P. Leo Zodrow SJ
28. April 1986 in Kirchschletten bei Bamberg

Sein Leben nach eigenen Aufzeichnungen

  • Geboren am 18. Mai 1914 in Schönlanke (Netzekreis) in der 'Grenzmark Posen-Westpreußen'. Ich hatte zwei Schwestern (Zwillinge), die einundeinhalb Jahre jünger waren (Anmerkung: eine Schwester lebt noch in Berlin). Beide Eltern stammten aus einem Dorf Behle bei Schönlanke; sie kamen aus kleinbäuerlich-handwerklichen Familien. Der Vater war Eisenbahner.
  • Ich besuchte drei Jahre die kath. Volksschule in Schönlanke und kam dann auf die Realschule, die damals gerade zur Oberrealschule ausgebaut werden sollte. 1933 nach der Machtergreifung machte ich das Abitur. Unsere Lehrer stammten meist aus Westdeutschland und kamen oft unmittelbar von der Universität. Die Fremdsprachen waren Französisch und Englisch. Auf freiwilliger Basis machte ich das kleine
  • 22. April 1933: Eintritt ins Noviziat in Mittelsteine. Entscheidend dafür war, daß wir im Religionsunterricht auf einen Exerzitienkurs des ND in einem Konvikt in Deutsch-Krone aufmerksam gemacht wurden. Zu dritt fuhren wir dorthin. Den Kurs gab P. Heinrich Jansen Cron SJ, Redakteur des 'Leuchtturm'. Das war wahrscheinlich 1929 oder 1930. Ich war dann im ND.
  • Herbst 1935 bis 1938: Philosophie in Pullach. Mai 1938 bis Juli desselben Jahres: Beginn der Theologie in Frankfurt, um uns vor dem Militärdienst zu retten. Anschließend Abschluß der Philosophie in Pullach.
  • 1938 bis Dezember 1939: Theologie in Frankfurt.
  • Dezember 1939 bis Mai 1945: Militärdienst als Infanterist. Zunächst in Frankreich, von dort Studienurlaub zur Uni in Wien, dort verschiedene Examina. Der Studienaufenthalt dauerte nur ein halbes Jahr. Dann Rückkehr nach Frankreich. - Rußlandfeldzug im Mittelabschnitt, mehrfach verwundet, einmal Meningitis, von daher Taubheit rechts. Dann zu den 'Landesschützen', Gefangenenbewachung im Gebiet der Pfalz, Landau und Umgebung. Rückzug über die Germersheimer Brücke. Rechtzeitig bekam ich eine Malaria und blieb mit 41 Grad Fieber in irgendeinem Dorf liegen, die Truppe zog weiter. Der dortige Pfarrer brachte mich nachts ins Lazarett nach Ellwangen auf den Schönenberg. Dort geriet ich in amerikanische Gefangenschaft. Am Himmelfahrtstag wurden alle Lazarettinsassen in das Zentrallazarett in Göppingen gebracht. Nach einem Vierteljahr wurde ich entlassen.
  • Am 15. Oktober wurde ich in Breslau zum Priester geweiht.
  • Herbst 1945 bis Ostern 1948: Vollendung meines Theologiestudiums in Pullach. Anschließend Aushilfe in der Ostzone im Gebiet von Erfurt für ein halbes Jahr.
  • Herbst 1948 bis Juli 1949: Tertiat auf der Rottmannshöhe unter Leitung von Pater Hayler SJ.
  • Juli 1949 bis Herbst 1956: Krankenhausseelsorge im Gertraudenkrankenhaus in Berlin.
  • Danach Operarius im Ignatiushaus, Subminister, Ökonom. Aushilfen, Exerzitien.
  • November 1961 bis November 1968 Leiter des Exerzitienhauses in Berlin, zuerst in der Steglitzer Grunewaldstraße, dann ab 1963 in Kladow.
  • November 1968 bis 1971: Superior in Gießen. Exerzitien, Betreuung der Filiale Heuchelheim, viele Beerdigungen.
  • 1971 bis 1984: Instruktor des Tertiats im Berliner Peter-Faber-Kolleg; Exerzitienkurse hier und im deutschsprachigen Raum.

