P. Hermann Rosczyk SJ
geboren am 14. April 1910 in Konitz (Westpreußen)
gestorben am 29. Januar 1995 in Berlin

Wenn wir am Totenbett eines Menschen stehen, dann schmerzt uns der Verlust eines geliebten und verehrten Menschen. Unabweislich werden wir zugleich an unseren eigenen Tod gemahnt. Wir stehen dem Sterben von Menschen, die uns eng verbunden sind, wie auch unserem eigenen Tod machtlos gegenüber.

Wie wir bei jedem Tod einen Verlust erfahren, erfahren wir auch unsere völlige Ohnmacht, etwas gegen ihn zu tun. Alle, die wir während der letzten Tage von P. Rosczyk an dessen Bett gestanden sind und für ihn gebetet haben, erfuhren uns als machtlos. Es wurde uns zutiefst bewußt, daß das, was hier vor sich ging, die unabänderliche Wirklichkeit des Todes war, eine Wirklichkeit, der wir uns alle eines Tages stellen müssen.

Der Tod ist unabänderlich - und doch reagieren wir auf ihn abwehrend und verneinend. Auch Jesus tat sich mit dem Tod alles andere als leicht. Obwohl er von seinem Tod sprach, seine Jünger darauf vorbereitete, ja sogar die Auferstehung ankündigte, stellte das Sterben für ihn ein all seine Kräfte herausforderndes Ringen dar. Seine Angst war derart, daß "sein Schweiß wie Blut war, das auf die Erde tropfte" (Lk 22,24). Und in seinem Todeskampf rief er: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Mk 15,34).

Am Sonntag, 29. Januar 1995, gegen 9 Uhr war das irdische Leben von Pater Hermann Rosczyk beendet. Ein langes, gottgeweihtes und gotterfülltes arbeitsintensives Priesterleben ist zu Ende gegangen. Im 85. Lebensjahr ist er mit Christus und in ihm gestorben.

Er selbst berichtet aus seiner Kindheit - über seine Frömmigkeit: "Zeichen besonderer Frömmigkeit? nein, - nicht einmal landläufiger Frömmigkeit, fast das Gegenteil. Ich sehe mich im Geiste abends vor dem Bett knien, umringt von meinen Eltern und Großeltern. Bis zum 'Täglichen Brot' ging es noch. Dann stockte ich und schlief wie ein störrischer Esel. "Na, los!" sagte der Vater. Dann gab es einen sanften Klaps, und brummig kam ich wieder in Bewegung."

Und über die Bangigkeit sagt er: "Bangigkeit habe ich viel erlebt. Z.B. als Knecht Ruprecht bedrohlich mit seinen Ketten klirrte. Da zog ich mich doch hinter meines Vaters breiten Rücken. Merkwürdig war auch die Angst als die Regenwolken dicht vor dem Haus dahinflogen. Was passierte wohl, wenn die hohen Birken oben anstießen? Fiele da das Haus ein?"

"Mutter war einkaufen gegangen und hatte alle gefährdeten Plätze gesichert. Aber bei ihrer Rückkehr sah sie ihre beiden Söhne mit angstvollen Gesichtern auf dem Küchentisch hocken. Ein Igel, den jemand in die Wohnung gebracht hatte, war plötzlich vor dem Küchentisch aufgetaucht. - Sonst hatten wir eher eine verwegene Neugierde."

Über seine Berufung: "1917 bei einer Gebetswallfahrt für unsere gefangenen Soldaten (sein Vater war in englischer Gefangenschaft) in Deutsch-Piekar bei Beuthen erhielt ich eine fromme Kinderzeitschrift. Dieses Blättchen hat damals großen Eindruck auf mich gemacht und liefert die ersten Spuren des Berufs. Etwas später kam noch der Einfluß, den die Missionszeitschriften des Franziskus-Xaverius-Vereins ausübten dazu. Jedenfalls kann ich mich deutlich an den Augenblick erinnern, in dem ein Mitschüler mich fragte: "Du willst wohl auch so einer werden?" Ich entgegnete: "Nun vielleicht!" Und als Onkel Franz (Vaters Bruder, der mir auch eine Geige geschenkt hatte), zu Besuch kam, sagte mein Vater: "Er denkt schon daran, Geistlicher zu werden. Aber ich meine, das ist nichts für uns."

Über die Schule: "Latein machte mir keine Schwierigkeiten. Die Lehrer waren einprägsame, oft schrullige Persönlichkeiten, die oft mit Zylinder erhöht in die Schule kamen."
"Durch Neudeutschland lernte ich Gemeinschaft, Freundschaft, Frömmigkeit und ernste Lebensauffassungen üben."

Am 14. April 1910 wurde Hermann Rosczyk in Konitz, Westpreußen, geboren. Infolge der Wirren des 1. Weltkrieges mußte die Familie fliehen. Gleiwitz, Oberschlesien, wurde ihr zur neuen Heimat. Dort verbrachte Hermann mit zwei Schwestern und drei Brüdern eine glückliche Jugend. Nach bestandenem Abitur am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium trat er am 29. April 1930 in das Noviziat der Ostdeutschen Jesuitenprovinz in Mittelsteine, Grafschaft Glatz, ein. Im September 1932 begann er das dreijährige Philosophiestudium im Ignatiuskolleg in Valkenburg, dem sich eine zweijährige Magistertätigkeit für Latein und Griechisch in Mittelsteine anschloß. Das 1937 am Collegium Bobolanum in Lublin begonnene Theologiestudium mußte er nach Ausbruch des 2. Weltkrieges in Frankfurt - Sankt Georgen, fortsetzen. Da die Einberufung zur Wehrmacht bevorstand, wurde er am 17. März 1940 durch Bischof von Preysing in St. Clemens, Berlin, vorzeitig zum Priester geweiht.

