Bruder Nikolaus Kockel SJ
geboren am 14. Mai 1907 in Höflein bei Kamenz
gestorben am 12. Februar 1996 in Berlin

Die letzten Worte Jesu am Kreuz, "Es ist vollbracht" (Joh 19,30) und "Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist" (Lk 23,46), stehen auch über dem Sterben von Br. Nikolaus Kockel. "Es ist vollbracht": der Lebens- und Leidensweg ist zu Ende, ein Weg, der vor allem in den letzten Monaten trotz allen Mühens von seiten des Arztes und des Pflegepersonals von Schwierigkeiten und Leiden gezeichnet war. Es war ein Weg vieler Schmerzen, banger Fragen und oft voller Angst und Verzweiflung. Ein Weg, der so manche notvolle Stunde brachte und so oft zu der Frage führte: "Hast du, mein Gott, mich denn verlassen?" Doch zwischenhinein gab es Lichtblicke: in der Sorge der Verwandten, der Anwesenheit der Mitbrüder, der besuchenden Freunde, im Beistand von Ärzten und Pflegepersonal, nicht zuletzt aber in der trostvollen Begegnung mit Jesus selbst in der täglichen heiligen Kommunion und im Sakrament der Krankensalbung.

So konnte Br. Kockel zuletzt das Sterben annehmen, ja herbeisehnen und herbeibitten: "Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist!" Still und friedlich hat er zuletzt sein "Herr, ich bin bereit!" gesprochen.

Nikolaus Kockel wurde am 14. Mai 1907 in Höflein bei Kamenz, Oberlausitz, geboren. Er hatte zwei Brüder und eine Schwester. Die Familie Kockel gehört zu den wenigen, die bis heute die sorbische Sprache noch kennen. Br. Kockel besaß viele Gebete in Sorbisch, die er gerne dem Herrn vorbrachte. Nach dem Besuch der Volksschule in Crostwitz schickten ihn seine Eltern auf die neue Domschule in Bautzen. Voller Stolz berichtet er, daß er dort im Dom zu Bautzen Ministrant gewesen sei.

1921 nach seiner Schulentlassung begann er eine Lehre als Schuhmacher, die er mit der Gesellenprüfung abschloß. Am 19. April 1925 trat er in Tisis (Feldkirch, Vorarlberg) in das Noviziat der Oberdeutschen Provinz der Gesellschaft Jesu ein. Einen Tag nach seinen Ersten Gelübden am 27. April 1927 schickten ihn seine Ordensoberen nach München zu den 'Stimmen der Zeit'. Bei der Gründung der Ostdeutschen Provinz kam Sachsen zu deren Gebiet. So wurden weitere Stationen des Ordenslebens von Br. Kockel: Breslau (1928), Mittelsteine in der Grafschaft Glatz (1930) und schließlich Berlin, wo er zuerst in der Pfarrei St. Clemens als Pfortenbruder tätig war. Seine Glanzzeit aber begann am 23. März 1933, als er vorerst provisorisch zum Küster der Pfarrei St. Canisius Berlin-Charlottenburg ernannt wurde. Dieses Amt übte er dann aber 53 Jahre lang mit großer Freude, ja mit Stolz und zu aller Zufriedenheit aus.

Während seiner Küsterjahre erlebte Br. Nikolaus Kockel fünf Pfarrer. Generationen von Ministranten, die er ausgebildet hat, und viele Pfarrkinder erinnern sich noch heute gern an ihn. Zweimal mußte Br. Kockel miterleben, wie 'seine' Canisius-Kirche zerstört wurde: im Dezember 1943 durch Bombenangriff und am 1. Mai 1995 durch einen von unvorsichtig spielenden Kindern verursachten Brand. Von diesem Brand hörte Br. Kockel allerdings in der Ferne, denn bereits am 10. Mai 1986 war er aus Gesundheits- und Altersgründen in das Peter-Faber-Kolleg, das Seniorenheim der Jesuiten in Berlin-Kladow versetzt worden. Fast zehn Jahre verbrachte er dort, bis er nach längerem, geduldig ertragenem Leiden in den frühen Morgenstunden des 12. Februar 1996 starb.

Br. Kockel hatte viele Talente. Neben seinem 16-Stundentag in Kirche und Sakristei spielte er Orgel, kümmerte sich um die Wäsche der Mitbrüder und tat viele kleine Dienste. Er schreckte auch nicht zurück, seine Meinung zu äußern, dies auch gegenüber seinen Oberen und Vorgesetzten. Deshalb wohl wurde er einmal von einem kleinen Jungen gefragt: "Bist du der liebe Gott?" Als Br. Kockel verneinte, sagte der Kleine: "Ach, jetzt weiß ich! Du bist der Onkel von der Kirche!" Dieses für ihn so lustige und freudige Erlebnis bewahrte Br. Kockel schmunzelnd in seiner Erinnerung.

Die langjährige Tätigkeit als Küster von St. Canisius wurde nur unterbrochen vom Militärdienst, den er vom 5. Juni 1941 bis zum 3. Juni 1943 ableisten mußte. Möge Gott ihm all die viele Arbeit und all die Sorgen und Mühen für 'sein Haus', die Canisius-Pfarrei und die Kirche, vergelten.

