P. Rudolf Leder SJ
11. Mai 1978 in Hannover

Am Morgen des 11. Mai 1978 wurde in Hannover P. Rudolf Leder nach längerer Krankheit von Gott in die Ewigkeit heimgerufen. P. Leder stand im 79. Lebensjahr, im 58. Jahre seines Ordenslebens und im 51. Jahre seines Priestertums.

Über 30 Jahre hin war er am Canisius-Kolleg, erst am Lietzensee, später in der Tiergartenstraße, als Religions- und Geschichtslehrer tätig, sowie als Leiter der Arbeitsgemeinschaften Hebräisch und Bibelkunde. Wir erlebten ihn als einen der ersten Betreuer der Ruderriege des Kollegs, als Fahrtenleiter während der Sommerferien in Schweden und auf Borkum in den 30er Jahren und später, nach dem 2. Weltkrieg, auf mehreren Reisen nach Italien und Rom. Neben regelmäßigen Sonntagsaushilfen in vielen Berliner Pfarreien war ihm lange Jahre hindurch die theologische und katechetische Ausbildung der katholischen Lehrer und Lehrerinnen, die sich auf die Missio Canonica vorbereiteten, anvertraut.

P. Leder wurde am 26. April 1900 im oberschlesischen Ratibor geboren. Seine Jugend und Schulzeit verbrachte er in Breslau und studierte dort nach dem Abitur einige Semester Theologie. 1921 trat er in den Orden ein und wurde im holländischen Valkenburg am 28. August 1927 zum Priester geweiht. Nach Abschluß seiner theologischen Ausbildung in Münster studierte er von 1930-1933 in Breslau und Berlin Geschichte, Hebräisch und Pädagogik. Anschließend wurde er Lehrer am Gymnasium am Lietzensee in Berlin-Charlottenburg. Als unsere Schule 1940 von den Nationalsozialisten geschlossen wurde, war P. Leder in Berlin, Breslau und Zobten in der Seelsorge tätig bis zu seiner Vertreibung aus der schlesischen Heimat im Jahre 1946. Dann kehrte er als Lehrer und Jugendseelsorger nach Berlin zurück an das inzwischen wieder neubegründete Canisius-Kolleg in Berlin-Tiergarten.

1969 übernahm der fast 70jährige dann in Hannover seine letzte Seelsorgstätigkeit an der 'Offenen Tür' und in der Priesterseelsorge im Bistum Hildesheim. Am 28. August des vergangenen Jahres konnte er in Hannover im Kreise von Mitbrüdern, Verwandten und Freunden das seltene Fest des Goldenen Priesterjubiläums feiern. Doch schon fühlte er die Beschwerden des Alters, die ihn mit Krankheit und Schmerzen bis hin zu seiner Todesstunde begleiten sollten.

Bei seinem letzten Besuch in Berlin 1975 sagte er mir zum Abschied: "Ich bin ja so glücklich und dankbar, daß ich diese Tage hier im Canisius-Kolleg noch miterleben konnte." Es waren wohl nicht die Feierlichkeiten unseres Schuljubiläums gewesen, die ihn so sprechen ließen, denn die hatten ihn sehr angestrengt und ermüdet, sondern es waren das Beisammensein mit den priesterlichen Mitbrüdern in Ost und West und die zahlreichen Begegnungen mit seinen guten Freunden, seinen Schülern, mit den 'alten Lietzenseern' und den 'jungen Canisianern', die ihn so glücklich gemacht hatten.

