P. Karl Wehner SJ
1. August 1979 in Berlin

"Er war ein kleiner Mann und doch einer der größten dieser Provinz", so kommentierte ein jüngerer Mitbruder die Nachricht von P. Karl Wehners Tod. Am Tage nach Ignatius starb er um 22 Uhr im Franziskuskrankenhaus Berlin an akutem Herz-Kreislaufversagen. Lange vorher hatten ihn ein Herzmuskelschaden, ein Prostataadenom und ein Wirbelsäulensyndrom geschwächt und auch zum Krankenhausaufenthalt geführt. Und er selbst hatte sich friedvoll-einverständlich auf diesen letzten Weg vorbereitet. So wurde er vollendet, "starb in gesegnetem Alter, betagt und lebenssatt und ward zu seinem Geschlecht versammelt" (Gen. 25,8). Inmitten von 6o Mitbrüdern, darunter seine Vorgänger und Nachfolger, die PP. Bley, Hapig, Boegner und Mianecki, sowie die PP. Richard u. Kipp, denen die Last anderer Provinzgebiete auferlegt und anvertraut gewesen war, wurde er am 14. August beerdigt. Trotz der Ferienzeit versammelte sich eine große Zahl von Mitbrüdern, Ordensfrauen, Weltpriestern und. Leuten, die ihm irgendwann begegnet waren und die ihm nun dankbar das letzte Geleit geben wollten.

Manche nannten den von Statur kleinen Pater "Karl den Großen", andere bezeichneten ihn liebevoll als "Karlchen Wehner". Wohl alle achteten und schätzten diesen kleinen Mann, der sein Leben lang in der Verantwortung gestanden hatte. Doch nicht so sehr der Obere prägt die Erinnerung, vielmehr der Priester und Seelsorger. Eine besinnliche Heiterkeit strahlte von ihm aus, und ein Humor, der nichts gemein hatte mit Witzigkeit oder lärmender Aufdringlichkeit. Er durchschaute die Dinge und nannte sie beim Namen, treffend - doch ohne viele Worte, eindeutig - doch ohne zu verletzen. Daß er schwer trug unter der Last der Aufgaben, daß ihm die Grenzen und Zwänge der vielen Ämter nicht nur klar waren, sondern nicht selten schmerzlich bedrückten und hemmten, wissen die Mitbrüder, die ihn näher kannten.

Zweimal, als die Provinzialszeiten endlich abgelaufen waren, hätte er sich lieber zurückgezogen, um keine Mitbrüder mehr zu sehen, zweimal traf ihn der Ruf: "du hast noch einen weiten Weg vor dir!" Das erste Mal waren es die letzten Kriegsjahre im Inferno Berlin, das zweite Mal die Mitverantwortung beim Neuaufbau im Westen, in Afrika und in Mitteldeutschland. Wie wenige hatte er die junge Ostprovinz gekannt, die mit großem Mut ausgriff nach Litauen und weiter in den Osten - sein Vorgänger, P. Bernhard Bley, hatte ja strategisch gedacht in großen Brücken, die von Ostpreußen über Litauen bis Japan reichten. Und er war maßgebend beim Aufbau der "neuen" Ostprovinz, jenem schwerpunktsmäßig um 200 km nach Westen verschobenen Gebiet, das aus Trümmern und Restbeständen, aus Vernichtung und Zerstreuung wieder zu entstehen versuchte. Bei diesem Neuaufbau fand er nicht nur Verständnis bei den Nachbarn, und nicht immer die nötige brüderliche Bereitschaft mitzumachen, gemeinsam zu gehen, miteinander durchzuhalten.

