P. Josef Wegmann SJ
16. Dezember 1959 in Wolfsburg

Am 16. Dezember 1959 fuhr P. Wegmann zur Priester-Rekollektio nach Wolfsburg. Um zu Haus nicht zu früh am Morgen zelebrieren zu müssen, hatte er den Herrn Dechant in Wolfsburg gebeten, dort die heilige Messe feiern zu können. Am Marienaltar der St. Christophoruskirche in Wolfsburg brachte er um 8.30 Uhr sein letztes heiliges Opfer dar und kam kurz vor 9.30 Uhr in das Pfarrhaus zurück. Als er seinen Hut abgelegt hatte und die Pfarrschwester begrüßte, fiel er plötzlich zu Boden. Der Pfarrer erkannte sofort den Ernst der Lage und spendete P. Wegmann die heilige Ölung, sogleich danach verschied er. Aufgebahrt in einem Zimmer des Pfarrhauses konnten die Priester des Dekanates nur noch von dem Verstorbenen Abschied nehmen. Am gleichen Abend brachte man P. Wegmann nach Hannover zurück, wo er am 21. Dezember auf dem Seelhorster Friedhof unter großer Beteiligung von Priestern und Volk beigesetzt wurde.

P. Wegmann wurde am 22. März 1900 in Essen/Ruhr als Sohn des Oberbahnassistenten Theodor Wegmann und seiner Frau Gertrud geb. Hoppen geboren. Er wuchs in einer echt christlichen Familie mit seinen sieben Geschwistern auf.

Ein Jahr nach seinem Abitur trat er am 11. April 1921 in die Gesellschaft Jesu ein. Schon im zweiten Noviziatsjahr mußte er sich in Köln bei Prof. Tillmann einer Gehirnoperation (Trepanation) unterziehen zur Verringerung des Gehirndruckes. Den gesteigerten Druck im Gehirn, der ohne Zweifel viel zu seinen Eigenheiten beitrug, hat P. Wegmann wohl nie ganz verloren.

Trotz seiner nicht festen Gesundheit strebte P. Wegmann mit ganzer Seele dahin, in ein Aussätzigenheim in Japan zu kommen. P. Provinzial Lauer kam seiner Bitte nach und ließ ihn als Vorbereitung für Japan das Tertiat in England machen. 1933 fuhr P. Wegmann nach Japan zum Studium der japanischen Sprache. Aber schon 1934 mußte er wegen Krankheit nach Deutschland zurückkehren. Von der Residenz in Bonn aus war er als Seelsorger in einem Krankenhaus tätig. In gleicher Eigenschaft ging er dann nach Lathen a. d. Ems, wo er 1936 und 37 segensreich die Kranken betreute. 1938 kam er zur Erholung nach dem Libanon, kehrte aber zu Beginn des zweiten Weltkrieges zurück und wirkte als Operarius in seiner Vaterstadt Essen. 1940 kam er zur Erholung nach Köln und ging dann 1941 nach Emstek in Oldenburg, wo er sich in der Pfarrseelsorge bis Ende 1946 betätigte. 1947 wurde er als Männerseelsorger in Dortmund eingesetzt. Seine Arbeit bestand hauptsächlich darin, daß er in den verschiedenen Pfarreien Männervorträge hielt, und zwar ganz allgemein für alle Männer ohne irgendwelche Rücksicht auf Vereine oder Gruppen oder Betriebe und dergl. Er gehörte also noch zur alten Richtung. Die Vorträge waren zum Teil in der Kirche, zum Teil in einem Saal. Da er für Diskussionen besonders begeistert war, ging er am liebsten in einen Saal. Die Pfarrer und Männer waren mit ihm sehr zufrieden. In allen Volkskreisen hatte er Bekannte, die ihn gern aufsuchten.

Seit 1953 widmete sich P. Wegmann von Essen aus ganz der Priester- und Schwesternseelsorge. Alle Vorträge für Priester wie für Schwestern arbeitete er schriftlich aus nach einem gut überlegten Jahresplan. Seine gute Begabung machte ihm die schriftliche Ausarbeitung nicht schwer, aber aus Ehrfurcht vor dem Priester- und Ordensstand wollte er etwas Gutes, Gediegenes und Praktisches bieten. Seine Mühe war nicht umsonst. Alle hörten ihn gerne und viele wählten ihn zu ihrem Beichtvater. Selbst einfache Schwestern erbaten sich ihn immer wieder zu ihrem jährlichen Exerzitienmeister.

