Rechtfertigung – Lohn oder Gnade?

 

Vorbemerkung

Der Vortrag "Rechtfertigung – Lohn oder Gnade?" – ist auf einer Veranstaltung der evangelischen "Marktkirchen-Gemeinde" von Hannover am 13. Mai 2004 gehalten worden. Co-Referent war der lutherische Alt-Landesbischof Hirschler. In meinem Vortrag habe ich bewusst darauf verzichtet, die kontrovers-theologischen Auseinandersetzungen darzulegen. Ich habe sogar auf das Wort "Rechtfertigung" verzichtet. Die gemeinte Sache hingegen, um die es geht, sollte in einer Weise dargestellt werden, dass der "gemeine Mann" (Martin Luther) sie aufgrund seiner eigenen Lebenserfahrung als Christ verstehen und nachvollziehen kann.

 

I.

Seit der Aufklärung, in Deutschland vor allem seit Immanuel Kant, wird Religion verstanden als eine Institution zur Erhaltung der Moral. Ja, Religion und Kirche werden auf diesen Aspekt, auf diese "Funktion" reduziert. Die christlichen Kirchen haben gegen diese Verkürzung und Verkennung nicht laut protestiert. Man hat sogar den Eindruck: sie haben diese Verkürzung akzeptiert, ja begrüßt, die moralische Erziehungsinstanz der Menschheit zu sein.

Nun hat der Christ, der Glaubende gewiss eine "Moral". Aber diese "Moral" erfließt aus einem Ur-Grund. Das war immer die Überzeugung der Christenheit gewesen, dass alles Handeln, dass auch alles "moralische" Handeln aus einem Seinsgrund sich herleitet; dass alles Handeln also etwas Zweites, etwas "Relatives" ist – "relativ" in diesem Sinn: bezogen auf und abgeleitet von einem Seinsgrund, von einem "Grund-Satz".

Worin aber gründet das Tun des Christen? Worin gründet die "christliche Moral"? Für mich jedenfalls stellt gerade das österliche Geschehen einen klaren Hinweis auf diesen "Seinsgrund", auf diesen "Grund-Satz" des Christlichen dar. Im Gesang der Osternacht, im "Exsultet" wird dieser Seinsgrund genau benannt: "O unfassbare Liebe des Vaters! Um den Knecht zu erlösen, gabst du den Sohn dahin." Gott ist in der Tat – das hat uns Jesus bis in seinen Tod gezeigt – die Güte und die Liebe. "Gott ist gütig – sogar gegen die Undankbaren und Bösen" – so heißt es in der Bergpredigt bei Lukas. Wenn Jesus die Verlorenen sucht, wenn er den Verachteten begegnet, wenn er die Kranken heilt, dann zeigt sich darin "der Finger Gottes", d. h. dann zeigt sich darin etwas vom Wesen Gottes; dann erweist sich Gott in der gewährten Zuwendung eben nicht als der Gott des Zorns und des Gerichtes über die Sünder, über die Übertreter und Abweichler von seinen Geboten, sondern dann erweist er sich als "der Vater der Erbarmungen und der Gott allen Trostes", wie Paulus im 2. Korintherbrief schreibt (1, 3). Und in Jesus Christus, in seinem Leben und Sterben hat sich dieser Gott erwiesen als der Gott der vorbehaltlosen, der bedingungslosen, der unwiderruflich gewährten Liebe. Dieses Neue, ja das bis dahin Unerhörte im Gottesbild und im Gottesverhältnis des Menschen zeigt sich in der ehrfürchtigen, ja in der zärtlichen Anrede Jesu: "Abba – lieber Vater!" Selbst in der Verlassenheit des Kreuzes ist Gott für Jesus der "liebe Vater": "Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist." Und auch uns trägt Jesus auf, zu Gott als zu unserem "lieben Vater" zu beten.

Gerade im österlichen Geschehen, wo deutlich wird, dass das Wesen Gottes in seiner bedingungslos schenkenden Liebe besteht, ist nun auch offenbar geworden, ist ans Licht getreten, was der 1. Johannesbrief in das programmatische Wort gefasst hat: "Gott ist Licht, und keinerlei Finsternis ist in ihm." (1, 5) Vor diesem Hintergrund, dass in Jesus Christus der leibhafte Erweis, der greifbare Beweis der göttlichen Liebe auf dieser Erde erschieden ist, tritt erst die Tragödie zutage, dass diese göttliche Liebe zurückgewiesen worden ist. Unser Herr erleidet – das zeigt das Karfreitags-Geschehen in aller Deutlichkeit – er erleidet die Folgen der "Liebesunfähigkeit" des Menschen, des tiefsten Unglücks des Menschen, wie es ein Theologe ausgedrückt hat. Der Mensch fühlt sich offensichtlich von dieser bedingungslosen Liebe Gottes überfordert; das übersteigt anscheinend seine Vorstellungskraft. Und so gibt er – wie es im Johannes-Evangelium heißt – "der Finsternis den Vorzug vor dem Licht" (3, 19).

