Bernhard Mertz SJ

P. Bernhard Mertz SJ
* 12.07.1911    29.04.2001
Ordenseintritt 1933 - Priesterweihe 1940 - Letzte Gelübde 1950

"Wie geht es P. Mertz?" - das war nach unserer Begrüßung die erste Frage des Bischofs, als ich ihn vor drei Jahren traf. Ich entsann mich, dass unsere Dresdner Jesuiten-Kommunität wenige Jahre zuvor einmal mit Bischof Reinelt in unserem Exerzitienhaus 'Hoheneichen' zusammen saß, und dass er uns damals erklärte: "Ich kenne 'Hoheneichen', das Haus und den weitläufigen Park schon länger als Sie alle. Wir sind hier als Jungen in den Nachkriegsjahren mit P. Bernhard Mertz, unserem Präses der Land-MC (Marianische Kongregation) getollt, haben an den Einkehrtagen seinen aus dem Herzen kommenden, uns zu Herzen gehenden Ansprachen gelauscht und mit ihm in froher Runde unsere Jugendlieder gesungen." 1949 bis 1962: "Jugendseelsorge im Bistum Dresden-Meißen" notiert P. Bernhard Mertz in seinen Erinnerungen. Diese Jahre in Dresden waren die fruchtbarsten und glücklichsten Jahre seines langen Lebens als Seelsorger.

In seinen Aufzeichnungen spricht er mehr als einmal die Gewissheit aus, dass die Kindheit im Elternhaus und in dem großen Verwandtenkreis bestimmend für seinen ganzen Lebensweg war. Geboren am 12. Juli 1911 in Breslau, wuchs er in einem überzeugt katholischen Familienmilieu auf. Ein Bruder seines Vaters war als Jesuit Spiritual am Theologenkonvikt in Breslau. Sein eigener, zehn Jahre älterer Bruder war Diözesanpriester. Jesuiten waren und sind seine Verwandten: P. Wolfgang Hoffmann, P. Josef Müldner, P. Gerhard Mertz und P. Erich Rommerskirch.

Seine glücklichen Jugendjahre verdankt er nicht zuletzt den Großeltern. Wohnhaft auf dem Handelsgelände der Handelsfirma des Großvaters mütterlicherseits fand der aufgeweckte Junge, der meist allein spielen musste, weil die beiden Schwestern fünf und sieben Jahre älter waren, einen die Phantasie anregenden Tummelplatz in den Schuppen und Lagerräumen der Firma. Die Wochenenden verbrachte man am Stadtrand von Breslau, wo Großvater Scheyde eine Villa mit Park und Spielplatz für die Enkelkinder besaß.

Eindeutiger wurden dann die Wegweisungen für das Leben von P. Mertz in seiner Gymnasialzeit. Er besuchte, wie in der Verwandtschaft weithin üblich, das ehemals von Jesuiten gegründete Matthiasgymnasium in Breslau. Hier zeigte sich erstmals sein ganz persönliches Charisma. Angeregt von seinem Religionslehrer, Dr. Johannes Jedin (Bruder des bekannten Kirchengeschichtlers Hubert Jedin), widmete er seine ganze Freizeit dem Aufbau einer lebendigen Jugendgruppe im Zeichen der MC. Sein Herz für junge Menschen, seine Fähigkeit, sie zu begeistern und ihre religiöse Sehnsucht anzusprechen, gründeten in seiner eigenen, gesunden Frömmigkeit. Unter der Anleitung von Dr. Jedin als Präses der MC gelang es ihm in seinen letzten Schuljahren und in den vier Semestern seines Theologiestudiums als "Präfekt", aus einer Gruppe von dreißig Jungen eine Schar von 150 zu sammeln.

Da die MC eine Laienbewegung war, die von Jesuiten ins Leben gerufen und auch zu der Zeit zumeist getragen war, lag es nahe, dass Bernhard Mertz durch sein Engagement darin auf die Spuren der Gesellschaft Jesu geführt wurde. Er lernte den Novizenmeister im Noviziat der Jesuiten in Mittelsteine, P. Kempf, kennen und war dann sehr bald davon überzeugt, dass er nach Gottes Willen als Priester in die Societas Jesu gehen sollte, nachdem er zunächst sein Studium als Theologe der Diözese Breslau begonnen hatte.

Es war das Jahr der "Machtergreifung" Hitlers, als Bernhard Mertz für zwei Jahre das Noviziat bezog, das damals von P. Otto Pies geleitet wurde. "Mittelsteine bot viele neue Erkenntnisse und Trennungen von der Vergangenheit" lautet seine kurze Notiz über diese Jahre.

Auch die nächsten vier Jahre bewegten sich noch in ruhigen Bahnen. Zwei Jahre lang musste Bernhard in Pullach bei München seine Breslauer Studien ergänzen. Dann ging es von 1937 bis 1939 wieder nach Breslau zum so genannten Interstiz. Er absolvierte es im Knabenkonvikt der Jesuiten.

