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Sport als säkulare Religion (*)

(veröffentlicht in: Stimmen der Zeit, Februar 2002, S. 90 -102)

 

Im Olympiajahr 1932 brachte das Berliner Magazin "Der Querschnitt" ein Heft mit dem Thema "Fug und Unfug des Sports" heraus (1). Über die erste Seite zog sich eine Balkenüberschrift "Weltreligion des 20. Jahrhunderts". Der fiktive Rückblick aus einem Abstand von zehntausend Jahren beginnt mit der Aussage: Nicht das Christentum sei das beherrschende Religionssystem des euroamerikanischen Kulturkreises gewesen, sondern eine neue "Weltreligion" mit Namen "Sport". Diese neue religiöse Bewegung habe im 20. Jahrhundert die alte christliche Religion fast völlig verdrängt. Das Symbol des Kreuzes sei ersetzt worden durch das des Balls, dessen Kugelgestalt - als "Sinnbild des im Endlichen beschlossenen Unendlichen" - als höchste Form des Religiösen angesehen worden wäre. Die Kugelgestalt des Balles, des hauptsächlichsten Kultgegenstands, zeige den Diesseits-Charakter der "Sportreligion". Hingewiesen wird auf schichtenspezifische Sportarten ("Sekten" genannt), von der Unterschicht über den Mittelstand bis zur Oberschicht, ebenso auf die Inbrunst der sportlichen Kulthandlungen. Schließlich wird die staunenerregende Popularität mancher "Priester und Priesterorden der Sportreligion" erwähnt, um die sich häufig hunderttausend "Gläubige" scharen.

Wolfgang Rothe bezeichnet diesen fiktiven historischen Rückblick zwar als "Scherz à la mode". Doch scheint die Charakterisierung des Sports als "Weltreligion des 20. Jahrhunderts" durchaus zutreffend zu sein. Denn offensichtlich treten im heutigen Sport Phänomene zutage, die religionstypische bzw. für Religionen charakteristische Merkmale aufweisen. Verbirgt sich vielleicht hinter dem modernen Sport eine "säkulare Religion"? (2) Läßt nicht gerade die Maxime des Olympismus "citius, altius, fortius - schneller, höher, stärker" vermuten, im modernen Sport gehe es um "Selbsttranszendenz"?

"Religion" läßst sich charakterisieren als ein "Welterklärungs- und Lebensbewältigungssystem", das sich durch die Ausrichtung auf eine wie immer geartete "Unverfügbarkeit", zu der sich die Menschen ins Verhältnis gesetzt wissen, auszeichnet. Als ein solches "System" ist eine Religion gegenüber der Umwelt zwar autonom, steht aber mit ihr in einem ständigen Wechselwirkungsprozeß. Sie wird getragen von Menschen und gewinnt durch deren "Glauben", deren Verhalten und Vergesellschaftung ihre Gestalt. Ein Kennzeichen aller "Religionen" ist die "Bewältigung von Kontingenz": Kontingenz verstanden als Endlichkeit und Ungenügen im menschlichen Leben, zu dem Krankheit, Leid und Tod, aber auch Schuld und Versagen gehören. "Religionen" eröffnen dem Menschen Wege, sinnvoll mit Gegebenheiten der Kontingenz umzugehen und die

 


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negativen Momente in den eigenen Lebensentwurf zu integrieren. Mit diesem Verständnis von "Religion" als einem "System", mit dem Menschen die zentralen Fragen des Lebens angehen, können auch jene bewußt säkularen Weltanschauungen und Ideologien als "Religion" gelten, die zwar keine transzendente Perspektive (z. B. auf "Gott" hin) zulassen und die traditionellen Religionen ablehnen, dennoch aber "das Ganze" von Welt, Mensch und Geschichte thematisieren und so für ihre Anhänger die Funktion von Religion wahrnehmen können.

 

Der "Neue Mensch" zwischen rekreativem und sportlichem Prizip

Angesichts einer fortschreitenden Säkularisierung geht es für viele heute nicht mehr um ein transzendentes "Heilsziel". Im Begriff der "Zivilreligion" bzw. einer "säkularen Religion" ist nach Gottfried Küenzlen das Hoffnungsziel des "Neuen Menschen"eingeschlossen, und zwar in den unterschiedlichsten Ausprägungen. Es geht um den sich bildenden neuen Menschen, der "hier auf Erden schon das Himmelreich" besitzt (Heinrich Heine). Folgerichtig wird der Mensch dann verstanden als Produzent und Regisseur seines eigenen "Heils":

"Der Neue Mensch wird nun in empirischer Realisation als durch die gesellschaftlichen Kräfte herstellbar, planbar und in der Vorstellungswelt einiger Strömungen auch biologisch züchtbar gedacht." (3)

Was den Begriff "Sport" betrifft, so führt eine mehr äußerliche Betrachtung dazu, den Erholungs- und Freizeitsport vom Bereich des wettkampfmäßig betriebenen Sports zu unterscheiden. Das unterscheidende Merkmal liegt dabei nicht in der subjektiven "Leistung", die bei den sportlichen Übungen erbracht wird. Vielmehr liegen den beiden Bereichen zwei verschiedene "Prinzipien" zugrunde: das "rekreative" und das "sportliche Prinzip".