Gleichsam im Schatten der Wasserkuppe, in dem Rhönort Poppenhausen, damals noch Kreis Hildburghausen, kam er am 8. März 1893 als achtes Kind des Kaufmanns Josef Wehner und seiner Ehefrau Adelheid geb. Zängerle zur Welt. Kennzeichnend war und ist für die Familie die große Gastfreundschaft und Herzlichkeit, die viele Jesuiten erfahren durften, um materiell und seelisch gestärkt ihre Wege weiterzuziehen. Das humanistische Gymnasium besuchte Karl Wehner in der Bischofsstadt Fulda.
Nach dem Abitur folgte er seinem um zwei Jahre älteren Bruder Richard und trat am Fest Kreuzerhöhung 1912. in 's-Heerenberg in den Orden ein. Sein Novizenmeister war P. Johann Baptist Müller, das Amt des Sozius versah P. Bernhard Bley. Von 1914 bis 15 finden wir P. Wehner im 1. Jahr der Philosophie in Valkenburg. Dann erzwang der Krieg eine Unterbrechung. Von 1916-18 führt ihn der Katalog im 2. Jahr der Philosophie auf, allerdings mit dem Vermerk 'zur Zeit im Kriegsdienst'.
Von 1918-20 absolvierte er das 2. und 3. Jahr der Philosophie; eine Amtsperiode oblagen ihm die Pflichten des Subbidells. Trotz der im Krankendienst verbrachten 3 Kriegsjahre wurde er von 1920-22 als Präfekt an das Collegium inchoatum in Godesberg geschickt. Das Theologiestudium führte ihn wiederum nach Valkenburg. Im 3. Jahr versieht er lt. Katalog das Amt des Theologenbidells. Am 27. August 1925 ist er einer der 24, die durch Bischof L. Schrijnen von Roermond zum Priester geweiht werden. Das nach Sitte der Väter sich sofort an die Theologie anschließende Terziat macht er in Exaten bei P. Walter Sierp. Und auch hier schob man ihn auf die Obernbahn; wieder ist er Bidell.

Ab Juli 1927 beginnt seine Seelsorgstätigkeit, ein Priesterleben, das bis zu seinem letzten Auftrag im August 1971 nicht weniger als 19 Versetzungen aufweist. Am 2.Februar 1928 darf er in die Hände von P. Superior Gansen in Düsseldorf die Coadjutorengelübde ablegen. Seiner Neigung entsprechend wirkt er zuerst als Lehrerseelsorger in Düsseldorf, dann als Präses der Kaufleute-MC in Köln, schließlich als Socius des Novizenmeisters in Mittelsteine.

Seit Mittelsteine wird der Osten gleichsam sein Schicksal. 1931 ist er für kurze Zeit in Breslau. Ab April desselben Jahres leitet er die Residenz Königsberg. Nicht erst da entdeckten die in der Leitung des Ordens Verantwortlichen die kluge und gesunde Art, mit der P. Wehner auf Menschen einzugehen und sie zu leiten wußte. Königsberg, Heiligelinde, die masurischen Seen, noch viele Jahre später denkt er wehmütig an diese Arbeit und diese Stätten zurück. Er ist Studenten- und Akademikerseelsorger, Präses im KKV, in einigen größeren Städten hält er Priesterrekollektionen.

In diese erfüllende Tätigkeit hinein trifft ihn die Ernennung zum Nachfolger von P. Bernhard Bley. Am 29. September 1935 legt er die Profeßgelübde ab, am selben Tag übernimmt er die Leitung der jungen Ostprovinz. Sie umfaßte zwei Fünftel des damaligen deutschen Reiches. Außer dem Ermland, Oberschlesien und einigen Teilen Mittelschlesiens war das Gebiet starke Diaspora. Trotz der geringen Anzahl von Katholiken war indes der Nachwuchs zahlreicher als in den beiden anderen deutschen Provinzen. Vor allem als das Noviziat in Mittelsteine eröffnet und bekannt geworden war, nahm die Zahl der Novizen sehr bald zu, ein bis 1939 kontinuierlicher Aufstieg. Ende März 1936, nach der endgültigen Abtrennung der Litauischen Provinz, zählte die Ostprovinz 308 Mitglieder (Patres 111 - Scholastiker 131 - Brüder 66). Der Höchststand war 1939 erreicht (Patres 135 - Scholastiker 124 - Brüder 61).

Die erste Amtszeit von P. Karl Wehner (28. September 1935 Viceprovinzial, 1. März 1936 bis 24. Mai 1942 Provinzial) ist trotz der bis 1939 günstigen Entwicklung weithin bestimmt durch die Schwierigkeiten und Behinderungen, welche die Nazizeit und der Krieg mit sich brachten. Große Sorgen und manche schlaflose Nachtstunde verursachten ihm die Schließung und Beschlagnahme mancher Häuser, die zahlreichen Einberufungen zur Wehrmacht und die 1941 einsetzenden Entlassungen. Die Tatsache freilich, daß die Jesuiten zusammen mit Angehörigen ehemals regierender Häuser, mit Juden und Kriminellen als wehrunwürdig erklärt und entlassen wurden, hinderte nicht, daß die Wehrbezirksämter gleichzeitig andere neu einzogen. Die Namen der Wehrmachtsseelsorger waren über das Feldbischofsamt ermittelt worden, die Namen der Soldaten verschaffte sich die Gestapo, indem sie die Liste der Wehrmachtsangehörigen im Provinzialat beschlagnahmte. Wer nicht darauf stand oder wessen Anschrift sich geändert hatte, entging der Entlassung. Hier gab es dauernd Unsicherheiten und Sorgen um die Einzelnen.

