2. Sonntag: "Seht das Lamm Gottes!"EinführungJesus ist das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt - im Evangelium hören wir dieses Wort aus dem Mund des Täufers Johannes. Jesus ist der "Knecht", den Gott erwählt, in seinen Dienst genommen und zum Licht der Völker gemacht hat - so weissagte es der Prophet Jesaja. Wir sollen sehen und begreifen, was Gott durch Jesus getan hat für uns; und wir sollen antworten mit der Tat unseres Lebens. Mit diesem Dank ehren wir den guten Gott; wir helfen ihm gleichsam, die Welt zu retten.
- Herr, erbarme dich! Dich hat der Täufer Johannes bezeugt als den, auf dem Geist Gottes ruht - Christus, erbarme dich! Dich hat der Täufer Johannes bezeugt als den Erwählten Gottes - Herr, erbarme dich! Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen. FürbittenHerr Jesus Christus, Lamm Gottes, du hast am Kreuz dein Leben hingegeben für das Heil der Welt, für unser Heil. Darum kommen wir voll Vertrauen mit unseren Bitten zu dir:
Du, Herr, hast uns in der Taufe in die Gemeinschaft der Glaubenden aufgenommen und in deine Nachfolge gerufen. Dafür danken wir dir heute und alle Tage unseres Lebens. Amen. Predigt"Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt!" Wir haben soeben im Evangelium dieses Wort des Täufers Johannes gehört; mit diesem Wort schickt er seine beiden Jünger Andreas und Johannes zu Jesus. Das Wort des Täufers ist uns allen geläufig. Wir hören und sprechen es in der Liturgie an einer herausgehobenen Stelle, wenn der Priester die heilige Hostie uns zeigt und uns zum eucharistischen Mahl, zur Kommunion einlädt. Ist aber mit dem Hören und Sprechen schon die in diesem Wort verkündete und gemeinte Glaubenswirklichkeit in unser Bewusstsein eingedrungen? Ich denke, es sei gut, uns darüber Gedanken zu machen. Im Johannes-Evangelium beginnt die irdische Geschichte Jesu mit diesem Wort des Täufers: "Seht das Lamm Gottes!" Die irdische Geschichte Jesu endet im Johannes-Evangelium mit dem Hinweis darauf, dass kein Bein an ihm, dem am Kreuz Gestorbenen, zerbrochen wurde; es wird mit diesem Wort auf eine Bestimmung aus dem jüdischen Pascha-Ritual hingewiesen, dass das Osterlamm fehlerfrei sein muss; kein Knochen darf an ihm zerbrochen werden. Der Evangelist Johannes unterstreicht damit, dass Jesus zur selben Zeit am Kreuz stirbt, da im Tempel von Jerusalem die Pascha-Lämmer geschlachtet wurden. Der wahre Tempel ist von nun an - das ist die Überzeugung des Evangelisten und der jungen Kirche - draußen vor der Stadt, wo das wirkliche Lamm seine Seite durch die römischen Soldaten öffnen lässt. Das Bild von Jesus, dem Lamm, das die Sünde der Welt trägt, rahmt so die irdische Geschichte Jesu ein. Jesus nimmt die Schuld aller auf sich; er nimmt unsere Schuld auf sich. Die Bezeichnung Jesu als das "Lamm Gottes" lässt sich freilich nicht ohne weiteres aus der jüdischen Pascha-Lamm-Vorstellung ableiten. Die Apostel und mit ihnen die junge Kirche waren darauf nicht angewiesen. Sie besaßen ja in der Heiligen Schrift des Alten Bundes eine Heilsprophetie, die die eigentliche Voraussetzung dafür war, dass der Evangelist Johannes Jesus als das "Lamm Gottes" bezeichnen konnte. Um die sündentilgende Wirkung des neutestamentlichen Pascha-Lammes auszusprechen und von der Heiligen Schrift her zu begründen, wurde Jesus mit dem sterbenden "Knecht Gottes" identifiziert, der vom Propheten Jesaja mit einem Lamm verglichen wird, "das zur Schlachtbank geführt wird"; der "sein Leben als Sühnopfer hingibt"; der "die Schuld der Vielen trug und für die Sünder eintrat" (Jes. 53). Die Apostel und die frühe Kirche bekannten in diesem Bild vom "Knecht Gottes", der wie ein "Lamm zur Schlachtbank geführt" wird, die erlösende Kraft des Sterbens Jesu, seines Sterbens für die "Vielen", für alle, für uns. Man darf die Frage stellen, ob nicht heute diese "Wahrheit" von der Erlösung aus Schuld und Sünde an den Rand des Bewusstseins gerückt ist. Wer nimmt heute noch ernst, was wir Christen mit "Sünde" bezeichnen? Und wer fühlt sich noch "erlösungs-bedürftig"? "In mir ist nichts, was erlöst werden müsste!" So formulierte Friedrich Nietzsche schon vor über 100 Jahren diese Einstellung. Vielleicht halten wir Christen noch am Begriff "Erlösung", an den Vokabeln "Schuld" und "Sünde" fest. Aber es besteht die große Gefahr, all diese Wörter in einem verweltlichten Sinn zu verstehen. Auch vielen Christen geht es dabei anscheinend nur noch um den Einsatz für eine gerechtere und humanere Welt. Natürlich ist ein solcher Einsatz auch vom Christen gefordert. Aber Christsein kann und darf sich nicht darin erschöpfen. Sonst käme es über das Ideal und den Versuch einer Selbsterlösung nicht hinaus. Kirche würde dann absinken zu einer Sozial-Institution, zu einer "Sozial-Agentur", deren es so viele gibt. Für Jesus jedenfalls stand nicht die menschliche Leistung an erster Stelle, sondern für ihn stand an erster Stelle das, was Gott tat und jetzt durch ihn tut: die vergebende Gnade gegenüber dem Menschen, der sich seiner Schuld und Sünde bewusst ist. Diese Botschaft