P. Günther Ruß SJ
geboren am 25. Februar 1915 in Breslau
gestorben am 20. November 1993 in Berlin

Im Brevier heißt es: "Der Mensch sieht ins Angesicht, Gott aber sieht in das Herz" (vgl. 1 Sam 16,7). Wir müssen dieses Wort zum einen in dem Sinn verstehen, daß wir zwar den anderen gut zu kennen meinen, aber in Wirklichkeit doch wenig von ihm wissen, daß uns sein Innerstes verborgen bleibt, daß wir Menschen deswegen auch letztlich über niemand gerecht urteilen können. Wir dürfen es aber zum anderen auch in dem Sinn verstehen, daß einer da ist, der uns kennt: Gott. Er weiß, was uns im Innersten bewegt. Er weiß, was im Menschen vorgeht. Er, der in Christus die äußerste Verlassenheit am Kreuz auf sich genommen und für uns getragen hat, versteht den Menschen.

Der Mensch ist ein Wesen des Lichtes. Er kommt aus dem Licht, und er hungert nach Licht, nach Freude, nach Glück. Es drängt ihn wieder zurück in das Licht. Das Leben ist aber nicht nur Licht. Es ist ein Kampf des Lichtes mit der Finsternis. Das Ringen mit dem Schatten ist oft der Versuch, das Dunkel fortzuschieben und dem Licht Bahn zu brechen. Und immer wieder bricht im Leben dieses Licht durch.

Diese Erfahrung hat Günther Ruß in seinem Leben oft machen müssen. Da war viel Licht in Form all des Guten, das er getan, des vielen Schönen, das er gesehen und erlebt, des Trostes, den er gespendet hat. Es gab aber auch viel Schatten in Form von physischem und psychischem Leid: in Enttäuschungen, Verleumdungen, Undankbarkeit, im Verlust seiner beiden Brüder im Kriege, im frühen Verlust des Vaters, seiner eigenen schweren Verwundung und schließlich gegen Ende seines Lebens in den langen Jahren seines Leidens, seines Angewiesenseins auf die Hilfe anderer.

Günther Ruß wurde am 25. Februar 1915 in Breslau als zweiter von drei Söhnen des Versicherungskaufmanns Emil Ruß und dessen Ehefrau Maria, geb. Seibt, geboren. Günther war ein echter Breslauer mit einem schlesischen Gemüt. Er konnte nur schwer "nein" sagen, versuchte aber, seine Gutmütigkeit hinter einer rauhen Schale zu verbergen. Von seiner Mutter, deren Gedanken nach der Vertreibung aus Breslau immer wieder in die alte Heimat gingen, schreibt P. Ruß: "Die Erinnerung ist das Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können." Ähnliche Gefühle bewegten auch P. Ruß bis zu seinem Tod.

Im Nachruf auf seine am 10. August 1972 verstorbene Mutter schreibt er: "Der älteste Sohn Kurt heiratete in den dreißiger Jahren seine Grete; leider ist er seit dem Fall von Stalingrad vermißt. Der zweite (er selber) trat nach seinem Abitur 1935 in Mittelsteine in den Orden der Gesellschaft Jesu ein und wurde 1941 so schwer verwundet, daß er neun Monate in Lazaretten zubringen mußte. Der dritte und jüngste Sohn Heinz, 1919 geboren, wurde am 18. Januar 1942 in Rußland bei Isjum schwer verwundet und starb im Lazarett in Poltawa (Ukraine)."

Während seiner Gymnasialzeit zuerst auf dem Matthias-, dann auf dem Johannesgymnasium, wo er auch das Abitur machte, wuchs in ihm eine große Marienverehrung, die sich äußerlich darin zeigte, daß er sich schon als Schüler als Gruppenführer in der MC (Marianische Congregation - heute GCL) stark engagierte. Die Marienverehrung verstärkte sich noch in seinem späteren Leben. Daß ihm Spott und Schülerstreiche dabei nicht fremd waren, war selbstverständlich. Aus seiner Schulzeit berichtete Günther, daß er einmal den Direktor des Matthiasgymnasiums angerufen und ihm mit verstellter Stimme gesagt habe: "Atzen, wissen sie, daß sie das größte A...-Loch von Breslau sind?" Dieser soll sofort ins Lehrerzimmer gelaufen sein, um dort mit lauter Stimme seinen Kollegen zu verkünden, was er gerade erfahren habe. Natürlich zum Gelächter aller Anwesenden.

