P. Paul Kranz SJ
geboren am 7. April 1915 in Kreuzburg/OS
gestorben am 8. September 1998 in Berlin

Am 15. September 1998, dem Gedächtnis der Schmerzen Mariens, nahm eine kleine Gemeinde von Verwandten und Mitbrüdern auf dem Domfriedhof St. Hedwig in Berlin-Reinickendorf Abschied von P. Paul Kranz. Weihbischof Wolfgang Weider von Berlin hielt das Requiem, P. Alois Riedlsperger, der österreichische Provinzial, konzelebrierte. In seiner Heimatprovinz kannten nur noch wenige Mitbrüder P. Kranz näher. Über 35 Jahre hatte er in Österreich gelebt, studiert und gearbeitet.

1. Ein kleinteiliger, vielfach gebrochener Lebensweg
Paul Georg Krzenziessa wurde am 7. April 1915 als jüngstes der fünf Kinder des Eisenbahn-Oberschaffners Jakob Kranz und seiner Ehefrau Cäcilie, geborene Frassek, in Kreuzburg/OS geboren. Die Eltern gaben den Kindern eine gute, religiös fundierte Erziehung und ermöglichten ihnen eine solide Ausbildung. Paul besuchte die Staatliche Gustav-Freytag-Schule zu Kreuzburg, ein humanistisches Gymnasium, und legte am 7. März 1934 die Reifeprüfung "mit Auszeichnung" ab. Im Zeugnis stand der Vermerk "Krzenziessa will Theologie studieren".

Mit Datum vom 31. März 1935 genehmigte der Preußische Regierungspräsident in Oppeln für Paul Krzenziessa die Änderung des Familiennamens in Kranz. Der älteste, 1944 auf der Krim gefallene Bruder hatte diesen Schritt zuerst vollzogen, der Rest der Familie folgte zwei Jahre später.

Am 12. April 1934 trat Paul Krzenziessa mit vier Kandidaten, denen im gleichen Monat noch drei weitere folgten, ins Noviziat in Mittelsteine ein. Novizenmeister war P. Otto Pies. Nach dem Reichsarbeitsdienst, den Frater Kranz von Oktober 1936 bis März 1937 ableistete, studierte er ab Herbst 1937 Philosophie in Pullach. Im August 1939 wurde er zur Wehrmacht, zum Inf. Ers. Btl. 61 in München, eingezogen, am 22. Oktober 1941 indes aufgrund der für die Jesuiten verfügten Entlassung "in die Ersatzreserve 11, N.Z.V., übergeführt". So konnte er zum Studium der Theologie nach Wien ziehen. Dort blieb er bis Sommer 1945. Am 30. Juli 1944 wurde er mit sieben Mitbrüdern, darunter die Ostprovinzler Georg Krämer, Georg Kurz und Herbert Reichel, von Kardinal Theodor Innitzer in der St. Canisiuskirche in Wien zum Priester geweiht. Von 1945 bis 1947 schlossen sich weitere theologische Studien in Pullach an. Dort blieb er noch ein weiteres Jahr und unterrichtete Latein für die Novizen. Nach dem Tertiat 1948/49 auf der Rottmannshöhe unter P. Franz X. Hayler wurde P. Kranz für das Studium der Altphilologie und für die Lehrtätigkeit am Kolleg destiniert. Er studierte vier Semester in Berlin, unterrichtete ein Jahr im Noviziat auf dem Jakobsberg und setzte dann an der Universität in Frankfurt das Studium fort. Am 22. Februar 1958 bestand er die Prüfung für das Lehramt an Höheren Schulen mit der Note "gut".

Von 1958 bis Mai 1960 war P. Kranz an der Kurie in Rom, um am Index bibliographicus SI mitzuarbeiten. Anschließend gehörte er zur Residenz St. Clemens in Berlin und unterrichtete Latein an der Liebfrauenschule. Der Versuch, mit seinen Fächern Latein und Griechisch am Canisius-Kolleg Fuß zu fassen, scheiterte. So wechselte er ins Noviziat St. Andrä im Lavanttal, um dort die alten Sprächen zu unterrichten. Ihm, dem Sprachbegabten, lag die Lehrtätigkeit aber wirklich nicht. Der Schulbetrieb belastete ihn und andere. Er überforderte mit zu großen Wortschatzerwartungen und schwierigen Texten die Schüler und mit seinen Unterrichtsvorstellungen sich selbst. Er war teils zu unsicher, teils schlichtweg wirklichkeitsfremd. Die Schüler merkten stets sehr schnell, daß man mit diesem Pauker Schabernack treiben konnte. Auch dem dreimaligen Versuch, in Noviziaten zu unterrichten, war kein Erfolg beschieden. Manche Anekdote läuft über P. Kranz' Lehrzeiten um. Schließlich versuchten die Oberen, ihn auf eine andere Spur zu bringen, er sollte in die praktische Seelsorge wechseln.