Noch eine andere Last hatte P. Wehner mit seinem Amt übernommen. Von Anfang an drückte die Provinz und einzelne Häuser eine große Schuldenlast, die erst in den Kriegsjahren merklich abgetragen werden konnte. Mit dieser geldlichen Not hing es zusammen, daß verschiedene Häuser, vor allem das Canisius-Kolleg, in sehr bescheidenen Räumen untergebracht werden mußten und nicht weiter ausgebaut werden konnten. Was an Geldern einkam und erbettelt wurde, mußte ja fast ausschließlich für die Ausbildung der vielen Scholastiker verwandt werden.

Nach der Ablösung blieb P. Wehner noch bis Februar 1943 in Berlin, wo er vielen durch seine reiche Erfahrung nützlich sein konnte. Dann versah er ein halbes Jahr die Klinikseelsorge in Breslau, um bereits im September 1943 als Vicerektor nach Berlin-Charlottenburg zurückzukehren. Die bis dahin furchtbarsten Bombenangriffe setzten kurz darauf ein. Es waren die Nächte vom 22. 27. November 1943. Bei einem dieser Angriffe entstanden zwei Zimmerbrände über der Kapelle, die noch während des Angriffs gelöscht werden konnten. Auf das Dach der Kapelle stürzten 5 Brandbomben, die sofort zündeten, auf den ehemaligen Schulhof etwa 40.
Da durch jene Angriffe allein in Charlottenburg 80.000 obdachlos und ausgebomt waren, beschlagnahmte man die Kapelle als Notquartier für die Nacht. Der Gottesdienst wurde dadurch wenig gestört, aber das für die Nacht aufgestapelte Stroh bedeutete eine große Gefahr. Der nächste Angriff traf St. Canisius am 16. Dezember. Zunächst fielen nur einige Brandbomben auf den mit Möbelwagen vollgestellten Schulhof. P. Wehner und die Brüder Fantin und Muschiol versuchten, auf dem Hof zu löschen, da der Brand die Kapelle und die Gebäude gefährdete. Dann liefen P. Rektor und Br. Muschiol zum Kapelleneingang, um auch dort nach Brandbomben zu sehen. Br. Fantin blieb noch auf dem Hof.
Obgleich der Angriff beendet zu sein schien und die Bomber schon zurückflogen, ging plötzlich mitten auf den Hof eine Luftmine von 4 oder 5 Tonnen nieder. Br. Fantin wurde vollständig zerrissen, P. Wehner am Kopf leicht verletzt; sein Stahlhelm erhielt ein großes Loch, minderte aber wesentlich die Wucht. des Schlages. Br. Muschiol traf ein Splitter am Oberschenkel und verletzte ihn so schwer, daß das Bein, abgenommen werden mußte. Der Luftdruck der Mine riß die Kapellenwand auf der Schulhofseite auf, so daß diese Seite einstürzte. Das Wohnhaus wurde übel mitgenommen, die Wände eingedrückt, Türen und Fensterrahmen herausgeschleudert. Schließlich brach in der Turnhalle und in den darüber liegenden Räumen ein Feuer aus, das diesen Teil des Kirchen- und Schulgebäudes zerstörte.

Im November 1944 übernahm P. Wehner die Seelsorge im Gertraudenkrankenhaus Berlin. Dort wirkte er bis 1947. Es waren dies die schrecklichsten Wochen des Endkampfes um Berlin mit den Plünderungen, Vergewaltigungen und Morden, die langen Jahre der zahllosen Flüchtlinge, die Zeit, wo täglich ein Strom von Hilfesuchenden, Versprengten und Verzweifelten sich durch Berlin wälzte, um am selben Tag noch einer neuen Welle von Schmerz und Angst Platz zu machen. In dem unter Bombenhagel liegenden, von den Russen eroberten und dann als Trümmerstadt dahinsiechenden Berlin jener Jahre wirkte er als Seelsorger, tröstete die Kranken und Ausgebombten, ermutigte die Laien, Ordensschwestern und Priester. In diesen Tagen mußte er aber auch selbst erleben und mitansehen, wie seine Provinz zerschlagen und zersprengt wurde. Total zerstört waren die Häuser in Berlin-Charlottenburg, Dresden und Königsberg. Schwerbeschädigt wurden St. Clemens/Berlin, Breslau, Hoheneichen und Troppau. Leichter mitgenommen waren die Häuser Berlin-Biesdorf, das Internat Breslau und das Exerzitienhaus Zobten. Der Provinz verloren gingen schließlich die Häuser Breslau/Gabitzstraße, Breslau/Internat, Beuthen, Heiligelinde, Mittelsteine, Oppeln, Troppau und Zobten.