Das "rekreative Prinzip" beinhaltet den Bereich des zweckfreien, ungebundenen Spiels; es verwirklicht sich in der Freiheit vom Leistungszwang, bestimmt sich in der immer beschränkten zeitlichen Aufwendung; es versucht, Freude und Vergnügen zu gewinnen; es huldigt dem Überflüssigen; es gibt spontanen, schöpferischen Einfällen nach; es befreit sich von aufgezwungenen Regeln und Übungsweisen; es tendiert auf Erholung und Ausgleich und gewährt die Rückgewinnung der menschlichen Freiheit von belastenden Daseinsbedingungen. All das trifft nicht nur für weite Bereiche der traditionellen und institutionalisierten Sportbewegung zu, sondern umfaßt vielerlei andere Formen von "Leibesübungen", in denen sich das Denken und Fühlen der modernen Wohlstandsgesellschaft ausdrücken. Genannt seien der "Skitourismus", der mit dem "Skisport" kaum etwas zu tun hat.

Dem wettkampfmäßig betriebenen Sport (Breiten- und Spitzensport) liegt dagegen ein anderes "Prinzip" zugrunde, und zwar das "sportliche". Es beinhaltet das auf Rekord gerich-

 


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tete Leistungstreben; es verwirklicht sich im Leistungsvergleich das Wettkampfes; es bestimmt sich durch den Aufwand an Zeit und auch an Geld für ein leistungsorientiertes, spezialisiertes Training; es versucht, durch Rationalisierungsmaßnahmen vielfacher Art die Effektivität der aufgewendeten Trainingszeit zu erhöhen; es ersinnt immer neue Methoden der Ökonomisierung von technischen Fertigkeiten oder taktischen Verhaltensformen; es drängt auf Automation von Bewegungsabläufen und unterscheidet sich vom Arbeitsprinzip lediglich noch hinsichtlich der größeren Möglichkeiten freier Entscheidungen. (4)

Im folgenden sollen eine Reihe von Phänomenen bzw. von Merkmalen aufgezeigt werden, die den Schluss nahe legen könnten, daß wir es in der heutigen Sportbewegung möglicherweise oder gar offensichtlich mit einer "säkularen Religion" zu tun haben. Das soll an einigen Beispielen verdeutlicht werden. Erstens an den entliehenen "quasi-religiösen Elementen" im modernen Sport; zweitens am ausdrücklichen Bekunden, eine "Religion" zu sein; drittens am Bemühen, ein "sinnvermittelndes Handlungssystem" zu sein; viertens an Phänomenen, die das für Religionen typische Element der "Ekstase" aufweisen; und fünftens am Trend zur egozentrischen, ja "solipsistischen Okkupation" bzw. "Besessenheit" gerade im Spitzensport.

 

Die entliehenen "quasi-religiösen Elemente" im modernen Sport.

Um den modernen Sport als eine "säkulare Religion" zu erweisen, ist es verfehlt, auf die Agonistik der griechischen Antike und ihre Beheimatung im Götterkult hinzuweisen. Diese Beheimatung in der Religion und im Kult der Griechen manifestierte sich bekanntlich vor allem in den großen panhellenischen Spielen von Olympia, Delphi, Nemea und Korinth. Der moderne Sport und auch die "quasi-religiösen Elemente" im modernen Sport haben andere Wurzeln, auch wenn man sich immer wieder auf die griechische Antike beruft.

Augenfällig wird dies, wenn und wie bei Eröffnungsfeiern von Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften quasi-religiöse Liturgien zelebriert werden - nicht zuletzt zuschauergerecht von den Medien ins Bild gesetzt. Intendiert wird bei diesem "Transfer des Sakralen" eine "Sublimierung des Sports" durch ein Zeremoniell. "Liturgien" segnen ab; sie nehmen auf in eine Kultgemeinde; sie nehmen auf in die Gemeinschaft der "Wissenden", der "Gnostiker"; sie gewähren Sicherheit und Geborgenheit in der Gruppe der Gleichgesinnten. Diese "Liturgien" werden zelebriert von einer "Priesterklasse", von einer "Nomenclatura", die Privilegien genießt und darüber entscheidet, wer würdig ist, an diesen "Liturgien" teilzunehmen und in den Kreis der Privilegierten aufgenommen zu werden.

Aber nicht nur auf einer "hohen Ebene" laufen "quasi-religiöse Liturgien" ab. Auch auf anderen Ebenen des Sports werden "Rituale" vollzogen:

 


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"Alles ist ritualisiert, verarbeitet Situationen und informiert die Wissenden über den Stand des Geschehens: vom Einlauf der Mannschaften in Vereinsfarben und Wimpeltausch, Nationalhymne vor Spielbeginn und nach Olympiasieg." (5)

Äußerungen von Vereins-Fans wie: "Meine Religion ist der Verein XY" oder der Titel einer Fan-Zeitschrift "Schalke-Unser" sollte man allerdings nicht überbewerten, sondern als Kuriositäten ansehen. Sie weisen allerdings auf Sinn-Defizite gerade von Jugendlichen hin.

 

Der ausdrückliche Anspruch des Olympismus, eine "Religion" zu sein.

Weitaus gewichtiger scheinen Äußerungen aus dem Bereich des modernen Olympismus zu sein, die den ausdrücklichen Anspruch erheben, eine Religion zu sein. Dieser Anspruch wird vor allem vom Gründer der Olympischen Bewegung Pierre de Coubertin, aber auch vom langjährigen Präsidenten des IOC Avery Brundage erhoben; nicht zuletzt von Carl Diem, der - vor allem durch die Ausrichtung und Gestaltung der Olympischen Spiele 1936 in Berlin - prägenden Einfluss im Sinne von Religion und Kult ausgeübt hat.

