P. Hans-Joachim Winkler SJ
27. November 1988 in Berlin

Erster Advent 1988, mit den Brüdern feiert Pater Winkler die Sonntagsmesse: "Ad te levavi animam meam, Deus meus, in te confido - Zu dir erhebe ich meine Seele, mein Gott auf dich vertraue ich". Dann frühstückt er ausführlich und gemütlich wie immer, um 10.30 Uhr schaut er sich mit Bruder Metzler im Fernsehen 'Der gelbe Fluß' an. Am Abend fanden wir ihn tot mitten im Zimmer - niedergestreckt wie ein Baum, den der Blitz getroffen - zwischen Schreibtisch und Bett. Er lag da, die Arme leicht angewinkelt, das eine Bein vorgestreckt wie zum nächsten Schritt. Auf den Tag drei Wochen war es her, daß er 58 Jahre geworden war.

Hans-Joachim Winkler wurde am 6. November 1930 als einziges Kind des evangelischen Architekten Max Winkler und seiner katholischen Ehefrau Martha, geborene Pohland, in Frankfurt/Oder geboren. Beide Eltern stammten aus Guben. Die gemischt-konfessionelle Familie bestimmte ihn, in ihr wurde auch der Grund für P. Winklers weitgestreute Interessen für historische und literarische Fragen gelegt. War es der Beruf des Vaters, der ihn immer wieder zum Modellbau von Schiffen und Flugzeugen drängte? Zwei Exemplare lagen unvollendet auf seinem Arbeitstisch. In Frankfurt erlebte er den Aufstieg des Dritten Reiches und die Wirren des Krieges, dort erfuhr er die Nöte der Nachkriegszeit und die Leiden der Spaltung, dort bestand er seine Gymnasialzeit. Denkweise und Wortschatz verleugneten auch in späteren Jahren diese Zeit nie. Nach dem Abitur studierte er an der Pädagogischen Hochschule Potsdam die Fächer Biologie und Chemie. Da in Potsdam auch eine Tante wohnte, wurde ihm deren Familie und die Stadt zur zweiten Heimat, in die er besuchsweise immer wieder gern zurückkehrte. Als die Tante in den letzten Jahren schwer krank und bettlägerig war, benutzte P. Winkler regelmäßig die Einreisemöglichkeit, um sich an der Pflege zu beteiligen und die Kusine bei den Arbeiten zu entlasten. Diese Tante starb am Begräbnistag P. Winklers mit über 90 Jahren.

Nach dem Staatsexamen ging der junge Lehrer nicht in den Schuldienst, verfolgte auch keine der ihm durchaus offenstehenden Karrieremöglichkeiten, sondern trat auf dem Jakobsberg bei Bingen in die Gesellschaft Jesu ein. Lange hatte ihn die Frage nach dem für ihn richtigen Weg beschäftigt und nach dem, was dem Leben letztlich Sinn gibt. Bestärkt hatten ihn dabei die Reden der Volksmissionare aus dem Jesuitenorden, die damals in regelmäßigem Predigtturnus durch alle größeren Städte Mitteldeutschlands kamen. P. Winkler selbst erzählte, daß letztlich die Beiträge P. Gerhard Krolls für ihn ausschlaggebend wurden und ihn zum Priestertum und zur Wahl des Jesuitenordens führten. Am Rhein machte er vom 13. September 1956 bis zum 15. September 1958 das Noviziat, um dann in Pullach bei München das volle dreijährige Studium der Philosophie zu absolvieren. Mit Rücksicht darauf, daß er schon etwas älter war, und im Blick auf seine spätere Tätigkeit, schlossen sich sofort die vier Jahre Theologie in Frankfurt/Main an. Am 28. August 1964 wurde er im dortigen St. Bartholomäus-Dom mit 22 Mitbrüdern von Bischof Kempf zum Priester geweiht. Als Leitspruch für das Priesterleben wählte er: "Gott ist getreu, der euch berufen hat in die Gesellschaft seines Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus" (1 Kor 1,9). Das dritte Probejahr durchlief er in St. Andrä. Da er aus Berlin vom Canisius-Kolleg dringend als Lehrer angefordert worden war, beendete er dieses Jahr mit Dispens schon vorzeitig zum 1. Mai 1966. Seither gehörte er zum Lehrerkollegium des Canisius-Kollegs in Berlin.

