P. Alfons Matzker SJ
geboren am 28. Juli 1911 in Berlin-Tegel
gestorben am 5. August 1998 in Berlin

Er fühlte sich als Berliner, Vorderpommer und Schlesier. Als seine zweite Heimat bezeichnete er Rom. Der Traum seiner späten Jahre wurde mehr und mehr das Heilige Land. Lebenslang war es sein Bestreben, den Menschen zu dienen und ihre Wege mitzugehen. Für sie wußte er sich zum Priester berufen, mit ihnen wollte er Glaubender sein: Am 5. August 1998 verstarb im Peter-Faber-Kolleg nach vielen Krankheiten und langem Leiden P. Alfons Matzker.

1. Der Lebensweg
Alfons Heinrich Alfred Matzker wurde am 28. Juli 1911 in Tegel, jetzt Berlin-Reinickendorf, geboren. 1914 zog die Familie nach Anklam, wo der Vater Franz Matzker, der als Soldat 1915 im Lazarett Augustowo an Typhus starb, ein Installationsgeschäft übernahm. Die Mutter Hedwig, geborene Baumert, führte im Krieg das Geschäft weiter, um der Familie eine Existenzgrundlage zu sichern. Als sie 1919 wieder heiratete, bedeutete dies für den jungen Alfons eine herbe Krise. Doch bald fanden Stiefvater Alfred Ulbricht und Alfons ein sehr gutes Verhältnis zueinander. Mit seinen beiden Halbbrüdern Manfred und Edgar und deren Familien blieb er bis zu seinem Tod herzlich verbunden. Die Mutter und der Stiefvater ermöglichten dem begabten, sehr musikalischen Jungen eine solide Ausbildung. Das Gymnasium begann er in Anklam. 1925 erhielt er im von Jesuiten geleiteten Franz-Ludwig-Konvikt in Breslau, dem sog. Spittel, einen Freiplatz. Von Beginn an engagierte er sich dort im Bund Neudeutschland (ND) und stieg bald zum Pfalzgrafen auf. Schon früh beschäftigte ihn der Gedanke, Jesuit zu werden. Anstoß dazu gaben ihm eine von Jesuiten gehaltene Volksmission und ein Buch über Ignatius von Loyola und Franz Xaver, das ihm ein Mitschüler ausgeliehen hatte.

Gleich nach dem Abitur am Matthiasgymnasium begann Alfons am 29. April 1930 in Mittelsteine bei P. Konstantin Kempf das Noviziat. Es folgte das Philosophiestudium in Valkenburg. Von 1935 bis 1937 machte er das Interstiz in Breslau, wo er zum einen Sekretär des Superiors P. Joh. Drüding war, zum andern ND-Diözesanjungscharführer für Schlesien mit zu der Zeit über 9.000 Jungen, zum dritten geistlicher Führer der Jung- und Sturmschar bei IG Breslau (Ignatius-Gabitz war Kürzel für die bei der Breslauer Jesuitenresidenz beheimateten Jugendgruppen). Die IG-Gruppen baute er in Voraussicht des drohenden Verbotes der bündischen Jugend zur Pfarrjugend um. Mehrfach - so wegen Ablehnung des Hitlergrußes und wegen Theateraufführungen des ND, bei denen die Zeitbezüge überdeutlich waren - geriet er in Konflikt mit der Gestapo. Auch deshalb schickten ihn die Obern zum Theologiestudium nach Rom. Dort wurde er am 25. Mai 1940 in San Ignazio zum Priester geweiht. Da er sich in der Heiligen Stadt das Maltafieber zugezogen hatte, konnte er die Theologie erst 1942 mit dem Punkteexamen abschließen.

