P. Jakob Philippi SJ
geboren am 16. September 1920 in Diefflen/Saar
gestorben am 4. Februar 1994 in Berlin

Das Leben des am 16. September 1920 in Diefflen (heute Dillingen)/Saar geborenen P. Jakob Philippi stellt ein beredtes Zeugnis dafür dar, was sich Ignatius von seiner Compagnia erhoffte. Heißt es doch in der dritten Regel des Summariums der Ordenskonstitutionen:"Es ist unsere Aufgabe, verschiedene Orte zu durchwandern, und unser Leben dort zuzubringen, wo sich mehr für den Dienst Gottes und die Rettung der Seelen erhoffen läßt."

Die Vielzahl sowohl der Orte des apostolischen Einsatzes von P. Philippi als auch der ihm übertragenen Aufgaben lassen den begabten und geistlich durchdrungenen Menschen erkennen. Geprägt vom Geist des Evangeliums, der Meditation und der ignatianischen Exerzitien, war er zur Leitung einzelner, aber auch von Gruppen befähigt, wobei ihm seine natürliche, umsichtige und besonnene Art zustatten kam.

Am 4. Februar 1994 rief Gott P. Philippi zu sich. Gott ist jeder einzelne Mensch wichtig: "ich habe dich bei deinem Namen gerufen, mein bist du", sagt er (Jes 43,1). Er hat für jeden von uns sein Wort, er kennt jeden von uns und nennt jeden von uns mit Namen. Dies gilt, ganz gleich, ob wir bedeutend sind, namhaft in den Augen der anderen oder nicht, ganz gleich, ob unser Name Gewicht hat in den Augen der Welt oder nicht. Nicht der Name, den wir erworben haben unter den Menschen, spielt für Gott eine Rolle, sondern der Name, mit dem er uns ruft. Ob wir auf diesen Ruf hören und ihm folgen, das ist entscheidend.

Schon früh vernahm Jakob Philippi den Ruf des Herrn, und er folgte diesem Ruf. Nach einer glücklichen und sorgenfreien Jugend, die er mit seinen Eltern und seinen zwei jüngeren Brüdern, Johannes und Josef, in Dillingen auf dem Land verbrachte, führte ihn dieser Ruf am 21. April 1938 - die Häuser der Westdeutschen Provinz in Holland waren schon blockiert - nach Hochelten am Niederrhein in das Noviziat der Gesellschaft Jesu. In Dillingen, wo er bis zum 15. Lebensjahr das Reformrealgymnasium besuchte, hatte er große Freude an der schönen Landschaft und, wie er selbst sagte, an Gottes wunderbarer Natur gefunden. Im August 1935 zog die gesamte Familie, sein Vater war Eisenbahnbeamter, nach Trier um. Hiermit begann das Wanderleben, das neben dem Ortswechsel zuerst einmal mit einem Schulwechsel verbunden war. Auf dem Hindenburg-Gymnasium in Trier mußte er zuerst ordentlich büffeln, um den Anschluß zu finden und das Klassenziel zu erreichen. Bei seiner Begabung gelang ihm das sehr schnell. Als Schüler sowohl in Dillingen als auch in Trier, wirkte er auch im Kirchenchor als Sänger und Violinist mit. Während seiner Gymnasialzeit widmete er sich intensiv der katholischen Jugendarbeit. Diese Tätigkeit, sein religiös geprägtes Elternhaus und der Wunsch, anderen zu helfen, machten ihm den Entschluß leicht, in den Jesuitenorden einzutreten, um sich ganz dem Herrn zu weihen.

Nach dem Noviziat begann - getreu der Ordensregel - ein jesuitisches Wanderleben. 1941 wurde er zum Studium der Philosophie nach Pullach geschickt. Danach widmete er sich vier Jahre der Erziehung der Jugend am Jesuitenkolleg in Bad Godesberg. Ein ehemaliger Schüler des Aloisiuskollegs berichtet, daß Fr. Philippi den Schülern jeden Abend Betrachtungspunkte gab, die frei, ohne Konzept, und deshalb sehr lebendig und inspirierend vorgetragen wurden. Überhaupt verstand er es ausgezeichnet, mit Jugendlichen umzugehen.

