P. Rudolf Kornberger SJ
* 13. Januar 1913 in Stuttgart
19. April 1990 in Berlin

Ansprache beim Requiem am 27. April 1990 in St. Canisius, Berlin - Evangelium: Mat 14, 22-33 Der Gang auf dem Wasser
In seinen Aufzeichnungen, 'Confessiones' überschrieben, berichtet der hl. Petrus Canisius von einer Bitte, die er vor seiner Missionsreise nach Deutschland am Grab des hl. Petrus in Rom an den Herrn gerichtet habe: "Herr, ich bitte um eine dreifache Gabe: um den Frieden, die Liebe und die Gabe der Beständigkeit, der Ausdauer." - Eine Bitte, die nicht nur der Schutzheilige dieser Kirche und Gemeinde ausgesprochen hat. Viele Seelsorger, gerade auch hier in der Canisius-Kirche, mögen diese Bitte in den letzten Jahren wiederholt haben.

Ich habe P. Husmann bestärkt in der Absicht, beides miteinander in einem Gottesdienst zu vereinen: die Festfeier des hl. Petrus Canisius und den Dank- und Fürbittgottesdienst für den verstorbenen ehemaligen Pfarrer von St. Canisius, P. Kornberger. Denn ich weiß, wie stark er persönlich mit diesem Heiligen verbunden gewesen ist. Auch deswegen, weil sein Vorgänger, P. Gocke, den er sehr geschätzt hat, am Ort des letzten Wirkens von Petrus Canisius, in Fribourg in der Schweiz, gestorben ist und dort begraben wurde. P. Kornberger ist gern an das Grab von Petrus Canisius gepilgert und hat dann immer wieder auch das Grab von P. Gocke besucht.

Man kann schon sagen, im Leben dieses Schwaben Rudolf Kornberger - er wurde am 13. Januar 1913 in Stuttgart geboren und ist immer von ganzem Herzen Schwabe gewesen - das Leben dieses Schwaben P. Kornberger bedeutet ein Stück Kirchengeschichte des Bistums Berlin. Das Bistum war kaum gegründet, da kam er schon im Frühjahr 1933 hierher. Was ihn, den Schwaben, dazu bewogen hat - er hatte begonnen, in München Jurisprudenz zu studieren - schon nach dem 2. Semester den Studienort zu wechseln und hier nach Berlin zu kommen, das wird wohl immer sein Geheimnis bleiben. Jedenfalls hat er nie davon gesprochen. Aber das andere, davon hat er oft erzählt, daß er in den wenigen Monaten, in denen er damals an der Berliner Universität studierte, ungeheuer fasziniert war von dem aufbrechenden katholischen Leben dieser Stadt, von den Auswirkungen des Sozialapostolates eines Dr. Sonnenschein, vom Leben in den Studentengruppen, von den Begegnungen mit dem Studentenseelsorger P. Theo Hoffmann.

Die gaben wohl auch den Ausschlag dafür, daß er noch im Herbst sein Jurastudium abbrach und am 12. September 1933 in das Noviziat des Jesuitenordens in Mittelsteine eintrat. Dann, im Laufe der Jahre, war er bald wieder in Berlin: als Präfekt am damaligen "Gymnasium am Lietzensee", das hier auf dem Gelände der heutigen Kirche gestanden hat. Er war dabei, als vor 50 Jahren, im März 1940, die Nazis dieses Gymnasium liquidierten, weil sie es nicht dulden wollten, daß Jugendliche in christlich orientierten Schulen zu kritisch denkenden, verantwortungsbewußten Menschen erzogen wurden. Wenige Tage nach Schließung des Kollegs wurde er zum Militär eingezogen, kam zu den Gebirgsjägern und war während des Krieges zunächst am Balkan, dann in Skandinavien. In den Aufzeichnungen, die in seinem persönlichen Nachlaß gefunden wurden, heißt es: "Dann kam das Ende des Krieges, ich geriet zunächst in Gefangenschaft, wurde dann aber bald entlassen und ging zunächst zu meinen Eltern nach Stuttgart. Sie hatten länger als ein Jahr keine Nachricht mehr von mir erhalten."

Er kehrte zurück in die Ausbildungshäuser des Ordens, wurde am 27. Juli 1947 in Pullach zum Priester geweiht und kam dann 1950 hier nach Berlin. Jetzt beginnt die Zeit seiner ganz engen Verbindung mit der Canisiusgemeinde. Er wird Kaplan von 1950 bis 1960. Es ist schon faszinierend, Menschen zu begegnen, die ihn in dieser Zeit erlebten. Da ist er der stürmische Petrus gewesen, von dem wir eben im Evangelium gehört haben: der voller Begeisterung sich in immer neue Abenteuer hineinstürzte und immer wieder sagte: "Herr, wenn du es bist, dann will ich das Risiko eingehen und sogar auf dem Wasser zu dir kommen." In dieser Zeit des Aufbruchs des katholischen Lebens nach dem Krieg in dieser Stadt, in dieser Gemeinde, da ist Kornberger überall dazwischen. Und das, wovon P. Husmann vorhin bei der Begrüßung gesprochen hat, das haben so viele immer wieder erlebt: seine Unkompliziertheit, seine Kontaktfreude, mit der er auf die verschiedensten Menschen zugeht. Er hat Ideen, ist für Ideen anderer offen, überlegt gemeinsam mit anderen, wie solche Ideen verwirklicht werden können. Prälat Knauft hat mich vor ein paar Tagen noch daran erinnert: Ja, das war auch die Zeit, als er in den 60iger Jahren gemeinsam mit Prälat Klausener und P. Günther überlegte, wie die Kirche auch im Fernsehen präsent sein könne. Es gab nichts, was in diesen Jahren nicht seine Phantasie beflügelte, ihn immer wieder dazu brachte, sich zu engagieren und neue Wege zu versuchen.

