber bald, um die Familie finanziell unterstützen zu können, zu der 'Abwehrgrube' in Donnersmarck über und arbeitete dort im Lohnbüro.

Die Liebe Jesu zu Lazarus kam ganz besonders am Grabe des Lazarus zum Ausdruck: Jesus weint um den Freund. Und die es sehen, fühlen mit: 'Seht, wie sehr er ihn geliebt hat!' Dieser Tod erschüttert und trifft Jesus.
Er ist ganz unser Bruder, unser Mitbruder, der unsere Wege gegangen ist.

Auch Theophils Liebe zum verstorbenen Vater, und zur Mutter und den Geschwistern konnte sich mit dem Tod nicht abfinden, und es erwuchs ihm aus dem 'Ja' zum geliebten Vater eine Sehnsucht, die Gabriel Marcel so beschreibt: 'Lieben bedeutet zu sagen: Du wirst nicht sterben'. In der Liebe allein ist die Kraft, gegen den Tod leidenschaftlich zu protestieren.

Diese oder ähnliche Überlegungen müssen Theophil bewegt haben, als er 1926 eine Volksmission miterlebte. Er schrieb darüber: "Die Jesuiten sah ich zum ersten Mal, als diese eine Volksmission in meiner Heimatpfarrei hielten. Ich hörte mehrere Predigten der Patres Blümel, Georg Beyer und Wessendorf. Bald danach erfuhr ich, daß die Jesuiten eine Niederlassung in der Grafschaft Glatz eröffneten". Neugierig geworden und von Gottes Gnade angeregt, fuhr er eines Sonntags nach Mittelsteine und sprach dort mit P. Magister Konstantin Kempf. Ihm eröffnete er seine Gedanken und sein Herz mit dem Ergebnis, daß er zum 15. August 1927 für das halbjährige Postulat in der Gesellschaft Jesu zugelassen wurde.

Zu Hause galt es nun Abschied zu nehmen: von der Mutter, den Geschwistern, aber auch Abschied vom Grab des Vaters, was ihm besonders schwer wurde. Dabei kam ihm wieder die Begegnung Jesu mit Lazarus in den Sinn. Jesus begegnet am Grab des Freundes dem Tod, und er findet sich nicht damit ab. Er ist voller Trauer und weint, aber er protestiert auch gegen den Tod. Und so geht er, dem allein die Macht der Liebe ganz gegeben ist, hin und ruft den Freund ins Leben zurück.

Nach der Verabschiedung zu Hause und dem dann folgenden Postulat begann Theophil am 16. Februar 1928 in Mittelsteine das Noviziat. Drei Monate nach den Ersten Gelübden (Mai 1930), wurde er als Hilfe für den P. Ökonom und für die Hausarbeiten nach Breslau geschickt.

Der Gedanke an den Tod ließ auch den jungen Jesuiten nicht los. Der Tod ist die Tatsache, die alles überdauert und gegen die nichts ankommt. Und gerade gegen den Tod leistet Jesus Widerstand mit seinem ganzen Leben. Er will Leben bringen, Leben, das den Tod besiegt. Jesus lebte aus einer großen Lebenshoffnung; ihm ging es um die Verwandlung und Befreiung dieser Erde vom Tod.

Schon im April 1931 rief P. Provinzial Bernhard Bley Br. Kirschniok nach Berlin ins Provinzialshaus der neuerrichteten Ostdeutschen Provinz, damit er dort als 'Socius coadiutor' und in der Provinzprokur arbeite. Fünf Jahre gerade währte diese Tätigkeit, als er im Gefolge der Devisenprozesse Berlin verlassen und nach Valkenburg gehen mußte. Aber dort hielt die Gefährdung an. Deshalb erreichte ihn 1936 die Weisung, nach Rom an unsere Kurie zu kommen. Dort löste er einen Bruder ab, der in seine Heimatprovinz zurückkehren sollte.

Rom wurde die große Zeit für Br. Kirschniok. Er wurde dort zum hervorragenden Sekretär, der keinerlei Schwierigkeiten mit lateinischen Briefen, Verwaltungsvorgängen und dem römischen Stil hatte. Hier zeigte sich, nicht zuletzt auch in seiner Tätigkeit als Kurier zwischen der Generalskurie und dem Vatikan, seine große Begabung und sein schnelles Auffassungsvermögen.