Von 1947-54 wird er nach Münster gerufen. Die Leitung des Terziats wird ihm anvertraut. Den aus dem Krieg heimgekehrten, nicht selten desillusionierten, des Ordo solitus entwöhnten Mitbrüdern, die oft nur auf Raten ihr Studium hatten machen können, sucht er Deutung, Orientierung und Wegweisung zu vermitteln. Viele Mitbrüder in aller Welt erinnern sich dankbar dieser äußerlich harten, aber innerlich reichen Zeit.
So schreibt einer: "Ich habe ihn als Mensch und Instruktor des ersten Terziats in Münster sehr geschätzt. Seine Sorge um die Zukunft der Gesellschaft hat ihn zusätzlich belastet". Und ein anderer: "'Heimgang' sagte ich, und ich bin auch überzeugt, daß kein besseres Wort für dieses Ereignis zu finden sein dürfte. Seine menschliche und echt christliche Güte dürfte reibungslos in die Liebe des Vaters eingemündet sein". Die sieben Jahre in der Leitung des Terziats waren für P. Wehner eine reiche Zeit, an die er sich gern und dankbar zurückerinnerte.

Nochmals berief ihn der Orden ins Provinzialat. Vom 25. März 1954 bis zum 19. März 1960 versah er diesen Dienst. Es war eine Phase des Aufschwungs, der Umstrukturierung und Schwerpunktbildung. Berlin wird ausgebaut, die Regio Germaniae Mediae im Blick auf die sich bedrohlich andeutende Zukunft gefestigt, im Westen der Provinz ein "Hinterland" erschlossen, für die Weltmission in Afrika ein eigenes Gebiet übernommen.

In Berlin wird 1955 die St. Canisiuskirche konsekriert. Am 5. April 1955 kann das Grundstück Neue Kantstraße 1 käuflich erworben werden. Bischof Julius Döpfner selbst weiht am 7. Mai 1957 das Ignatiushaus ein. P. Karl Wehner, der 1943/44 als Oberer die Zerstörung des Charlottenburger Hauses miterlebt und -erlitten hatte, konnte nun als Provinzial die Einweihung des neuen Hauses feiern. 1959 werden Haus und Grundstück in Berlin-Kladow gekauft, zum Noviziat bestimmt und entsprechend ausgebaut.

In der Regio Germaniae Mediae übernimmt der Orden im Dezember 1954 die Kuratie Rostock-Reutershagen. Ein Jahr später wird in Zwickau begonnen. Am 15. September 1958 öffnet in Erfurt das für die Regio bestimmte Noviziat. Schritte, die der Mauerbau 1961 als richtig erweist!

Im Westen wird am 1. Februar 1955 ein neuer Schwerpunkt in Gießen übernommen, der im April 1957 zur vollen Residenz erhoben wird. Die St. Albertus7Pfarrei wächst unverhältnismäßig schnell zu einer Gemeinde mit über 6000 Leuten. Etwa gleichzeitig werden erste Ansätze in Richtung eines Hauses in Marburg gemacht.

Im Jahre 1957 erlaubte Pater General, daß die Provinz wieder Missionare an den Sambesi schicken dürfte. 1958 bereits reiste P. Wehner selbst nach Rhodesien, um vor Ort die Möglichkeiten und Bedingungen für ein eigenes Missionsgebiet zu erkunden. Durch Dekret wird die Sinoiamission am 31. Juli 1959 errichtet. Am 8. September wird es publiziert und erhält damit Rechtskraft. Noch in der Amtszeit P. Wehners wird eine große Gruppe vor allem junger Mitbrüder für dieses neue Gebiet destiniert.