Nach 10 Jahren war seine Kaplanszeit hier in Canisius zu Ende. Er hatte in diesen Jahren viele Kontakte über die Gemeinde hinaus aufgebaut, und er erhielt den Auftrag, diese Kontakte fruchtbar zu machen und zu vertiefen. Eine Fülle von Vereinen, Einrichtungen und Verbänden, in denen er tätig war: Primanerakademie, Märkischer Wassersport, Kolping, die EKSI (= Einigung Katholischer Studenten an Ingenieurschulen). Aber er leistete auch harte Knochenarbeit: Religionsunterricht, Glaubensvermittlung am Berlinkolleg und an anderen Einrichtungen des zweiten Bildungsweges. Überall war Kornberger dazwischen, und überall war es ihm leicht aufgrund seiner Kontaktfreudigkeit, seiner sprühenden Ideen und seiner Einsatzbereitschaft. Ich meine, wollte man all diese Menschen, mit denen er in diesen Jahren nicht nur zufällig zu tun hatte, sondern denen er Begleiter auf ihrem Lebensweg war, hier zu einem Dankgottesdienst zusammenholen: diese Kirche könnte die vielen Menschen gar nicht fassen.

Zugleich war er Hausoberer des Ignatiushauses, trug also Verantwortung für die Ordensmitbrüder, nahm aber auch regen Anteil am Schicksal der Canisiusgemeinde. Es war die Zeit; in der die Kirche abgerissen werden mußte. P. Gocke hat dieses Ereignis das Herz gebrochen. P. Spors baute sie wieder neu auf. Und dann, 1970, wurde P. Kornberger Pfarrer von St. Canisius. Jetzt begann die Phase, die der Petrus in diesem Evangelium auch erlebte: Zunächst stürzte er sich wirklich mit Elan auf die neue Aufgabe, die Pfarrarbeit. Er meinte, das sei alles so wie vor 10 Jahren. Und er bedachte zu wenig, daß auch im Leben einer Gemeinde wie hier in Canisius nach dem Konzil so manches anders geworden war. Sicher, die Kontaktfreude war nach wie vor da. Und Menschen, die ihn in den 70iger Jahren hier als Pfarrer erlebten, auch jüngere Menschen, waren zunächst fasziniert von diesem Priester, von der menschlich-fröhlichen Art, ihnen zu begegnen. Doch dann, wenn es darum ging, Dinge zu ändern, durchzusetzen, Entwicklungen voranzutreiben, da wurde es schwierig. Jetzt stieß er an seine Grenzen, fand nicht mehr die Kraft, Neues mitzugestalten. Das war die Phase, in der er so manches Mal mit Petrus rief: "Herr, rette mich, denn ich gehe zu Grunde." Ich habe das oft in diesen Jahren auch in persönlichen Gesprächen mit ihm erlebt, wie er sagte: "Weißt du, ich meine, ich bin für viele dieser Fragen zu alt; ich weiß nicht so recht, wie ich mich diesen neuen Ideen gegenüber verhalten soll." Das war eine schwere Zeit für ihn und auch für manche in der Gemeinde.

So kam 1975 der Zeitpunkt, wo die Verantwortlichen im Orden, aber auch die Gemeinde, zur Einsicht gelangten: für alle Beteiligten ist es besser, wenn er als Pfarrer abgelöst wird. In den Gesprächen, die wir damals miteinander hatten, sagte er dann: "Ja, wenn ich diese Verantwortung an dich weitergeben kann, bin ich dazu bereit." Er ging nach Kladow hinaus, zunächst als Hausoberer, und er macht die gleiche Erfahrung, die auch Petrus Canisius in der letzten Phase seines Lebens nicht erspart blieb: Nachdem dieser so tatkräftig die Erneuerung der Kirche in Deutschland vorangetrieben hatte, schickten ihn seine Ordensobern in den letzten Winkel der Schweiz. Dort in Fribourg verbrachte er die letzten 15 Jahre seines Lebens, fernab von den Schauplätzen der großen Politik.

Zwar nimmt P. Kornberger in Kladow noch regen Anteil am kirchlichen Leben der Stadt. Aber - ähnlich wie in den Briefen des Petrus Canisius aus dessen letzter Zeit - schwingt auch in manchen Gesprächen mit ihm jetzt ein fragender, wehmütiger Ton mit. Ich erinnere mich noch gut an einen Anruf nach einer Morgenandacht im Rundfunk, in der ich auf die Frage zu sprechen gekommen war: "Was erwarten wir eigentlich vom Leben?" "Ja", sagte er: "Was erwarten wir noch vom Leben?" - Und dann fügte er sehr leise hinzu: "eigentlich nur DAS LEBEN. So, wie er das damals sagte, konnte ich sehr deutlich heraushören: das war für ihn keine theoretische Antwort. Damit meinte er nicht eine abstrakte Größe. Das war für ihn, den Meister menschlicher Kontakte, die persönliche Begegnung mit dem Herrn, der von sich sagen konnte: "Ich bin DAS LEBEN."

Wenn wir jetzt Dankgottesdienst feiern und Fürbitte halten, so wünschen wir ihm und erbitten für ihn: P. Kornberger möge IHM jetzt begegnen; und diese Begegnung möge für ihn zur unerschöpflichen Freude werden. Amen.

R.i.p.

P. Hans-Georg Lachmund SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 3/1990 - Mai, S. 71ff