Von Bad Godesberg ging es über Trier, Duderstadt, Büren, wo er am 30. Juli 1949 zum Priester geweiht wurde, nach Frankfurt zum abschließenden Studium der Theologie. Eine 1940 bzw. 1941 erfolgte Einberufung zum Reichsarbeitsdienst und zur Wehrmacht sorgten zuvor noch für weitere Ortswechsel. Den 'obligaten Arbeitsdienst' leistete er in Frankreich ab. Als Soldat war er als Narkotiseur in einem Lazarett in Rußland tätig. Am 3. Dezember 1941, dem selben Tag, an dem sein Bruder Johannes zum Militärdienst einberufen wurde, kam P. Jakob Philippi nach Hause, nachdem er als Gefreiter im November auf Grund des berüchtigten Führererlasses als wehrunwürdig aus dem Militärdienst entlassen worden war. Sein vorgesetzter Stabsarzt stellte ihm über die geleistete Arbeit als Sanitäter und sein Verhalten als Kamerad das beste Zeugnis aus, das man sich vorstellen kann.

Ist nicht unser ganzes Leben eine Wanderschaft? Wanderer gehen nicht immer die großen, breiten Straßen, sondern auch durch die Natur und die Wälder, oft auf steinigen, abschüssigen oder steilen Wanderwegen. Auch unsere Lebenswanderung ist nicht immer eben; manchmal liegen Steine im Weg. Bisweilen können wir sie wegstoßen, oft müssen wir sie umgehen, manchmal stolpern wir sogar. So geht es im Leben auf und ab. Auch P. Philippi mußte das in seinem Leben erfahren. Kaum hatte man ihn am 13. März 1988 zum Rektor des Peter-Faber-Kollegs in Berlin-Kladow ernannt, da verlor er durch Amputation sein rechtes und knapp vier Jahre später sein linkes Bein. Und als dazu seine Augen immer trüber wurden, sind ihm sicher die Worte des Herrn an Petrus erschreckend bewußt geworden: "Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst (Joh 21,18).

Es war schon ein erschütterndes Bild, den einst so lebendigen und wortgewaltigen P. Philippi hilflos im Rollstuhl fahren zu sehen, erst noch selbständig, dann auf fremde Hilfe angewiesen. Oft saß er erschöpft und ermüdet von den Anstrengungen dieses für ihn so ungewöhnlichen Fortbewegungsmittels an der Kreuzung eines Ganges und betete den Rosenkranz. Während dieser letzten Leidensjahre fuhr er täglich mehrmals in die Kapelle und verbrachte dort lange Stunden im betenden Gespräch mit dem, der ihn sein ganzes Leben lang geführt hat, und lauschte dessen Eingebungen und Worten.

All das weist zurück auf die vielen Jahre Wanderleben, in denen P. Philippi so viele frohe, beglückende und menschlich erfüllende Stunden erleben durfte.

Was ist für einen Menschen schon beglückender als Erfolg? Und diesen hatte P. Philippi wirklich. Von 1953 bis 1959 war er als noch junger Priester in Lübeck sehr erfolgreich in der Jugendseelsorge tätig. Das Arbeitsfeld bezog sich dabei weniger auf Lübeck als auf die Diaspora-Gebiete Schleswig-Holsteins. Lange Wege und eine mühsame Kleinarbeit kennzeichnen diese Jahre. Seine, auch wie er es sah, ganz große Zeit aber begann 1959 in Hamburg. Zunächst war er Studentenpfarrer und Dozent für Religionspädagogik an der Universität Hamburg. Da die Studentengemeinde bislang keine eigene Bleibe hatte, sondern nur im Haus der Jesuiten am Schlump Gastrecht besaß, betrieb P. Philippi intensiv den Bau eines neuen Studenten-Zentrums mit Wohnheim in der Rentzelstraße. Mit Geschick und großer Beharrlichkeit wußte er von allen möglichen Stellen das nötige Geld für die Erstellung des Baues zu beschaffen. Bei all seiner organisatorischen Tätigkeit blieb er aber immer Seelsorger, der auf die jungen Menschen zuging und sie für Glaube und Kirche begeisterte.

1970 übernahm P. Philippi die Leitung der 'Offenen Tür' in der Domstraße in Hamburg. Auch hier war seine Begabung als Seelsorger und Organisator gefordert. Unter seiner Leitung erwarb sich die 'Offene Tür' als soziale Einrichtung in Hamburg einen so guten Ruf, daß P. Philippi im Mai 1982 von der 'Patriotischen Gesellschaft' mit dem Johann-Georg-Büsch-Preis für besondere Verdienste um die Bürger Hamburgs ausgezeichnet wurde.