Für Pierre de Coubertin, den Begründer der Olympischen Spiele der Neuzeit, der sich berufen fühlte, das "sportliche Evangelium zu predigen" (6), ist der Sport "eine Religion mit Kirche, Dogma, Kultus ..., aber besonders mit einem religiösen Gefühl"; die Olympischen Spiele haben für ihn einen "sakralen Charakter" und geben dem Sport eine kultische Überhöhung:

"Das erste und wesentliche Element des alten wie des neuen Olympismus ist: eine Religion zu sein. ... Ich glaube daher, recht gehabt zu haben, wenn ich mit der Erneuerung des Olympismus von Anfang an versuchte, ein religiöses Empfinden wiederzuerwecken. ... Der sport-religiöse Gedanke, die ‚religio athletae', ist nur langsam in das Bewußtsein der Sportler gedrungen. ... Aber nach und nach wird es ihnen voller Ernst damit werden." (7)

Und an anderer Stelle: "Wie der alte Athletismus, so ist auch der moderne Athletismus eine Religion, ein Kult." {8} Der Athlet ist für Coubertin "eine Art Priester und Diener der Religion der Muskelkraft" {9}; die sportliche Jugend aller Nationen soll "wieder zu Jüngern der sportlichen Religion werden" {10}. Offensichtlich war für Coubertin "die Krönung der olympischen Idee durch die olympische Religion notwendig, weil ohne Religion der olympischen Idee die Dynamik, die Begeisterung und das Absolute fehlen würden" {11} Einer säkularisierten Welt empfahl er die "Fortsetzung des Gottesdienstes am wieder aufleuchtenden Olympischen Feuer" {12}. Bezeichnend für die Sichtweise Coubertins ist auch seine "Ode an den Sport", in der die "Religion der Muskelkraft" {13}, also ein Biologismus darwinistischer Prägung, zum Ausdruck kommt.

Man könnte aus den Äußerungen Coubertin's den Schluss ziehen, er habe aus der antiken "olympischen Religion" zwar bestimmte "Rituale" übernommen und

 


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das "religiöse Gefühl", jedoch nicht die Götter bejaht, damit auch nicht so etwas wie "Transzendenz". An die Stelle der Götter setzte er, zumindest in manchen Äußerungen, die Nation als Surrogat des Göttlichen; der siegreiche Olympiakämpfer der Gegenwart erhöhe sein Vaterland, seine Rasse und seine Fahne. {14}

"Wie sehr sich Coubertin selbst dieser Tatsache der Pseudo-Religiösität des Olympismus bewußt war, geht daraus hervor, daß er an anderer Stelle vom ‚wahren Paganismus', dem ‚Kult des Wesens Mensch' spricht." {15}

Auf der Linie Coubertin's liegt ohne Zweifel Avery Brundage, der 1952 Präsident des IOC wurde. Er hat den Religionsbegriff im Zusammenhang mit dem Sport und mit der Olympischen Bewegung in ähnlichem Sinn wie Coubertin verwendet. Seine am meisten bekannten Äußerungen von 1964 gingen unter der Schlagzeile "Olympismus - Religion des 20. Jahrhunderts" durch die Medien:

"Die Olympische Bewegung ist eine Religion des 20. Jahrhunderts, eine Religion mit universalem Anspruch, die in sich alle Grundwerte anderer Religionen vereinigt. Eine moderne, dynamische Religion, attraktiv für die Jugend, und wir vom Internationalen Olympischen Komitee sind seine Jünger. Hier gibt es keine Ungerechtigkeit der Kaste, der Rasse, der Familie, des Geldes. Man suche in der ganzen Geschichte und wird kein System von Grundsätzen finden, das sich so weit und so schnell ausgebreitet hat wie die brillante Philosophie de Coubertins. Er hat die Fackel entzündet, die die Welt erleuchten wird." {16}

Neben Coubertin und Avery Brundage ist - zumindest aus deutscher Sicht - Carl Diem zu nennen. Er trug wohl (nach Coubertin) am meisten zu dem bei, was wir als "Rituale" und als "kultische Handlungen" bei Olympischen Spielen bezeichnen. Diem selbst sieht sich als "Gralshüter" der Coubertinschen Ideen, ja als "Sohn" Coubertins, der anlässlich eines Besuches im Vorfeld der Berliner Spiele von 1936 "wie ein Sohn den Segen des Vaters erhalten möchte" {17}. 1944 wird er aus Anlaß des 50jährigen Bestehens des IOC schreiben:

"Nirgendwo spiegelt sich die vollkommene Begabung unseres genialen Erneuerers stärker als in der Fassung der Olympischen Zeremonien, in der geistigen und künstlerischen Ausprägung dieses Gedankens, in der Schaffung echter olympischer Symbole, die - ich glaube, dies sagen zu dürfen - den gesamten Sport auf eine höhere Ebene gehoben haben." {18}.

Von daher wird verständlich, daß er gerade mit seiner "Inszenierung" der Olympischen Spiele 1936 in Berlin im Sinne Coubertins die geistige Substanz des Olympismus erneuern wollte. In seiner "Botschaft" zum Schluss der Berliner Spiele schreibt Coubertin selbst:

"Berlin hat ihm (dem Olympismus) jetzt für alle Zeit durch gewagte, von vollstem Erfolg gekrönte Unternehmungen, als da sind der Fackellauf mit dem Olympischen Feuer oder die Veranstaltung vom ersten Abend der Spiele, die Weihe gegeben; beide wurden von meinem genialen und begeisterungsfähigen Freund Carl Diem ins Werk gesetzt." {19}

Es gab zwar bei den voraufgegangenen Olympischen Spielen schon das Olym-

 


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pische Feuer in den verschiedenen Kampfstätten. Für Berlin hatte Diem indessen den Einfall, die Entzündung des Feuers zu einem feierlichen quasi-religiösen Akt zu gestalten:

"Die Flamme der XI. Olympischen Spiele ... wurde im heiligen Hain des antiken Olympia ‚geboren' ... Die Sonne Griechenlands, gesammelt im Brennpunkt eines Hohlspiegels der deutschen Firma Carl Zeiß, entflammte die Fackel in der Hand einer ‚Priesterin'." (20)

Die Idee des sich an diese Zeremonie anschließenden olympischen Fackellaufs von Olympia bis Berlin wird zwar immer wieder Carl Diem zugeschrieben. Doch kam die Anregung offensichtlich aus dem Berliner Propaganda-Ministerium - eine Tatsache, die von der olympischen Bewegung allgemein ignoriert wird. Diem war auf jeden Fall daran gelegen, dem olympischen Zeremoniell durch das Prestige der Antike "höhere Weihen" zu verschaffen. Im Rückblick schreibt er, er habe sich sogar versucht gesehen zu sagen, daß die Fackel von einem "Lichtgott" mit "göttlicher Beschwingtheit" (21) ins Stadion getragen wurde.
Auch wenn Diem sich später zurückhaltender äußerte, so sind doch manche seiner Ausführungen bezüglich einer "olympischen Religion" entlarvend:

"Über dem modernen Geschehen der Olympischen Spiele liegt der Zauberkreis des Geschichtlich-Alten und des Göttlich-Frommen. ... Was die Feier einleitet: Glockenklang - Fanfaren - festlicher Umzug - Chorgesang - Ansprache - Eid - Fahnen - Tauben - Lichtsymbol, das alles bedeutet Weihung, einem kirchlichen Fest gleichgeordnet, ohne ihm nachgebildet zu sein, und über allem liegt die tiefe Ergriffenheit, einer religiösen Feierstunde durchaus vergleichbar." (22)

Es gelte zwar nicht mehr, Zeus zu ehren, aber alles stehe unter einem frommen Glauben, im geheimen Sinn des festlichen einen göttlichen Willen zu erfüllen, mit diesem Sinn des Spiels im Sinne der Welt zu stehen: Mensch zu sein, ganz Mensch zu sein. Bei Olympia handle es sich um ein Fest, "mit dem der Mensch sein Menschsein feiert, d. h. jenes Mehr an Leben, das sich nicht im Bewältigen des Daseins erschöpft, sondern teilhaben will am Überirdischen, am Geistigen, an jenem ewigen Fortschritt, der uns Menschen zu Menschen macht" (23).

Es kann darum auch nicht verwundern, wenn für Diem die Olympischen Spiele den Glaubenstag an den heiligen Frühling der Völker darstellen: "Diese neue Welt forderte einen neuen Menschen; der mußte durch eine neue Erziehung geprägt werden." (24) Das schrieb Diem im Sommer 1944. Wenige Monate später wird er im März 1945 vor Sechzehnjährige auf dem Reichssportfeld in Berlin treten, um sie mit einer "flammenden Rede, in der so viel von Sparta und Opferbereitschaft vorkam, zum siegreichen Endkampf gegen die deutschen Feinde" (25) aufzufordern; er hatte sich offensichtlich mit dem verbrecherischen Führerbefehl identifiziert und den entstellten Olympismus zur Motivierung von Todeskandidaten eingesetzt.

 


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Der Sport - ein sinnvermittelndes Handlungssystem?

Im Olympismus Coubertins und seiner Epigonen begegnen wir dem Versuch, dem modernen Menschen ein sinnvermittelndes Handlungssystem anzubieten. Doch auch im Sport überhaupt läßt sich diese Intention feststellen, zumal die traditionellen Religionen - insbesondere das Christentum - anscheinend mehr und mehr an prägendem Einfluss verloren haben. Dabei wird von Seiten des Sports auf die vielen positiven Werte hingewiesen, die in der heutigen Zeit einen hohen Rang erhalten haben. Umgekehrt werden dem Sport Aufgaben übertragen, die eigentlich in den Aufgabenbereich anderer Institutionen gehören: "Er soll der Volksgesundheit, Moral und Disziplin, der Erziehung und Charakterbildung, dem Sozialverhalten, Nationalstolz und Kommerz dienen." (26) Dem Sport werden dabei Wirkungen zugeschrieben, die ihn überfordern. Er wird damit aber auch ideologie anfällig und vereinnahmbar für alle möglichen Aufgaben und Interessenten.

Neben diesen rational nachvollziehbaren Aufgabenbereichen, in die der heutige Sport hineingedrängt wird bzw. selbst hineindrängt, schieben sich andere Motivationen in den Vordergrund. Laufen zum Beispiel dient nicht nur der Gesundheit und dem Wohlbefinden. Es dient darüber hinaus zur "meditativen Schulung, geistigen Vervollkommnung oder gar religiösen Erleuchtung" (27). Diesbezügliche Impulse kommen in der Regel aus religiösen, aber nichtchristlichen Quellen. Zu nennen sind hier vor allem fernöstliche Meditationstechniken. Viele suchen beim Laufen die ersehnte "Erleuchtung". Man kann in der "expandierenden Laufkultur" (die sich in den vielen Marathonläufen und in der Jogging-Szene manifestiert) eine "Gegenbewegung gegen einen allgemeinen gesellschaftlichen Trend zur Entkörperlichung" sehen; der Körper wird sozusagen wiederentdeckt. So verwundert es nicht, wenn "in dem Laufereignis, aber wohl auch schon in seiner körperlichen und mentalen Vorbereitung und emotionalen langen Nachberedung, die Konstruktion von Sinn-, Glaubens- und Orientierungssystemen gesehen" (28) wird.