Am 29. April 1935 sollte Günther Ruß in Mittelsteine (Schlesien) in die Gesellschaft Jesu eintreten. Als er am Breslauer Hauptbahnhof auf Bahnsteig 4 ankam, sah er drei junge Männer mit schwarzem Hut und Regenschirm. Natürlich hatten diese drei (Freund, Hauptmann und Paletta) dasselbe Ziel wie er, das Noviziat der Jesuiten.

Von August 1939 bis April 1945 war Günther Ruß zur Wehrmacht eingezogen und stieg dort bis zum Oberfeldwebel auf. Nach dem Frankreichfeldzug bekam er gelegentlich Studienurlaub, so daß er in Pullach bei München Philosophie und später in Breslau und Pullach Theologie studieren konnte. Nach seiner schweren Verwundung 1941 war Günther Ruß als Kompaniechef Ausbilder von Offiziersanwärtern. Einige spätere Mitbrüder waren darunter. Gegen Kriegsende, Ruß war mit seinen Soldaten in Lenggries (Oberbayern), sagte der "Oberfeld" seinen Männern: "Leute haut ab, der Krieg ist verloren, geht nach Hause."

Am 30. Juli 1945 wurde er in Pullach zum Priester geweiht. Da seine Eltern noch in Breslau waren, von wo sie Anfang Dezember 1945 vertrieben wurden, konnten sie weder an seiner Priesterweihe noch an seiner Primiz teilnehmen. Der Vater starb am 21. Januar 1947 in Lenggries, wo er mit seiner Frau nach der Vertreibung aus Breslau Zuflucht gefunden hatte. Da sich P. Ruß seit dem 1. Oktober 1946 bis 1948 als Lagerseelsorger in freiwilliger Gefangenschaft in Frankreich befand, konnte er nicht zur Beerdigung des Vaters kommen.

Nach dem Seelsorgeauftrag in Frankreich vervollständigte P. Ruß in den Jahren 1948 bis 1950 in Büren das Theologiestudium, und von Herbst 1950 bis Sommer 1951 konnte er in Münster das Tertiat machen.

Es folgten arbeitsintensive Jahre, in denen er Minister und Religions- und Lateinlehrer am Berliner Canisius-Kolleg war. Während dieser Zeit war P. Ruß Präses der MC und baute diese innerlich und äußerlich aus. Er bestritt also gleichzeitig drei Ämter: den Ministerposten, das Amt des MC-Präses und die Aufgaben eines Lehrers. Dank seines Organisationstalents meisterte er das alles mustergültig.

Als Präses organisierte er jedes Jahr die MiLo (Missionslotterie), durch die er den Schülern viele Anregungen geben und der Afrikamission helfen konnte. Bekannt waren seine Reisen und Ferienunternehmungen! Im Sommer 1952 fuhr er z. B. mit einer Gruppe ausgehungerter Jungen nach Bayern, um sie dort "aufpäppeln" zu lassen. Die Begeisterung über die Reise war besonders groß, denn er folgte dem Bus auf einem schweren Motorrad, was bei den damaligen Jugendlichen einen bleibenden Eindruck hinterließ. Seine vielen Bettelreisen für seine MCer und seine Jungen wurden dabei tatkräftig von den amerikanischen Soldaten sowohl durch Lebensmittelspenden als auch durch Stellung von Transportmitteln unterstützt. So kamen diese Gruppen von Augsburg bis auf die bayrischen Alpen. Eigentlich hat P. Ruß in allen Sommerferien und oft auch in anderen Ferien mit Schülern des Canisius-Kollegs Reisen und Fahrten unternommen.

Seinen Unterricht gestaltete er sehr kindernah. Er hatte meistens die Sexten und Quinten. Da kam es schon mal vor, daß er - wohl eher im Scherz - einem Schüler den Hosenboden strammzog und bei einem leichten Klaps sagte: "Und so zieht von hinterwärts Gottes Furcht ins Kinderherz." Das gab jedesmal ein ordentliches Gelächter. Gelegentlich mußten die anderen Schüler bei diesem "Klaps" auch singen: "Die Vöglein im Walde". In seinem Unterricht herrschte immer Stimmung, trotzdem lernten die Kinder viel.