P. Philippi war immer Ökumeniker. In seinen Betrachtungen und geistlichen Überlegungen und in seinen Reflexionen über die Zusammenarbeit der Kirchen und Religionen gibt P. Philippi der 'Zwischenfall in Antiochien' zu denken. Die beiden großen Apostel Petrus und Paulus gerieten in Konflikt. Sie setzten sich auseinander, aber sie kündigten nicht die Gemeinschaft auf. Paulus wollte die junge Gemeinschaft der Christen nicht hinter die Gottesoffenbarung Jesu zurückgehen lassen. Petrus war bestrebt, den Zusammenhalt der Kirche zu bewahren. Beiden ging es letztlich darum, das Vermächtnis Jesu zu bewahren, wie er es uns in seinem Gebet hinterlassen hat: "Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, daß du mich gesandt hast" ( Joh 17,21). Beide handelten in der tiefen Überzeugung, daß sie dem einen Herrn dienten - auch wenn sie manchmal verschiedener Meinung waren. Jakob Philippi war überzeugt: Konflikte, wenn es um die Erkenntnis der Wahrheit und um die Suche nach dem richtigen Weg geht, darf es durchaus geben. Spannung kann etwas Fruchtbares sein! Andererseits aber sind Dauerkonflikte gefährlich! Petrus und Paulus lernen, ein doppeltes Handeln Gottes anzunehmen. Gott wirkt unter den Juden und unter den Heiden. Das verbietet ihnen, die andere Seite zu verurteilen und die Gemeinschaft mit ihr aufzugeben.

Beiden Aposteln ging es um das Zentrum des christlichen Glaubens. Die gleiche oder eine ähnliche Erfahrung hat über Jahrhunderte zur Abgrenzung der verschiedenen Konfessionen gegeneinander geführt. P. Philippi fragte sich: Wie können wir aus unseren überkommenen Traditionen aufbrechen, ohne unser konfessionell geprägtes Selbstverständnis aufzugeben? Die Apostel lehren uns, einen offenen, angstfreien Dialog zu führen. Um das verwirklichen zu können, war die Ökumene ein besonderes Anliegen von P. Philippi. Deshalb übernahm er auch 1980 den Vorsitz in der Arbeitsgemeinschaft der christlichen Kirchen in Hamburg.

Nach fast 25 arbeitsintensiven, glücklichen Jahren ohne Wechsel in Hamburg, wo er trotz seiner vielen Arbeit auch noch ein Gebetbüchlein des französischen Mitbruders P. Jean Crasset SJ ins Deutsche übersetzte, und auch selber eins schrieb, ging sein Wanderleben weiter. Er wurde ins Ignatiushaus nach Berlin versetzt. Die in Hamburg begonnene ökumenische Arbeit setzte er auch in seinem neuen Wirkungskreis in der 'UNA SANCTA' und beim 'Bund für evangelisch-katholische Wiedervereinigung' bis zu seinem Tode fort. Seine Hauptaufgabe in Berlin war jedoch die Leitung des Exerzitienwerkes, die er am 1. Januar 1983 als Nachfolger von P. Michalke übernahm. Bei dieser Aufgabe setzte er zahlreiche neue Impulse. Andere Arbeiten führte er weiter, so die Hilfe in den Ostblock hinein.

Schon von Hamburg aus und später von Berlin unterstützte er die notleidenden Mitbrüder und Katholiken in der damaligen Tschechoslowakei. Insgesamt fuhr er 14 mal nach Prag, immer unauffällig, getarnt als Dozent der Universität Hamburg. Jede Reise bedeutete neue Gefahr. Aber das Bedürfnis, Menschen zu helfen, ließ ihn keine Mühen, keine Unannehmlichkeiten und keine Schwierigkeiten scheuen. Schließlich wurde er von gutmeinender Seite gewarnt, daß er auf der 'schwarzen Liste' der Grenzpolizei stünde, und so mußte er notgedrungen seine Reisen in die CSSR aufgeben. Trotzdem unterstützte er die Mitbrüder finanziell und materiell durch 'geheime' Kanäle weiter. Ein vom 16.02.1994 datiertes Kondolenzschreiben des gegenwärtigen tschechischen Provinzials der Gesellschaft Jesu, P. Josef Cupr, und seines Sozius, P. Josef Pazderka, beweist dankbare Anerkennung für die ihnen und den Mitbrüdern von P. Philippi geleistete Hilfe. In Berlin stand P. Philippi noch einmal eine Versetzung bevor: Vom 13. März 1988 bis zum 15. Januar 1992 war er Rektor des Peter-Faber-Kollegs. In diesem Haus verbrachte er dann auch die Jahre des Leidens und des körperlichen Verfalls.