 

Elemente von "Ekstase" im modernen Sport

Man spricht heute kaum von religiösen Elementen im modernen Sport, obwohl es eine Reihe von Phänomenen gibt, die belegen, daß der moderne Sport "noch umfassender zu einer ‚pseudo-religiösen Massenbewegung' werden" könne, "als es bereits heute der Fall ist" (29). Dieser Eindruck wird belegt durch das Phänomen der "Ekstase" im modernen Sport - "Ekstase" verstanden als das Heraustreten des Ich aus seinen Grenzen bei starker Affektbeteiligung.

Auffallend, ja frappierend ist die Nähe zu einem bestimmten Typus von heid-

 


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nischen Gottesdiensten in der antiken Welt: den Gottesdiensten der Mysterien-Kulte. Sie zielten auf Eindruck und Überwältigung. Die "Gläubigen", die Mitglieder der "Kult-Gemeinde" erfahren die "Epiphanie des Göttlichen" durch die Erweiterung der Sinne, durch die rauschhafte Veränderung des Bewußtseins. Sie wird oft eingeleitet durch Fasten, durch Nachtwachen, durch stundenlangen Tanz bis hin zur Trance, durch Gifte und Reizmittel, durch körperliche Verletzungen und Schmerz, überhaupt durch Lustempfindungen. Alle diese "Vorgänge" werden sorgfältig religiös "verwaltet", um diese "Ekstase", um die "Epiphanie des Göttlichen" herbeizuführen. "Ekstase" ist hier ganz wörtlich gemeint: als Heraustreten aus dem Profanen und als Hineingleiten in das umfassend Numinose und Göttliche. Es handelt sich um geübte motorische und toxische Ekstasen. Der Verlust der Außenrealität, der Verlust der Selbststeuerung sind die allgemeinen Kennzeichen eines solchen "Außersichseins", das in der Regel nur im hütenden Rahmen einer Kultgruppe stattfindet, etwa im Dionysoskult.

Wenn man im modernen Sport nach den genannten Phänomenen von "Ekstase" sucht, dann kommt man nicht am sogenannten "Erlebnissport" vorbei. Die "Erlebnisssportarten" sind heute äußerst beliebt, gleichsam der "letzte Schrei". Was macht die Attraktivität etwa von Canyoning, Rafting, Paragliding, Ski-Abfahrten mit Gefällen von 60 Prozent und mehr aus? Es ist der sogenannte "Kick", der Nervenkitzel, den man erleben möchte: das Grenzerlebnis bis hin zur Inkaufnahme, ja zum Erwünschtsein der Todesgefahr: "Die Suche nach dem ‚ultimativen Kick', Nervenkitzel und Risiko-Erleben avancieren zu Schlagwörtern des Erlebnisbooms im Sport." (30)

"Mit dem ‚Kick', den man erleben will und auf den es ankommt, setzt sich gewissermaßen eine neue Währungseinheit des befriedigenden Sport- und Selbsterlebens durch." (31)

Es geht dabei um das Ausloten des Menschenmöglichen und dies als ein Mittel der Selbstfindung. Als "Beispiele" negativer Art seien die Canyoning-Unglücke oder die Tragödien am Mount Everest genannt. Der höchste Berg der Welt und auch die anderen Achttausender sind fast zur touristischen Attraktion geworden; sie werden nicht mehr nur von wirklichen Spitzenkönnern und Spezialisten bestiegen. Heute sind derartige "Grenzerlebnisse" gefragt; sie werden kommerziell angeboten, man kann sie auf dem Erlebnismarkt "einkaufen".

Nicht nur am Beispiel des Extrembergsteigens läßt sich das euphorische "Über-sich-Hinauswachsen" belegen. Beschrieben werden solche "Flow-Erfahrungen" als "Abwesenheit von Furcht und Stress auch bei äußerster Gefahr, Selbstvergessenheit und Ichlosigkeit, eine distanzlose Einheit und ein Verschmelzen mit der umgebenden Lebenswelt, ektstatische oder gar religiös anmutende Erfahrungen einer ‚ozeanischen' Geborgenheit in der Natur"; diese Erfahrung habe eine "große Ähnlichkeit mit meditativen Erfahrungen von Selbstentgrenzung"; ja, man glaubt, bei Extrembergsteigern eine "Art von Besessenheit nach den

 


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Transzendenzerfahrungen am Berg" feststellen zu können. Dabei sei die Gefahr nicht zu unterschätzen, "daß jede Form einer trancehaften Transzendenz des alltäglichen Bewußtseins suchthafte Züge annehmen kann" (32). Der "Kick", den die Protagonisten der Extremsportarten suchen, ist offensichtlich die Steigerung des individuellen "Spaß-Motivs"; er erinnert an Erfahrungen des Drogengenusses und "erscheint als letzte Stufe des Selbstgenusses bzw. der außersozialen Selbstvergegenwärtigung" (33).

In der Welt finden alljährlich 20 international bekannte Marathonläufe statt, die bis zu 25000 Teilnehmer anziehen. Was macht die Attraktivität dieser Läufe aus? Es ist für die meisten mit Sicherheit nicht das Preisgeld; und es ist mit Sicherheit auch nicht der Gesundheitsaspekt; dann wäre es besser und weniger anstrengend, anderweitig für seine Gesundheit zu sorgen. Es ist medizinisch nachgewiesen, daß bei Belastungen, wie sie ein Marathon-Lauf darstellt, nach etwa 25 Kilometern eine Schmerzschwelle erreicht wird, der der Körper durch die Produktion von körpereigenen Endorphinen, das heißt von körpereigenen Morphinen begegnet. Der Läufer wird "high". Mediziner sprechen von einer eigentlichen "Sucht" und vom "Süchtigwerden": der Läufer intendiert das "High-Werden". Wer ständig längere Strecken läuft, wird süchtig und erlebt beim Absetzen der "Droge Laufen" eigentliche Entzugserscheinungen. Man darf die Frage stellen, was das "High-Werden" durch körpereigene Endorphine von einem Ecstasy-Rausch unterscheidet.

