Georg Conrad SJ

P. Georg Conrad SJ
* 01.08.1912    31.03.2004
Ordenseintritt 1931 - Priesterweihe 1939 - Letzte Gelübde 1951

Pater Georg Conrad gehört zu den Priestern, die nach 1945 in Ostdeutschland eine unauffällige und solide kirchliche Aufbauarbeit geleistet haben, lange bevor das Schlagwort vom Aufbau Ost bekannt war. Doch vorher war sein Lebensweg durch zwei Weltkriege geprägt. Zwei Jahre vor dem ersten Weltkrieg, am 1. August 1912, wurde er in Fraustadt, damals Provinz Posen, geboren. Der Vater, Gymnasiallehrer Georg Conrad, hat für seinen Zweitgeborenen auf dem Standesamt die Namen Georg Heinrich Paul eintragen lassen. Die Geburtsurkunde darüber hat P. Conrad durch alle Wirrnisse gerettet. In den ersten Monaten des Krieges fiel der Vater. Die Mutter litt ihr Leben lang darunter, zog nach Frankenstein in die Nähe von Verwandten, auch um den beiden Söhnen einen Gymnasialbesuch zu ermöglichen. Das ging wegen der kargen Witwenrente nur, wenn das Schulgeld ermäßigt wurde. Die Lehrer wussten das und rieben es Georg aufs Butterbrot, wenn seine Leistungen den Erwartungen einmal nicht entsprachen. Er hat später nur ungern an seine Schulzeit gedacht. So wurde die Jugend auch wegen der häuslichen Geldknappheit für Georg hart.

Eine frohe und glückliche Atmosphäre erlebt Georg Conrad zum ersten Mal, als er in Mittelsteine (Grafschaft Glatz), dem Noviziat der Jesuiten, Exerzitien macht. Das motiviert ihn, nach dem Abitur bei den Jesuiten einzutreten. Er will Missionar werden. Die Ausbildung verläuft jedoch anders als erwartet: Wegen politischer Schwierigkeiten kommt er nicht zum Praktikum nach Südrhodesien und wegen der Devisengesetzgebung der Nazis nicht zum Theologiestudium nach Valkenburg (Holland), sondern nach Sankt Georgen in Frankfurt am Main. Die Priesterweihe ist am 27. August 1939 in St. Clemens, Berlin. Verwandte dürfen nicht daran teilnehmen, da Berlin wegen des drohenden Krieges als Reiseziel gesperrt ist. Auch der Traum von den Missionen ist jetzt endgültig ausgeträumt. Wegen einer Panne bei den Einberufungsbehörden kann Georg Conrad jedoch das Theologiestudium beenden und wird erst September 1940 zum Militär eingezogen. Seine Ausbildung findet in Ostpreußen statt, dann geht es auf den Balkan, nach Rumänien, von dort nach Russland bis kurz vor Stalingrad. Dort wird er aufgrund des Führerbefehls entlassen. Seine Division geht in Stalingrad unter.

Der Provinzial schickt ihn nach Breslau. Dort hatte P. Tanner eine blühende Jugendarbeit aufgebaut, die der Gestapo nicht gefiel. Deshalb sorgte sie dafür, dass P. Tanner zum Militär eingezogen wurde. Der junge Pater Conrad kam an seine Stelle. Hier konnte er endlich als Priester wirken. Eine herrliche Zeit, wie er sich später erinnert, trotz Gestapobesuchen und - vorladungen. Einmal erhält er auch eine Geldstrafe. In Breslau erlebt er die Kämpfe, die Zerstörung von Ignatiushaus und Kirche und das Kriegsende. Bald danach wird Kuratus an St. Ignatius und baut mit einem Arbeitstrupp Kirche, Patres- und Jugendhaus wieder auf. Ende 1946 werden die letzten fünf deutschen Jesuiten aus Breslau ausgewiesen, wohl auf Grund einer gezielten Anzeige vielleicht von polnischen Geistlichen. Damals bluteten noch beim polnischen Klerus die Wunden, die die Nazis ihnen seit 1939 geschlagen hatten.

St. Josef, Rostock-Barnstorf

Jetzt wäre Zeit für das letzte Ausbildungsjahr, für das Tertiat. Er muss jedoch in Rostock und als Pfarrer in Ribnitz einspringen. Erst 1949/50 kommt er nach Münster/Westf. ins Tertiat. Dort besorgt er sich Motorrad, Diaprojektor und andere technische Hilfsmittel für die kommenden Aufgaben in der jungen DDR. Er bekommt jedoch einen Auftrag, an den er nicht im Traum gedacht hat und der ihm Angst macht, weil er dafür nicht vorbereitet ist:

Er soll in Parchim ein Exerzitienhaus aufbauen und leiten.