Jesu, diese "Frohbotschaft", darf nicht umgedeutet werden. Denn dann würde z. B. auch die Wirklichkeit der Eucharistie, also das Gegenwärtigwerden der vergebenden Liebe und Gnade Gottes verloren gehen; gerade das also, was wir mit "Erlösung" meinen. Natürlich ist unser sozialer Einsatz wichtig, ja notwendig. Er ist aber die Konsequenz unseres Christseins, das Echtheitszeichen, das Echo unseres Glaubens an Jesus Christus. Zeigt sich hier nicht deutlich, wie für die Menschen heute kaum noch verständlich zu sein scheint, was "Sünde" ist, und was "Erlösung" bedeutet? "Sünde" meint ja nicht nur ein verkehrtes Tun; das Übertreten einer von Gott verfassten Verkehrsordnung unter den Menschen. "Sünde" meint vielmehr die Abkehr von Gott, der unser Heil ist; dass Gott für uns keine Rolle mehr spielt; dass er gleichsam für uns Luft ist; dass wir meinen, nicht von Gott abhängig zu sein - in dem Sinn, dass er das Fundament unseres Lebens ist, ob wir das erkennen und anerkennen oder nicht. Und wenn wir Christen bekennen, dass wir durch Jesus Christus "erlöst" worden sind, dann meinen wir genau dies: dass wir durch ihn, durch sein Leben und Sterben hingewiesen werden auf den Grund unseres Lebens; dann meinen wir die durch ihn bewirkte Hinwendung zu Gott, unserem Heil - nicht weil wir auf den Gedanken gekommen wären; sondern weil wir im Liebestod Jesu das Zeichen der Güte und Liebe Gottes, die Einladung zum Glauben erhalten haben - daran, dass er der Halt unseres Lebens ist; dass nur so die Gottferne (also die "Sünde") überwunden werden kann; dass nur so die Heillosigkeit der Welt, unsere Heillosigkeit letztlich überwunden werden kann. Wenn wir nun miteinander Eucharistie feiern, also der erlösenden Tat Gottes gedenken, die sichtbar, ja greifbar geworden ist im Liebestod seines Sohnes, dann bekennen wir uns also dazu, dass wir ihm alles verdanken: den Halt, den Sinn unseres Lebens. Und wenn wir zum Tisch des Herrn treten, um die Kommunion zu empfangen, dann bekennen wir uns dazu, dass wir das wahre Leben nur in ihm finden; dass er das Lebensbrot ist, das unseren Hunger, unseren eigentlichen Hunger stillt, stillen kann. "Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt!" Ich wüsste kein anderes Wort der Heiligen Schrift, mit dem uns die Kirche, die Gemeinschaft der Glaubenden, ebenso verheißend wie mahnend zum Mahl des Lebens rufen könnte.
3. Sonntag: "Folge mir nach!"EinführungChrist sein heißt: sich von Gott in die Nachfolge seines Sohnes Jesus Christus gerufen wissen; hinter ihm herzugehen - heute, in unserer Zeit, in unserer Welt. Wir wissen: Damals wie heute begab sich der, der Jesus nachfolgen wollte, in die Gemeinschaft eines, dessen Lebensprogramm nicht unbedingt attraktiv war. Wir wissen aber auch, dass nur bei ihm zu finden ist der Weg zu Gott, die Wahrheit dieser Welt und unser Leben. Wir wollen uns darum zu Beginn dieser Eucharistiefeier wieder auf unsere Berufung besinnen und den Herrn, der uns gerufen hat, um seine Gnade und um sein Erbarmen anrufen.
- Herr, erbarme dich! Du hast Jünger gerufen, die wie du die Menschen mit Gott und untereinander versöhnen - Christus, erbarme dich! Du sagst auch uns: Kommt, folgt mir nach! - Herr, erbarme dich! Der allmächtige Gott erbarme sich unser! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen. FürbittenHerr Jesus Christus, du hast uns zur Umkehr und in deine Nachfolge gerufen. Voll Vertrauen kommen wir mit unseren Bitten zu dir:
Denn du, Herr, willst, dass deine Frohbotschaft durch uns verkündet wird. Auch in unserer Zeit soll Wirklichkeit werden, was du begonnen hast. Dir sei Lob und Ehre in Ewigkeit! Amen. PredigtMit dem heutigen Abschnitt lässt der Evangelist Matthäus das öffentliche Leben und Wirken Jesu beginnen. Vorangegangen ist die Predigt des Täufers Johannes und die Versuchungsgeschichte. Jesus nimmt das Thema der Buß-Predigt des Täufers auf: "Kehrt um! Denn das Reich der Himmel ist nahe." Aber dieser Aufruf Jesu bleibt nicht im allgemeinen stecken. Er konkretisiert sich. Am See Genesareth ergeht der Ruf in die unmittelbare Gefolgschaft, in seine Nachfolge: "Kommt her, folgt mir nach!" Dieser Ruf Jesu in seine Gefolgschaft wird nun nicht mehr verstummen. Aber es ist nicht nur ein Ruf in den "galiläischen Frühling", d. h. in die Nachfolge dessen, dem das Volk von Galiläa anfangs zujubelte; es wird bald der Ruf werden in die Nachfolge des verachteten, des verfolgten Jesus. Der Jünger muss bereit sein, alles zu lassen und nur auf das eine bedacht zu sein, was des Herrn ist. Passt uns aber dieser Weg, den Jesus von seinen Jüngern verlangt, den er seinen Jüngern und auch uns zugedacht hat? Ist sein Ruf nicht reichlich hart? Es lohnt sich jedenfalls, darüber nachzudenken, was "Nachfolge Christi" meint, und was sie für uns bedeutet. Nach dem Evangelium hat "Nachfolge Christi" zunächst einen ganz einfachen Sinn: dass sich Menschen entschließen, ihren Beruf, ihr Geschäft, ihren bisherigen Alltag hinter sich zu lassen und stattdessen mit Jesus zu gehen: "Ohne zu zögern, ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm", so heißt es im heutigen Evangelium von Petrus und Andreas. Nachfolge Jesu meint also ursprünglich einen neuen Beruf, den Beruf des Jüngers, dessen Lebensinhalt das Mitgehen mit dem Meister, das Sich-Anvertrauen an seine Führung darstellt. Nachfolge ist also zunächst etwas recht Äußerliches: das wirkliche Gehen hinter Jesus auf seinen Wanderungen durch Palästina. Es ist aber zugleich etwas ganz Innerliches: die neue Orientierung des gesamten Lebens, das nicht mehr im Geschäft, im Broterwerb, im Eigenen die Leitpunkte hat, sondern hingegeben ist an den Willen des Herrn. Bei ihm zu sein und ihm zur Verfügung zu stehen, das ist zum Inhalt des Daseins geworden. Welchen Verzicht auf das Eigene diese "Nachfolge" bedeutet, das zeigt die kleine Begebenheit zwischen Jesus und Petrus. Jesus hat seinen Leidensweg vorausgesagt. "Da nahm ihn Petrus auf die Seite und fing an, ihm Vorhaltungen zu machen", so erzählt das Markus-Evangelium. Jesus aber weist den Petrus zurecht: "Weg und hinter mich, du Satan! Du denkst nicht, was Gottes, sondern was des Menschen ist." Was hat Petrus falsch gemacht? Er hat gleichsam versucht, die Nachfolge abzuwerfen und stattdessen selbst vorauszugehen, selber die Richtung des Weges zu bestimmen. Jesus weist ihn an seinen Platz zurück: "Weg und hinter mich!" Nachfolge heißt nämlich; die Richtung annehmen, die von Jesus vorgegeben ist, auch wenn diese Richtung dem eigenen Wünschen entgegenläuft. Von hier aus erkennen wir deutlicher, was gemeint ist, wenn die Berufung der Jünger und damit das Wesen der Jüngerschaft in den Evangelien immer wieder mit dem Wort Jesu geschildert wird: "Folge mir nach!" Es ist zunächst die Aufforderung, den bisherigen Beruf wegzugeben; es ist darüber hinaus und eigentlich die Aufforderung, sich selbst zurückzunehmen, um ganz für Jesus dazusein, dasein zu können; das eigene Denken dem Denken Jesu anzugleichen. Im Laufe des öffentlichen Wirkens Jesu nimmt dieser Inhalt der Nachfolge noch konkretere Formen an, die ihren Niederschlag vor allem in dem Wort Jesu finden: "Wenn jemand hinter mir hergehen will, sage er Nein zu sich selbst; er nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach!" Dieses Wort hatte ursprünglich eine ganz realistische Bedeutung. Wer sich Jesus anschließt, der begibt sich in die Gesellschaft eines Ausgestoßenen; der muss damit rechnen, wie Jesus verurteilt zu werden und unter das Kreuz zu geraten. Kein Wunder, dass die frühen Christen im Märtyrer den sahen, der den Sinn der Nachfolge bis zum Ende erfüllte: sich selbst, ja sogar das eigene Leben für das Leben mit Jesus wegzugeben. Aber rückt uns mit dieser Auskunft die Botschaft von der Nachfolge nicht noch ferner, als sie es ohnehin schon ist? Wir haben doch keine Möglichkeit mehr, hinter dem Menschen Jesus herzugehen, und das Martyrium erscheint uns nicht als die normale Erfüllung des christlichen Lebens. Wenn wir aber genauer hinschauen, dann bemerken wir, dass die äußeren Formen, in denen sich die Jesus-Nachfolge zunächst verwirklichte, gar nicht das Entscheidende sind. Das Entscheidende ist vielmehr die innere Verwandlung des Lebens und Denkens. In der Gleichnisrede vom Guten Hirten heißt es: "Wenn der Hirt die Seinen alle hinausgetrieben hat, dann geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm, weil sie seine Stimme kennen." Nachfolge Jesu bedeutet für uns demnach: die Stimme Christi kennen und im Gewirr der Stimmen, die heute auf uns einstürmen, der Stimme des Herrn zu folgen. Deutlicher ausgedrückt: Nachfolge Jesu heute heißt: sich dem Wort Gottes anvertrauen; das Wort Gottes über das Gesetz des Geldes und des Brotes stellen, das nun einmal das Denken dieser Welt bestimmt. Es heißt: nach dem Wort Gottes zu leben und nicht bestimmt und beherrscht zu werden von der Mode, vom Diktat der Meinungsmacher heute; seine Meinung nicht von der Stange zu beziehen; es meint das Nein zu den vielen Heilbringern und Heilslehren heute. Wenn wir uns in diesem Sinn auf Gott, auf den Ruf Jesu einlassen, dann merken wir: Jesus nachfolgen meint: an ihn glauben im Sinne einer Grundentscheidung zwischen den zwei und letztlich nur zwei Möglichkeiten des Menschenlebens: zwischen dem Brot und dem Wort Gottes. Der Mensch lebt - und das macht uns Jesus klar - nicht vom Brot allein, sondern auch, ja zuerst vom Wort Gottes. Ein Sinn des Lebens, der allein genügen kann, kann nicht gemacht, erworben werden durch die Kultivierung des Eigenen; er kann nur glaubend empfangen werden. Es geht immer noch um diese Grundentscheidung, vor der die Jünger damals und zu allen Zeiten gestanden haben: um die Grundentscheidung, auf den Nutzen und auf sich selbst zu bauen, ein irdisches Heil zu erwarten, oder auf das Wort Gottes zu bauen, auf seine Weisung. Es geht um die Grundentscheidung, nur für sich selbst zu leben oder sich wegzugeben. Und überall da, wo wir uns vom Herrn rufen lassen und uns in seinen Dienst stellen, da verwirklichen wir die Nachfolge Jesu. Damit wird nun deutlich, was eigentlich mit Kreuz und Martyrium