Es wird hier nicht eingegangen auf die vielfältigen Aufputschmittel (wie Ephedrin bzw. Amphetamin), auch nicht auf die Verwendung von anabolen Steroiden (die eine aggressions-steigernde Wirkung haben), von Marihuana und Kokain, die offensichtlich in den Ballsportarten beliebt sind. Nur am Rand sei verwiesen auf das Publikum bei sportlichen Großveranstaltungen. Hier geht es nicht nur um das Moment der "Identifikation" mit den sportlichen Helden. Unübersehbar ist das "Außersichsein", das Aufgehen in der Masse der Gleichen, das Aufgehen im Augenblick: der Sport ist in der Tat die "Arena des Jetzt". Auch hier verstärken "Gifte" das Aufgehen im Augenblick: Rauschgifte, Alkohol usw. Der moderne Sport erweist sich offensichtlich als das neue "Opium des Volkes".

 

Der Trend zum Totalen: Hochleistungssport

Der "Trend zum Totalen" im modernen Sport, zur "Okkupation" der Sporttreibenden zeigt sich zunächst darin, daß die vor allem körperliche Fitness und die Gesundheit in den Mittelpunkt des Interesses gerückt sind:

"Gesundheit und körperliche Fitness und Unversehrtheit, dies sind die gesellschaftlich akzeptierten, mehrheitsfähigen Attribute eines dynamischen, jugendlichen, junggebliebenen, jungbleibenden, erfolgreichen Menschen. ... Die Gesundheit hat in unserer leistungsorientierten Gesellschaft einen zentralen Stellenwert erhalten." (34)

 


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Noch drastischer formuliert es ein Mediziner: "Gesundheit ist das höchste Gut einer Gesellschaft, die ihr Heil vorwiegend im Diesseits sucht." (35) Sporttreiben wird zu einer rituellen gesundheitlichen Aktivität, bei der man überzeugt ist, sie führe automatisch zur Gesundheit. Der postmoderne Mensch will anscheinend mittels eines Gesundheits- und Fitneßkultes seiner Begrenztheit und Endlichkeit ein Schnippchen schlagen - auch dies ein Symptom für die "Verweltlichung des Paradieses" und seine Verlegung in die irdische Existenz.

Erst recht zeigt sich der Trend zum Totalen im heutigen Hochleistungssport. Der Spitzensportler ordnet in einer für den sportlichen Laien kaum vorstellbaren Weise seine ganze Lebensführung dem sportlichen Leistungsziel unter. Das Training und der sportliche Wettkampf werden zur Handlungsmaxime erster Ordnung. Bei dieser Fixierung auf nur eine Perspektive und bei dieser totalen Ausrichtung auf die vorweisbare Leistung bzw. auf den Erfolg und bei der notwendigen Bereitschaft zum totalen psycho-physischen Einsatz geht es nicht nur um den enormen zeitlichen Aufwand, sondern auch um die affektiv-emotionale Bezogenheit auf die sportliche Leistung. "Den derartig Engagierten bleiben häufig kaum noch Valenzen, sich andernorts und anderweitig eindrucksvoll zu betätigen"; der Hochleistungssportler ist ein "weitgehend vom Sport okkupierter Mann" (36). Er ist also von seinem Sport "besessen". Es wird von einer "Aufmerksamkeitsfokussierung auf den Sport" (37) und von einer "Totalisierung der Sportlerrolle" (38) gesprochen. Bedürfnisse und Interessen, Schule und Beruf, Freizeit und Urlaub, Ernährung und Erholung, Freundschaft, Sexualität und Privatsphäre, Weltanschauung und sozio-kulturelles Engagement werden Notwendigkeiten des Sports unterstellt - mit der unausweichlichen Konsequenz, daß der Sport den Menschen völlig absorbiert und keine weiteren Aktivitäten zuläßt: "Je weniger Zeit für andere Dinge übrigbleibt, desto wichtiger wird das Sporttreiben als sinnstiftendes Zentrum der eigenen Identität." (39)

Es dürfte klar sein, daß angesichts solcher Prioritäten und einer solchen "Werte-Skala" alles dem sportlichen Erfolg untergeordnet wird, zum Beispiel auch die negativen Folgewirkungen bezüglich der körperlichen Gesundheit. Gesundheitliche Schäden sind geradezu konstitutiv für spitzensportliches Handeln. Der Hochleistungssportler bewegt sich nicht nur im biologischen, sondern im pathogenen Grenzbereich.

"In den meisten sportlichen Disziplinen sind Höchstleistungen nur noch nach Trainingsschwerstarbeit über Monate und Jahre zu erbringen, in bestimmten Fällen fühlt man sich unwillkürlich an Materialverschleißprüfungen in der Industrie erinnert." (40)

Das Endprodukt ist bekanntlich Schrott: "Hochleistungssport überschreitet - fahrlässig oder bewußt - die Grenze des gesundheitlich Nutzbaren bzw. Vertretbaren." (41) Erst recht bleibt - angesichts der im Hochleistungssport geltenden Prioritäten - die vielgepriesene sportliche Fairness auf der Strecke: "Fairplay

 


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erscheint vor diesem Hintergrund als ein Erfolgsverhinderungsmechanismus." (42) Dann ist zum Beispiel Doping (in seinen vielfältigen Varianten) gerechtfertigt. Doping ist somit ein Problem, das im wesentlichen durch den System-Code Hochleistungssport selbst angelegt ist. Es ist klar, daß die Kommerzialisierung der "Ware Sport" diese negativen Seiten noch verstärkt. Unter den Gesetzen des Marktes rückt die Lösung des Doping-Problems in unerreichbare Fernen - es sei denn, daß die Doping-Mittel generell freigegeben werden.

