P. Hermann Jäger SJ
* 09.08.1907    07.03.2005
Ordenseintritt 1927 - Priesterweihe 1940 - Letzte Gelübde 1951

          O Gott!
          Laß mich Zeit haben für Dich,
          Zeit haben für mich,
          Zeit auch für die anderen,
          die mit mir zur Ewigkeit wandern.

Dieses Gebet, das sich in seinen Aufzeichnungen fand, darf wohl das Motto seines Lebens gewesen sein. Er fand diese Zeit im Dienst für die Kirche und für die Menschen. Sein wacher Geist und sein lebendiges Interesse an allem Geschehen haben ihn bis ins hohe Alter nicht verlassen. Die beständige Sorge im Gebet für alle, die mit ihm verbunden waren, begleitete ihn über all die Jahre.

Hermann wurde am 9. August 1907 in Oppeln O/S geboren. Seit dem frühen Tod seines Vaters Johannes Jäger, Reichsbahnarbeiter, lebte er in ärmlichen Verhältnissen und wuchs bei seiner Mutter Sofie, geb. Sgaislik auf - zusammen mit seinem älteren Bruder Willi und seiner Schwester Elisabeth, die erst nach dem Tod ihres Vaters auf die Welt kam. Mutter Sofie konnte die Familie nur mühsam durchbringen, sie war neben einer minimalen Rente auf geringe Zuverdienste durch Heimarbeit angewiesen. Nur auf Empfehlung seines Heimatpfarrers, der auch die Kosten übernahm, konnte Hermann das Gymnasium in Oppeln besuchen, das er im Jahre 1927 abschloß.

P. Jäger mit seiner Mutter und Schwester Elisabeth

Im gleichen Jahre trat er in Mittelsteine (Grafschaft Glatz) ins Noviziat der Jesuiten ein. Von 1929-32 studierte er in Valkenburg (Holland) Philosophie. Hier bekam er die 'Motten'. Zum Ausheilen der Lungentuberkulose lagen er und Mario von Galli oft in Liegestühlen auf der Terasse des Kollegs und mit Pedro Arrupe sang er im Chor. Während des dreijährigen Interstizes war Hermann Präfekt im Canisius-Kolleg Berlin. In Sankt Georgen (Frankfurt/M.) studierte er Theologie und am 31. März 1940 wurde er in Breslau zum Priester geweiht.

Nach kurzer Tätigkeit in der Konvertitenseelsorge wurde er als Sanitäter eingezogen und erlebte die schweren Kämpfe vor Leningrad mit. Ende 41 als Jesuit als 'n.z.v.' aus der Armee entlassen, war er in den letzten harten Kriegsjahre Kaplan in St. Antonius am Schlesischen Bahnhof in Berlin und stand in den vielen Bombennächten und im Zusammenbruch den Menschen bei. Bei der Hinrichtung von P. Delp wurde P. Jäger zur Polizei bestellt. Er ging bedrückt, das Schlimmste erwartend hin, aber es wurden nur die Personalien überprüft.

P. Otto Ogiermann, der 1943-45 in unmittelbarer Nachbarschaft als Kaplan in Dreifaltigkeit wirkte, erinnert sich: "Unser Pfarrhaus war von den Russen besetzt. P. Jäger konnte ein wenig Russisch und Polnisch und konnte dadurch verhindern, dass weitere Übergriffe auf Mädchen und Frauen geschahen. Es entwickelte sich sogar ein persönliches Verhältnis zu den Besatzern, die bei ihrem Auszug noch ein Abschiedsessen gaben. Einmal war P. Jäger von den Russen gefangen genommen worden, wohl als eine Art Geisel, konnte sich aber befreien. Er lief auf die andere Seite der Straße, wo deutsche Soldaten waren, mit dem Ruf: Nicht schießen! konnte er sich in die Dreifaltigkeits-Kirche retten und sank weinend P. Ogiermann in die Arme. Bei einem Krankenbesuch mit dem Allerheiligsten wurde er von Russen gestellt. Sie fanden die Pyxis mit der Hostie darin, aber man gab ihm alles unbeschadet zurück."