gemeint ist. Jesus sagt es: "Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber um meinetwillen und um des Evangeliums willen sein Leben verliert, der wird es gewinnen." Im Johannesevangelium ist diese Gesetzmäßigkeit mit dem Bildwort vom Weizenkorn erläutert, das auf keine andere Weise Frucht bringen kann, als indem es in die Erde fällt und stirbt. Nur wenn wir uns im Dienst Jesu selbst vergessen, können wir uns selbst finden; nur indem wir uns weggeben, kommen wir zu uns. Das ist nun einmal die Grundbedingung der Nachfolge Jesu, auch in den bequemen Zeiten, in denen wir Christen den Schatten des Kreuzes beinahe vergessen haben. All das darf jedoch nicht Theorie bleiben. Es ist notwendig, diesen Dienst in unserem alltäglichen Leben zu verwirklichen; Jesu Worte zu vernehmen im Gewirr der Stimmen heute, die das Heil versprechen, aber nicht geben können; sein Denken innerlich zu erfassen. Für uns darf es nichts geben, was uns wichtiger ist als Gott: kein irdischer Wert, kein Besitztum, kein Mensch. Er muss der Punkt sein, auf den hin all unser Tun und Denken letztlich ausgerichtet ist. Wenn wir das bedenken, dann geht uns aber auch auf, wie weit wir davon noch entfernt sind; wie wir immer dahinter zurückbleiben. Wir wollen darum den bitten, der uns in seine Nachfolge ruft, dass er uns den Mut und die Kraft gibt, seinen Weg zu gehen, ihm zu dienen.
4. Sonntag: "Selig seid ihr!"EinführungWenn wir Gottes Wort in den Evangelien hören, dann wissen wir, dass da nicht zu irgendwelchen fremden Menschen gesprochen wird, sondern zu uns. Wir sind gemeint. Wir sind - das wird uns heute gesagt - die Armen, die Hungernden, die Trauernden, die alles, die ihre Erfüllung vom Herrn erwarten. Oder wir sind die Reichen und Satten, die auf sich selbst bauen. Wir sind gefragt, ob wir uns auf den Herrn einlassen, ob wir uns auf ihn verlassen, ob wir auf ihn bauen - oder auf etwas anderes. Fragen wir uns darum zu Beginn dieser Eucharistiefeier, was er uns bedeutet, und bitten wir um Vergebung dafür, dass er von uns so oft an den Rand unseres Lebens gerückt wird.
- Herr, erbarme dich! Du stehst denen bei, die um deines Namens willen verachtet werden - Christus, erbarme dich! Du verheißt den Lohn im Himmel denen, die zu dir stehen - Herr, erbarme dich! Es erbarme sich unser der allmächtige Gott. Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen. FürbittenInmitten einer Welt, die nur auf sich selbst baut, beten wir durch Jesus Christus zu Gott, unserem Vater im Himmel, von dem allein Leben und Zukunft kommen:
O Gott, du unser Halt und unsere Kraft, höre das Beten deines Volkes! Lass uns erlangen, um was wir dich bitten durch Christus, unseren Herrn! Amen. PredigtDie Seligpreisungen der Bergpredigt dürfen wir nicht missverstehen als bedingungslose Verheißungen des Glücks und des Heils durch Jesus. Sie sagen nicht: Ihr seid alle ohne jede Ausnahme selig in dem Sinn, dass euch das Himmelreich garantiert ist. Die Menschen sind nun einmal nicht insgesamt und immer offen für das Heilshandeln Gottes. Das ist der Grund, warum Jesus Bedingungen nennt, warum er Verhaltensweisen nennt, die empfänglich machen für das Heil, das Gott den Menschen zuteil werden lassen will. So heißt es zum Beispiel: "Selig, die arm sind vor Gott!" "Selig, die keine Gewalt anwenden!" Jesus zeigt also Wege auf, die zur Seligkeit führen, und er warnt zugleich vor den vielerlei Irrwegen, die die ersehnte und verheißene Seligkeit verfehlen lassen. Die Armut vor Gott, die Jesus selig preist, ist schon im Alten Testament, in einem Psalm ausgesprochen: "Ich bin arm und gebeugt; eile, o Gott, mir zu Hilfe!" Das Armsein vor Gott, das Jesus fordert, ist dort gegeben, wo jemand sein Angewiesensein, seine Gefährdung und Begrenztheit, seine Armseligkeit sieht und eingesteht und damit voll Vertrauen zu Gott kommt. Das Armsein vor Gott ist also nicht einfach identisch mit materieller Armut. Auch einer, der viel besitzt, kann wissen und eingestehen, dass aller Reichtum vor Gott nicht genügt. Und einer, der materiell arm ist, kann voller Neid sein und sich alles, auch das Glück und das Heil vom Reichsein versprechen. Die erste Seligpreisung nennt also das Fundament jeder Beziehung zu Gott: Wir sollen zu Gott gehen im Wissen um unsere Begrenztheit, um unsere Gefährdung und Armseligkeit; wir müssen uns und ihm diese Abhängigkeit eingestehen. Gott verlangt von uns also nicht zuerst großartige Leistungen oder irgendwelche Vorzüge. Er verlangt von uns Ehrlichkeit und Vertrauen. Und er weist zurück jede Selbstherrlichkeit, jede Selbstgerechtigkeit. Jesus preist die Sanftmütigen selig, oder besser: diejenigen, die keine Gewalt anwenden. Es sind die Menschen, die sich selbst in der Gewalt haben; die den anderen Raum zum Atmen und zum Leben lassen; die den anderen akzeptieren und ihn sein lassen, wie er ist. Sie wollen den anderen, den Mitmenschen nicht überwältigen und klein machen. Sie wollen nicht alles und alle beherrschen; sie wollen nicht ihre Interessen und ihre Vorstellungen auf Kosten der anderen durchsetzen. Sie