P. Hans-Georg Lachmund SJ
* 28. Juni 1933    19. August 2005
Eintritt 1952 - Priesterweihe 1963 - Letzte Gelübde 1969

P. Lachmund wurde 1933 in Schlesien geboren, trat in die Gesellschaft Jesu 1952 ein und wurde 1963 in Berlin geweiht, in Maria Regina Martyrum. Sehr früh schätzte man an ihm einen Zug ins Kosmopolitische, das Interesse für verschiedene Kulturen. Es war nicht zufällig, dass ihn die Oberen am Ende des Studiums in das Tertiat nach Spanien schickten: Dort fand er sein persönliches Verhältnis zu Ignatius. In den späteren Jahren der apostolischen Tätigkeit verfocht er intensiv die Inkulturation des Evangeliums in die unterschiedlichen Kulturen. Bischof Bengsch erkannte seine Begabung für einen vorurteilsfreien Umgang mit Christen und Nichtchristen aus dem Ausland und ernannte ihn zu seinem Vertreter in der Ausländerseelsorge.

Hans-Georg Lachmund war vielseitig begabt. Wenn man seine verschiedenen pastoralen Einsätze bedenkt, wird das deutlich. Er machte sich durchaus zu Eigen, was Ignatius seinen Gefährten auf den Lebensweg gab: unsere Aufgabe wird sein, uns einzubringen an verschiedenen Orten, in verschiedenen Lebenssituationen der Menschen, mit denen wir leben, um das Evangelium zu verkünden. P. Lachmund lebte nach dieser Devise, zumal sie seinem Naturell entsprach. Er kam aus einer schlesischen Lehrerfamilie. Lachmund fand in der Familie seine Liebe zur Musik, die ihn dazu anregte, das Orgelspiel zu erlernen. Das machte ihn zu einem interessanten Gesprächspartner für Organisten in den zwei Gemeinden, in denen er tätig war: St. Canisius in Charlottenburg und Maria Regina Martyrum.

Sein Elternhaus war von der Profession des Lehrers, des Lehrenden geprägt. Deshalb kamen die Oberen im Orden regelmäßig zu der Entscheidung, ihm Aufgaben in dieser Richtung zu übertragen: Lachmund war in der Leitung der Berliner Primanerakademie und Religionslehrer in einer katholischen Schule in Berlin Zehlendorf. Er wurde 1985 Rektor des Aloisiuskollegs in Godesberg und baute eine beachtliche Schulkirche. Offensichtlich war sein Umgang mit den jungen Menschen in dieser Schule so positiv, dass man ihn zum Rektor des Canisius-Kolleg Berlin destinierte (1990 bis 1994). Ihm ging es darum, zusammen mit Pädagogen und Erziehern Jugendlichen die Überzeugung zu vermitteln, dass es sich lohne, aufrecht und solidarisch mit anderen und nicht auf Kosten anderer zu leben.

Nach der politischen Wende in Deutschland 1989 ging Hans-Georg mit Männern und Frauen aus der Leitung der Aktion 365 und des Berliner Canisius Kollegs daran, Kontakte zu jungen Katholiken in Polen und in der Tschechoslowakei herzustellen. Man baute Patenschaften auf, wie man es früher mit Schulen in Großbritannien und Frankreich getan hatte. Diese Patenschaften mit jungen Leuten aus den mitteleuropäischen Ländern standen unter dem Leitwort: Versöhnung. Lachmund war glaubwürdig, weil er selbst mit seiner Familie 1946 aus Schlesien vertrieben wurde und sich sehr früh die Denkschrift der evangelischen Kirche und das Wort der deutschen Bischofskonferenz sowie die Denkschrift des Bensberger Kreises zur Versöhnung mit Polen zu eigen gemacht hatte. Aus der gleichen Intention heraus fand er vor und nach der Wende eine intensive Beziehung zum Ort Kreisau und dessen Pfarrer. Jener Ort, an dem sich Jahrzehnte davor Männer des Widerstandes gegen die Nationalsozialisten zusammen gefunden hatten, um die Struktur eines Nachkriegsdeutschlands zu entwerfen. Viele zahlten nach dem 20. Juli 1944 mit ihrem Leben. Dieses Thema ließ Hans-Georg Lachmund nicht mehr los.