Die Kaplansjahre von 1942 bis 1947 in St. Canisius, Charlottenburg, - "Zeit meiner ersten Liebe" nannte er sie - wurden für ihn zur großen Bewährung. Aus unmittelbarer Nähe erlebte er das Übermaß an Leid und menschlicher Schuld, die Schrecken der Bombennächte, die Übergriffe und allnächtlichen Frauenjagden sowjetischer Soldaten, die Orientierungslosigkeit und Unbelehrbarkeit so vieler vom Regime Enttäuschter. Ebenso forderten ihn die Sorgen um die versprengte Gemeinde, der Aufbau aus den Trümmern" und die Chancen zu neuen seelsorglichen Ansätzen. Um die Jungen von der Straße zu holen, gründete er in den Ruinen der Neuen Kantstraße 2, des Gymnasiums am Lietzensee also, eine Ersatzschule. Zusammen mit einer Lehrerin und einem Lehrer eröffnete er drei Gymnasialklassen, die später in das Canisius-Kolleg übernommen wurden. Als von englischer Seite das Angebot kam, Schulkinder zum "Auffüttern" nach dem Westen zu bringen, griff er es sofort auf und war für einige Monate mit der "Aktion Storch" in Ankum, das im Naturpark Teutoburger Wald liegt. Dort ging neben der Erholung der Unterricht weiter. Aus diesem Ansatz entstand 1945 in Ankum auch eine Pastoratsschule, aus der sich das spätere Realgymnasium entwickelte.

Bis Februar 1946 half er so direkt mit bei der Neugründung des Canisius-Kollegs und bei den Anfängen in Ankum. In der Canisiuskuratie war er treibende Kraft für neue Jugendgruppen, für kulturelle Angebote, geistliche Fortbildung und Offene Exerzitien. Nach dem Tertiat auf der Rottmannshöhe bei P. Franz X. Hayler setzte er als Männerseelsorger von 1948 bis 1951 den Großteil dieser Arbeiten von St. Clemens, Kreuzberg, aus fort. Hier waren Hilfen für Heimkehrer zur Aufarbeitung ihrer Erlebnisse in Krieg und Gefangenschaft sein besonderes Anliegen. Neun Jahre leitete er dann das Exerzitienhaus Maria Frieden, Steglitz. Er gründete den "Verein der Freunde des Exerzitienwerkes im Bistum Berlin" und gab die Informationsbroschüre "Der Weg" heraus, für die er bekannte Mitbrüder zur Mitarbeit gewann und die weithin Interesse fand.

1960 sandte ihn P. Provinzial Mianecki zu P. Johannes Leppich in das später "action 365" genannte Apostolat. In der sehr kritischen personellen und ideellen Situation sollte er ausgleichend wirken und organisatorisch helfen, daß das Werk P. Leppichs ein Opus Societatis blieb. "Ich sollte etwas Ruhe in das Sekretariat bringen und die Weitergabe der Spenden von den sogenannten Kundgebungen an die Missionsprokuren in Köln und Berlin bzw. Darmstadt 'überwachen', d.h. dafür sorgen, daß zu gleichen Teilen beide Stellen bedacht würden", notierte er in den "Daten meines Lebenslaufes". Als Regionalpriester der action 365 in Süddeutschland betreute er rund 1.000 Teams und mußte jährlich etwa 45.000 km fahren. Dazu kümmerte er sich noch grenzüberschreitend um Teams im benachbarten Ausland.

Er war 57 Jahre alt, als man ihm die über 9.500 Gläubige zählende Diasporapfarrei St. Albertus in Gießen an der Lahn anvertraute. Dankbar bemerkte er 1993: "Nachträglich muß ich sagen: Es waren nach den schweren Jahren in Berlin die schönsten Arbeitsjahre in der S.J.". Seine Stärke lag gewiß nicht in den Predigten, nicht in der Rhetorik oder im bildungsmäßigen Reichtum der Ausführungen, sondern in seinem Gespür und seiner Geistesgegenwart für das, was hier und heute geboten, was jetzt angesagt war. In dieser Zeit gab er entscheidende Impulse zur Gründung von Familienkreisen, zur Erwachsenenbildung und zur Gastarbeiterseelsorge. Er sprach nicht nur über soziale Brennpunkte, sondern suchte sie auf, kannte die Menschen vor Ort persönlich. Dabei blieb er sich immer bewußt, daß alle Sorge sich auf die Menschen richten muß, daß das Heil einzig von Gott kommt und nie in noch so klugen Theorien besteht. Er war Gefängnispfarrer und Sprecher der "Arbeitsgemeinschaft zur Interessenvertretung der ausländischen Mitbürger".

