P. Rudolf Ogiermann SJ
geboren am 24. August 1913 in Rybnik/OS
gestorben am 18. November 1999 in Berlin

Als P. Rudolf Ogiermann am 18. November 1999 gestorben war, fand sich in seinem sorgfältig aufgeräumten Zimmer zuoberst in der obersten Schublade ein Umschlag mit der Aufschrift: "Aus meinem Leben" P. Rud. Ogiermann. Der Umschlag enthielt 12 Din A 5 Seiten in einer klaren, gut leserlichen Handschrift, nahezu ohne Streichungen. Bisweilen war ein Wort durchgestrichen und neu darüber geschrieben, offensichtlich weil der Verfasser den Eindruck hatte, das Wort sei nicht gut lesbar. Auch wenn der Verfasser sich auf den äußeren Lebensweg beschränkt, wird doch zwischen den Zeilen deutlich, wie sehr die Krankheit (es war eine Knochentuberkulose), die bei dem jungen Scholastiker mit einem vierjährigen Lazarettaufenthalt begann, seinen Lebensweg prägte.
Und so lauten die Aufzeichnungen:

P. Rudolf Ogiermann: Biographisches.
Geboren wurde ich am 24.8.1913 in Rybnik/Oberschlesien. Meine Eltern waren Alois Ogiermann und Marta Ogiermann geb. Buchalik. Meine Eltern hatten 11 Kinder, von denen ich das vierte war. Getauft wurde ich am 31. 8. 1913. Die Grundschule besuchte ich zunächst in Rybnik. Nach dem Weltkrieg kam es in Oberschlesien zu Abstimmungskämpfen, bei denen es darum ging, welche Teile Oberschlesiens deutsch bleiben oder polnisch werden sollten. Rybnik wurde polnisch. Meine Eltern entschieden sich, in den deutsch gebliebenen Teil Oberschlesiens und zwar nach Ratibor überzusiedeln. Ratibor lag an der Oder, hatte 60.000 Einwohner, von denen fast alle katholisch waren. Im Jahre 1925 empfing ich das Sakrament der Firmung. Wie meine Eltern schon meine Brüder Helmut und Otto auf das Realgymnasium geschickt hatten, so kam auch ich im Jahre 1924 auf das Realgymnasium. Ostern 1933 machte ich das Abitur. Auf dem Realgymnasium gab es eine Gruppe des Bundes Neudeutschland. Als Neudeutsche lernten wir das Noviziat der Ostdeutschen Provinz SJ in Mittelsteine bei Glatz kennen, in dem oft Exerzitien für Schüler gegeben wurden.

Einen der Exerzitienkurse gab P. Esch. Mit ihm besprach ich auch meine Berufswahl. Nachdem meine Brüder Helmut und Otto nach Mittelsteine ins Noviziat der Ostdeutschen Provinz SJ gegangen waren, wollte auch ich dorthin gehen. Der 22. April 1933 war mein Eintrittstag. Mein Novizenmeister war P. Otto Pies. Es waren über 20 Novizen, die in diesem Jahr mit mir ins Noviziat eintraten. Viele von ihnen waren Neudeutsche. Die ersten Gelübde legte ich am 28.4.1935 ab. Auf das Noviziat folgte das Juniorat, in welchem ich die erste Bekanntschaft mit der griechischen Sprache machte. Auf dem Ratiborer Realgymnasium hatten wir zwar von Sexta an Latein gelernt, aber Griechischunterricht gab es überhaupt nicht. Im Jahre 1935 ging es in die Philosophie nach Pullach bei München. Mein Interstiz machte ich in Berlin. Ich sollte hier für den damaligen P. Provinzial Karl Wehner die Post tippen und auch dem Provinzökonomen P. Baurmann helfen.

