P. Bernhard Gluth SJ
geboren am 6. März 1921 in Belzig (Brandenburg)
gestorben am 22. August 1993 in Hannover

Er saß in seinem Sessel vor dem Schreibtisch, als er ruhig, von vieler Arbeit verbraucht wie auch von langer Krankheit verzehrt, seinen letzten Atemzug tat. Es war ein Sonntag, der Tag der Auferstehung, als Gott ihn heimrief. Wir sind sicher, daß er jetzt 'Bürger' jenes Landes geworden ist, "wo weder Schmerz ist, noch Trauer, noch Klage".

P. Gluth, geboren am 6. März 1921 in Belzig (Brandenburg), war geprägt von seiner ostdeutschen Heimat und hat auch zeitlebens daraus nie einen Hehl gemacht. Sein Vater Ladislaus Gluth war höherer Bahnbeamter, so etwas wie ein "Direktor, der Fahrpläne machte und Bahnbrücken konstruierte", wie Bernhard einmal sagte. Ihm fühlte sich P. Gluth in seiner ganzen Art eng verbunden, war wie er ähnlich nüchtern, wortkarg, in seinem äußeren Auftreten und Erscheinen eher gefühlsarm. Ihn hat Bernhard wohl immer, eingestandenerweise oder uneingestanden, idealisiert, wenn er sich noch manches Mal darauf berief, was er als Kinderpädagogik erfahren habe: "Ein Junge weint nicht!" Oder: "Ein Indianer kennt keinen Schmerz." Die Mutter Hedwig Gluth, geb. Lindner, tritt wenig in Erscheinung. Als Bernhard, gerade 18jährig, am 18. April 1939 ins Noviziat in Mittelsteine eintrat, starb sie. Bernhard hat selten oder nie von ihr gesprochen.

Von seiner Kindheit wissen wir wenig. Offensichtlich hatte Bernhard in seinen Kinderjahren wenig von dem, was wir heute gern 'gesundes Selbstwertbewußtsein' nennen. Er war ein scheues Kind, bisweilen (bis in seine Jugend hinein) mit einem Hang zu Depressionen. Als er später nach Glatz in Schlesien zu den Jesuiten auf die Schule ging, muß sich das größtenteils verloren haben. Hier, auf dem Gymnasium, machte er dann auch Abitur. Auf die Frage, wann er denn gewußt habe, was er werden wolle, sagte er später einmal "mit fünfzehn". Und auf die weitere Frage, ja, und warum gerade Jesuit, gab er zur Antwort: "Na, um einfach dazuzugehören."

Die Noviziatszeit in Mittelsteine dauerte nicht lange. Im Zusammenhang mit dem in Polen begonnenen Krieg wurde das Noviziat nach Dresden-Hoheneichen verlegt und kurz danach wurde Bernhard eingezogen. Als Fr. Gluth bereits nach acht Monaten wieder wegen 'Wehrunwürdigkeit' entlassen wurde, muß ihn das sehr gewurmt, ja fast gekränkt haben, und er brauchte lange, um damit zurechtzukommen. Später treffen wir ihn beim Philosophiestudium in Pullach (1941-1944). Aus dieser Zeit berichtet uns P. Hornung, der zusammen mit ihm studierte, von einem gemeinsamen Erlebnis, das sich fast wie ein Krimi anhört. P. Gluth selbst hat davon später nur äußerst zurückhaltend Andeutungen gemacht. P. Hornung berichtet:

"Wir kamen gut miteinander aus. Eines Tages, es dürfte im Herbst 1943 gewesen sein, rief uns P. Lothar König zu sich. Er war damals P. Minister oder Scholastiker-Minister, der aber auf Grund von speziellen Aufträgen von P. Provinzial Rösch oftmals unterwegs war. Wir beide schätzten diesen klugen, geradlinigen und weltoffenen Mitbruder sehr. Offenbar schätzte er uns auch. Wir erhielten den Auftrag, einen Film, den er uns gab, zu projizieren und, was wir da lesen würden, mit der Schreibmaschine abzuschreiben, in drei Exemplaren. Für die Arbeit wies er uns ein Zimmer zu, das wir von innen abschließen sollten. Wir dürften mit keinem Menschen darüber sprechen, auch nicht mit dem Rektor. Gegebenenfalls sollten wir auf ihn verweisen. Dann sagte er uns, der Film enthalte die Totenlisten des Konzentrationslagers Dachau.