1939 geht es zum Studium nach Innsbruck. Zwei Monate vor Kriegsbeginn wird die Hochschule der Jesuiten von der braunen Partei beschlagnahmt, die Insassen vertrieben. Nach einem Zwischenaufenthalt in Feldkirch wird das Studium in Wien fortgesetzt. Doch hier greift nun die Wehrmacht zu. Bernhard wird Kraftradfahrer in einer Sanitätsabteilung. P. Provinzial Karl Wehner gibt die Erlaubnis, dass Frater Mertz, bevor es (evtl. ohne Wiederkehr) an die Front geht, die Priesterweihe empfangen darf. Am 8. Juli 1940 trifft die Nachricht ein, dass die Mutter im Sterben liege. Mit Mühe erhält er die Erlaubnis heimzufahren. Er hat die Mutter nicht mehr lebend angetroffen. Unter diesem Eindruck kniet Bernhard Mertz am 21. Juli 1940 in der Hauskapelle von Wiens Erzbischof Kardinal Innitzer und wird zusammen mit zwei Mitbrüdern von einem Weihbischof zum Priester geweiht. Es war ein Sonntag, an dem er dienstfrei hatte. "Am Montag nach diesem erfreulichen Gnadentag musste ich um 9.00 Uhr (nachdem er um 6.00 Uhr sein erstes Messopfer gefeiert hatte) wieder auf dem Exerzierhof sein", schreibt er. "Dann kamen die Einsätze in Ost und West bei einer Panzerdivision in Griechenland, Deutschland, Polen, Frankreich und Russland. Manchmal war ich dem 'Fallen' nahe. Ich kam aber gesund wieder."

Das Prädikat "Nicht zu verwenden" brachte 1941 P. Mertz, wie den meisten Jesuiten, die Entlassung vom Militär. Er konnte weiter studieren, zunächst in Kärnten, dann in Frankfurt/M. in St. Georgen, bis ihn auch hier der Krieg ereilte und die Hochschule den Luftangriffen zum Opfer fiel. Das bedeutete das Ende seiner Ausbildung, und er konnte nun endlich, mit 32 Jahren, seiner eigentlichen und schönsten Berufung, der Seelsorge an den Menschen, nachgehen.

In Berlin-Biesdorf, wo er nun vier Jahre als Kaplan für die Gemeinde, besonders aber für die Kinder und Jugendlichen, unter den Pfarrern P. Gebhard v. Stillfried und P. Paul Saft, wirkte, denkt noch heute mancher an ihn, wie Besuche beim alten Pater in Kladow zeigten. So sind seine Kinderpredigten dort unvergessen geblieben, und unser P. Peter Knauer (heute Professor in St. Georgen) dankt ihm, dass eine Motorradfahrt seines Kaplans quer durch das geteilte Berlin ihm den Weg in das Gymnasium der Jesuiten im "Westen" ebnete.

Kriegsende: "Die Nacht nach dem Einmarsch der Russen war furchtbar und lebensgefährlich. Die Mädchen und Frauen konnten nicht mehr geschützt werden." Später heißt es: "Durch die Kriegseinwirkungen wurde ich am Altar schwach und musste wegbesorgt werden. Blutvergiftung. Rekonvaleszenz in Dahlem unter der Obhut von P. Provinzial Dr. med. Bernhard Hapig SJ. Dann ging es weiter in Biesdorf. Es war eine glückliche Zeit trotz der Not."

Um 1948 zu P. Karl Wehner ins Tertiat nach Münster zu kommen, ging es über die "Grüne Grenze", ohne erwischt zu werden. Dort kam nun die Destination, die zum Herzstück seines Lebens werden sollte: Jugendarbeit im Diaspora-Bistum Dresden-Meißen. Sein treuer Mitarbeiter in der damaligen Zeit, Herr Rudolf Köst, schreibt: "Herr P. Bernhard Mertz war für unsere Familie (10 Kinder) und besonders auch für mich ein langjähriger väterlicher Freund und Vertrauter. Er ist uns seit seiner Dresdner Zeit gut bekannt, weil er bis zu seinem schweren Unfall Präses der Marianischen Schülerkongregation war. Er rief im Bistum Meißen eine zweite MC für Jungmänner ins Leben. Sie nannte sich bald, im Unterschied zu der MC Dresden-Stadt, 'Land-MC'. Durch Einkehrtage, Religiöse Wochen, Besuche und Exerzitien, die P. Mertz hielt, entwickelte sich diese MC zu einer größeren und eifrigen Schar, die in vielen Pfarreien die tragenden Kräfte stellte. Aus dieser 'Land-MC' gingen über zehn Priester hervor und auch unser jetziger Bischof Joachim Reinelt war Mitglied dieser MC."

