Johannes Beckmann SJ

P. Johannes Beckmann SJ
* 29.03.1912    25.11.2000
Ordenseintritt 1930 - Priesterweihe 1940 - Letzte Gelübde 1967

In der Fastenzeit 1998, etwa zweieinhalb Jahre vor seinem Tod, verfasste Johannes Beckmann nachfolgenden Text, den er für sein Sterbebildchen bestimmte:

"In der Rückschau auf die 86 Jahre meines Lebens habe ich für zahllose Gnaden zu danken. Alle, die diese Zeilen lesen, lade ich ein, mit mir Dank zu sagen.
1912 wurde ich in St. Afra im Norden Berlins getauft und durfte in einer tiefgläubigen katholischen Familie aufwachsen. 1926 von Kardinal Bertram gefirmt, wusste ich vier Jahre später unbeirrbar um meine Berufung zur Gesellschaft Jesu.
Hervorragende Lehrer haben mich tiefer in den Glauben und die Christusliebe eingeführt. Statt vieler Namen nur zwei: Joseph Andreas Jungmann und Karl Rahner. Der Bischof von Berlin, Konrad von Preysing, weihte mich am Peter-Paul-Fest 1940 in der St. Hedwigskathedrale zum Priester. In Wien und Oppeln O/S tat ich erste priesterliche Dienste. 1946 wurde mir die Seelsorge in Ribnitz (Mecklenburg) aufgetragen. Ab 1948 durfte ich, von Leipzig aus, 23 Jahre bei den Monatspredigern in der DDR mitarbeiten.
Diesem Wirken in die Weite folgten zwei Jahrzehnte der Arbeit mehr in der Stille. Andere Menschen führen zu dürfen, über viele Jahre hin, im Sinn der Geistlichen Übungen des heiligen Ignatius von Loyola, eröffnet ungeahnte Möglichkeiten für den Führenden selbst.
Dem Bischof von Erfurt, Hugo Aufderbeck, schulde ich besonderen Dank. Er hat mich für 13 Jahre zur Mitarbeit in den zahlreichen DDR-Schwestern-Gemeinschaften gerufen.
Berlin-Biesdorf, Rostock und Goppeln (bei Dresden) waren weitere Stationen meines priesterlichen Wirkens.
Schließlich (seit 1991) Hannover. Fünf Jahre konnte ich noch an unserer Herz-Jesu-Kapelle tätig sein. Die letzte Zeit meines Lebens wurde mir großzügig gewährt, um für die weltweiten Aniegen der Kirche und unserer Ordensgemeinschaft zu beten.

    In Ruhe und Vertrauen erwarte ich
    die Ankunft des Herrn:
    Vollenden wir den Lebenslauf,
    nimm uns in Deine Liebe auf,
    dass unser Herz Dich ewig preist,
    Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist.
    (Hymnus zur Fastenzeit in der Non)"

Ein "curriculum vitae"
Im Jahr 2000, dem Übergang in ein neu heraufziehendes Jahrtausend, konnten wir mit Johannes Beckmann ein Jahr des Reifens und der Ernte feiern. Es war kein Jahr, das unbedingt zwingend auf seinen Tod hinwies, es zeigte eine Offenheit in beide Richtungen: Johannes Beckmann hatte neben dem obigen Text für sein Totenbildchen auch schon ein längeres "Curriculum Vitae" (vom 11.5.1999) in seiner Schublade liegen - allzeit bereit. Und er machte auch gleichzeitig Pläne, was er in Angriff nehmen wollte. Er öffnete sich erzählend, und war gleichzeitig oft auch scheu und still gegenüber vielen der fremden Besucher, die unsere Niederlassung in Hannover in diesem Jahr wegen der EXPO 2000 aufsuchten. So feierten wir die Vollendung seines 88. Lebensjahres. Die Zahl Acht weist auf den achten Schöpfungstag hin, die Auferstehung. Kurz darauf folgte sein 70-jähriges Ordensjubiläum - die Sieben als Zahl der Vollendung. Am Fest Peter und Paul krönte seine Festreihe das 60-jährige Priestersein. Die Sechs als Zahl der Vollkommenheit. An diesem Tag feierte er zum letzten Mal in seinem Leben öffentlich die Eucharistie, in unserer Herz-Jesu-Kapelle. Wir konnten sie in festlicher Weise gestalten, und viele Gäste nahmen freudig daran Anteil. Hier zeigte sich aber zunehmend schon die Mühe, die ihm eine anämische Grunderkrankung seit einigen Jahren machte.