Eine der "Töchter Mariens" schreibt: "Es ist schwer, den modernen Menschen zu leiten, ihn vor einem Leerlauf im sakramentalen Leben zu bewahren und ihn zur wahren Ehrfurcht und Liebe in seinem Verhältnis zu Gott wie auch den Menschen gegenüber anzuleiten. P. Wegmann war diesen Anforderungen in hohem Maße gewachsen. Er erfaßte gleich, wo echte Schwierigkeiten vom Verstand oder vom Charakter her waren und gestaltete durch wenige klare Sätze seinen Zuspruch zu einer regelrechten Katechese ganz dem Fassungsvermögen der einzelnen angepaßt. Selbst im Denken klar und einfach, hatte er ein ausgeprägtes Talent, auch andere dahin zu erziehen. Für jeden nahm er sich die erforderliche Zeit. Und wie er außerhalb der Beichte etwas nervös wirken konnte, so still und ruhig war er bei seinem Zuspruch. Irgendwie wurde man von sich weg und froh wieder in den Alltag zurückgeführt."

Wenn wir bedenken, daß P. Wegmann in Essen monatlich 13 Priesterkonferenzen und fast 60 Schwesternvorträge hielt, dann wundert es uns nicht, daß er immer nervöser wurde und oft über Herzbeschwerden klagte. Sein Leibarzt Dr. Rodewyk (Hürde), der ihn oft eingehend auf seinen Gesundheitszustand untersuchte, stellte schon November 1946 die ersten Herzbeschwerden fest, die bei den anstrengenden Arbeiten und den vielen Reisen sich von Jahr zu Jahr steigerten. 1958 ergab der ärztliche Befund: Herzvergrößerung mit Herzmuskelschaden (Angina Peteris).

Um diese Zeit wurde in einem kleinen Kreis von Mitbrüdern über die große Schwierigkeit gesprochen, den Charakterfehler zu bekämpfen. Mitten in der Unterhaltung rief P. Wegmann aus: "Schon jahrzehntelang ringe ich darum und habe es bis heute noch nicht fertiggebracht". Darauf sagte ganz trocken ein Mitbruder: "Ja, das merkt man". Und alle lachten herzlich über diese Ehrlichkeit und Offenheit. Der prüfende Blick des Psychologen von heute bemüht sich, die treibenden Kräfte einer Seele, die sie sich selbst nicht eingestehen will, zu entdecken, er möchte ein Temperament, einen Charakter genau bestimmen. In Wirklichkeit gelingt es ihm nicht, den innersten Kern eines Menschen, das Einmalige an ihm zu erfassen. Der Wesenskern der Seele ist und bleibt für uns ein Geheimnis und gehört Gott allein an. Der wahre Petrus, der das Versprechen erhielt, einst das Amt des Oberhauptes der Kirche zu bekleiden, ist der Mensch, der vom himmlischen Vater erleuchtet wurde, der Jesus als Messias bekannt hatte. Seine Verirrungen und Fehler, sein Widerstand gegen das Leiden und seine Verleugnung können die Hochschätzung, die Christus ihm entgegenbringt, nicht zerstören. Diese Tatsache sollte uns allen stets lebendig im Bewußtsein bleiben. Manches Urteil über einen Mitbruder wird dann gerechter und liebevoller sein.

Nach dem Übermaß der Arbeit in Essen war für P. Wegmann eine Erleichterung dringend notwendig geworden. So siedelte er denn im September 1958 nach Hannover über. Hier wurde er mit der Priester-, Schwestern- und Konvertitenseelsorge betraut. Im Beichtstuhl unserer Herz-Jesu-Kapelle war er ein gern gesuchter Beichtvater. Außerdem leitete er einen Kursus über Glaubenslehre und einen Bibelkreis mit einer stets wachsenden Besucherzahl. So füllten ihn die Arbeiten in Hannover innerlich aus und gaben ihm große Zufriedenheit, die er auch gern anderen gegenüber äußerte.

Wie sehr die geistliche Führung P. Wegmanns gesucht und geschätzt wurde, offenbarte sich besonders bei der Kunde von seinem plötzlichen Tod. Aus den vielen Beileidsschreiben kennzeichnen ein paar Sätze seine Wertschätzung aller Kreise: "Seit P. Wegmann hier in Hannover war, hat er sich uneigennützig und stets gern auch um die katholischen Akademiker bemüht. Der Bibelkreis, den er führte, war gerade im jetzigen Wintersemester besonders gut besucht, so daß er wohl allen, dem Lehrenden und den Hörenden, viel Freude bereitet hat." Der hochwürdigste Bischof von Hildesheim betont in seinem Schreiben: "zutiefst bin ich erschüttert über den so schnellen Tod von P. Wegmann. Das werden mit mir viele, sehr viele Confratres empfinden. Er war ja als Pater für die Rekollektionen und als Beichtvater so sehr geschätzt".

R.i.p.

P. Bernhard van Acken SJ

Mitteilungen aus den deutschen Provinzen der Gesellschaft Jesu,
19. Band, Heft 2 Nummer 122 Ostern 1961, S. 249 ff