Diese Erfolge und zukunftsverheißenden Schritte werden gegengewichtet durch schwere Schläge, die auch im zweiten Provinzialat nicht ausbleiben. Ende 1956 verlassen die letzten deutschen Jesuiten Schlesien, der Verlust des Arbeitsfeldes bleibt damit endgültig. Verloren ist Königsberg und der von P. Wehner so sehr geliebte Wallfahrtsort Heiligelinde, verloren sind Breslau und die anderen schlesischen Häuser. Am 22. bzw. 23. Juli 1958 werden in Berlin-Biesdorf die Patres Rueter, Frater, Menzel und Müldner verhaftet. Zunächst herrscht Unsicherheit über ihr Schicksal. Die Verhandlung findet erst im Dezember desselben Jahres in Frankfurt/Oder statt. Die Hauptanklagepunkte lauten: "Abwerbung, Spionage und staatsgefährdende Hetze". Alle vier werden verurteilt: P. Frater erhält eine Gesamtstrafe von 4 Jahren und 4 Monaten Zuchthaus; P. Menzel 3 Jahre und 4 Monate; P. Rueter 1 Jahr 5 Monate und P. Müldner 1 Jahr 3 Monate mit zweijähriger Bewährungsfrist.

Es war ein Aufatmen für P. Wehner, als er die Amtsgeschäfte in die Hände von P. Paul Mianecki legen durfte. Doch wieder wurde er gefordert: "du hast noch einen weiten Weg vor dir". Auch in der Spätphase - er war inzwischen immerhin 67 Jahre - blieb P. Wehner Seelsorger: in Gießen, wo er von Juli 1960 bis Februar 1965 Superior war, in Marburg, in Darmstadt und vor allem dann bis zuletzt in Berlin. Von August 1965 bis August 1969 leitete er als Rektor das Peter-Faber-Kolleg in Berlin. Immer wieder bittet man in diesen letzten 20 Jahren um seine Dienste. Er wird zum geistlichen Assistenten der Vereinigung Höherer Ordensoberinnen Deutschlands bestimmt. P. Provinzial Mianecki holt sich sein Urteil und seinen Rat ein. Der sehr ausführliche Briefwechsel zwischen Vorgänger und Nachfolger zeigt den scharfen Beobachter, der mit beiden Füßen auf dieser Erde steht, der um die Schwäche und Anfälligkeit der Mitbrüder weiß, aber auch den gütigen, tragenden und ertragenden Mitbruder, der ermutigt, mitdenkend und mitbetet.

Als Rektor des Noviziatshauses wird ihm manches doch arg beschwerlich. Der Umbruch der Jahre um 1965, die sich häufenden Austritte, der ausbleibende Nachwuchs zehren an ihn. Aber er resigniert nicht und verbittert nicht. Er hat mit diesen Erfahrungen gerungen. Daß hier einer war, der sein Leben immer neu meisterte, spürte man, wenn man ihn sah, wie er täglich im Garten arbeitete, wie er liebevoll die Rosen pflegte, wie er stets einige Minuten übrig hatte und ein kurzes Wort, das durch ein Lächeln in ein überraschendes Licht gerückt wurde. Bis ins hohe Alter wurde ihm die Gabe bewahrt, wichtige Erfahrungen und theologische Zusammenhänge aus einem komplizierten Vokabular herauszuheben, das Wichtige mit geistlichem Spürsinn einfach zu formulieren und in faßbaren Sätzen so zu wandeln, daß der Partner verstand Und mitgehen konnte. P. Franz Hillig konnte in diesem Sinne auf ihn in der Traueransprache ein altes Wort anwenden: "Erat mire cogitativus" - er war von erstaunlicher Besinnlichkeit und gründlichem Nachdenken.

Als sich die Nachricht von seinem Tod herumsprach, da trauerte eigentlich niemand. Viele Mitbrüder bestätigten, daß sie sich freuen, denn es sei nicht Ende sondern Übergang spürbar geworden. Die Todesanzeige faßt dies in die Worte: "Am 1. August 1979 hat Christus der Herr P. Karl Wehner in seine Herrlichkeit gerufen. Sein priesterliches Leben war ganz vom Geist des Evangeliums und der ignatianischen Exerzitien durchdrungen. Das hat ihn in hervorragender Weise zur religiösen Führung von Menschen, besonders von Priestern und Ordensangehörigen, befähigt."

Unsere Dankbarkeit wird getragen von dem Glauben an "die Verheißung des gegenwärtigen und zukünftigen Lebens" (1 Tim. 4,8).

R.i.p.

P. Karl Heinz Fischer SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 5/1979 - Oktober, S. 89-93