Bruder Walter Tautz SJ
1. April 1988 in Berlin

Selbst für einen Mitbruder, mit dem man über Jahre zusammengelebt hat, einen Nachruf zu schreiben, fällt nicht immer leicht; es mag zum einen an der scheu-verschlossenen Art des Betreffenden liegen, es kann zum anderen seine Gründe in der Dürftigkeit verfügbarer Unterlagen haben, die kaum mehr als bloße Jahreszahlen und wechselnde Wirkungsstätten dokumentieren. Für Bruder Walter Tautz kommt eine weitere Erschwernis hinzu: Bei seinem Tod fand sich eine letzte Verfügung handgeschrieben mit dem Wunsch und der Bitte, sich jedweder Ansprache und Predigt zu enthalten. Darin spiegelt sich der uns bekannte Br. Walter Tautz: Still hat er in den Ordenshäusern gelebt und gewirkt; ebenso still ist er verstorben. Dieses Vermächtnis sei respektiert und diese Zeilen eben schrieben!

Walter Tautz wurde am 4. Dezember 1910 in Neurode geboren; sein Geburtsort liegt in Schlesien, genauerhin in der Grafschaft Glatz. Das Gütesiegel 'der Grafschafter' ist: Ein fleißiges, arbeitsames Gebirgsvolk, das dort untertags schürfte, Felder bis auf die Höhen seiner es umgebenden Berge anlegte, im Handwerk, besonders in der Holzverarbeitung, große Geschicklichkeit aufwies und die Kunst der Dichtung, der Musik, der Malerei und Bildhauerei besonders liebevoll pflegte, wofür so manche große Namen stehen. Und noch ein weiterer Wesenszug prägt die Glatzer Grafschafter, von denen es heißt, daß sie "ein altes und im Grunde ihres Herzens ein frommes, gläubiges Gebirgsvolk" sind. Und ob der vielfältigen sichtbaren Zeugnisse ihrer Volksfrömmigkeit wurde die Grafschaft zu Recht der 'Herrgottswinkel Schlesiens' genannt oder auch einfach 'Marienland'; denn die Wallfahrten zu den zahlreichen heimatlichen Marienheiligtümern waren im Volk so lebendig und beliebt, daß im Volksmund galt: "Ein Jahr ohne Wallfahrt ist ein verlorenes". So spricht vieles aus dem Grafschafter; doch muß man ihn persönlich erleben, denn nur so läßt sich die 'Seele der Grafschafter' aufspüren, die ihn menschlich so groß und religiös so tief macht.

In diesem 'Herrgottswinkel Schlesiens' wuchs Walter Tautz zusammen mit seinem Bruder Franz und seiner Schwester Grete auf. Die Eltern erzogen die Kinder in der dem Grafschafter selbstverständlichen Religiosität. Dazu kam, daß der Vater von Beruf Tischler war. Im Blick auf die hl. Familie nannte Bruder Tautz daher später sein Zuhause einfach sein Nazareth. Da sein Geburtsort Neurode nicht weit von Mittelsteine entfernt liegt, wohin Mitte 1926 das Noviziat der Ostdeutschen Provinz unter P. Constantin Kempf einzog, blieben Kontakte des heranwachsenden Walter mit den dortigen Jesuiten nicht aus. Kurzum, er fühlte sich von dieser Gemeinschaft angezogen. Doch sein Vater gab ihm erst seine Zustimmung zum Eintritt ins Noviziat, als er ein Handwerk erlernt und dieses mit einer ordentlichen Gesellenprüfung als Schneider abgeschlossen hatte. Dieses Handwerk sollte dann Br. Tautz auch im Orden bis zu seinem Tod ausüben - allerdings ohne die Erfüllung seiner Sehnsucht nach selbständiger Leitung einer Werkstatt mit anzulernenden jüngeren Mitbrüdern und Lehrlingen. Daß ihm das versagt blieb, dazu trugen die Kriegsjahre (1939 bis 1945) bei, wie auch die Entwicklung in den Nachkriegsjahren, der sich auch die Ordensgemeinschaften nicht entziehen konnten.