Sein Terziat machte er 1945/46 in Köln bei P. Sierp. 1947 wurde P. Jäger Pfarrer in Erfurt-Hochheim - sicher seine glücklichsten Jahre, wo er ganz Seelsorger sein konnte, täglich predigte, immer geistvoll und spritzig, und - sein Stolz - er hat nie eine Predigt zweimal gehalten.
Erstkommunion 1949 Fronleichnamsprozession 1950
Frau Ursula Kühn, damals Pfarrsekretärin von St. Bonifatius, erinnert sich: "Nachdem P. Graf unsere Pfarrei nach dem Tod unseres alten Pfarrers Reymann 1945 in Schwung gebracht und gehalten hatte und P. Jäger schon mal reinschnuppern durfte (im kalten Winter 1946/47) war am Canisiusfest 1947 seine Einführung als erster Jesuitenpfarrer unserer St. Bonifatius-Gemeinde mit vier Außenstationen. Die Evakuierten aus dem Rheinland waren wieder zurück in ihre zerbombte Heimat, dafür hatten viele Flüchtlinge aus Schlesien und dem Sudetenland hier Zuflucht gefunden. P. Jäger war ihnen sehr bald ein guter Seelsorger. Die Kirche wurde voll und voller. Seine Predigten waren tiefgründig. Oft hatte er Bauchweh und man mußte ihn, wenn möglich Tage vorher zur Vorbereitung in Ruhe lassen. Dann konnte man aber auch eine Stecknadel fallen hören, wenn er auf der Kanzel stand. Ganz locker war er, wenn seine Mitbrüder, die inzwischen ins Pfarrhaus eingezogen waren, die Sonntagspredigt übernahmen.

Mit den Kindern verstand er es besonders gut. Er war ihnen wie ein Vater und wie eine Mutter. Ich möchte sagen, daß er mehr ein mütterlicher Typ war. Die Jugend konnte er begeistern mit seiner Klampfe. Manche Abende sangen wir stundenlang oder wir gingen singend durch Wald und Flur. Wenn ich mit den Jugendlichen radelte - meist mit geborgten alten Rädern - und nicht vor Dunkelheit heim kam, war er voller Sorge, es könnte uns etwas passiert sein und kam uns dann oft erleichtert entgegen. Sommerfeste, Kirmes, Fasching und Theateraufführungen waren immer Spitze und haben der Gemeinde oft frohe und schöne Stunden bereitet. Krippenspiele und Herbergssuche waren auch auf den Außenstationen sehr beliebt.

Jugendfasching

Die Tür im Pfarrhaus stand jedem offen zu jeder Zeit. Er hatte ein Herz für alle und mit jedem Problem konnte man zu ihm kommen. Außer Religionsunterricht - bis 1950 konnten wir ihn noch in der Schule halten und hatten mit den Lehrern besten Kontakt - hielt er Konvertitenunterricht, zu dem nicht wenige auch von außerhalb kamen, und ebenso oft Brautunterricht. Er sagte: 'Endlich kommt mal frisches Blut in die Gemeinde.'"

1955 wurde P. Jäger als Redakteur des kirchlichen Amtsblattes nach Leipzig berufen, wo er sich weniger glücklich fühlte und sich freute, als er 1959 nach Verhaftung von 4 Patres in Berlin-Biesdorf nach dort ins Exerzitienhaus versetzt wurde. Hier hat er viele Exerzitienkurse gehalten und lebte 30 Jahre in seiner Klause, voll von Büchern, besonders allen klassischen theologischen Werken, immer am Studieren und im Betrachten der vielen Bilder von Gesichtern, die an allen Wänden und Möbeln hängen.

Sr. Hildegard Brier, die ca. 40 Jahre als Seelsorgshelferin in Biesdorf-Süd wirkte, erinnert sich: "Mit P. Jäger kam nach der Verhaftung der Patres durch den Staatssicherheitsdienst der erste Jesuit wieder ins Exerzitienhaus St. Josef Berlin-Biesdorf-Süd. Seine Gitarre in der einen, eine Tasche in der anderen Hand stand er an der Haustür - nicht ahnend, daß es ein langer Aufenthalt werden sollte. Für die Gemeinde war sein Kommen ein Zeichen der Hoffnung - war sie doch dem Orden sehr verbunden. Jesuitenpatres hatten nach dem 1. Weltkrieg die Gemeinde gegründet, aufgebaut und geprägt.

