P. Paul Lottner SJ
geboren am 6. Januar 1910 in Düsseldorf
gestorben am 18. Dezember 1992 in Berlin

Der Tod eines Menschen hat viele Ähnlichkeiten mit einer Tür, die unvermittelt zugeschlagen wird. Buchstäblich von der einen zur anderen Sekunde ist die Verbindung abgerissen. Eben noch hat er gelebt, war unter uns, man sah ihn noch kräftigen Schrittes in den Ort stampfen - all das ist dann plötzlich vorbei. P. Lottners Schlaganfall am Abend des 11. Dezembers 1992 ließ zwar die Tür noch nicht ganz zuschlagen, sie blieb einen Spalt breit offen, aber sein Zustand wurde immer ernster. In den vier letzten Tagen war er nicht mehr ansprechbar. Am 18. Dezember 1992 wurde die Tür endgültig geschlossen.

Am 31. Dezember 1992, kurz nach der Beerdigung von P. Paul Lottner, schrieb Herr Dr. phil. Norbert Adler, ein Schwager des Verstorbenen: "Paul war der Freund meines Lebens. Er war in den Jahren der Bündischen Jugend - vor 1930 - mein "Gruppenführer" im Jungkreuz-Bund, das heißt, er betreute eine kleine Schar von etwa sechs Jungen, zu denen auch ich gehörte. In dieser Zeit wurde der um vier Jahre ältere "Gruppenführer" auch Freund des Hauses Adler, was sehr früh dazu führte, daß ich in seiner Schwester Grete meine spätere Frau erkannte. Als Paul 1929 Düsseldorf verließ, um in den Orden der S.J. einzutreten, verlor ich ihn als Freund.

Als ich ihn im Herbst des gleichen Jahres, noch Schüler, in 's-Heerenberg besuchte, machte er mir klar, er dürfe nun keine persönlichen und familiären Bindungen mehr aufrechterhalten. Diese Absage habe ich nie verwunden. Im Laufe der Jahrzehnte bemühte ich mich immer mehr, die Unbedingtheit seiner Entscheidung zu begreifen. Seinen geradezu ultimativen Entschluß, sich vom Orden zu lösen, teilte er mir vor mehr als 30 Jahren zu meinem und unserem nicht geringen Erstaunen mit. Seine Begründungen glaubte er, aus den Ordensregeln des hl. Ignatius von Loyola ableiten zu müssen. Aus seinem Unbedingtheitsglauben zog er dann die wohl bitterste Konsequenz seines priesterlichen Auftrags.

In Kenntnis des Lebens meines Freundes und Schwagers bis in viele Einzelheiten haben wir es als eine großherzige Tat erkannt, daß der Orden Pater Paul Lottner nie aufgegeben und ihm zu seinem Lebensende eine Bleibe eingeräumt hat."

Der Verstorbene hat in seinem Leben oft die Erfahrung verschlossener oder zugeschlagener, aber auch geöffneter Türen gemacht. Durch seine sehr penible, auf Genauigkeit achtende Veranlagung und Einstellung zum einen, seine an Krankheit grenzende sture, nur auf das eigene Gewissen und Urteil sich berufende und pochende Auslegung der jesuitischen Regeln, Lebensformen und Lebensweisen zum anderen, schlug er sich selbst so manche Tür zu. So auch die Tür zum Orden und die Tür zur Kirche. Allerdings hat P. Paul Lottner in den letzten eineinhalb Jahren seines Lebens mit großer und ergreifender Dankbarkeit eingesehen, daß weder die Kirche noch der Orden ihm die Tür zugeschlagen hatten. Im Gegenteil: "Ostersonntag (1991) habe ich (postquam Sabbat Conf. feceram) Herrn Probst (Siepenkort) gefragt, ob das Festhochamt eine Concelebratio sei. Antwort: Ja. ... Ich fragte, ob ich an der Concelebration teilnehmen dürfe. Er stimmte freudig zu. ... So erfuhr die gutbesetzte Kirche, daß der den älteren Lübeckern wohlbekannte P.L.S.J. mit seinem Orden in Frieden stehe."

Geboren wurde P. Paul Lottner am 6. Januar 1910 in Düsseldorf als Sohn eines Kaufmanns. Er war der einzige Junge, nur umgeben von Schwestern, was für seine Entwicklung bleibende negative Folgen haben sollte. Von 1916 bis 1920 ging er auf die Volksschule in seiner Heimatstadt und besuchte von 1920 bis 1929 das Prinz-Georg-Gymnasium, ein Reformrealgymnasium ohne Griechisch. Während seiner Gymnasialzeit war er sehr aktiv als Gruppenführer in der bündischen Jugendarbeit tätig. Nach einem mit "gut" bestandenen Abitur trat er am 17. April 1929 in die Gesellschaft Jesu ein.

