Bruder Rudolf Larras SJ
9. August 1985 in Berlin

'Sehr gut, Du bist ein tüchtiger und treuer Diener.
Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen,
ich will Dir eine große Aufgabe übertragen.
Komm, nimm teil an der Freude Deines Herrn'.
Mt 25,21

Liebe Mitbrüder,
diesen Vers aus dem 25. Kapital des Matthäusevangeliums, wo der Herr in dem Gleichnis der überantworteten Talente zu seinen Jüngern spricht, möchte ich dieser Würdigung von Br. Larras voranstellen, weil sich in ihm das Leben unseres verstorbenen Mitbruders wiederfindet, den wir in dieser Stunde zu Grabe tragen. Dieser letzte Abschied hier, den wir in mitbrüderlicher Anteilnahme vollziehen, wird überstrahlt von der Freude des Herrn, die sich nun an dem von uns Gegangenen entsprechend der göttlichen Verheißung erfüllt.

Etwas von dieser Freude durfte Br. Larras in diesem Jahr noch erfahren: er feierte mit uns am 28. April die Vollendung seines 75. Lebensjahres und am 26. Juni sein goldenes Ordensjubiläum. Da die Visite von P. Provinzial ins Haus stand, verlegten wir die äußere Feier seines Ordensjubiläums auf den 30. Juni. Das war ein Tag, an dem Br. Larras etwas von dem Dank unserer Ordensgemeinschaft erfahren durfte für seine Treue und seinen Dienst, wie es P. Provinzial Pfahl in seiner Ansprache beim Festgottesdienst zum Ausdruck brachte.

Die Freude war in den letzten Jahren - seit dem Unfall auf dem Zebrastreifen der Budapester Straße - rar gesät: 3 1/2 Jahre Krankenhausaufenthalt, dann die Beinamputation und zwei kürzere Krankenhausaufenthalte in diesem Jahr lassen uns erahnen, was Br. Larras innerlich durchzumachen und zu bestehen hatte. Dank ärztlich-menschlicher Hilfestellung und geistlicher Betreuung reifte er in diesen letzten Jahren heran - und vielleicht zeigte sich gerade in diesem Lebens- und Leidensabschnitt die 'große Aufgabe', von der im eingangs zitierten Herrenwort die Rede ist.

In allem bewahrte Br. Larras etwas von der landsmännischen Art, die ihm - dem in Chemnitz Geborenen - zuteil wurde. Das Sächsische in seiner kernigen Direktheit sowohl in der Trockenheit seiner Aussprüche wie auch im Humor verbindet sich für uns unvergeßlich mit Br. Larras, der 43 seiner Ordensjahre in Berlin verbrachte. Vor seinem Ordenseintritt hatte der am 28. April 1910 in Chemnitz/Sachsen geborene Rudolf Larras eine Lehre als Maschinenschlosser abgeschlossen und diesen Beruf ab 1928 in München ausgeübt. Zurückgekehrt in seine Heimat, war er 1934 für fünf Monate als Landhelfer in Ostpreußen tätig.

Hier reifte unter der Führung von P. Bley in Heiligelinde seine Ordensberufung und wurde der Ordenseintritt in Mittelsteine vorbereitet, wo er am 26.06.1935 sein Noviziat begann. Im Januar 1938 kam er dann in die Berliner Residenz der Neuen Kantstraße 2 und machte sich hier in Refektor und Wäschekammer nützlich. Diese Tätigkeit wurde bereits im Februar 1942 beendet, als Br. Larras zur Wehrmacht eingezogen wurde.

Von den Strapazen dieses Wehrdienstes und anschließender Kriegsgefangenschaft in Enghien/Belgien erholte er sich ab Januar 1946 bei leichter Gartenarbeit im Pullacher Berchmanskolleg und kam dann im Oktober desselben Jahres nach Berlin, wo er zunächst für kurze Zeit in der Residenz von St. Klemens in der Stresemannstraße 66 aushalf, um dann fast 13 Jahre im Canisiuskolleg zu wirken. Hier beschied er sich mit den Aufgaben des Sakristans und des Pförtners, da eine schwere Lungenerkrankung ihn nicht mehr seinen erlernten Beruf ausüben ließ. Ab 1960 versah er diese Ämter im Berliner Ignatiushaus bis zu seinem schweren Unfall am 31.01.1977. Nach einem ersten Krankenhausaufenthalt wurde er dann im Jahre 1979 dem Peter-Faber-Kolleg zugeschrieben. Der Aufenthalt hier war durch längere Krankenhausaufenthalte unterbrochen.

Der Tod kam plötzlich, doch für Br. Larras seit seinem letzten Krankenhausaufenthalt nicht unerwartet; er spürte gewisse Beschwerden, die sich als Boten abnehmender Kräfte einstellten. "Es will nichts mehr so rechtes werden - es ist halt nichts mehr los mit mir" - das war sein knapper Kommentar in einem der letzten Gespräche. Große Worte verlor Br. Larras über sich selbst nie; vieles blieb unter uns unausgesprochen; das nahm er jedoch in die Zwiesprache mit Gott hinein. Das geistliche Leben eines Ordensmannes war ihm selbstverständlich; gefaßt und ruhig lebte er bis zuletzt den Alltag seinen Gewohnheiten entsprechend. Nachrichten aus aller Welt in Funk und Fernsehen interessierten ihn, wie auch die Unterhaltungsprogramme im Fernsehen ihm Abwechslung brachten, wobei er den Geschmack und den Duft einer guten Zigarre zu schätzen wußte, was er in seiner launigen Art als 'Brandopfer' zu deklarieren verstand.

Wir feiern heute am 15. August das Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel. Vor 3.5 Jahren legte Br. Larras seine Letzten Gelübde ab; damit stellte er sich bewußt in die Nachfolge des Herrn. Die Botschaft des heutigen Festes stärkt uns in dem Glauben und in der Hoffnung auf unsere eigene Auferstehung mit Leib und Seele. Von unserem Ordensgründer wissen wir, daß er nach seiner Priesterweihe noch eineinhalb Jahre bis zur Feier seiner Primiz gewartet hat, 'um sich darauf vorzubereiten und zu Unserer Lieben Frau zu beten, sie möchte ihn ihrem Sohn zugesellen' (Pilgerbericht Nr. 96). Dieses marianische Vertrauen des hl. Ignatius war auch in Br. Larras lebendig. Hierin erwies er sich als echter Sohn des Ordensstifters und als echter Jesuit. Und so dürfen wir der gläubigen Überzeugung und Hoffnung sein, daß Maria nun auch Dich, lieber Mitbruder Rudolf Larras, ihrem Sohn zugesellt in der Herrlichkeit, die Leib und Seele umfaßt. "Komm, nimm teil an der Freude Deines Herrn".

R.i.p.

Begräbnisansprache am 15. August 1985
gehalten von P. Manfred Richter SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 5/1985 - Oktober, S. 112 f