Wenn aber dieser Satz: "Gott ist Licht, und keine Finsternis ist in ihm", wahr ist, dann ist jedenfalls "Zorn" keine Eigenschaft Gottes. Gott kennt keinen Zorn. Zur Liebe gibt es in Gott keine Alternative. Die Selbstoffenbarung Gottes im Liebestod seines Sohnes am Kreuz müsste sich deshalb nicht im Ruf nach Sühne zum Ausdruck bringen, um einen zürnenden Gott zu besänftigen – wer könnte denn genügend Sühne leisten? Die Selbstoffenbarung Gottes im Liebestod unseres Herrn müsste sich vielmehr im Jubelruf zum Ausdruck bringen, wie er im 1. Johannesbrief formuliert ist: "Seht doch, welch große Liebe der Vater uns erwiesen hat: dass wir Kinder Gottes nicht nur heißen, sondern es sind." (3, 1)

Als Konsequenz ergibt sich die Erkenntnis: die christliche Sicht des Menschen hat ihren Höhepunkt nicht im Gedanken des Geschaffenseins; auch nicht im Gedanken der Gottebenbildlichkeit (Gen. 1, 26). Die christliche Sicht des Menschen hat ihren Höhepunkt im Gedanken der Erhebung des Menschen zur Gotteskindschaft. Der Kolosserbrief drückt es so aus: "Danket dem Vater mit Freude! Er hat uns aus der Macht der Finsternis entrissen und in das Reich seines geliebten Sohnes aufgenommen. Durch Jesus Christus haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden." (1, 12 – 14) Der hl. Paulus verdeutlicht den Sinn der Gotteskindschaft dahingehend, dass für ihn an die Stelle des Gottes der Gerechtigkeit und des Gesetzes, für den er bislang geeifert hatte, der Gott der sich verschenkenden Liebe getreten ist: "Gott sandte den Geist seines Sohnes in unsere Herzen, der ‚Abba – lieber Vater’ ruft." (Gal. 4, 6) Und an einer anderen Stelle heißt es bei Paulus: "Ihr habt doch nicht den Geist der Knechtschaft empfangen, so dass ihr euch wiederum fürchten müsstet, sondern den Geist der Sohnschaft, in dem wir rufen: ‚Abba – lieber Vater!’" Röm. 8, 15)

Das bedeutet aber auch: der eigentliche Gegensatz zu unserem christlichen Glauben ist nicht der dezidierte "Unglaube", sondern die Angst. Der Glaube jedenfalls ist die Befestigung, die Verankerung in der Wirklichkeit Gott: "Wenn ihr nicht glaubt, habt ihr keinen Halt." So sagt es schon der Prophet Jesaja. Der christliche Glaube überwindet die Angst – so oft die Christen auch versucht haben, ihre Anhänger durch das Einreden von Gewissens-, Sünden- und Höllenängsten zur Annahme von Weisungen und Geboten zu bewegen, ja sie zu disziplinieren. Von der offenkundigen Liebe Gottes durchdrungen und überzeugt wissen wir Christen doch definitiv, wohin wir gehören, und worin der Sinn unseres Daseins besteht. Gott erweist sich für uns in der Tat als "der Vater der Erbarmungen und er Gott allen Trostes". Und wir Christen begreifen es von daher als unsere große Aufgabe, dieser vorbehaltlosen Liebe Gottes zum Durchbruch zu verhelfen; diese Liebe zum Leuchten zu bringen; dieser Liebe in uns und in der Welt Raum zu verschaffen. Diese Aufgabe stellt sich uns insbesondere in der skeptisch-resignativen Stimmung der heutigen Gesellschaft, die auch vor den Toren der Kirche hierzulande nicht Halt macht.