So war es wohl nicht eine Laune des Zufalls sondern eine gnadenreiche Inspiration, dass er 1995 von der Leitung des Canisius Kollegs in das Rektorat der deutschen Kirche Maria Regina Martyrum in der Nähe der Gedenkstätte Plötzensee überwechselte, die seelsorgliche Betreuung der Lokalie übernahm und die Klostergemeinschaft der Karmelitinnen täglich im Gottesdienst begleitete. Auf die Frage, in welcher Intention, mit welcher Zielvorgabe er sich zunehmend der Frage des Widerstandes verpflichtet fühlte, kam die einfache und zugleich überzeugende Antwort: mir geht es wie den Schwestern darum, die Leute von heute, vor allem junge Menschern daran zu erinnern, welches Leid Menschen unseres Volkes anderen Völkern angetan haben. Und: dass wir daraus lernen können, um Vergebung zu bitten, gemeinsam aufzuräumen und neu zu beginnen. Besonders der Plötzenseer Totentanz des österreichischen Künstler Alfred Hrdlicka in der evangelischen Nachbargemeinde hatte es ihm angetan. Eine besondere Beziehung verband ihn auch mit dem Künstler Meistermann, der die Kirche Maria Regina Martyrum ausgestaltet hat, dessen Gemälde seine meditative Begabung inspirierte. Vielleicht aus deshalb, weil Lachmund 1963 in dieser Kirche zum Priester geweiht wurde.

1968 wurde P. Lachmund Regionalpriester der Aktion 365. Vielleicht hat er bei P. Leppich die Art der Auslegung des Wortes Gottes in Fernseh- und Radioansprache gelernt, mit denen er in Berlin bekannt wurde. Hans-Georg wurde Regionalpriester für die Regionen Bayern und Baden Württemberg. Er war mit dem Auto viel unterwegs, bis ihm ein befreundeter Arzt von uns schon 1974 riet, sich mit Rücksicht auf sein Herz etwas mehr Ruhe zu gönnen. Die Oberen fanden keinen ruhigeren Ort als Berlin, wo er Pfarrer von St. Canisius und Diözesanpräses von Kolping wurde. Er blieb der Aktion 365 in allen Jahrzehnten mit großer Zuverlässigkeit treu, war im Leitungsteam und begleitete seinen Freund P. Wolfgang Tarara bis zu dessen Tod 2001. Die beiden Freunde haben mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unter anderem zwei Anliegen verfolgt: die Ökumene. Dafür fanden sie das Wort: tun, was uns eint. Man könnte viel darüber berichten, was sie dabei öffentlich und privat bewirkt haben, leider auch viele schmerzliche Diskriminierungen erfuhren, besonders im katholischen Lager. Der andere Akzent war die einfühlsame Art in die Nöte der Menschen in der so genannten Dritten Welt.

Eine besondere Berufung erging an P. Lachmund in der Bestellung zum Gemeindepfarrer in St. Canisius. Er war dort 1975 bis 1983. Man kann seine vielen Anregungen in dieser Zeit nur andeuten: Fernsehgottesdienste, Radiopredigten, Wortgottesdienste und unendlich viele Liturgien in der Gemeinde, mit evangelischen Kollegen und ausländischen Christen. Er gab vielen Menschen eine neue Heimat in der Kirche und blieb neugierig auf alles, was andere bewegte. Lachmund war ein guter Hirt, viele fanden durch ihn den Glauben oder kehrten zur Kirche zurück. Er war da für Menschen in der Gemeinde.

Hans-Georg Lachmund ist nun zu Gott heimgegangen. Wir danken, dass er da war und wie er für uns da war. In den letzten Jahren, vor allem im letzten Jahr musste er erleben, was es heißt, das Kreuz zu tragen, sein Kreuz zu tragen: Schlaganfälle und Herzoperation; gefesselt an den Rollstuhl, sehbehindert, abhängig von Helferinnen und Helfern.

Wir verdanken ihm viel. Nun wird ihm ein neues Licht geschenkt. Nun wird er aus einer anderen Perspektive auf sein und unser Leben schauen und in guter schlesischer Art bemerken: nun macht mal ohne mich. Aber bitte: vergesst mich nicht. Das können wir ihm versprechen.

P. Hans-Georg Lachmund wurde auf dem Domfriedhof St. Hedwig
in Berlin-Reinickendorf beigesetzt.

R.i.p.

P. Werner Herbeck SJ

Jesuiten-Nachrufe 2005, S. 24f