Von Berlin aus wurde ich 1940 zur Wehrmacht einberufen. Bald erkrankte ich an einer feuchten Rippenfellentzündung und kam ins Lazarett nach Unna in Westfalen. Aus der Rippenfellentzündung entwickelte sich eine Tuberkulose. Die Ausheilung der Tuberkulose nahm mehrere Jahre in Anspruch. Ende 1944 wurde ich aus dem Lazarett und von der Wehrmacht entlassen und zwar zu meinen Eltern in Ratibor. In Ratibor konnte ich nicht bleiben. Nun war die Frage: wohin. Nach manchen Überlegungen wählte ich als Ziel das Berchmanskolleg in Pullach. Trotz vieler Schwierigkeiten gelang es mir, über Dresden, Tirschenreuth und Regensburg nach Pullach zu kommen. Tirschenreuth erwähne ich deshalb, weil Steyler Patres mich hier für längere Zeit mitbrüderlichst aufgenommen haben. In Pullach hörte ich theologische Vorlesungen. Am 27. Juli 1947 wurde ich in der Kapelle des Berchmanskollegs durch Card. Faulhaber zum Priester geweiht. Nach der Priesterweihe sollte ich aus gesundheitlichen Gründen Theologie privat weiterstudieren. Hierfür kam ich 1947 zu den Armen Schulschwestern nach Lenzfried bei Kempten im Allgäu. Bis zum Jahre 1951 blieb ich hier als Hausgeistlicher und Religionslehrer. In dieser Zeit machte ich auch mein theologisches Schlußexamen in Pullach. Zum Tertiat ging es 1951-52 nach Münster. Instruktor war P. Karl Wehner.
(Es folgt der einzige durchgestrichene Passus: In Lenzfried hatte sich die Tuberkulose wieder gemeldet. Ich machte eine Kur in Bad Tölz.)

Im Jahre 1952 kam ich als Hausgeistlicher zu den Karmelitinnen vom göttlichen Herzen Jesu nach Berlin-Neukölln. In der Pfarrei St. Eduard in Neukölln half ich in der Alten- und Krankenseelsorge aus. Während dieser Zeit, es war der 2.2.1953, legte ich meine letzten Gelübde ab. P. Bruno Schmidt nahm die Gelübde entgegen. Eines Tages fragte mich P. Provinzial Karl Wehner, ob ich nicht als Spiritual für die Philosophen nach Pullach gehen möchte. Ich müßte aber vorher nach Rom, um ein Sonderstudium zu absolvieren. So kam ich nach Rom und studierte spirituelle Theologie. Aus gesundheitlichen Gründen konnte ich in Rom nicht bleiben. So ging es von Rom auf den Jakobsberg bei Bingen. Hier war unser Noviziat und P. Soballa, damals Novizenmeister, wollte mir beim privaten Weiterstudium helfen.

Im Jahre 1958 kam ich ans Berchmanskolleg Pullach als Spiritual für einen Teil der Philosophen. Mitspiritual war P. Sommer aus der Süddeutschen Provinz. Im Jahre 1960 wurden wir als Spirituäle abgelöst. Ich wurde 2. Krankenhausseelsorger im St. Gertrauden-Krankenhaus in Berlin-Wilmersdorf. P. Michalke war 1. Krankenhausseelsorger. In den Jahren 1962-63 war ich Sozius des Novizenmeisters im Peter-Faber-Kolleg. 1964 ging es wieder zurück ans St. Gertraudenkrankenhaus als 2. Krankenhausseelsorger. 1968 kam ich zu den Ursulinen in Berlin-Zehlendorf. Zum Religionsunterricht kam ein Pater aus dem Ignatiushaus. So hatte ich mit der Schule nichts zu tun. Ich half in dieser Zeit dem Pfarrer von St. Otto in der Alten- und Krankenhausseelsorge aus. Nach ungefähr 3 Jahren kam ich schon zum dritten Male als 2. Krankenhausseelsorger ins St. Gertraudenkrankenhaus.

Im Jahre 1973 wurde ich zu den Grauen Schwestern in Reinbek bei Hamburg versetzt. Die Schwestern hatten für ihre nicht mehr arbeitsfähigen Schwestern ein Altersheim gebaut. Die Arbeit in diesem Altersheim sollte ich übernehmen, weil P. Karl Van Volxem, der bisher diese Arbeit getan hatte, sie nicht mehr leisten konnte. Bei meiner Ankunft waren in "St. Elisabethruh" etwa 100 Schwestern. Obwohl ich gern in Reinbek geblieben wäre, sollte ich dort doch nicht lange bleiben. Die Tuberkulose meldete sich wieder. Nach einer Kur in Bayern kam ich nach Berlin ins Peter-Faber-Kolleg, um hier zu bleiben, bis die Tuberkulose völlig ausgeheilt war.