Im Juni 1940 wurde er als Sanitäter eingezogen und nacheinander in Kassel, Erfurt und Krakau stationiert. Am 9. Dezember 1941 wurde er aufgrund des Führerbefehls aus der Wehrmacht entlassen. So konnte er im Januar 1943 in Wien das theologische Schlußexamen ablegen. Eine einjährige Erziehungstätigkeit in Brauna/Sachsen und eine Kaplanszeit in Schomberg bei Beuthen folgten. Zu Pfingsten 1946 mußte er Schlesien verlassen. Zunächst wirkte er einige Zeit unter Flüchtlingen in Ostfriesland.

Ab September 1946 war er kurz am Canisius-Kolleg, Berlin, ging dann aber ins Tertiat, die ordensinterne Abschlußausbildung, und danach zu einem altphilologischen Schnellstudium nach Frankfurt. Ab September 1950 wirkte P. Rosczyk als Lehrer für Griechisch, Latein und Religion am Canisius-Kolleg. Er gehörte zu den tragenden Säulen der Schule. Seine Ferienfahrten für die Unterklassen und später seine Studienfahrten für die Oberstufe wurden zu festen Größen: 9 Sommerferienlager in Deutschland und 24 Schüler-Auslandsfahrten, davon 5 mit P. Alfons Tanner und 19 in eigener Regie, bilden die stolze Bilanz. Dazu kamen während der Schulzeit viele Seelsorgsaushilfen in Berlin und vor dem Bau der Mauer im Umland.

1985 schied P. Rosczyk aus dem aktiven Lehrdienst aus, gab aber noch gern Nachhilfe und Privatunterricht in verschiedenen Sprachen. Seine Kräfte ließen nach, und der Gesundheitszustand wurde durch die Parkinsonkrankheit immer labiler. So wurde er am 15. Januar 1991 ins Peter-Faber-Kolleg versetzt.

P. Hermann Rosczyk war mit Leib und Seele Lehrer und Seelsorger. Der Jugend galt sein unermüdlicher Einsatz. Sie Gott näher zu bringen, war er stets bestrebt. Dazu setzte er sein Organisationstalent und seine große Sprachenbegabung ein.

Der 29. Januar 1995 ist nun sein Tag geworden, für ihn ein Tag ohne Abend. Hermann Rosczyk durfte zu Hause sterben, im Beisein einer gläubigen Krankenschwester. Am 29. Januar hat sich für den Priester das Wort erfüllt: "Komm, du guter und getreuer Knecht, geh ein in die Freude deines Herrn."

P. Rosczyk war ein Mann des Glaubens, der in der Ehrfurcht vor Gott und in der Hingabe an den Herrn den Weg des Lebens und der Verheißung als treuer Sohn der Kirche zu Ende gegangen ist. Er ist - von der Kirche geführt, vom Orden begleitet - zu biblischer Weisheit und Reife gelangt.

Vom Wissen um die Treue Gottes waren seine letzten Jahre geprägt. In einer bewunderungswürdigen Gelassenheit konnte er Johannes XXIII. zitieren: "Ich wünsche mir nicht mehr und nicht weniger, als der Herr mir immerfort gibt. Ich danke ihm und preise ihn alle Tage. Ich bin bereit zu allem" (Johannes XXIII.).

Hermann Rosczyk hatte jene Ruhe und jenes Vertrauen, die der Glaube dem wahrhaft Gläubigen schenkt. Mit der Dankbarkeit für die zunehmenden Jahre seines langen Lebens ist sein Freisein für den letzten Ruf Gottes gewachsen. Er hatte keine Angst, er hat den Tag seines Todes, auf den er zuinnerst vorbereitet war, nicht gefürchtet, sondern herbeigesehnt und als Tag der Vollendung in manchen Stunden herbeigebetet. "Herr, auf dich vertraue ich, in deine Hände lege ich mein Leben."

Unser Leben - sein Leben endet nicht in Verfall und Zusammenbruch. Unser Leben - sein Leben findet Vollendung in Gott. Nicht Abend und Untergang stehen am Ende, sondern Leben und Friede, Freude und Erfüllung, Glück und Vollendung: Das ist der Tag ohne Ende in Gott.

Mit dem Tod von P. Rosczyk ist unsere Welt enger und kleiner geworden. Ein Platz bleibt leer. Aber so werden wir hingewiesen auf die Hoffnung des Neuen Testaments: "Jeder, der lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben."

Nur da, wo wir in IHM bleiben, sind wir denen verbunden, die dort sind, wohin auch unser Weg führt. Denn ER ist Auferstehung und Leben, unsere Auferstehung und unser Leben. Der Tod ist ein Übergang aber kein Bruch. Gott ist in Christus unser Leben und - er ist das Leben der Toten, - ihr Tag, der keinen Abend kennt.

R.i.p.

P. Claus Hoffmann SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 5/1995 - Oktober, S. 179ff