Im Anschluß an das Noviziat in 's-Heerenberg studierte er in Valkenburg Philosophie (1931 bis 1934) und Theologie (1937 bis 1941) und wurde am 19. September 1939 zum Priester geweiht. Zwischen seinen Studien absolvierte Paul Lottner von Juli 1934 bis November 1937 ein Praktikum als Sekretär der Phil.-Theol. Hochschule Sankt Georgen in Franfurt/Main. Hier hat er das Sekretariatswesen in mustergültiger Weise vervollständigt und ausgebaut. Über diese Zeit berichtet er: "Mein Seelenleben war stets 'bestens versorgt', hatte ich u. a. das Glück, bei P. Raitz von Frentz während der Philosophie vollbefriedigtes und vollversorgtes "geistliches Kind" zu sein. Und weil dieser Pater wenige Wochen vor meinem Start nach Frankfurt/Main dorthin versetzt worden war, ich meinen geistlichen Vater dort wiederfand und auch wieder mit ihm spiritualisieren durfte." Auch P. Wilhelm Klein, der 1947 an Stelle des gealterten P. Sierp im Tertiat in Köln die Großen Exerzitien gegeben hatte, war P. Lottner bis an sein Lebensende dankbar. Deshalb war es eigentlich auch nach seiner Versöhnung mit dem Orden und der Kirche sein Wunsch, nach Münster zu gehen, weil er dort P. Wilhelm Klein wiederzusehen hoffte.

Türen sind Symbole für Lebenssituationen. Dies gilt für das Leben des Verstorbenen, aber auch für unser Leben. Fallen uns nicht allen verschlossene Türen ein? Türen, die uns andere Menschen zugeschlagen haben, aber auch Türen, die wir selbst zuschlagen, absichtlich oder versehentlich. Manche bleiben nur eine Zeitlang verschlossen. Andere zu öffnen, fehlt uns die Kraft oder auch der Mut. Und vielleicht geht es denen, die von uns aus gesehen hinter dieser Tür leben, ähnlich.

Nach Beendigung seiner Studien versah P. Lottner in der Bibliothek von Valkenburg eine ähnliche Tätigkeit wie in Sankt Georgen. Eine Woche lang (4.2. bis 11.2.1942) war er Sanitätssoldat in Guben, wurde aber wie die meisten anderen Jesuiten auf Grund des Führerbefehls vom 09. Juli 1941 unvereidigt entlassen.

Ab 1942 arbeitete P. Lottner an verschiedenen Orten in der Seelsorge. Die längste Zeit war er in Lübeck tätig (ab 1951). Hier war er Gefängnispfarrer, Berufsschullehrer und Standortseelsorger des Bundesgrenzschutzes. Jeden Sommer in den Jahren 1954 bis 1960 war er Strandpfarrer in Wittdün.

Paul Lottner hatte die Gesellschaft Jesu hauptsächlich in den großen Studienhäusern erlebt. Dort wurden zu seiner Zeit alle Arbeiten von Mitbrüdern erledigt, auch alle manuellen Arbeiten. Als er dann in kleineren Niederlassungen des Ordens leben mußte, fühlte er sich nicht wohl bei dem Gedanken, daß nun auch Laienkräfte, insbesondere Frauen, manche Arbeiten übernahmen. Diese Tatsache beschäftigte ihn mehr und mehr und entwickelte sich zu einer Art von Obsession. Er rang mit sich, seinem Gewissen, dem Orden und mit Gott, um Klarheit zu erhalten, was für ihn wohl der rechte Weg sei. Es gefiel ihm vieles nicht in der veränderten Welt. Nach vielen inneren Kämpfen und vielen Briefen an seine Oberen, in denen er den für ihn unverständlichen und unerträglichen Zustand beklagte, schlug er die Tür zum Orden zu und schrieb am 15. September 1960 dem damaligen P. Provinzial Friedrich Buuck, daß er es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren könne, seine Beziehungen zur Gesellschaft Jesu weiter aufrechtzuerhalten. In den folgenden Jahren versuchte sich Paul Lottner in einigen Berufen, ohne wirklichen Erfolg zu haben; in Lübeck erreichte er dabei nur einen traurigen Bekanntheitsgrad.