 

Sein Leben in Würdigung und Deutung

Eigentlich wollte P. Leo Zodrow heute im Urlaub sein; so war es geplant und der Urlaub wohlverdient. Sein Tod am 28. April kam zu plötzlich. Wir haben ihn als Nachricht aufgenommen, als Tatsache vielleicht hingenommen, doch wir haben ihn noch nicht so recht und eigentlich angenommen. Mit dem Tod kann man sich nicht bloß abfinden oder sich mit ihm nur auseinandersetzen - der Tod ist Wirklichkeit, will wirken und in uns etwas bewirken. So stehen wir erst am Anfang dieses Prozesses und es fällt nicht leicht, jetzt schon P. Zodrows Leben - sein geistliches Leben und sein priesterliches Wirken - ins Wort zu nehmen. Es kann nur bei einem Versuch bleiben; so möchte ich zwei Sinnfälligkeiten und zwei Themenbereiche sprechen lassen.

Eine erste Sinnfälligkeit
Seit Februar 1963 leitete P. Zodrow das Kladower Exerzitienhaus und gehörte zum dortigen, in der Nachbarschaft liegenden Jesuitenkolleg. Dieses Kolleg trägt den Namen des seligen Peter Faber (1506-1546), der erster Priester und einer der ersten Gefährten um Ignatius von Loyola in den Pariser Studienjahren war. Von diesem Peter Faber heißt es: 'In seinen Exerzitien sowohl als in seinem fünfjährigen vertrauten Umgange mit Ignatius hatte er von ihm die Leitung der Seelen erlernt, und nach des hl. Ignatius Urteil selbst verstand niemand besser als er, die Exerzitien zu geben'. Und nun schauen wir auf den Text des Totenbildchens für P. Zodrow: dort sind um 1929 erste Schülerexerzitien in Deutsch-Krone unter der Leitung von P. Heinrich Jansen Cron SJ verzeichnet. Die Erfahrung dieser geistlichen Übungen setzte in dem jungen Gymnasiasten Leo erstmalig etwas in Bewegung, was ihn dann seine geistliche Berufung zum Ordensstand und Priestertum erkennen ließ. Somit standen Exerzitien am Anfang seines eigenen, persönlichen geistlichen Werdens. Und diese geistlichen Übungen, die sich als Einübung christlichen Lebensvollzuges verstehen, sollten dann seine eigentliche priesterliche 'Arbeitswelt' - wenn man so sagen darf werden bis zum letzten Atemzug, den er tat, als er junge Pallottiner-Novizen in ihren ersten Exerzitien begleitete.
So verbinden wir die Namen Peter Faber und Leo Zodrow nicht zufällig miteinander; beide kommen sich in ihrem Lebenswerk nahe.

Eine zweite Sinnfälligkeit
Begonnen hatte für P. Leo Zodrow seine eigentliche Tätigkeit als Leiter des Exerzitienhauses Maria Frieden in Berlin-Kladow und seine letzten Exerzitien für die PallottinerNovizen gab er in der Benediktinerinnen-Abtei Maria Frieden in Kirchschletten (Post Zapfendorf bei Bamberg).
So sind Anfang und Ende verbunden im Namen 'Maria Frieden'. Das mag auf den ersten Blick etwas Zufälliges, etwas Äußerliches sein, läßt sich aber vertieft als etwas Sinnfälliges verstehen, das für P. Zodrows Leben elementar und bestimmend war: nennen wir es den marianischen Grundzug seines Lebens. Wie haben wir diese marianische Grundhaltung zu verstehen und wie ist sie in P. Leo Zodrow geworden?
Für ihn - zunächst als Neudeutschen und später als den Jesuiten - war die Marienverehrung selbstverständlich; Maria verkörpert im urbildlichen Sinn den Glaubenden, der sich dem Wort Gottes öffnet und so selbst zum Hörenden wird. Dieser Hörende ist der In-Sich-Selbst-Hineinhorchende und zugleich der auf Andere Hinhörende. Diese Haltung aber war nicht bloß Frucht religiöser Erziehung, sondern für P. Zodrow eigene persönliche Erfahrung in den Kriegsjahren 1939-1945. Der junge Frater war in diesen Jahren als Infanterist zuerst in Frankreich und später in Rußland eingesetzt und dem ihm ungewohnten rauhen Frontsoldaten-Klima ausgesetzt. Dieses Leben, Schulter an Schulter mit den anderen Kriegskameraden, das kameradschaftliche Aufeinander-Angewiesensein im Sturmangriff wie auch im Lazarett lehrte ihn, auf den einfachen, schlichten Mitmenschen zu hören, ohne dabei auf Religions- oder Konfessionszugehörigkeit zu achten, sich dem Menschen absichtslos zu stellen, sich auf ihn einzulassen und dessen Bewegungen der Gedanken, Sehnsüchte, Ängste und Wünsche selbst wahrzunehmen und mitzuvollziehen.
Diese menschliche Erfahrung der Kriegsjahre war grundlegend für das Wachsen und Reifen seiner marianischen Grundhaltung im priesterlichen Dienst, die uns noch deutlicher wird, wenn wir zwei Themenbereiche sprechen lassen.