Damit hängt ein weiteres Moment zusammen, das für jede Ideologie typisch ist. Es ist die Ausklammerung bzw. die Ausblendung jeder fundamentalen Kritik bzw. jeder Infragestellung des "Systems Sport". Systemfremde Diskussionsteilnehmer werden oft einfach ignoriert. Das bedeutet: die "Sympathisanten" bzw. die "Fundamentalisten" sind unter sich. Alle geben vor, selbstverständlich "für" den Sport zu leben. Es handelt sich aber meistens um Leute, die "vom" Sport leben; die also ein elementares bzw. ein materielles Interesse am Sport haben. Von "Lobbyisten" kann man jedoch nur eine Befürwortung erwarten, allenfalls eine "partielle" Kritik. Vor allem die Funktionäre sind auf die Wahrung ihrer Privilegien bedacht. Die Athleten sind dabei die "nützlichen Idioten", die mit den entsprechenden Gratifikationen bei Laune gehalten werden.

 

Die religiösen Gewänder des Sports

Stellt der heutige Sport eine "säkulare Religion" dar? Die religiösen "Gewänder", die religiösen "Symbole" und "Rituale", wie sie nicht nur bei Olympischen Spielen verwendet werden, dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, daß es sich beim modernen Sport nicht um eine "Religion" im eigentlichen Sinn handelt. Diese Symbole und Rituale sind nur entliehen. Die Olympischen Spiele werden nicht mehr zur Ehre einer Gottheit veranstaltet. Religion wird vielmehr instrumentalisiert. Religiöse Gefühle und Energien der Menschen werden auf ein anderes Objekt gelenkt. "In Olympia feiert der Mensch sich selbst. Eine Religion ohne Gott führt zur Vergötterung der Menschen und ihrer Leistung." (43) Den klassischen Ausdruck hat diese "Vergötzung" des Menschen bzw. der "Versuch einer Remythisierung des Sports" (44) in Coubertins "Ode an den Sport" gefunden. Es geht um den "Kult des Wesens Mensch".

Auch über den Bereich der Olympischen Spiele hinaus kann man im heutigen Sport (und zwar sowohl in den Erlebnissportarten wie auch im wettkampfmäßig betriebenen Breiten- und Spitzensport) keine "Ausdrucksformen" von Transzendenz entdecken: nicht einmal im Sinne einer "kulturellen Transzendenz", geschweige denn im Sinne einer eigentlich "religiösen Transzendenz": "Der Sport gehört zu den säkular-profanen Lebensformen, ... ja er repräsentiert diese in ge-

 


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radezu exemplarischer Weise. ... Totalitätserfahrungen sind über den Sport nicht zu gewinnen." (45)

Es geht im heutigen Sport um den "Kult des Wesens Mensch", um den neuen Menschen, der sich im sportlichen Tun herausbilden soll. Überdeutlich wird dies gerade im Fehlen bzw. in der Ausblendung dessen, was zum Wesen der Religionen gehört: die Ausblendung des Aspektes "Bewältigung von Kontingenz" - Kontingenz verstanden als Endlichkeit und Ungenügen des menschlichen Lebens, zu dem nun einmal Krankheit, Leid und Tod, Schuld und Versagen gehören. Die Absenz gerade dieses Aspektes erweist deshalb die Sportreligion als defizitär. Sie ist nicht einmal "ergänzungsfähig". Man hat zuweilen den Eindruck, als komme im sportlichen Tun das Bemühen der Menschen zum Ausdruck, der Endlichkeit ein Schnippchen schlagen zu wollen: Krankheit, Leid und Tod gleichsam "davonlaufen" zu können. Menschliche Kontingenz kann man aber weder ignorieren noch ihr davonlaufen. Unbestreitbar macht sich allerdings der heutige Sport eine Tendenz in der modernen Gesellschaft zunutze. Es sind die diffusen Wünsche und Sehnsüchte der Menschen nach einem Sinn des Lebens, nach Identifikation mit "Helden", ja nach "Lichtgestalten" mit Quasi-Erlösungsfunktionen. "Ein Teil des teils enttäuschten, teils unbefriedigten religiösen Bedürfnisses ist in den Sport diffundiert." (46)

Die moderne Sportbewegung ist eine "partielle Ideologie". Als partielle ist sie in Gefahr bzw. in Versuchung, sich an "Groß-Ideologien" anzulehnen, ja zu verkaufen - wie die Vergangenheit zur Genüge gezeigt hat. Die moderne Sportbewegung ist eine Art "totalitäres System", weil sie die "Gesamtwirklichkeit" auf bestimmte Aspekte reduziert: ein "Teil" der Wirklichkeit wird zum "Ganzen" (= "Totum") erklärt. Die darauf basierenden "Heilsversprechen" des Sports sind trügerisch und ungenügend. Bloße Spannungsmaximierung und Lustbefriedigung im sportlichen Tun sowie das Auskosten körperbezogener Erlebnisintensitäten, das "Just-for-Fun" - das alles ist nur ein Anspruch der Sinne, aber noch kein "Sinnanspruch". "Den Sinn des Lebens finden wir nicht allein im Sport. Wer es dennoch glaubt, wird in ihm letztlich Leere finden." (47)

 

Anmerkungen

(*) Der Beitrag stellt die überarbeitete Fassung einer Abhandlung dar: A. Koch: Der moderne Sport - eine säkularisierte Religion? In: W. Schwank (u. a. Hrsg.): Begegnung. Schriftenreihe zur Geschichte der Beziehung von Christentum und Sport, Band 2. Aachen 2000, S. 35-50.