Dachau war uns ein Begriff, doch sehr vage. Obwohl wir beide schon vor dem Eintritt Schwierigkeiten mit der Hitlerjugend gehabt hatten und manche kritischen Informationen erhalten hatten, betrachteten wir zu diesem Zeitpunkt Dachau als ein schweres Lagergefängnis, kaum mehr. Wir wußten auch, daß einige Mitbrüder dort gefangen, einige dort verstorben waren, aber über das Ausmaß des Leidens und Sterbens hatten wir bis dahin keine Ahnung.

Wir schlossen uns also ein und begannen unsere Arbeit. Der Film enthielt fotografierte Seiten der sorgsam geführten Todeslisten irgendwann ab 1941 bis ins Jahr 1943 hinein. Es war eine erschütternde Lesung, die uns die Augen öffnete.

In einem zweiten Arbeitsgang 'sortierten' wir Priester und Ordensleute heraus und fertigten Listen nach verschiedenen Heimatländern an. P. König nahm die drei Auflagen an sich. Fr. Egbert Rothkegel, der damals gerade auf Urlaub war - er war noch bei der Luftwaffe auf Sizilien bzw. Kreta eingesetzt -, erhielt eine Auflage, um sie bei der Durchreise in Rom als Kurier persönlich abzugeben. Durch Vermittlung von P. Leiber, der damals Sekretär des Papstes war, gelangten diese Informationen so zu Papst Pius XII. - P. Gluth und ich haben niemals mehr über diesen Auftrag gesprochen.

Wie war P. König an die Todeslisten gekommen? Dafür scheint es keine sichere Erklärung zu geben. Meiner Erinnerung nach hat P. König uns erzählt, daß er sich als Putzfrau verkleidet, zusammen mit echten Putzfrauen aus Dachau, in die Schreibstube des Lagers habe einschließen lassen. Dann habe er nachts die Listen gefilmt und sei am anderen Morgen wieder mit den Putzfrauen tätig geworden und aus dem Lager herausgekommen." So weit der Bericht von P. Hornung.

In ihrem Buch 'Warum ich Azaleen liebe' (EOS-Verlag, St. Ottilien) hat später S. Josefa Maria Mack ihre Fahrten zur Plantage des Konzentrationslagers Dachau von Mai 1944 bis April 1945 beschrieben, dabei auch öfter Frater Gluth erwähnt, der, ähnlich wie sie, einen gewissen Zugang zum Lager haben mußte, um für die Häftlinge Pakete abzugeben, die z. T. "an einem verheerenden Typhus litten" (ebd.)

Nach einer kurzen Zeit in Oppeln kam Frater Gluth von 1946 bis 1948 als Präfekt nach St. Blasien. Vieles war dort nur behelfsmäßig eingerichtet, überall gab es noch die Operationssäle, war ja St. Blasien lange Zeit während des Krieges Marinelazarett. Schon damals, so erzählen Ehemalige noch heute, muß Frater Gluth hervorragend fotografiert haben. In einem Keller hatte er ein Foto-Labor eingerichtet, machte damals bereits viele gute Fotos, die seine Schüler bestaunten.

Es muß um diese Zeit gewesen sein, als sich für einige Scholastiker von St. Blasien eine abenteuerliche Geschichte abspielte: Eines Abends suchte P. Rektor starke junge Leute, um beim Umladen eines Waggons zu helfen. In Seebrugg sollte ein im Vatikan plombierter Güterwagen des Nachts ankommen. Der Wagen enthielt aus Amerika für das päpstliche Hilfswerk gestiftetes Mehl für Flüchtlinge und Hungernde. Weil unterwegs viele solcher Hilfsgüter einfach 'verschwanden', engagierte man in Rom einen jungen Jesuiten aus Ungarn, der den Waggon vom Vatikan her bewachen mußte. Leider konnte der arme Mann kein Wort Deutsch. Als der Waggon über die Grenze nach Deutschland gehen sollte, wußte der Ungar keinen besseren Weg, als sich selbst mitschmuggeln zu lassen. Frater Gluth und Frater Kranz fanden dann den halberfrorenen Mann unter der Plane, zwischen den. Mehlsäcken verstaut. Aus diesem Mehl wurden später die sogenannten 'Papst-Wecken' gebacken, die es Sonntags abends für die ganze Kommunität in St. Blasien gab. Das Mehl reichte für zwei Jahre! Und weil die Aktion so großartig verlaufen war, durften unsere beiden starken Scholastiker ausnahmsweise einmal im Brunnen vor dem Kolleg baden. - Wie gut, wenn man solche Kräfte hat!

