P. Richard Wagner SJ
* 15. April 1909   † 03. November 2005
Eintritt 1930 - Priesterweihe 1940 - Letzte Gelübde 1949

Mit Liebenswürdigkeit und Herzlichkeit öffnete P. Richard Wagner viele Herzen und Seelen. Er war den Menschen zugetan und viele, die ihn kannten, können den Verstorbenen nie vergessen. Vor allem vielen Berlinern und amerikanischen Militärangehörigen samt ihren Familien war er ein treuer seelsorglicher Begleiter. In dieser Stadt hat er eigentlich sein Leben verbracht.

Selbst in Berlin geboren, erlebte er die wechselvolle Geschichte mit. Am 5. April 1909 kam er in Berlin-Kreuzberg zur Welt. In der Bonifatiuskirche wurde er katholisch getauft. Obwohl seine Eltern anfänglich nicht so aktiv am kirchlichen Leben teilnahmen, geriet P. Richard Wagner unter den Einfluss des katholischen Schülerbundes Neudeutschland (ND). Sein Vater war katholisch, hielt sich aber der Kirche fern. Seine Mutter war evangelisch. Die Eltern lebten zunächst nur in einer standesamtlichen Ehe, die aber später von der katholischen Kirche saniert wurde. Durch die Patres der Gesellschaft Jesu, vor allem durch P. Paul Sträter, wurde Richard zu einem lebendigen katholischen Glauben geführt, wie er selbst schrieb. So wurde in ihm der Entschluss wach, in die Gesellschaft Jesu einzutreten. Dieser Schritt hat auf die Mutter solchen Eindruck gemacht, dass sie sich entschloss, zum katholischen Glauben überzutreten. Die Bedeutung seines Eintritts in das Noviziat zu Mittelsteine in Schlesien am 29. April 1930 bewirkte eine religiöse Bekehrung von Richards Eltern, was ihm sicher Auftrieb für seine Berufung gegeben hatte.

Als sein Vater ihn im Noviziat zu Mittelsteine besuchte, wurde auch in ihm der Glaube zu neuem Leben erweckt. Er ging zur Hl. Kommunion, was Richard erstmalig an seinem Vater erlebte. Noch einmal erfuhr P. Wagner einen solchen Höhepunkt, als seine Eltern die Goldene Hochzeit feierten. P. Richard Wagner, inzwischen Priester geworden, konnte zu diesem Anlass den Eltern seinen priesterlichen Segen spenden. Seine Eltern konnten noch lange Zeit den Werdegang ihres Sohnes verfolgen, denn der Vater starb mit 89 Jahren und die Mutter mit 91 Jahren.

Nach den zwei Jahren Noviziat, ab dem Jahr 1932, studierte Richard dann Philosophie im Studienhaus des Ordens zu Valkenburg. Danach machte er das Interstiz im Internat des Kurfürst-Franz-Ludwig-Gymnasiums in Breslau bis 1937. Er folgte dem üblichen Ausbildungsgang und studierte Theologie an der Hochschule Sankt Georgen zu Frankfurt am Main.

Am 17. März 1940 wurde er von Kardinal von Preysing in der St. Clemens Kirche in Berlin zum Priester geweiht. Inzwischen hatte am 1. September 1939 der 2. Weltkrieg begonnen. Schon 1940 wurde P. Richard Wagner zur Wehrmacht einberufen. Im Feldzug gegen Frankreich war er an den Kämpfen um Calais beteiligt.

Auf Grund eines „Führer-Erlasses“ wurde er wie damals die meisten Jesuiten-Soldaten als „n. z. v.“ aus dem aktiven Wehrdienst entlassen. So konnte er im Jahre 1942 endlich seine geistliche Tätigkeit beginnen. Er wurde Kaplan in der Pfarrei St. Eduard in Berlin-Neukölln. Dr. Kurt Samuel, der damals zu einer Jugendgruppe dieser Pfarrei gehörte, konnte uns folgendes über die Kaplanszeit von P. Wagner berichten: „Da die eigentlichen kirchlichen Jugendverbände damals verboten worden waren, organisierte P. Wagner in Ergänzung zum Religionsunterricht eine straffe Jugendarbeit, die als Glaubensstunde deklariert wurde. Die Abende wurden mit Liedern und Schriften des Bundes Neudeutschland gestaltet. Ebenso straff führte P. Wagner die Ministrantengruppe, wobei er auf die strenge Beobachtung der liturgischen Vorschriften achtete. P. Wagner legte großen Wert auf Haltung: Als Berliner mangelte es ihm nicht an Humor, aber wo es um den Glauben ging, verstand P. Wagner keinen Spaß. Ein Junge, der statt ‚dreieiniger‘ ‚dreibeiniger Gott‘ sagte, fing sich eine Schelle ein. P. Wagner begegnete den Jugendlichen mit liebevoller Strenge. Da er sich sehr für sie einsetzte, „vergötterten“ ihn Jungen und Mädchen.“
Während der regelmäßigen Bombenangriffe entstanden am Kirchgebäude nur geringe Schäden.