Für Br. Kockel, der 53 Jahre lang in und für die Kirche gearbeitet, ja eigentlich in ihr gelebt hat, war St. Canisius ein Zeichen dafür, daß er mit der Gemeinde Freude und Leid mittragen und sein Leben mit dem Leben, dem Tod und der Auferstehung Jesu Christi verbinden mußte. Kirchen haben Botschaften für uns. Das hat unser lieber Verstorbene in seinem Leben erfahren.

Seit dem 10. Mai 1986, an dem Br. Kockel in das Peter-Faber-Kolleg versetzt wurde, kümmerte er sich um die Krankenkapelle im Seniorenheim. Oft konnte man ihn dort vertieft in Zwiesprache mit seinem Herrn sehen. Der älter und gebrechlicher werdende Br. Kockel klammerte sich immer fester an den Rosenkranz. Man kann eigentlich sagen, man sah ihn nie ohne ihn. Er hatte eine tiefe Verehrung für die Mutter unseres Herrn. So bin ich sicher, daß sie ihn am frühen Morgen des 12. Februar 1996 an die Hand genommen und ihn zu Christus, ihrem Sohn, geführt hat.

Oft mag Br. Kockel beim Betreten 'seiner Kirche', besonders wenn es sich um Vorbereitungen für Beerdigungen gehandelt hat, gedacht haben: "Der Tod ist die Tür zum Leben." Ein Wort, das uns alle ermutigt, nicht an das Ende des Lebens zu denken, sondern an die Mitte der Nacht, in der schon das Licht des neuen Tages aufsteigt. Diese Hoffnung schöpfen wir aus Christi Leben, Tod und Auferstehung.

Wie oft hat Br. Kockel in der Kirche das Glaubensbekenntnis mitgebetet. Schlingen wir einmal um jeden Glaubenssatz einen Kreis und denken wir an die 89 Jahresringe unseres Verstorbenen. An seine Kindheit und Jugend, seine Tätigkeit als Ordenschrist, seine Begegnung mit den Menschen. Das Glaubensbekenntnis erinnert uns aber auch an den Becher des Leidens, den Christus für uns am Ölberg geleert hat, den auch jeder Mensch in seinem Leiden und Sterben trinken muß. Br. Kockel hat zeitlebens am Glauben festgehalten, er war für ihn Dreh- und Angelpunkt. So ist er für ihn zur Lebenstür geworden. Deshalb können wir sagen, wenn Gott uns eine Tür schließt, öffnet er uns eine neue.

So wie durch die Fenster der Canisius-Kirche von obenher, gleichsam von Gott, Licht fiel auf den über dem Altar hängenden Gekreuzigten, so ist von Gott her auch Licht gefallen in das Leben von Nikolaus Kockel. Und er hat es weiter geleitet wie ein leuchtendes Glasfenster. "Wenn durch einen Menschen etwas Wärme, Licht und Liebe in der Welt war, dann hat sein Leben einen Sinn gehabt," sagt mit Recht unser Mitbruder Alfred Delp.

Aus den Fenstern fiel seitlich und von oben Licht auf den Leidenden am Kreuz. Damals am Ölberg hatte ein Engel den leidenden Christus getröstet und ihn aus dem Kelch gestärkt. So ist es auch bei uns. Wenn wir leiden, dann schickt Gott uns Boten, die uns trösten. Solche Tröster waren für Nikolaus Kockel in seinem Alter seine Verwandten, die auf manches verzichtet haben, um ihn zu besuchen und ihm eine Zuwendung zu schenken, nach der sich heute viele Menschen vergebens sehnen. Solche Boten waren für Nikolaus die Mitbrüder, die sich seiner annahmen und versucht haben, ihm das Leben zu erleichtern. Solche Tröster waren für ihn die Pflegerinnen und Helfer, die ihn umsorgten.

Überwältigt ist man in Kirchen oft von dem einströmenden Licht. Alles ist Licht, Dunkel gibt es nicht mehr. Das ist auch unsere Berufung in der Ewigkeit bei Gott. "Gott ist Licht, und Dunkelheit ist nicht in ihm." So gut meint es Gott mit uns. Kein Dunkel wird sein in uns; in Gottes Licht strahlen wir auf.

Vielen von uns wird Nikolaus Kockel so in guter und bester Erinnerung bleiben - als frommer, gläubiger Christ und als Ordensmann.

Unser Glaube ist es auch, der uns über alle Betroffenheit, Trauer und alles Mitgefühl hinaus Trost gibt. "Wir wissen, wenn unser irdisches Zelt abgebrochen wird, dann haben wir eine Wohnung von Gott ... ein ewiges Haus im Himmel."

Der Lebensweg von Br. Kockel ist für unser irdisches Sehen zu Ende. Mit den Augen des Glaubens erkennen wir: wer Gott und den Menschen selbstlos dient, dessen Leben geht im Tod nicht unter, sondern erfüllt und vollendet sich zu einem neuen, unvergänglichen Leben bei Gott und in der Gemeinschaft des Himmels.

R.i.p.

P. Claus Hoffmann SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 2/1996 - März, S. 64ff