Theologie studierte P. Gluth in den Jahren 1948 bis 1951 in Lyon in Frankreich.
Gelegentlich hat er später noch von seinen damaligen Professoren P. de Lubac SJ und P. Danielou SJ erzählt, jenen beiden, die noch eine späte Ehrung und Rehabilitierung ihrer Theologie durch das Kardinalat erfahren sollten. In Lyon wurde Bernhard Gluth auch mit 29 Jahren am Ignatiustag 1950 zum Priester geweiht. Aus dieser Zeit stammt wohl seine später immer wieder feststellbare Vorliebe für 'Bonmots', für Geistreiches, für Wortspiele, überhaupt für französische Kultur und Lebensart. Irgendwie war Bernhard ein 'Bonvivant', einer, der auf unvergleichliche Art die Schönheit des Lebens, der Dinge und der Menschen zu genießen imstande war. Er konnte verkosten und genießen und hatte doch gleichzeitig eine Distanz zu allem. Er reiste gerne - und weit. Gründe gab es (und fand er) genug. Aber er wußte auch, wann er sich 'Klausur' verordnen mußte.

Die nächsten Jahre wurden für P. Gluth Jahre der Wanderschaft. Immer öfter wurde er zu Jugend-Exerzitien, für Besinnungstage, "für seelsorgliche Aushilfen angefordert" - so nachzulesen in den 'Beiträgen zur Geschichte des Gau-Algesheimer-Raumes', wo er auf dem Jakobsberg, zusammen mit P. Pfirschke und P. Georg Wedig, vielen Pfarrern in der Nachbarschaft half. 1954 wurde er Kaplan an St. Canisius in Berlin. Doch dann sollte für lange Zeit eine nochmals andere 'Wander-Tätigkeit' erst richtig beginnen: An etwa 400 Höheren Schulen im deutschsprachigen Raum hielt er, häufig zusammen mit den beiden Gebrüdern Pereira und mit P. Hähn 'Religiöse Schülerwochen'. Auf diesen Wegen kam er buchstäblich von Schleswig-Holstein bis Wien, von Mittenwald bis Aachen und Lübeck. Zwölf Jahre lang arbeitete er so von 1958 bis 1970 als 'Schüler-Wöchner'. Nebenher entstanden, als Frucht dieser intensiven Wochen mit Gymnasiasten und Oberschülern, eine Reihe von Kleinschriften über 'Temperament und Charakter', 'Gespräche mit dem Ich', 'Als ich in deinem Alter war' und andere mehr; die meisten erschienen im Kyrios-Verlag. Manche der damals entstandenen Kontakte zu jungen Leuten blieben viele Jahrzehnte hindurch bestehen, häufig bis in die letzten Jahre.

Noch einmal, vor seiner letzten großen Aufgabe, sollte er als Studenten- und Hochschulpfarrer in Marburg mit jungen Leuten arbeiten. Bei seinem Nachlaß, in seinem Zimmer unter dem Dach (einer wahren 'Räucher-Kammer') fand sich eine ungemein große Zahl von Fotos mit Brautpaaren, Studenten aller Fakultäten, die ihn gebeten hatten, er möge sie trauen. Während dieser Zeit und auch früher schon hatte sich P. Gluth in der Krankenpflege und Psychiatrie stark engagiert. Jetzt arbeitete er nebenamtlich als Berater in der Jugendpsychiatrie, eine Fähigkeit, die ihm durch Kurse, privates Studium von Medizin und Psychologie und eine lange Praxis mehr und mehr zugewachsen war.

Als er 1977 die Studenten- und Hochschularbeit in Marburg aufgab, sollte er, nach dieser 'Vorbereitung' bestens ausgerüstet, in die Arbeit der 'Offenen Tür - Hannover' einsteigen: Lebensberatung, Eheberatung, Glaubensberatung - kostenlos und unabhängig von Weltanschauung und Religion. Ähnlich wurde es schon längere Zeit hindurch in Berlin und Hamburg praktiziert. P. Gluth sollte es ebenfalls mit einem größeren Team von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern tun. Diese Arbeit hat P. Gluth nochmals geprägt, sie hat ihn aber auch 'geschlaucht'. "Wir sind keine Fachambulanz, sondern eine Fallambulanz", sagte er gelegentlich. Es ging ihm nicht um spezifische Probleme bestimmter sozialer Gruppen, sondern um die individuellen Krisen, in die Menschen auf Grund von Schockerlebnissen, Partnerschaftskonflikten oder Krankheiten geraten waren. Zusammen mit hauptamtlichen Psychologinnen, mit Teilzeitkräften aus den Bereichen Theologie, Medizin und Jura, betonte P. Gluth immer wieder: "Bei uns steht der ganze Mensch im Mittelpunkt". Was ihm an diesem Menschenbild wesentlich war, lag daran, daß es sich nicht als 'autonom' verstand, sondern sich Gott, dem Gewissen und einem Handeln aus christlichem Urgrund heraus verantwortlich wußte. So hatte er, zusammen mit seinem Team, Jahr für Jahr jeweils viele Tausende Gesprächsangebote. Wie viele es genau waren, dürfte sein Geheimnis geblieben sein.