In den ersten Jahren unterrichtete P. Winkler Biologie und Chemie in allen Klassenstufen. Zunehmend setzte man ihn aber ausschließlich in der Oberstufe für das Fach Biologie ein, was ihm auch ganz besonders lag. In über 22 Jahren wurde er zur festen Größe, zu einer Säule am Kolleg. Generationen von Schülern und vielen Eltern war er treusorgender Lehrer und verständnisvoller Berater. Hier kam ihm seine breite Bildung zustatten, die er sich durch Beobachtungen in der Tierwelt, durch viele Reisen - zu Ostern häufig mit Pater Hermann Rosczyk, in den Herbstferien gewöhnlich allein - und durch beharrliches Weiterstudieren erworben hatte. Seine Bibliothek, seine Sammlung von Tieren, von Schiffen und Flugzeugen zeigten, was ihn beschäftigte, und wie weit seine Interessen gingen. Die Oberstufenschüler liebten ihn und vertrauten ihm. Er wußte, fünf gerade sein zu lassen. Er hatte keine Schwierigkeiten, dem einzelnen zum Geburtstag oder zu einem Familienfest auch Stundennachlaß zu gewähren. Und wenn er merkte, wie nötig einem Abiturienten Hilfe tat, dann holte er auch einmal "die Sultanselefanten aus dem Stall" oder fuhr "mit dem großen Kran" heran. Seine Fachkollegen wußten, daß sie sich auf seine Erfahrungen verlassen konnten: Den jungen war er der verständnisvolle ältere, die anderen saßen nicht nur bei Konferenzen in seinem Schutz- und Schirmbereich. Er hatte die Alpha-Position und nahm sie auch wahr.

P. Winkler war ein sehr geselliger Mensch, der gern in Gemeinschaft war und bewußt die Gemeinsamkeit suchte. Seine Vorliebe für Kuchen und Semmeln trug ihm bei spöttischen Mitbrüdern den Beinamen "Paninosaurus" ein. Er war der profunde Kenner der verschiedenen Anlässe, zu denen es traditionsgemäß früh Brötchen und abends Bier - er hatte dafür einen eigenen Steinkrug - zu geben hatte. Im Grunde irenisch veranlagt, konnte er seiner Meinung doch sehr deutlich Ausdruck verleihen. Dabei bevorzugte er zum einen zoologische zum anderen kriegerische Redewendungen, die den Sachverhalt in einem genau trafen und treffend ironisierten. Er war in der Schule und in der Jesuitenkommunität ein belebendes und farbiges Element.

Im Buch der Weisheit wird der Herr als "Freund des Lebens" angerufen und gepriesen (Weish 11,26). Hans-Joachim Winkler war dafür Zeuge. Er wußte die Schönheiten der Welt zu schätzen und machte immer wieder deutlich, daß die guten Dinge dieser Welt gerade auch für die Gläubigen geschaffen sind. Für ihn hieß Leben nicht Enge, sondern Fülle, brauchte Form und Entfaltungsmöglichkeiten. Als Vertrauenslehrer für die Drogen- und Suchtberatung war er bemüht, weder zu übertreiben, noch tiefzustapeln. Hier war er gut informiert, auch wenn er dies nicht immer deutlich machte. Er war ein entgegenkommender Mitbruder, der auch zum Tischdecken und Abspülen bereit war, ein Lehrer, der für Schüler und Kollegen auch kleine Wünsche zu erfüllen und Fragen zu beantworten suchte. Er vertrat das gesunde Mittelfeld; große Gedankenflüge und weitreichende Konzeptionen lagen ihm fern, deshalb war er aber auch kein Mann tiefer Enttäuschungen. Er übte sich als Realist und Praktiker.

Im Mitbrüderkreis sprach er häufiger davon, daß er sich wünsche, mitten aus dem Leben abberufen zu werden. Am ersten Adventsonntag erging an ihn dieser Ruf. Im Oktober noch war er bei seinem Hausarzt gewesen; die Werte waren gut, ja besser als in den Monaten davor. Die Risikofaktoren, so meinte der Arzt nach dem Tod, seien vor zehn Jahren genauso vorhanden gewesen, P. Winkler als Biologe habe darum gewußt. Ohne irgendwelche vorhergehende Warnzeichen und ohne Krankheit erlag er im Verlauf des ersten Advents einem Gehirnschlag oder einem plötzlichen Herzversagen. Die Mitbrüder am Kolleg und in der Provinz hatten mit ihm noch für manches Jahr gerechnet, der Herr bestimmte es anders. Te Christus in pacem!

R.i.p.

P. Karl Heinz Fischer SJ

Aus der Norddeutschen Provinz, 1/1989 - Februar, S. 10f