Wer indessen heute von der bedingungs- und vorbehaltlosen Liebe Gottes spricht, der muss damit rechnen, dass er – wie Jesus selber – auf eine Wand der Verweigerung und Ablehnung, wenn nicht sogar in ein Vakuum des Unverständnisses stößt. Aber diese Botschaft unseres Herrn von der Liebe Gottes, von unserer Aufnahme in die Gotteskindschaft haben wir zu verkünden, weiterzutragen – ob gelegen oder ungelegen. Ja, mehr als das! Denn wir haben nicht nur eine Botschaft vom Herrn erhalten, die wir weitergeben sollen. Der Herr selber ist ja die eigentliche Botschaft. Er ist doch die Verleiblichung der göttlichen Liebe. Er ist doch die bleibende Anwesenheit der Liebe Gottes in dieser Welt: dass Gott Licht ist, und dass keine Finsternis in ihm ist; dass wir wie Jesus selber zu Gott sagen dürfen: "Abba – lieber Vater!" Denn "Gott ist die Liebe", wie es im 1. Johannesbrief wiederholt heißt.

 

II.

Was bedeutet dies für unser Christsein, für unsere Lebenspraxis, für unser Tun? Ich möchte darauf antworten mit dem Hinweis auf das Gleichnis Jesu vom gütigen Arbeitsherrn, von den Arbeitern im Weinberg. Die Lehre dieses Gleichnisses für uns heute sehe ich darin:

Als Christen wissen wir um einen Sinn des Lebens, der nicht abhängt von unserer Mühe und Anstrengung, von unserem Machen und Leisten; ob wir "Erfolg" haben; ob wir ein Resultat vorweisen können. Der Christ weiß sich vom "Dämon Erfolg" befreit. Wir brauchen Gott letztlich nichts zu beweisen; denn er liebt uns ja; seinen Händen sind wir eingeschrieben. Und er liebt uns nicht, weil wir gut sind; weil wir treue Beobachter seiner Gebote sind; weil wir "Prachtexemplare der Menschheit" sind; sondern weil er gut ist, grenzenlos gut. Wir bemühen uns darum, gute Menschen zu sein – nicht damit er, Gott, uns gnädig ist; damit er uns einmal den wohlverdienten, einklagbaren Lohn gibt für unsere Leistungen. Gott muss sich nicht einmal bei uns bedanken. Wir schulden ihm Dank. Wir sind die Beschenkten. Unser sittliches Bemühen, unsere Arbeit ist also nur die Antwort auf seine Güte und Liebe. Weil er uns gnädig gewesen ist, weil wir umfangen sind von seiner Huld und Liebe, darum bemühen wir uns um ein anständiges Leben; bemühen wir uns, ihm unsere Dankbarkeit zu zeigen; sind wir froh, für ihn arbeiten zu dürfen.

Das bedeutet: wir sollen in keiner Weise die Hände in den Schoß legen. Wir erwarten aber von unserer Arbeit, von unserem Bemühen, gar vom vorweisbaren Erfolg unserer Anstrengung nicht das Heil, unsere Identität. Wir erwarten vielmehr alles von seiner Güte. Unser Tun und Bemühen sind nur der Dank für seine Großzügigkeit, für seine Gnade. Deshalb stehen wir nicht mehr unter dem gebieterischen Muss, Gott eine vorweisbaren Leistung präsentieren zu müssen. Wer kann das überhaupt, wenn wir ehrlich sind vor uns selbst? Wir wissen als Christen, dass das Eigentliche im Leben nicht Leistung ist, sondern Geschenk, Gabe, Gnade. Dies gilt schon für unser natürliches Leben. Können wir uns denn die Liebe eines anderen verdienen, gar erkaufen? Wenn wir so fragen, dann spüren wir sofort die Absurdität eines solchen Denkens. Zu wissen aber, einfach geliebt zu sein, das macht froh und glücklich; das befreit mich von der Angst, ob es mir je gelingt, die erforderlichen Leistungen zu erbringen, die den anderen zufrieden stellen können.

III.

Der Grundakt des Christen ist also – das ist meine tiefe Überzeugung – der Dank. Natürlich drückt sich dieser Dank im Tun aus – aber nicht um mit Gott gleichsam "quitt" zu sein. Sie verstehen vielleicht nun auch, warum bei uns Katholiken dieser "Dank" seinen deutlichsten Ausdruck gefunden hat in der "Feier der Danksagung", in der "Eucharistie" – angesichts der "unfassbaren Liebe des Vaters", um den Satz des "Exsultets" der Osternacht nachmal aufzugreifen: "Seht, welch große Liebe der Vater uns erwiesen hat! Wir heißen nicht nur Kinder Gottes; wir sind es.

 

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