P. Theo Schlingermann SJ
21. Dezember 1984 in Hannover

Theo Schlingermann war ein stiller Mitbruder, der nie viel Aufhebens von sich machte. Er hatte seinen eigenen Willen. Aber er war wirklich ein Mensch. Und das ist wohl das Größte, was man von jemanden sagen kann. Wenn man mit ihm nicht übereinstimmte, ließ man ihn machen oder man machte es selbst. Jedenfalls klappte es dann immer und es gab nie viel Worte darüber. Die Hauptsache war, daß getan wurde, was notwendig war. Viel wissen wir nicht von ihm, denn er sprach wenig und machte niemals etwas aus sich. Und da der Nachruf bald herauskommen soll, bleibt auch nicht viel Zeit, alle die Mitbrüder zu fragen, die mit ihm zusammen waren und sicher noch manche Erinnerung an ihn haben. Vielleicht ist das auch ganz in seinem Sinn. So soll am Anfang ein Lebenslauf stehen, den er im Jahre 1960 aus irgendeinem Anlaß schrieb und bei seinen Papieren aufbewahrte. Da heißt es:

'Ich bin geboren am 5. Februar 1912 als drittes von sieben Kindern. Mein Vater Heinrich Schlingermann war Maschinenschlosser und Meister auf der Zeche König Ludwig zu Recklinghausen. Er starb 1947. Meine Mutter ist eine geborene Anna Frentrop. Kindheit und Jugend verlebte ich im Elternhaus zu Recklinghausen. Dort besuchte ich auch die Grundschule von 1919 bis 1923; anschließend das Gymnasium Petrinum ebenfalls zu Recklinghausen. Am 28. Februar 1934 erhielt ich dort das Reifezeugnis. Am 19. September desselben Jahres ging ich in das Noviziat der Gesellschaft Jesu nach 's-Heerenberg bei Emmerich. 1936 konnte ich nach Pullach bei München übersiedeln. Dort absolvierte ich 6 Semester Philosophie-Studium bis Sommer 1939. Es folgte noch im gleichen Jahr meine Immatrikulation an der theologischen Fakultät der Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main. Mit dem Wintersemester 1939 begann mein Theologiestudium. Es wurde aber am 15. Februar 1940 durch die Einberufung zum Heer unterbrochen. Als Sanitätssoldat machte ich den Krieg in Frankreich, auf dem Balkan und in Rußland mit, bis ich am 1. November 1941 aufgrund des Geheimbefehls von Hitler als Angehöriger der Gesellschaft Jesu aus der Wehrmacht entlassen wurde.

Noch im Wintersemester 1941 konnte ich mein Theologiestudium fortsetzen; ihm war aber noch kein Abschluß beschieden. Durch die Verhältnisse in Deutschland wurde ich vor Abschluß des Studiums am 9. November 1942 vom Bischof zu Mainz zum Priester geweiht und zur Seelsorge nach Steinheim am Main gesandt. Diese Tätigkeit dauerte bis Oktober 1945. Anschließend leitete ich für ein Jahr die Wiederaufbauarbeit der Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main. Im Wintersemester 1946 konnte ich mein Studium in Büren, wohin die Jesuitenfakultät St. Georgen umgezogen war, fortsetzen. 1949 legte ich das Schlußexamen ab. Von September 1949 bis August 1950 war ich in Münster stationiert, um in einem letzten Jahr durch Studien im Ordensrecht, in Grundfragen der Seelsorge und in sozialen Wissenschaften die Ausbildung zu vervollständigen.

1950 bis 51 war ich im Saargebiet in überpfarrlicher Seelsorge tätig. Die gleiche Tätigkeit übte ich von 1951 bis 53 in Frankfurt/Main aus. Im Frühjahr 1953 siedelte ich nach Essen über, um für einen Sommer die Seelsorge in G.S.O. Lagern im englischen Besatzungsbereich zu übernehmen. Seit Oktober 1953 bin ich als Religionslehrer an der Gewerblichen Berufsschule Essen-West zuerst nebenamtlich, seit 1954 hauptamtlich tätig. (Essen, den 7.November 1960)'.