respektieren den anderen als gleichwertig; sie lieben den Nächsten wie sich selbst. Nur wer in dieser Weise auf Gewaltanwendung, auf Machtausübung verzichtet, nur der wird "das Land erben", nur der wird das "messianische Segensland" erreichen, das gelobte Land Gottes, das Friedensreich des Messias, in dem es kein Unrecht und keine Gewalttätigkeit mehr geben wird, und von dem der Prophet Jesaja spricht: "Man tut nichts Böses mehr und begeht kein Verbrechen mehr auf meinem ganzen heiligen Berg. Denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des Herrn." (Jes. 11, 9) "Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit!" So lautet eine weitere Seligpreisung Jesu. Hunger und Durst meinen ein elementares Verlangen des Menschen. Das Gegenteil davon ist Gleichgültigkeit, Interesselosigkeit, Sattheit und geistige Trägheit. Dieser Hunger und dieser Durst, die von Jesus seliggepriesen werden, richten sich auf die "Gerechtigkeit", d. h. sie richten sich nach biblischem Sprachgebrauch auf das Richtigsein des Menschen vor Gott. Dieses "Richtigsein vor Gott" wird von Jesus im weiteren Verlauf der Bergpredigt noch konkretisiert, verdeutlicht. Es geht Jesus um das richtige Handeln gegenüber dem Mitmenschen, z. B. in der Ehrfurcht und in dem Respekt vor dem Nächsten, vor seinem Leben, vor seinem guten Ruf. Es geht Jesus um die Vergebungsbereitschaft und um Friedfertigkeit; um den Respekt vor der Frau; schließlich geht es Jesus um eine Liebe, die auch den persönlichen Feind, den Feind überhaupt einschließt. Die Suche nach dem Willen Gottes also, das Bemühen, diesem göttlichen Willen gemäß zu handeln, das soll Vorrang haben vor allem anderen; das soll zum innersten Anliegen werden. Dieses Tun des göttlichen Willens bringt uns aber nicht nur Lob und Anerkennung. Das Tun des göttlichen Willens bringt dem, der Jesu Weisungen akzeptiert und verwirklicht, auch Ablehnung, ja Verfolgung. Darum die Ermutigung durch Jesus: "Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden... Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt werdet... Freut euch und jubelt: euer Lohn im Himmel wird groß sein!" Das bedeutet aber auch: Wer sich Jesus anschließt, wer an ihn als das Heil glaubt, der hat Anteil am Schicksal Jesu. Und wie Jesus sich nicht beirren ließ auf seinem Weg, so darf auch der Jünger sich nicht durch die Erfahrung von Ablehnung und Verfolgung davon abbringen lassen, das Rechte zu tun, nach Gottes Willen zu handeln, seinen Forderungen nachzukommen. Und dies ohne der Selbstgerechtigkeit zu verfallen und von Gott den gebührenden Lohn einzuklagen, zu verlangen. Jesu Seligpreisungen haben also den Charakter von festen Zusagen. Sie haben aber auch den Charakter von klaren Orientierungen. Wer sich ehrlich bemüht, sich an diese Regeln, an Jesu Maßstäbe, an seine Orientierungshilfen zu halten, sie in seinem Leben zu realisieren, der erfährt zugleich das Befreiende dieser Regeln, dieser Leitlinien. Es wäre ein grobes Missverständnis, darin eine Beschränkung der menschlichen Freiheit zu sehen. Jesu Worte und Empfehlungen bedeuten in keiner Weise einen Zwang. Seine Botschaft macht uns vielmehr fähig, den Fesseln der Egozentrik, den Fesseln des Egoismus zu entkommen, die Verkrampfung in das Nur-Eigene zu lösen. Weil Gott nämlich für uns da ist, darum brauchen wir uns nicht groß zu machen. Weil Gott uns trösten wird, darum können wir Leid und Not annehmen. Weil wir unseren Lebensraum durch den guten Gott, durch unseren Vater im Himmel immer schon gesichert wissen, deshalb brauchen wir uns nicht mit Gewalt und auf Kosten anderer durchzusetzen; wir können sie vielmehr neben uns gelten lassen; wir können sie lieben wie uns selber. Weil Gott unseren Hunger und unseren Durst stillen wird, weil er uns mit der Überfülle von Glück und Leben beschenken will, darum brauchen wir nicht voller Angst für unser Leben zu sorgen. Weil Gott zu uns voll Erbarmen ist und uns Vergebung gewährt, darum brauchen wir nicht die Schulden anderer einzutreiben; können wir ihnen vergeben. Weil Gott sich von uns schauen lässt, darum können wir uns um ein reines Herz bemühen, das von allem gottwidrigem Streben frei ist und auf den Willen Gottes ausgerichtet ist. Weil Gott uns in seine Familie, in die Lebensgemeinschaft mit sich aufgenommen hat, darum dürfen wir uns für Frieden, für ein Leben, für ein Zusammenleben als Kinder Gottes einsetzen. Weil Gott in Treue zu uns steht, darum brauchen wir uns vor Ablehnung und Verfolgung nicht zu fürchten. Wer also so eingestellt ist, wie es Jesus in seinen Seligpreisungen uns vor Augen stellt, der findet Leben und Heil; der gelangt zur inneren Freiheit, zur Freiheit der Kinder Gottes. Zu dieser Freiheit der Kinder Gottes hat uns Jesus gerufen; er hat uns dazu fähig gemacht. Paulus sagt es in seinem Brief an die Römer: "Ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsst; sondern ihr habt den Geist empfangen,... in dem wir rufen: Abba, lieber Vater!" Für dieses befreiende Gewissheit, Kinder Gottes zu sein, können wir ihm immer nur von Herzen danken.