Später wurde P. Mertz zu dieser Arbeit noch mit der so genannten "Landmission" betraut. Auf seinem Motorrad war er landauf landab unermüdlich unterwegs. "Wir besuchten damals vor allem Pfarreien, die umliegende Dörfer zu betreuen hatten", schreibt Herr Köst. "Durch intensive Hausbesuche wurde wieder Kontakt zu abständigen Katholiken, besonders auch zu Jugendlichen, hergestellt. Seelsorge-Abende und an den Wochenenden Einkehrtage in den Pfarrstellen wurden gehalten."

Im Rahmen dieses Dienstes ereignete sich dann auch jener Unfall, von dem Herr Köst spricht und der diesem Werk unseres Paters ein Ende setzen sollte. Lesen wir P. Mertz dazu: "Eines Tages musste ich zum Einkehrtag nach Westsachsen (Eisenberg). Abends kam die lange Heimfahrt mit der 'Zweihunderter'. Ich brauchte drei Stunden nach Dresden. In der Nacht um 12.00 Uhr war ich an der Straßenbahnhaltestelle am Hauptbahnhof. Ein Angetrunkener stieg aus der Straßenbahn und lief mir ins Motorrad. Ich flog im Bogen mit dem Kopf auf die Straße. Mein Kauapparat war getroffen. Außer einer Gehirnerschütterung war mir sonst nichts passiert. Ich kam für drei Wochen ins Johannstädter Krankenhaus. Die Hilfsbereitschaft auch auf der Station war groß. Nach jahrelangem Massieren der Zähne mussten schließlich die meisten Zähne entfernt werden."

Dass der Pater, der Schnee und die Berge liebte, einmal für sieben Jahre in dem Ski- und Wanderparadies Oberhof im Thüringer Wald für die kleine Diaspora-Gemeinde und die zahlreichen Touristen dasein sollte, hätte er sich wohl nicht träumen lassen. Der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht hatte nahe beim Haus mit der kleinen Pfarrwohnung eine seiner Urlaubsvillen. Es war ein "rotes Nest", aber der Pater wusste, was er wollte und verstand es, sich mit seiner Liebenswürdigkeit die Behörden vom Hals zu halten. Eine reguläre Touristen-Seelsorge, wie es sich Bischof Aufderbeck gewünscht hatte, konnte unter diesen Umständen nicht gelingen. Aber für die Erfurter Patres, Scholastiker und Novizen war P. Mertz gar häufig ein lieber, aufmerksamer Gastgeber.

Schließlich gab es 1977 eine "Heimkehr" nach Dresden. In unserer Pfarrgemeinde St. Petrus war P. Mertz ein allseits gern gesehener Seelsorger für Alt und Jung und Helfer für den Pfarrer, P. Lothar Kuczera. Den Ausklang vor seinem Einzug in das Altersheim des Ordens in Berlin-Kladow bildeten zehn Jahre bei den Nazarethschwestern in Goppeln bei Dresden in deren Altenheim. Hier hat sich ein Team von Mitbrüdern zusammengefunden, das von seiner schlesischen Herkunft her nicht besser hätte passen können: P. Franz Beschorner als Hausgeistlicher, P. Antonius Scholz und P. Johannes Beckmann, der als "Berliner" voll akzeptiert war. Die gemeinsamen Mahlzeiten, mitbrüderlichen Abende und gemeinschaftlich geplanten und gefeierten Gottesdienste brachten für alle - auch für die sie umgebende Hausgemeinschaft - einige in Frieden und Freude verbrachte Jahre.

Für P. Mertz bildeten die letzten zehn Jahre, die er im Kreis seiner alternden Mitbrüder im Peter-Faber-Kolleg verbrachte, eine Fortsetzung dieser Gemeinschaft. Von seinem Sterben heißt es in einem Dankeswort zur Teilnahme an seinem Tod: "Sein Sterben in der Osterzeit (29. April 2001) glich dem Verlöschen einer Kerze, einer Osterkerze." Ich möchte dieses Bild auf die letzten Jahre in Kladow zurückleuchten lassen. Seine Anwesenheit unter den Mitbrüdern brachte durch seinen Humor und seine Gelassenheit immer etwas zusätzliche Helligkeit in das Beisammensein der Kommunität.

Mit Worten von Bischof Joachim Reinelt beginnen diese Zeilen. Mit Worten, die er zum Heimgang von P. Bernhard Mertz gefunden hat, soll dieser Nachruf schließen:
"Unser Bistum verdankt ihm unendlich viel Gutes. Auch ich persönlich bin durch ihn wesentlich geprägt worden. In schweren Jahren hat er besonders der Jugend unseres Bistums die Botschaft der ewigen Wahrheit verkündet und das Evangelium vorgelebt. Es ist kaum einzuschätzen, wie vielen jungen Menschen er den Weg zu Gott zeigen konnte. Wir danken der Ordensgemeinschaft der Jesuiten dafür, dass sie uns einen so guten Priester solange für unser Bistum gegeben hat."

P. Bernhard Mertz liegt begraben auf dem Domfriedhof St. Hedwig, Berlin-Reinickendorf.

R.i.p.

P. Gerrit König SJ

Jesuiten/Nachrufe 2001, S. 30-33