Besonders bei diesen Festen erzählte Johannes einige Ereignisse seines Lebens, die ihn geprägt hatten. Auch wenn die Bewältigung durch den oft langen Abstand zu den Geschehnissen deutlich durchklang, manchmal durch einen feinsinnigen Humor, so schien doch auch auf, was er in seinem Werdegang schmerzlich durchmachen musste in der Zeit des Nationalsozialismus und während der Ära des Kommunismus in der DDR. Er, der eher eine stille, vornehm-zurückhaltende Art an den Tag legte und sicher kein nach außen hin kämpferischer Typus war, wusste aber, was er wollte und besaß eine Zähigkeit, treu und zielgerichtet seinen Weg zu gehen. Zudem konnte er auch ein feuriges Temperament an den Tag legen, wenn ihm etwas besonders wichtig war. - Johannes Beckmann hat wohl vieles an sich selbst erfahren, so dass er später andere in ihrer Not und Angst verstehen und begleiten konnte. So erzählte er von verschiedenen Lebensphasen, die sich dann in seinem Curriculum Vitae zum Teil wiederfanden. Er hatte ein glänzendes Gedächtnis und wusste sein Wort wohl zu setzen, ob er sprach oder schrieb.

Der Bruder von drei jüngeren Schwestern überraschte seine Familie damit, nach dem Abitur zu den Jesuiten zu gehen und nicht zu den vom Vater geschätzten Franziskanern. Zu seiner Familie, deren Mitglieder er alle überlebte, wie auch zu seinen geschätzten Verwandten hielt er zeitlebens eine gute Verbindung. Das Noviziat und die ersten Gelübde (1930-1932) verbanden Johannes mit Mittelsteine (P. Kempf!). 1932 beginnt er in Valkenburg die Philosophie, der sich 1935-38 das Interstiz anschließt, zuerst in Sankt Georgen als Hilfe von P. Ludwig Kösters und danach als Präfekt im Canisiuskolleg Berlin und als Helfer von P. Lambert Classen.

Der Kriegsbeginn am 1.9.1939 überrascht Johannes als Scholastiker in Innsbruck. Die Aufeinanderfolge der politischen Ereignisse und die schnelle Reaktion innerhalb des Ordens, junge Mitbrüder in den Orden zu integrieren und zum Priestertum zu führen, um sie vor dem Zugriff des Regimes zu schützen und gleichzeitig damit den "Dienst an den Seelen" sicherzustellen, muss sicherlich die Obern wie die ihnen Anvertrauten damals ungemein herausgefordert haben.

Die rasante Abfolge von Ereignissen, die einen inneren Prozess voraussetzen wie auch zur Folge haben, macht der von Johannes Beckmann aufgeführte Jahresspiegel seiner Ausbildung deutlich: "Anfang Oktober 1939 wurden das Kolleg Innsbruck aufgehoben und alle Mitbrüder, Professoren und Studenten am gleichen Tag durch die Nazis aus dem Haus gejagt und vertrieben. Wir Theologen des 1. Jahrgangs bekamen die Weisung: nach Feldkirch! Dort Exerzitien von P. Joseph Andreas Jungmann, unserem Innsbrucker Rektor. Danach erhielten wir am 22.10.1939 in der Kapelle des Exerzitienhauses durch Bischof Franziskus von Feldkirch die Subdiakonatsweihe. Am folgenden Tag reisten wir über Innsbruck nach Wien. Inskription an der theol. Fakultät am 3. November 1939 / 9.6.1940 Diakonatsweihe / 29.6.1940 zum Priester geweiht / 8.11.1942 Abgangszeugnis von der Universität Wien / Im Sommer 1943 wurde ich als Kaplan an die Kreuzkirche in Oppeln O/S geschickt. Für uns in Oppeln war der Zweite Weltkrieg am 21.1.1945 zu Ende. Die Stadt wurde von den Russen besetzt, wenige Tage später tauchten immer mehr polnische Besatzer auf. Für den 8.8.1945 wurden einigen (vier) von uns 'Ausweisungsbefehle' zugestellt. (Wir) 'reisten' auf LKW'S und Kohlezügen nach Berlin. Unsere kleine Truppe (wurde) im fahrenden Zug von plündernder Soldateska ausgeraubt. Dabei gingen mir unersetzbare scripta verloren. In Berlin nahm uns P. Provinzial Bernhard Hapig wie ein Vater auf."