Von Juli 1963 bis April 1994 arbeitete er in Österreich. Die ersten fünf Jahre gehörte er zum Haus St. Andrä. Er unterrichtete, wie erwähnt, zunächst im Noviziat alte Sprachen, war dann Kooperator in Arnoldstein / Kärnten und Aushilfspriester im Umland. Von 1967 bis 1975 war er dem Kolleg Kalksburg zugeschrieben und arbeitete in Breitenfurt bei Wien, zuletzt als Verwalter der Pfarrei. 1976/77 war er Krankenhausseelsorger in Salzburg, dann Operarius in Steyr. Es folgten zwei Jahre, in denen er als Kirchenrektor in Hochstraß wirkte. Seit 1979 gehörte er zur Residenz in Linz und arbeitete 15 Jahre als Spitalseelsorger im Krankenhaus des Landes Oberösterreich Traunkirchen-Buchberg. Hier war er "der richtige Mann am richtigen Ort". P. Kranz war immer gern in Österreich; das Krankenhaus, Traunkirchen und das Salzkammergut aber liebte er geradezu. In einem Alter, in dem andere in Rente gehen oder auf halbe Kraft schalten, wurde er zum guten Geist im Spital und zum wichtigen Mitglied im Krankenhausteam. Im Ortsteil Mitterndorf baute er in der Krankenhauskapelle so etwas wie eine Konkurrenzpfarrei auf. Stets war er Gott dankbar, daß er ihn in Traunkirchen an einen Platz gestellt hatte, an dem er als Mensch, Priester und Jesuit so viel tun konnte. Man wußte, wie sehr er sich für die Kranken einsetzte, kannte sein immer wieder aufbrausendes Temperament, seinen Wissensdurst und seine Hartnäckigkeit, wenn er einmal am Fragen war. Er war ein geselliger Mensch und bei Veranstaltungen immer dabei. Da konnte er aus seinem großen Wissen schöpfen und es gut einsetzen. In seinen noch gesunden Tagen waren die Predigten begeisternd, gekonnt aufgebaut und historisch belehrend. "Man besuchte seine Messen gern" und schätzte ihn als aufopferungsvollen Priester.

2. Die formgebenden und bestimmenden Kräfte
Liest man die Berichte, sichtet man die Korrespondenz und hört man Leuten zu, die ihn näher kannten und ihm freundschaftlich oder auch sehr kritisch verbunden waren, dann fallen drei für P. Kranz kennzeichnende Züge auf. Zuerst ist zu nennen die Liebe zu seinen Verwandten, zum Orden und zu denen, die er als die ihm anvertraute Gemeinde wußte. Davon zeugen sein breiter Briefwechsel, die Daten und Termine, die er sich notierte und jahrelang aufhob, die Gedenkzeichen, Fotos und Karten in seinen verschiedenen Büchern. Er schloß die Vielen in sein Gebet ein. Er fragte geduldig nach ihnen. Was wir als Herumblättern und -suchen ansahen - und was reichlich stören konnte -, war die für ihn typische Form des Gebetsgedenkens. P. Kranz war von gebrechlicher Konstitution. Er war nie stark gewesen, vom Sportunterricht schon am Gymnasium befreit. Sein behandelnder Arzt vermerkte im Überweisungsbericht, als P. Kranz im April 1994 mit der "Rettung" von Traunkirchen ins Peter-Faber-Kolleg gebracht wurde: Er hat eine "stark zu bewundernde Gabe, er kennt praktisch keine Angst bei seinem schlechten Herzzustand. Ich meine, daß diese Angstlosigkeit eigentlich der Grund war, daß er so alt geworden ist. Bei einem Herzversagen, das ein Vierteljahrhundert immer wiederkehrt, ist es ja ein Wunder, daß er noch am Leben ist. Dieses Wunder ist möglicherweise durch seine Gottergebenheit und die Furchtlosigkeit zu erklären."

P. Kranz war stets bestrebt, ein guter Priester zu sein. Ihn prägte zum einen eine sehr große Ängstlichkeit, die ihm und den Mitfeiernden die Wandlungsworte zur Qual machen konnte, die ihn immer fragen ließ, ob es denn so auch richtig und erlaubt sei. Zum andern bestimmte ihn ein priesterliches Selbstbewußtsein, das ihn oft mutiger sprechen und deutlicher werden ließ, als es manch anderer, bekannterer Seelsorger zu sein wagt. "Es war ihm klar, daß er, die Kirche vertretend auch im Profanen, im Mittelpunkt zu stehen hatte." Er war sich bewußt, daß er als Priester etwas zu sagen hatte, und daß dies die Gute Botschaft, das Evangelium ist.

Seine letzten Jahre in Traunkirchen und im Altenheim des Ordens in Berlin waren geprägt durch zunehmende, augenfällige Gebrechlichkeit und schwere Krankheiten. Beides trug er mit großer Geduld und ohne Klagen. Er betete viel, sah immer wieder Darstellungen christlicher Kunst und die Bilder von Verwandten und Mitbrüdern durch, sprach über die wichtigen Daten und Feste. Viele nahm er ins Gebet, alle schloß er in seine Fürbitten ein. Nach einem mehrtägigen Todeskampf, in dem er immer wieder laut gestikulierte und rief - hörte man genauer hin, dann erkannte man, daß er betete -, verstarb er am Fest Mariä Geburt. - Have pia anima!

R.i.p.

P. Karl Heinz Fischer SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 6/1998 - Dezember, S. 222ff