(1) W. Rothe, Sport u. Literatur in den Zwanzigerjahren, in: Stadion 7 (1981) 131-151.

(2) Vgl. meine detaillierten Ausführungen: Der moderne Sport - eine säkularisierte Religion?, in: Begegnung. Schriftenreihe zur Geschichte der Beziehung von Christentum u. Sport. Bd. 2, hg. v. W. Schwank u.a. (Aachen 2000) 35-50.

(3) G. Küenzlen: Der Neue Mensch. Zur säkularen Religionsgeschichte der Moderne (München 1994) 20.

(4) Zum Begriff "Sport" vgl. J. Dieckert: Probleme des Sports und der Leibeserziehung (Frankfurt 1970) 126 f.

(5) K. Weis: Sport und Religion, in: Soziologie des Sports, hg. v. J. Winkler u. a. (Opladen 1995) 129.

(6) P. de Coubertin, Der Olympische Gedanke (Schorndorf 1967) 52.

(7) Ders., Olympische Erinnerungen (Frankfurt 1959) 217 f.

 


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(8) Ders., Gedanke (A. 6) 137.

(9) Ders., Erinnerungen (A. 7) 222.

(10) Ebd. 207.

(11) J. Moltmann, Olympia zwischen Politik und Religion, in: Concilium 25 (1989) 432-437, 433.

(12) Coubertin, Gedanke (A. 6) 133.

(13) Ebd. 47f.

(14) Vgl. H. Bernett, Symbolik und Zeremoniell der XI. Olympischen Spiele in Berlin 1936, in: Sportwissenschaft 16 (1986) 364.

(15) B. Wirkus, "Werden wie die Griechen" - Implikationen, Intentionen und Widersprüche im Olympismus Pierre de Coubertins, in: Stadion 16 (1990) 119.

(16) Zit. nach M. Hörrmann, Religion der Athleten (Stuttgart 1968) 22.

(17) C. Diem, Ein Leben für den Sport (Ratingen 1974) 163.

(18) Ders., Gedanken zur Sportgeschichte (Schorndorf 1965) 20.

(19) Coubertin, Gedanke (A. 6) 156.

(20) Bernett (A. 14) 370.

(21) C. Diem, Ausgewählte Schriften. Bd. 1 (St. Augustin 1982) 196.

(22) Ders., Ewiges Olympia (Minden 1948) 10.

(23) Ders., Spätlese am Rhein (Frankfurt 1957) 68.

(24) Ders., (A. 8) 8.

(25) Bernett (A. 14) 394.

(26) Weis (A. 5) 132.

(27) Ebd. 142.

(28) Ebd. 148.

(29) H. Digel, Über den Wandel der Werte in Gesellschaft, Freizeit und Sport, in: DSB (Hrsg.): Die Zukunft des Sports, hg. v. DSB (Schorndorf 1986) 41.

(30) H. Allmer, "Erlebnissport - Erlebnis Sport" - mehr als Wortspielerei, in: Brennpunkte der Sportwissenschaft 9 (1995) Nr. 1 und 2, 3.

(31) V. Rittner: Sport in der Erlebnisgesellschaft. In: Brennpunkte der Sportwissenschaft 9 (1995), Nr. 1 und 2, S. 29.

(32) W. Schleske, Grenzerfahrungen in den Erlebnissportarten, in: Sport an der Wende, hg. v. S. Riedl u. a. (Wien 1991) 88 f.

(33) J. Thiele, "Werde ich zum Augenblicke sagen: verweile doch! Du bist so schön.", in: Brennpunkte der Sportwissenschaft 9 (1995) Nr. 1 und 2, 115.

(34) G. A. Pilz, Sport und Gesundheit, in: Sport und Gesundheit, hg. v. D. Küpper u. a. (Schorndorf 1991) 111.

(35) R. Rost, Gesundheit und Gesundheitserziehung, in: Brennpunkte der Sportwissenschaft 1 (1987) 60.

(36) M. Steinbach, Der Hochleistungssport, in: Rekorde aus der Retorte, hg. v. A. Natan (Stuttgart 1972) 52 f.

(37) K.-H. Bette und U. Schimank, Doping im Hochleistungssport (Frankfurt 1995) 113.

(38) Ebd. 285.

(39) Ebd. 113 f.

(40) H. Krahl, Orthopädie und Sportmedizin, in: Sportärztliche und sportpädagogische Betreuung, hg. v. A. Claus (Erlangen 1978) 209.

(41) T. Wessinghage, Kinder und Hochleistungssport aus orthopädischer Sicht, in: Kinder und Jugendliche im Hochleistungssport, hg. v. R. Daugs u. a. (Schorndorf 1998) 250.

(42) Bette u. Schimank (A. 37) 218.

(43) Moltmann (A. 11) 435.

(44) B. Wirkus, Olympismus als Geschichtsphilosophie und Ideologie, in: Stadion 18 (1992) 320.

(45) Ebd. 320 f.

(46) D. Mieth, Jenseits aller Moral - Ersatzreligion Sport, in: Sportwissenschaft 27 (1997) 181.

(47) Zit. nach G. Drexel, Existentielle Krise und sportanthropologisches Denken, in: Für einen besseren Sport, hg. v. H. Gabler u. a. (Schorndorf 1990) 235.