Ein erster Themenbereich ('Prinzip und Fundament' der Exerzitien)
In der Zeitschrift 'Geist und Leben' (Heft 3/1985) finden wir eine Abhandlung von P. Zodrow über das Prinzip und Fundament der Exerzitien, als ignatianische Kurzformel für den Vollzug des geistlichen Lebens. Dieser Artikel offenbart den Verfasser in seinem Lebenswerk und in seinem priesterlichen Selbstverständnis. Jahrelange Textstudien gingen dieser Arbeit voraus, um aufzuweisen, daß scheinbar kleine Veränderungen Generationen auf verhängnisvolle Irrwege führen können. Gewiß kamen bereits zu Ignatius Lebzeiten die 'gepredigten' Exerzitien auf, die im 17. Jahrhundert allgemeiner Brauch wurden, viel Segen brachten, sich aber doch nur darauf beschränkten, Gesetz und Normen christlichen Lebensvollzuges einzuschärfen. Demgegenüber wurde die eigentliche Form der Exerzitien wiederentdeckt, wo vom Einzelnen der persönliche Heilswille Gottes im verbindlichen Jetzt zu erspüren ist und wobei nicht der tendenziöse Leistungswille des Einzelnen zählt, sondern wo es auf die lockere, unbefangene und offene Selbstwahrnehmung aller inneren Bewegungen und Regungen ankommt als Bereitschaft, die innere Welt zu Worte kommen zu lassen.
Hierin lagen Begabung und Begnadung von P. Zodrow; in hohem Maße verfügte er über Selbsterfahrung und Empfindsamkeit, das innere geistliche Leben aufzuspüren, sich freizumachen für den göttlichen Willen und für seine je eigene persönliche Sendung. Das zeigte sich Jedem, der sich seiner Exerzitienbegleitung anvertraute.

Ein zweiter Themenbereich (Exerzitien und Kirchlichkeit)
In den letzten Monaten beschäftigte P. Zodrow besonders die Frage nach der Kirche in den Exerzitien. Zwar sind im Exerzitienbuch einige Regeln vermerkt, um das echte Gespür zu erlangen, das wir in der dienenden Kirche haben sollen, doch läßt sich keine einzige Betrachtung über die Kirche finden, wo doch die Exerzitien zu einer diskreten Liebe zur Kirche hinführen wollen.
Mit diesem Themenbereich sind viele, noch nicht geklärte Fragen, aufgeworfen, die sich aber stellen, wie wir es auch vom diesjährigen Provinzsymposion der süddeutschen Jesuiten wissen. Daß uns solche Fragen kommen, spricht von der Not vieler religiöser Menschen unserer Tage, die sich mit der konkreten und erfahrenen Kirche schwer tun, obwohl doch gerade sie es ist, die uns Jesus Christus darzustellen und zu verkündigen hat. P. Zodrow kannte diese Not heutiger Menschen und er teilte sie mit ihnen. Er selbst sah sich hier noch vielen offenen Fragen gegenüber, aber er half diesen Menschen durch die Geistlichen Übungen nach dem hl. Ignatius, das Geheimnis Jesu Christi in sich zu entdecken, es zu leben und so in Starkmut und unbeirrt apostolisch zu wirken.