Im Jahre 1976 richteten die Schwestern vom Heiligsten Herzen Jesu, deren Mutterhaus in Berlin-Steglitz steht, in Bad Salzdetfurth bei Hildesheim ein Altersheim ein. Für dieses Haus suchten sie einen Hausgeistlichen und fragten mich, ob ich nicht nach Bad Salzdetfurth gehen möchte. So wurde ich dort 1976 Hausgeistlicher. Fast volle 10 Jahre blieb ich in Bad Salzdetfurth. Zunehmende Altersbeschwerden zwangen mich, diese Hausgeistlichenstelle aufzugeben. Am 28.4.1986 kam ich in unser Altenheim nach Berlin-Kladow.

Hiermit enden die Aufzeichnungen von P. Rudolf Ogiermann. Es folgten über 13 Jahre Altenheim, in denen er den Tod erwartete, sich betend und einsam darauf vorbereitete. Frau Kübler-Ross hat unter den von ihr beobachteten vier Phasen des Sterbens auch jene beschrieben, in der der Kranke sich immer mehr in sich zurückzieht und von der Welt Abschied nimmt. Ich habe dies nie so ausgeprägt beobachten können wie bei P. R. Ogiermann. Er verließ immer weniger sein Zimmer, las fleißig, meistens geistliche Bücher (als letztes, das von seinem Bruder zu DDR-Zeiten herausgegebene NONNI-Buch) hatte sich seit längerem entschieden, an der Hl. Messe in der Krankenkapelle nicht teil zu nehmen, obwohl diese nur wenige Schritte von seinem Zimmer entfernt war; aber wenn er sich für etwas klar entschieden hatte, blieb es dabei. Er wartete sehr darauf, dass ihm die Eucharistie gebracht wurde, sang auch bisweilen ein Lied mit und wollte dann wieder mit seinem Herrn allein sein.

Der Tod ließ lange auf sich warten, kam aber zuletzt doch schneller und einfacher als erwartet. Sein älterer Bruder Otto war Ende Oktober 99 in das Peter-Faber-Kolleg umgezogen. Hatte Rudolf darauf gewartet? Am 17. November traten abends überraschend Darmblutungen auf. Einen Notarzt zu rufen schien nicht nötig, zumal die Blutungen bald aufhörten, Rudolf keine Schmerzen hatte und sowieso nicht in ein Krankenhaus wollte. Zudem wurde am nächsten Tag der Hausarzt erwartet, der dann als Ursache der Blutungen ein Magengeschwür diagnostizierte. In der Nacht verschlimmerte sich jedoch Rudolfs Zustand. Der Pfleger weckte seinen Bruder und mich, da er ein baldiges Verscheiden erwartete.

Ich spendete P. Ogiermann die Krankensalbung, und obwohl er trotz großer Unruhe nicht bei Bewusstsein zu sein schien, begleitete er den Empfang des Sakramentes mit ausdrucksvollen Kreuzzeichen. Dann kam er wieder zu Kräften, empfing die Hl. Kommunion, frühstückte am Tisch, brach plötzlich zusammen, sodass man meinte, er sei gestorben. Er kam erneut zu Kräften. Als gegen Mittag der Arzt kam, unterhielt er sich mit diesem, sagte erneut klar, dass er nicht in ein Krankenhaus wolle, auch, dass er keine Schmerzen habe. Am Nachmittag war sein Bruder bei ihm. Rudolf war zeitweilig unruhig, aber dann kam eine große Ruhe über ihn, und in dieser Ruhe muss er gestorben sein. Wir stellten seinen Tod erst im Nachhinein fest. Gott hatte P. Rudolf Ogiermann ein unmerkliches Sterben geschenkt.

R.i.p.

Für das Vor- und Nachwort: P. Ludwig Kathke SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 6/1999 - Dezember, S. 225-28