5. Sonntag: "Salz der Erde und Licht der Welt"EinführungDie Predigt Jesu kann uns heilsam erschrecken. Seine Bildworte vom Salz der Erde und vom Licht der Welt können uns ins Mark treffen. Wie können wir dieser Aufgabe gerecht werden? Jesus gibt uns jedoch diese schier unlösbare Aufgabe nicht deswegen, um uns zu überfordern, um uns klein zu machen. Vielmehr nimmt er uns als seine Helfer in Dienst. Denn er ist ja im eigentlichen Sinn das Salz der Erde und das Licht der Welt. Seine Worte und seine Taten sollen uns ermutigen, bei ihm zu sein und ihn zu unterstützen. Wir wollen uns darum zu Beginn dieser Eucharistiefeier auf den Herrn besinnen, der uns zu seinen Zeugen, zu seinen Helfern gerufen hat.
- Herr, erbarme dich! Du bist das Licht der Welt, ohne das wir in der Finsternis bleiben - Christus, erbarme dich! Du befähigst uns, deine Worte und dein Licht weiterzutragen - Herr, erbarme dich! Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen. FürbittenHerr Jesus Christus, du hast uns gerufen, Salz der Erde, Licht der Welt und Stadt auf dem Berge zu sein. Voll Vertrauen kommen wir mit unseren Bitten zu dir:
Herr, unser Gott, du willst, dass wir in deiner Kraft Salz der Erde und Licht der Welt seien. Gib uns den Starkmut, diese Aufgabe zu erfüllen! Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen. PredigtAm vergangenen Sonntag haben wir im Evangelium die Seligpreisungen Jesu gehört. Die Kernaussage dieser überraschenden Wertungen war diese: Vor Gott kann nur bestehen, wer alles von ihm erwartet; wer sich Gott und seinem Denken öffnet. Gott allein ist es, der dem Menschen die ersehnte Vollendung schenkt, schenken kann. Diese Vollendung wird dem Menschen nicht aufgrund seines Tuns, seiner Leistungen, seiner Würdigkeit zuteil. Sie ist Gottes Gabe; sie ist Geschenk und eine unverdiente und unverdienbare Gnade, für die wir nur "Danke!" sagen können. Von hierher verstehen wir, warum die höchste Form des christlichen Gottesdienstes "Eucharistie" heißt: Feier der Danksagung derer, die sich von Gott geliebt und begnadet wissen. Können wir dann jedoch beruhigt die Hände in den Schoß legen und den Gang der Welt aus dem Fernsehsessel amüsiert, kritisch, verärgert beobachten? Das Evangelium, das wir eben gehört haben, bewahrt uns hoffentlich vor diesem groben Missverständnis. Denn die Bildworte vom Salz der Erde, vom Licht der Welt, von der Stadt auf dem Berge, die die Glaubenden sein sollen, mahnen uns eindringlich, dass wir Christen eine verpflichtende Aufgabe in dieser Welt erhalten haben; eine Aufgabe, die wir befriedigend lösen müssen, wenn wir Glaubende sein möchten. Jesus sagt in seiner Predigt klar und deutlich, worin die Aufgabe der Jünger, die Aufgabe derer besteht, die an ihn als den Messias, den Heilbringer, den Sohn Gottes glauben: sie sollen gute Werke tun; und diese guten Werke sollen für die Menschen in der Welt sichtbar sein und sie veranlassen, den Vater im Himmel zu preisen. Mit den guten Werken sind jedoch nicht in erster Linie Werke der Barmherzigkeit gemeint, sondern das rechte Tun insgesamt. Nach der "Gerechtigkeit", d. h. nach dem "Richtigsein vor Gott" sollen die Jünger hungern und dürsten; diese "Gerechtigkeit", also das Richtsein vor Gott soll die erste Sorge seiner Jünger, der Glaubenden sein. Und genau das ist zugleich die Grundform ihres Zeugnisses vor den Menschen für Gott, unseren guten Vater im Himmel. Die Menschen sollen zum Aufmerken, zum Nachdenken und Fragen kommen, so dass sie schließlich in den Lobpreis Gottes einstimmen. Wenn wir Kinder und Jugendliche, wenn wir ihr Verhalten beobachten und kennen lernen, dann stellt sich sofort die Frage nach ihren Eltern; es ist meistens unschwer zu erraten, von welcher Art ihr Zuhause ist. Die Jünger Jesu, die Glaubenden sollen wirklich Kinder Gottes sein; als Kinder Gottes erkannt werden - und zwar in diesem Sinn: die Art und Weise, wie sie miteinander umgehen, und wie sie sich zu Außenstehenden verhalten, wie sie Schwierigkeiten ertragen und wie sie sich einsetzen, einfach ihre ganze Art zu leben, soll zu der Frage anstoßen: Zu wem gehören sie? Woher haben sie das? Was für ein "Zuhause" haben sie? Die Lebensart der Kinder Gottes soll auf die Art des Vaters im Himmel aufmerksam machen. Die Jünger, die Glaubenden sollen sich am Tun des Vaters ausrichten. Diejenigen, die als seine Kinder leben, sollen Gott als guten Vater aller bekannt machen. Die einzelnen Bildworte Jesu, die das heutige Evangelium verwendet, sollen gerade diese Verbundenheit der