Bruder Bernhard Schmitt SJ
* 8. April 1939 in Dresden     20. Mai 1993 in Berlin

Der endgültige Abschied von Br. Bernhard Schmitt, der Tag der Beerdigung, am 27. Mai 1993 war nur das letzte Kapitel einer monatelangen Geschichte des Abschiednehmens und Aufgebenmüssens.

Für alle, die Mitbruder des Peter-Faber-Kollegs, das Pflegepersonal, die Verwandten und die Gebetsgruppen, aber ganz besonders für Br. Bernhard Schmitt, waren es schwere und leidvolle Wochen. Kaum einen Tag hat es gegeben, der nicht geprägt gewesen war von der Ohnmacht angesichts einer unheilbaren Krankheit. Wir alle haben so etwas wie ein Sterben auf Raten durchgemacht, und jeder Abschnitt dieses Sterbens hat uns die eigene Ohnmacht und die unaufhaltsame Macht des Todes spüren lassen.

Abschiednehmen von der Gesundheit, von allen Möglichkeiten, die ein gesundes Leben mit sich bringt, Abschiednehmen von der Freude und von der Fähigkeit zu arbeiten, Abschiednehmen von jeder Hoffnung, wieder gesund zu werden, Abschiednehmen auch von Bekannten, von Freunden, von Gebetsgruppen, von vielen Kontakten zur Umwelt! Alle, die in der letzten Zeit bei ihm und um ihn waren, die ihn liebevoll pflegten, haben das alles miterleben und durchmachen müssen, sozusagen am eigenen Körper.

Bei jedem bewußt erlebten Tod wird immer wieder deutlich, daß vieles, sehr vieles im Leben mit Abschiednehmen zu tun hat. Es gibt nicht nur den Abschied von einem lieben Menschen - Leben ist, im Grund genommen, immer wieder ein Abschied nehmen: von der Kindheit und von der Jugend, von Menschen, die nach einer langen gemeinsamen Wegstrecke irgendwann einen anderen Weg wählen als wir selbst. ...

Diese Erfahrung prägte Bernhard Schmitt. Geboren wurde er am 8. April 1939 in Dresden als Sohn des Sattlermeisters Alfons Schmitt und dessen Ehefrau Hedwig Schmitt geb. Mertin. Bernhard wuchs mit einem Bruder und einer Schwester auf. Nach Beendigung seiner Schulausbildung in Dresden begann er am 1. September 1953 eine Berufsausbildung als Tischler. Sein Lehrmeister bescheinigte ihm "fleißig, ordentlich und zuverlässig" zu sein. Am 31. August 1956 bestand er seine Gesellenprüfung als Möbeltischler mit "gut".

Dann, ein reichliches Jahr später, hieß es Abschied nehmen von seinen Eltern und Geschwistern, Abschied von seiner Heimatstadt Dresden. Er nahm damals Abschied, um dem Ruf Gottes zu folgen. Am 19. November 1957 trat er auf dem Jakobsberg (bei Bingen) in die Gesellschaft Jesu ein und legte am 21. November 1959 seine Ersten Gelübde ab. Ein Jahr noch blieb er auf dem Jakobsberg und arbeitete dort als Haushandwerker.

Nun hieß es wieder Abschied nehmen. Im November 1960 wurde das Noviziatshaus auf dem Jakobsberg aufgegeben. Br. Schmitt wurde schon vorher nach Berlin ans Peter-Faber-Kolleg versetzt. Durch seine vielseitige technische Begabung half er beim Aufbau und der Einrichtung des Hauses Am Schwemmhorn 3a zum Noviziat der Ostdeutschen Provinz. Er besaß eine unermüdliche Ausdauer bei allen seinen Arbeiten. Überall, wo es nötig war, legte er mit Hand an und trug so viel zum schnellen Gelingen dieses Aufbaus bei. Daß er manches zu gut machen wollte, verkomplizierte freilich bisweilen die Arbeit und das Miteinander.

Nach 11 Jahren hieß es wieder Abschied nehmen. Br. Schmitt wurde an das Canisius-Kolleg versetzt. Dort arbeitete er meist mit Br. Heik als Tischler, Mechaniker, Elektriker und Maurer. In der Kapelle des Canisius-Kollegs legte er am 5. November 1972 seine Letzten Gelübde ab. Auf Grund seiner vielseitigen Interessen und getrieben von dem Wunsch, Menschen zu helfen, arbeitete er oft bis spät in die Nacht hinein bei hilfsbedürftigen Familien. Allen wollte er mit Rat und Tat helfen. Dabei konnte es leider vorkommen, daß er sich und seine Kräfte überschätzte. Während dieser Zeit knüpfte er auch Verbindungen zum internationalen Bauorden an, den damals P. Franz Glorius betreute, zu der charismatischen Bewegung und zu Gebetskreisen. Trotz seiner vielen Beschäftigungen fand Br. Schmitt auch noch Zeit und Kraft, einen Fortbildungskurs in der Schweißtechnik zu besuchen.

Und wieder hieß es Abschied nehmen. Diesmal führte ihn der Weg nach Münster in unser Noviziat und Seniorenheim, wo er von 1985 bis 1991 als Handwerker tätig war. Gern unterhielt sich Br. Schmitt mit Mitarbeitern, Zivildienstleistenden und Mitbrüdern über religiöse und geistige Themen: überhaupt war er ein durch und durch religiöser und frommer Ordensmann.

Nach der Wiedervereinigung Berlins brauchte man einen technisch versierten Mitarbeiter im neuen Exerzitienhaus in Biesdorf. So hieß es wieder Abschied nehmen, Packen und nach Berlin fahren. Hier brach nach kurzer Zeit seine schwere Krankheit aus. Eines Tages fand man ihn bewußtlos im Garten. Die Ärzte waren ziemlich ratlos, man konnte nichts finden. Um leichter Zugang zu Fachärzten und Kliniken zu haben, zog Br. Schmitt ins Canisius-Kolleg, in dem er sich früher immer so wohl gefühlt hatte. Im Klinikum Steglitz entfernte man operativ einen Blutschwamm unter der Schädeldecke. Ein erneuter chirurgischer Eingriff wurde wegen eines Blutgerinnsels im Großhirn nötig. Schließlich stellte man einen Hirntumor fest, der schon inoperabel war. Auch Chemotherapie und Bestrahlungen halfen nicht. Im November 1992 wurden die Bestrahlungen abgesetzt, Br. Schmitt kam in die Krankenabteilung des Peter-Faber-Kollegs. Geduldig ertrug er sein Leid, das ihn immer mehr schwächte, bis der Herr ihn am Morgen des Himmelfahrtstages, am 20. Mai 1993, von seinem Leiden erlöste.

Br. Schmitt hatte bei all diesen Erfahrungen und Leiden stets einen festen Boden unter den Füßen, seinen Glauben. Bei allen Ängsten, die er durchmachte, bei allen Fragen, die er hatte, blieb er verwurzelt im Glauben an den Herrn, von dessen gütiger Hand er sich getragen wußte. Den Glauben eines Menschen kann man nie nachmachen. Für manchen wird die Unerschütterlichkeit, mit der Bernhard Schmitt geglaubt hat, nicht nachzuvollziehen sein. Mancher mag die Ausdrucksform auch belächelt haben. Was indes der Halt unseres eigenen Lebens ist, und was uns selbst Boden unter den Füßen ist, diese Frage gibt Br. Bernhard Schmitt jedem von uns mit auf den Weg. Möge er ruhen in Frieden.

R.i.p.

P. Claus Hoffmann SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 6/1993 - Dezember, S. 189ff