Eine Reihe von verschlossenen Türen hat Paul Lottner nach den 31 Jahren selbstauferlegter Abstinenz vom Orden und der Kirche in Lübeck wieder öffnen müssen. Geradezu lebenswichtig waren indes die Türen, die ihm offengehalten wurden. So hat ihn der Orden, ohne daß es Paul Lottner wußte, während der gesamten Zeit finanziell unterstützt. Gute Menschen in Lübeck haben versucht, ihm das Gefühl zu geben, bei ihnen auch dann zu Hause sein zu dürfen, wenn es ihm nicht gutgehe und wenn er unausstehlich schien. Leider ist P. Lottner durch diese geöffneten Türen nur selten gegangen. Die Geschäftsführerin des Caritas-Verbandes Lübeck, Frau Pabst, hat sich in diesen Jahren viel um P. Lottners Wohl gemüht. Dank von seiner Seite erhielt sie dabei nicht.

In Jesus von Nazaret finden wir Menschen immer wieder eine offene Tür. Von ihm werden wir angenommen, so wie wir sind; durch ihn finden wir erfülltes Leben. Da, wo wir verschlossene Türen erlebt oder uns hinter ihnen verschanzt haben, dürfen wir plötzlich spüren, daß er uns Türen offengehalten hat. Er läßt uns nicht draußen, sondern schenkt uns seine Freundschaft bei all unserer Schuld, bei all unseren Sorgen und Fragen. "Zu wem sollen wir gehen?" sagt Petrus, reich an Erfahrungen mit Türen, die verschlossen blieben oder hinter denen nur gähnende Leere herrschte, "du hast Worte des ewigen Lebens" (Joh 6,68).

Ist es da noch verwunderlich, daß bei der feierlichen Konzelebration des Ostergottesdienstes in der Propsteikirche Herz Jesu zu Lübeck, als P. Paul Lottner nach 31 Jahren wieder als Priester am Altare Gottes stand und zusammen mit Propst Helmut Siepenkort das heilige Opfer feierte, kaum ein Auge trocken blieb? Ist es verwunderlich, daß die Gemeindemitglieder und ehemaligen Pfarrkinder von P. Lottner nach dem Amt bis spät in den Abend mit ihm feierten, mit ihm redeten und Gott dafür dankten, daß ihr alter Seelsorger wieder durch das geöffnete Tor zu ihnen gekommen ist?

Da P. Lottner auf Grund seines Alters und seines sehr schlechten Gesundheitszustandes dringend der Pflege bedurfte, er zudem weder krankenversichert war noch irgendwelchen Wohnkomfort hatte, brachte P. Karl Heinz Fischer, der von Hamburg aus Verbindung mit P. Lottner hatte, ihn am 6. April 1991 nach Berlin-Kladow in das Peter-Faber-Kolleg. Hier kümmerte sich P. Lottner, soweit es seine Gesundheit zuließ, in rührender Weise um alte und kranke Mitbrüder. Da er schon immer eine ausgesprochene Sammlerleidenschaft hatte und an seinem Lebensabend noch einiges wiedergutmachen wollte, sammelte er Bücher und Zeitungsausschnitte für die im Aufbau befindliche Bibliothek der deutsch-polnischen Bildungs- und Begegnungsstätte von Kreisau. Dieser Sammeleifer hatte aber seine Schattenseiten. Überall in seinem Zimmer waren Kisten und Kartons gefüllt mit alten Zeitungen und Büchern, die dem Reinigungspersonal die Arbeit nicht gerade erleichterten. Da auch das Bett und die Abstellmöglichkeiten mit alten Büchern, Zeitschriften und Zeitungsausschnitten belegt waren, und so mit der Zeit ein muffiger Geruch entstand, war es kaum möglich, P. Lottner auf seinem Zimmer zu besuchen. Dennoch ging eine Reihe von Mitbrüdern zu ihm, um ihn um das Sakrament der Buße zu bitten. Das tat ihm jedesmal sehr wohl.

Am Abend des 11. Dezembers 1992 erlitt er einen Schlaganfall, der ihn einseitig lähmte und seine Sprachfähigkeit beeinträchtigte. Er kam sofort ins Krankenhaus, aber sein Zustand wurde immer ernster. Nur eine reichliche Woche blieb ihm noch. In den letzten Tagen war er nicht mehr ansprechbar.

Die von schrecklichen Gewissensnöten begleiteten Erfahrungen, die P. Lottner in seinem Leben gemacht hat, könnte man gebündelt mit den Worten Jesu wiedergeben: "Ich bin die Tür, wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden" (Joh 10,9). Unsere Hoffnung ist in diesem Jesuswort zusammengefaßt. Er ist nicht nur die Tür während unseres Lebens, sondern über den Tod hinaus. Diese Tür trägt die Inschrift: "Wer durch mich hindurchgeht, wird gerettet werden ... Er wird Leben haben in Fülle (vgl. Joh 10,9f).

R.i.p.

P. Claus Hoffmann SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 1/1994 - Februar, S. 13-16