Während seines 31jährigen Aufenthalts in Rom erlebte Br. Kirschniok vier Päpste, drei Ordensgeneräle und vier Generalkongregationen. Während des Zweiten Weltkrieges sollte Theophil als Dolmetscher bei der deutschen Wehrmacht eingezogen werden. Seine Zugehörigkeit zum Jesuitenorden aber machte diesen Plan zunichte. Als die deutsche Wehrmacht ihre Stellungen in die Toscana verlegte, wurden die deutschen Ordensprovinzen von der römischen Generalskurie abgeschnitten und es gab dadurch weniger Arbeit für Br. Kirschniok. Er nutzte diese 'Verschnaufpause', um die Buchführung und Buchhaltung im 'Germanicum' fortzuführen, die Br. Neumann dort hatte liegen lassen, um mit der Wehrmacht nach Norden zu ziehen und später nicht mehr in den Orden zurückzukehren.

Nach Kriegsende wollte Br. Theophil unbedingt in seine deutsche Heimat zurück. Aber keiner der deutschen Provinziäle wollte einen Bruder hergeben, der Br. Kirschniok in Rom hätte ersetzen können. So blieb er, gehorsam wie immer, weitere 8 Jahre bei P. Assistent van Gestel, für den er insgesamt 18 Jahre arbeitete.

Erst P. van Gestels Nachfolger, P. Mario Schönenberger, fand einen schweizer Bruder, der Br. Kirschniok ablöste. Zum großen Leidwesen von Br. Kirschniok hat dieser Bruder später den Orden verlassen. So kam Theophil 1967 endlich wieder nach Berlin, wo er Arbeiten im Provinzialat und im Ignatiushaus die Buchhaltung übernahm. In der Neuen Kantstraße blieb er bis 1990. Ein Herzleiden veranlaßte ihn, um Versetzung ins Altenheim zu bitten, die ihm am 1. Oktober 1990 gewährt wurde. Als er im Peter-Faber-Kolleg ankam, sagte er: "Nun warte ich auf den letzten Ruf ins himmlische Jerusalem".

In den letzten Jahren seines Lebens beschäftigte sich Br. Kirschniok viel mit dem Thema Tod, das ihn eigentlich sein ganzes Leben lang begleitet hat. Anläßlich der eingangs erwähnten Mission in seiner Heimatpfarrei, war ihm der Gedanke gekommen, daß er doch eigentlich ein Weizenkorn sei, aus dem neue Frucht wachsen müsse. Dieser Gedanke hatte ihn so sehr bewegt, daß er mit 21 Jahren den Entschluß faßte, als Bruder in die Gesellschaft Jesu einzutreten. Sein ganzes Leben galt dem Dienen im Orden und für die Mitbrüder. Stets hat Br. Kirschniok seine Aufgaben gottergeben, gewissenhaft, mit großem Eifer und mit Sorgfalt ausgeführt. Bei all seiner vielen und verantwortungsvollen Arbeit blieb er stets gut gelaunt, freundlich, froh, hilfsbereit und dabei äußerst bescheiden, wodurch er sich viele Freunde erwarb. Freilich hatte er auch mit den Neuerungen in Kirche und Orden, die seit 1965 Platz griffen, große Schwierigkeiten. Mancher Kommentar klang sehr enttäuscht und bitter. Er versuchte aber immer, auch dieses Wegstück überzeugend und im Glauben zu gehen. In seiner übergroßen Bescheidenheit, bat er auch darum, bei seiner Begräbnisansprache nicht viele Worte über ihn zu verlieren.

In den Leiden der letzten Jahre sehnte er den Tod, mit dem er sich sein ganzes Leben beschäftigt hatte, und der für ihn den Beginn des Ewigen Lebens bedeutete, sehnlichst herbei. Er wußte, daß das Weizenkorn sterben muß, um in einer neuen Gestalt Frucht zu bringen.

Leben ist nie starr, kann nie festgelegt werden, sondern ist immer Weg, Verwandlung und Prozeß. Leben ist auch immer Abschiednehmen. So muß jeder von der Gestalt der Jugend oder von der zweiten Lebenshälfte, der Zeit des Erfolges und der Kraft, Abschied nehmen. Wer eine Lebensgestalt loslassen und auf diese Weise sterben kann, wie das bei Br. Kirschniok der Fall war, wird in einer neuen Gestalt Leben gewinnen. Leben hört nie auf! Wer allerdings krampfhaft die eine oder andere Gestalt seines Lebens festhalten will, verliert sie. Wer nicht schmerzlichen, ja sogar tödlichen Abschied nehmen kann, verweigert sich dem Leben selbst und stirbt. Das meinen auch die Worte: 'Wer sein Leben liebt (festhalten will), verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt haßt, wird es bewahren bis ins ewige Leben' (Joh 12,25). An diesem ewigen Leben darf Br. Theophil Kirschniok, den der Herr am 22. August 1994 von seinen Leiden erlöste, jetzt teilhaben.

R.i.p.

P. Claus Hoffmann SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 1/1995 - Februar, S. 11-14