In den letzten Kriegstagen gelang es P. Wagner, die deutschen Militärs davon abzuhalten, auf dem Kirchturm einen Artilleriebeobachtungsposten einzurichten. Entsprechend den Vereinbarungen von Jalta kam Neukölln zum amerikanischen Sektor. Als bekannt wurde, die ersten amerikanischen Truppen würden in Berlin landen, zog P. Wagner mit den Jungen los, nach ihnen Ausschau zu halten und sie zu begrüßen. Bald erhielt er von den Amerikanern für das St.-Josefs-Heim in der Delbrückstraße Lebensmittel.

Eine weitere theologische Ausbildung bekam er im Berchmanskolleg in Pullach. Dort legte er 1947 das theologische Schlussexamen ab. Es folgte noch das für Jesuiten obligatorische „Dritte Probejahr“ (Tertiat) unter der Leitung von P. Karl Wehner zu Münster / Westf. Am 2. Februar 1949 konnte er die Letzten Gelübde ablegen. Nun begann er in seiner geliebten Stadt Berlin seine langjährige Tätigkeit. Zunächst wurde er Ökonom im Provinzialat der Ostdeutschen Provinz SJ in der Messelstraße in Berlin-Dahlem. Aber nicht die reine Verwaltungsarbeit war seine Beschäftigung, die er gewünscht hatte, sondern die Jugendseelsorge. Hauptsächlich lagen ihm die Gruppen des Bundes Neudeutschland (ND) am Herzen.

Nachdem 1957 das neue Ignatiushaus (Neue Kantstraße 1) in Berlin-Charlottenburg bezugsfertig geworden war, zog er dort ein. Dieses Haus blieb sein Wohnsitz bis 1999. Aber nicht nur seine Arbeit im Provinzialat suchte er zu erfüllen. Auf Grund seiner Kenntnisse der englischen Sprache konnte er die Seelsorge für die in Berlin stationierten US-Soldaten als Military-Chaplain übernehmen.

Er gewann bald das Vertrauen und die Sympathie der katholischen US-Soldaten und ihrer Familienangehörigen. So konnte er diese Tätigkeit 40 Jahre lang ausüben. Bemerkenswert erscheint, dass P. Wagner nie in die Vereinigten Staaten gereist ist, obwohl er doch mit so vielen Amerikanern in Verbindung geblieben ist. Es fragt sich, ob P. Wagner nie von der Armee zu einem Besuch eingeladen wurde, oder ob er nicht hat reisen wollen. Seine Ferien verbrachte er immer einmal im Jahr auf einer der Nordseeinseln. Für seine langjährige Tätigkeit als Seelsorger für die US-Armee erhielt P. Wagner eine hohe Auszeichnung.

In seinen letzten Jahren fuhr P. Wagner vom Ignatiushaus und später noch von Kladow aus mit der BVG durch die Stadt. Dabei sprach er unterwegs Leute an. Er erzählte mit Freude von den Begegnungen mit fremden Menschen in der U-Bahn oder auf der Straße.

1999 zog er in das ordenseigene Altenheim Peter-Faber-Kolleg in Berlin-Kladow ein. In diesem Haus fand er endlich seine wohlverdiente Ruhe. Während der 40 Jahre als US-Military-Chaplain konnte er mehr als 300 kirchlichen Trauungen von US-Militärangehörigen assistieren. Noch in den Jahren in Berlin-Kladow hatte er eine rege Korrespondenz mit ehemaligen amerikanischen Soldaten und deren Familienangehörigen. In der Kommunität des Peter-Faber-Kollegs war er ein gern gesehener und beliebter Mitbruder.

Im hohen Alter von 96 Jahren hat ihn der Herr am 3. November 2005 aus diesem Erdendasein in seine Herrlichkeit heimgerufen.

Wenige Tage vorher, am 28. Oktober, war P. Otto Ogiermann verstorben. Für beide Patres wurde am 9. November 2005 in der Friedhofskapelle des Domfriedhofs „St. Hedwig“ in Berlin-Reinickendorf das Requiem gefeiert. Anschließend wurden beide Patres auf diesem Friedhof beigesetzt.

R.i.p.

P. Josef Kirtzel SJ / P. Christian Geisler SJ

Jesuiten-Nachrufe 2007, S. 42f