P. Herbert Roth SJ
* 30. April 1908 in Berlin    29. Juli 1989 in Berlin

"Ad Te venio, zu Dir komme ich" (Jo 17,1), so brachte die 'Frankfurter Allgemeine' die Nachricht vom Heimgang unseres Mitbruders. Zugleich wurde in diesem kurzen Nachruf sein Leben als ökumenisch bestimmt und zugleich als geprägt durch seinen unermüdlichen Eifer für das innere Wachsen gottsuchender Menschen im deutschsprachigen Raum charakterisiert.
Sein Werdegang verläuft breit und vielförmig im Beginn und in der reifenden Entfaltung und führt doch geradlinig in die Erfüllung hinein, die Gottes Plan offenkundig macht.

Die Jugend in der Diaspora von Berlin ist geprägt von der intensiven neudeutschen Jugendarbeit an St. Clemens. Es ist die Zeit des wachsenden katholischen Lebens der zwanziger Jahre. Namen wie Sonnenschein, Metzger und Pinsk machen den Berliner Katholizismus weithin bekannt. Noch heute lebende Neudeutsche von damals berichten von jährlichen Fahrten und Treffen in der Gemeinschaft sowie von den persönlichen Begegnungen mit Priestern (P. Lehnen SJ, P. Theo Hoffmann SJ). Fleißiges Studium kennzeichnet den Weg des Herbert Roth. Warum hat er wohl erst fünf Semester Rechtswissenschaft an der Universität studiert? Wir können nur vermuten, wie er im Widerstreit der Meinungen nach seinem gottgewollten Weg gesucht hat. Die Kameraden sehen ihn schon seiner benediktinischen Neigung (Grüssau) folgen. Doch durch P. Theo Hoffmann und sein Vorbild bewogen, tritt er am 17. April 1929 in Mittelsteine in die Gesellschaft Jesu ein.

Vom Noviziat an verläuft nun das Leben des Fraters Roth still und zuverlässig den gewohnten Ausbildungsgang in der Gesellschaft Jesu. Seine Priesterweihe 1938 läßt ihn gerade zum Kriegsausbruch die Studien abschließen.

Nach dem Tertiat finden wir ihn für ein Semester in der Studentenseelsorge in Königsberg, danach für sechs Jahre in gleicher Arbeit in Berlin. Nicht zuletzt schätzt man seine, wenn auch trockene, so doch immer wesentliche Schriftauslegung und seine soziale Weite. Die soziale Ausrichtung wird bestimmend für sein apostolisches Denken. Er schließt sich in Berlin der Vinzenz-Konferenz an, er lernt in der Studentenseelsorge den Sozialapostel Carl Sonnenschein kennen, wirkt später für die Soziale Frauenschule des Katholischen Deutschen Frauenbundes und ist für den Nachtgottesdienst tätig, den die Beschäftigten im Hotelgewerbe leichter besuchen können.

Seine feste Haltung nach außen führt ihn für einen Monat (17.06.-14.07.41) als Häftling in das bekannte Gefängnis am Alexanderplatz. Seine innere Weite läßt ihn Verbindung suchen zu Kreisen, die ökumenisch interessiert sind. Er wird Mitbegründer der Una-Sancta Berlin. Es fehlt aber auch nicht an einer Prüfung für die Fruchtbarkeit seiner vielfachen Arbeiten: 1943 muß ihm operativ ein Bein versteift werden, worunter er zeitlebens mehr oder weniger leidet.

In Berlin erlebt er die Kriegsjahre. - Nach den Letzten Feierlichen Gelübden warten neue, ordensinterne Aufgaben auf ihn. Es wird ihm in Pullach bei München für zwei Jahre die Vorlesung über Dogmatik anvertraut, aus der später sein Buch 'Also glaube ich' als 'Dogmatik für Laien' erwächst. Er selber dient während acht Jahren Spiritualszeit der Ordensjugend im süddeutschen Raum. Aus dieser Zeit datieren wohl hauptsächlich die geistlichen Übungen und die Führungen von suchenden Menschen, die bis zu seinem Lebensende nun immer stärker seine Tätigkeit nach außen füllen. Bis auf die fünf Jahre als Spiritual der Jesuiten-Scholastiker in Frankfurt, Sankt Georgen (1965-1970), sehen ihn alle weiteren Stationen seines Lebens (Berlin, Darmstadt, Marburg, Hannover) als Superior bestellt. Doch die charakteristischen Fotos dieser Zeit zeigen ihn auf den Bahnsteigen, auf den Zug zum nächsten Wirkungsort warten und weiterreisen. Die Zahl der dreißigtägigen Exerzitien (die bei ihm nur 25 Tage dauern) beträgt schließlich 85. Die meisten geistlichen Arbeiten verrichtet er im süddeutschen, zuletzt im österreichischen Raum. Viele dankbare Briefe berichten uns nach seinem Hinscheiden von der Fruchtbarkeit dieses Wirkens. Zwei Zeugnisse seien hervorgehoben: die Gemeinschaft der Oberinnen Österreichs, deren Führung eigens zur Beisetzungsfeier erschienen ist, bezeugen seine vorbildliche geistliche Arbeit in den einzelnen Ordensgemeinschaften und die Wertschätzung seiner Vorträge bei vielen jährlichen Tagungen. Und zur 32. Generalkongregation der Gesellschaft Jesu (1974) schickt ihm P. General Arrupe ein handgeschriebenes Billet mit der persönlichen Einladung zur Teilnahme mit dem Vermerk "es werden vor allem Fragen behandelt, für die Ihre Spiritualität viel beitragen kann".

Er schont sich nicht. Auch die Haut-, die Knochen- und schließlich die Lungenerkrankung schrecken ihn nicht. Vier Jahre lang hält er aus, immer schwächer werdend. Im Pflegeheim des Ordens zu Berlin-Kladow, in seiner Heimatstadt also, stirbt er am 29. Juli 1989 vor dem Fest des hl. Ignatius still und ergeben im Herrn.

Beim Heimgang des P. Herbert Roth stellt sich die Frage, was ihn, den so nüchtern erscheinenden Ordensmann, auf viele so faszinierend wirken ließ. Sein ökumenisch weites Wirken in der Una-Sancta Berlin, der breite soziale Einsatz für die Kirche in der Welt, sein rastloses soziales Unterwegssein zu Exerzitien und Vorträgen wird uns erklärt, wenn er seinen Zeigefinger am Schluß eines Gesprächs erhebt, um anzuzeigen, daß es noch eine Überhöhung des gerade Gesprochenen gebe. Über allen Einzelpunkten des Besprochenen weist er hin auf das eine Notwendige, die Hingabe. So unermüdlich (sic!) ein geistliches Gespräch, dem er zuhört, und das er lebhaft gestaltet: die Führung zum einen Herrn ist immer sein Ziel.

Warten im Wissen auf den weiteren Weg und um das sichere Ziel prägen ihn. Die Bilder vom Abschied auf den Bahnsteigen werden zu Sinnbildern. Die Frage "wie spät ist es?" deutet sein Warten auf dem letzten Krankenlager. Er ist sich seiner fortschreitenden Krankheit voll bewußt. Der letzte Augenblick bedeutet für ihn ein Überstehen ("es blockiert") seines Wartens in die ewige Freiheit (und in den Jubel) beim Herrn hinein.
Uns Hinterbliebenen bleibt großer Friede und Dankbarkeit.

R.i.p.

P. Jakob Philippi SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 2/1990 - März, S. 37f