Soweit der Lebenslauf. Hinter diesen trockenen Worten aber stand ein Mensch, der auch noch im Alter immer für einen Scherz und sogar Unfug aufgelegt war. Vielleicht begründete das sein Charisma für Kinder, die ihm nach seinen Berichten auch bei seinen Aushilfen immer nachliefen. Es war ja auch interessant, den 'Rübezahl' mit dem langen Bart in seinem grünen Mini-MG-Spitfire hinter dem Steuer zu sehen. Eines seiner Hauptmerkmale: 'Möchten Sie nicht' oder 'War es nicht so', dann wurde er ärgerlich und sagte: 'Nein, ich möchte nicht' und 'Nein, es war nicht so'. Und wenn er das erzählte, pflegte er zu lächeln und zu sagen: 'Wenn der mir vernünftig gekommen wäre, dann hätte ich es gemacht. Aber so... tue ich es einfach nicht'. Ja, er hatte so seine Prinzipien. Und wenn es jemanden in seiner Arbeit schwer wurde, dann erzählte er die folgende Geschichte: 'Ich wurde zunächst zu den Volksmissionaren ins Saargebiet gesandt. Mitten in einer Volksmission kam ein Anruf des Provinzials: Sofort nach Frankfurt kommen. Er kam und sollte dort den Minister in der Residenz ablösen. Doch als er ankam, hatte sich die Lage schon wieder geändert und er wurde gefragt:' Was wollen Sie eigentlich hier?'. So blieb er und war (laut Lebenslauf) in überpfarrlicher Seelsorge tätig. Schließlich ging er dann nach Essen und kam dort zu seiner Haupttätigkeit als Religionslehrer an der Berufsschule. Sein Sinn für praktische Dinge und vielleicht auch seine Begabung für gutes Kochen brachten ihm dazu den Posten des Ministers, an den er sich immer gern erinnerte. Und er schloß seine Geschichte mit den Worten: 'Eigentlich und offiziell bin ich nie in Essen gewesen. Denn als es in 'Frankfurt nicht so richtig etwas wurde, sagten mir die Mitbrüder: Fahr doch nach Essen. Dort brauchen sie jemanden'. Ja, das Leben hat seine eigenen Wege.

Ich denke, wir sollten schließen mit einigen Erinnerungen aus seinen letzten Tagen. Wir, das heißt die Kommunität, brachten ihn nicht ins Krankenhaus. Obwohl er akute Herzschwäche hatte und das Wasser in ihm schon hoch stand, fuhr er nach Dänemark. Dort verbrachte er seit Jahren seine Ferien bei Kindern und Schwestern eines Berliner Kinderheimes. Er kam zurück. Aber die Schwestern hatten schon angerufen, ob er es denn geschafft hätte. Er sei doch gesundheitlich so schlecht beieinander. Schließlich sah ich gegen 22.00 Uhr von meinem Zimmer aus einen 'Minibomber' in den Hof fahren. Er war es. Ich ging hinunter und er konnte kaum noch ein paar Schritte tun. Er saß dann ca. 1/2 Stunde am Treppenaufgang, bis ich ihm sagte: 'Nun versuch es doch einmal. Dann bist Du in Deinem Zimmer und kannst dann sitzen, solange Du willst'. Auch da ging er nicht ins Krankenhaus sondern fuhr zu einer neuen Vertretung. Einige Tage später erhielten wir einen Anruf von seinen Verwandten: sie würden ihn bringen, er müsse und wolle nun endlich auch in Behandlung. Nach ca. vier Wochen war er wieder bei uns und es ging ihm auch ganz befriedigend. Aber es wurde wieder schlechter. Er konnte kaum mehr etwas essen und wurde schwächer und schwächer.

Schließlich konnten wir es nicht mehr ansehen und brachten ihn mit einer kleinen List doch noch einmal zum Krankenhaus. Und da hatte er kurz vor seinem Tode eine 'aufmüpfige Phase'. 'Wer hat mich in diese Klapsmühle gebracht?', fuhr er P. Mehring und P. Matzker wie auch seinen jüngeren Bruder an. Alle waren ganz verwirrt, denn das hatte man bei ihm noch nicht erlebt. Doch dann ging das wieder vorbei und er wurde ganz ruhig. Er wollte halt niemanden zur Last fallen. Am Abend vor seinem Tod besuchte ich ihn noch einmal. Da ich ihn am besten kannte, war die Wahl auf mich gefallen, ihm zu sagen, daß in Münster wohl ein Zimmer auf ihn warte. Ich kam von einer der Weihnachtsfeiern, die vor dem Fest in den Krankenhäusern fällig sind, damit die Kranken im Krankenhaus leichter über das Fest kommen. Und ich war einfach müde. Er war so schwach, daß ich ihm nichts sagen konnte. Ich wollte lieber erst nochmals mit dem Arzt sprechen, mußte dafür aber eine Stunde warten. So setzte ich mich zu ihm. Viel zu sprechen war nicht mehr. Es war aber auch nicht nötig. Nach einem kurzen Bericht über das Haus schlief er ein. Und ich auch. So ab und zu machte einer von uns die Augen auf und bemerkte, daß der andere noch da war. Schließlich verabschiedete ich mich und erfuhr vom Arzt, daß Theo bei seiner Zähigkeit durchaus noch einige Zeit leben könne. Aussicht auf Besserung gebe es allerdings nicht mehr. Ja, und dann erhielten wir am Morgen darauf gegen 7.00 Uhr die Nachricht, daß er gerade friedlich eingeschlafen sei und daß wir doch gleich kommen sollten.

Theo hatte schließlich erreicht, was er wollte: Er war praktisch niemanden zur Last gefallen. Wie er ohne großes Aufsehen immer dagewesen war, wenn man ihn brauchte, so war er auch ohne großes Aufsehen gegangen. Und so werden wir ihn in Erinnerung behalten.

R.i.p.

P. Wolfgang Hundeck SJ

Nachrichten aus der Norddeutschen Provinz, Nr. 1, Februar 1985, S. 10f