Bekannt waren seine Romreisen und Romabende, bei denen er Menschen für die Heilige Stadt begeisterte und Verständnis für die Kirche und ihre Geschichte weckte. "In Würdigung seiner besonderen Initiative für junge Menschen in Not und seiner Bemühungen um die Betreuung der ausländischen Arbeitnehmer" erhielt er 1972 die Goldene Ehrennadel der Universitätsstadt Gießen. "Dem Bistum Mainz", schrieb der Generalvikar anläßlich P. Matzkers Tod, "ist noch sehr in Erinnerung, mit welcher Kraft er sich für den Ausgleich in spannungsgeladenen Zeiten in der Pfarrei St. Albertus und in der dortigen Jugendarbeit eingesetzt hat." Gemeint sind damit die Spaltung der Pfarrjugend, die auch die Gemeinde polarisierte, und der Krach um die Scouts d' Europe, die katholische Pfadfinderschaft Europas (KPE) des damaligen Kaplans P. A. Hönisch, die weit über Gießen hinaus Kreise zogen.

Nach 10 Jahren intensiven Einsatzes reichte seine Gesundheit nicht mehr. So wurde er nach einer Sabbatzeit nach Hannover versetzt, wo er sich im Bistum Hildesheim in kurzer Zeit als Seelsorger, Berater und Beichtvater großes Vertrauen erwarb. Er freute sich, nun endlich wieder Exerzitien geben und vor allem vielen Priestern und Schwestern geistliche Impulse und Bestärkung in ihrer Berufung vermitteln zu können.

Seit Mai 1993 lebte er im Peter-Faber-Kolleg und ertrug geduldig die sich häufenden Krankheiten und den stetigen Verfall der Kräfte.

2. Vorbilder und innere Formkräfte
Kein Mensch verdankt sich sich selbst. Keiner beginnt voraussetzungslos. P. Matzker betonte immer wieder, daß er entscheidende Wegweisung von der Mutter und von drei Mitbrüdern erhalten habe: den PP. Stanislaus von Dunin-Borkowski, August Brunner und Alfred Delp.

P. von Dunin-Borkowski (* 1864 in Lemberg, 1934 in München) machte sich einen Namen als Pädagoge und Theologe. Er wurde an der Stella Matutina ausgebildet, war später dort Lehrer, dann Jugendseelsorger in Bonn. Alfons Matzker lernte ihn als Spiritual des Priesterseminars in Breslau kennen und suchte ihn als Unter- und Oberprimar regelmäßig zum geistlichen Gespräch und zur Beichte auf. P. August Brunner (* 1894 im Elsaß, 1985 in München) war Professor in Valkenburg, später Mitglied der Schriftleitung der "Stimmen der Zeit". Er beeinflußte manchen Mitbruder durch seinen personalistischen philosophischen Ansatz und seine unkonventionellen Gedanken, durch die er zu einem vertieften Verständnis von Kultur und Geschichte hinzuführen verstand. Auf ihn berief P. Matzker sich immer wieder: ihm verdanke er viele Anregungen und die Weite im Denken. Alfred Delp (* 1907 in Mannheim, hingerichtet 1945 in Plötzensee) war 1934/35 im 1. theologischen, Frater Matzker im 3. philosophischen Jahr. Trotz der Separatio der Gruppen im Kolleg herrschte ein intensiver Gedankenaustausch.

Besonders beeindruckt war A. Matzker von der Überzeugungskraft, mit der A. Delp sich mit den geistigen Strömungen der Zeit auseinandersetzte, und dem Scharfsinn, mit dem er die Soziallehre der Kirche vertrat und in der staatlichen Ordnungspolitik umgesetzt sehen wollte. P. Paul Bolkovac und P. Matzker waren nach dem Krieg die ersten, die sich konsequent für das Leben und Werk P. Delps einsetzten, sein Denken bekannt machten und die Bestrebungen des Kreisauer Kreises weiterverbreiteten. Was heute als Selbstverständlichkeit gilt, nämlich daß der deutsche Widerstand ein wichtiges und ehrenvolles Kapitel der neuesten deutschen Geschichte ist, war lange Zeit gar nicht selbstverständlich - auch in der S.J. nicht. Hier hat P. Matzker viel dazu beitragen können, P. Delps Haltung "im Angesicht des Todes" zu bezeugen und sein Schicksal im Gedächtnis zu halten.