Das bisher anhand zweier Sinnfälligkeiten und zweier Themenbereiche Gesagte sollte uns P. Zodrow erkennen lassen in seiner lautlos-schlichten und natürlich-aufgeschlossenen Art. Er hatte Ohr und Herz für die Nöte und Bedrängnisse unserer Zeit, er kam mit diesen in Berührung ohne Ängstlichkeit, weil eine innere Ruhe ihm Souveränität verlieh. Zugleich war er ausgestattet mit dem tiefen Gespür für die inneren Dinge, die unser geistliches Leben ausmachen. Damit ist letztlich jene Wirklichkeit unseres Lebens angesprochen, die Paulus als 'vita abscontita' - als unsere Lebensverborgenheit mit Christus in Gott - benennt (Kol 3,3) und welche er in seinen Ausführungen zum Taufgeheimnis im 6. Kapitel seines Römerbriefes begründet. Jesus selbst bringt es im Jubel und Dank an seinen göttlichen Vater zum Ausdruck (Mt 11,25-27).

Begräbnisansprache am 9. Mai 1986 von P. Manfred Richter SJ

 

Erinnerung an P. Zodrow von einem Terziarier

Einen Tag nachdem Ulrich Niemann und ich in Sankt Georgen die Letzten Gelübde abgelegt haben, ist P. Zodrow gestorben. Ich habe dieses zeitliche Zusammentreffen als einen Wink empfunden, mich auf drei Terziatsimpulse zu besinnen, die ich ihm verdanke.

Den Ereignissen nachspüren . . .
Der Terminkalender, die apostolische Dynamik und die schnellen Verkehrsmittel gestatten uns wenig Atempausen. Wir gleiten häufig von einer Veranstaltung in die nächste, stolpern von einem Engagement in das andere, wechseln Gesprächspartner und Themen innerhalb einer halben Stunde. Und laufen dabei ständig hinter uns her.
Von P. Zodrow habe ich gelernt, wie gut es mir tut, nach einem intensiven Gespräch, nach einer aufregenden Veranstaltung, nach einer komplizierten Ausarbeitung einen Zeitraum zwischenzuschalten, da ich dem nachgehe, was mich noch bewegt, und dem nachspüre, was sich von innen her anmeldet, nachdem die Inanspruchnahme von außen bereits abgeklungen ist. Nicht selten erschließt sich mir beim Nachsinnen eine Tiefendimension, die Ereignisse und Menschen liebenswert macht.

Den gesellschaftlichen Ort sehen . . .
Während des Terziats in Berlin ist mir plastisch vor Augen getreten, welch enger Zusammenhang besteht zwischen dem Gegenstand meiner Meditationen oder Entscheidungen und dem Ort, an dem ich wohne, oder dem Milieu, in dem ich daheim bin. Deshalb hatte ich P. Zodrow gedrängt, wenigstens während der Exerzitien von Kladow nach Kreuzberg auszuziehen.
Daß P. Zodrow nach anfänglichem Zögern eine solche Sichtweise zu verstehen schien und dann den Auszug zuließ, hat mich sehr beeindruckt und ermutigt. In den Gesprächen nach den Exerzitien hat uns diese Frage noch häufiger beschäftigt, ob die ignatianischen Exerzitien aus der gesellschaftlichen Ortlosigkeit einer individuellen und spirituellen Verkürzung, in die sie nach und nach hineingedrängt wurden, zu befreien sind.

Für die Armen da sein . . .
In der abschließenden persönlichen Auswertung des Terziats hatte ich P. Zodrow darauf hingewiesen, daß eine apostolische Tätigkeit, die den Jesuiten fast ausschließlich in das Milieu von Ordensschwestern einfängt, nicht nur positiv zu bewertende Spuren in dessen Persönlichkeitsprofil hinterlasse; und daß er sich einen zeitweiligen Milieuwechsel zutrauen solle, der ihn davor bewahre, sich an einen andersartigen Denk- und Lebensstil zu assimilieren.
Nach einiger Zeit schrieb er mir eine sehr nachdenkliche und nachdenklich machende Antwort: daß wir nur selten Gelegenheit hätten, unsere apostolischen Arbeiten nach eigenen Fähigkeiten und Neigungen souverän auszuwählen. Und daß er die spirituelle Begleitung von Ordensschwestern als ein Stück Wiedergutmachung verstehe, die den Opfern priesterlicher Herrschaft und Fehlsteuerung geschuldet sei. Er finde jedenfalls unter den Ordensschwestern in der Kirche eine Menge jener Armen, die das Dekret 4 der 32. Generalkongregation im Blick gehabt habe.

P. Friedhelm Hengsbach SJ

R.i.p.

Aus der Norddeutschen Provinz, 6/1986 - Dezember, S. 122-125