P. Georg Straßenberger SJ
13. März 1986 in Berlin

"Ich freue mich auf und über jeden Sonntag, der mich mit der Kirche draußen in Verbindung bringt. Und ich bin beinahe traurig, wenn wieder einmal ein Sonntag vorbeigeht unter dem Motto: 'Niemand hat mich gedungen . . .' Dazwischen gibt es Exerzitienkurse in Süd- und Westdeutschland, die nur durch die langen Verbindungswege mühsam erkauft werden müssen. Natürlich versäume ich nicht, wie der Riese Antäus in der griechischen Sage, durch Berührung mit dem (bayerischen I) Mutterboden meine Kräfte zu erhalten und zu erneuern. Aber jedesmal fahre ich wieder gerne 'heim' - eben nach Berlin."
Als P. Straßenberger diese Sätze für den 'Canisius' schrieb, war er 85 Jahre alt. Sie können als Zusammenfassung und Charakteristik seines Lebens gelten.

Geboren wurde er am 21. April 1898 in der Kgl. Haupt- und Residenzstadt München. Diese Ursprünge hat er nie verleugnet. Und obwohl er später einen österreichischen Pass besaß und zunächst in der Schweiz, dann zuletzt in Berlin wirkte, blieb er dem deutschen Süden in Urwüchsigkeit und Sprachgewalt verbunden. Nach dem Abitur am Münchner Luitpold-Gymnasium studierte er zuerst neun Semester für die Erzdiözese München-Freising. Am 14. September 1921 trat er in Feldkirch-Tisis in die Süddeutsche Provinz der Gesellschaft Jesu ein. Nach dem Philosophiestudium in Valkenburg machte er ein pädagogisches Praktikum von 1926 bis 1928 an der Stella Matutina in Feldkirch. Die Theologie absolvierte er in Innsbruck, wo er auch am 26. Juli 1929 zum Priester geweiht wurde. Drei Semester Musikstudium in Köln schlossen sich an. Die Lehrerlaufbahn schien endgültig vorgezeichnet, auch wenn er nebenher als Mitarbeiter bei den 'Stimmen der Zeit' und als Kirchenmusikreferent tätig war. Anfangs war es für ihn ein arger Schock, als ihm ein Vorgesetzter bedeutete, daß er für das Lehrerdasein wohl nicht so recht geschaffen sei, dann aber wurde dies für ihn der Weg zu seiner eigentlichen Begabung: Predigt- und Beratungstätigkeit, Priesterseelsorge, Exerzitien, Begleitung vieler, vor allem junger Mitbrüder. 34 Jahre verlebte er so in Vorarlberg, das er als seine 'Wahlheimat' bezeichnete. 17 Jahre hielt er dann von Luzern aus die Priester-Rekollektionen für die Diözese Basel.

P. Straßenberger war ein guter und leicht verständlicher Prediger, der kein Mikrofon brauchte, um einen Raum wie die Canisius-Kirche in Berlin zu füllen. Seine Gedanken waren klar und theologisch viel fundierter und tiefer, als sie beim ersten Hören schienen. Vielen, Gebildeten wie Einfachen, konnte er damit Weisung und Lebenshilfe geben. Gerne zelebrierte er den Freitagsgottesdienst in der Offenen Tür Berlin, wo er auch das anschließende Mittagessen sehr schätzte. Überhaupt, er wußte, daß der Herrgott die Welt gut eingerichtet hatte und daß die schönen Dinge auch für die Gotteskinder sind. Als Bayer liebte er das Bier, es durfte nur nicht zu kalt sein. Und wenn er sein Rauchopfer darbrachte - er war ein großer Raucher vor dem Herrn, der auch dicksten Zigarren den Garaus machte - dann mochte ihn mancher Mitbruder für allzu weltzugewandt halten. Er trug das mit großer Gelassenheit. Seine Weite und Ruhe waren es wohl, die gerade jüngeren Mitbrüdern Vertrauen einflößten und manches erleichterten. Er war ein Faß an Bildung und wußte sich auch in einer Kommunität, die mit Lexika allzu schnell zur Hand ist, jederzeit achtbar zu behaupten.

P. Provinzial Wehner hatte ihm des öfteren Exerzitienkurse in Berlin versprochen; nie wurde daraus etwas. 1962 nahm dann P. Bruno Schmidt die Sache in die Hand und lud P. Straßenberger ein. Dies war der Anfang regelmäßiger Sommeraushilfen in der Canisius-Pfarrei. Erstmals hatte er 1931 die Stadt besucht und dabei seine Liebe zu ihr entdeckt. "Alte Liebe rostet nicht", schrieb er selbst darüber. In den Jahren seit 1963 erwanderte er sich in Berlin Straße um Straße. Überall konnte man auf den starken Mann mit der Baskenmütze, den mächtigen Schuhen und der Umhängetasche stoßen. In jedem Sommer erschloß er sich einen anderen Bezirk. "Auch die Mauer bin ich entlang gegangen, nur ein kleines Stück, gegenüber von Köpenick, fehlt mir noch." Dieses Stück auch noch abzuwandern, war ihm nicht mehr vergönnt.
Berlin hatte es ihm überhaupt angetan. Von vielen Aushilfen kannte er fast jeden Friedhof und mit mancher Straße wußte er Anekdoten und Histörchen zu verbinden.

Da 'Strassi', wie ihn vor allem seine ehemaligen Junioren nannten, noch voll in die Valkenburger Zeit hineinragte, verlieren wir mit ihm auch einen der provinzübergreifenden Traditionsträger. Man kann fast sagen, daß der alte 'Straßenbär', wie ihn manche liebevoll-despektierlich bezeichneten, Urgestein war: ein Mensch, der weise war in Fragen des Geistlichen und Geistigen wie des Menschlichen und Allzumenschlichen. Aus dem Schatz seiner Erfahrung schrieb er bis in die letzten Wochen hinein Artikel und Beiträge, mit denen er Fragenden und Suchenden behilflich sein konnte. Für ihn galt das Wort des weisen Sirach: "Nicht allein für mich habe ich mich geplagt sondern für alle, die Weisheit suchen" (Sir 24,34).

In den letzten Wochen ließen seine Kräfte sichtlich nach. Der Schritt wurde noch schwerer, er war müde. Geistig blieb er aufgeschlossen für alles, er gab theologische Tips, las und studierte, seine Stimme verlor nichts von ihrer Stärke.
Am 12. März erschien er so geschwächt, daß es geboten war, ihn ins Franziskus-Krankenhaus zu bringen. Die Krankenträger mußten ihn die Treppe hinunter schleppen, geistig war er aber ungebrochen. Als er auf dem Einweisungsschein die Begründung 'Lebensgefahr' las, meinte er: "was heißt denn das?". Bei der Krankensalbung betete er laut und vernehmlich mit und fügte von sich aus das 'Ave Maria' an. Das Amen am Schluss der Feier klang wie das "Ich bin bereit" bei der Priesterweihe.
Am 13. März früh um 4.00 Uhr rief er die Nachtschwester wegen Atemnot. Er wollte ihr noch etwas sagen, konnte den Satz aber nicht beenden. Das Herz schaffte es nicht mehr.

Georg Straßenberger war mit Leib und Seele Priester und wollte es bis zum Schluß ganz sein. In den letzten Wochen spürte er an sich den Verfall der Kräfte und bat den Münchner Provinzial um einen Platz bei den alten Mitbrüdern des Berchmanskollegs. Der Herr kam dieser Versetzung mit Seinem Ruf voraus.

R.i.p.

P. Karl Heinz Fischer SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 2/1986 - März, S. 32f