P. Matzker war ein begnadeter Seelsorger und ideenreicher Organisator, ein Priester, der Probleme - nicht nur soziale - schon früher als andere erkannte und auf Abhilfe sann. Ihn prägten die Exerzitienbetrachtungen vom Ruf des Königs und von den Zwei Bannern. "Laßt uns dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern Gott es mit uns lebt", diesen Satz P. Delps zitierte er immer wieder und suchte ihn im Alltag zu verwirklichen.

P. Matzker traute dem Leben! Deshalb konnte er immer wieder neue Ideen entwickeln und unkonventionelle Wege gehen. Ablehnung oder Rückschläge ärgerten ihn zwar sehr, aber sie deprimierten ihn nicht, schreckten ihn auch nicht ab. Deshalb konnte er Nöte und Sorgen der Menschen erkennen und ernst nehmen. Er theoretisierte nicht, sondern packte an. Daß er sich zuallererst um die konkreten Menschen sorgte und nicht um das Ansehen des Ordens oder einzuhaltende Regeln der Kirche, spürten die Menschen. Das überzeugte sie, auch wenn er oft nicht helfen konnte. Ihm lag stets daran, daß die rechte Absicht nicht durch falsche Töne getrübt werde. Deshalb wollte er für die Gefangenenseelsorge und den Einsatz für die Gastarbeiter keinen Pfennig. Keiner sollte ihm nachsagen, er müsse es ja tun. Nein, er wollte es tun! Weil es ihm um die Menschen ging, gelang es ihm auch, Mitarbeiter zu gewinnen und ihnen Raum für ihr Arbeiten zu lassen. Er war demütig genug, nie Herr über den Glauben anderer sein zu wollen, und hartnäckig genug, Diener ihrer Freude zu sein. Deshalb nahm er auch Kritik nicht übel, und trug seinerseits niemandem Fehler nach. Daß seine Art zu arbeiten und Ordnung zu halten Anlaß zu mancher Anekdote gab, versteht sich fast von selbst. Vieles hat sich tatsächlich so zugetragen, manches ist 3. Grad des Erzählens.

Tatsache ist z.B., daß er bei einer Hochzeit derart aufgekratzt war, daß er nach dem Ja des Bräutigams auf die Frage, ob er die Treue bis zum Tod halten wolle, begeistert rief: "Ich danke Ihnen!" Weil ihm bei einem Hochamt die große Hostie im Vielerlei der Bücher am Altar abhanden gekommen war, begann er die Wandlungsworte mit einem ausgiebigen Suchen. Bei einem anderen Fest war er über den Chor so entgeistert, daß er vom Altar zur Empore ein lautes "Falsch!" hinaufschmetterte. Aber derlei Dinge nahm man ihm nicht übel; irgendwie paßten sie zu ihm. Er selbst konnte immer wieder über sich selber, seine Vergeßlichkeit und Schwächen lachen. Besonders eindrucksvoll war seine Gabe, Freundschaften zu schließen und zu pflegen. Welchen Stellenwert Freundschaft und treue Wegbegleitung für ihn hatten, bezeugt nicht nur sein ausgedehnter Briefwechsel, sondern auch die Trauer und Anteilnahme so vieler bei seinem Tod. Das Wort Saint-Exupérys, "Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast", war für ihn kein schmückendes Gelegenheitszitat, sondern bewußtes Anliegen, für das er sich viel Zeit nahm.

Diese Form des Lebens und Wirkens war ihm möglich im Wissen, daß Gott allein Sinn zu schenken vermag und daß alles Schaffen und Bauen nichts nützt, wenn der Herr nicht schafft und baut. Viele Menschen kannten ihn in seiner impulsiven, dabei doch demütigen Art und schätzten ihn als Mann des verläßlichen gesprochenen und gelebten Wortes.

Er vertraute überzeugend dem Leben, weil er Gott noch mehr vertraute!

R.i.p.

P. Karl Heinz Fischer SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 5/1998 - Oktober, S.183-86