Zu Hause sprach er eigentlich nie über seine Arbeit; seine diskrete, nüchterne, manchmal auch trockene Art ließen das nicht zu. Gleichwohl umgab ihn etwas Vertrauenerweckendes, eben vielleicht deswegen, weil er nach außen eher herb als leicht zugänglich war. Viele Frauen verdanken ihm viel, vielen Frauen verdankt auch er viel. Bis zuletzt waren sie um ihn besorgt, waren ihm zugetan. Seine Mitbrüder hatten es nicht immer leicht mit ihm, konnte er doch durchaus schroff und abweisend wirken. Wohl auch, weil er sich bis zur Erschöpfung verausgabte, zog er sich immer wieder rasch zurück, wenn er das 'unbedingte Gemeinschafts-Soll' erfüllt glaubte. Wie das bisweilen unter Jesuiten der Fall ist, kannten ihn Außenstehende besser (oder glaubten, ihn besser zu kennen) als die eigenen Mitbrüder. Sicherlich war er kein Mann der Worte, doch wer ihn tiefer kennenlernen wollte, mußte ihn erfahren, wenn er sich Ratsuchenden zuwandte, wenn er zuhörte. Dann war er jedesmal 'ganz da'. Dafür lebte er.

Als er erfuhr, daß er ein bösartiges Karzinom auf der Lunge hatte, waren andere tiefer geschockt als er selbst. "Wenn ihr mich nochmals mit Haaren sehen wollt, dann schaut mich jetzt gut an, in Zukunft werde ich euch als 'Kojak' vorgeführt werden', so versuchte er zu scherzen, vielleicht aber auch manches zu überspielen. Die Therapien ließen nicht nur seine Haare ausfallen, sondern setzten ihm auch psychisch stark zu. Dennoch wollte er 'bis zum Schluß da sein', helfen, wo es Not gab, sich engagieren, wo jemand ihn brauchte. Das eigene Telefon im Zimmer ermöglichte es ihm, auch noch nachts Not- und Hilferufe entgegenzunehmen. Bereits Monate vorher litt P. Gluth unter einer anfangs schleichenden, später immer stärker werdenden, merkwürdigen Muskelschwäche, deren Ursache man, trotz langer und intensiver Untersuchungen, nicht finden konnte. Er zog sich förmlich die Treppe hinauf, wollte sich aber auch nicht oder nur sehr ungern helfen lassen, fast so, als schäme er sich, auf irgendeine Weise Gefühle zu zeigen, eigene Grenzen zuzugeben. Sich von Mitbrüdern helfen zu lassen, fiel ihm nicht immer leicht. Vielleicht mußten auch wir hier etwas lernen.

In den letzten Wochen vor seinem für ihn und seine Umgebung dann doch sehr raschen Tod änderte sich dies Verhalten plötzlich: P. Gluth hatte für viele Dinge Zeit, für die er bis dahin immer geglaubt hatte, keine Zeit haben zu dürfen. Er blieb morgens lange am Tisch sitzen, ebenso mittags nach dem Essen, beim 'jesuitischen Kaffee', brachte sich ins Gespräch ein, sah ganz neu auf Kleinigkeiten und wurde im gleichen Maße großzügig. Auch am letzten Tag kam er noch zum Mittagstisch, saß dann freilich erschöpft und von vieler Arbeit verbraucht vor seiner für ihn angerichteten Suppe. Gegen 21.00 Uhr am 22. August, einem Sonntag, ist er still heimgegangen.

Der Propst von Hannover, Joop Bergsma, sprach für viele, als er in einem Beileidsschreiben an das Friedrich-Spee-Haus schrieb: "Von Herzen bete ich für ihn um das Leben in Herrlichkeit, das uns verheißen ist. Hier auf Erden hat Bernhard Gluth bis zuletzt gerungen um die Erfüllung seiner Aufgabe in der 'Offenen Tür'. ER, der die Tür selber ist, erlöse und vollende ihn."

Möge diese Vollendung bestehen in der Teilnahme an Gottes grenzenloser Zuwendung und Freude.

R.i.p.

P. Josef Bill SJ

Nachrichten aus der Norddeutschen Provinz, Nr. 2, März 1994, S. 53-57