P. Leder war ganz priesterlicher Lehrer. Das Leitmotiv seiner Aufgabe als Religionslehrer war für ihn stets die These: Die Seele der Erziehung ist die Erziehung der Seele. In seinen öffentlichen Vorlesungen für die künftigen Katecheten, wie auch im privaten Gespräch mit seinen jüngeren Mitbrüdern, wies er immer wieder auf die doppelte Aufgabe der schulischen Glaubensverkündigung hin: neben der Vermittlung solider Glaubenskenntnisse muß jede Religionsstunde auf Glaubensweckung ausgerichtet sein; Glaubensweckung aber geschieht nicht bloß im Klassenzimmer, sondern vor allem im tätigen, lebendigen Glaubensvollzug, für den Jugendlichen an erster Stelle in der ehrfürchtigen Mitfeier des Gottesdienstes als Dienst vor Gott. Jahrzehntelang bereitete er mit größter Sorgfalt Liturgie und Ansprache für die wöchentlichen Schulgottesdienste vor. Als Meister des Wortes benötigte er dazu keine Effekte, keine eingängigen 'Aufhänger', um bei den Jungen 'anzukommen'.

Ihm ging es um die verständliche Verkündigung der Frohbotschaft, um das gläubige Miterleben der Festzeiten des Kirchenjahres und um das ungeschminkte Vorbild und lebendige Beispiel der Heiligen. Als Geschichtslehrer wußte er, daß das bloße Einpauken historischer Daten und Fakten ein steriles Unternehmen bleiben muß, wenn nicht in geschichtlichen Zusammenhängen und Entwicklungen die Irrwege der Menschheit und die Hinkehr des einzelnen Menschen zu seinem eigentlichen Ziel hin aufgezeigt werden. Deshalb führte der Historiker Leder seine Schüler immer wieder mit feinem Gespür für das Wesentliche behutsam zu der Einsicht hin, daß Weltgeschichte und Kirchengeschichte nicht zwei von einander getrennte Fachbereiche sind, sondern letztlich immer ein und dasselbe, nämlich Heilsgeschichte. Diese Auffassung seines Berufes als priesterlicher Lehrer und Jugendseelsorger verdeutlichte er s.Z. im Heft 'Unsere Schule' in einem Aufsatz, überschrieben 'Petrus Canisius, Gestalt und Vermächtnis':

An den Schulen, die Petrus Canisius gründete, wurde der Jugend der Ausblick auf ein wahrhaft großes und wertvolles Bildungsziel eröffnet. Ihre wissenschaftliche Erkenntnis sollte als ein lebendiges Wissen zusammenwachsen mit einem durchgeistigten Können und einem geläuterten Wollen zu höchstem Aufschwung der Herzen in tätiger Gottes- und Menschenliebe. Wie zaghaft spricht oft selbst die christliche Pädagogik unserer Tage von dem zentralen Lebensprinzip alles erzieherischen Handelns, der weltanschaulichen, religiösen Tiefe! Wie klar, tapfer und kompromißlos nennt es Petrus Canisius einmütig mit allen Mitbrüdern seines Ordens: "Major Dei gloria et salus animarum" die größere Verherrlichung Gottes und das Heil der Seelen!

In einer solchen Bildungsarbeit lernte die Jugend das Leben aus gesicherter Bildungstiefe heraus meistern. So konnte sie in klarer Überlegenheit sich den Kämpfen ihres Zeitalters stellen, und diese Bildungstiefe hat nicht nur ein Jahrhundert christlicher Erneuerung begründet! Sie bestand in einem ehrfürchtigen Wissen um die Frage nach dem Sinn und Ursprung aller Dinge, und in einer gläubigen Bejahung des religiösen christlichen Weltbildes. Denn niemals wird uns eine Pädagogik befriedigen dürfen, die zwar der Welt der Freiheit und des Geistes ihr Recht einräumen möchte, die es aber versäumt, über dem Gewordenen und menschlich Wertvollen die letzten unwandelbaren Wesenheiten und Werte zu suchen und zu sehen.

Möge der Herr seinem getreuen Diener all seine seelsorglichen Mühen um die Menschen reichlich vergelten. Das Requiem für P. Leder fand am 18. Mai in der Herz-Jesu-Kapelle des Friedrich-Spee-Hauses in Hannover statt. Er ruht in der Grabstätte der Jesuitenpatres auf dem Seelhorster Friedhof.

R.i.p.

P. Franz Scharfenberger SJ

Nachrichten aus der Norddeutschen Provinz, Nr. 3, Juni 1978, S. 34f