Jünger, der Glaubenden mit Gott, mit Jesus als dem Sohn Gottes zum Ausdruck bringen. Diese Bildworte waren für die Jünger damals nichts Neues; sie waren ihnen aus dem Alten Testament bekannt. Das göttliche Gesetz für das Volk Israel wird ja als Salz und als Sonne, also als Licht beschrieben. Mit diesen beiden alttestamentlichen Bildworten vom Salz und vom Licht ist ein drittes verbunden, nämlich das Bildwort von der Stadt auf dem Berge, die nicht verborgen bleiben kann. Dieses Bild stammt aus der Bildwelt der Propheten Israels; es erinnert an die Hoffnung des auserwählten Volkes auf eine heilige Stadt der Endzeit, die alle Menschen sehen, und zu der alle Völker von weither pilgern. Wie sind nun diese Bildworte, die Jesus verwendet, zu verstehen? Wir dürfen davon ausgehen, dass sie ursprünglich nicht auf die Jünger, auf die Glaubenden, sondern auf Jesus selbst bezogen waren: Er ist das Salz der Erde; er ist das Licht der Welt; er ist die Stadt auf dem Berge. Dieser Schluss wird nahe gelegt durch den Satz aus dem Johannes-Evangelium: "Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben." (Joh. 8, 12) Das Salzsein und das Lichtsein der Jünger und der Glaubenden ist also vom Herrn gegeben, vom Herrn geschenkt; es ist ihnen vom Herrn anvertraut und aufgetragen. Nur in seiner Kraft und in seiner Ermächtigung können die Jünger, können die Glaubenden Salz der Erde, Licht der Welt, Stadt auf dem Berge sein. In der Kraft des Herrn sind die Glaubenden in dieser Welt lebensnotwendig; dürfen sie ihr Salzsein und ihr Lichtsein nicht verlieren. Unser Lichtsein ist also ein geborgtes, das wir sorgsam hüten sollen; das uns anvertraut ist zur Weitergabe, zur "Mit-Teilung". Das bedeutet: die Worte des Evangeliums, die ursprünglich auf Jesus bezogen wurden, erhalten einen neuen Sinn: sie sagen etwas aus über das Wesen und die Aufgaben derer, die an Jesus als an ihr Heil glauben. Die Frohbotschaft des Herrn, die den Jüngern, die den Glaubenden anvertraut worden ist, ist dieses ersehnte Salz, ist das ersehnte Licht. Und das ist der Grund, warum die Glaubenden sich nicht zurückziehen und die Welt sich selbst und ihrem Verderben überlassen dürfen. Sie sind die winzige Menge Salz, das kleine unscheinbare Licht für die ganze Welt. Sie haben eine Aufgabe für die ganze Welt, für alle Menschen ohne Ausnahme; auch für die, die den Herrn nicht kennen und anerkennen: "Das Volk, das im Dunkeln saß, hat ein helles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes saßen, ist ein Licht erschienen." (Matth. 4, 16) Diese alttestamentliche Verheißung muss von den Jüngern, muss von den Glaubenden wahrgemacht werden, indem sie die Botschaft Jesu Christi bekannt machen; indem sie diese Frohbotschaft zu den Völkern tragen: "Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!" Es gibt nicht vieles, was mehr gegen das Wesen des christlichen Glaubens verstößt als die Zufriedenheit mit dem Stand seiner Ausbreitung. Eine Kirche, die sich nur noch mit sich selbst, mit ihrem eigenen Wohlergehen befasst, eine Kirche, die aufhört, die Völker zu Jüngern zu machen, hört auf, die Kirche Jesu Christi zu sein. Nehmen wir aus dem heutigen Evangelium mit: als Glaubende haben wir vom Herrn selbst die Aufgabe zum Zeugnis des Lebens vor der Welt erhalten: Salz der Erde, Licht der Welt und Stadt auf dem Berge zu sein. An unserem Verhalten, an unserer "Gerechtigkeit", d. h. an unserem "Richtigsein" vor Gott und den Menschen soll erkennbar sein, dass wir Kinder unseres Vaters im Himmel sind, sein wollen; dass wir zu ihm gehören. Nur in seiner Kraft können wir als Glaubende die Frohbotschaft Jesu den Menschen heute mitteilen. Erbitten wir uns die Kraft, dieser Aufgabe nachzukommen, damit die Menschen unserer Tage unsere guten Werke, d. h. unser Christsein sehen und den Vater im Himmel und seinen Sohn Jesus Christus preisen.
6. Sonntag: "Die größere Gerechtigkeit"EinführungIn der Bergpredigt geht es Jesus darum, dass wir aufmerksam werden dafür, wie wir zu Gott stehen; wie wir zu den Mitmenschen stehen. Umschrieben wird das mit dem Wort "Gerechtigkeit". Dieses Wort bedeutet aber - nach dem Sprachgebrauch der Bibel - das "Richtigsein vor Gott"; dass wir im Einklang mit Gott und seinem Gebot leben; dass wir innerlich dazu stehen, und nicht nur den Buchstaben des Gesetzes erfüllen. Wie steht es mit dieser Art der "Gerechtigkeit", des "Richtigseins vor Gott" in unserem Leben? Besinnen wir uns und bitten wir den Herrn um Vergebung für all unser Versagen, für unsere Sünden.