Auf Wunsch von Kardinal Bengsch übernahm P. Ruß am 1. Oktober 1972 die Seelsorge in der Jugendstrafanstalt Plötzensee. Nach neunjähriger Tätigkeit dort bat man ihn, sich der Gefangenen in der Untersuchungsanstalt Berlin-Moabit anzunehmen. "Seinen" Gefangenen, sowohl in der Jugendstrafanstalt als auch in der Untersuchungsanstalt galten seine ganze Kraft, sein Interesse und seine väterliche Fürsorge. Um für diese und andere Schützlinge an Geld zu kommen, brachte er 1985 eine Schallplatte "Zwerch-Fell-Predigt" heraus. Es waren eigene Prosadarbietungen und Musik mit Gottfried Boettger unter dem Produzenten Gerhard Kämpfe. Letzterer sagte: "Daß der Geistliche weltlichen Problemen so aufgeschlossen war, hat mich sehr beeindruckt." Am 21. Februar 1985 stand in der 'B.Z.': "Moabiter Gefängnispfarrer bringt alle zum Lachen. P. Ruß ist nicht nur Seelsorger, sondern auch ein witziger Unterhalter." Der Ertrag dieser Schallplatte ging zugunsten notleidender Kinder an ein Dorf in Indien, in das P. Ruß schon mehrfach Hilfsgüter gebracht hatte.

Auch in Gemeinden, Altenheimen, Schwesternhäusern und vor anderen Interessierten hielt er Dia-Tonvorträge, die er zusammen mit Alexander Kadzig zusammengestellt hatte. Das Bildmaterial sammelte er auf seinen ausgiebigen Reisen in sehr viele Länder. Auch im Fernsehen trat er auf, unter anderem bei Alfred Biolek. Dazu schrieb unter anderen Dekan Günter Rehborn, Vorsitzender der katholischen Anstaltsseelsorger, am 13. Juni 1985: "Lieber Günther! - Herzlichen Glückwunsch zum Auftritt in Bioleks Schau und zum Gewinn des 1. Preises. Gerade ist es vorbei (22.43 Uhr), und ich denke, Du hast eine sehr gute Figur gemacht! - Dein Günter." Und Alfred Biolek gab es am 12.06.85 handschriftlich: "Lieber Pater Russ" - Herzlich willkommen in Köln! Ich bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie sich bereit erklärt haben, bei meiner ersten Sendung "Mensch-Meier" mitzumachen. Es wird eine Herausforderung an uns alle sein, gemeinsam einem großen Publikum ebensoviel Freude wie Menschlichkeit zu vermitteln. Ich freue mich, Sie kennenzulernen. - Ihr Alfred Biolek."

Während der Zeit der Gefängnisseelsorge war P. Ruß Hausgeistlicher bei den Armen Schulschwestern in der St. Marienoberschule, Berlin-Neukölln. Darüber hinaus hat er sich stets seelsorglich eingesetzt und war immer bereit, Vertretungsdienste oder Fastenpredigten in den Gemeinden zu übernehmen.

Im Oktober 1987 änderte sich das so aktive und kraftvolle Leben des P. Günther Ruß durch einen Schlaganfall. Um sein Leben zu retten, wurde er im St.-Gertrauden-Krankenhaus am Kopf operiert. Er erlangte zwar das Bewußtsein wieder, behielt aber eine linksseitige Lähmung und eine Behinderung des Sprachzentrums. Am 6. April 1988 wurde er nach einem Rehabilitationsaufenthalt im Malteserkrankenhaus in das Peter-Faber-Kolleg, Berlin-Kladow, gebracht. Er blieb an einen Rollstuhl gefesselt und war ständig auf fremde Hilfe angewiesen. Sein Leiden und sein Unvermögen trug er getreu seiner priesterlichen Berufung als Opfergabe - wie er selbst sagte - für das Bistum Berlin.

Gott erbarmte sich seiner und holte ihn am Abend des 20. November 1993, der Vigil des Christkönigsfestes, heim in sein Reich.

Den Hunger nach Licht hat Günther Ruß immer wieder verspürt. Die Kirche spricht für die Verstorbenen die Bitte aus: "Und das ewige Licht leuchte ihnen." Als dieses Licht sehen wir gläubige Christen den auferstandenen Christus, der von sich selbst sagt: "Ich bin das Licht der Welt" (Joh 8,12). Und Paulus drückt sein gläubiges Vertrauen in die Treue Gottes mit den Worten aus: "Er hat uns der Macht der Finsternis entrissen und aufgenommen in das Reich seines Sohnes" (Kol 1,13).

P. Ruß, der so vielen Menschen geholfen und den Weg gewiesen hat, weiß nun, daß für ihn wahr geworden ist, was er so oft in der Präfation der Messe für Verstorbene verkündet hat: "In ihm erstrahlt uns die Hoffnung, daß wir zur Seligkeit auferstehen."

R.i.p.

P. Claus Hoffmann SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 1/1994 - Februar, S. 19-22