Leben und Wirken von Br. Walter Tautz vollziehen sich so in den Häusern von Mittelsteine (1930-34 und 1937-40), von Oppeln (1934-37 und 1944 bis August 1945) und Breslau (1940-42); von Berlin: in Charlottenburg (1943-44 und später von 1957 bis 1988), in Biesdorf (1945-46) und in Dahlem (1946-1957). Seine etwas scheu-verschlossene, doch stille und angenehme Art ließ ihn neben der Schneiderei auch in den häuslichen Bereichen von Sakristei, Pforte und der Mundiz zum Einsatz kommen. All diese Aufgabenbereiche versah Br. Tautz in freundlicher Zuverlässigkeit, in gewissenhafter Treue und mit Fleiß. Diese Tugenden lebte er auch später, als seine Kräfte schwächer wurden und er in seinen letzten Lebensjahren das Refektor des Berliner Ignatiushauses besorgte.

Es gab aber auch schmerzliche Erlebnisse und Stunden im Leben von Br. Tautz. 1942 war er kriegsbedingt zur Wehrmacht eingezogen worden. Diese Welt war rauh und ihm fremd; zum Glück dauerte sie für ihn nur 9 Monate zufolge der erklärten 'Wehruntüchtigkeit' der Jesuiten. Weitere Schreckensnächte stand Br. Tautz zusammen mit seinen Berliner Mitbrüdern im Kriegsjahr 1943 durch. Im März vermehrten sich die schweren Luftangriffe auf Berlin, steigerten sich in ihrer Schwere für Charlottenburg im November und forderten am 16. Dezember ihre ersten Opfer: Br. Fantin wurde beim Feuerlöschen von Brandbomben buchstäblich von einer Luftmine zerrissen, Br. Muschiol wurde schwer und P. Karl Wehner nur leicht verwundet.

Das letzte Kriegsjahr (1944/45) war für Br. Tautz und seine Mitbrüder in Oppeln noch einigermaßen erträglich. Doch dann kam die Besetzung nach kampflosem Einmarsch der Russen am 23. Januar 1945. Hausdurchsuchungen, Plünderungen, Verhöre, Bedrohungen, wie auch persönliche und miterlebte Erniedrigungen und Ängste, besonders als Vertriebener unterwegs nach der Ausweisung am 8. August 1945, haben ihn wie alle anderen Betroffenen zutiefst verletzt und geschmerzt; der Verlust der schlesischen Heimat aber blieb ihm eine stete Wunde.

Br. Walter Tautz war nicht der Mann großer Stunden: Festlichkeiten pflegte er willig mitvorzubereiten, zog sich aber dann zurück. Gern sah er es, wenn er in seinem großen Zimmer (Wohnraum und Schneiderwerkstatt zugleich) im 5. Stock des Ignatiushauses besucht wurde. Im vertrauten Gespräch konnte er, der sonst so verschlossen wirkte, recht mitteilsam werden und sich an kleinen mitgebrachten Aufmerksamkeiten sichtlich erfreuen. Auch wenn er in letzter Zeit kaum noch das Haus verließ und sich mit dem weiten Stadtrundblick von seinem Zimmer aus begnügte, las er gern die tägliche Zeitung und genoß die abendliche Fernsehstunde. So bewahrte er sich auf seine Weise den Kontakt mit der Außenwelt, ohne aber darüber seine häuslichen Aufgaben zu vernachlässigen, denen er regelmäßig und pünktlich nachkam. Die ganze Liebenswürdigkeit des Grafschafters war auch dann spürbar, als die Kräfte von Br. Tautz nachließen und er sich vornehmlich dem Refektor widmete, womit er zur 'Seele' des Hauses wurde. Gewissenhaft wie er die häuslichen Alltagsdinge erledigte, verrichtete er auch seine geistlichen Übungen. In der morgendlichen Hausmesse hatte er seinen festen Platz; auf seinem Arbeitstisch lag der Rosenkrank stets griffbereit, und dankbar nahm er leichtere geistliche Lektüre entgegen.

Br. Walter Tautz spürte oft sein schwaches Herz; er trug dies in Gelassenheit und Zuversicht auf das Kommende. Nach der Abendmahlsfeier des Gründonnerstag im kleinen häuslichen Kreis verweilte er auffällig lange in der Danksagung. Nur unter Aufbietung letzter Kräfte besorgte er noch am Karfreitagmorgen den Frühstückstisch für die Gemeinschaft, ließ sich aber dann gleich auf sein Zimmer führen. Der herbeigerufene Arzt versuchte noch, seinem schwachen Herzen zu helfen, doch im Beisein von P. Georg Hoffmann gab Br. Tautz lautlos sein Leben seinem Schöpfer und Herrn zurück, um die Oster-Herrlichkeit zu empfangen.

R.i.p.

P. Manfred Richter SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 6/1989 - Dezember, S. 149f