P. Jakob Philippi war äußerst kontaktfreudig. Beruflich stellte er sich in den Pfarreien der jeweiligen Orte, an denen er stationiert war, vor. Über Jahre besuchte er regelmäßig die Exerzitienleiter-Tagungen und hielt engen Kontakt mit den Studentenpfarrern, zu deren Tagungen er so oft gefahren war. Privat ließ er kaum eine Familienfeier verstreichen, ohne daran teilzunehmen. Bei diesen Feierlichkeiten und feierlichen Anlässen erfreute er die anwesenden Brüder, Verwandten und Freunde durch seine von Lebensfreude sprudelnde Beredsamkeit. Dabei machte er als Weinkenner alle Anwesenden über seine Kenntnisse von Jahrgang, Herkunft und Lager der Weine erstaunen. Überhaupt war er den Gottesgaben in flüssiger, fester und 'gasförmiger' Gestalt keineswegs abhold.

Einerseits legte P. Philippi großen Wert auf seine Gesundheit - zwei Kuren in Arenberg bei Koblenz bei den Dominikanerinnen, wo er auch viele Kontakte zu anderen Kurgästen knüpfte, zeugen davon - andererseits war er als ehemaliger Sanitätsgefreiter von dem Spruch: "Medice, cura te ipsum" überzeugt. Als selbsternannter 'Doctor universalis' meinte er in allen medizinischen Dingen besser Bescheid zu wissen als die ihn behandelnden Ärzte und das Pflegepersonal. Sein doktorales Selbstbewußtsein beschränkte sich nicht nur auf medizinische Dinge, auch auf anderen Gebieten hatte er gerne das letzte Wort. Amüsiert denkt mancher Mitbruder auch an P. Philippi deshalb zurück, weil er immer aus dem Orden alles wußte und schon den übernächsten Provinzial voraussagte. In der Welt wäre er ein genuiner Vertreter der Geheimdiplomatie gewesen.

Am 11.04.1988 begann dann, wie schon erwähnt, sein großer Leidensweg und setzte einer vielseitigen segensreichen Tätigkeit ein Ende. Trotzdem arbeitete er, an den Rollstuhl gefesselt, weiter. Er gab Einzelexerzitien, war bereit, durch sein Urteil und seine Erfahrung anderen Entscheidungshilfen zu geben, und stand immer als Beichtvater zur Verfügung.

Die Amputation beider Beine und der damit verbundene Bewegungsmangel hatten seinen Kreislauf so sehr geschwächt, daß er in den letzten Tagen nur noch bettlägerig war, bis Gott ihn am Abend des 4. Februar 1994 von seiner irdischen Pilgerreise in sein Reich der Ruhe und des Friedens heimholte. Sein Todestag fiel auf einen Herz-Jesu-Freitag, und sein Freund und Trierer Landsmann, P. Rainer Rendenbach, meinte: "Bei der Verehrung, die P. Philippi zum heiligsten Herzen Jesu hatte, mußte er an einem Herz-Jesu-Freitag sterben".

"Mein Gott, warum?" ist und bleibt unser aller bange Frage vor der Krankheit, vor dem Tod. Diese Frage wird unweigerlich zu einer Frage an unseren Glauben.

Der Ordenssatzung entsprechend hat P. Philippi viele Wege durchwandert und hat anbei lebensnah immer wieder die Wahrheit erfahren können: "Der Herr ist mein Heil: Vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist die Kraft meines Lebens: Vor wem sollte mir bangen?" (Ps 27,1). Diese Zuversicht, die der Psalmist ausdrückt, hat P. Philippi im Alltag vorgelebt.

R.i.p.

P. Claus Hoffmann SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 2/1994 - März, S. 58-61