Sein Wirken "in die Weite"
Wer ihn näher kennt, kann nachempfinden, was diese sechs Kriegsjahre im Leben von Johannes Beckmann bedeuten: während der Ausbildung in Gefahr für Leib und Leben sein, ständig weitreichende Entscheidungen treffen müssen, als Priester in Oppeln O/S fast nur die hl. Messe in schwarzen Gewändern feiern müssen, da die Zahl der Gefallenen und Toten ins Horrende steigt. Angesichts jener leidvollen Zeitumstände bekommt Johannes Beckmanns Aussage über seine "hervorragenden Lehrer" (Jungmann, Rahner), die ihn "tiefer in den Glauben und die Christusliebe eingeführt" haben, einen besonderen Klang - jenen Klang, der sich auf den weiteren Wegstrecken dieses Gefährten Jesu immer mehr entfalten wird. Von väterlichen Gestalten hat er gelernt, selbst anderen väterlich zu begegnen, ohne das Gemeinschaftlich-Mitbrüderliche aus den Augen zu verlieren.

Nachdem Johannes 1945 aus Oppeln zurückgekommen war, sammelte er weitere seelsorgliche Erfahrungen in Berlin, in der Mecklenburgischen Diaspora und im Tertiat auf der Rottmannshöhe bei P. Franz Hayler. Danach bekommt Johannes Beckmann von Provinzial Hapig die Destination zur Mitarbeit in der Turme (Gruppe) der Monatsprediger (1948-1971). Zunächst von Erfurt-Hochheim und dann ab 1950 von der Mozartstraße 10 in Leipzig aus ist Johannes Beckmann gemeinsam mit den PP. Kroll, Retzek, O. Ogiermann und Bartsch in der Turme überall in der DDR unterwegs und wirksam durch seine Monats-Predigten, durch Beichthören und Seelsorge an den Mitarbeitern in den Gemeinden. P. Beckmanns Predigten hatten in erster Linie die spirituellen Themen zum Inhalt. Sie liegen noch in einigen Umschlägen vor, von ihm selbst gesammelt.

In der Zeit seiner Mitarbeit als Herausgeber im St-Benno-Verlag Leipzig von 1956-1983 (besonders von westlicher geistlicher Literatur) hat er über 30 Titel entweder selbst verfasst und/oder herausgegeben. Besonders gern erwähnte Johannes die sehr mühsame erste Edition der "Geistlichen Übungen" (Peter Knauer). Sein Beleg-Exemplar trägt das Datum des 25.1.1979. Ebenso wirkte Johannes Beckmann bei den DDR-Periodica von "Wort und Leben" mit, und er edierte 13 Jahrgänge von je vier Heften einer von Bischof Aufderbeck erwünschten nachkonziliaren Schwestern-Zeitschrift "Zeichen und Zuversicht" (1972-1985).

Sein Wirken "mehr in der Stille"
Die Exerzitienarbeit kam ab November 1962 auf Johannes zu. Von einer Provinzoberin wurde er gebeten, er "möge es doch wenigstens mal versuchen", und er fährt fort: "Sie wird kaum geahnt haben, dass diesem ersten offenbar geglückten Versuch noch viele, meist 5-8-tägige Kurse folgen würden." Von 1973-1975 tat er einen solchen Dienst auch für die jungen Mitbrüder im Studienhaus Erfurt-Hochheim.

Zu Ignatius 1976 wurde Johannes Beckmann von Leipzig nach Berlin ins Hedwigkrankenhaus destiniert. Seine Exerzitientätigkeit machte es sinnvoller, ins Exerzitienhaus Biesdorf umzusiedeln. Das wurde Ende 1977 realisiert und brachte ihm "8 glückliche Jahre" ein, zusammen mit den dortigen Mitbrüdern. Von dort aus konnte er auch nach der am 1.1.1978 vollzogenen Vereinigung von Ostdeutscher und Niederdeutscher Provinz im März 1978 an der Provinz-Kongregation in Sankt Georgen teilnehmen, "die erste große gemeinsame Unternehmung der Norddeutschen Provinz". Als reisefähiger Rentner war er weiterhin häufiger im Westen zu sehen und hat Mitbrüder und Kommunitäten aufmerksam kennenzulernen gesucht.

Ein erneuter Seelsorgsauftrag führt Johannes Beckmann 1985 nach 40 Jahren erneut nach Ribnitz, Mecklenburg. "Der sehr kalte und harte Winter 86/87 mit Aushilfen in unheizbaren Mecklenburger Kirchen brachte mich selbst an den Rand meiner Kraft und meines guten Willens." So wurde er nach Goppeln bei Dresden in das Schwestern-Altenheim der Nazarethschwestern vom hl. Franziskus destiniert, wo er wieder mit einigen Mitbrüdern "eine Kommunität voll Harmonie und Frieden (erlebte)."