P. Conrad schreibt über diese Zeit: 'Ich begann im Herbst 1950 mit dem Exerzitienhaus in Parchim und habe es 10 Jahre geführt. Am Anfang war es sehr schwer, aber es hat sich dann gut entwickelt, die Zahl der Teilnehmer stieg jedes Jahr. Da kein Geld vorhanden war, um einen Gastpater einzuladen, musste ich alle Kurse allein halten, für Priester, Ordensfrauen, Männer, Frauen, Jungmänner, Mädchen, Brautpaare, usw. Ganz selten konnte mal ein anderer einen Kursus übernehmen. So habe ich in den 10 Jahren in Parchim ca. 400 Kurse gehalten. Nebenbei hatte ich in allen Dekanaten bei den Priesterkonferenzen die Recollectionen zu halten, außerdem in 10 Schwesternhäusern die Monatsvorträge. Aber es war wiederum eine glückliche Zeit. Dabei auch oft Vertretungen in Graal-Müritz und anderen Orten.'

Im Februar 1960 erhielt er eine neue Aufgabe, die ihn fürchterlich traf: Er sollte in Dresden Superior werden. Alles in ihm sträubte sich dagegen. Er hatte öfters gesagt: 'Wenn man mich mal zum Superior machen will, trete ich aus dem Orden aus!' Gewiss hätte er das niemals getan, weil er seine Ordensgelübde sehr ernst nahm. Aber der Spruch beleuchtet, welche Angst er vor dem Obernamt hatte. Am St. Josefsfest 1960 kam er nach Dresden. Dort ging es besser als erwartet, da seine Haupttätigkeit Exerzitien in Hoheneichen waren. Daneben hatte er die Priester-Recollectionen im Dekanat Dresden und Bautzen und Schwesternvorträge in verschiedenen Orten zu halten. 1964 wird er Regionalsuperior, also Oberer über alle Jesuiten in der DDR. Deshalb zieht er 1966 nach Berlin-Biesdorf, um leichter Kontakt mit dem Provinzial zu halten, der in Westberlin wohnt und der eigentliche Vorgesetzte über alle Jesuiten in der DDR, in Westberlin und in den Diözesen Mainz und Hildesheim ist. In Biesdorf bleibt er 10 Jahre. Dort bekam er die verschiedensten Aufgaben, denn er hatte sich inzwischen als 'Mann für jede Jahreszeit' erwiesen.

1976 - P. Conrad ist 64 Jahre alt - folgt endlich eine Aufgabe, die er sich wünscht. Er wird Pfarrer in Graal-Müritz an der Ostsee. Die Weite und Freiheit des Meeres tut ihm wohl. Er baut Kirche und Pfarrhaus auf, muss jedoch nach der Wende erleben, dass Kirche und Pfarrhaus abgerissen werden, weil die Schwestern die Familienferienstätte vergrößern und modernisieren müssen, wenn sie mit den gestiegenen Ansprüchen Schritt halten wollen. Im evangelischen Pfarrhaus wird er in zwei kleinen Zimmern aufgenommen. Auch das Alter macht sich bemerkbar. 1994 gesteht er dem Provinzial, wie verbraucht er sich fühlt. Nur die Feier der Hl. Messe macht ihm Freude. Daraus lebt er.

So kommt er in das Altenheim der Jesuiten in Berlin Kladow. Dort trifft ihn sehr bald ein Aortenaneurysma, das er erstaunlicherweise überlebt. Er klagt später, dass er 14 Tage im Koma gelegen hätte und dass er sich seitdem an keine seiner vielen Beziehungen erinnern könne. Früher habe er zu Festtagen 300 bis 400 Grüße und Wünsche auf die Post gebracht. Er bleibt bis zum Tod gezeichnet. So zeigt ihn das letzte Foto vom Sommerfest 2003. Jedoch unfassbar für außenstehende Beobachter: Trotz kritischer gesundheitlicher Situationen - und er hatte derer noch viele - blieb ihm die Freude bei der Feier der Hl. Messe erhalten.

P. Conrad wurde auf dem Domfriedhof St. Hedwig in Berlin-Reinickendorf beigesetzt.

R.i.p.

P. Ludwig Kathke SJ

Aus: Jesuiten/Nachrufe 2004, S. 6-7