P. Jäger liebte die Menschen so wie sie waren: mit all ihren Fehlern und Schwächen, mit ihren Vorzügen und Stärken. So ergab es sich sehr bald, daß er neben seiner Arbeit als Exerzitienmeister gelegentlich auch in der Gemeinde tätig wurde. Viele suchten und fanden bei ihm Rat und Hilfe in seelischen und materiellen Nöten. Sein segensreiches Wirken im Beichtstuhl war weithin bekannt und gefragt.

In seinen 'besten Jahren' war P. Jäger ein geschätzter Prediger. Sehr gut erinnere ich mich noch an seine Predigt in der Christnacht nach dem Mauerbau, mit dem Thema: "Weihnachten 1961 - ausgestoßen vor den Mauern der Stadt". - Er traf mit seinen Worten genau das, was die aufgewühlten Menschen damals fühlten und erlitten, - vor allem die Mütter, die jetzt befürchten mußten, für immer von ihren im Westen verbliebenen Kindern getrennt zu sein. Seine Worte waren nicht nur aufrüttelnd, sondern auch aufbauend und tröstend, denn sie waren eingebettet in die Verkündigung der Frohen Botschaft von der Geburt Jesu Christi. Die Gläubigen gingen nach dem Gottesdienst dankbar und getröstet nach Hause.

Religiöse Kinderwochen 1970 Religiöse Kinderwochen 1970

Kinder mochte P. Jäger besonders gern wegen ihrer natürlichen und spontanen Art. Sie fühlten sich von ihm angenommen und verstanden. Die Vertrautheit mit einigen 'Kinderbekanntschaften' hat sich bis in sein hohes Alter erhalten.

Zum Schluß noch eine Begebenheit aus seiner Zeit im Canisius-Kolleg, die P. Jäger mir mal erzählt hat. Dort war ihm die Betreuung einer Gymnasialklasse anvertraut. Die Jungs waren Fußball-Fanatiker. Zunächst musterten sie P. Jäger, der ja von Statur relativ klein und zierlich war, - und sie müssen ihn wohl als 'Schwächling' eingestuft haben. P. Jäger durchschaute das natürlich und legte danach ein Fußballspiel hin, das 'sich gewaschen hatte'! Der Respekt der Jungs war ihm von nun an sicher, und mit dieser Klasse hatte er niemals Autoritätsprobleme!"

Leider wurde seine Stimme im Alter immer gedämpfter und beim Predigen fand und fand er kein Ende. Exerzitienkurse hielt er kaum noch, aber er widmete sich mit Liebe den alten Menschen im St. Josef-Altersheim, das im ersten und dritten Stockwerk des Exerzitienhauses untergebracht war - und er half den Mitbrüdern beim Gottesdienst (Predigt). Viele schwere Operationen hat er in den Jahren durchgemacht und alle überstanden.

1989 zog er ins ordenseigene Altenheim in Berlin-Kladow um, wo er bis zu seinem Tod im Kreis seiner Mitbrüder recht zurückgezogen lebte, da sein Gehör und seine Augen nicht mehr gut waren. Seine solide und gefühlsbetonte Frömmigkeit fiel auf: Oft saß er still und geduldig in seinem Rollstuhl - sinnend und betend - und segnete alle, die an ihm vorbei kamen. Man sah ihn oft mit dem Rosenkranz, den er immer sehr schätzte, weil sein Augenlicht stark nachgelassen hatte. Während der Kartage saß er vor dem Kruzifix und streichelte und küsste den Gekreuzigten. Die relative Einsamkeit während seiner letzten Tage überwand er mit dem intensiven Gebet, vor allem des Rosenkranzes.

P. Jäger wurde auf dem Domfriedhof St. Hedwig in Berlin-Reinickendorf beigesetzt.

R.i.p.

P. Ernst Förster SJ

Aus 'Jesuiten/Nachrufe 2005', S. 18 f.