Die politische Wende in Deutschland brachte dann noch einmal einen neuen Aufbruch in sein Leben. Am Karfreitag 1991, an dem Geburtstag, der ihn 79 Jahre alt werden ließ (vier Jahre älter als Abraham bei seinem Aufbruch!), übersiedelte Johannes Beckmann nach Hannover. Er hatte den Aufruf des Provinzials P. Höfer gehört, der an die "Verfügbarkeit" der Mitbrüder appelliert hatte, "dass wir die Kommunitäten in Ost und West miteinander vermischen müssen, um ein neues 'Wir'-Gefühl zu entwickeln". Wie 1978 ist Johannes wieder einer der ersten, dem die "neue" Provinz ein Anliegen ist; er wird mithin zu einem Brückenbauer. Er übernimmt im wiedervereinigten Deutschland die Aufgabe des Rektor Ecclesiae in der Herz-Jesu-Kapelle in Hannover. Für fünf Jahre tut er dort treu diesen Dienst und ist - über die Zeit dieses Dienstes hinaus - in der Kommunität ein sehr geschätztes und weiterhin mitwirkendes Mitglied. So sehr vieles für ihn eine Umstellung bedeutete und sicherlich eine Herausforderung war, so sehr hat er sich darauf eingelassen. Zwischen den Jüngsten in der Kommunität und ihm stand eine Zeitspanne von 50 Jahren - was einen besonderen Schatz bedeutete. Manchmal sagte er uns sehr deutlich, was er meinte und was ihm wichtig war. Das hat uns inhaltlich sehr beeindruckt und zeigte uns die Kunst eines "Turme"-Redners. Aber er war mehr ein Zuhörer als einer, der seinen Rat aufdrängte. Er behielt ihn aber auch nicht zurück, wenn er danach gefragt wurde. Alles, was er anfasste, fußte auf einem wunderbaren Judiz und hatte weisheitlichen Geschmack. Sein Gebet diente der Kirche und der Gesellschaft Jesu; sein Interesse erlahmte nicht.

Sein Brevier war aktuell aufgeschlagen, als er am Nachmittag des 21.10.2000 ins Krankenhaus gebracht werden musste. Die anämische Grunderkrankung, die schon häufiger Bluttransfusionen erforderlich gemacht hatte, kam schließlich in aller Deutlichkeit zum Durchbruch, und sein Verfall war täglich schmerzlich mit anzusehen. Johannes Beckmann, der in seinem Zimmer und in seinem Leben so "aufgeräumt" war, dass er bei der Verfassung seines Sterbebildchens schreiben konnte: "In Ruhe und Vertrauen erwarte ich die Ankunft des Herrn", er musste doch noch durch eine fünfwöchige fragende Lebensphase gehen. "Muss ich denn alles noch einmal durchmachen, wie es Hiob erlebt hat?" war eines Tages seine zu Herzen gehende Frage. Meine Rückfrage an ihn war gleichzeitig mein Wunsch an ihn, ob er vielleicht den einen Satz des Hiob als Anker nehmen könnte: "Ich weiß, dass mein Löser lebt!"

Die letzten gut zwei Wochen haben die Mitbrüder von Haus Sentmaring in Münster Johannes Beckmann in ihre Obhut genommen. Im dortigen Clemenshospital ist er am 25. November 2000, dem Vortag des Christkönigsfestes gestorben. Sein Aussehen im Tod hatte etwas Hoheitliches, das den Betrachter dankbar stimmt. Sein Nachlass war geordnet - ein Dienst an die Mitbrüder bis zuletzt. Ganz am Ende einer Auflistung der wichtigen Dokumente und Papiere schreibt er abschließend:
"Liebe Mitbrüder, Gott vergelte Euch alle Sorgen und Mühen mit meinem corpus. Die werden hoffentlich bald überstanden sein ... Aber später! Später schenkt mir bitte, über das streng Pflichtmäßige hinaus, dann und wann ein Memento für meine Arme Seele. - In der Ewigkeit dankt Euch das Euer Johannes."

P. Johannes Beckmann SJ ist am 29. November 2000 auf dem Ordensfriedhof von Haus Sentmaring in Münster begraben worden.

P. Hans-Bernd Bollmann SJ

Aus: Jesuiten/Nachrufe 2004, S. 8-11