P. Gerrit König SJ
* 19. September 1922   † 7. April 2014
Eintritt 1957 - Priesterweihe 1952 - Letzte Gelübde 1970

Gerrit König wurde 1922 in Berlin geboren und besuchte nach einer Privatschule auch einige Monate das damalige Jesuitengymnasium am Lietzensee. Wegen der Versetzung seines Vaters an die Gesandtschaft in La Paz, Bolivien, siedelte die ganze Familie 1932 dorthin über, aber schon 1934 brachte die Mutter Gerrit nach Europa zurück, weil ihm in Bolivien das Klima nicht gut bekam und der Vater die Ausbildung an der Deutschen Schule in La Paz nicht für ausreichend hielt. Er wurde in das Benediktiner-Gymnasium in Ettal aufgenommen und fühlte sich dort sehr wohl. Als die Eltern 1936 nach Berlin zurückkehrten, ließen sie den Sohn auf eigenen Wunsch an der bayerischen Schule, wo er 1940 sein Abitur machte.

Nach einem dreiviertel Jahr der Lehre als Bankkaufmann kam Gerrit für ein weiteres dreiviertel Jahr zum Reichsarbeitsdienst. Die militärische Einberufung führte ihn nach Oberammergau zur Nachrichtentruppe bei der Infanterie. 1942 wurde er an der Ostfront im Herbst zum ersten Mal mit zwei Gewehrdurchschüssen an den Oberarmen verwundet. Nach einer kurzen Rückkehr an die Front kam er im Sommer 1943 auf die Offiziersschule nach Wiener-Neustadt und kehrte als Leutnant zu seinem alten Regiment an die Ostfront zurück. Im Januar 1944 wurde er schwer verwundet, verlor sein linkes, gesundes Auge und war fortan auf das rechte Auge angewiesen, mit nur einem Drittel der normalen Sehschärfe. Nach seiner Genesung konnte er als Soldat in München und Innsbruck Medizin studieren.

Aber bald entschloss sich Gerrit kurzfristig auf eine klare innere Eingebung hin für den Weg zum Priestertum, und das, obwohl er seiner Tanzstundendame einmal gesagt hatte, er sei zwar stockkatholisch, aber er könne sich nie vorstellen, katholischer Priester zu werden.

Sein philosophisches Examen machte er an der Phil.-Theol. Hochschule in Freising, es folgte das Theologiestudium an der Jesuitenhochschule Sankt Georgen. Inzwischen war Gerrit in der Diözese Osnabrück inkardiniert worden, da er lieber in der norddeutschen Diaspora arbeiten wollte. Während des Pastoraljahres in Osnabrück eröffnete sich die Möglichkeit, für die in Mitteldeutschland gebürtigen Theologen in die „Ostzone” umzusiedeln, wo die Diözese Osnabrück in Mecklenburg noch drei Dekanate zu betreuen hatte.

Er kam in das soeben eröffnete Priesterseminar der „Ostzone“ auf die Huysburg bei Halberstadt, und wurde von Bischof Rintelen am 3. August 1952 zum Priester geweiht. In den folgenden Jahren Zeit kam Gerrit auch immer wieder nach Garmisch, wo er seine schönsten Jugendjahre verbracht hatte. Er sagt: „Die winterliche und auch die sommerliche Bergwelt wird für mich immer die Vorahnung des Himmels bleiben, besonders wenn man sie mit guten Freunden begeht. Gerrit war auch ein begeisterter Skiläufer. Das Wort von seinem Freund Bischof Stecher war ihm sehr wichtig: „Viele Wege führen zu Gott, einer geht über die Berge.”

Im Alter von 30 Jahren wurde Gerrit zuerst Kaplan an der Christuskirche in Rostock. Neben dem sehr regen Betrieb in der Großstadtpfarrei hatte er 25 Dörfer mit drei Gottesdienststationen allein zu betreuen, wobei er mit dem Motorrad unterwegs war.

Nach fünf Jahren Kaplanszeit fühlte Gerrit sehr deutlich einen Ruf zum Ordensleben. So wurde er 1957 in das Noviziat der Gesellschaft Jesu zunächst auf dem Jakobsberg bei Bingen, später in Erfurt aufgenommen, und danach als Kaplan an die Jesuiten-Pfarrei in Dresden-Strehlen gesandt, wo er zweieinhalb Jahre besonders als Jugendseelsorger im Dekanat tätig war.

Von 1966 bis 1971, in den turbulenten Jahren nach dem Konzil, wurde ihm die Rostocker Katholische Studentengemeinde anvertraut. Neben dem liturgischen „Ad Experimentum“ bot die KSG auch ein Feld zum ökumenischen Miteinander mit der evangelischen Studentengemeinde – heute ganz selbstverständliche Praxis. Zum 1. September 1971 wurde Pater König mit der Leitung des Exerzitienhauses Parchim betraut. Zeitgleich wurde ihm die Akademikerseelsorge im Bischöflichen Kommissariat Schwerin übertragen. In all diesen Aufgaben spielte die ideologische Auseinandersetzung immer wieder eine Rolle, doch mehr legte Pater König den Schwerpunkt auf die froh machende und sinnstiftende Kraft des Evangeliums und der Begegnung mit Jesus Christus.

1973 übernahm Gerrit das Amt des Superiors in Dresden und damit Aufgaben im Exerzitienhaus Dresden-Hoheneichen. 1981 wurde ihm das Amt des Regionalsuperiors für die DDR anvertraut. Um sich intensiver diesem Dienst widmen zu können, siedelte er im Dezember 1983 in die Residenz in Erfurt-Hochheim um, 1983 nahm er teil an der 33. Generalkongregation in Rom zur Wahl von P. General Kolvenbach.

Über die Zeit vor der Wende sagt er: „In den 37 Jahren meiner Tätigkeit hinter der Grenze habe ich unter der Teilung Deutschlands sehr gelitten. Vivisection – gewaltsame Teilung eines lebendigen Leibes. Dass wir wieder eins sind, ist für mich ebenso beglückend wie eigentlich noch unfasslich.”

Als Höhepunkte seines Lebens als Priester und Seelsorger empfand Gerrit die zehntägigen Fußwallfahrten von 1986 bis 1989 von Magdeburg ins Eichsfeld in Gruppen zu 60 meist jüngerer Christen auf Initiative von Werner Jung und Peter Kegebein (250 km) und die Demonstrationen in Dresden, die zur politischen Wende führten.

Die letzten Jahre verbrachte er als Seelsorger bei den Schwestern in Goppeln und kam von dort 1997 ins Altenheim nach Berlin-Kladow, wo er noch 17 Jahre bei uns lebte, zuerst noch gut zu Fuß, später mit dem Rollator, dann mit dem Rollstuhl und den letzten Monat im Bett. Er blieb weiter im Kontakt zu vielen Menschen, sei es durch Besuche oder viele Telefonate. Den Mitbrüdern war er ein lebendiges Zeugnis für das Ordensleben, durch sein Gebet, besonders den Rosenkranz, in seiner Mitbrüderlichkeit und seine große Dankbarkeit für alles. Nach längerem Leiden legte er sein Leben in die Hand seines Herrn zurück und wurde beerdigt auf der Grabstätte der Jesuiten auf dem Friedhof in Berlin-Reinickendorf.

Auf einem Zettel fanden wir die Summe seines Lebens mit Worten seines Mitbruders Alfred Delp: „Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Das gilt für alles Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort.“

R.i.p.

P. Gundikar Hock SJ

Jesuiten-Nachrufe 2002, S. 22f