- Herr, erbarme dich! Du rufst uns zur Versöhnung mit unseren Brüdern und Schwestern - Christus, erbarme dich! Du verlangst, dass unser Ja ein Ja und unser Nein ein Nein sei - Herr, erbarme dich! Es erbarme sich unser der allmächtige Gott! Er lasse uns die Sünden nach und führe uns zum ewigen Leben! Amen. FürbittenGott, unser Vater, du hast uns deinen Willen kundgetan in den Geboten. Durch deinen Sohn Jesus Christus hast du diesen deinen Willen uns ans Herz gelegt. Darum kommen wir mit unseren Bitten voll Vertrauen zu dir:
Gott, unser Vater, du rufst uns, mit ganzem Herzen dein Reich und deine Gerechtigkeit zu suchen. Auf diesem Weg gibst du uns Licht und Kraft durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen. PredigtAn den beiden vergangenen Sonntagen haben wir im jeweiligen Evangelium Texte aus der Bergpredigt gehört: die Seligpreisungen und Jesu Wort vom Salz der Erde und vom Licht der Welt, das diejenigen sein sollen, die Jesus nachfolgen willen, die an ihn glauben. Die Bergpredigt ist seine Grundsatz-Erklärung, seine Weisung für seine Jünger, die mit ihm gehen, die mit ihm leben wollen. Diese Grundsatzerklärung fällt jedoch nicht vom Himmel. Sie baut vielmehr auf dem Gesetz des Alten Bundes auf. Von diesem Gesetz soll nichts außer Kraft gesetzt werden. Es ist nämlich die Grundlage aller Sittlichkeit. Aber dieses Gesetz kann für den Jünger nicht genügen: "Wenn eure Gerechtigkeit nicht (noch) weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen" - so haben wir es eben gehört. Was genügt denn nicht an der Einstellung der Schriftgelehrten und der Pharisäer? Was kann vor Gott letztlich nicht genügen und Bestand haben? Es ist ein Denken, das meint, nun doch aus eigenen Kräften allein das Heilsein vor Gott schaffen, den Himmel erreichen, ja verdienen zu können - und zwar durch eine buchstabengetreue Befolgung des alttestamentlichen Gesetzes. Was Jesus den Schriftgelehrten und den Pharisäern also vorwirft, ist nicht, dass sie das alttestamentliche Gesetz nicht befolgen; sondern dass sie von ihrer minutiösen Befolgung allein das Heil erwarten, nicht vom guten Gott selbst. Und das ist der Punkt, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen, gerade wenn wir es mit unserem Christsein ernst meinen; hier liegt auch unsere eigene Gefährdung als Christen. Gewiss, wir geben oft zu, dass wir unvollkommen sind und unsere Fehler und Schwächen haben. Aber wir haben nicht den Eindruck, dass wir in einer radikalen, in einer fundamentalen Weise auf Gott angewiesen sind. Erwarten wir nicht doch im letzten das Heil, das Richtigsein von uns und unserem Tun allein? Gott könnte doch eigentlich mit uns zufrieden sein. Und da mutet uns Jesus zu, dass wir nicht nur dies oder jenes in unserem Verhalten in Frage stellen, dies oder jenes bedauern und besser machen wollen. Er mutet uns zu, uns selbst in Frage zu stellen, unser Stehen vor ihm zu überprüfen. Er fragt uns, ob wir ihn als den tragenden Grund unseres ganzen Wesens anerkennen; ob wir deshalb von ihm unser Heilsein als Gabe, als Geschenk erwarten; und ob wir aus der großen Dankbarkeit ihm gegenüber leben. Was diese "größere Gerechtigkeit" in den Augen Jesu bedeutet, das wird im folgenden an einigen Beispielen erläutert. Und daran können wir klarer erkennen, dass wir alle umdenken müssen; dass wir uns nicht begnügen können mit unserem menschlichen Bemühen allein; dass wir des Gehaltenseins durch ihn bedürfen. In der Begegnung mit unseren Mitmenschen können wir uns nicht damit begnügen, dass wir ihnen nichts Schlimmes antun; dass wir ihnen nicht gegen das Schienbein treten; dass wir ihnen nicht den Hals zudrücken; dass wir sie nicht umbringen. Wir dürfen auch dem Groll, dem Zorn und dem Hass in unserem Herzen keinen Raum geben. Jeder von uns weiß, wie schwer uns das fällt. Ein weiteres Beispiel: "Wenn du deine Gabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe!" Selbst die Tatsache, dass ich keinen Groll im Herzen hege, keinen Hass in mir nähre, ist genug vor Gott. Ich muss dafür sorgen, ich muss mich darum bemühen, dass auch der Bruder seinerseits den Groll und den Hass aus seinem Herzen verbannt. Ein weiteres Beispiel wird genannt: der Bereich der Geschlechtlichkeit und der Ehe. Da genügt nach Jesu Auffassung nicht nur die äußerliche Wohlanständigkeit und Rechtlichkeit. Hinzukommen muss die innere Treue und Achtung vor dem anderen, vor der Frau, vor dem Partner. Niemand darf degradiert werden zu einem auswechselbaren Mittel der eigenen Befriedigung, das man nach Gebrauch wegwirft; dessen man sich zu gegebener Zeit entledigt. Radikalisiert werden die Forderungen Jesu, die Sünde zu meiden, durch das Bild vom Ausreißen des Auges, vom Abhacken der Hand. Diese Bilder sollen deutlich machen: unser Bemühen hat sich gegen die Wurzeln unserer Fehler und Sünden zu richten und nicht nur gegen die Symptome, gegen die Dinge an der Oberfläche, gegen die Auswüchse. Und dieses Bemühen, die Fehler an den Wurzeln zu bekämpfen, tut weh. Das alles bedeutet: Wer Jesus nachfolgen will, wer seine Gebote und Weisungen übernimmt, der muss sich anstrengen, abmühen. Das kostet etwas. Aber: in diesem Bemühen sind wir nicht auf uns allein angewiesen. Wir sind vielmehr gehalten vom Vater im Himmel, der all unser Tun ergänzen, stärken, vollenden muss. Deshalb wollen wir den Herrn, der uns zur Vollkommenheit ruft, um seine Hilfe bitten. Unsere Vollkommenheit hat kein menschliches Maß, sondern ein göttliches: "Seid vollkommen - wie auch euer Vater im Himmel vollkommen ist!" Erfüllung finden wir nur in Gott; in dem, was er uns schenkt. Aber genau das ist Grund zur Freude, Grund auch zur Dankbarkeit: dass wir nicht verurteilt sind zur Perfektion aus eigenen Kräften, sondern dass der Vater im Himmel uns hält; dass er uns an die Hand nimmt; dass er mit uns geht.
7. Sonntag: "Vergeltung oder Liebe"
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